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Kurzer Gedanke zu Ostern. Und so.

Kürzlich las ich mal das:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophischer-osterkommentar-was-heisst-auferstehung-in.2162.de.html?dram:article_id=446692

Daraus würde ich ganz gerne mal einen Satz zitieren:

„Sie kann, ja sie muss ohne Gott denken, aber nicht ohne den „göttlichen Eros“ wie Platon es nennen würde, nicht ohne diesen im Grunde spirituellen Funken der Erkenntnis. “

Ist das wirklich so? Die Themen Sterben und Weiterleben, vielmehr: erneut leben, sie sind Grundgedanken des Osterfestes, genau wie die Vergebung, die Erlösung, was nichts Anderes bedeutet, als die Verantwortung für das eigene Leben in irgendwelche mystischen Hände zu geben.

Wer mich kennt, weiß ja, das ist nicht meins. Sehen wir mal davon ab, dass ich als Kriegerin genau weiß, wie es mit Gott bestellt ist: Wüsste ich nicht, was ich weiß, so fragte ich mich dennoch: Woher wisst Ihr das alles? Wieso geht Ihr davon aus, Dinge zu wissen, die Ihr gar nicht wissen könnt?

Ja, sich mit der Möglichkeit, sterblich zu sein, zu beschäftigen, kann durchaus sinnvoll sein, wenn in den richtigen Kontext gestellt. Aber sie ist auch dann bloß eine Möglichkeit, wenn man nicht wüsste, wie ich, dass die Welt nicht mehr als ein Spielball der Götter ist, denn mit den Mitteln der (seriösen, undogmatischen) Wissenschaft lässt sich nicht beweisen, dass jeder Mensch, der bisher geboren wurde, auch tatsächlich gestorben ist und dass jeder derzeit lebende Mensch irgendwann sterben wird.

Die Aussage, jeder Mensch müsse irgendwann mal sterben, ist nichts als ein Dogma, eine Glaubensbekenntnis. Es kann sein, es kann aber auch anders sein.

Und diese Möglichkeit des Andersseins und was sich daraus ergibt, damit sollten sich eigentlich mal nicht nur die religiös denkenden Menschen beschäftigen, denn sonst sind alle vielleicht eines Tages sehr überrascht.

Liebes Tagebuch, Du merkst schon, ich bin kein Fan von Ostern und so. Aber natürlich weiß ich, dass solche Feste dennoch wichtig sind, denn die Seele gehört nun einmal zum Menschen dazu. Nicht nur zu ihm, aber das ist ein anderes Thema.

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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0

