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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Freitag, sonnig:
Als der Fuchs am nächsten Tag aufwachte, stellte er sich die Frage, ob eine Büffelherde über seinen Kopf gelaufen war. Der aufgewirbelte Staub legte sich nur langsam und zaghaft. Es kratzte in seinem Hals. Das ließ ihn kurz an den Kannibalen denken, doch der Gedanke war zu unklar, um ihn sich zu merken.
Der Fuchs trank drei Gläser Wasser in einem Zug (einem Zug pro Glas versteht sich) und stellte sich unter die Dusche. Während kaltes Wasser über seinen Körper lief, begann er über den Vorabend nachzudenken. Zehn Minuten später, mit einem Kaffee vor dem Kamin, war seine Vermutung, dass Monsieur Fondant etwas mit der Geheimpolizei zu tun hätte, nur noch stärker. Wieso war er denn sonst hier aufgetaucht? Das war doch nicht normal, zu Beginn seiner Rente plötzlich in ein Haus mit Toiletten im Flur und Gemeinschaftsbad zu ziehen. Der Fuchs beschloss, ihn in seinem Buch nur noch Monsieur F zu nennen. Bestimmt hatten er und sein Neffe ihren Vermieter absichtlich betrunken gemacht, um ihm geheime Informationen zu entlocken. Erschrocken sprang der Fuchs auf und ließ seine Tasse fallen, die mit einem lauten Geräusch am Boden aufkam, um zu zerbrechen. Der Rest des Kaffees begann damit, sich ins Holz zu fressen. Er hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich um, ging mit zwei großen Schritten zu seinem Bett, wo sich das Buch befand. Bestimmt wusste Mr. F davon und wollte es an sich bringen, falls er das nicht bereits getan hatte.

Dieser war durch den Aufprall der Tasse aufgewacht und begann sich langsam in seinem Bett hin- und herzubewegen. Sein Mund war völlig ausgetrocknet. Nachdem auch er drei Gläser in einem Zug geleert hatte, rüttelte er seinen auf dem Sofa schlafenden Neffen wach. »Komm, wir müssen fahren, deine Mutter, deine Tante … Attend15, wo ist eigentlich Marie?« Mit leicht schwankendem Schritt ging er auf das Schlafzimmer seiner Tochter zu, öffnete vorsichtig die Tür und lächelte. Sein kleiner Engel lag wie immer unschuldig in seinem Bett. Quel bonheur!16 Im Hintergrund hustete Antoine.
Als der Fuchs so gut wie sicher war, dass niemand sein Buch angefasst hatte, legte er einen kleinen, blauen Faden auf die letzte beschriebene Seite. Von diesem Tag an würde er seine Zimmertür immer mit dem zweiten kleinen, goldfarbenen Schlüssel abschließen.
Monsieur Fondant brauchte drei Anläufe, um seinen Motor zu starten. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, die halbe Nacht zu trinken. »Onkel, ich … irgendwie … halt doch beim Araber an und wir holen uns Kaugummis.« Dieser hatte nichts dagegen einzuwenden, da er Angst hatte, seine Frau würde den Alkohol riechen. So hielt er mit quietschenden Reifen an, um sein Auto zu wenden. Währenddessen ging sein Neffe mit einem Zehneuroschein zwischen den Fingern in den Laden. »Aaaah, die Nachbarschaft!«, rief der Besitzer des Ladens erfreut und begann zu sprechen, während er nach dem Wechselgeld suchte. »Weißt du, was gestern Abend passiert ist? Die Blondine wurde verhaftet! Sag deinem Vater, er soll dir eine andere Frau suchen, denn diese … Man könnte meinen, es sei … une pute17 … Entschuldige das Wort, aber es stimmt. Siehst du, dort?« Mit der rechten Hand deutete er aus dem Fenster auf das Hochhaus gegenüber, während er mit der linken seine Brille weiter nach oben, über den Buckel seiner Nase schob. Antoine hätte auch gerne einen solchen Buckel. Er fand, dass das ein Zeichen von Männlichkeit sei. Langsam und gleichmäßig nickte er mit dem Kopf. »Siehst du, dort wurde die Blondine verhaftet, in Begleitung ihres Zuhälters. Vergiss sie, mein Junge, und sag Grüße an deinen Vater, du wirst schon eine andere finden, in sha allah18!« Antoine nickte und ging schnell aus dem Laden, bevor der andere seinen hochroten Kopf bemerken würde. Keinesfalls durfte Onkel Gérard davon erfahren.

