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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo wir gestern auch waren.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Wieso ist es schon dunkel? Das bedeutet, es ist mindestens acht Uhr abends. Und das ist gar nicht gut.
Ich überlege kurz, dann lasse ich mich in meinen Bürosessel fallen und rufe mit dem Handy James an. Er ist schnell dran, also wartet er bereits.
„Hunger“, sagt er statt der Begrüßung.
„Du hast Hunger?“
„Ich auch. Aber ich kann mir was zu essen machen.“
„Tut mir leid“, erwidere ich lachend. „Ich komme grad aus einem Meeting, das länger gedauert hat. Du könntest Sandra trotzdem schon was geben. Im Kühlschrank ist ja noch was da. Musst du nur warm machen.“
„Bist du da nicht die Chefin? Wieso dauerte das Meeting so lang?“
„Haha. – Ich check noch meine Mails, dann komme ich. Gehen wir heute aus?“
„Mit einem Baby?“
„Wozu wohnen meine Eltern direkt nebenan? Aber wir müssen nicht.“
„Mal sehen. Hängt davon ab, wann du nach Hause kommst.“
„Sehr witzig. So lange werde ich ja wohl nicht brauchen. Bis später, mein Schatz.“
Ich lege das Handy neben die Tastatur und überfliege meine Mails. Um diese Zeit kommen nicht so viele neue rein, zwei beantworte ich gleich, dann fahre ich meinen Rechner herunter.
Das Display des Handys wird hell, bevor der Klingelton losgeht.
Dass Bens Name zu sehen ist, gefällt mir gar nicht. Für einen kurzen Moment überlege ich sogar, ob ich drangehen soll. Doch dann siegt mein Pflichtbewusstsein.
„Hi Ben.“
„Kannst du herkommen?“
Ich stutze. Das ist eigentlich überhaupt nicht Bens Art. Nicht einmal, als Emily die Bank überfallen hat, klang er so.
„Alles in Ordnung, Ben?“
„Nein, nicht wirklich. Hier läuft einer durch die Gegend, der seit zwei Jahren tot ist.“
„Aha. Und was habe ich damit zu tun?“
„Na, Übernatürliches ist doch dein Gebiet.“
„Übernatürliches? Ben, du redest nicht etwa davon, dass da einer durch die Gegend läuft, der wirklich tot ist?“
„Doch, genau davon rede ich. Ich bin auf dem Friedhof in Newvil, weil der Friedhofswärter uns angerufen hat. Er sah eine verdächtige, nackte Gestalt herumlungern, als er sie zur Rede stellen wollte, hat sie ihn weggestoßen, dann ist sie weggerannt. Der Wärter hat seine Spur zurückverfolgt und kam zu der Gruft der Burtons. Sie ist offen, einer der Särge ebenfalls. Und leer ist der auch noch.“
„Und woraus schließt du auf Übernatürliches?“
„Der Wärter behauptet, er hätte den Nackten erkannt. Er hat ihn bei der Aufbahrung vor zwei Jahren im Sarg liegen sehen. Einer der Toten des Massenunfalls vom 3.9.2005. Ich weiß nicht, ob du dich an den Nebel erinnerst, der an dem Tag die ganze Stadt bedeckt hat.“
„Schwach“, erwidere ich nachdenklich. „Glaubst du ihm?“
„Jedenfalls ist die Leiche weg. Und er will einem nackten Mann begegnet sein, der aussah wie der Tote. Hinzu kommt, dass es keine Einbruchsspuren in der Gruft gibt. Im Gegenteil, es sieht so aus, als wäre sie von innen aufgebrochen worden.“
„Ups. Hör zu, Ben, ich habe noch nie von herumirrenden Leichen gehört, das wäre selbst für mich neu.“
„Hältst du es für ausgeschlossen?“
„Machst du Witze? Ich halte gar nichts mehr für ausgeschlossen.“
„Ich auch nicht. Also, kommst du?“
„Ja“, antworte ich unbegeistert. Wieso muss James immer recht behalten?
Ich ziehe meine Jacke an und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Es stehen nur noch wenige Autos da, unter anderem meins. Auf dem kurzen Weg vom Aufzug zum Auto spüre ich die Kälte, die von draußen kommt.
Während der Fahrt zum Friedhof rufe ich James an.
„Hunger“, sagt er. „Wie ich höre, bist du schon auf dem Weg. Und weil du anrufst, bist du nicht auf dem Weg zu uns.“
„Ich muss eine Leiche einfangen.“
„Eine was?“
„Eine Leiche.“
„Einfangen?“ Okay, James ist erschüttert. Zumindest für seine Verhältnisse.
„Da läuft ein Toter herum und ich soll ihn einfangen.“
„Du redest von einem, der richtig tot ist?“
„Zumindest war er es angeblich. Etwas über zwei Jahre lang. Und jetzt läuft er durch die Gegend.“
„Klingt gruselig. Und wo fährst du jetzt hin?“
„Zum Newviller Friedhof.“
„Oh, wie stimmungsvoll. Oktober, abends im Dunkeln. Das passt ja gut. Bist du sicher, dass dich da nicht jemand verarschen will?“
„Das traue ich Ben nicht zu.“
„Also hat er dich angerufen. Schade, das macht die Sache ernst. Weck mich, wenn du nach Hause kommst, ich bin neugierig.“
„Äh, sag mal …!“ Ich atme tief durch. „Ja, ist gut.“
„Dann viel Spaß bei der Zombiejagd.“
Ich starre entgeistert das Display von der Freisprechanlage an und fahre fast gegen ein parkendes Auto. Verdammt, Zombiejagd?
Am Friedhof ist nicht viel los. Ich kann verstehen, dass Ben in dieser Sache Aufsehen vermeiden möchte. Er steht neben seinem Wagen in Gesellschaft von zwei uniformierten Polizisten und eines weiteren Mannes. Das wird der Wärter sein.
Ich parke meinen Wagen neben ihnen und steige langsam aus. Hier ist es noch kälter als in West Town. Liegt ja auch höher, der Friedhof sogar am Waldrand. Ich ziehe die Jacke eng um mich und schlage den Kragen so hoch, wie es nur geht.
„Hi“, sage ich zu der Versammlung. „Ich nehme an, eure Leiche ist noch nicht wieder aufgetaucht?“
„Nein, die läuft noch herum“, antwortet einer der Polizisten grinsend. „Ich halte das Ganze für irgendeinen dummen Streich, der allerdings langsam lästig wird.“
„Das ist kein Streich!“, erwidert der, den ich für den Friedhofswärter halte. „Ich bin Martin Cartwright, der Friedhofswärter.“
„Fiona. Also, nochmal für Doofe. Sie haben einen nackten Mann auf dem Friedhof gesehen?“
„Ich habe ihn nicht bloß gesehen, sondern angefasst, um ihn festzuhalten. Er stand ganz nahe vor mir und ich konnte deutlich sein Gesicht sehen. Es war Victor Burton, den ich gesehen habe. Oder sein Zwillingsbruder. Aber ich glaube, er hat keinen.“
„Man kann heutzutage sehr echt wirkende Masken herstellen“, sagt der Polizist, der vorhin schon gesprochen hat. „Und in einer solchen Situation können einen die Augen auch schon mal täuschen. Also, ich glaube wirklich nicht an Geister.“
„Und wozu dann das Ganze? Für einen Streich etwas zu viel Aufwand, oder?“
Da hat Martin recht.
„Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen“, bemerke ich. „Kann ich mir die Gruft ansehen?“
Martin nickt und geht los. Wir folgen ihm. Ben gesellt sich zu mir und fragte leise: „Was denkst du wirklich?“
„Ich habe gelernt, dass alles möglich ist. Wirklich alles. Aber ich kann mir grad nicht vorstellen, warum jemand nach zwei Jahren auferstehen und nackt durch den Friedhof rennen sollte.“
„Jedenfalls ist die Gruft aufgebrochen und einer der Särge leer, nämlich der, in dem Victor Burton gelegen hat.“
„Das ist zumindest interessant, dennoch kann es sein, dass jemand nur möchte, dass wir denken, Victor wäre auferstanden. Ich denke, im Moment ist eine nicht ganz so übernatürliche Erklärung nicht auszuschließen. Aber es kann genauso gut sein, dass wirklich einer, der schon verwest sein müsste, wieder durch die Gegend läuft. Im letzteren Fall wird es spannend.“
Wir erreichen die Gruft. Im Schein der Taschenlampen betrachte ich die Tür. Sie sieht wirklich aus, als wäre sie von innen aufgetreten worden. Das beweist zwar nichts, aber wenn jemand die Geschichte hier insziniert hat, dann hat er große Sorgfalt darauf verwendet, dabei authentisch zu wirken.
„Wollen Sie sich auch drinnen umsehen?“, fragt Martin.
„Klar.“
„Es ist aber dunkel.“
Ich blicke ihn an, dann lasse ich mir eine Taschenlampe geben und betrete die Gruft. Die anderen bleiben draußen, was mir auch lieber ist.
Es riecht moderig und nach verwesten Leichen. Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Ich spüre auch deutlich, dass sich noch nicht alle vollständig von ihrem physischen Dasein gelöst haben. Doch das ist nicht mein Problem, daher tue ich so, als würde ich das gar nicht merken.
Ich sehe sofort, welcher Sarg Victor Burton gehört, denn der Deckel liegt daneben auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er von jemandem, der in dem Sarg gelegen hat, heruntergestoßen worden.
Das wird mir jetzt langsam ein wenig zu authentisch und ich beginne, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass es wirklich Victor Burton ist, der draußen nackt herumläuft. Was ich nicht verstehe, ist, wieso er nicht verwest ist.
Sicherheitshalber werfe ich einen Blick in den offenen Sarg, aber der ist leer.
Ich gehe wieder nach draußen und zünde mir eine Zigarette an.
„Was hast du herausgefunden?“, erkundigt sich Ben.
„Der Sarg ist leer.“
„Sehr witzig! Und was noch?“
Ich zucke die Achseln. „Nichts weiter. Aber vielleicht solltet ihr in den umliegenden Häusern mal nachfragen, ob jemand etwas Ungewöhnliches bemerkt hat.“
Ben nickt den Polizisten zu, die sofort losgehen.
Ich blicke Martin an. „Ich brauche eine Liste der Beerdigungen heute und gestern.“
„Die habe ich im Büro.“
„Dann holen Sie sie bitte.“
Als auch er weg ist, sehe ich Ben an. „Da drinnen spuken einige noch herum, aber eben nicht in ihren Körpern. Ich halte es jedenfalls für immer wahrscheinlicher, dass unser Victor tatsächlich auferstanden ist.“
„Müsste er aber nicht völlig verwest sein?“
„Warum denn? Ist doch eh alles nur eine Illusion.“
„Ja, aber das bedeutet doch nicht, dass einer wieder einen vollständig wiederhergestellten Körper hat!“
„Ben, ich habe noch nie einen echten Geist gesehen, dafür aber viele andere Dinge, von denen ich früher gedacht habe, sie wären Ausgeburten von Fantasyautoren. Mich kann nichts mehr erschüttern.“
„Gut zu wissen. Und jetzt?“
Ich nehme einen letzten Zug, dann drücke ich die Zigarette aus und werfe sie fort.
„Das habe ich nicht gesehen.“
„Was denn? – Komm, wir laufen mal über den Friedhof, vielleicht begegnen wir ihm. Erzähl mir was über ihn.“
„Tja, er war das, was man einen Pechvogel nennen könnte. Er starb am 3. September 2005 bei einer Massenkarambolage aufgrund des Nebels, der an dem Tag die ganze Stadt eingehüllt hat. Am Tag zuvor hatte er geheiratet.“
„Autsch.“
„Seine Frau, also seine Witwe, die heißt Victoria, geborene Johnson.“
„Wo wohnt die? In Skyline?“
„Keine Ahnung, kann ich aber herausfinden, wenn es wichtig ist.“
„Vielleicht. Kommt darauf … dein Handy.“
Ben nickt und nimmt den Anruf an. Er hört interessiert zu, dann sagt er: „Wir kommen“ und legt auf.
„Was ist los?“
„In einem der Häuser wurde eingebrochen. Gestohlen wurde nur Kleidung. Ein Jogginganzug für Männer, Schuhe und etwas Geld. Der Dieb hat aber das Portemonnaie, Papiere, Kreditkarte, alles dagelassen, nur etwa 20 Dollar mitgenommen.“
„Reicht für ein Taxi“, murmele ich.
„Wie, was?“
„Reicht für eine Taxifahrt innerhalb von Skyline. Finde mal heraus, wo diese Victoria wohnt!“
Während Ben noch telefoniert, erreichen wir das Haus neben dem Friedhof, vor dem die beiden Polizisten herumstehen.
„Langsam kommt mir das Ganze doch etwas seltsam vor“, sagt jener, der vorhin die Masken ins Spiel gebracht hat. „Vielleicht wollte jemand jemandem einen Streich spielen und hat ihm die Kleidung geklaut.“
„Auf dem Friedhof?“, frage ich. „Haben Sie noch mehr unwahrscheinliche Vorschläge?“
„Jedenfalls wahrscheinlicher als Spukgestalten.“
Martin kommt mit einem Blatt Papier angelaufen und Ben ist fertig mit dem Telefonieren. Ich werfe pflichtbewusst einen Blick auf die Liste mit den Beerdigungen, dann blicke ich Ben fragend an.