Fiona

„Keine Ahnung. Habe es zu Hause nicht ausgehalten.“
„Streit mit dem Freund?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Mit meinem Vater. Außerdem wurde mein Bruder gestern getötet.“
„Das tut mir leid“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Dieser Junge, der vom Geländewagen …?“
Ich nicke langsam.
„Eine traurige Sache. Mein herzliches Beileid.“
„Danke.“
„Sie sollten nicht hier alleine sein. Es gibt doch bestimmt jemanden, zu dem Sie gehen können.“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber jetzt bin ich lieber allein. Oder ist das verboten?“
Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht besser wäre. Aber es ist Ihre Sache, natürlich.“
„Danke. Ich fahre dann mal.“
Zum Glück fragt er nicht, wohin. Besser so, sonst müsste ich ihn anlügen. Er würde mich wohl kaum gehen lassen, wenn ich ihm sage, dass ich jemanden töten will. Unabhängig davon, dass ich mir dessen gerade gar nicht so sicher bin. Aber auch das möchte ich ihm nicht sagen. Niemandem eigentlich. Nicht einmal mir.
Ach, verdammte Scheiße.
Ich steige in mein Auto ein, drücke im Aschenbecher die kümmerlichen Reste der Zigarette aus, zünde eine neue an und fahre los, alles streng überwacht vom Polizisten. Warum eigentlich? Denkt er ernsthaft, ich wollte mich von den Klippen stürzen? Zwei Meter? Oder wie? Oder ins Wasser gehen? Oder mit einem Kopfsprung von der Mauer ins Meer springen? Ich meine, die zwei Meter schafft ja sogar ein Kleinkind problemlos.
Nur, wohin jetzt?
Erst einmal fahre ich Richtung South Village und halte auf dem Parkplatz vor einer Bar. Eigentlich ist die Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und der Asphalt ist heiß. Die Luft darüber flimmert.
In der Bar läuft die Klimaanlage, es ist fast kalt. Aber nur fast.
Ich setze mich auf einen Barhocker und mustere den Barkeeper, einen jungen, rotblonden Kerl, der interessiert zurückmustert. Mir wird bewusst, dass ich suboptimal angezogen bin für diese Gegend. Hier bin ich keine Rebellin, sondern eine Nutte in diesem Aufzug.
Scheiß drauf, ist jetzt auch egal.
„Zu heiß zum Arbeiten?“, fragt der Rotblonde grinsend.
„Sind wir irgendwie verwandt?“
„Nein, ich glaube nicht. Wieso?“ Er wirkt erstaunt.
„Warum quatscht du mich dann blöd an? Gib mir einen Scotch und lass mich in Ruhe, okay?“
Für einen Augenblick sieht er aus, als würde er gleich etwas ganz Anderes tun. Die wenigen Gäste der Bar amüsieren sich anscheinend bestens. Schließlich grinst der Rotblonde wieder, diesmal etwas gezwungen.
Und er gibt mir meinen Drink, ohne ein weiteres Wort.
Ich trinke das Glas in einem Zug leer und schiebe es ihm hin. Wortlos füllt er es nach und schiebt es vor mich. Diesmal warte ich mit dem Trinken.
Von hier aus würde ich keine fünf Minuten zu Brodwich brauchen. Und ich hasse es, wenn ich so unentschlossen bin. Obwohl, unentschlossen bin ich gar nicht. Ich habe nur Angst. Vor was eigentlich?
Davor, selber getötet zu werden? Klar, wenn er meinen Bruder ermordet hat, dürfte er kein Problem damit haben, mich auch zu beseitigen. Dass er niemand ist, der viel nachdenkt, ist offensichtlich. Würde Savage nicht so hartnäckig schweigen, hätte die Polizei ihn schon längst geholt. Natürlich nur, wenn er auf sie wartete. Was nicht sicher ist. Kann sein, dass er schon abgehauen ist. Dann mache ich mir völlig überflüssigerweise Gedanken.
Oder er ist wirklich ein Vollidiot ohne Skrupel. In dem Fall sollte ich wirklich Angst haben. Solche Leute sind gefährlich. Sie denken nicht darüber nach, welche Folgen ihr Handeln hat, weil es ihnen vollkommen egal ist. Ich muss das wissen, solche Anwandlungen habe ich auch.
Wenn er auf mich losginge, könnte ich mich dagegen wehren? Frei von jeder Skrupel? Nicht die Schläge abbremsen wie beim Training, sondern alles voll durchziehen.
Ich trinke mein Glas leer und schiebe es wieder in Richtung des Rotblonden.
„Bist du sicher?“, fragt er.
„Ich glaube das einfach nicht. Wenn wir nicht miteinander verwandt sind, kannst du nicht mein Vater sein. Oder habe ich gerade Halluzinationen?“
Einige in der Nähe grinsen, aber er findet es nicht witzig.
„Hör zu, geh lieber, bevor ich meine Geduld verliere. Hast du überhaupt Geld?“
Ich krame in meiner Hosentasche und lege einen Haufen zerknüllter Geldscheine auf die Theke.
„Reicht das?“ Es sind, grob geschätzt, dreihundert Newoper Dollar.
Er nimmt einen Zehner, legt stattdessen das Wechselgeld hin und sagt: „Jetzt hau ab.“
Die Gäste beobachten mich neugierig. Ich sollte ihm die Zähne ausschlagen, und kurz denke ich sogar ernsthaft darüber nach. Doch dann siegt die vernünftige Fiona.