Madame Fondant hatte seit sechs Uhr morgens darauf gewartet, dass sie jemand von dem Gedanken an das Apfelkuchenrezept erlösen würde. Sie fiel ihrem Mann und ihrem Neffen überglücklich um den Hals, als diese endlich vor der Tür auftauchten. Monsieur Fondant lächelte fröhlich vor sich hin, denn scheinbar hatte seine Frau seinen Rausch nicht bemerkt.
Zu Hause angekommen, staunten Maries Eltern nicht schlecht, denn ihre entzückende Tochter hatte Frühstück zubereitet. Mit croissants19 und pains aux chocolats20 und allem drum und dran. Ihren Cousin hatten sie bei seiner Mutter gelassen. Nun saß die kleine Familie glücklich und zufrieden im neuen Garten. Die Luft duftete bereits nach Frühling und hie und da hörte man das fröhliche Zwitschern eines Vögelchens. Monsieur Fondant meinte er habe Kopfschmerzen, denn die harte Arbeit sei ihm zu Kopfe gestiegen. Seine Frau erwiderte, sie habe doch gesagt er solle den schweren Schrank nicht tragen. Mademoiselle Fondant sagte nichts und versuchte, sich unauffällig zu verhalten. Ihre Mutter meinte, ihr Mann solle doch einen Arzt aufsuchen. Monsieur Fondant nickte gutmütig und erwiderte, er würde das am nächsten Morgen tun, falls er sich dann nicht besser fühlte. »Heute ruhe ich mich erst mal aus. Du erinnerst dich doch an die letzte Arztrechnung, chérie?« Madame Fondant nickte und begann laut über den damaligen Vorfall zu sprechen. Ihre Stimme hatte etwas von einer Ziege.
Der Fuchs saß am Fenster seines Zimmers und trank seinen dritten Kaffee an diesem Tag. Während er schrieb, begann seine Hand leicht zu zittern.
Monsieur Fondant war ins Schlafzimmer verschwunden und nachdem seine Frau zufrieden festgestellt hatte, dass die Wohnung nach ihrem Geschmack eingerichtet war, spazierte sie ein wenig im Garten auf und ab. Sie fragte sich, zu welcher Jahreszeit sie am besten Rüben anpflanzen könnte und ob die Kreuzung von weißen mit roten rosa Rüben ergeben würde. Vielleicht würde das … sie wurde von dem Auftauchen einer leeren Whiskeyflasche im Gras überrascht. Mit spitzen Fingern hob sie diese vom Boden auf. Dann ging sie durch die Hintertür, um ihrem Mann davon zu berichten. »Chéri? Ich habe eine seltsame Entdeckung gemacht … Weißt du, der Vermieter, ich denke … ich denke er hat ein Alkoholproblem! Du wirst nicht glauben, was ich gefunden habe! Regard!21 Also gestern war die Flasche …« Monsieur Fondant antwortete laut mit einem Schnarchen, das den Raum ausfüllte.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Nach einer Weile leichten Dämmerschlafes schreckt Olivier durch die unruhig gewordenen Pferde hoch. Er befürchtet einen Bären oder ein Rudel Wölfe und teilt dies den beiden Wachposten Aimeric de Clermont-sur-Lauquet und Raimond de Séguier am Feuer mit. Mit seiner Armbrust tritt er, gefolgt von den beiden, nach draußen und sieht tatsächlich die Gestalt näher kommen, die er schon den ganzen Tag über bemerkt hatte.
„Ein Bär!“, schreit er warnend und will gerade die gespannte Sehne schnellen lassen, als er, ob der Bewegungen der Silhouette, unsicher wird und den beiden Rittern hinter ihm Zeichen gibt, abzuwarten. Er ruft den geheimnisvollen Verfolger an: „Wer seid Ihr! – Gebt Euch zu erkennen!“
Die dunkle Gestalt verharrt einen Moment. Er vernimmt das Schnauben eines Pferdes. Dann trägt der Wind eine Antwort zu ihnen herüber: „Ich bin Chabert de Barbaira! – Darf ich mich Euch anschließen? – Ich bin hungrig und müde – und mein Ross ist erschöpft!“
Erleichtert lässt Olivier die Armbrust sinken. Aimeric geht dem einsamen Reisenden mit einem brennenden Holzscheit entgegen, hilft ihm beim Absteigen vom Pferd und geleitet ihn in ihren Schlupfwinkel. Beim Eintreten erkennt der Ritter den Baron de Termes und ruft noch außer Atem, aber lachend, aus:
„Ah – Ihr schon wieder? – Ihr seid wohl mein Schicksal, das ich nicht loswerden kann?“
„Ich laufe Euch nicht nach“, kontert Olivier.