Er nickt und sagt zu den Polizisten: „Ihr macht ein Protokoll und ich fahre mit Fiona zu Victoria Burton.“
„Und was mache ich?“, fragt Martin.
„Einen Rundgang über den Friedhof, vielleicht haben wir was Wichtiges übersehen“, antworte ich ihm.
Ben kann sich beherrschen, bis er im Auto sitzt, dann kriegt er einen Lachkrampf. Ich steige in mein eigenes Auto, zünde mir eine Zigarette an und warte. Als Ben endlich losfährt, folge ich ihm.
Victoria Burton wohnt in einer Villa, die mich eher an einen Bunker erinnert, der in einen Hügel reingebaut wurde. Wir parken vor der Doppelgarage und schlendern zum verglasten Hauseingang in der verglasten Fassade.
Sie öffnet uns in einem bodenlangen, gelben Kleid, das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist. Irgendwie macht sie den Eindruck, als hätte sie jemand anderes erwartet. Sie sieht uns fragend an.
„Guten Abend“, sagt Ben und zeigt seinen Ausweis. „Ich bin Ben Norris, das hier ist Fiona. Wir sind wegen Ihres Mannes hier.“
„Wegen meines Mannes? Ich bin Witwe.“
„Das wissen wir“, erwidert Ben nickend. „Dürfen wir hereinkommen?“
Nach kurzem Zögern nickt sie und tritt zur Seite. Sie führt uns in das große, helle Wohnzimmer. Mir fällt ein Bild auf dem Kaminsims auf, das sie mit einem jungen, gutaussehenden Mann zeigt. Hinter ihnen der Eiffelturm.
„Ist das Victor?“, erkundige ich mich.
„Ja, das ist Victor. Und wer waren Sie nochmal?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“
„Aha. Sie haben mir gar nicht Ihren Ausweis gezeigt.“
„Ich bin keine Polizistin, Victoria. Ich helfe dem Lieutenant in dieser Angelegenheit.“
„In welcher Angelegenheit?“ Sie blickt von mir zu Ben und zurück.
„Mrs Burton, Ihr Mann ist aus der Gruft verschwunden“, erklärt Ben feinfühlig. Ich habe große Lust, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen.
„Mein Mann verschwunden? Aus der Gruft?“ Sie starrt ihn aus großen Augen an. „Sie meinen, er wurde … gestohlen?“
„Nun, das wissen wir nicht so genau. Der Friedhofswärter ist auf dem Friedhof einem nackten Mann begegnet, der aussah wie Ihr Mann.“
Sie starrt ihn immer noch an, aber ich sehe ihr an, sie wird gleich explodieren.
„Sind Sie verrückt?! Wenn das ein Witz sein soll, ist das ein verdammt schlechter! Wo ist die versteckte Kamera?! Wer zum Teufel seid ihr?!“
Ich fange sie ab, als sie auf Ben losgeht und zerre sie auf die Couch. Dabei werfe ich Ben wütende Blicke zu.
„Mrs. Burton! Mrs. Burton, sehen Sie mich an!“ Als sie stattdessen versucht, auf mich einzuschlagen, packe ich ihre Handgelenke und drücke so fest zu, dass sie vor Schmerz aufschreit. Und sie sieht mich endlich an. „Mrs. Burton, ich weiß, wie verrückt das klingt. Jemand, der aussieht wie Ihr Mann vor seinem Tod ausgesehen hat, ist nackt auf dem Friedhof rumgerannt, ist dann in einem Haus daneben eingebrochen, hat Kleidung und 20 Dollar gestohlen und ist seitdem verschwunden. Ich glaube, dass er herkommen wird.“
„Aber warum?“
Ich lasse testweise ihre Handgelenke los. Sie bleibt wie erstarrt in derselben Position.
„Nun, ich kann nicht ausschließen, dass es Ihr Mann ist und Sie besuchen will.“
„Er ist tot! Seit zwei Jahren!“
„Das weiß ich.“
Sie sieht mich an, als würde sie mich zum ersten Mal wahrnehmen, und sagt: „Ich kenne Sie. Ich hab Sie schon mal gesehen. Sind Sie nicht die Wahnsinnige, die nackt auf dem Flughafen rumgerannt ist?“
„Sie wurde dazu gezwungen“, erwidert Ben.
„Schon gut, Ben. – Mrs. Burton, mir ist klar, wie absurd das für Sie klingen mag. Für gewöhnlich vermeide ich es, das zu tun, was ich jetzt tun werde.“
„Nein!“, sagt Ben.
Ich höre nicht auf ihn, sondern packe mit der linken Hand meinen ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand und knicke ihn ruckartig nach hinten. Es knackt laut und vernehmlich. Der Schmerz ist die Hölle, aber ich bin ihn gewohnt und presse nur aufzischend die Zähne zusammen.
Victoria Burton starrt entgeistert meinen gegen den Handrücken gedrückten Finger an. Ich lasse ihn los und beobachte durch den Tränenschleier, wie er sich langsam aufrichtet, bis ich ihn schließlich wieder ganz normal bewegen kann.
„Victoria, Ihr Mann wird hier früher oder später auftauchen. Ich habe keine Ahnung, wieso er wieder am Leben ist, aber er ist es.“
„Don …“, flüstert Victoria.
„Wie bitte?“
„Don … Mein Freund. Er wird gleich hier sein.“
„Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass er wieder nach Hause fahren soll.“
Victoria nickt geistesabwesend und geht zu einer Kommode, auf der eine Basisstation mit Mobilteil steht.
Während sie telefoniert, gehe ich zu Ben. Er ist etwas bleich.
„Du bist wahnsinnig!“, sagt er leise. „Das muss doch höllisch wehtun!“
„Das Abschneiden war schlimmer.“
„Erinnere mich bloß nicht daran! – Also gut, und wie geht es weiter?“
„Wir warten, bis Victor kommt.“
„Das kann ja ewig dauern!“
„Ich glaube nicht. Er muss nur ein Taxi finden und herkommen. Dann wird er eine Weile ums Haus rumschleichen. Da wir aber wieder abziehen, kommt er rein. Und weil wir ja nicht wirklich weg sind …“
„Raffiniert“, sagt Ben grinsend.
„Echt jetzt? Du wärst auch auf so eine Idee gekommen.“
„Natürlich. Allerdings habe ich nicht so viel Erfahrung mit Geistern.“
„Er ist kein Geist“, erwidere ich leise. „Ich habe eine Idee, was passiert sein könnte, will aber erst mit ihm sprechen.“
Victoria Burton ist fertig mit dem Telefonat und kommt zu uns. Sie hat Tränen in den Augen.
„Was passiert jetzt?“
„Victor wird vermutlich nicht reinkommen, solange wir hier sind, darum tun wir so, als würden wir wegfahren.“
„Was … was hat er vor? Ich meine, wie kann das alles möglich sein? Der Finger … Geister … So was gibt es doch gar nicht!“
„Es ist nicht leicht zu verstehen“, erwidere ich. „Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, habe ich das alles für Spinnereien gehalten. Aber inzwischen weiß ich, dass unser westliches Weltbild mit der Realität ziemlich wenig zu tun hat.“
„Aber was sind Sie überhaupt? Auch ein Geist?“
„Nein, ich bin echt und lebendig“, sage ich kopfschüttelnd. „Meine Aufgabe ist es, mich um Dinge zu kümmern, die nicht in unser westliches Weltbild passen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Danach fahren wir fahren mit unseren Autos weg, allerdings nur um drei Ecken, und gehen zu Fuß zurück. Auf unsere Bitte hin läßt Victoria Burton alle Lichter an und dank der Glasfassaden ist es auch von der Straße aus gut zu sehen, was im Haus passiert.
Erst einmal gar nichts. Sie läuft im Wohnzimmer umher, sichtlich nervös. In der Hand hält sie das Telefon und scheint mit sich selbst eine Unterhaltung zu führen.
Plötzlich fährt sie herum und starrt zur Tür.
Und einige Sekunden später kommt ein Mann ins Wohnzimmer und auf sie zu.
Ich setze mich in Bewegung, ohne darauf zu achten, ob Ben mithalten kann. Die Tür hält mich nur kurz auf, dann stürme ich ins Wohnzimmer.
Victor und Victoria Burton stehen nebeneinander und starren mich an.
„Guten Abend“, sage ich.
Keuchend kommt Ben neben mir an und sagt auch „Guten Abend“. Vermutlich fällt ihm genausowenig etwas Besseres ein wie mir.
„Was machen Sie denn hier?“, fragt Victor Burton.
„Wir wollen mit Ihnen reden“, antworte ich und mustere ihn neugierig. Er scheint es wirklich zu sein, auch das Verhalten der Frau deutet daraufhin. „Immerhin sollten Sie verwest im Sarg liegen.“
„Tue ich aber nicht“, murmelt er. „Ich brauche etwas zu trinken. Sie auch?“
Ich nicke. „Ich nehme einen Scotch.“
Er geht zur Bar und macht drei Drinks fertig. Ein Glas mit Martini reicht er seiner Frau. Dann blickt er Ben an.
„Ich trinke nichts, danke“, sagt dieser.
Er bringt mir meinen Scotch. Bei der Übergabe berühren sich kurz unsere Hände. Seine fühlt sich normal an. Seltsam. Sehr seltsam.
„Wir sollten uns setzen“, sagt Victor Burton und deutet auf die Sitzgruppe.
Wir nehmen sein Angebot an. Ben und ich sitzen nebeneinander auf der Couch, Victor und Victoria Burton getrennt in zwei Sesseln. Victoria ist sehr bleich, ihre Hand zittert leicht und vermutlich steht sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Kann ich gut verstehen.
„Victor – ich darf doch? -, Sie sollten wissen, dass ich vertraut bin mit … sagen wir mal, mit Dingen, die sich scheinbar der rationalen Erklärungsmöglichkeiten einer aufgeklärten westlichen Welt entziehen. Allerdings bin auch ich noch niemandem begegnet, der nach zwei Jahren Totsein in seinem restaurierten Körper zurückkehrt.“
„Das liegt vermutlich daran, dass Sie eine falsche Vorstellung über das Jenseits haben“, erwidert Victor ruhig.
„Habe ich das?“
„Nun, sind Sie gläubig?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Und was glauben Sie dann über das Jenseits?“
Ich lehne mich lächelnd zurück und nippe an meinem Glas. „Nichts. Ich war schon oft tot und weiß, wie es in der Verborgenen Welt aussieht.“
Seine Augen weiten sich. „Sie … Sie wissen von der Verborgenen Welt?“
Ich nicke. „Mich interessiert vor allen Dingen, warum Sie hier sind und wie Sie das geschafft haben. Wobei, den Grund kann ich mir denken. Sie haben eine sehr attraktive Ehefrau. Ist es deswegen?“
„Ich liebe sie“, sagt Victor ruhig.
„Ihnen ist aber schon klar, dass Sie nicht einfach von den Toten auferstehen und so weitermachen können, als wäre nichts geschehen?“
„Ja, natürlich. Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung.“
„Es gibt keine. Sie sind tot, Victor.“
„Der Tod ist eine Illusion, genauso wie das Leben. Wenn Sie die Verborgene Welt kennen, müssten Sie das doch wissen.“
„Ich weiß es auch. Aber die meisten Menschen wissen es nicht. Die sind das Problem. Wobei mich dennoch interessiert, wie Sie das geschafft haben.“
„Und Sie? Wie schaffen Sie das?“
„Ich bin eine Kriegerin, deswegen regeneriert sich mein Körper grundsätzlich immer wieder.“
„Sie sind eine Kriegerin? Sie sind doch Fiona, das Mädchen, das vor ein paar Jahren so viel in den Medien war? Wegen dieser Kindermissbrauchsgeschichte?“
„Ja, ich war das. Damals wusste ich allerdings nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was ist eine Kriegerin?“, fragt Victoria leise.
Ihr Mann antwortet. „Eine Art Engel. Das ist eine komplizierte Geschichte, weil die Welt eigentlich ganz anders funktioniert, als die Menschen das glauben.“
„Krieger haben die Aufgabe, für das Gleichgewicht zu sorgen“, füge ich hinzu. „Leider hat der Chef vergessen, zu definieren, was er eigentlich mit Gleichgewicht meint. Wie auch immer, im Fall Ihres Mannes weiß ich nicht, was ich tun soll. Er verletzt das Gleichgewicht nicht wirklich, auch wenn es für mich völlig neu ist, dass ein gewöhnlicher Mensch in der Lage ist, sich zu regenerieren. Und das auch noch nach einer so langen Zeit.“
„Sagen wir es mal so: Ich hatte Hilfe durch jemanden, der das auch geschafft hat, aber schon lange kein Wiedergänger mehr ist. Er hat genug von der Welt, von der Illusion. Er hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Beeindruckend“, erwidere ich lächelnd. „Dennoch bleibt das Problem, dass Sie in dieser Welt offiziell seit zwei Jahren tot sind. Es ist nicht vorgesehen, dass Tote wiederkehren.“
„Das kommt aber immer wieder vor, dass Menschen, die für tot erklärt wurden, plötzlich wieder da sind“, sagt Ben.
„Ja, aber in solchen Fällen gibt es entweder keine Leiche oder zumindest eine, die nicht ganz eindeutig identifiziert werden kann.“
„Das stimmt“, gibt Ben zu.