Erstens hast du noch nie jemanden verprügelt, der dich nicht angegriffen hat. Bloß weil er blöd ist, kannst du ihn nicht schlagen. Dann müsstest du ja fast jeden Menschen durchprügeln.
Zweitens könntest ja mal an jemanden geraten, der besser ist als du.
Na ja, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und das weißt du auch.
Ja ja, du eingebildete Idiotin. Okay, und drittens ruft jemand die Polizei und das war es mit deinem Rachefeldzug.
Okay, das ist ein Argument.
Ich nehme mein Geld und stopfe es wieder in meine Hosentasche. Nach einem Ich-könnte-dich-töten-aber-du-hast-nochmal-Glück-gehabt-Blick auf den Jungen verlasse ich die Bar und bleibe draußen stehen.
Und jetzt?
Ich spüre, dass ich jetzt wütend bin. Irgendjemand muss leiden. Wer ist dafür besser geeignet als Brodwich? Niemand.
Ich lasse mein Auto stehen und gehe zu Fuß. Nach Möglichkeit im Schatten.
Die Adresse, die ich gefunden habe, ist ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Passt ja echt gut, hier werde ich Blumen für seinen Grab bestellen.
Die Tür ist nicht ganz zu, ich betrete den muffigen Hausflur. Einen Aufzug gibt es, aber ich nehme lieber die Treppe. Außerdem muss ich eh nur eine Etage höher.
Hier gibt es vier Wohnungen, an einer steht Brodwich. Kein Vorname. Irgendwie hingekritzelt, das spricht für meine Nicht-sehr-intelligent-Theorie.
Ich atme tief durch, dann drücke ich die Klingel und trete sicherheitshalber auch noch ein paarmal gegen die Tür.
Danach passiert – erst einmal gar nichts.
Verdammt!
Ich wiederhole die Prozedur. Nach ein paar Sekunden wird die Tür nebenan aufgerissen und eine Frau, grob geschätzt Ende 50, starrt mich aufgebracht an.
„Was soll das?!“
„Ist er da?“
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Was willst du denn von ihm? Sonst bestellt er doch seine Nutten auch nicht tagsüber her.“
Schon wieder werde ich für eine Hure gehalten. Das sollte mir zu denken geben. Es kann doch unmöglich nur an der Kleidung liegen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass Nutten in solche Stiefeletten herumlaufen. Okay, die ziemlich kurzen Jeans und das Top passen vielleicht. Trotzdem, aus der Zeit mit Greg weiß ich, dass ich keine typische Arbeitskleidung einer Prostituierten trage.
„Ich will nur mit ihm sprechen“, erwidere ich. „Bin keine Hure.“
„Ja, klar. Dann versuchs mal im ‚Derek‘, um die Zeit ist er oft da.“ Und knallt die Tür zu.
Na toll. Und jetzt?
Ich gehe nach draußen und setze mich auf die Bordsteinkante. Dann wird mir bewusst, wie das aussieht, und ich stehe wieder auf. Nach kurzem Zögern gehe ich einfach los. Da ich von links gekommen bin, gehe ich nach rechts.
Wenn ich „Derek“, vermutlich eine Kneipe, innerhalb der nächsten Viertelstunde finde, dann gehe ich hinein. Was ich dann mache, weiß ich zwar noch nicht, aber das sehe ich ja dann.
Und wenn ich es nicht finde, gehe ich zurück zum Auto, fahre nach Hause, schnappe mir meinen besten Freund Johnny und betrinke mich, egal, was mein Vater davon hält.
Und gebe der Polizei das Kennzeichen.
Vielleicht auch andersherum. Obwohl, vielleicht komme ich ins Gefängnis, für das Vorenthalten von Informationen. Ich sollte mich zuerst besaufen und dann …
„Derek“.
Ist tatsächlich eine Kneipe.
Aus den gekippten Fenstern dringt der typische Lärm. Voll scheint es nicht zu sein, aber es sind schon einige Leute drin.
Ich blicke mich um. In der Hitze niemand auf der Straße, von einer dämlichen Blondine mal abgesehen.
Es sieht nicht sehr einladend aus. Ob ich gleich da liegen werde, verprügelt oder gar totgeschlagen? Oder nackt und vergewaltigt?
Puh.
Ich atme tief durch, dann betrete ich die Höhle des Löwen.
Drinnen ist es angenehm kühl. Sieht sauber aus, aber es stinkt nach Alkohol und Tabak. Hauptsächlich nach Zigaretten, aber auch Zigarrengestank ist dabei.
Ich zähle schnell die Leute. Neun, einschließlich des vierschrötigen Barkeepers. Alle sehen irgendwie gefährlich aus. Nicht wie diese jugendlichen Gangmitglieder, mit denen ich herumhing, als ich mit Greg zusammen war. Schon die wären unangenehm. Aber diese Kerle hier sind es gewohnt, dass es auch mal Tote gibt.
Ich bin wahnsinnig, aber so richtig.
Alle Augen richten sich auf mich, während ich zur Bar gehe. Vermutlich passe ich hier hinein wie ein Eisbär in eine Bar auf Hawaii. Oder so ähnlich. Wie komme ich grad auf einen so bescheuerten Vergleich?
Ich rutsche auf einen Hocker, neben einem rotblonden Kerl, der mit auch braunen Augen amüsiert ansieht. Seine muskulösen Unterarme sind tätowiert.
„Hast du dich verirrt?“, erkundigt er sich.
„Wenn ich mir dich so ansehe, dann ja“, erwidert jemand, den ich nicht kenne, mit meiner Stimme. Hey, hallo? Bist du wahnsinnig? Lebensmüde?