Chabert de Barbaira blickt ihn verdutzt an. Dann lacht er herzlich auf, was die anderen schlafenden Ritter in ihrem Unterschlupf jedoch kaum stört.
„Seid Ihr nie um eine Antwort verlegen? Immer, wenn ich Euch begegne, sprecht Ihr Worte, die schärfer sind als meine Klinge!“, stellt der Baron de Barbaira schmunzelnd fest, während er das Schwert ablegt und seine Schlafdecke neben Olivier ausrollt.
„Verzeiht“, stammelt Olivier unsicher, „es war nicht meine Absicht … “
„Es ist schon in Ordnung“, unterbricht ihn Barbaira mit einem Klopfen auf die Schulter, „Ihr lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen. Das befähigt Euch, eine Truppe zu befehligen. – Ihr könnt Verantwortung tragen und Männer zum Sieg führen. Nicht jeder Adlige ist dazu geschaffen.“
Olivier schweigt. Ihm erscheint der Gedanke absurd, eines Tages eine richtige Truppe bewaffneter Männer unter sich zu haben. Er – ein Baron ohne Besitz. Gedankenvoll stochert er im Feuer herum, auf dem noch ein Rest würziger Gerstenbrei blubbert. Der Duft steigt ihm in die Nase. Er legt zwei kleine, helle maurische Brotfladen aus Barcelona auf die Glut und lässt sie von beiden Seiten anrösten. Dabei fühlt er den abschätzenden Blick des Ritters auf sich ruhen, der nun, neben ihm ausgestreckt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an seinen Sattel gelehnt, daliegt. Irgendwie irritiert ihn das Schweigen des Barons de Barbaira. Er gibt geflissentlich ein paar Löffel würzigen Gerstenbrei auf eines der Brote, wie er es bei den Bogomilen gesehen hat und reicht es ihm. Dankbar nimmt Chabert de Barbaira den dampfenden Brotfladen aus seinen Händen.
„Warum habt Ihr Euch nicht früher zu erkennen gegeben und seid uns stattdessen wie ein Raubtier gefolgt?“, will Olivier nun doch noch wissen.
Der Ritter kaut still, schließlich rechtfertigt er sich: „Ich wusste nicht, ob ich bei Euch willkommen bin. – Wir waren Gegner in Perpignan. Ihr habt mich besiegt …“
Der strahlenden Sonne entgegen reitet der kleine Trupp am Morgen über eine glitzernde Schneedecke. Nach der anstrengenden und gefährlichen Überquerung des Passes, während der sie immer wieder darauf achten mussten, dass ihre beschlagenen Rösser nicht ausgleiten, tauchen sie wieder ein in die dichten Schwarzkiefern- und Fichtenwälder der Pyrenäen, die in tieferen, wärmeren Lagen von winterkahlen Eichen und Buchen durchsetzt sind. Immer häufiger werden die baumfreien Weideflächen, auf denen im Sommer die Ziegen und Schafe der Bauern grasen. Noch ein Tag und sie erreichen Serrallonga.
Die ganze Zeit über weicht Chabert de Barbaira Olivier, dem es leicht fällt, Freundschaften zu schließen, nicht von der Seite. Chabert hat lange nicht mehr so viel gelacht, wie mit dem um Jahre jüngeren Baron de Termes. Und umgekehrt zieht der Baron de Barbaira sowohl mit seiner Sichtweise über Gott und die Welt, seinem geheimnisvollen und rebellischen Wesen als auch seiner Wohlgestalt Olivier magisch an. Genau so stellte er sich schon als Kind den Helden Roland vor, wenn er am Kaminfeuer den Erzählungen der Troubadoure lauschte.
Chabert ist noch ihr Gast auf Serrallonga, als sie die Botschaft des Grafen von Foix erreicht, dass dieser vor Mirepoix läge.