„Das ist doch Wahnsinn!“, schreit plötzlich Victoria Burton. „Ich werde doch nicht mit einem Geist zusammenleben! Ihr seid alle wahnsinnig!“
„Ich bin kein Geist!“, protestiert Victor. „Ich bin genauso aus Fleisch und Blut wie du. Ich habe meinen Körper vollständig regeneriert. Ich werde weiterleben und altern und irgendwann wieder sterben.“
„Nein!“
„Doch! Und ich darf dich daran erinnern, dass ich das Haus gekauft habe. Du hast es geerbt, aber wenn ich wieder am Leben bin, dann gehört es wieder mir und …“
„Jetzt mal langsam“, unterbreche ich ihn. „Auch wenn es nicht den großen göttlichen Plan gibt, waren Sie trotzdem tot und damit Ihr irdisches Leben beendet …“
„Wir sind alle unsterblich!“
„Nicht als menschliche Manifestierung. Victor Burton hat aufgehört zu existieren. Ihre Engagement für diese Rolle ist abgelaufen. Sie müssten sich eigentlich eine neue Rolle suchen, wenn Sie wieder leben wollen. Und dann die vorgesehene Prozedur durchmachen: Zeugung, Geburt, Aufwachsen, und so weiter.“
„Wollen Sie mich töten? Um das Gleichgewicht zu wahren?“
„Blödsinn. Ich kann nicht erkennen, wie Sie das Gleichgewicht stören. Trotzdem werde ich nicht einfach zur Tür rausspazieren, ohne eine Lösung für … für das Problem zu haben.“
„Es muss doch möglich sein, irgendwie zu erklären, dass nicht ich beerdigt wurde!“
„Hallo? Die gesamte Verwandtschaft hat Sie aufgebahrt gesehen!“
„Ich wurde beim Unfall übel zugerichtet.“
Ich blicke Ben an. „Der Wärter will ihn doch erkannt haben und hat ihn vorher nur bei der Aufbahrung gesehen.“
„Sagt er. Die Leichen werden normalerweise für die Aufbahrung wieder hergerichtet, so gut es geht.“
„Ich weiß“, murmele ich und denke an Norman.
„Aber so weit ich mich erinnere, war Victor Burton in seinem Auto von der Ladung des LKWs vor ihm zerquetscht worden.“
„Aber in seinem Auto?“, frage ich nach.
„Das habe ich verliehen“, sagt Victor.
„Und wo waren Sie zwei Jahre lang?“
„Hm.“
Ich betrachte seine Frau, die aussieht, als stünde sie kurz vor der Ohnmacht. Was mich nicht wirklich verwundert. Nicht nur, dass ihr totgeglaubter Ehemann quietschfidel plötzlich auftaucht, sondern er will sie auch noch aus dem Haus schmeißen, das sie sich zusammen mit ihrem Liebhaber so schön eingerichtet hat.
Geht ja gar nicht.
Dürfte sie jedenfalls denken.
Ob sie auch darüber nachdenkt, dass Victor gesagt hat, dass er sie liebt?
„Mal angenommen, diese Fragen lassen sich alle so klären, dass Sie wieder Ihr altes Leben aufnehmen könnten. Aber auch dann bliebe es Fakt, dass Sie die Illusion durchschauen, dass Sie von der Verborgenen Welt wissen.“
„Das würde ich schön für mich behalten, sonst würde ich für verrückt erklärt.“
„Und? Sie würden also einfach alles für sich behalten und niemandem davon erzählen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Immerhin wurde doch Ihr gesamtes Weltbild umgeworfen.“
„Ihres doch auch.“
„Das stimmt, und ich hatte auch lange daran zu knabbern.“
„Trotzdem sind Sie hier. Und eine Kriegerin.“
Ich seufze. „Ihre Frau weiß jetzt auch davon.“
Er mustert sie. Sie starrt den Boden an. „Hören Sie, Fiona, warum geben Sie mir nicht einfach mal einen Tag Zeit, über meine Situation nachzudenken? Muss ich das wirklich jetzt sofort entscheiden? Das ist grausam.“
Ich sehe Ben fragend an. Er nickt.
„In Ordnung, denken Sie bis morgen Abend darüber nach. Und bis dahin bleiben Sie im Haus, gehen nicht einmal in den Garten. Niemand darf Sie sehen. Am besten geht auch Ihre Frau nicht aus dem Haus.“
Victoria starrt mich entsetzt an. „Sie wollen mich wirklich mit … mit dem hier allein lassen?“
„Es ist Ihr Mann, Victoria. Der Mann, den Sie geheiratet haben. So, als wäre er niemals gestorben.“
Sie sinkt in sich zusammen.
„Fiona, überlassen Sie das mir. Ich kümmere mich darum. Niemand wird mitbekommen, dass ich hier bin. Und bis morgen habe ich eine Entscheidung getroffen.“
Ich nicke. „In Ordnung. Ich komme morgen Abend wieder vorbei und wir setzen diese Unterhaltung fort.“
„Ich danke Ihnen. Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden werden.“
Ganz sicher.
Victor begleitet uns zur demolierten Haustür. Ich reiche ihm die Hand. Die Berührung ist unspektakulär, wie der Händedruck eines jeden Menschen.
Draußen atmet Ben tief durch. „Irgendwie ist das ganz schön gruselig“, sagt er dann.
„Ja“, erwidere ich nachdenklich. Wir gehen langsam los. „Und du meldest, dass wir ihn nicht gefunden haben und er nicht aufgetaucht ist?“
Er nickt. „Hoffentlich ist es richtig, was wir hier tun.“
Das hoffe ich auch.
Wir verabschieden uns neben meinem Wagen, dann steige ich ein und fahre nach Hause.

Nodus Sinuatrialis.
Das kann sich doch kein Mensch merken! Zumindest keiner, der nicht zehn Jahre Medizin studiert hat. Andererseits, der Name ist genial. Finde das mal im Internet. Und selbst wenn du was findest, kommst du niemals darauf, dass du nicht auf einer Seite für angehende Herzchirurgen gelandet bist.
Ich mustere den Ausdruck der Mail. Die haben eine Geschäftstelle in Newvil, was ich ganz praktisch finde, weil der Weg vom Zuhause der Burtons dahin nicht sehr weit ist. Unter den gegebenen Umständen vielleicht ein großer Vorteil.
Ich greife nach dem Telefon und rufe James an.
„Mein Schatz, du bist der Größte!“, erkläre ich ihm.
„Du hast Glück, dass Geheimdienst mehr ist als nur geheimer Dienst“, erwidert er in seiner üblichen Bescheidenheit.
„Das hast du aber schön gesagt. Und ich wusste das doch schon, schließlich habe ich James Bond gesehen. Und Craig als Bond ist sowieso …“
„Sag nichts Falsches, meine Liebe“, unterbricht er mich.
„So, so. Hast du einen bestimmten Verdacht, was ich sagen wollte?“
„Wahrscheinlich, was alle in spätpubertären Zustand zurückversetzte Frauen sagen wollen, nachdem sie Craig als Bond gesehen haben.“
„Jetzt machst du mich ja mal neugierig. Was sagen denn Frauen, die in spätpubdingsbums Zustand zurückversetzt wurden?“
„Das müsstest du doch besser wissen als ich“, brummt er. „Wann kommst du eigentlich nach Hause?“
„Lenk nicht ab!“
„Ich lenke nicht ab.“
Ich seufze. „Du bist unmöglich. Dabei weißt du doch genau, dass gegen dich kein anderer James eine Chance hast. Den Craig schlägst du doch um Längen.“
„Oh, oh, das gibt eine ganz schön hässliche Schleimspur.“
„Gar nicht. Ich habe doch eine Hose an.“
Jetzt lacht er endlich. „Da hast du was missverstanden, meine Liebe. Aber wir wollen das mal nicht am Telefon vertiefen.“
„Du willst ja bloß, dass ich möglichst schnell nach Hause komme. Aber ich muss dich enttäuschen, ich habe immer ein paar Slipeinlagen zur Reserve im Büro.“
„Jetzt wird das Gespräch eindeutig zu intim für die NSA.“
„Das stimmt. Also, ich fahre jetzt zu Victor und Victoria und höre mir an, was sie mir zu sagen haben. Falls Victoria nicht schon einen Nervenzusammenbruch hatte. Dann fahre ich bevorzugterweise mit Victor zu der Geschäftsstelle von … von Nodus Wasauchimmer.“
„Nodus Sinuatrialis.“
„Verdammt, ich wusste doch, irgendwas war verkehrt! – Sag mal, wieso kannst du das so gut aussprechen? Verheimlichst du mir etwas?“
„So schwer ist das ja nun auch wieder nicht.“
„Ja, ja, du bist ja auch nicht blond wie ich. So, mein Lieber, das war wie immer ein entzückendes Gespräch mit dir, aber ich muss los, sonst wird es sehr spät und du schläfst schon, wenn ich nach Hause komme.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar. Wieso fragst du?“
„Du klingst etwas aufgekratzt.“
„Das liegt am Sekt.“
„Am Sekt?“
„Am Sekt.“
„An welchem Sekt?“
„Den ich getrunken habe.“
„Aha. Muss ich jetzt wirklich alles einzeln aus dir herauskitzeln oder erzählst du mir in zwei zusammenhängenden Sätzen, was los ist?“
„Bob, den ich aus meiner Traineezeit gut kenne, hat heute Geburtstag. Die ganze Abteilung hat mit ihm angestoßen und ich halt auch.“
„Das waren ja wirklich zwei Sätze.“
„Ich bin ja auch eine brave Ehefrau, die tut, was man ihr sagt.“
„Okay, du hast grad bewiesen, dass Alkohol wirklich ähnlich wirkt wie Wahrheitsserum. Ich meine, du hast es widerlegt.“
Ich lache. „Mein Schatz, ich lege jetzt auf und fahre.“
„Okay. Wer legt zuerst auf? Du oder ich?“
„Du bist doof. Bye!“ Immer noch lachend beende ich die Verbindung und lege das Telefon auf den Tisch.

Als ich gegen die Tür klopfe, höre ich kurz darauf Schritte auf der anderen Seite und dann die Stimme von Victoria: „Wer ist da?“
„Fiona.“
Jemand nestelt an der Tür herum, dann kippt sie zur Seite. Ich mustere sie beim Eintreten und gebe erst Victoria, dann ihrem wiederauferstandenen Mann die Hand. Victor hängt die Tür danach wieder ein.
„Tut mir leid“, sage ich. „Aber ich hatte es eilig.“
„Schon gut“, erwidert er. „Wir wollten heute nur nichts riskieren und haben deswegen die Tür noch nicht reparieren lassen.“
„Das ist eine gute Idee.“ Ich folge Victoria in den Salon, wo jetzt die Jalousien unten sind.
„Möchten Sie einen Scotch?“, erkundigt sich Victor, bereits auf dem Weg zur Bar.
„Nein, heute nicht. Im Büro gab es eine Geburtstagsfeier und ich möchte meinen Alkoholpegel nicht weiter hochtreiben.“
„Oh. Okay, dann …“
„Moment mal!“, ruft Victoria. „Bevor wir weitermachen, möchte ich klarstellen, dass ich diesen Wahnsinn nicht länger mitmachen werde! Ich werde ausziehen!“
„Warum denn?“, frage ich erstaunt.
„Warum? Das fragen Sie noch!? Sehen Sie sich den doch an! Ich habe ihn vor zwei Jahren zu Grabe getragen, er müsste von den Würmern zerfressen sein!!“
„Ja, aber dafür sieht er doch eigentlich ganz gut aus.“
„Was?!?“, kreischt sie. „Halten Sie das alles irgendwie für einen Scherz?!“
„Nein, keineswegs. Mir ist der Ernst der Lage durchaus bewusst. Aber dieser Mann ist aus Fleisch und Blut wie Sie. Wenn Sie nicht wüssten, dass er gestorben ist, würden Sie es nicht merken.“
„Ich weiß es aber!“
„Trotzdem, er ist jetzt … sozusagen im alten Zustand. Bevor er starb. So eine Art Hard-Reset.“
Victoria starrt mich an und sieht aus, als würde sie sich gleich auf mich stürzen. Ihr Mann bewahrt sie vor dieser Dummheit, indem er zu ihr tritt und ihr ein Glas mit irgendetwas Alkoholischem darin reicht.
„Trink das, mein Schatz. Fiona ist eine Kriegerin.“
Sie mustert ihn, dann nimmt sie mit mürrischem Gesichtsausdruck das Glas und kippt den Inhalt hinunter.
„Ja, und? Was bedeutet das?“
„Dass sie viel stärker und schneller ist als normale Menschen. Es wäre also keine gute Idee, sie anzugreifen.“
„Habe ich das getan? Nein. Na also!“
Ich wende mich grinsend ab und wandere zur Couch. Während ich mich fallen lasse, erkundige ich mich: „Sagen Sie, Victor, welche Lösung haben Sie gefunden?“
„Ja, also …“ Er folgt mir und setzt sich am anderen Ende der Couch. „Ich könnte bei dem Unfall so schwer verletzt worden sein, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Es hat so lange gedauert, bis ich …“
„Und wer ist dann in Ihrem Sarg beerdigt worden?“
„Ein Freund, der mit mir im Auto saß.“
Ich mustere ihn.