Der Rotblonde lacht nur. „Verpiss dich besser, Baby. Noch habe ich gute Laune.“
„Erst will ich Charles Brodwich sprechen. Ist er hier?“
Jetzt wird er schlagartig ernst. Nicht nur er, alle anderen auch.
„Was willst du von ihm?“
Ein anderer ruft einem riesigen Glatzkopf zu: „Hey, hast du echt eine Nutte hierher bestellt?“
Ich starre den Kerl an, der Brodwich zu sein scheint. Heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen. Er ist groß, durchtrainiert, glatzköpfig, gepierct, trägt ein Body-Shirt und eine Armeehose. Wenn ich gegen seine Bauchmuskeln schlage, breche ich mir die Finger. Dabei kann ich dicke Bretter und Steine zertrümmern, aber das kann er wahrscheinlich auch. Mit der Stirn.
Verdammte Scheiße.
Er steht auf und kommt zu mir, bleibt neben mir stehen, fast auf Tuchfühlung. Riecht gut, nach irgendeinem sportlichen Duschzeug. Unter anderen Umständen, auf einer Party, würde er vielleicht sogar mir gehören, nach dem fünften Glas Whisky.
Nochmal Scheiße. Er hat vielleicht meinen Bruder umgebracht.
„Hast du meinen Bruder getötet?“
Seine Augenbrauen laufen nach oben. „Wen?“
„Meinen Bruder. Norman Carter.“
„Du spinnst wohl. Verpiss dich hier!“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packt er mich an den Oberarmen und hievt mich vom Hocker, dann stellt er mich auf die Füße und gibt mir einen Stoß Richtung Tür.
Ich fange mich und fahre herum. Spüre förmlich, wie irgendwo eine Sicherung durchbrennt, tief in mir. Die vernünftige Fiona will etwas sagen, aber sie wird von derjenigen, die jetzt das Sagen hat und die mir völlig fremd ist, gnadenlos in eine dunkle Ecke verbannt.
„Du bist ja immer noch da“, sagt Brodwich grinsend.
Dann vergeht ihm das Grinsen. Ich springe aus dem Stand hoch, drehe mich um die eigene Achse und treffe mit dem Absatz seine Nase. Die Wucht schleudert ihn gegen die Theke, er rudert wild mit den Armen und fällt dann um, mehrere Hocker mit sich reißend.
Meine Absicht, mich auf ihn zu stürzen, um die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, wird vom Rotblonden durchkreuzt. Er packt mich am rechten Oberarm und zieht mich zurück. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als meine linke Faust seine Nase trifft. Und um sicherzugehen, jage ich ihm noch das Knie in die Weichteile. Aufjaulend krümmt er sich nach vorne, aus seiner Nase spritzt Blut.
Damit habe ich wohl jeden in der Kneipe gegen mich aufgebracht, jedenfalls erheben sich die anderen sechs ziemlich hastig und der Wirt hält plötzlich einen Stock in der Hand. Vielleicht einen Baseballschläger, keine Ahnung, mir fehlt die Zeit, das Ding genauer anzuschauen, denn ich sehe mich sechs entschlossen dreinblickenden Jungs gegenüber, die ihre eh kaum vorhandene Hemmung, eine Frau zu schlagen, gerade ganz abgelegt haben.
Der Rotblonde ist außer Gefecht, Brodwich noch nicht wieder einsatzfähig und auch kaum in der Lage, wegzurennen.
Na dann.
Von rechts kommen zwei, von links vier Jungs. Zum Glück für mich nicht besonders koordiniert, sonst hätte ich vermutlich nicht einmal die klitzekleine Chance, die ich mir hastig ausrechne.
Ich wende mich schnell nach rechts, weil sie damit nicht rechnen. Ein etwas kleinerer Typ in Jeans und T-Shirt, extrem muskulös. Er darf mich nicht in die Finger kriegen, und mein Tritt in seine Eier verhindert es, mit voller Kraft, ungebremst, was bei meiner Technik nach über zehn Jahren Kampfsport jeden Kerl für Stunden außer Gefecht setzen würde.
Ihn auch. Er schafft es nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Er verfärbt sich unglaublich schnell, wird erst weiß, dann blau, bevor er stumm auf die Knie und dann nach vorne fällt.
Noch sechs, mit dem Wirt. Nicht einmal die Hälfte geschafft. Das wird hart.
Der andere von rechts ist drahtig, wie Dick und Doof. Und er ist doof. Aber nicht doof genug. Jedenfalls scheint er zu kapieren, dass ich nicht einfach nur Glück habe, sondern gelernt habe, zu kämpfen.
Er packt den nächstbesten Stuhl und wirft ihn nach mir. Zwar kann ich ihm ausweichen, aber das lenkt mich ab, dadurch schafft es einer von der anderen Seite, mir einen Stoß zu verpassen, der mich geradewegs in die Arme von Doof treibt.
Er dreht mich um und legt seinen Arm um meinen Hals. Sein Unterarm drückt gegen meine Kehle und schnürt mir die Luft ab.
„Das reicht jetzt aber“, keucht er.
Ich starre den Kerl an, der mich in seine Arme gestoßen hat. Er ist jung, höchstens in meinem Alter. Narben in seinem Gesicht zeugen davon, dass er schon Straßenkämpfe ausgefochten hat. Und ich vermute, seine Gegner sind nicht mehr alle am Leben, wenn er so aussieht. Das waren Kämpfe, bei denen es um mehr als nur ein Mädchen ging.
