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Leseprobe: TOM – Eine Knastgeschichte

Tom – Eine Knastgeschichte

Einen Vormelder muss er ausfüllen, damit er den Pfarrer oder den Sozialarbeiter sprechen kann oder wenn er sich zu einer Gruppe anmelden will. Placido macht gute Geschäfte. Er schreibt problemlos auf deutsch und kann für seine spanischsprechenden Kumpel den Dolmetscher machen. Nichts ist umsonst im Leben, hier schon gar nicht. Tom muss immer wieder löhnen. Er hat Probleme, wenn er „Pfarrer“ schreiben soll oder den Namen eines Sozialarbeiters, hätte er wohl nicht so oft schwänzen sollen in der Schule. Hat oft verpennt, weil die Mutter ihn nicht geweckt hat. Dann keine Böcke mehr, weil er sowieso nichts mehr geschnallt hat – hat sich nicht mehr gelohnt. Die Mutter kann auch nicht schreiben und der Vater hat sich längst das Hirn weggesoffen.
Hier im Knast kann er den Schulabschluss machen. § 2 Vielleicht macht er das. Dafür muss er aber zum Sozialarbeiter und darum braucht er den Vormelder. Scheiße, ist alles so umständlich!
Gestern hat ihn der Seelenklempner auf dem Flur angequatscht. Der soll sich lieber um die Kinderficker kümmern, diese perversen Schweine, niemand kann die hier leiden. Manchmal kriegen die in der Dusche eins in die Fresse. Auch er hat da manchmal Schiss, weil Gilbert, den sie „die fromme Helene“ nennen, ihn mal blöd angemacht hat. Dass Dante ihm dafür in den Arsch getreten hat, hat geholfen, zumindest erstmal. Normalerweise ist Tom für Dante Luft. Der würde nie ein Wort mit ihm wechseln, spielt in einer anderen Liga. Zocker und Zuhälter, selbst die Schließer* haben vor dem Respekt. Die meisten jedenfalls. Es heißt, dass Dante jederzeit an Stoff kommt, aber vielleicht ist das nur ein Gerücht.
Ob der Witt krank ist? Wird langsam Zeit mit dem Umschluss.
Gestern war Besuchstag, seine Freundin war da. Hat gesagt, dass Schluss ist, will nicht noch zwei Jahre auf ihn warten. Was heißt ‚Freundin‘, hier drin sind das ‚Verlobte‘. Ist besser so, wenn es mal um Hafterleichterung geht.
Natürlich wird er niemandem sagen, dass die nicht mehr will. Da erzählt er lieber, dass sie ihm im Besuchsraum in die Hose gelangt hat, als der Grüne gerade mal nicht aufgepasst hat. Oder er hat vielleicht doch aufgepasst und sich daran aufgegeilt, irgendwas wird ihm schon einfallen. Es gibt hier drin so viele Geschichten. Einmal soll sogar einer seine Braut geschwängert haben, hier im Knast. Aber das ist schon ein paar Jahre her.
Hoffentlich hat der Besuchsbeamte wirklich nicht bemerkt, dass die dumme Kuh Schluss gemacht hat. Vielleicht war das mit dem Seelenklempner kein Zufall, die sehen einen hier nicht gerne am Gitter baumeln, ist nicht gut für den Ruf. In die Überwachungszelle will er schon gar nicht, da kontrollieren sie einen alle fünfzehn Minuten.
Wo der Witt nur bleibt!
Über und neben ihm wird es unruhig. Vor dem Zellenfenster wird gependelt. Hundegebell auf den Gängen. Drogenrazzia! Hat da einer gesungen oder ist das eine Routinekontrolle? Scheiße, da kann er sich den Fußball abschminken! Ist nix mit Umschluss heute, jeder bleibt auf seiner Hütte.
Er haut sich auf seine Pritsche mit dem blaukarierten Bettzeug, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und schließt die Augen. Die Weigand. Warum fällt ihm ausgerechnet jetzt die Weigand ein? War seine Lehrerin seit der ersten Klasse, klein war die und spillerig und hatte winzige Füße. Und immer Gummibärchen in der Tasche, die Grünen mochte er am liebsten.
Irgendwann hat er sie mal im Park gesehen, kurz vor Neujahr muss das gewesen sein. § 3 Mit ihrem Mann und den Kindern. Das Größere saß bei dem Alten auf der Schulter und sie hatte ein Baby im Tuch vor sich baumeln. Sah irgendwie blöd aus. Er hätte damals Lust gehabt, ihr ein paar Silvesterknaller zwischen die Beine zu schmeißen, da wäre sie gehüpft wie ein Känguruh … Hatte aber leider keine dabei. Stattdessen hat er dann beim Weggehen ein paar Autospiegel zertrümmert. Komisch, er kann sich bis heute nicht erklären, warum er das damals gemacht hat. Da war plötzlich so eine riesige Wut! Er hätte auf einmal alles in Klump hauen können, alles. Einfach so. Warum bloß? Ist doch egal. Vorbei ist vorbei!

