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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Mohk sieht aus wie immer. Die Haare strubbelig, die Augen wachsam. Asman steht schon bereit für mich. Vor Mohk liegen einige Bücher.
„Wie hast du geschlafen, Ringträgerin?“
„Soll ich dich in eine Kröte verwandeln? Wieso nennst du mich Ringträgerin?“
„Könntest du das denn?“, erkundigt sich Mohk amüsiert.
„Wenn ich mich anstrenge, bestimmt!“
„Nun denn. Das würde mich interessieren, ob du das schaffst. Ich fürchte nur, sich anzustrengen ist nicht genug.“
„Aha. Du wolltest mir ja erzählen, was Magie ist, vielleicht weiß ich danach, was ich tun muss, damit du quakend durch die Welt hüpfst!“
„Genau. Oder auch nicht. Ich fürchte, das Wissen aus den alten Büchern ist zwar interessant, aber keine Anleitung.“
„Warum sitze ich dann hier?“
„Um Asman zu trinken. Außerdem kann es ja sein, dass du etwas mit dem anfangen kannst, was für mich kaum Sinn ergibt.“
„Dann erzähl mal.“
„Am Anfang war Elixa …“
„Mohk!“
„Wirklich! Elixa spielt eine wichtige Rolle dabei, was nicht verwunderlich ist.“
„Wieso nicht?“
„Weil es ja immerhin darum geht, dass mit Magie Dinge möglich sind, die eigentlich nicht möglich sind. Sand kann sich eigentlich nicht zur Menschengestalt formen und kämpfen. Richtig?“
„Richtig.“
„Magie bedeutet also, Dinge geschehen zu lassen, die eigentlich den uns bekannten Naturgesetzen widersprechen. Und da die Naturgesetze von Elixa festgelegt wurden, ist es naheliegend, dass sie diese auch aufheben kann.“
„Ist gut. Verstehe ich. Und wie macht sie das?“
Mohk zuckt die Achseln. „Wie soll ein Mensch Elixa verstehen können? Ich habe aber verschiedene Legenden gefunden dazu, die zwar unterschiedlich sind, aber einen gemeinsamen Teil haben. Ich denke, der Rest ist Ausschmückung durch den jeweiligen Chronisten. Interessant könnte der gemeinsame Teil sein, denn hier kommen wieder die Zeitmacher ins Spiel.“
„Die scheinen irgendwie wichtig zu sein.“
„Das sind sie auf jeden Fall“, sagt Mohk und nickt. „Denk allein an die Helldunkelwechsel, an die Nums, an die Zeit.“
„Du glaubst daran, dass das passiert, weil die Steine hin und hertragen?“, frage ich entgeistert.
„Du nicht? Welche Erklärung hast du denn für die Gongschläge? Die überall gleich laut sind.“
„Gar keine. Aber das mit den Zeitmachern …“
„Immerhin stammen die Zauberer von den Zeitmachern ab. Vielleicht auch du. Was starrst du mich so an? Der Gedanke ist doch naheliegend, oder?“
Er hat recht, denn wenn ich auch Magie kann, und davon scheinen die Zauberer auszugehen, dann wäre auch ich eine Nachfahre der Zeitmacher, sofern die ganzen Geschichten überhaupt wahr sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es keinem Naturgesetz zu entsprechen scheint, dass Tee innerhalb von Augenblicke fertig ist, nachdem er in eine Tasse gefüllt wurde – als Pulver. Von unsichtbaren Palästen ganz zu schweigen. Oder von riesigen Muonen. Doch, der Gedanke, dass ich etwas mit den Zeitmachern zu tun haben könnte, ist sehr naheliegend.
„Also gut, und was hat nun Elixa damit zu tun? Oder wie?“
„Der Legende nach hat Elixa, als sie die Welt aus einem Samenkorn entstehen ließ, eine Handvoll Blütenstaub genommen und in die wachsende Welt hinein gepustet. Der Blütenstaub hat sich dann verteilt, allerdings ganz fein, denn eine Handvoll für eine ganze Welt ist ja nicht viel. Doch es gab einige Menschen, welche den Blütenstaub aufgenommen haben. Aus ihnen wurden die Zeitmacher. Und sie geben den Blütenstaub auch an ihre Nachkommen weiter. Dieser Blütenstaub ist es, der Zauberern ihre Kräfte verleiht.“
„Ich trage Blütenstaub in mir?“, frage ich entgeistert.
