Veröffentlicht am

Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Oktober 1210

„Raymond! Wie soll das weitergehen? Seit zwei Tagen ist der Wasservorrat zu Ende. Es gibt nur noch Wein“, zetert Ermessende und streichelt ihre beiden Kleinsten, die wimmernd in ihren Wiegen liegen. Ihre Gesichtchen sind blass und Ermessende sorgt sich um ihr Leben. Auch die beiden größeren Kinder, ihre zwölfjährige Tochter Raymonde und der zehnjährige Olivier, sind die letzten Tage merkwürdig still geworden. „Die Ziegen geben keine Milch mehr, denn den Wein wollen sie nicht trinken“, klagt die Castèlanin weiter. Wir haben noch ein paar Äpfel, aus denen sich Saft pressen lässt, aber die werden auch nicht lange reichen.

Der Baron Raymond de Termes sitzt auf der Bettkante bei seiner Gemahlin und starrt mit abwesendem Blick auf seine Füße. Er wirkt kleiner als sonst, seine stolze Haltung ist verschwunden und seine hellen Augen sind dunkel gerändert. Tiefe Falten ziehen sich quer über seine Stirn, die er in all den Jahren jedem Gegner geboten
hatte. Ohne von Ermessendes Empörung ergriffen zu werden, antwortet er ihr matt: „Ich hätte nie gedacht, dass diese Kreuzfahrer die Belagerung gegen unsere starke Festung so lange halten würden. Schließlich muss auch diesem verfluchten Simon de Montfort und seinen Söldnern langsam die Verpflegung knapp werden.“

„Wieso sollte sie?“, schreit Ermessende ihren Gatten nervös an. Ihre dunklen Augen funkeln in ihrem ebenmäßigen Gesicht, das von einer unbestritten grazilen Schönheit ist, dass die Sterne am Nachthimmel bei ihrem Anblick erblassen müssten, wenn sie sie aus der Nähe sehen könnten; wie einst ein Troubadour über sie bei den noch vor zwei Jahren häufig stattfindenden rauschenden Festen auf Termes gesungen hat. Diese Zeiten scheinen gleichwohl lange vorüber.

„Die Kreuzritter können sich doch frei bewegen und unsere Ländereien plündern, wie es ihnen beliebt!“ Am liebsten würde sie Raymond schütteln, um ihn aus dieser an ihm ungewohnt gleichgültigen Fassung zu bringen, die sie zur Weißglut treibt. Wie kann er nur so ruhig bleiben?

Zögernd erhebt der Baron sein Gesicht und ergreift die Hand seiner Gemahlin, die, vor Wut und Verzweiflung zitternd, Falten in den seidenen Stoff ihres Kleides knüllt.

„Du vergisst, Ermessende, dass unsere Untertanen aus dem Dorf unter unserem Castèl alle zu uns herauf gekommen sind und sicherlich nichts Brauchbares für die Kreuzfahrertruppen zurückgelassen haben. Nachschub kann sich Montfort nur aus den weiter entfernten Ortschaften holen und die werden nicht gerade auf ihn gewartet
haben. Sein Ruf ist ihm nach den Massakern, die er und seine brutalen Truppen im Auftrag von Papst Innozenz III. hier im Languedoc unter unserem Volk angerichtet haben, schon lange voraus geeilt. Und da im Zweifelsfalle sogar papsttreue Katholiken gemeuchelt werden, nur um unseren katharischen Christenglauben auszumerzen,
hat sich jeder, der konnte, in den Bergen versteckt.“

„Dennoch Raymond, wie du siehst, ist Montfort noch da. Und jetzt sind wir es, die zwar nicht verhungern werden, aber verdursten!“ Zornig wendet die junge Frau ihrem Gemahl den Rücken zu und kämmt sich mit fahrigen Strichen ihr langes, schwarzes Haar.

„Noch ist es nicht so weit, Ermessende.“

„Und was soll ich den Kleinen geben? Etwa Wein?“ Über ihre Schulter wirft sie Raymond einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Sicherlich ist unter den vielen Frauen hier auf der Burg noch eine, die als Amme geeignet ist. Und irgendwann muss es auch wieder regnen“, antwortet der Baron gelassen.

