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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Freitag, sonnig:
Als der Fuchs am nächsten Tag aufwachte, stellte er sich die Frage, ob eine Büffelherde über seinen Kopf gelaufen war. Der aufgewirbelte Staub legte sich nur langsam und zaghaft. Es kratzte in seinem Hals. Das ließ ihn kurz an den Kannibalen denken, doch der Gedanke war zu unklar, um ihn sich zu merken.
Der Fuchs trank drei Gläser Wasser in einem Zug (einem Zug pro Glas versteht sich) und stellte sich unter die Dusche. Während kaltes Wasser über seinen Körper lief, begann er über den Vorabend nachzudenken. Zehn Minuten später, mit einem Kaffee vor dem Kamin, war seine Vermutung, dass Monsieur Fondant etwas mit der Geheimpolizei zu tun hätte, nur noch stärker. Wieso war er denn sonst hier aufgetaucht? Das war doch nicht normal, zu Beginn seiner Rente plötzlich in ein Haus mit Toiletten im Flur und Gemeinschaftsbad zu ziehen. Der Fuchs beschloss, ihn in seinem Buch nur noch Monsieur F zu nennen. Bestimmt hatten er und sein Neffe ihren Vermieter absichtlich betrunken gemacht, um ihm geheime Informationen zu entlocken. Erschrocken sprang der Fuchs auf und ließ seine Tasse fallen, die mit einem lauten Geräusch am Boden aufkam, um zu zerbrechen. Der Rest des Kaffees begann damit, sich ins Holz zu fressen. Er hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich um, ging mit zwei großen Schritten zu seinem Bett, wo sich das Buch befand. Bestimmt wusste Mr. F davon und wollte es an sich bringen, falls er das nicht bereits getan hatte.

Dieser war durch den Aufprall der Tasse aufgewacht und begann sich langsam in seinem Bett hin- und herzubewegen. Sein Mund war völlig ausgetrocknet. Nachdem auch er drei Gläser in einem Zug geleert hatte, rüttelte er seinen auf dem Sofa schlafenden Neffen wach. »Komm, wir müssen fahren, deine Mutter, deine Tante … Attend15, wo ist eigentlich Marie?« Mit leicht schwankendem Schritt ging er auf das Schlafzimmer seiner Tochter zu, öffnete vorsichtig die Tür und lächelte. Sein kleiner Engel lag wie immer unschuldig in seinem Bett. Quel bonheur!16 Im Hintergrund hustete Antoine.
Als der Fuchs so gut wie sicher war, dass niemand sein Buch angefasst hatte, legte er einen kleinen, blauen Faden auf die letzte beschriebene Seite. Von diesem Tag an würde er seine Zimmertür immer mit dem zweiten kleinen, goldfarbenen Schlüssel abschließen.
Monsieur Fondant brauchte drei Anläufe, um seinen Motor zu starten. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, die halbe Nacht zu trinken. »Onkel, ich … irgendwie … halt doch beim Araber an und wir holen uns Kaugummis.« Dieser hatte nichts dagegen einzuwenden, da er Angst hatte, seine Frau würde den Alkohol riechen. So hielt er mit quietschenden Reifen an, um sein Auto zu wenden. Währenddessen ging sein Neffe mit einem Zehneuroschein zwischen den Fingern in den Laden. »Aaaah, die Nachbarschaft!«, rief der Besitzer des Ladens erfreut und begann zu sprechen, während er nach dem Wechselgeld suchte. »Weißt du, was gestern Abend passiert ist? Die Blondine wurde verhaftet! Sag deinem Vater, er soll dir eine andere Frau suchen, denn diese … Man könnte meinen, es sei … une pute17 … Entschuldige das Wort, aber es stimmt. Siehst du, dort?« Mit der rechten Hand deutete er aus dem Fenster auf das Hochhaus gegenüber, während er mit der linken seine Brille weiter nach oben, über den Buckel seiner Nase schob. Antoine hätte auch gerne einen solchen Buckel. Er fand, dass das ein Zeichen von Männlichkeit sei. Langsam und gleichmäßig nickte er mit dem Kopf. »Siehst du, dort wurde die Blondine verhaftet, in Begleitung ihres Zuhälters. Vergiss sie, mein Junge, und sag Grüße an deinen Vater, du wirst schon eine andere finden, in sha allah18!« Antoine nickte und ging schnell aus dem Laden, bevor der andere seinen hochroten Kopf bemerken würde. Keinesfalls durfte Onkel Gérard davon erfahren.