„Möglicherweise.“ Mohk nickt belustigt. „Es ist die Legende dazu. Wenn ich ehrlich bin, ist diese Erklärung genauso wahrscheinlich wie jede andere, die wir gar nicht kennen.“
„Vielleicht wissen wir einfach nur viel zu wenig über die Welt und verstehen darum vieles nicht.“
„Das mag sein. Wie dem auch sei, die Zauberer können Dinge auf eine Art und Weise verändern, wie andere Menschen es nicht können. Nimm Eisen. Eisen wird in den Minen abgebaut und in der Hitze zu Schwertern oder Scharnieren geformt. Der Schmied braucht das Feuer und seine Körperkraft dazu. Ein Zauberer nur seinen Willen.“
„Ein Zauberer kann Schwerter schmieden? Einfach so?“
„Das war nur eine Metapher. Aber im Grundsatz ist das so mit der Zauberei. Denk an die Sandmenschen. Zauberer können mit der Kraft ihrer Gedanken dem Sand befehlen, etwas zu tun, was er sonst nicht tut. Oder sie öffnen Türe, ohne sie zu berühren.“
„Sie öffnen Türen?“
Mohk nickt erneut. „Es gibt unzählige Berichte von früher darüber, dass Zauberer Gegenstände mit der Kraft ihres Geistes bewegen können. Und eine Tür zu öffnen ist doch auch nichts anderes, als sie zu bewegen.“
„Das ist wahr.“ Ich sehe die Tür zu seinem Arbeitszimmer an, die ich hinter mir geschlossen habe, als ich hereinkam. Eigentlich sollte ich sie doch auch öffnen können. Aber wie geht das? Was muss ich tun, damit Dinge sich bewegen, wenn ich das will?
„Du musst dich mehr anstrengen“, sagt Mohk, und ich höre, dass er grinst.
Ich ignoriere seine Unverschämtheit und denke nach. Den Ring muss ich doch auch nicht so anstarren. Und meine Kräfte habe ich sofort gehabt, nachdem ich den Ring über den Finger gestreift hatte. Bevor ich in der Dunkelheit sehe, muss ich nicht erst darüber nachdenken, dass ich in der Dunkelheit sehen will. Ich tue es einfach.
Tür, öffne dich einfach.
Tür? Wieso öffnest du dich nicht?
Hm. Das ist natürlich Blödsinn. Ich tue es ja nicht selbst, sondern befehle der Tür, etwas zu tun. Kann ja so nicht klappen. Ich muss etwas tun, nämlich die Tür öffnen. Aber eben nicht mit den Händen, sondern mit meinem Willen.
Jetzt ist die Tür geschlossen, aber ich will, dass sie offen ist. Ich will nicht, dass sie sich öffnet. Ich will, dass sie offen ist.
Ich will, dass sie offen ist.
Ohne dass die Klinke sich bewegt, schwingt die Tür knarrend auf.
Oh!
Ich sehe Mohk an, dessen völlig entgeisterter Gesichtsausdruck verrät, dass er damit nicht gerechnet hat.
„Du solltest mich lieber nicht mehr ärgern“, stelle ich dann lächelnd fest.
„Wie … wie hast du das denn gemacht?“
„Ich trage wohl wirklich Blütenstaub in mir“, erwidere ich. „Du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Warte mal, vielleicht war es ja nur ein Zufall.“ Ich mache eine Bewegung mit der Hand, als wollte ich die Tür schließen, und sie fällt mit einem Knall zu. „Gut, dass ist dann wohl kein Zufall mehr. Ich bin begeistert. Mohk, bitte erzähle niemandem davon. Versprichst du mir das?“
Er nickt stumm.
„Gut. Ich suche dann meine Leute und wir werden aufbrechen.“
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Ich glaube, deine magischen Kräfte, die du gerade entdeckt hast, werden dir hilfreich beim Überleben sein.“
„Das glaube ich allerdings auch.“
Ich umarme Mohk kurz, dann gehe ich auf die Tür. Und weil es Spaß macht, öffne ich sie mit Willenskraft. Zum Glück stehen in diesem Teil des Schlosses nicht vor jeder Tür Wachen, nur vor dem königlichen Arbeitszimmer, wenn dort jemand drin ist. Wie beispielsweise jetzt. Aber sie sehen nicht in meine Richtung, also schließe ich die Tür wieder mit Willenskraft.