„Ja, ist ja schon gut, der Plan ist nicht besonders gut durchdacht.“
„Freundlich ausgedrückt.“
„Aber was ist mit meiner Idee von gestern? Dass ich gar nicht im Wagen war, weil ich ihn kurzfristig verliehen habe? Und weil der Körper ziemlich … äh, demoliert wurde beim Unfall, hat niemand gemerkt, dass ich das gar nicht war. Ich meine, eine DNA-Probe hätte das aufgedeckt, aber es gab ja keinen Grund zu zweifeln.“
„Und wer wird seitdem vermisst?“
„Öh … darüber habe ich natürlich auch schon nachgedacht. Es könnte ein Kumpel von mir gewesen sein, der im Ausland wohnt. Er ist für ein paar Tage nach Skyline gekommen und brauchte dringend ein Auto …“
„Victor, wer soll Ihnen den Schwachsinn abkaufen?“
Er senkt den Blick. „Ich will nicht zurück. Nicht jetzt. Ich lebe doch. Habe Herzschlag, Blutdruck, Gefühle. Wollen Sie mich wirklich wieder töten?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, das will ich nicht. Habe nie gesagt, dass ich das will. Dennoch brauchen wir eine vernünftige Lösung. Sie können nicht einfach in Ihr altes Leben zurück.“
„Und wie soll die aussehen?“
„Wir fragen jemanden, der mit so was mehr Erfahrung hat als ich.“
Überrascht blickt er mich an.
„Es gibt noch mehr wie mich?“
„Sieht ganz danach aus“, erwidere ich nickend. „Gar nicht so weit weg von hier gibt es eine Geschäftsstelle von … Ich kann mir diesen Scheißnamen nicht merken!“ Ich hole den Ausdruck aus der Hosentasche. „Nodus Sinuatrialis.“
„Bitte, was?“
„Das ist lateinisch und heißt Sinusknoten.“
„Sinusknoten? Ernsthaft jetzt?“
Ich nicke schon wieder. „Ja. Passt doch, oder? Da gibt es noch mehr Wiederkehrer. Ich vermute, die haben die ein oder andere Idee, was wir mit Ihnen anfangen sollen.“
„Und da haben Sie einen Termin ausgemacht?“
„Einen Termin?“ Ich starre ihn entgeistert an. „Nein, wir gehen einfach hin. Jetzt.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Werde ich hierher zurückkommen?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Sie sind mein erster derartiger Fall, Victor.“ Ich blicke Victoria an, die auf einem Stuhl in der Essecke sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. „Sie kommen auch mit, Victoria.“
„Ich?“ Sie hebt den Kopf und stiert mich an. „Wieso denn?“
„Es ist immerhin Ihr Mann, um den es geht. Sie müssen ihn ja mal geliebt haben. Außerdem geht es Sie auch ganz praktisch was an, wie es weitergeht.“
„Er ist tot“, flüstert sie. „Ich habe um ihn getrauert. Erst war ich wütend. Wütend auf Gott, wütend auf das Schicksal. Dann kam die Einsamkeit. Und irgendwann habe ich mich aufgerafft, habe angefangen, mein Leben zu leben. Ja, ich habe ihn geliebt. In einem früheren Leben.“
„Das tut mir leid.“ Ich wende mich an Victor: „Zwei Jahre sind eine lange Zeit.“
„Ich weiß. Ich … In der Verborgenen Welt gibt es keine Zeit. Ich dachte wohl irgendwie, ich komme hier an und alles ist wie früher. Mir war gar nicht klar, was zwei Jahre bedeuten können.“
„Kommt darauf an, für wen. In der Verborgenen Welt sind zwei Jahre wie ein Wimpernschlag. – Nun, hilft alles nichts. Wir nehmen meinen Wagen.“
„Muss ich mich umziehen?“, fragt Victoria, während sie sich mühsam erhebt.
„Keine Ahnung. Entscheiden Sie selbst, welchen Eindruck Sie machen wollen.“
„Meinen Sie, das ist den Zombies wichtig?“
„Ich bin kein Zombie!“, entfährt es Victor. „Wann akzeptierst du das endlich?“
„Gar nicht“, erwidert Victoria und geht aus dem Salon.
Victor blickt mich an. Ich zucke nur die Achseln.
Victoria kommt paar Minuten später umgezogen wieder und wir machen uns auf den Weg.

Dekadent. Das Wort kommt mir spontan in den Sinn, als wir auf die Auffahrt abbiegen und das Gebäude erblicken, in dem Nodus Sinuatrialis seinen Vereinssitz hat.
„Ist ja ziemlich dekadent“, bemerkt Victor, der neben mir sitzt.
„Tote sind immer dekadent, wenn sie durch die Gegend laufen!“, erwidert Victoria von hinten.
„Meine Liebe, das wird allmählich doch langweilig“, stellt Victor fest.
„Dann geh doch zurück in deine Gruft, wenn es dich nervt!“
Er schüttelt den Kopf und verzichtet auf eine weitere Diskussion. Was ich für eine weise Entscheidung halte.
Ich parke den Wagen neben einem wuchtigen Geländewagen aus England. Beim Aussteigen sehe ich mich neugierig um. Die Gegend ist vornehm, wie es sich für Newvil gehört, wobei wir uns in einer der älteren Ecken Newvils befinden, die noch nicht so von Neureichen überbevölkert wird wie der Rest des Vorortes. Ich werfe einen Seitenblick auf Victor, der vor seinem Tod zu den typischen Vertretern der Yuppies gehört hat. Börsenjunkie.
Die schwere Metalltür mit zwei Flügeln ist nicht abgeschlossen; ich halte sie den beiden Burtons auf, damit sie nicht von der zurückschwingenden Tür erschlagen werden. Nicht auszudenken, wenn Victoria auch zum „Zombie“ würde. Der reinste Horror.
Der Raum, in den wir gelangen, ist mit geräuschdämpfendem Teppich ausgelegt und wirkt nicht weniger edel als das Ambiente draußen. Hinter einem riesigen, massiven Schreibtisch, auf dem genug Platz zum Tennis spielen ist, sitzt eine Frau etwa mittleren Alters. Im Anbetracht der Umstände bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich ihr Alter abschätzen soll.
Sie blickt uns freundlich durch eine randlose Brille entgegen und lächelt dabei professionell. Ich weiß nur, wenn bei CSE am Empfang die Damen so lächeln würden, hätte ich sie schon längst auf einen Selbsterfahrungskurs geschickt.
Aber vielleicht ist das in einem Verein, der vorgibt, Herzinfarktüberlebenden ins Leben zurück zu helfen, eher angebracht. Ich glaube es zwar nicht, aber ich bin ja auch keine Herzinfarktüberlebende und werde es auch nie sein.
„Guten Abend und herzlich willkommen bei Nodus Sinuatrialis“, sagt sie mit einer überraschend angenehm temperierten Stimme. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hi“, erwidere ich bewusst schnodderig. „Wir sind hier, um einen Knoten zu lösen.“
„Wie bitte?“
Auch meine Begleiter wirken etwas irritiert.
„War ein Scherz“, erkläre ich.
Endlich versteht sie und ein zweites Lächeln überlagert das erste auf ihrem Gesicht. „Ich verstehe. Nun, wenn ich kann, bin ich Ihnen selbstverständlich dabei behilflich.“
„Das ist schön. Wir hätten gerne den Chef gesprochen … Moment …“ Ich hole den Mailausdruck hervor, auf dem alles Wichtige steht. „Mr. Peter Wolf.“
„Mr. Wolf ist in einem Meeting“, erwidert das personifizierte Lächeln. „Ich nehme an, Sie haben keinen Termin.“
„Richtig angenommen, Miss …“
„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Virginia Wolf, die Tochter von Mr. Wolf.“
„Trifft sich gut“, sage ich und schenke ihr ein Lächeln.
„Möchten Sie denn Informationsmaterial über unsere Arbeit mitnehmen?“ Sie greift elegant hinter sich und holt ein Päckchen mit bunten Broschüren nach vorne. „Ist jemand von Ihren Begleitern betroffen?“
„Das kann man wohl so sagen“, bestätige ich.
„Ich verstehe. Das ist natürlich ein großer Einschnitt im Leben eines Menschen. Aber man hat ja Glück gehabt und den Herzinfarkt überlebt …“
„Hat man nicht“, unterbreche ich sie. „Miss Wolf, ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und kommen zur Sache.“
Sie sieht mich ausdruckslos an. „Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Miss …?“
„Mrs. Flame. Fiona Flame.“
„Also, Mrs. Flame, ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Natürlich wissen Sie das, so wie Sie ja auch wissen, dass Ihr Vater ein Wiederkehrer ist.“
„Noch ein Zombie!“, entfährt es Victoria.
„Ein Wiederkehrer? Was genau meinen Sie damit? Es gibt natürlich einige Mitglieder, die bei ihrem Herzinfarkt eine Nahtoderfahrung hatten, aber ich glaube, Wiederkehrer ist nicht der passende Ausdruck dafür.“
„Ich meinte ja auch die Wiederkehrer, die schon richtig und ganz tot waren und es geschafft haben, ihren Körper zu reaktivieren.“ Ich werfe einen Blick auf Victor. „Wie auch immer sie es geschafft haben.“
„So was gibt es nicht“, erklärt Virginia Wolf ruhig.
„Natürlich gibt es das. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir dieses Phänomen neu ist. Aber ich bin lernfähig und habe akzeptiert, dass es selbst in Skyline einige Hundert Wiederkehrer gibt. Und Ihr Vater gehört dazu, was Ihnen bekannt sein wird.“
„Aha. Und Sie denken, Sie kennen einen Wiederkehrer?“
„Das denkt sie nicht nur, das weiß sie sehr genau.“
Miss Wolf schwenkt ihren Blick von mir zu Victor. „Und woher?“
„Weil ich vor zwei Jahren bei einem Unfall gestorben und gestern wiedergekehrt bin.“
Miss Wolf mustert ihn nachdenklich, dann nimmt sie Victoria unter die Lupe.
„Das ist die Witwe“, sage ich. „Die ehemalige Witwe, um genau zu sein.“
„Und wie kommen Sie ins Bild, Mrs. Flame?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
Ihre Gesichtszüge entgleisen nur kurz, aber dafür umso nachdrücklicher. Doch sie fängt sich schnell wieder.
„Eine Kriegerin? Sie, Fiona Flame?“
„Überraschung!“, erwidere ich grinsend. „Also, können wir jetzt endlich mit Ihrem Vater sprechen?“
„Ich … ich bin mir nicht sicher, ob er noch da ist. Ich schaue mal nach.“
Als sie aufsteht, stelle ich mich ihr in den Weg. „Miss Wolf, vorhin war er noch im Meeting. Wenn ich wollte, würde ich einfach in sein Büro marschieren, aber das ist meistens nicht meine Art. Zumal ich Ihrem Vater nichts will. Mir geht es nur darum, Victor Burton zu helfen, mit seinem neuen, ungeplanten Leben zurechtzukommen und ich glaube, Ihr Verein kann ihn dabei unterstützen. Als Kriegerin habe ich nichts gegen Wiederkehrer.“
„Wirklich nicht?“, fragt sie leise und senkt den Blick. „Wir haben durchaus von Vorfällen gehört, wo Krieger Wiederkehrer getötet haben.“
„Das ist bedauerlich, aber ich bezweifle, dass sie es ohne triftigen Grund getan haben. Auch Wiederkehrer können Dinge tun, die ein Krieger als Störung des Gleichgewichts einstufen kann, dann muss er handeln. Die Tatsache, ein Wiederkehrer zu sein, stellt für mich jedenfalls keine Störung des Gleichgewichts dar. Ich habe nicht vor, Ihrem Vater zu schaden. Allerdings hasse ich es, verarscht zu werden. Das kann mein persönliches seelisches Gleichgewicht sehr empfindlich stören und dann reagiere ich nicht immer nachvollziehbar.“
Ich betrachte sie, die immer mehr zu einem Häuflein Elend mutiert. Eigentlich ist sie eine hübsche Anfangdreißigerin, zumindest dem Anschein nach. Gekleidet in einen braunen Zweiteiler, Strümpfe und Lackschuhe mit zwar hohen, aber nicht schwindelerregenden Absätzen wirkt sie sogar seriös und dürfte geeignet sein, normale Menschen, die den Verein für das halten, was er vorgibt zu sein, zu täuschen. Aber mit mir ist sie eindeutig überfordert.
„Es tut mir leid“, murmelt sie und starrt den Boden an. „Darf ich an Ihnen vorbei? Ich frage meinen Vater …“
„In Ordnung. Aber nicht weglaufen. Bin sowieso schneller.“
Sie nickt und zwängt sich an mir vorbei, dann geht sie durch eine schwere Holztür, vielleicht Mahagoni. Dekadent wirkt sie auf jeden Fall.
„Sie haben ihr ja ganz schön Angst gemacht“, stellt Victoria fest. „Hoffentlich kriegt der Zombie-Vater keinen Herzinfarkt!“
„Das wäre eine ziemliche Ironie“, erwidere ich grinsend, dann wende ich mich an Victor: „Ich habe das Gefühl, Sie werden sich von Ihrem früheren Leben verabschieden müssen.“
„Glauben Sie, das wird man mir hier raten?“
„Den Eindruck habe ich, ja.“ Ich nehme die Broschüren vom Schreibtisch und blättere sie durch, während wir warten.
Weit komme ich nicht, bis die Tür wieder aufgeht und Virginia Wolf zurückkehrt. Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann begleitet sie. Er kommt mir bekannt vor, aber mir fällt nicht ein, wo ich ihn schon mal gesehen haben könnte.