„Constance wird vergeblich auf mich warten müssen“, eröffnet Olivier beim abendlichen Mahl seiner Mutter, die ihm daraufhin einen äußerst unzufriedenen Blick zuwirft.
„Ich wollte dir Kräuter und Salz aus Ampurias für deine Schwester Raymonde mitgeben“, sagt Ermessende nur, um ihm vor dem Gast und den anwesenden Rittern und Gesinde keine Blöße zu geben. Der Baron de Barbaira hat dennoch verstanden und lässt seine spöttisch glitzernden Augen zu Olivier hinüberschweifen.
„Dies heißt ja nicht, dass ich sie nie mehr besuchen werde“, lenkt dieser ein, „schließlich möchte ich meine Schwester auch gerne wiedersehen. – Nur im Moment gibt es Wichtigeres: Raymond-Roger de Foix braucht uns. – Gleich bei Sonnenaufgang werden wir aufbrechen. Wünscht uns den Sieg, Mutter. Letztendlich kommt es den Damen Okzitaniens zugute, wenn wir die Kreuzfahrer aus dem Land vertreiben. Kräuter von den Bergwiesen der Pyrenäen und Salz aus unserem Meer werden, bei dem unter unserer Herrschaft wieder aufblühenden Handel bis in die hintersten Winkel unseres Landes, bald für jedermann zu erstehen sein.“
Ermessende fühlt sich von ihrem Sohn geringschätzig behandelt. Er habe unter den Rebellen seine Erziehung vergessen und jegliche Achtung vor Frauen, ist ihre Befürchtung und sie will ihn nach dem Essen unter vier Augen auf seinen mangelnden Respekt, den er ihr angedeihen ließ, hinweisen. Dies ist ihr jedoch nicht möglich, da sein neuer Kampfgefährte wie sein Schatten an ihm haftet und die beiden bis in die Nacht trinkend und politisierend am Kaminfeuer beisammen sitzen.
„Dieser Chabert gefällt mir nicht“, sagt sie zu ihrem Gemahl neben ihr im Bett. „Er ist zwar mit Olivier verwandt, aber ich mag es nicht, wenn er mit ihm zusammen ist. Er hat etwas Wildes und Unbeherrschbares an sich und ich fürchte, das färbt auf meinen Sohn ab, wenn er weiter seinem Einfluss ausgesetzt ist.“
„Ihr Frauen“, gähnt Bernard-Hugues und dreht sich zur Seite, „seht immerfort Gefahr über euerer Familie schweben und wollt die Kontrolle behalten. Olivier ist erwachsen und hat einen durchaus lobenswerten und festen Charakter. Hör auf, dir Sorgen zu machen, wo keine sind, und lass ihn seinen Weg alleine finden.“
„Dennoch“, wendet Ermessende ein, „Olivier ist verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe … “
„Schlaf jetzt, meine Blume“, unterbricht sie ihr Gemahl, wie allezeit galant. „Ich bin müde.“
Kurz nachdem die Faidits unter dem Grafen Raymond-Roger de Foix die Stadt Mirepoix zurückerobert haben, stirbt der alte Graf. Sein Sohn Roger-Bernard III., der schon an der Seite Raymonds VII. anno 1217 in Toulouse einzog, tritt in seine Fußstapfen. Sie gewinnen Cabaret wieder und der Baron Peire-Roger de Cabaret, der damals nach dem Fall von Termes die Übergabe seines Castrums mit Montfort verhandelte, nimmt seine Burg wieder in Besitz.
Aufgezehrt von den ständigen Unruhen im Land, beruft der päpstliche Legat schließlich im Juli des Jahres 1223 ein Konzil nach Sens, von dem man eine endgültige Beilegung des Kampfes erwartet. Da König Philippe Auguste dem beizuwohnen wünscht, wird es nach Paris verlegt. Obschon er rasendes Fieber hat, begibt sich der Regent Frankreichs auf die Reise dorthin. Er stirbt jedoch, vor Erfüllung seiner Mission, noch unterwegs bei Meudon.