Die Tür, die mich zu Askan führt, brauche ich auch nicht zu berühren, aber das liegt daran, dass die Wachen sie mir öffnen und hinter mir auch zumachen.
Askan unterhält sich mit Bato und Gaskama.
„Du bist ja noch da“, sagt Gaskama.
„Nicht mehr lange. Ich wollte mich nur verabschieden.“
Askan sieht mich seltsam an.
„Ich habe mit Mohk gerade die Zauberei geübt.“
„Die Zauberei geübt?“, wiederholt Askan. „Ich habe dich noch nie zaubern sehen.“
„Das liegt daran, dass ich gar nicht wusste, was ich alles kann.“
„Was kannst du denn?“
Ich blicke kurz zur Tür und beschließe, sie in Ruhe zu lassen. Eine sich von selbst öffnende und schließende Tür würde die Wachen nur unnötig aufregen. Also suche ich etwas Anderes. So ein Weinkelch, vor allem, wenn noch Wein drin ist, auf den ich plötzlich Durst habe, ist sehr gut geeignet, finde ich. Ich strecke also meine Hand aus und muss mich beeilen, die Finger um den Stiel zu schließen, bevor der Kelch noch nach unten fällt, so schnell ist er da. Ich glaube, ich sollte das Zaubern wirklich üben.
Ich trinke den Wein, während die anderen mich fassungslos anstarren.
„Ich finde diese Zauberei inzwischen ganz hilfreich“, erkläre ich dann.
„Ja, du wirst nicht mehr verdursten“, stellt Gaskama fest.
„Ach, bist du lustig. So, und jetzt verabschiede ich mich wirklich. Sobald ich den Kopf von Barka habe, komme ich zu euch.“
„Köpfe ihn aus der Ferne. Jetzt kannst du es ja.“ Ich sehe Askan an, dann stelle ich mich auf die Fußspitzen, packe seinen Kopf und küsse ihn wild. Gaskama und Bato bekommen nur eine Umarmung.

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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

– ACHTUNG! SPOILER –

 

Fiona – Entscheidungen

Wenig überraschend endet der Korridor an einer weiteren Tür. Ich habe genau zwei Wahlmöglichkeiten. Entweder gehe ich den ganzen Weg zurück und balanciere weiter am Balken entlang, oder ich öffne diese verdammte Tür. Die erste Möglichkeit ist eher theoretisch, also stoße ich entschlossen die Tür auf.
Und erstarre.
„Komm rein.“
In dem rot ausgeleuchteten Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Boden liegt auf einer Matratze Norman. In der Hand hält er ein Glas, vermutlich mit Rotwein, und sieht mich amüsiert an.
„Scheiße“, sage ich. „Das ist doch ein Traum, und zwar der verrückteste, den ich je hatte.“
„Bist du dir da so sicher?“, fragt Norman. „Glaubst du etwa nicht an Geister? Warst du nicht auch tot?“
„Ich bin niemandem erschienen“, erwidere ich, während ich eintrete und die Tür hinter mir schließe.
„Kannst du dich daran erinnern, was du getan hast?“
„Nein“, antworte ich zerknirscht. „Trotzdem, ich glaube nicht, dass du wirklich mein Bruder bist. Aber wer bist du dann?“
„Ja, das ist die große Frage. Wer oder was bin ich? Ist das ein Traum? Ist das kein Traum? Und wenn es kein Traum ist, wer oder was bin ich dann? Vielleicht bin ich doch Norman?“
Ich schüttele den Kopf. „Wenn du Norman wärst, würdest du dich anders verhalten.“
„Ach ja? Wie kommst du auf die Idee? Was weißt du denn schon über mich?“
„Nicht viel“, gebe ich zu. „Ich hatte ja auch keine Ahnung, dass du mit unserem Onkel zusammen böse Sachen gemacht hast.“
„Böse Sachen?“ Norman lacht. „Das bezeichnest du als böse Sachen? Ehrlich, Schwesterherz, du bist eine romantische Seele.“
„Mag sein. Steve wird es anders gesehen haben, als er an meinen Füßen hing.“
„Oh ja, ganz sicher“, sagt Norman nickend. „Aber ich bin nicht Steve. Steve war ein Arschloch. Es hat ihm nichts ausgemacht, den Befehl zu geben, mich umzubringen.“
„Du warst nicht viel besser“, erwidere ich düster. „Warum? Warum hast du das getan?“
Norman zuckt die Achseln. „Es hat Spaß gemacht.“
„Spaß?“
Norman nickt, dann hält er mir sein gefülltes Glas entgegen. „Hier, Schwesterchen, trink.“
„Was ist das?“, erkundige ich mich.