Er kommt auf mich zu und hält mir die Hand hin, die ich ergreife.
„Miss Flame, eine Überraschung, Sie hier begrüßen zu dürfen. Ich bin Peter Wolf.“
„Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite. Meine Begleiter sind Victoria und Victor Burton.“
Peter Wolf begrüßt die beiden auch, dann deutet er auf die Tür, durch die er gekommen ist. Seine Tochter folgt uns.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht Kaffee?“
„Ich nehme einen“, erwidere ich. Victoria schüttelt den Kopf, Victor möchte ein Glas Wasser.
Virginia geht wieder nach draußen.
Nachdem wir uns alle gesetzt haben, blickt Wolf mich an und sagt ruhig: „Sie haben meiner Tochter einen ganz schönen Schreck eingejagt. Sie hat keine besonders gute Meinung von Kriegern, fürchte ich.“
„Schwarze Schafe gibt es überall.“
„Gewiss. Ich gebe zu, ich bin überrascht, dass Fiona Flame eine Kriegerin ist. Obwohl Sie ja durchaus bewiesen haben, dass Sie kämpferisch veranlagt sind.“
„Und dabei wusste ich zu der Zeit noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Das denke ich mir, denn wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie sich vermutlich anders verhalten.“
„Mit Sicherheit.“
Die Tür geht auf und Virginia kommt mit den Getränken. Sie serviert sie stumm, dann setzt sie sich in der Nähe ihres Vaters. Im Vergleich zu ihrem selbstbewussten Auftreten zu Beginn unserer Begegnung wirkt sie im Moment sehr unsicher und verloren.
„Dann kommen wir doch zur Sache“, fährt Peter Wolf fort. „Was kann ich für Sie tun? Meine Tochter hat angedeutet, dass Mr. Burton … schon einmal tot war?“
„Und wie ich tot war!“, erwidert dieser. „Bis ich dann erfahren habe, dass diese ganze Gefrorene Welt eine Illusion ist und eine einzige Verarsche!“
„So würde ich das nicht nennen“, sagt Peter Wolf ruhig. „Diese Illusion hat durchaus einen Zweck.“
„Welchen denn?“
„Wir sind nicht hier, um die philosophischen Aspekte des menschlichen Daseins zu diskutieren“, unterbreche ich.
„Zumal es keineswegs nur um Menschen geht.“ Peter Wolf lächelt sanft.
„Ich weiß, aber auch darum geht es nicht.“
„Was soll das bedeuten?“, kreischt Victoria. „Wollen Sie damit andeuten, dass es diese … diese Zombies nicht nur auf der Erde gibt? Oder dass auch Tiere …?“
Ich seufze. „Victoria, Sie werden akzeptieren müssen, dass die Welt aus mehr als nur Modezeitschriften und Hollywoodstars besteht. Die Erde ist nicht mehr als ein Fixpunkt unter vielen im Universum. Wie auch immer, Victor, ich möchte jetzt wirklich nicht über existenzphilosophische Aspekte des Universums diskutieren, zumal ich befürchte, dass Sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrheit wissen.“
„Und Sie wissen mehr?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
„Dann wissen Sie vermutlich auch vom Statthalter?“, fragt Peter Wolf.
„Wissen? Machen Sie Witze? Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mich mit ihm unterhalten zu dürfen.“
„Das hört sich an, als wäre es eigentlich das Gegenteil eines Vergnügens gewesen.“
„Ansichtssache“, murmele ich. „Lassen wir das. Wir haben hier ein ganz konkretes Problem und mein Gefühl sagt mir, dass Sie im Umgang mit dieser Art von konkreten Problemen mehr Erfahrung haben als ich.“
„In der Tat“, bestätigt Peter Wolf nickend. „Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass das Wiederkehren manchmal … unerwünschte Nebenwirkungen hat.“
„Unerwünschte Nebenwirkungen?“, wiederholt Victor und starrt ihn entsetzt an.
„Nun ja, Sie dürfen nicht vergessen, dass der menschliche Geist auf ein Leben programmiert ist. Mrs. Flame wird sicherlich bestätigen können, dass es einiges an Arbeit bedarf, als Mensch mit dem Wissen um das, was jenseits der Grenzen der Gefrorenen Welt liegt, umgehen zu lernen …“
„Das stimmt.“
„Krieger sind aber Seelen, die sich diese Aufgabe gezielt ausgesucht haben, das erleichtert die Eingewöhnung. Wenn ich das mal so sagen darf. Wiederkehrer verletzen die Spielregeln und überschreiten Grenzen, die eigentlich nicht ohne Konsequenzen überschritten werden dürfen.“
„Ach?“, sage ich. „Wie sehen diese Konsequenzen denn aus?“
„Das ist unterschiedlich, Mrs. Flame. Meistens geht es darum, dass Wiederkehrer nicht mehr in ihr altes Leben zurück können und eine neue Identität annehmen müssen. Meine Tochter und ich zum Beispiel sind vor fünf Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen und leben seitdem ein sehr zurückgezogenes Leben als Hinzugezogene. Wenn jemand sich sehr viel Mühe gebe, könnte er herausfinden, dass wir eigentlich niemals geboren wurden. Zumindest nicht als Virginia und Peter Wolf.“
„Ich glaube, ich weiß wer Sie waren“, sage ich nachdenklich. „Sie kamen mir vorhin schon irgendwie bekannt vor.“
„Ich würde es sehr schätzen, wenn Sie dieses Wissen für sich behalten würden, Mrs. Flame.“
Ich schenke ihm ein Lächeln, denn für einen anerkannten Wissenschaftler, der Nahtoderfahrungen ausschließlich ins Reich der Biochemie verfrachtet hat, muss die Erkenntnis, da sehr falsch gelegen zu haben, ein Kulturschock gewesen sein. Es erklärt aber auch, warum er sich so sehr für Wiederkehrer einsetzt.
„Selbstverständlich, Peter.“
„Danke, Fiona.“ Er lächelt auch, also hat er verstanden.
„Ihr habt mich abgehängt, glaube ich“, beschwert sich Victor. „Wovon redet ihr?“
„Ich weiß jetzt, wer Peter Wolf mal war und warum er jetzt Peter Wolf ist“, erkläre ich, wohlwissend, damit keineswegs zur Entwirrung von Victor beizutragen. „Mich interessiert sehr, welche Probleme es noch geben kann.“
„Nun, schwierig wird es dann, wenn einem Wiederkehrer klar wird, über welche Macht er verfügt.“
Ich verstehe sofort. Logisch. Wiederkehrer haben hinter die Grenzen geblickt und waren in der Lage, mindestens einmal ihr erweitertes Wissen anzuwenden, als sie nämlich ihren Körper reaktiviert haben. Und auch wenn sie eigentlich Menschen wie vor ihrem Tod sind oder werden, haben sie den Menschen, die noch vor ihrem physischen Tod stehen, eines voraus: Sie durchschauen die Illusion.
„Wie oft kommt das vor?“
„Nicht oft. Ein Wiederkehrer weiß nicht nur, über welche Macht er verfügt, er weiß auch, welche Konsequenzen es hat, wenn er diese Macht auch nutzt.“
„Zum Beispiel, dass Krieger ihn töten wollen.“
„Zum Beispiel.“
„Ich finde das richtig, dass diese Zombies wieder dahin zurückbefördert werden, wohin sie gehören.“ Victoria schon wieder.
„Wiederkehrer sind keine Zombies, sondern Menschen wie Sie“, erklärt Peter geduldig. „Bis auf die Tatsache, dass sie die Illusion erkennen, unterscheidet sie nichts, aber auch gar nichts, von anderen Menschen.“
„Ja, sicher.“
Peter blickt mich fragend an und ich zucke die Achseln. „Sie müssten es doch kennen, dass Angehörige damit nicht umgehen können.“
„Nun, es ist eher selten, dass Angehörige von einer Wiederkehr erfahren. Und die meisten sind dann glücklich über die hinzugewonnene Zeit.“
„Ich nicht!“
„Victoria, würdest du jetzt endlich bitte deine Fresse halten!?“
Drei Augenpaare richten sich entgeistert auf Victor, eines empört.
„Von einem Zombie lasse ich mir nichts befehlen!“
„Der Zombie bist du hier, dein Gehirn ist offenbar außer Betrieb, wahrscheinlich seit der Geburt schon!“
Victoria schnappt nach Luft, Virginia bekommt einen Lachanfall, Peter lächelt sanft und ich überlege, ob ich dazwischengehen soll.
Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, sagt Peter in der von ihm gewohnten Ruhe: „Ich glaube, ich kann einen Vorschlag unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigen dürfte.“

„Als meine Tochter und ich wiederkehrten und feststellten, dass es noch mehr wie uns gibt und wahrscheinlich immer gegeben hat, beschlossen wir, unser neues Leben für etwas Sinnvolles, für etwas Wichtiges zu nutzen.“ Peter erhebt sich und geht zum Fenster. „Mrs. Burton, Wiederkehrer sind alles andere als Zombies, aber ich darf Ihnen versichern, es gibt sie ebenfalls, die Zombies. Und ich darf Ihnen ebenfalls versichern, eine Begegnung mit ihnen würden Sie niemals vergessen, nicht für den kurzen Rest Ihres Lebens.“
„Was meinen Sie damit?“, erkundigt sich Victoria, während die Zornesröte in ihrem Gesicht einer deutlich helleren Farbe weicht.
„In der Verborgenen Welt gibt es all das, was Menschen sich jemals vorgestellt haben“, erkläre ich. „Und auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Verborgenen Welt ausmachen, wobei Zeit und Raum in der Verborgenen Welt keine uns gewohnte Bedeutung haben, sind sie uns am Nächsten, denn sie entstanden aus uns, den Menschen. Und viele von ihnen sind … nun ja, nicht unsere Freunde.“
„Um es mal vorsichtig auszudrücken“, ergänzt Peter lächelnd. „Es ist daher sehr gut, dass sie in der Verborgenen Welt sind.“
„Dann sollen sie doch da bleiben, wo ist das Problem?“
„Das Problem, Victoria, ist, dass die Grenze zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt die Illusion ist. Die Illusion der Gefrorenen Welt. Und auch wenn sie die materielle Welt schon seit Jahrtausenden zusammenhält, ist sie in Wahrheit ziemlich zerbrechlich. Wenn Menschen träumen, überschreiten sie diese Grenze, verliert die Illusion ihre Kraft und wir begegnen unseren tiefsten und dunkelsten Ängsten. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten würde, wäre diese Grenze plötzlich weg und die Gestalten aller Albträume aller Menschen seit Anbeginn der Zeit hätten ungehinderten Zugang zu unserer Welt? Wobei, meine Welt ist es nur teilweise, aber ich bin ja auch eine Kriegerin.“
„Sie waren vermutlich schon in der Verborgenen Welt“, bemerkt Victor.
„Ab und zu.“
„Und was hat all das mit uns zu tun?“, fragt Victoria. Sie wirkt ruhiger als vorhin noch. Vielleicht beginnt sie endlich zu begreifen.
„Nun“, setzt Peter an, während er immer noch am Fenster steht, „trotz alldem ist die Verborgene Welt durchaus faszinierend und schön, insbesondere im Vergleich zu den Einschränkungen und Entbehrungen, die uns das materielle Dasein, ich möchte fast sagen, das materielle Gefängnis, aufzwingt. Der Tod ist nichts Schlimmes, sondern letztlich der Entlassungsschein. Das ist natürlich nur schwer zu vermitteln, obwohl es durchaus eine immer größer werdende Bewegung gibt, deren Mitglieder zumindest ahnen, dass die aufgeklärte Welt nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Aber natürlich erliegen auch sie gerne den Verlockungen der Materie und nutzen die Sehnsüchte der Menschen aus, um Geschäfte zu machen. Wie dem auch sei, wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, und gründeten eine Kirche, die wir Aeternumen nannten.“
„Ein aussprechbarer Name wäre vielleicht sinnvoll gewesen“, bemerke ich.
Peter mustert mich kurz mit einem Anflug von Missbilligung, dann lächelt er. „Nun, für Sie ist sie ja nicht gedacht, Fiona.“
„Was für ein Glück. Immer wenn ich zur Messe ginge, müsste ich erst nachlesen, wie die Kirche heißt.“
Offenbar finden es nicht alle witzig, denn Victoria fährt mich an: „Sie sind ja wirklich so was von blond und das typische Beispiel für Menschen, die nicht mit dem Kopf denken!“
„Womit denke ich denn?“, erkundige ich mich amüsiert.
„Was weiß ich? Da Sie keine furchterregenden Muskeln besitzen, wahrscheinlich mit der Fotze!“
„Victoria!“, ruft Victor entsetzt.
„Was? Seitdem die bei uns aufgetaucht ist, gibt es nur Ärger! Überhaupt, sie war sogar vor dir da! Vielleicht hat sie dich zu uns geführt!“
„Wer ist hier blond?“, entfährt es Viriginia.