Mit diesen Worten steht Raymond auf, zieht sich sein Kettenhemd über und gürtet sich sein Schwert um. Dann legt er; kurz innehaltend; dem dreijährigen Bernard und der kleinen Blanche die Hände auf die Köpfchen und geht zur Tür hinaus.

Ermessende ist außer sich, denn sie fühlt sich mit ihren Sorgen nicht mehr verstanden. Bisher hatte ihr Gatte ihre Einwände jederzeit ernst genommen und sie als seine Gemahlin mit dem gleichen Respekt behandelt wie seinen Bruder Benoît, der als vorbildlicher Katharer und gelehrter Bonhomme von den Gläubigen sogar noch höher geachtet wird, als der herrschende Baron selbst. Doch in den letzten Tagen ist ihr Gemahl für sie unerreichbar geworden. Trotzige Tränen quellen aus ihren Augen und benetzen ihre durstigen Lippen. Unwillkürlich leckt sie danach.

Raymond tritt aus dem Donjon nach draußen in den sonnigen Morgen. Schon so früh am Tag ist die Luft staubig und warm, obwohl der beginnende Herbst die Trockenheit der vergangenen Wochen mildern müsste. Der Baron lässt seinen Blick nachdenklich über das erwachende Treiben der Menschen innerhalb dieses ersten
Befestigungsringes seines Castèls schweifen. Die sonst offene, weite Hoffläche ist jetzt vom Bergfried bis zur gegenüberliegenden Burgkapelle mit provisorischen Holzbauten und Zelten übersät, die sich die geflohenen Dorfbewohner als notdürftige Unterkünfte aufgebaut haben. Schließlich entdeckt er von weitem die zarte Silhouette und den blonden Haarschopf seines zehnjährigen Sohnes Olivier, der wartend an der Mauer nahe dem Hofausgang lehnt. Raymond geht auf ihn zu und freut sich über das Lächeln des Kindes, als sich ihre Augen treffen. Olivier bückt sich, um einen kleinen glänzenden Helm, der zwischen seinen Füßen steht, aufzuheben. Der Dorfschmied hat diesen ritterlichen Kopfschutz für den jungen Baron angefertigt und ihm zum Geschenk gemacht, als er mit den übrigen Bewohnern des Dorfes die Festung für die zu erwartende Belagerung vorbereitet hat.

„Bònjorn, mon paire! Darf ich Euch begleiten?“

„Gerne, mein Sohn. Zwei Augenpaare erkennen mehr als eins. Wollen wir einmal sehen, ob wir beide die Kreuzfahrer heute verjagen können! Aber setz deinen Helm auf, denn manchmal treffen die Geschosse dieser Schweinehunde auch“, scherzt Raymond, um seine Sorge vor dem Kind zu verhehlen, wobei er dem Jungen mit seiner kräftigen Hand streichelnd über den Kopf fährt.

Vater und Sohn, jeder dem anderen ein Spiegelbild aus einer fernen Zeit, schlendern einträchtig hinunter durch den Zwinger, der zwischen der äußeren und inneren Festungsmauer ringförmig die eigentliche Burg umschließt. An der südöstlichen Ecke liegt das einzige größere Gebäude außerhalb des Donjons auf dem Gipfel. Ein
großzügiger Mannschaftsraum ist darin untergebracht, aus welchem dem Baron und Olivier das Gelächter der Ritter und Wächter entgegen schallt. Mit lästerlichen Bemerkungen machen sie sich über die Kreuzfahrer lustig, die sich die ganze Nacht ungewohnt ruhig verhalten haben. Ein paar Ritter liegen auf ihren Schlaflagern
und ruhen sich von der Nachtwache aus, andere sitzen an einem großen Tisch nahe dem Eingang und stärken sich mit Brot, gesalzenem Speck, Käse und Wein. Als sie den Baron bemerken, stehen sie zum Gruß auf und laden ihn und seinen Sohn ein, an ihrer Tafel Platz zu nehmen. Raymond schiebt seinen Sohn auf die Bank zwischen
sich und einen stattlichen Ritter, der schon, seit Olivier denken kann, immer wieder seinen Dienst auf dem Castèl verrichtet. Lehnsherr und Vasall begrüßen sich herzlich und ohne die sonst übliche respektvolle Anrede.