„Wein. Blut der Erde.“
„Danke, ich will nicht. Irgendwas ist hier faul. Ich weiß noch nicht genau, was. Und warum ich hier bin …“
„Du bist schön.“
„Was?“
„Du bist schön.“ Norman mustert unverhohlen meinen nackten Körper. „Schlaf mit mir!“
„Du bist bescheuert. Schon dein Freund Savage hatte so seltsame Ideen.“
„Schlaf mit mir!“
Ich schüttele den Kopf. „Vergiss es. Was läuft hier für ein Spiel? Wer bist du? Ein Dämon?“
Norman erhebt sich von der Matratze und kommt auf mich zu. „Wenn dein Bruder ein Dämon ist, dann bin ich tatsächlich einer. Und jetzt will ich dich ficken!“
Ich schlage seine Hände, die er nach mir ausstreckt, zur Seite. „Es ist mir völlig egal, ob du der echte Norman bist oder nicht. Aber halt deine Griffel von mir fern, kapiert?“
Das Lächeln verschwindet von seinem Gesicht, stattdessen erscheint die Fratze eines wütenden Kindes. Im nächsten Moment schlägt er nach mir. Ich weiche der Faust aus und mache einen Schritt zurück.
„Lass das lieber“, sage ich warnend. „Kämpfen ist etwas, was ich gut kann.“
„Ja, genau, in dem Treppenhaus hast du das auch sehr gut gemacht.“
„Arschloch!“ Ich atme tief durch, um nichts Unüberlegtes zu tun. „Woher weißt du eigentlich, was da passiert ist?“
Norman zuckt mit den Achseln, nimmt einen Schluck vom Wein und sagt dann: „Hier gibt es nicht sehr viele Geheimnisse.“
„Aha. Bist du auch schon Steve begegnet?“
„Nein. Aber ich habe auch nicht nach ihm gesucht. Um ehrlich zu sein, auf eine Begegnung mit ihm bin ich nicht wirklich scharf. Das Sterben war ziemlich unangenehm. Und das habe ich ihm zu verdanken.“
„Unser Hass verbindet uns.“
„Ja, in der Tat.“ Norman lächelt. „Du bist doch meine Schwester. Liebst du mich denn gar nicht?“
„Ach Norman …“ Ich spüre, wie meine Augen sich mit Tränen füllen. „Verdammter Kerl, warum hast du das getan? Warum hast du dein Leben fortgeworfen?“
„Das habe ich nicht getan!“, protestiert er. „Ich tat, was ich wollte. Nach euren Maßstäben war ich vielleicht ein Monster, aber ich tat, was ich wollte. Ich habe mein Leben genossen. Ich war kein Gefangener!“
„Und jetzt? Du hast vielen Menschen Leid zugefügt.“
Er zuckt wieder die Achseln. „Das interessiert mich nicht. Sie wurden geboren, um zu leiden.“
„Ach ja? Und wie wirst du wiedergeboren werden?“
„Ich weiß es nicht, und im Moment ist es mir auch egal. Du solltest jetzt lieber gehen, Schwesterchen. Du langweilst mich mit deiner Moral. So ein blödes Gesülze. Entweder ficken wir oder du gehst.“
Norman wendet sich ab, wirft sich auf die Matratze und dreht mir demonstrativ den Rücken zu.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich gehen kann“, sage ich.
„Du bist so blöd, das tut schon weh“, erwidert Normans Rücken. „Eine Kriegerin, die nicht einmal weiß, wie sie in ihren Körper zurückkommt. Blöde Zicke. Du musst es nur wollen. Ich verrate dir das aber nur, damit ich dich endlich los bin. Hau endlich ab!“
Ich merke, wie ich von Weinkrämpfen geschüttelt in mich zusammensacke. Dann, wie James sich über mich beugt und mich festhält. Wie ein Embryo, so liege ich im Bett und habe das Gefühl, niemals wieder mit dem Weinen aufhören zu können.