„Ich nicht!“
„Ruhe jetzt!“ Ich kann auch laut. Ziemlich laut sogar. Alle erstarren. Ich stehe auf und gehe zu Peter. „Welchen Vorschlag wollten Sie eigentlich unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigt?“
Peter wirft einen Blick in die Runde, dann mustert er mich. „Nun, ich denke, sein altes Leben weiterzuführen ist für Victor Burton keine Option. Dazu müsste mindestens seine Frau mitspielen, und das erscheint mir etwas unwahrscheinlich. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr das Wissen darum, dass die Welt mehr ist als nur ein paar Atome, die Gedanken beherrscht. Irgendwann wird es zur Besessenheit. – Victor, schließen Sie sich uns an. Bei uns brauchen Sie sich weder zu verstecken noch zu verstellen. Unsere Kirche kann Menschen wie Sie gut gebrauchen.“
Bleiern schwere Stille legt sich über den Raum. Selbst Victoria schafft es mal, keinen ihrer wenig hilfreichen Kommentare abzugeben. Alle beobachten Victor, der einen unsichtbaren Punkt des Universums, der sich zufällig grad in dieses Büro verirrt hat, anstarrt.
Endlich hebt er den Kopf. „Vermutlich haben Sie recht, Peter, und ich sollte Ihr Angebot annehmen. Welche Wahl habe ich denn auch?“
„Die realistisch gesehen zur Verfügung stehenden Optionen sind relativ überschaubar“, erwidere ich.
Er lächelt. „Vorsicht, Sie zerstören das Vorurteil meiner Frau über Sie, Fiona.“
„Passiert mir öfter.“
Ich habe Respekt vor Architekten. Und ich habe Respekt vor Handwerkern, die deren Vorstellungen so präzise umsetzen wie die Handwerker, die dafür gesorgt haben, dass die schwere Holztür, wahrscheinlich Mahagoni, des Büros, in dem wir uns befinden, wirklich, wirklich schalldicht ist.
In beiden Richtungen.
Blöd nur, dass nicht einmal ich rechtzeitig mitbekomme, was da passiert. Das heißt, als die Tür aufgerissen wird und ziemlich viele Menschen ins Büro stürzen, bekomme ich das mit, aber es ist eigentlich zu spät.
Da die Neuankömmlinge in Kampfanzüge gekleidet und bewaffnet sind, reagiere ich mehr oder weniger reflexartig. Meine einzige Waffe ist mein Körper, aber diese nachweislich ziemlich effektiv.
Den Ersten erwisch ich mit einem Aufwärtstritt und schnappe mir bei der Gelegenheit seine Pistole. Dann fahre ich herum und starre in eine Mündung.
Verflucht, das sind keine gewöhnlichen Menschen und sie bewegen sich verdammt schnell!
„Schön sauber bleiben“, sagt das Gesicht, das zu der Mündung gehört.
„Heute Morgen habe ich geduscht“, erwidere ich. Meine Pistole zeigt auf die Stirn in dem sprechenden Gesicht. In Filmen ist das immer eine klassische Pattsituation. Hier und jetzt, in meiner Realität, bin ich mir dessen nicht so sicher. Ich bin unsterblich, mein Gegner auch?
Doch eigentlich ist nicht diese Frage entscheidend. Die entscheidende Frage lautet: Will ich, dass andere, unschuldige Menschen sterben? Victoria, Victor, Peter, Virginia? Sie alle haben ebenfalls mindestens eine Waffe auf sich gerichtet.
Und dann sind da noch weitere Neuankömmlinge, überwiegend Männer. Insgesamt etwa zwanzig, wie eine schnelle Zählung ergibt.
„Ach ja? Umso hässlicher würden die Blutflecken wirken.“
„Oh ja, das ist wohl wahr.“ Ich mustere ihn. Er ist grob geschätzt Anfang bis Mitte Dreißig. Südländischer Typ mit braunen Locken. „Ich habe nicht das Gefühl, dass du schon wieder sterben möchtest.“
„Oh, du scheinst eine ganz Schlaue zu sein“, erwidert er spöttisch. „Aber du hast natürlich recht, Wiederkehren ist nichts, was auf Knopfdruck und immer funktioniert. Es ist ein bisschen wie Russisches Roulette. Von daher würde ich es mir gerne ersparen. Und deinen Freunden auch!“
„Wer sagt denn, dass es meine Freunde sind?“ Ich wende den Blick nicht von ihm.
„Weil du mit ihnen zusammen hier gesessen hast“, zischt er.
Ich hasse solche Diskussionen. Ich könnte ihn töten und einige weitere. Irgendeine Kugel würde mich dann erwischen. Und vermutlich nicht nur mich. Ich würde irgendwann wieder auferstehen, die anderen nicht.
Ich beschließe, dass so ein Massaker eine empfindliche Störung des Gleichgewichts darstellen würde, und lasse die Waffe sinken.
„Eine weise Entscheidung“, sagt mein braungelockter Freund, nimmt mir die Pistole ab und schubst mich zu den anderen. „Wenn alle schön vernünftig bleiben, passiert niemanden was. Okay, alles gesichert?“
„Gesichert!“, ruft jemand von der Tür. „Wir sind allein!“
„Sehr schön.“ Er wendet sich wieder uns zu. „Setzt euch einfach alle mal hin.“
Ich lasse mich auf einen der durchaus bequemen Stühle fallen, lehne mich zurück und kreuze die Beine. Die anderen folgen, wenn auch etwas zögerlich, meinem Beispiel.
„Sehr schön“, sagt der Südlandische. „Wie schon erwähnt, geschieht niemandem etwas, wenn ihr nicht versucht die Helden zu spielen. Von euch will ich gar nichts.“
„Was willst du denn, Hugh?“, fragt Peter, mit der vertraulichen Anrede meinen Verdacht bestätigend, dass die Eindringlinge keine Fremde sind.
„Die Liste“, antwortet Hugh.
Peter schüttelt den Kopf. „Das ist ausgeschlossen und das weißt du auch.“
Bevor Hugh antworten kann, ertönt mal wieder Victorias schrille Stimme: „Sind das etwa auch Zombies?“
„Zombies?“, fragt Hugh mit großen Augen.
„Wiederkehrer“, helfe ich bereitwillig aus.
„Oh ja, werte Dame, wir sind Wiederkehrer. Haben Sie etwa ein Problem damit?“ Hugh beugt sich vor und lächelt Victoria an.
„Terror-Zombies! Ihr seid Terror-Zombies!“
Sie ist wirklich kreativ, das muss ich neidlos anerkennen.
Hugh sieht das allerdings anders. Nach einem kurzen Moment schreit er sie plötzlich an: „Hinsetzen! Klappe halten!“
Victoria, die, wohl vor Aufregung, vorhin aufgesprungen ist, lässt sich mit geweiteten Augen wieder sinken und sagt tatsächlich nichts mehr. Anscheinend ist ihr gerade klar geworden, dass die Terror-Zombies möglicherweise beleidigt reagieren könnten. Zumindest macht Hugh nicht den Eindruck, als würde ihn die Bezeichnung als Terror-Zombie kaltlassen.
„Gut“, sagt Hugh. „Nachdem nun auch das geklärt ist, können wir uns jetzt mit den wichtigen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel mit der Liste!“
„Es gibt keine Liste“, erwidert Peter ruhig.
Hugh richtet seine Pistole plötzlich auf ihn. „Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich dich erschieße?“
„Dann erst recht nicht.“ Peter wirkt immer noch ruhig. Ich habe das Gefühl, seine Ruhe ist nicht gespielt.
„Und warum nicht, Professor?“
„Weil biometrische Angaben von mir notwendig sind, um an die Liste zu kommen. Auch solche, über die ich tot nicht mehr verfüge.“
„Hm. Ob ich das glauben soll?“
„Er könnte die Wahrheit sagen!“, wirft einer von seinen Begleitern ein, die bislang schweigend die Diskussion beobachtet haben. „Wenn eine Stimmprobe von ihm notwendig ist, dann brauchen wir ihn lebend.“
Hugh nickt. „Ja, das könnte natürlich sein. Nun, aber wir könnten seine Tochter erschießen.“
„Mich?“ Victoria sinkt noch mehr in sich zusammen.
„Dann kommt ihr ebenfalls nicht an die Liste.“
„Sag bloß, ihre biometrischen Daten sind ebenfalls notwendig.“
„Genau so ist es“, bestätigt Peter. „Der Tresor ist doppelt gesichert. Und es sind mehrere biometrischen Daten notwendig. Stimme, Iris und Fingerabdruck. Selbst wenn du uns also die Augen rausschneidest und die Finger abschneidest, nützt dir das nichts, denn unsere Stimmen würden dann garantiert nicht mehr zu den Proben passen.“
„Ich glaube, du lügst uns an, um euch zu retten.“
„Kannst du es dir erlauben zu riskieren, dass ich doch die Wahrheit sage?“
Faszinierend. Ich bewundere den wiedergekehrten Professor. Seine Kaltblütigkeit ist geradezu unglaublich.
„Kann mich jemand auufklären, um was es hier geht?“, erkundige ich mich.
Hugh starrt mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Wer bist du eigentlich? Verdächtig, wie ruhig du wirkst. Bist du eine Polizistin?“
„Ach ne, ganz sicher nicht.“ Ich mustere seine Gefährten. Sie scheinen unsicher zu sein. Das sind keine Terroristen. Aber was zum Teufel wollen sie eigentlich? „Mein Name ist Fiona Flame. Und wie heißt du?“
„Hugh Canman. Deine Ruhe ist erstaunlich. Ich glaube, du bist es gewohnt, dass eine Waffe auf dich gerichtet wird.“
„Durchaus.“
„Und dennoch bist du keine Wiederkehrerin.“
„Nein, ich bin kein Zombie.“
„Haha“, sagt Victoria.
„Was ist das eigentlich für eine Sache mit dem Zombie? Ich möchte auch darüber lachen.“
„Ein running gag“, erkläre ich. „Nicht so wichtig, nicht jetzt. Also, was ist hier eigentlich los?“
„Wüsste nicht, was dich das angeht“, erwidert Hugh.
„Eine Menge. Ich bin hier mittendrin.“
„Na und? Verhalt dich ruhig, dann geschieht dir nichts. – Peter, wir bekommen die Liste und …“
„Welche Liste?“, unterbreche ich ihn.
Er starrt mich an. „Du scheinst wirklich keine Angst zu haben. Vielleicht erlaube ich meinen Freunden, sich mit dir zu amüsieren. Dann vergeht dir schon der Übermut.“
Ich mustere seine Freunde und zucke die Achseln. „Ich bin nicht interessiert. Aber wenn sie mich angreifen, wehre ich mich und töte sie.“
„Du tötest sie?“, fragt Hugh fassungslos.
„Was ist das denn für eine?!“, ruft einer seiner Freunde.
Statt einer Antwort schnappe ich mir die Pistole von Hugh und richte sie auf ihn. Etwa 19 Pistolen zielen daraufhin auf mich. Sehr gut.
„Bist du wahnsinnig? Gib mir meine Waffe zurück!“ Er bewegt sich auf mich zu. Ich schüttel den Kopf und drücke den Abzug leicht durch, die Mündung auf seine Stirn gerichtet.
Er bleibt stehen.
„Selbst wenn du mich erschießt, stirbst du“, sagt er dann.
„Aber ich wache kurze Zeit später wieder auf, du nicht“, erwidere ich lächelnd. „Und dann töte ich die nächsten. Solange, bis niemand mehr übrig ist.“
„Scheiße, sie ist eine Kriegerin!“
Ich nicke und mustere Hugh abwartend.
Er leckt sich die Lippen. „Also schön, dann bist du eben eine Kriegerin. Du darfst nicht zulassen, dass den Menschen hier etwas passiert!“
„Ich muss Prioritäten setzen. Und du weißt, dass ich als Kriegerin eigene Entscheidungen treffe. Es ist wichtiger, dass ihr nicht an diese Liste kommt, warum auch immer.“
Nur am Rande registriere ich die entsetzten Gesichter der anderen Geisel. Meine Konzentration ist auf Hugh gerichtet, genau wie meine Waffe. Meine Hand zittert kein bisschen, im Gegensatz zu manch einer anderen, die eine Waffe hält.
„Wir … wir müssen diese Liste haben“, sagt er.
„Was ist das für eine Liste?“
Er schweigt, aber Peter nicht: „Sie enthält die Namen aller uns bekannten Wiederkehrer.“
„Und diese Liste ist besser gesichert als ein Goldschatz?“
„Können Sie sich vorstellen, was ein paar Hundert Wiederkehrer anrichten könnten, wenn sie sich zusammenschließen?“
„Hm. Hugh, wozu brauchst du diese Liste?“
„Das ist meine Sache.“
„Nicht ganz. Wie du ganz richtig festgestellt hast, bin ich eine Kriegerin. Und als Wiederkehrer wirst du wissen, was das bedeutet.“
„Ja, weiß ich“, erwidert er leise. „Aber ich muss diese Liste haben.“
„Was passiert sonst?“
Er schweigt.
„Das führt doch zu nichts!“, bricht Victoria aus. „Wie beim Ping-Pong!“
Da hat sie leider recht. Nur hat Hugh offensichtlich eine tierische Angst vor etwas – oder vor jemandem.
„Hör zu, Hugh. Ich könnte dich erschießen und dann direkt hinter dir herkommen in die Verborgene Welt. Und dann kriege ich heraus, warum dir diese Liste so wichtig ist. Glaub mir, ich habe kein Problem mit radikalen Lösungen.“
„Ich weiß“, murmelt er. „Aber ich darf es dir nicht sagen. Du bist eine Kriegerin.“
„Das heißt, es steckt noch jemand anderes dahinter, der auch von den Kriegern weiß. Ein Wiederkehrer?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Er nennt sich der Zombie-König.“
„Hach!“, ruft Victoria. „Ich wusste es!“

„Zombie-König?“, wiederhole ich. Am liebsten würde ich laut loslachen, aber etwas hält mich davon ab. Meine gute Erziehung? Eher nicht. Es ist eine Intuition.