Mit einem Springmesser in der rechten Hand kommt er auf mich zu. Ich halte den Unterarm von Doof fest, ohne ihn wegziehen zu können. Der Kerl ist überraschend kräftig.
Und er ist überrascht. Als ich nämlich meinen rechten Fuß hochschnellen lasse, an meinem Kopf vorbei gegen seine Lippen. Er stöhnt auf, lässt mich los und torkelt zurück.
Der mit dem Messer ist auch überrascht. Wenigstens kurz. Sehr kurz, eigentlich. Doch mir reicht es. Ich habe gelernt, gegen Bewaffnete vorzugehen. Mit der linken Handkante blocke ich seinen Unterarm, der danach gebrochen zu sein scheint, das Knie jage ich zwischen seine Beine und mit der Stirn nehme ich seine Nase in Empfang.
Gelernt ist gelernt.
Fünf. Oder vier, je nachdem, in welchem Zustand sich Doof befindet. Um den kann ich mich jetzt aber nicht kümmern, denn nun kommt sogar der Wirt hinter der Theke hervor, mit seinem Baseballschläger oder was auch immer. Und da sind noch drei andere von vorne, die sich bisher zurückgehalten haben, um dem mit dem Messer nicht in die Quere zu kommen.
Jetzt lassen sie dem Wirt den Vortritt, der seine Keule in meine Richtung schwingt. Ich weiche mehrmals aus, bis ich gegen einen Tisch stoße. Jetzt erwischt mich die Keule. Zum Glück streift sie mich am Kinn nur, sonst hätte ich danach keine Zähne mehr. Aber selbst so tut es höllisch weh und treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr instinktiv als gewollt wehre ich den nächsten Schlag ab, indem ich mich nach vorne, dem Kerl entgegen, werfe. Damit rechnet er anscheinend nicht.
Mit der linken Hand halte ich seinen Schlagarm fest. Das sind nur Sekunden, er ist eigentlich viel zu kräftig für mich, aber mir reichen die Sekunden. Die rechte Hand lege ich auf seinen Nacken, dann wieder, wie bereits bewährt, mein Knie zwischen seine Beine. Als er sich vorbeugt, reiße ich das Knie erneut hoch, während ich seinen Kopf mit aller Kraft nach unten drücke. Knie, Nase, Zähne haben eine unheilvolle Begegnung.
Mein Knie tut danach zwar weh, aber im Vergleich zum Wirt geht es mir richtig gut. Er sieht beschissen aus, soweit ich es erkennen kann. Wenn ich es richtig gehört habe, sind mehrere Zähne gebrochen. Die Nase vielleicht auch.
Drei. Aber die sind jetzt richtig wütend. Auch Doof ist wieder einsatzbereit, wie ich mit einem Blick nach hinten feststelle. Sieht zwar aus wie ein Zombie, weil sein Mund und Kinn blutverschmiert sind, aber er dürfte von Adrenalin geflutet sein.
Wie ich auch.
Jetzt kann ich nur auf meine Schnelligkeit und die exakten Treffer hoffen. Mehr als einen Versuch habe ich bei keinem.
Zuerst nehme ich mir Doof vor, damit ich den Rücken frei habe. Wieder die Drehung um die eigene Achse, diesmal ohne Sprung. Absatz gegen Lippen, das tut so richtig schön weh. Sein Kopf fliegt in den Nacken, gefolgt vom Rest des Körpers, der mehrere Stühle und einen Tisch unter sich begräbt.
Allerdings warte ich es nicht ab, bis es so weit ist.
Drei. Von vorne.
Sie sind unsicher geworden, ich sehe es an ihren Augen. Ich habe etwas geschafft, womit sie nicht gerechnet haben. Ich ja auch nicht. Sechs von ihnen sind mehr oder weniger kampfunfähig.
Zwei jüngere Männer, etwa in meinem Alter. Einer stämmig, aber nicht dick, Anfang 40, schätze ich. Er ist in der Mitte.
„Okay, überlasst sie mir“, sagt er und leckt sich die Lippen. Mit der Hand greift er nach hinten. Möglich, dass er eine Pistole hat, und ich sollte nicht abwarten, bis er sie nach vorne geholt hat. Und wenn es nur ein Messer ist, sollte ich trotzdem nicht warten.
Ich setze mich in Bewegung, bevor er zu Ende gesprochen hat. Während ich auf ihn zuspringe, packe ich etwas, was ich erwischen kann. Einen Stuhl, den ich nach ihm werfe. Er rudert mit einem Arm, dadurch sehen die beiden Jungs sich gezwungen, in Deckung zu gehen. Und der Ältere kann sich nicht auf seine andere Hand konzentrieren, was er auch immer darin hat.
Ich nutze den Schwung vom Stuhlwerfen, um hochzuspringen und mich zu drehen. Ich muss genau treffen, wenn ich ihn nicht beim ersten Mal ausschalte, könnte es verdammt eng werden.
Mit der linken Ferse treffe ich seine Schläfe. Da ich mich nach links gedreht habe, steckt dahinter die Wucht einer fast vollständigen Drehung. Er hebt regelrecht ab und landet auf einem Tisch, der dieser unerwarteten Belastung nicht standhält und zusammenkracht.
Er hat tatsächlich eine Pistole.
Die beiden Jungs sehen sie auch, doch sie haben schlechtere Reflexe als ich. Ich springe gegen denjenigen, der näher dran ist, das linke Knie angezogen. Mit den Fingern kralle ich mich in seine Haare, das Knie trifft seine Nase. Wir fallen beide um, ich auf ihn.
Mein Knie tut höllisch weh.
Noch einer.