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Leseprobe: Fiona – Gefühle

Fiona – Gefühle (Band 3)

Leises Knurren.
Mist.
Ich drehe mich langsam um und starre den Rottweiler an, der zähnefletschend vor mir steht. Das Gebell verstummt, und ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen, um zu wissen, dass die anderen Hunde auch näher kommen. Beeindruckend, wie sie zusammenarbeiten. Das muss ihnen jemand beigebracht haben.
Ich blicke mich suchend um. Selbst wenn ich bereit wäre, die Hunde zu töten, es sind zu viele und am Ende würden sie mich zerfetzen. Ausnahmsweise könnte Flucht die bessere Alternative sein. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass ich es bis zum nächsten Baum schaffe und hochspringen kann, bevor sich die Zähne eines Hundes irgendwo in meinen Körper bohren.
„Sie sollten sich nicht bewegen.“
Ich wende den Kopf langsam dem Sprecher zu. Er steht schräg hinter mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen mustern mich durchdringend.
„Ich will hier nicht übernachten.“
„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie hier eingebrochen sind. Das hier ist Privatbesitz.“
„Aber nicht Ihrer!“
„Wer sagt das?“
„Mein Mann ist Immobilienmakler. In der Datenbank ist dieses Grundstück als unbewohnt hinterlegt.“
Er lacht kurz, bitter. „Ach ja, diese schlauen Datenbanken. Ich habe das Grundstück gekauft, aber es nirgendwo eintragen lassen. Es war völlig verwahrlost.“
„Und Sie haben sich Mühe gegeben, dass es von außen immer noch so wirkt.“
„Ja, das hält Neugierige ab. Meistens. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich suche jemanden.“
„Auf einem vermeintlich leeren Grundstück?“
„Genau. – Hören Sie, ich habe weder die Zeit noch Lust zu diesem Spielchen. Ich konnte nicht wissen, dass hier jemand wohnt. Und ich will weder Ihnen noch den Hunden was antun, aber ich werde nicht länger hier rumstehen.“
„Ohne meine Erlaubnis sollten Sie sich aber nicht bewegen. Es sind viele Hunde und alle haben noch ihre Zähne.“
Ich betrachte die Hunde. Einige unter ihnen wirken selbst mit Zähnen nicht besonders furchterregend, aber andere haben ein ähnliches Kaliber wie der unablässig leise knurrende Rottweiler.
„Sehe ich so gefährlich aus?“
„Eigentlich nicht. Aber Sie sind bis hierher unbemerkt vorgedrungen, und das macht Sie durchaus gefährlich.“ Ja, eine voll logische Antwort.
„Prima. Und was haben Sie genau vor? Die Polizei rufen? Oder mich hier stehen lassen, bis ich vor Schwäche umfalle?“
„Hm. Interessante Ideen. Kann es sein, dass Sie einen leichten Hang zum Sadismus haben?“
Ich sehe ihn an. Er ist Ende Vierzig oder knapp über Fünfzig. Also wie James. Graue Haare, grauer, gepflegter und gestutzter Bart. Legere, bequeme Kleidung: Pullover, abgewetzte Jeans, Wanderschuhe. Wache Augen. Tief eingebrannte Furchen im Gesicht. Eigentlich ganz sympathisch.
„Na schön, ich habe keine Zeit für Spielchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich entweder über die Bäume wegkomme oder mit den Hunden fertig werde. Es wäre aber für alle besser, Sie riefen die Hunde einfach zurück.“
„Meinen Sie, die hören auf mich?“, fragt er amüsiert. Der Mistkerl scheint mich einfach nur für mein Eindringen bestrafen zu wollen. Ich schließe kurz die Augen, um nicht auf böse Gedanken zu kommen. Obwohl, es geht eher darum, sie wieder zu verscheuchen.
„Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich habe auch einen Hund und erkenne es, wenn Hunde auf jede Mimik reagieren. Außerdem hat jemand diesen Hunden beigebracht, als ein Team zu agieren. Sie sind der Boss.“
„Vielleicht stimmt das sogar.“ Er mustert mich jetzt genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
„Sie pfeifen die Hunde zurück, und ich stelle mich vor.“
Er denkt darüber nach. Dann seufzt er und dreht sich um. Sofort wenden sich die Hunde von mir ab und setzen ihr ausgelassenes Spiel fort. Bis auf den Rottweiler. Er knurrt zwar nicht mehr, aber er bleibt mir auf den Fersen. Ich bleibe testweise stehen, er stoppt sofort auch.