„Na, Guillem, was macht der Nachwuchs?“

„Raymond, wie soll das gehen? Wenn ich immer bei Euch Dienst tue, kann ich keinen bei meinem Weib leisten“, kontert der Ritter schelmisch und reicht dem Baron einen Becher mit Wein.

Neckend entgegnet Raymond: „Ich glaube fast, du übst dich schon in den Regeln der gottergebenen Katharergeistlichen und vernachlässigst deine Ehepflichten bewusst. Du hast doch nicht etwa die Absicht, hier bei mir deinen Dienst aufzukündigen und als Bonhomme predigend durch die Lande zu ziehen? Das werde ich nicht zulassen, dass mein bester Ritter die Waffen ablegt!“

Rundum ertönt daraufhin spöttisches Lachen der Männer. Einer stülpt Guillem im Vorrübergehen eine weite Kapuze aus dunkler Wolle über den Kopf, um ihm das Aussehen eines vollkommenen Katharers, eines Bonhomme, zu geben, was das Gelächter der anderen noch anheizt.

Ein mächtiger Schlag lässt die Männer plötzlich erschreckt aufhorchen und ihr lustiges Lachen verstummt und erstarrt in ihren Gesichtern zu einer routiniert besonnenen Maske. Ein weiterer Schlag folgt in kurzem Abstand und erschüttert das Gemäuer.

„Es geht wieder los!“, ruft jemand und um Olivier herum ist plötzlich hektisches Treiben. Die Mahlzeit ist augenblicklich beendet. Rüstungen werden angelegt. Jeder ergreift seine Armbrust und eilt nach draußen. Die sich zur Ruhe niedergelegt haben, springen auf und ziehen sich ihre schützenden Kettenhemden wieder über die
müden Glieder. Knappen eilen mit gefüllten Pfeilköchern durch den Saal. Manche hört man auf das flache Dach des Mannschaftsgebäudes steigen und eine dort postierte Ballista und ein kleines Steinkatapult bedienen.

„Komm, Olivier!“ Der Baron hat die Hand des Knaben gepackt. „Hier wird es zu gefährlich für dich. Ich bringe dich zu deiner Mutter.“

Unzufrieden, aber widerspruchslos folgt Olivier seinem Vater. Sie eilen auf den sicheren, höher liegenden, inneren Befestigungsring zu. Befehle werden gebrüllt. Der Feind überschüttet die Burg mit einem Steinhagel. Manche der riesigen Gesteinsbrocken schaffen es bis über die äußere Mauer und schlagen krachend auf den felsigen
Boden des Zwingers. Den Donjon jedoch konnten die Kreuzfahrer in den vergangenen Wochen mit ihren Geschossen noch nicht erreichen. Er liegt für die Angreifer viel zu hoch. Olivier hat von seinem Vater während ihrer gemeinsamen Rundgänge in den Feuerpausen gelernt, dass die Belagerer ihnen selbst mit den mächtigsten Steinschleudern, den Mangonneaux, nichts anhaben können, da sich ihr schweres Kriegsgerät durch die steilen Abhänge rund um Termes nicht vorteilhaft positionieren lässt. Die Täler liegen auch zu tief, um von dort aus wirkungsvoll Schaden anzurichten. So bleibt den Truppen Simon de Montforts nur die Möglichkeit, die äußeren Mauern vom Turnierplatz aus, auf halber Höhe ihres Berges, immer wieder unter Beschuss zu nehmen und damit die Burgbewohner nervlich aufzureiben und von der Außenwelt abzuschneiden.