„Ein Zombie-König schickt euch los, um eine Liste mit den Namen von ein paar Dutzend Wiederkehrern zu besorgen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Es sind 127“, sagt Peter.
„Was?“
„Namen auf der Liste. 127 Namen sind auf der Liste.“
„Aha. Also nicht ein paar Hundert?“
„Das war eine lyrische Übertreibung.“
„Eher eine dramaturgische. – Also schön. Ich glaube, ihr seid keine Mörder. Ich werde jetzt meine Waffe sichern. Und ihr werdet das alle auch tun, sonst mache ich Hackfleisch aus euch allen, egal wie lange es dauert. Habt ihr das kapiert?“
Hugh nickt niedergeschlagen und winkt seinen Freunden zu, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, dann schiebe ich die Pistole in meinen Gürtel.
Danach will ich eigentlich fortfahren mit meiner Rede, aber Victoria funkt mir mal wieder dazwischen. Sie springt wie von einer Tarantel gestochen auf und geht auf Hugh los, mit beiden Fäusten auf ihn einschlagend. Hugh ist so perplex, dass er sie ohne Gegenwehr gewähren lässt. Nach einem Moment der Überraschung packe ich die Furie und zerre sie zu ihrem Stuhl zurück. Als sie versucht, mich auch zu schlagen, verpasse ich ihr eine Ohrfeige.
Sie plumpst auf den Stuhl und starrt mich empört an.
„Ich will kein Wort hören!“, herrsche ich sie an. „Noch so eine Aktion und ich werde ernsthaft sauer! Kapiert?“
Mit offenem Mund streichelt sie ihre gerötete Wange, dann nickt sie langsam.
Ich mustere Peter und seine Tochter, dann Victor. Sie beobachten mich angespannt. Ich lasse meinen Blick zu Hugh schweifen. Auch er beobachtet mich. Angespannt. Neugierig. Respektvoll.
„Nun denn, ich werde mir mal diesen Zombie-König vorknöpfen. Hat er eigentlich auch einen richtigen Namen?“
Hugh schüttelt den Kopf. „Zumindest hat er ihn mir nicht verraten.“
„Bist du der Einzige, der Kontakt mit ihm hatte?“
Er nickt. „In meinen Träumen.“
„In seinen Träumen?“, ruft Victoria. „Ihr wolltet uns töten, weil du in deinen Träumen …?“
„Ruhe!“, schreie ich sie wütend an. „Soll ich dich fesseln und knebeln?!“
„Das würden Sie nicht …“
„Doch!“
Irgendwas an mir überzeugt sie davon, dass ich es ernst meine, denn sie verstummt und macht sich klein. Vielleicht habe ich wieder den Killerblick. Egal, was es auch immer ist, es wirkt. Nur das zählt.
„So, nachdem das nun auch geklärt ist … Wenn ich es richtig verstehe, machst du im Schlaf außerkörperliche Wanderungen zum Zombie-König?“
Hugh nickt.
„Dann gehen wir mal gemeinsam dahin. Ich will mit ihm sprechen.“
„Er ist in der Verborgenen Welt“, flüstert Hugh entgeistert.
„Na und? Meine zweite Heimat. Kannst du denn nur im Traum aus deinem Körper?“
„Ja. Kannst du denn jederzeit, wann du willst?“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich. „Also gut. Ich will diese leidige Geschichte irgendwie zum Abschluss bringen. Ihr geht schön brav nach Hause und tut so, als wäre nichts gewesen, dann tue ich auch so und lasse euch am Leben. Hugh bleibt hier, er muss heute noch träumen. Irgendwelche Einwände?“
Erwartungsgemäß gibt es keine. Mein Auftreten macht mal wieder Eindruck. Ich kenne schließlich meine Wirkung, wenn ich hochfahre.
„Dann raus hier! Alle außer Hugh, Victor und Victoria! Und natürlich den Hausherren.“
Ich beobachte die Wiederkehrer, die mit gesenkten Blicken das Büro verlassen. Virginia begleitet sie und schließt hinter ihnen ab. Als sie wiederkehrt, atmet sie erst einmal tief durch.
„Das war ja ganz schön erschreckend“, sagt sie.
„Wie das so ist mit Zombies“, bemerkt Victoria.
Diese Frau macht mich noch wahnsinnig!
Ich beschließe, sie zu ignorieren, und wende mich an Victor: „Sie müssen sich entscheiden, ist Ihnen das klar?“
„Ja“, antwortet er leise. „Es gibt keine andere Möglichkeit?“
„Sie sind tot, Victor. Offiziell liegen Sie neun Fuß unter der Erde. Okay, eigentlich in einer Gruft. Ist auch egal. Begreifen Sie es einfach als Chance, was Vernünftiges aus Ihrem Leben zu machen.“
„Wie bitte?“
„Ach, kommen Sie schon. Sie waren Börsenmakler, was ist daran irgendwie vernünftig gewesen? Sie wurden reich, indem Sie andere Menschen betrogen haben.“
„Das ist ganz schön hart, Fiona.“
Ich zucke die Achseln. „Vergessen Sie nicht, im zivilen Leben bin ich Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen, das in diesem Land nicht gerade zu den kleinen zählt. Und da wir an die Börse wollen, hatte ich ein paarmal Kontakt mit Ihresgleichen. – Und keine Insidergeschäfte, klar?“
Victor nickt nur.
Ich wende mich an Peter, der mich lächelnd ansieht. „Fiona, ich bin beeindruckt. Das habe ich Ihnen nicht zugetraut, aber wie Sie hier in kürzester Zeit für Ruhe und Frieden gesorgt haben, Chapeau!“
„Ich werde oft unterschätzt. Bin ja klein, blond und süß.“
„Und das nutzen Sie ganz schön aus.“
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich so aussehe. – Also, Victor, wie haben Sie sich entschieden?“
„Habe ich wirklich eine Wahl?“
„Eine Wahl gibt es immer. Die Konsequenzen gehören allerdings dann auch dazu.“
„Eben. Genau diese Konsequenzen lassen mir eigentlich keine Wahl.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Lieber Victor, die Entscheidung besteht eben genau darin, die richtige Wahl aus all den zur Verfügung stehenden Konsequenzen zu treffen. Sonst wäre das doch keine Entscheidung.“
„Oha, ganz schön philosophisch“, bemerkt Peter.
„Das bringt das Kriegerdasein so mit sich. Das Weltbild gerät ziemlich durcheinander, wenn man … jedenfalls geriet meins durcheinander, als ich erfuhr, wer und was ich wirklich bin. Und auch ich musste eine Entscheidung treffen, mit allen Konsequenzen.“
„Sie werden diese Entscheidung aber wohl kaum mit dem Gedanken an die Konsequenzen getroffen haben, oder?“ Victor starrt mich fragend an.
„Oh doch, mir war sogar sehr klar, was es bedeutet und dass es sehr tiefgreifende Konsequenzen hat, wie ich mich entscheide. Und mir war auch klar, dass mir niemand diese Entscheidung abnehmen konnte.“
„So wie mir jetzt?“
„Genau.“
Er seufzt, dann erhebt er sich und macht einen Schritt auf Peter zu. „Dann entscheide ich mich für die Kirche.“
„Eine weise Entscheidung“, erwidert Peter.
„Wir werden sehen.“ Victor wendet sich mir zu. „Und was machen Sie?“
„Ich besuche den Zombie-König. Als Kriegerin kann ich es nicht ignorieren, dass es seinetwegen fast ein Blutbad gab.“
„Er wird wütend sein“, stellt Hugh fest. „Und außerdem, ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wie kommst du denn in die Verborgene Welt?“
„Ich bin eine Kriegerin. Und natürlich gibt es auch eine andere Möglichkeit. Ich töte dich. Allerdings hast du dann etwa fünf Minuten, wieder in deinen Körper zurückzukehren, bevor er endgültig deaktiviert wird. Andererseits, als Wiederkehrer hast du doch Übung darin, ihn wiederzubeleben.“
„Ich glaube nicht, dass ich es wieder schaffen würde“, sagt Hugh mit gesenktem Kopf.
Ich zucke die Achseln. „Dann musst du träumen. Zumindest in Trance kommen.“
Hugh atmet tief durch. „Ich schätze, eine echte Wahl habe ich nicht. Ja, ich weiß, Konsequenzen und so.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Du bist lernfähig. – Sind wir dann so weit? Alle versorgt und glücklich?“
„Nicht alle“, sagt Victoria mürrisch. „Was ist mit mir?“
„Nichts. Was soll mit dir sein?“
„Na ja, ich kann ja schlecht nach Hause gehen und weitermachen wie bisher!“
„Wieso nicht?“
„Wieso nicht?“ Sie starrt mich entgeistert an. „Weil ich jetzt von den Zombies weiß? Von den ganzen Wahnsinnigen, die überall herumlaufen?“
„Ignorier es einfach. Bis auf die Tatsache, dass du etwas mehr von der Wirklichkeit weißt als vorher, hat sich nichts geändert.“
„Super Ratschlag. Vielen Dank auch. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. „Kann dich aber auch fahren, wenn du noch kurz wartest.“
„Nein, danke, ich nehme ein Taxi!“ Sprachs und verließ das Büro ohne einen Abschiedsgruß.
„Sie hat es schon schwer“, bemerke ich.
„Ja“, bestätigt Peter. „Ich habe da noch was für Sie, Fiona.“
„Okay, ich höre.“
Peter wirft kurz einen Blick auf die anderen Anwesenden, dann sagt er: „Sie sollten etwas wissen, was ich noch nicht erwähnt habe. Uns … uns war immer klar, dass Wiederkehrer aufgrund ihres Wissens und der daraus resultierenden Macht eine … eine gewisse Gefahr darstellen. Aus diesem Grunde haben wir eine Art Notbremse eingebaut. Es handelt sich um eine Art Bombe, eine chemische Bombe. Die technischen Details sind jetzt nicht so wichtig, aber sie werden mit einer Tablette eingenommen, die alle Wiederkehrer bekommen. Die Liste der Namen im Tresor enthält auch die Aktivierungssqeuenz.“
Stille. Nur das schwere Atmen Hughs ist zu hören.
Dann: „Habe ich das auch in mir?“
Peter nickt. „Ja. Es handelt sich um Nanotechnologie, die Bombe heftet sich an die Magenschleimhaut und verwächst mit ihr. Wird sie aktiviert, setzt sie einen Stoff frei, der innerhalb weniger Minuten zum Tode führt.“
„Das … das ist doch Wahnsinn!“ Hugh ist sehr bleich geworden.
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.“
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme? Und wenn die Bombe einfach mal so zündet? Oder durch ein falsches Signal? Was ist das dann? Verluste gibt es immer, oder wie?“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, um gar nichts zu tun“, erklärt Peter ruhig. „Daher ist diese Maßnahme notwendig, trotz aller damit verbundenen Risiken.“
„Werde … werde ich das auch bekommen?“, erkundigt sich Victor.
„Es führt kein Weg daran vorbei. Wiederkehrer sind zu mächtig.“
„Aber ich fühle mich doch gar nicht so mächtig. Genau genommen fühle ich mich weniger mächtig als vor meinem Tod.“
Peter blickt ihn lächelnd an. „Victor, … Bevor ich das erkläre, würde ich gerne allgemein, aufgrund der besonderen Situation, in der wir uns alle befinden und die eine gewisse Vertraulichkeit fördert, vorschlagen, auf formelle Anreden und Ausdrucksweisen zu verzichten. Hat jemand etwas dagegen?“
Victor schüttelt den Kopf.
„Ich bin eine große Freundin vom Verzicht auf Formalitäten“, erwidere ich grinsend.
„Das glaube ich dir sofort. – Also gut, Victor, die Sache ist die: Du durchschaust die Illusion der Gefrorenen Welt. Nicht nur, dass du es weißt, wie deine Frau, dass die Gefrorene Welt lediglich eine … eine …“
„Imagination eines Schutzwalls“, helfe ich aus.
„So könnte man es auch ausdrücken, in der Tat. Danke, Fiona. Nun, abgesehen davon, dass dir diese Tatsache vertraut ist, Victor, hast du darüber hinaus es auch geschafft, Materie bewusst zu beeinflussen, indem du deinen Körper reaktiviert hast. Frankenstein hat dafür die Energie von Blitzen gebraucht mit durchaus schlechterem Erfolg. Wiederkehrer sind in der Tat in der Lage, zumindest mit etwas Übung, gezielt ihre Fähigkeiten einzusetzen, um Materie zu manipulieren. Und damit können sie, literarisch gesehen, zaubern. Sie beherrschen Magie.“
„Oh“, sagt Victor.
„So ist es“, bestätige ich. „Ich kenne mindestens einen Zauberer, der das sozusagen beruflich macht und sehr viel älter ist als …“
„Als wer?“, fragt Victor.
„Als die meisten Menschen, die ich kenne“, erwidere ich und denke dabei an Katharina. Erschreckend, wie weh die Erinnerung an sie immer noch tut.
„Was ist los?“, erkundigt Peter. „Du hast Tränen in den Augen!“
„Ich?“ Ich wische mit dem Ärmel über die Augen. „Nicht so wichtig. Wie auch immer, das mit der Magie ist ein wichtiger Punkt.“
„Kannst du auch zaubern?“, fragt Hugh.
