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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Kreuzritter

Der Kreuzritter

Frühjahr 1252

Der Kreuzzugsaufruf im Languedoc ist ein Misserfolg. Kaum ein Okzitane ist bereit, sich freiwillig einem römisch-katholischen Ideal in einem fernen Land für himmlische Ehre und zweifelhaften Lohn zu widmen. Angesichts dessen verfügen die Inquisitoren Strafmilderung für entlarvte Ketzer, die zu Gefängnis oder zum Tragen des gelben Kreuzes der Geächteten auf ihrer Kleidung verurteilt wurden. Sie können Gnade finden, wenn sie an diesem Kreuzzug teilnehmen. Viele Adelige und einfache Männer der Dörfer im Tal der Aude folgen schließlich der Aufforderung des Bischofs von Carcassonne und Alphonse de Poitiers kann die Auflage seines Erbes erfüllen und fünfzig Ritter und Armbrustschützen zu Pferd aus seiner neuen Grafschaft entsenden.
Der Baron de Termes bereitet sich auf seine erneute Pilgerfahrt als Kreuzritter vor und sucht deshalb seine Kasse zu füllen. Auch dieses Mal wird ihn die militärische Hilfe, mit der er seinen Herrn unterstützen will, teuer zu stehen kommen. Dabei sind seine Schulden aus dem letzten Kreuzzug noch nicht vollständig beglichen. Es bleibt ihm darum keine andere Möglichkeit, als einen Teil seiner gerade erst wiedererlangten Ländereien zu verkaufen. Doch welchem seiner Nachbarn soll er sein Land über-schreiben? – Es gibt nur einen, der ihm wohlgesonnen ist und auch genügend Geld dafür bieten kann: Der neue Abt Othon der Zisterzienserabtei Fontfroide.
In Begleitung seines Bayle Peire Catalan, dem er nach Aimerics Rückzug in dessen beinahe klösterliches Privatleben nun die gesamte Verwaltung des Termenès und seine persönlichen Angelegenheiten für die Zeit seiner Abwesenheit anvertraut, und eines Notars, einem jungen Absolventen der Toulouser Universität, den er für seine Belange eigens aus dem Razès geholt und ihm ein neu geschaffenes, öffentliches Büro des Termenès in Obhut gegeben hat, geht Olivier unter dem gotischen Gewölbe des Kreuzganges zu den Räumen des Abtes. Ihnen voraus läuft, die Hände in den weiten Ärmeln der weißen Kutte versteckt und den Blick zur Erde gerichtet, ein Mönch lautlos an der Wand entlang, um ihnen den Weg zu weisen. In der Mitte des Klosterhofes plätschert beruhigend ein Brunnen. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft und stimmt Olivier wehmütig. Die ersten Blumen sind unter der hellen Frühlingssonne erblüht, die mit ihren Strahlen sogar die steinernen Fußbodenplatten im kühlen Kreuzgang erwärmt. Der Mönch bleibt vor einer schweren Holztür stehen, auf welche die langen Schatten der zierlichen Säulen fallen, die das spitzbogige Gewölbe zur Hofseite hin tragen. Eine kräftige Stimme aus dem Innern bittet den Baron einzutreten und der Mönch drückt den kleinen Metallhebel, der den von innen heruntergeklappten Türriegel öffnet.