Noch am Tage seiner Krönung verspricht Louis VIII., trotz seiner schwachen Gesundheit einen Kreuzzug zu unternehmen. Schon sein verstorbener Vater war zu seinen Lebzeiten gegen dieses Ansinnen, da er befürchtete, dass sein Sohn frühzeitig sterben und das Königreich in den Händen einer Frau und eines Kindes bleiben würde. Papst Honorius drängt den neuen König jedoch heftig, und im Februar Anno 1224 nimmt Louis von Amaury de Montfort die bedingte Abtretung aller seiner Rechte im Languedoc entgegen.
Die Lage bringt neue unerwartete Gefahren für die Adligen Okzitaniens mit sich, die schon berechtigte Hoffnung hatten, den Kampf endgültig für sich entscheiden zu können. Schließlich hatte sich Amaury de Montfort bereits im Monat zuvor infolge seiner Geldnot gezwungen gesehen, alles, was er noch an Festungen besaß, auszuliefern und mit einem Teil des Erlöses seine Besatzungen auszulöhnen. In diesem Januar unterzeichnete er in Carcassonne einen Waffenstillstand für zwei Monate mit den Grafen von Toulouse und Foix, welche die Résistance leiten. Die Durchsetzung dieser Vereinbarung für die Städte, Burgen und alle Ländereien Amaurys, außer Carcassonne, Minerve und Penne-d’Agenais, zeigt, dass der Oberbefehlshaber des Kreuzzugsheeres nicht mehr in der Lage ist, die von ihm und seinem Vater einst eroberten Gebiete zu halten. Der Sohn Simon de Montforts veräußerte nacheinander alle seine Besitztümer: Am vierzehnten Januar gab er der Abtei von Fontfroide die Weiderechte der Minerver und am darauffolgenden Tag dem Bischof von Béziers die Burg de Cazouls. Als letzten Akt entschloss er sich, das Castèl Termes abzusondern und übertrug es dem Erzbischof von Narbonne. Noch am gleichen Tag verließ Amaury für alle Zeit das Land, dessen Fluch er und sein Vater gewesen, und Vicomte Raymond de Trencavel zieht alsbald in Carcassonne ein.
Doch die Okzitanen hatten zu früh gejubelt. Denn nun, Ende Februar, sieht sich Raymond de Toulouse statt des entmutigten Amaury de Montfort einem anderen Gegner gegenüber, der über alle Machtmittel verfügt und der seine Kampfeslust kaum zügeln kann, um die Schlappe wettzumachen, die er fünf Jahre zuvor vor den Mauern von Toulouse erlitten hatte.
König Louis stellt an den Papst die üblichen Bedingungen wie Absolution und Geld. Aber er verlangt auch, dass die Besitzungen Raymonds, seiner Verbündeten und all derer, die sich dem Kreuzzuge widersetzen, ihm als Lohn zufallen sollen. Graf Raymond macht verzweifelte Anstrengungen, den drohenden Sturm zu beschwören. Selbst König Henry III. von England verwendet sich für ihn beim Papst, was Raymond Mut gibt, durch eine Gesandtschaft, deren Freigiebigkeit auf die Beamten der Kurie einen sehr günstigen Eindruck macht, seinen Gehorsam in Rom zum Ausdruck bringen zu lassen.
Der Papst gibt daraufhin König Louis die erwarteten Zusagen nicht. Gleichzeitig erhält Arnaud-Amaury, Erzbischof von Narbonne, Weisung, sich mit den andern Prälaten in Verbindung zu setzen, um Graf Raymond de Toulouse zu veranlassen, annehmbare Bedingungen zu stellen. Graf Raymond wird als guter Katholik anerkannt und die Bedingungen werden festgesetzt. Raymond, nur mit knapper Not entkommen, macht keine Schwierigkeiten. Zu Pfingsten, am zweiten Juni 1224, treffen er und seine Hauptvasallen mit Erzbischof Arnaud-Amaury und den abgesandten Bischöfen in Montpellier zusammen. Hier willigt er darin ein, in all seinen Besitzungen den katholischen Glauben zu achten und aufrecht zu erhalten; alle von der Kirche bezeichneten Ketzer zu vertreiben, ihre Güter zu konfiszieren und ihre Person zu bestrafen; Frieden zu halten und die von der Kirche als „räuberische Söldnerbanden“ bezeichneten Faidits zu entlassen; den Kirchen alle Rechte und Privilegien wieder einzuräumen und für die Verluste der Kirche und zur Entschädigung des Grafen Amaury de Montfort zwanzigtausend Sous zu zahlen.