Ich erhebe mich und starre ihn an. Er starrt mich an, dann die Pistole. Um an sie zu kommen, müsste er an mir vorbei. Und davor scheint er Angst zu haben.
Ich warte nicht ab, bis er sich entscheidet. Da ich nicht weiß, ob er nicht eine Nahkampfausbildung hat, gehe ich kein Risiko ein. Ich täusche einen Seitwärtskick an, als er seinen linken Arm hebt, um zu blocken, drehe ich mich nach links und treffe mit den Handknöcheln seine ungeschützte rechte Gesichtshälfte. Ich kann das Krachen hören, dann sehe ich Blut aus seinem Mund spritzen. Wahrscheinlich hat er sich die Zunge abgebissen.
Null.
Ich wende mich Brodwich zu. Er ist gerade dabei, sich an der Theke hochzuziehen. Seine Nase sieht gebrochen aus, sein Gesicht ist voll mit Blut.
Ich nehme Anlauf. Er sieht mich kommen, ist aber in seinem Zustand zu langsam. Mit dem Ellbogen voran springe ich gegen seine Brust. Erstaunlicherweise scheinen die Rippen zu halten, obwohl er die Theke im Rücken hat. Allerdings berührt er diese schon, bevor ich ihn treffe, das verhindert wohl die Rippenbrüche.
Aber auch so setzt der Treffer ihn außer Gefecht, denn atmen kann er auf keinen Fall mehr. Er rutscht auf den Boden und schnappt verzweifelt nach Luft.
Ich hocke mich auf ihn und hole mit der rechten Faust aus. Eigentlich will ich ihm das Nasenbein zertrümmern. Und dann den Kehlkopf. Das sollte ihn töten.
Aber ich kann nicht.
Ich starre keuchend in seine aufgerissenen Augen.
Ich bin keine Mörderin.
Ich kann keinen wehrlosen Menschen töten.
Vor Wut schreiend packe ich mit beiden Händen sein linkes Handgelenk und reiße den Arm hoch, während mein rechtes Knie seinen Ellbogen unten hält. Das Krachen der Knochen geht in seinem Gebrüll unter.
Mit dem anderen Arm mache ich dasselbe, dann erhebe ich mich schwerfällig.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich aus der Nase blute. Irgendwann im Kampf muss ich mir einen Treffer eingehandelt haben, ohne es zu merken. Meine Knie und das Kinn, wo mich der Baseballschläger erwischt hat, tun höllisch weh.
Die Ersten rühren sich bereits wieder.
Ich fahre herum und renne nach draußen. Ohne nachzudenken, wende ich mich nach links und laufe durch, bis ich an meinem Auto ankomme. Immer noch ohne Zutun des Verstandes werfe ich mich hinters Steuer, starte den Motor und fahre mit quietschenden Reifen los.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, sind die Vögel, die über dem Meer kreisen.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe auf einem einsamen, kleinen Parkplatz an der Küste. Da es hier keinen Strand in der Nähe gibt, auch keinen Weg am Wasser entlang, verirren sich nur selten Leute hierher. Zumal es kaum Hinweisschilder gibt. Hier existierte mal ein kleines Café, aber das ist schon lange her.
Ich starre meine Hände an, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel sind wund.
Was habe ich getan?
Und vor allem, wie habe ich das geschafft? Neun Männer, die es gewohnt sind, echte Kämpfe auszutragen. Ich hätte zwei, drei von ihnen dank meiner Kampfsporterfahrung schaffen können, aber neun? Wie ist das möglich?
Ich lasse das Lenkrad los und suche etwas, um mich zu säubern. Im Handschuhfach finde ich Papiertücher. Als ich sie raushole, merke ich, wie meine Hände zittern.
Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, steige ich aus dem Auto und gehe ans Wasser. Die zerklüfteten Steine sind glitschig, mehrmals falle ich fast auf die Schnauze. Doch schließlich erreiche ich mein Ziel und wasche meine Hände und das Gesicht, so gut es geht. Am Auto trockne ich mich mit den Tüchern ab.
Dann starre ich auf das Meer hinaus und versuche zu kapieren, was eigentlich geschehen ist.
Ich weiß, dass ich sehr gut im Kampfsport bin. Ich trainiere ja auch seit zwölf Jahren intensiv. Einmal, wirklich nur einmal, habe ich selbst den Meister geschlagen.
Aber neun Männer? Neun solche Männer, die nicht übermäßig skrupelbehaftet sind und kein Problem damit haben, eine Frau zu schlagen, wenn sie nicht spurt? Die mit Sicherheit schon etliche Kämpfe ausgetragen haben, auf der Straße, nicht im Ring?
Wie kann das sein?
Oh Mann.
Ich versuche, mich an den Ablauf des Kampfes zu erinnern. Die Männer haben mich zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig angegriffen, aber das wäre auch nicht gegangen. Einerseits hätten sie sich gegenseitig behindert, andererseits stand einiges an Mobiliar im Weg herum. Und ich hatte verdammtes Glück, dass der Baseballschläger mich nicht richtig erwischt hat. Ich hätte sonst einige Zähne weniger.
Das alles ändert nichts daran, dass ich bescheuert bin. Und anscheinend einfach nur unglaubliches Glück hatte.
Ja, es war Glück, mehr nicht.
Ich steige wieder in mein Auto und fahre zum Abtanzen.