Madame Fondant hatte seit sechs Uhr morgens darauf gewartet, dass sie jemand von dem Gedanken an das Apfelkuchenrezept erlösen würde. Sie fiel ihrem Mann und ihrem Neffen überglücklich um den Hals, als diese endlich vor der Tür auftauchten. Monsieur Fondant lächelte fröhlich vor sich hin, denn scheinbar hatte seine Frau seinen Rausch nicht bemerkt.
Zu Hause angekommen, staunten Maries Eltern nicht schlecht, denn ihre entzückende Tochter hatte Frühstück zubereitet. Mit croissants19 und pains aux chocolats20 und allem drum und dran. Ihren Cousin hatten sie bei seiner Mutter gelassen. Nun saß die kleine Familie glücklich und zufrieden im neuen Garten. Die Luft duftete bereits nach Frühling und hie und da hörte man das fröhliche Zwitschern eines Vögelchens. Monsieur Fondant meinte er habe Kopfschmerzen, denn die harte Arbeit sei ihm zu Kopfe gestiegen. Seine Frau erwiderte, sie habe doch gesagt er solle den schweren Schrank nicht tragen. Mademoiselle Fondant sagte nichts und versuchte, sich unauffällig zu verhalten. Ihre Mutter meinte, ihr Mann solle doch einen Arzt aufsuchen. Monsieur Fondant nickte gutmütig und erwiderte, er würde das am nächsten Morgen tun, falls er sich dann nicht besser fühlte. »Heute ruhe ich mich erst mal aus. Du erinnerst dich doch an die letzte Arztrechnung, chérie?« Madame Fondant nickte und begann laut über den damaligen Vorfall zu sprechen. Ihre Stimme hatte etwas von einer Ziege.
Der Fuchs saß am Fenster seines Zimmers und trank seinen dritten Kaffee an diesem Tag. Während er schrieb, begann seine Hand leicht zu zittern.
Monsieur Fondant war ins Schlafzimmer verschwunden und nachdem seine Frau zufrieden festgestellt hatte, dass die Wohnung nach ihrem Geschmack eingerichtet war, spazierte sie ein wenig im Garten auf und ab. Sie fragte sich, zu welcher Jahreszeit sie am besten Rüben anpflanzen könnte und ob die Kreuzung von weißen mit roten rosa Rüben ergeben würde. Vielleicht würde das … sie wurde von dem Auftauchen einer leeren Whiskeyflasche im Gras überrascht. Mit spitzen Fingern hob sie diese vom Boden auf. Dann ging sie durch die Hintertür, um ihrem Mann davon zu berichten. »Chéri? Ich habe eine seltsame Entdeckung gemacht … Weißt du, der Vermieter, ich denke … ich denke er hat ein Alkoholproblem! Du wirst nicht glauben, was ich gefunden habe! Regard!21 Also gestern war die Flasche …« Monsieur Fondant antwortete laut mit einem Schnarchen, das den Raum ausfüllte.