Abt Othon sitzt hinter einem Berg von beschriebenen Pergamenten und Folianten, die er offensichtlich bis zu diesem Moment eingehend studiert hat. Seine Augen sind gerötet vom stundenlangen Lesen und zuwenig Schlaf. Dennoch erhebt er sich mit unerwartetem Elan von seinem Stuhl und geht mit ausgebreiteten Armen um seinen Tisch herum, um den Baron de Termes mit Umarmung und Bruderküssen zu begrüßen.
Nach außen freundlich, doch mit seinen wachen Sinnen jede Freundschaftsbezeugung misstrauisch beobachtend, nimmt Olivier auf dem ihm angebotenen Armlehnstuhl gegenüber dem Abt Platz und gestattet auch seinem Bayle und seinem Notar, sich auf den Scherenstühlen nahe der Tür niederzulassen. Dieser Abt hat Grund genug, fröhlich zu sein, denkt Olivier bei sich. Weiß doch ein jeder, dass der Baron de Termes bis zu seinem Halse in Schulden steckt, irdischen wie auch himmlischen, die durch seine Vergehen in der Vergangenheit entstanden sind und die zu begleichen er gezwungen ist, wenn er für sich und seine Erben dauerhaft den befriedenden Segen der Kirche haben will. Denn wenn er auch durch die Teilnahme am Kreuzzug nach Damiette einen Ablass erhielt, so ist noch immer der alte Groll des Erzbischofs und der Zisterzienser wegen der in früheren Jahren entgangenen Zehnteinnahmen zu spüren.
„Ich bin gekommen, um mein Gewissen zu erleichtern und begangene Schuld wieder gut zu machen“, beginnt er darum das Gespräch nach den allgemeinen Begrüßungs-floskeln.
Nun blickt ihn Othon doch mit einem gewissen Erstaunen in seinem Gesicht an. „Soweit mir bekannt ist, sind alle Euere Sünden durch päpstlichen Ablass getilgt. Oder gibt es noch etwas, das Ihr der Heiligen Mutter Kirche verschwiegen habt?“
„Nein, keineswegs. Meine Vergehen sind Euch allesamt bekannt. Aber ich fühle trotz des Ablasses noch keine Erleichterung auf meiner Seele, denn der Euerem Konvent zugefügte Schaden durch von mir verhinderte Zehntzahlungen ist noch nicht getilgt. Ich habe erkannt, dass ich Gott durch meinen Betrug an Euch und mangelnden Eifer bei der Steuereintreibung beleidigt habe. Und um dem ein Ende zu setzen, werde ich von hier aus direkt weiter zum Erzbischof von Narbonne reiten und mit ihm für die Zukunft die Steuereintreibung dergestalt verfügen, dass meine Vasallen, auch während ich in Outre-mer weile, gehalten sind, den Dienern Gottes zu ihrem Recht zu verhelfen.“
„Das ist sehr löblich und Ihr seht mich überrascht, da ich mit soviel Umsicht von Euerer Seite nicht gerechnet habe“, betont Abt Othon freundlich.
Doch Olivier weiß, dass diese Erwartung durchaus von Seiten der Kirche seit seinem Kreuzzugsschwur vor fünf Jahren an ihn gestellt ist und er die Erfüllung dieser nur deshalb so lange hinausziehen konnte, weil der damals neu in sein Amt eingeführte Erzbischof Guillaume de Broüe noch nicht mit allen Problemen seiner Diözese vertraut war. – Nach diesem Zugeständnis ist es an der Zeit, das nächste zu machen, beschließt Olivier und setzt sachlich hinzu: „Zur Entschädigung für Euere Steuereinbußen und zur Vergebung meiner Sünden gebe ich Euerer Abtei mit heutigem Datum das Weiderecht von Jonquairolles im Termenès. Mein Notar, Méstre Carbonel hat die Urkunden bereits vorbereitet.“
Mit einer ausholenden Armbewegung fordert er den jungen Rechtsgelehrten auf, seines Amtes zu walten, der auch sogleich geflissentlich an den Tisch vor den Abt tritt und die betreffenden Pergamente entrollt. Der Zisterzienserabt liest die Dokumente gründlich, bevor er sein Zeichen unter Oliviers Siegel setzt.
Olivier ist erleichtert. Das Friedensangebot ist akzeptiert. Er rechnet fest damit, dass er die Mönche so für ihn gewogen stimmen kann und danach einen höheren Preis für sein wirkliches Anliegen erzielen wird, als die Kleriker beabsichtigt haben, ihm zu bieten. Dies wird den Verlust durch die fromme Gabe wieder wett machen.