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Leseprobe: Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens

Leslie (2006)

Leise rieselt der Schnee.
In Dannys Bauch rumort es. Ich kann es deutlich hören, während ich mit dem Kopf auf ihm liege. Ist aber auch kein Wunder. Nach einem ganzen Tag bei meinen Eltern, und das am ersten Weihnachtstag, das verkraftet auch ein Hundemagen nicht mal einfach so.
Ich liebe unseren kuscheligen Teppich im Wohnzimmer. In der Dunkelheit draußen tanzen dicke Schneeflocken, aber ich liege nackt im warmen Zimmer, der Hund schlafend unter mir, und es geht mir irgendwie gut.
Irgendwie schon. Nach den Ereignissen der letzten Wochen gar nicht so selbstverständlich. Ich lasse den Tag Revue passieren. Die Gespräche mit meiner Mutter. Den langen Spaziergang mit allen, den Hund, der übermütig durch die Gegend tollte, die Sonne, die sich im Schnee spiegelte. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, kurz bevor wir nach Hause kamen, hatte es angefangen zu schneien. So heftig, dass wir schon nach den wenigen Metern zwischen den beiden Häusern weiß vor Schnee waren.
„Schatz“, sage ich.
„Ja?“, fragt James von hinten.
„Was machst du?“
„Ich lese.“
„Aha.“
„Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Ich höre ihn seufzen, gleich darauf legt er sich hinter mich. Sein kräftiger Arm zieht mich an seinen nackten Körper.
„Manchmal bist du typisch Frau“, sagt er und knabbert an meinem linken Ohr.
„Was macht mich so typisch?“
„Eine typische Frau sagt niemals und unter gar keinen Umständen, was sie wirklich will und meint.“
„Wusste gar nicht, dass du solche Vorurteile hast.“
„Das ist kein Vorurteil, sondern das Ergebnis empirischer Langzeitforschung.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Ach, Schatz, kannst du denn damit leben, dass ich eine Frau bin?“
„Da es Weihnachten ist, werde ich das tun.“
„Ein tolles Geschenk“, flüstere ich. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren könnte.“
„Oh, ich wüsste schon was …“
„Schon wieder?“ Ich drehe den Kopf so, dass ich ihn ansehen kann. Sein Gesicht ist direkt über mir.
„Ausgrechnet du fragst das?“
„Ja. Bin grad so schön entspannt.“
„Das kommt wirklich nicht oft vor.“ Er küsst meinen Mund. „Wir müssen nichts. Das ist okay.“
„Vielleicht nachher.“
Da wird dann doch nichts daraus. Wir beschließen irgendwann gemeinsam, dass wir schlafen gehen. Eine wohltuende Schläfrigkeit hat uns fest im Griff. Wir schaffen es gerade noch, Danny in den Garten und wieder rein zu lassen, dann taumeln wir nach oben und fallen ins Bett. Ich schlafe ein, noch bevor ich richtig im Bett liege …
… und schrecke dann hoch.
Es ist dunkel.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Eine Minute? Eine Stunde?
Und was hat mich überhaupt geweckt?
Hinter mir höre ich ein Stöhnen. Erschrocken fahre ich herum und starre James an. Er liegt auf dem Rücken und das vom Schnee reflektierte Mondlicht lässt die Tränen auf seinem Gesicht glänzen.
„James! Was ist los? Hast du Schmerzen?“
Er schüttelt den Kopf, während ich ihn abtaste. „Ich … ich habe geträumt. Von Leslie. Sie hat gesagt, sie musste sterben, weil ich nicht aufgepasst habe.“
„Das ist nicht wahr, und das weißt du auch.“
James setzt sich auf. „Und wenn sie das wirklich glaubt? Du hast gesagt, Norman ist auch noch in seinem alten Dasein gefangen. Vielleicht irrt Leslie irgendwo in der Gefrorenen Welt herum und kann sich nicht lösen!“
„Das ist möglich“, erwidere ich leise. „Sie starb unerwartet und brutal, dann kommt das schon mal vor.“
„Na siehst du. Vielleicht bin ich ihr im Traum begegnet. Oder es war eine Botschaft von ihr.“
Ich mustere ihn und kaue dabei auf meiner Unterlippe herum. Sehr bedenklich, dass er darauf überhaupt nicht reagiert.
„James, ich …“
„Bitte, Fiona, einen solchen Schmerz kann man nicht mit Worten bekämpfen.“
Das weiß ich. Aber das macht es nicht besser. Ich setze mich auf und seufze.
„Fiona?“