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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Aufgeregt klopfte Monsieur Fondant an Tibous Tür. Dieser saß noch beim Frühstückskaffee und trug eine alte joggings [franz. Jogginghose]und ein ausgebeultes Army-Shirt. Das zauberte ein Lächeln auf Monsieur Fondants Gesicht. Perfekt passte es zu seinen Absichten. »Als ob du meine Gedanken gelesen hättest!«, rief er. Tibou verstand nicht recht, worauf sein Nachbar hinauswollte. Er sah ihn mit müden Augen an. »Der Vermieter hat mir da etwas über dich erzählt und deshalb möchte ich dich einladen!« Tibou schenkte ihm einen fragenden Blick. Er überlegte, was der Fuchs gesagt haben könnte. Er wusste doch so gut wie nichts über ihn. »Comment?«[franz. wie?] , fragte er. »Aaach, mach nicht auf unwissend! Deine Klamotten sagen doch bereits alles!« Tibou sah an sich herab und bemerkte, dass er die abgetragensten und schmutzigsten Klamotten, die es in seinem Schrank gab, trug. Er sollte sie so schnell wie möglich in die Waschmaschine stecken. Oder direkt in den Mülleimer. Nicht weit von ihnen gab es ein Zigeunerlager. Vor dem Haus hupte jemand. »Das ist Mehdi, komm, auf gehts!« – »Aber … wohin … Sie wollen doch nicht … ich kann doch nicht so, wie ich aussehe, mit Ihnen … wohin wollen Sie denn?« – »Wie, wohin? Spielt doch keine Rolle, wir haben drei Gewehre!« Er schob Tibou durch die Tür und drängte ihn die ersten Stufen nach unten. Tibou war zu müde und gleichzeitig zu überrumpelt, um Einspruch zu erheben. Diese seltsame Gewehr-Geschichte musste etwas mit einem schmutzigen Geschäft zu tun haben. Das passte doch gar nicht zum alten Fondant! Außerdem war das einzige, was der Fuchs über Tibou wusste, dass er Bier mochte und ihm einen gefälschten Lohnzettel untergejubelt hatte. Es konnte sich nur um irgendeinen Mick-Mack handeln. Die getönten Scheiben des Wagens bestätigten seinen Verdacht. Vielleicht schlief Tibou noch und träumte? Er nahm auf der Rückbank Platz. Schwarzes Leder. Er streichelte es. Es duftete. Duftete Leder auch im Traum? Er räusperte sich. »Falls es um einen Überfall geht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist nicht mein Gebiet«, meinte er, scheinbar beiläufig. Er schaute vom Fahrer zum Beifahrer und versuchte ihre Blicke zu deuten. Beide begannen zu lachen. Der Goldzahn des Fahrers blitzte. Waren es die Mafiosi, die solche Goldzähne trugen? Oder doch die Zigeuner? Vielleicht beide. »Ein guter Junge«, meinte Monsieur Fondant. »Wir verstecken uns immer hinter den Büschen. Und nach einiger Zeit, ja … man könnte es als Überfall bezeichnen.« Er beugte sich nach hinten und umfasste Tibous Kopf, um ihm mit dem Daumen zwei schwarze Kreidestriche ins Gesicht zu malen. Normalerweise hätte Tibou sich das bestimmt nicht gefallen lassen, doch seitdem Jim weg war, war ihm so vieles um so viel gleichgültiger geworden. Mehdi gab Gas. »Wie, hinter Büschen?«, fragte Tibou. »Hinter der Bank neben dem See ist ein großer Busch«, fügte Mehdi hinzu. Es ging anscheinend um einen Banküberfall. »Am See ist eine Bank? Hab ich noch nie bemerkt …«, meinte Tibou nachdenklich. Andererseits kannte er die Stadt noch nicht sonderlich gut. »Na ja … du wohnst auch noch nicht lange hier, und … Wieso sollte man auch großartig über eine Bank sprechen?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag, mein Kleiner«, fuhr Mehdi fort, »wann hast du zum letzten Mal so ein Teil hier benutzt?« Seine Augen funkelten, als er auf die Jagdflinte deutete. Niemals hätte Tibou so etwas von dem schweigsamen Monsieur Fondant erwartet. »Na ja, ist schon etwas länger her, und … eher in einem anderen Kontext.« Die beiden anderen warfen sich zwei erschrockene Blicke zu.