„Er wird Sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie auf dem Grundstück sind“, erklärt der Mann, ohne sich umzudrehen.
„Ein guter Gastgeber.“
Er lacht wieder kurz. „Ihr Humor ist bewundernswert. Die meisten Menschen, und insbesondere Frauen, so ungern ich das sage, in einer vergleichbaren Situation verlieren den Humor oder werden sogar panisch.“ Während er spricht, biegen wir um die Ecke und gelangen auf eine geflieste Terrasse mit einem Tisch und einem Stuhl. Aber der Geheimnisvolle ist auf Besuch eingerichtet, denn aus einer kleinen Laube holt er einen zweiten Stuhl. „Kaffee?“
Ich schwanke kurz. Einerseits müsste ich weiter, andererseits bin ich inzwischen sehr neugierig geworden, und man kann nie wissen, wofür so eine Begegnung gut ist. Also nicke ich.
„Setzen Sie sich bitte. Ronin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“
Ronin? Ich betrachte den Hund neugierig. Er sitzt in etwa zwei Meter Entfernung von mir und starrt ins Nichts. Wobei dieser Eindruck garantiert nur täuscht. Als ich testweise eine Hand hebe, habe ich seinen Blick blitzschnell an mir kleben. Ich winke ihm zu. „Braver Hund.“
Der Geheimnisvolle kommt gleich darauf mit zwei Tassen Kaffee zurück. Er setzt sich mir gegenüber. „Ich glaube, Sie sind Schwarztrinkerin.“
„Meistens.“ Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.
„Also, wie heißen Sie, unbekannte Schöne?“
„Das ist unhöflich.“
„Das stimmt, aber immerhin sind Sie hier eingedrungen, das verändert die Dinge etwas.“
„Auch wieder wahr.“ Ich seufze. „Mein Name ist Fiona Flame.“
„Fiona Flame“, wiederholt er leise. „Ja, ich kenne Sie. Eine Zeit lang sah man Sie überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, wohin man schaute, sah man Sie. Es hieß, Sie wären gefährlich für das Böse. Was also wollen Sie hier?“
„Das Böse finden. Es ernährt sich von Menschenfleisch.“
Seine Augen weiten sich leicht. „Ah, ich habe davon gelesen. Und Sie suchen jetzt die unbewohnten Häuser ab, die abseits liegen?“
Er ist intelligent, keine Frage.
„Und Sie? Was ist mit Ihnen?“
„Über mich werden Sie außer in älteren Telefonbüchern vermutlich nichts finden“, erwidert er lächelnd. „Mein Name ist David Conrad.“
„David?“
„Ja, ein durchaus nicht seltener Vorname hierzulande“, erwidert er schmunzelnd.
„Ja, das habe ich mitbekommen“, murmele ich. Und füge lauter hinzu: „Und wieso sind Sie ausgestiegen?“
„Bin ich das?“
Ich werfe einen Seitenblick auf Ronin. „Ja.“
„Macht Ronin Sie nervös?“
Ich schüttele den Kopf und lange in meine Hosentasche. Sofort spannt sich der Körper des Hundes an. Ich hole meine Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. „Darf ich?“ Als David nickt, halte ich ihm die Schachtel auch hin, aber er schüttelt den Kopf. Also zünde ich nur mir selbst eine Zigarette an und halte sie mit der linken Hand.
„Sie wollten mir was über sich erzählen, David.“
„Das ist Ihre Interpretation“, erwidert er ernst.
„Wie alles.“ Ich mustere ihn intensiv, aber nervös macht ihn das nicht. „Also gut, Sie wollen es mir nicht erzählen. Sie könnten aber wenigstens dem Hund erlauben, sich zu entspannen.“
„Glauben Sie, dass ich das kann? Es ist Ihre Anwesenheit, die ihn angespannt macht.“
„Aber nur, weil er Ihre Angst spürt.“
„Ich habe keine Angst!“
„Sie haben gerade das Gegenteil bewiesen“, stelle ich fest und nehme einen tiefen Zug.
„Rauchen ist ungesund.“
„Und jetzt lenken Sie auch noch ab. Und ja, ich weiß.“ Ich sehe den Hund an, der David anstarrt. Ein Wink von dem und er stürzt sich auf mich.