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Leseprobe: Tom – Eine Knastgeschichte

Tom – Eine Knastgeschichte

Tom könnte sich selbst in in den Arsch treten! Er hat die Sache total versiebt, versemmelt, in den Sand gesetzt. Er weiß im Moment selbst nicht, warum er sich so total bescheuert verhalten hat.
Wieder auf seiner Hütte versucht er, die Ereignisse auf die Reihe zu kriegen.
Gleich nach dem Unterricht war der diensthabende Beamte zu ihm gekommen. Besuch! Während er den verdatterten Tom zum Besuchsraum durchschloss, versuchte der herauszufinden, wer dort auf ihn warten könnte. Vielleicht die Schwester?
Im Besuchsraum war fast jeder Tisch besetzt. Von der Schwester war nichts zu sehen. Der Aufsichtsbeamte schickte Tom zu einem Tisch, an dem ein älterer, fast kahlköpfiger Mann saß, Paul-Georg Schulte stellt sich kurz vor. Der Päckchenspender und Steckspielgeber!
Toms Gefühle fahren Karussell, ihm bricht der Schweiß aus. Seine Beine werden weich wie zu lange gekochte Nudeln. So lässt er sich erst einmal auf dem Stuhl nieder, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Seine Augen wandern über den vernarbten Holztisch, irren die Wände entlang zum Regal mit den verstaubten Pokalen, streifen flüchtig die anderen Besucher und bleiben zum Schluss an der Uniform des Aufsichtsbeamten hängen, als könnte er daran Halt finden. Nur um den nicht ansehen zu müssen, der ihm da gerade gegenüber sitzt.
Paul-Georg Schulte hat die ausgestreckte Hand unverrichteter Dinge wieder zurückgezogen, seine Hände mit den verschränkten Fingern liegen jetzt ruhig auf der Tischplatte. Er schweigt und wartet.
Toms Augen finden seltsamerweise bei diesen Händen Halt und sein verlegen umherirrender Blick ruht sich irgendwann sogar darauf aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit sieht er ihn vorsichtig an. Paul-Georg lächelt ihm zu. In seinen Augen tanzen kleine Lichter.
Tom rutscht unruhig auf seinem Stuhl. Er möchte aufstehen und wegrennen, aber wohin und warum? Bis zur nächsten geschlossenen Tür sind es vielleicht zwanzig Schritte. Immer noch steht das Schweigen zwischen ihnen.
Paul-Georg hat seine Brieftasche aus der Jacke gezogen. Nestelt nach einem Foto. Nein, nicht das Enkelkind, wie Tom erwartet hat. Ein Hund. Ziemlich groß, weißes Fell mit schwarzen Flecken. Die Rasse kann man nicht erkennen. Irgendwas zwischen Schnauzer und Milchkuh, denkt Tom.
„Das ist Falco“, sagt der fremde Besucher. „Ich habe ihn vor einem halben Jahr aus dem Tierheim geholt. Er ist misshandelt und ausgesetzt worden. Jetzt lebt er bei uns und macht uns viel Freude.“
Tom weiß nicht, welcher Teufel ihn in diesem Augenblick geritten hat. Er blafft sein Gegenüber plötzlich an, die Worte stürzen aus seinem Mund und lassen sich nicht aufhalten. „Und jetzt fehlt Ihnen in Ihrer Sammlung noch ein Knacki?“ , hat er Paul-Georg entgegengeschleudert. „Passt doch gut zu dem armen Vieh aus dem Tierheim!“ Tom hat noch viel mehr gesagt, an das er sich nicht mehr im Einzelnen erinnert. Wie ein Schwall Kotze sind die Worte aus ihm herausgebrochen. Bis er leer war und merkwürdig müde, wie nach einer Krankheit.
Paul-Georg hat alldem schweigend zugehört. Dann hat er „Bis zum nächsten Mal“ gesagt. Aber Tom spürt, dass es nach dem Auftritt kein nächstes Mal geben wird.