Ich führe meinen Daumentrick vor, den ich gelernt habe, als ich dank Nasnat unfreiwillig in der Verborgenen Welt gelandet war, als ich mit der Elfe in der Oase gelandet war und als ich Zigarettenschachteln auf den Bäumen wachsen ließ.
Mit dem brennenden Daumenzigarettenanzünder mache ich jedenfalls ordentlich Eindruck.
„Cool“, sagt Victor. „Und sehr praktisch.“
„Im Prinzip schon, außer im Mall.“ Ich erhebe mich. „Also gut, haben wir jetzt alles besprochen? Hugh und ich haben ein Date.“
Wir verabschieden uns von Virginia, Peter und Victor und fahren mit meinem Wagen los zu Hughs Appartement. Von unterwegs rufe ich James an und erkläre ihm in Stichworten die Situation.
„Hunger!“, sagt er nur.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Hughs irritierten Gesichtsausdruck.
„Kannst du ihr nicht die Flasche geben?“
„Warum kommt ihr nicht her? Während du Sandra fütterst, hypnotisiere ich ihn.“
„Du kannst hypnotisieren?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Weißt du das denn nicht?“
„Ich meine, so richtig!“, erwidere ich lachend.
„Ach so. Doch, das gehörte zur Ausbildung. Also, was hälst du davon?“
Ich werfe einen fragenden Blick auf Hugh, der nickt.
„Einverstanden. In einer Viertelstunde sind wir da.“

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestank, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

„Warum verfolgst du mich?“
Ich erhebe mich stöhnend, wische die Überreste meines Mageninhalts vom Kinn und starre das Biest dabei entgeistert an.
„Warum frisst du Menschen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, erwidert es mit seiner tiefen, brummigen Stimme, und ich muss mich sehr konzentrieren, es überhaupt zu verstehen. „Aber ich habe niemanden getötet!“
„Na ja, die Krankenschwester, die du gebissen hast, hat einen Schock fürs Leben.“
„Das tut mir leid“, erwidert es mit gesenktem Kopf. „Ich wollte es nicht. Es überkam mich einfach.“
Das wird ja immer lustiger. Ein Monster mit Gewissensbissen?
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Ich heiße Theodor Calvan. Und du?“
Wie? Was? Ich atme tief durch, bevor ich antworte: „Nenn mich Fiona. – Hast du zufällig auch einen Personalausweis?“
„Nicht bei mir.“
Mich überkommt urplötzlich das tiefe Gefühl von Surrealität. Ich stehe hier vor einem Tunnel des stillgelegten, alten Wasserwerks von Skyline, mitten in der Nacht, es ist fast Vollmond, saukalt, und ein Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Quasimodo und einem Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“, erzählt mir, dass es zwar einen Personalausweis hat, ihn aber nicht bei sich trägt.
Vielleicht sollte ich mich mal kneifen. Obwohl, inzwischen weiß ich ja, dass das nichts bringt.
„Wo hast du ihn denn?“
„Zu Hause. Aber dort kann ich nicht mehr hin.“
„Wieso nicht?“
„Ich habe mich verändert.“ Er seufzt laut. „Ich war mal ein ganz normaler Mensch. Das Menschenfleisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
„Was sagst du da? Du wurdest zu einem Monster, weil du Menschenfleisch frisst?“
„Ja.“ Das Biest lässt den Kopf hängen, was bei einem Zwei-Meter-Quasimodo-Zombie-Verschnitt einfach nur lächerlich wirkt. Trotzdem gelingt es mir unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, nicht laut loszulachen.
„Warum frisst du überhaupt Menschenfleisch? Selbst wenn du niemanden tötest dafür, zumindest bislang, ist das doch irgendwie ziemlich … irre.“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“ Ich sehe es herausfordernd an. „So oder so, ich kann dich ja nicht gehen lassen.“
„Wie willst du das verhindern?“ Es richtet sich zu seiner vollen Größe auf und funkelt mich wütend an.
Nach einem Tritt zwischen die Beine und einem Faustschlag gegen seinen Rücken findet es sich auf dem Boden wieder.
„So“, erwidere ich ruhig. Langsam macht es mir Spaß, so was wie ein Engel zu sein. „Das war übrigens die Rache für den Schlag mit dem Hammer.“
„Das war keine Absicht“, sagt es dumpf, während es sich schwerfällig wieder aufrichtet. Seiner monströsen Fratze sehe ich an, dass es dabei Schmerzen hat, und plötzlich empfinde ich Mitleid für es.
„Klar, der Hammer hat deine Hand gezwungen, ihn gegen meinen Kopf zu führen.“
„Ich geriet in Panik, als du plötzlich da warst. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil ich wusste, das war wegen der Sache mit der Krankenschwester.“
„Genau, die du gebissen hast. Also gut, du erzählst mir jetzt schön deine Geschichte und ich überlege mir, was wir tun können.“
„Wer bist du überhaupt?“
„Sagte ich doch schon: Fiona.“
Es, oder eigentlich er, Theodor, mustert mich nachdenklich. „Dich kenne ich aber irgendwoher.“
„Kann schon sein. Vor zweieinhalb Jahren war ich viel in den Zeitungen und im Fernsehen.“
„Ich erinnere mich“, sagt er und nickt. „Wir können uns da drin hinsetzen.“ Er deutet auf den Tunnel und mich schüttelt es.
„Nein, danke, das muss nicht sein. Gibt es hier keinen gemütlicheren Ort? Sonst setzen wir uns in mein Auto.“
Wie auf ein Stichwort klingelt plötzlich mein Handy. Ben ist dran.
„Brauchst du Verstärkung?“, erkundigt er sich ohne Umschweife.
„Nein.“
„Hast du das Ding?“
„Äh … ja und nein.“
„Was zum Teufel heißt das denn?“
„Dass ich noch etwas Zeit brauche. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin.“
„Wenn du womit fertig …?“ Ich lege auf. Mir ist grad nicht nach Diskussionen mit ihm.
„War das die Polizei?“, erkundigt sich das … Theodor.
„Eigentlich nur ein Polizist. Die Polizei kann nicht telefonieren.“ Ich ignoriere seinen ratlosen Gesichtsausdruck und zeige auf mein Auto. Dann fällt mir ein, wie viel Blut und andere menschlichen Teile an uns kleben und ich entscheide mich um. „Das heißt, warte mal. Bestimmt gibt es hier irgendwo verlassene Büros, oder?“
Theodor nickt ergeben und geht voraus. Ich beobachte ihn aufmerksam, falls er fliehen oder mich angreifen will, möchte ich es rechtzeitig merken. Aber anscheinend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Direkt eine Kämpfernatur scheint er eh nicht zu sein. Jedenfalls führt er mich in ein Bürogeböude, wo wir uns in einem heruntergekommenen Meetingraum niederlassen. Immerhin gibt es hier Mobiliar.
„Fehlt nur noch die Sekretärin, die uns Kaffee bringt“, bemerke ich.
„Was?“
Ich beschließe, Theodor nicht zu überfordern. Er muss seine ganze Lebensportion Humor aufgebraucht haben, als er die Vogelscheuche gebaut hat.
„Also gut, dann erzähl mal. Wieso hast du angefangen, Menschenfleisch zu essen?“
„Daran war Yvonne schuld.“
„Wer ist Yvonne?“
„Yvonne ist … war eine Kollegin. Ich … ich dachte, ich könnte bei ihr landen, als sie mich zu einer besonderen Party eingeladen hat. Eine Art Tupperparty, sagte sie, nur interessanter.“
„Und da gab es Menschenfleisch?“
„Ja“, erwidert er langsam und starrt an mir vorbei ins Nichts. „Da habe ich zum ersten Mal Menschenfleisch gegessen.“
„Aus Tupperware?“
„Nein, von Tellern. Wieso?“
Fiona! Du wolltest ihn doch nicht überfordern!
Ich winke ab. „Nicht so wichtig. Du bist also wegen Yvonne mit auf eine Tuppermenschenparty gegangen. Und wie ging es dann weiter?“
„Ich habe mit Yvonne geschlafen.“
Jetzt starre ich ihn an. „Äh … Okay. Auf der Party?“
„Nein, danach.“
„Und was passierte auf der Party?“
„Zuerst war alles ganz normal. Ich wusste da ja auch noch nicht, dass es um Menschenfleisch geht. Viele wussten das nicht, die zum ersten Mal dabei waren. Und zuerst habe ich mich auch nicht gewundert, dass wir, als serviert wurde, eine weniger waren als am Anfang. Sie wird nach Hause gegangen sein, dachte ich. Bis ich ihren Ringfinger in der Suppe fand.“
„Hast du ihn gegessen?“, erkundige ich mich.
„Was?“ Theodor sieht mich irritiert an.
„Den Finger.“
„Nein! Ich wusste dadurch, dass sie nicht nach Hause gegangen ist.“
Nicht überfordern, Fiona, nicht überfordern! Vermutlich hat die Verwandlung auch sein Gehirn verändert. Vielleicht ist das eine Art Evolution rückwärts. Also, überfordere ihn nicht!
„Schon gut. Wie ging es weiter?“
„Ich … Ich weiß wirklich nicht, wieso ich dort hingegangen bin.Und wieso ich Fleisch gegessen habe. Menschenfleisch. Einige waren nicht zum ersten Mal da und schwärmten besonders von Babyfleisch.“
Ich atme tief durch. In meinem Magen ist nichts mehr, was ich wieder nach oben befördern könnte.
„Ihr habt Babyfleisch gefressen?“
„An dem Abend nicht. Wie gesagt, wir haben erst während des Essens erfahren, dass wir Menschenfleisch essen. Und irgendwie fühlte es sich normal an. Obwohl einige von uns das noch nie getan haben.“
„Möglicherweise habt ihr Drogen verabreicht bekommen. Ich frage mich nur, wieso eigentlich.“
„Drogen?“
„Meinst du nicht? Ich meine, du hast gerade gesagt, dass ihr nicht alle gewusst habt, was das für eine Party sein würde. Und dann wurde eine von euch sogar gekocht und gegessen. Ich glaube, die meisten Menschen, die in einer westlichen Kultur aufwachsen, lehnen das Verspeisen eines Menschen mehr oder weniger ab. Das ist eine Art angelernter Schutz, ein Tabu. So was lässt sich ziemlich gut mit Drogen ausschalten.“
„Und wieso wurde ich zu so … so einem Monster?“
„Das ist allerdings eine gute Frage. Was passierte denn nach der Party und nachdem du mit Yvonne geschlafen hast?“
„Woher weißt du davon?“
„Hast du vor ein paar Minuten noch selbst erzählt.“
„Ach so. Ja, das stimmt, ich habe dann wirklich mit ihr geschlafen. Aber nur einmal. Danach war sie verschwunden und ich habe sie nie wiedergesehen.“
„Könnte sie sich auch in …ein Monster verwandelt haben?“
„Das weiß ich nicht. Aber möglich ist es.“
Ich überlege, schon allein, um mich zu erholen. Einerseits von dem, was Theodor mir erzählt, anderseits von der Anstrengung, die das Zuhören verursacht, denn er spricht extrem undeutlich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nur dadurch, dass er Menschenfleisch isst, so verwandelt. Dass er sich überhaupt verwandelt. Dann müssten sich ja alle verwandeln, die Fleisch irgendwelcher Art essen. Nein, es gibt einen anderen Grund, und der wird mit den Drogen zu tun haben, die Theodor und einige der anderen offensichtlich verabreicht bekommen haben.
Aber wozu? Dahinter stecken vermutlich die Gastgeber der Party, doch was bezwecken sie? Ich habe den Verdacht, dass Theodor kein normaler Fall ist. Irgendwas ist bei ihm vermutlich schiefgelaufen und es entspricht gar nicht dem Plan, dass er sich so verändert hat.
Hilft alles nichts, ich muss sie selbst fragen.
„Führ mich hin.“
„Wohin?“, fragt Theodor erstaunt.
„Zu dem Haus, in dem du Menschenfleisch gegessen hast.“
„Was hast du vor?“
„Ich will herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Schon allein, weil ich es nicht zulassen werde, dass Newopes Bevölkerung aufgegessen wird.“
„So viele waren es gar nicht.“
Ich beschließe, den letzten Satz zu überhören. Alles andere wäre zu anstrengend.
Ich springe auf und mustere Theodor. Er sieht ja nicht wirklich unauffällig aus, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Außerdem sind wir beide immer noch besudelt von … von was auch immer. Ich will es so genau gar nicht wissen.
„Gibt es hier eine Möglichkeit zu duschen?“
„Duschen?“
„Ja, duschen!“ Ich atme tief durch. „Sorry. Wir müssen mit dem Auto fahren, schätze ich, und so setzt du dich nicht in mein Auto. Und ich auch nicht!“
„Ich glaube nicht, dass es hier fließendes Wasser gibt“, sagt Theodor vorsichtig. „Aber einen kleinen Fluss …“
Hm. Es ist Winter und es ist kalt. Ich sterbe vor Kälteschock, wenn ich in Klamotten baden gehe. Und ohne Klamotten erst recht. Aber den Gestank würde ich nie wieder aus dem Auto kriegen … Verdammt!
„Also gut, wir gehen im Fluss baden. Und danach setzen wir uns bei voll aufgedrehter Heizung sofort ins Auto.“
„Mir ist nicht kalt.“
„Aber mir!“ Diesmal entschuldige ich mich nicht.

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