Im Gegenzug veranlasst der Papst den Grafen Amaury, auf seine Ansprüche zu verzichten und allen dieselben bestätigenden Dokumente auszuliefern. Diese Bedingungen werden vom Grafen Raymond, Grafen von Foix und Vicomte von Béziers unterzeichnet.
Graf Amaury de Montfort richtet einen letzten verzweifelten Appell an die Bischöfe, in dem er sie beschwört, die Früchte des errungenen Sieges nicht wegzuwerfen. Selbst der König von Frankreich interveniert und lässt verlauten, er sei entschlossen, die Sache zu seiner eigenen zu machen. Sie jetzt aufzugeben sei ein Ärgernis. Trotzdem nehmen die Bischöfe die Eide Graf Raymonds de Toulouse und seiner Vasallen entgegen.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Kreuzritter

Der Kreuzritter

Frühjahr 1252

Der Kreuzzugsaufruf im Languedoc ist ein Misserfolg. Kaum ein Okzitane ist bereit, sich freiwillig einem römisch-katholischen Ideal in einem fernen Land für himmlische Ehre und zweifelhaften Lohn zu widmen. Angesichts dessen verfügen die Inquisitoren Strafmilderung für entlarvte Ketzer, die zu Gefängnis oder zum Tragen des gelben Kreuzes der Geächteten auf ihrer Kleidung verurteilt wurden. Sie können Gnade finden, wenn sie an diesem Kreuzzug teilnehmen. Viele Adelige und einfache Männer der Dörfer im Tal der Aude folgen schließlich der Aufforderung des Bischofs von Carcassonne und Alphonse de Poitiers kann die Auflage seines Erbes erfüllen und fünfzig Ritter und Armbrustschützen zu Pferd aus seiner neuen Grafschaft entsenden.
Der Baron de Termes bereitet sich auf seine erneute Pilgerfahrt als Kreuzritter vor und sucht deshalb seine Kasse zu füllen. Auch dieses Mal wird ihn die militärische Hilfe, mit der er seinen Herrn unterstützen will, teuer zu stehen kommen. Dabei sind seine Schulden aus dem letzten Kreuzzug noch nicht vollständig beglichen. Es bleibt ihm darum keine andere Möglichkeit, als einen Teil seiner gerade erst wiedererlangten Ländereien zu verkaufen. Doch welchem seiner Nachbarn soll er sein Land über-schreiben? – Es gibt nur einen, der ihm wohlgesonnen ist und auch genügend Geld dafür bieten kann: Der neue Abt Othon der Zisterzienserabtei Fontfroide.
In Begleitung seines Bayle Peire Catalan, dem er nach Aimerics Rückzug in dessen beinahe klösterliches Privatleben nun die gesamte Verwaltung des Termenès und seine persönlichen Angelegenheiten für die Zeit seiner Abwesenheit anvertraut, und eines Notars, einem jungen Absolventen der Toulouser Universität, den er für seine Belange eigens aus dem Razès geholt und ihm ein neu geschaffenes, öffentliches Büro des Termenès in Obhut gegeben hat, geht Olivier unter dem gotischen Gewölbe des Kreuzganges zu den Räumen des Abtes. Ihnen voraus läuft, die Hände in den weiten Ärmeln der weißen Kutte versteckt und den Blick zur Erde gerichtet, ein Mönch lautlos an der Wand entlang, um ihnen den Weg zu weisen. In der Mitte des Klosterhofes plätschert beruhigend ein Brunnen. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft und stimmt Olivier wehmütig. Die ersten Blumen sind unter der hellen Frühlingssonne erblüht, die mit ihren Strahlen sogar die steinernen Fußbodenplatten im kühlen Kreuzgang erwärmt. Der Mönch bleibt vor einer schweren Holztür stehen, auf welche die langen Schatten der zierlichen Säulen fallen, die das spitzbogige Gewölbe zur Hofseite hin tragen. Eine kräftige Stimme aus dem Innern bittet den Baron einzutreten und der Mönch drückt den kleinen Metallhebel, der den von innen heruntergeklappten Türriegel öffnet.

Abt Othon sitzt hinter einem Berg von beschriebenen Pergamenten und Folianten, die er offensichtlich bis zu diesem Moment eingehend studiert hat. Seine Augen sind gerötet vom stundenlangen Lesen und zuwenig Schlaf. Dennoch erhebt er sich mit unerwartetem Elan von seinem Stuhl und geht mit ausgebreiteten Armen um seinen Tisch herum, um den Baron de Termes mit Umarmung und Bruderküssen zu begrüßen.