„Ich habe keine Angst, aber ich frage mich, wonach genau Sie suchen.“
„Hm.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den leicht grauen Himmel. „Ein guter Freund von mir wurde entführt, und ich würde ihn gerne in einem Stück finden.“
„Und dann sitzen Sie hier … ah, jetzt verstehe ich! Sie vertrauen wohl niemandem?“
Ich muss lächeln. Er ist wirklich intelligent. „Das ist keine Frage des Vertrauens. – Wollen Sie Ronin nicht doch erlauben, sich zu entspannen? Ich möchte ihn streicheln.“
„Er wird sich nicht streicheln lassen.“ David macht eine angedeutete Bewegung, und Ronin geht zu ihm hin. Nachdem er seine Kopfmassage bekommen hat, setzt er sich so hin, dass er mich wieder im Blickfeld hat.
Ich halte ihm meine rechte Hand entgegen.
David beobachtet uns neugierig.
Ronin mustert die Hand, dann sucht er meinen Blick. Danach mustert er wieder die Hand. Ich warte ab. Nach einigen Minuten erhebt er sich, kommt näher und schnuppert an meinen Fingern. Ich lasse ihn gewähren, auch als seine Nase an meinem Handgelenk ankommt. Dabei schaue ich ihn nicht direkt an, um ihn nicht zu verunsichern. Schließlich setzt er sich hin und lässt es zu, dass ich sanft seinen Kopf berühre und streichele.
„Alle Achtung“, sagt David. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Er merkt, dass ich keine Angst vor ihm habe, aber auch, dass ich ihm nichts Böses will. Und er spürt vermutlich auch …“
„Was denn?“
„Nichts“, erwidere ich. „Erzählen Sie was über sich. Wieso leben Sie hier mit einem Hunderudel?“
„Ein Geheimnis? Faszinierend.“ Er lehnt sich zurück und legt seine Hände aneinander, mit den Fingerspitzen Kinn und Lippen berührend. „Im Grunde ist es keine große Geschichte. Ich war 20 Jahre lang Kinderarzt mit eigener Praxis. Und eines Tages hatte ich es satt. Ich hatte es satt, die vielen Kinder, die geschlagen und missbraucht wurden, die verwahrlost wurden, die gezwungen wurden, Abbilder ihrer Eltern zu werden, deren verlorene Wünsche zu erfüllen. Kinder, die vergewaltigt und schwanger wurden. Kinder, die angeblich die Treppe runtergefallen sind. Irgendwann wünschte ich mir, eine Pistole nehmen zu können und diese Eltern einfach zu erschießen. Und die Onkel und Tanten. Die Polizisten, die dann noch einmal auf der Seele der Kinder herumtrampelten. Die unfähigen Idioten von den Jugendämtern. Und irgendwann beschloss ich, dass ich einfach gehen sollte, bevor es ein Blutbad gibt.“
Er schaut mir in die Augen. „Habe ich Sie erschreckt?“
Meine Hand liegt auf dem Kopf von Ronin. Ich verneine kopfschüttelnd.
„Sie haben Tränen in den Augen, Fiona. Wen beweinen Sie?“
„Alle.“
Er nickt langsam. „Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie Kinder?“ Und als ich verneine: „Werden Sie welche haben?“
„Keine Ahnung …“
„Ich glaube, dass ja. Sie werden eine gute Mutter sein. Ich weiß, Sie denken jetzt, wie kann der das wissen, er kennt mich ja erst seit ein paar Minuten. Nun, das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie mit den Hunden umgehen. Und ich sehe, welches Vertrauen Ronin Ihnen entgegenbringt. Das reicht mir.“
Ich wische meine Tränen ab und nehme einen Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Ich sollte jetzt gehen.“
„Das finde ich bedauerlich, aber ich kann verstehen, dass Sie Ihre Suche fortsetzen wollen.“
Er bringt mich zum Gartentor, begleitet von den Hunden und vor allem Ronin. Ich halte ihm die Hand hin, die er nimmt. Sein Griff ist fest, seine Hand rau. Dann wende ich mich Ronin zu, der sich vor mich setzt. Lächelnd gehe ich vor ihm in die Hocke und streichele seinen Kopf.
„Langsam werden Sie mir unheimlich.“ Ich genieße Davids Verblüffung mit einem Lächeln.