Wenige Stunden später ist wieder Ruhe eingekehrt. Olivier stiehlt sich aus der fürsorglichen Obhut seiner Mutter, die bei diesen dröhnenden Angriffen, welche meist auch mit feurigen Geschossen ausgeführt werden, immer wie Espenlaub zittert und ihn und seine Geschwister dann krampfhaft umklammert und macht sich auf die Suche nach seinem Vater.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Aufgeregt klopfte Monsieur Fondant an Tibous Tür. Dieser saß noch beim Frühstückskaffee und trug eine alte joggings [franz. Jogginghose]und ein ausgebeultes Army-Shirt. Das zauberte ein Lächeln auf Monsieur Fondants Gesicht. Perfekt passte es zu seinen Absichten. »Als ob du meine Gedanken gelesen hättest!«, rief er. Tibou verstand nicht recht, worauf sein Nachbar hinauswollte. Er sah ihn mit müden Augen an. »Der Vermieter hat mir da etwas über dich erzählt und deshalb möchte ich dich einladen!« Tibou schenkte ihm einen fragenden Blick. Er überlegte, was der Fuchs gesagt haben könnte. Er wusste doch so gut wie nichts über ihn. »Comment?«[franz. wie?] , fragte er. »Aaach, mach nicht auf unwissend! Deine Klamotten sagen doch bereits alles!« Tibou sah an sich herab und bemerkte, dass er die abgetragensten und schmutzigsten Klamotten, die es in seinem Schrank gab, trug. Er sollte sie so schnell wie möglich in die Waschmaschine stecken. Oder direkt in den Mülleimer. Nicht weit von ihnen gab es ein Zigeunerlager. Vor dem Haus hupte jemand. »Das ist Mehdi, komm, auf gehts!« – »Aber … wohin … Sie wollen doch nicht … ich kann doch nicht so, wie ich aussehe, mit Ihnen … wohin wollen Sie denn?« – »Wie, wohin? Spielt doch keine Rolle, wir haben drei Gewehre!« Er schob Tibou durch die Tür und drängte ihn die ersten Stufen nach unten. Tibou war zu müde und gleichzeitig zu überrumpelt, um Einspruch zu erheben. Diese seltsame Gewehr-Geschichte musste etwas mit einem schmutzigen Geschäft zu tun haben. Das passte doch gar nicht zum alten Fondant! Außerdem war das einzige, was der Fuchs über Tibou wusste, dass er Bier mochte und ihm einen gefälschten Lohnzettel untergejubelt hatte. Es konnte sich nur um irgendeinen Mick-Mack handeln. Die getönten Scheiben des Wagens bestätigten seinen Verdacht. Vielleicht schlief Tibou noch und träumte? Er nahm auf der Rückbank Platz. Schwarzes Leder. Er streichelte es. Es duftete. Duftete Leder auch im Traum? Er räusperte sich. »Falls es um einen Überfall geht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist nicht mein Gebiet«, meinte er, scheinbar beiläufig. Er schaute vom Fahrer zum Beifahrer und versuchte ihre Blicke zu deuten. Beide begannen zu lachen. Der Goldzahn des Fahrers blitzte. Waren es die Mafiosi, die solche Goldzähne trugen? Oder doch die Zigeuner? Vielleicht beide. »Ein guter Junge«, meinte Monsieur Fondant. »Wir verstecken uns immer hinter den Büschen. Und nach einiger Zeit, ja … man könnte es als Überfall bezeichnen.« Er beugte sich nach hinten und umfasste Tibous Kopf, um ihm mit dem Daumen zwei schwarze Kreidestriche ins Gesicht zu malen. Normalerweise hätte Tibou sich das bestimmt nicht gefallen lassen, doch seitdem Jim weg war, war ihm so vieles um so viel gleichgültiger geworden. Mehdi gab Gas. »Wie, hinter Büschen?«, fragte Tibou. »Hinter der Bank neben dem See ist ein großer Busch«, fügte Mehdi hinzu. Es ging anscheinend um einen Banküberfall. »Am See ist eine Bank? Hab ich noch nie bemerkt …«, meinte Tibou nachdenklich. Andererseits kannte er die Stadt noch nicht sonderlich gut. »Na ja … du wohnst auch noch nicht lange hier, und … Wieso sollte man auch großartig über eine Bank sprechen?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag, mein Kleiner«, fuhr Mehdi fort, »wann hast du zum letzten Mal so ein Teil hier benutzt?« Seine Augen funkelten, als er auf die Jagdflinte deutete. Niemals hätte Tibou so etwas von dem schweigsamen Monsieur Fondant erwartet. »Na ja, ist schon etwas länger her, und … eher in einem anderen Kontext.« Die beiden anderen warfen sich zwei erschrockene Blicke zu.