Nach außen freundlich, doch mit seinen wachen Sinnen jede Freundschaftsbezeugung misstrauisch beobachtend, nimmt Olivier auf dem ihm angebotenen Armlehnstuhl gegenüber dem Abt Platz und gestattet auch seinem Bayle und seinem Notar, sich auf den Scherenstühlen nahe der Tür niederzulassen. Dieser Abt hat Grund genug, fröhlich zu sein, denkt Olivier bei sich. Weiß doch ein jeder, dass der Baron de Termes bis zu seinem Halse in Schulden steckt, irdischen wie auch himmlischen, die durch seine Vergehen in der Vergangenheit entstanden sind und die zu begleichen er gezwungen ist, wenn er für sich und seine Erben dauerhaft den befriedenden Segen der Kirche haben will. Denn wenn er auch durch die Teilnahme am Kreuzzug nach Damiette einen Ablass erhielt, so ist noch immer der alte Groll des Erzbischofs und der Zisterzienser wegen der in früheren Jahren entgangenen Zehnteinnahmen zu spüren.
„Ich bin gekommen, um mein Gewissen zu erleichtern und begangene Schuld wieder gut zu machen“, beginnt er darum das Gespräch nach den allgemeinen Begrüßungs-floskeln.
Nun blickt ihn Othon doch mit einem gewissen Erstaunen in seinem Gesicht an. „Soweit mir bekannt ist, sind alle Euere Sünden durch päpstlichen Ablass getilgt. Oder gibt es noch etwas, das Ihr der Heiligen Mutter Kirche verschwiegen habt?“
„Nein, keineswegs. Meine Vergehen sind Euch allesamt bekannt. Aber ich fühle trotz des Ablasses noch keine Erleichterung auf meiner Seele, denn der Euerem Konvent zugefügte Schaden durch von mir verhinderte Zehntzahlungen ist noch nicht getilgt. Ich habe erkannt, dass ich Gott durch meinen Betrug an Euch und mangelnden Eifer bei der Steuereintreibung beleidigt habe. Und um dem ein Ende zu setzen, werde ich von hier aus direkt weiter zum Erzbischof von Narbonne reiten und mit ihm für die Zukunft die Steuereintreibung dergestalt verfügen, dass meine Vasallen, auch während ich in Outre-mer weile, gehalten sind, den Dienern Gottes zu ihrem Recht zu verhelfen.“
„Das ist sehr löblich und Ihr seht mich überrascht, da ich mit soviel Umsicht von Euerer Seite nicht gerechnet habe“, betont Abt Othon freundlich.
Doch Olivier weiß, dass diese Erwartung durchaus von Seiten der Kirche seit seinem Kreuzzugsschwur vor fünf Jahren an ihn gestellt ist und er die Erfüllung dieser nur deshalb so lange hinausziehen konnte, weil der damals neu in sein Amt eingeführte Erzbischof Guillaume de Broüe noch nicht mit allen Problemen seiner Diözese vertraut war. – Nach diesem Zugeständnis ist es an der Zeit, das nächste zu machen, beschließt Olivier und setzt sachlich hinzu: „Zur Entschädigung für Euere Steuereinbußen und zur Vergebung meiner Sünden gebe ich Euerer Abtei mit heutigem Datum das Weiderecht von Jonquairolles im Termenès. Mein Notar, Méstre Carbonel hat die Urkunden bereits vorbereitet.“
Mit einer ausholenden Armbewegung fordert er den jungen Rechtsgelehrten auf, seines Amtes zu walten, der auch sogleich geflissentlich an den Tisch vor den Abt tritt und die betreffenden Pergamente entrollt. Der Zisterzienserabt liest die Dokumente gründlich, bevor er sein Zeichen unter Oliviers Siegel setzt.
Olivier ist erleichtert. Das Friedensangebot ist akzeptiert. Er rechnet fest damit, dass er die Mönche so für ihn gewogen stimmen kann und danach einen höheren Preis für sein wirkliches Anliegen erzielen wird, als die Kleriker beabsichtigt haben, ihm zu bieten. Dies wird den Verlust durch die fromme Gabe wieder wett machen.