Ich blicke ihn an. „Hör zu, James, ich weiß, was du willst. Aber du bist ein Mensch. Für Menschen ist das gefährlich. Ihr habt keinen Körper, der auf Rückkehr programmiert ist.“
„Heißt das, ich muss sterben, um sie wiederzusehen?“
Ich nicke. „Du kennst das. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern.“
„Du wirst mich zurückholen.“
„Das ist Wahnsinn. Ich muss mitgehen, du hast ohne mich nicht die geringste Chance, sie zu finden. Ich kenne mich in der Verborgenen Welt aus und weiß, wie sie funktioniert.“
„Kannst du mich zurückbringen?“
„Es ist gefährlich.“
„Ja oder nein?“
„Wahrscheinlich ja. Aber es gibt keine Garantie. Warum? Warum ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren?“
„Weil du meine Frau bist und nicht meine Tochter.“
Oh Scheiße. Was habe ich angerichtet?
Oder war die Zeit einfach nur reif dafür? Immerhin hatte ich ihm genau das vorgeworfen.
„Das ist nicht fair.“
„Ist das so? Auch ich habe meinen Schmerz.“
Ich atme tief durch und nicke. „Ist gut, James. Ich werde dich zu Leslie führen. Zumindest werde ich es versuchen. Es hängt nicht nur von mir ab, ob es gelingt, sondern auch von dir. Um so tief in die Verborgene Welt vorzudringen, muss dein Körper deaktiviert werden. Ich … ich …“
„Ich nehme die Wanne“, sagt James. „Sei bereit, wenn ich komme.“
„Und wie soll ich dich reanimieren? Diesen Kerl konnte ich auch nicht zurückholen!“
„Weil er nicht wollte“, erwidert James ruhig. „Aber ich will. Ich will leben. Weil ich dich liebe.“
Verdammt. Er hat es schon wieder geschafft. Wie soll ich mich auf so einen Wahnsinn vorbereiten, wenn ich vor Tränen nicht einmal mehr meine Nasenspitze erkennen kann?
Zum Glück ist er so vernünftig und tröstet mich erst, bevor er seinen Tod einleitet. Nachdem ich wieder halbwegs zu Fiona zurückmutiert bin, gehen wir gemeinsam ins große Bad im Erdgeschoss.
„Soll ich mir was Bestimmtes anziehen? Oder eine Waffe mitnehmen?“
„James“, erwidere ich leise, „was glaubst du, wo der Spruch, das letzte Hemd habe keine Taschen, herkommt?“
„Ich werde nackt drüben ankommen?“
„Abgesehen davon, dass es nichts mit Drüben zu tun hat, ja, du wirst nackt sein, nachdem du deinen physischen Körper verlassen hast. Und du wirst keine Zeit haben für den Kulturschock, den alle haben, wenn sie das erste Mal tot sind.“
„Gut zu wissen!“
„Ja, absolut nützliche Info. Oh Mann …“
James nimmt mein Gesicht zwischen die Hände. „Mein Schatz, ich liebe dich. Du wirst dafür sorgen müssen, dass ich lange genug unter Wasser bleibe.“
„Du willst, dass ich dich umbringe?“
„Ja. Meine Reflexe würden es verhindern.“
„Du musst nur unter Wasser tief durchatmen.“
„Wenn ich dann auftauche, würde ich nicht sterben. Ich habe das trainieren müssen.“
Ach ja, er war ja mal Geheimagent.
„Halt mich unter Wasser, nachdem ich durchgeatmet habe. Okay?“
Ich nicke und sage lieber nichts.
James lässt Wasser in die Wanne einlaufen. Unterdessen betrachte ich ihn. Ich kann mir grad überhaupt nicht vorstellen, seinen Kopf gleich unter Wasser zu drücken, auch gegen seinen Willen. Ich war schon so oft tot, dass ich vergessen habe, dass der Tod für manche … für die meisten Menschen etwas Endgültiges ist. Normalerweise.
Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich ihn nicht davon abhalten kann. Und es ist mir wesentlich lieber, er macht es zusammen mit mir als ohne mein Wissen und ohne meine Hilfe.
„Es ist so weit“, sagt er und stellt das Wasser ab.
Ich nicke erneut.
„Wie … wie finden wir uns?“
„Ich werde dich finden“, erwidere ich und meine Stimme hört sich ungewohnt rauh an. „Ich muss ja auch nicht mehr sterben, um in die Verborgene Welt zu gelangen.“
„Sehr praktisch.“
„Bloß nicht neidisch werden! Ich musste oft und oft genug schmerzvoll sterben, um diese Fähigkeit zu erlangen.“
„Sorry. Nun denn, auf geht’s!“
James steigt in die Wanne und legt sich auf den Rücken. Nur sein Gesicht schaut aus dem Wasser. Ich gebe ihm schnell einen Kuss, bevor er ganz untertaucht.
Seine Augen sind weit geöffnet und starren mich an. Dann schließt er sie kurz und atmet tief durch.