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Leseprobe: Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Zu Hause in Deutschland

Vorab

Maria Braig (Herausgeberin)

Zwei-Welten-Kind nennt sich Marina Maggio, von der die Idee stammte, eine Textsammlung mit Beiträgen von Menschen zusammenzutragen, die in Deutschland geboren sind, die Deutsche sind, aber doch von vielen Deutschen nicht als ihresgleichen gesehen werden. Von Einheimischen, denen das Einheimischsein gerne abgesprochen wird, weil sie bestimmte Eigenschaften besitzen: weil sie Schwarz sind, weil sie asiatische Vorfahren haben, weil sie ein Kopftuch tragen, …, einfach weil sie anders sind oder vielmehr als anders gesehen und beurteilt werden.
Dabei stellt sich hier die Frage: Warum sind sie anders? Oder noch besser, warum sind gerade sie anders? Die Anderen sind ja immer diejenigen, die wir selbst gerade nicht sind. Also sind wir, je nach Perspektive, alle anders oder eben niemand.

Zwei-Welten-Kinder: Sind sie das wirklich oder werden sie nur dazu gemacht?

Es gab Diskussionen während ich auf der Suche nach Texten für dieses Buch war. Die Frage kam auf: Darf eine weiße Frau ein Buch mit Texten von Schwarzen Menschen herausgeben? Oder dürfen sie das nur selbst tun? Oder darf sie das tun, muss sich aber anders, grundsätzlicher mit Rassismus auseinandersetzen, als ich dies in diesem Buch kann und will?
Manche Autor*innen sind wegen dieser Frage abgesprungen, ich selbst begann zu zweifeln, habe mich dann aber dennoch entschieden, weiter an der Anthologie zu arbeiten.
Ich selbst bin weiß, deutsch, anatomisch weiblich und katholisch geboren. Lediglich den Katholizismus habe ich abgelegt, der Rest klebt an mir und ich versuche, mich damit auseinanderzusetzen, finde aber immer wieder leere oder falsch besetzte Stellen in der Landkarte meiner Erkenntnisse und in meiner Auseinandersetzung mit den Problemstellungen. Dies ist für mich persönlich aber kein Grund, nicht weiter zu lernen und parallel dazu in die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wenn ich (noch) nicht alle meine rassistischen Anteile, alle (unbewussten) Vorurteile und Klischeevorstellungen, die ich mit mir herumschleppe, ablegen konnte – ich bin fast sicher, dass es niemanden gibt, dem dies hundertprozentig gelingt, auch wenn wir das gerne von uns glauben möchten – so sehe ich doch nichts Falsches daran, das Thema Rassismus zu bearbeiten und meine Möglichkeiten auszuschöpfen: Ich habe die Möglichkeit zur Veröffentlichung und kann deshalb die Möglichkeit, Texte öffentlich zu machen, wie in Form dieser Textsammlung, weitergeben an andere, die selbst diese Gelegenheit nicht haben.
Parallel zu meiner Arbeit an diesem Projekt, schlug mir der Verlag 3.0 vor, in der Fortsetzung der Anthologie „Jetzt bin ich hier“ einen weiteren Band mit Texten von geflüchteten Menschen zusammenzustellen.
Herausgekommen ist nun letztendlich dieses Buch, das beide Ideen in sich verbindet.
Im ersten Teil „Angekommen“ habe ich erneut Texte von Geflüchteten zusammengetragen. Sie handeln meist von der Flucht und den Gründen, die Heimat zu verlassen, vom Ankommen in der Fremde und dem Versuch dort heimisch zu werden.
Im zweiten Teil „Angenommen?“ finden sich Texte von eben diesen Angekommenen und von immer schon Dagewesenen, die erzählen, welche Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden, wie viel Diskriminierung sie erfahren, einzig aus dem Grund, weil sie sich äußerlich von der Mehrheit unterscheiden. Die Autor*innen beschreiben, wie ihnen wegen Äußerlichkeiten die grundsätzliche Gleichheit abgesprochen wird, wie sie zu Den Anderen gemacht werden, zu Zwei-Welten-Kindern, auch wenn sie selbst das so gar nicht empfinden.

Was fehlt, was aber ein ganz eigenes neues Projekt wäre, ist die Antwort auf die Frage, warum das so ist und welche Eigenschaften eigentlich wirklich zählen und weshalb gerade diese. Warum unterscheiden wir Menschen anhand ihrer Hautfarbe und ihrer Religion? Warum werden Schwarze Menschen oder Muslime nicht automatisch ebenso als Deutsche wahrgenommen, wie Weiße, die äußerlich ihre nichtchristliche Religionszugehörigkeit nicht zu erkennen geben?
Dass sich Nationalität nicht an der Haufarbe festmacht, ist im Sport keine Frage. Warum dann bei gewöhnlichen Menschen?
Was verbirgt sich hinter dieser Ab- und Ausgrenzung, welche Ängste stecken dahinter?

All diese Fragen kann dieses Buch nicht beantworten, aber es kann dazu beitragen, auch den weißen christlich sozialisierten Deutschen aufzuzeigen, dass es diese Probleme gibt. Es kann ihnen vielleicht zum ersten Mal klar machen, dass sie selbst auch oft noch so denken und dadurch genau dieses diskriminierende Denken aufbrechen. Das wäre ein erster Schritt, auf den andere, wie die Beantwortung der Frage nach dem Warum folgen können. Vor allem aber, was mir wichtiger erscheint, als das Warum zu klären, soll das Buch dazu beitragen, durch das Aufzeigen der Situation diese zu verändern.

Denn wer ein Problem erkennt, kann dieses auch beseitigen. Wer erkennt, dass er/sie unbewusst unterscheidet, wo es nichts zu unterscheiden gibt – nicht bei den Ankommenden und nicht bei den immer Dagewesenen – kann die Zukunft gemeinsam auf Augenhöhe lebenswert machen.

(Alle Honorare von Autor*innen und Herausgeberin, die durch den Verkauf dieses Buches entstehen, gehen in die Flüchtlingsarbeit oder in Empowerment-Projekte.)

Blick ins Buch

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Leseprobe: Neukölln ist nirgendwo – Nachrichten aus Buschkowskys Bezirk

Neukölln ist nirgendwo

Meine Nachbarin Frau W. stellte mir heute ihre Nichte vor.
Ich wollte gerade das Haus verlassen, als Frau W. –rein zufällig – ihre Wohnungstür öffnete.
„Herr Schack, darf ick Ihnen Gritt vorstellen, meene Nichte aus Neubrandenburg.Seit einer Woche ist sie in Berlin, hat hier eine Stelle als Telefonistin anjetreten“
Gritt trat auf die Türschwelle, eine flachsblonde junge Frau, die ihre Haare zu Schnecken gedreht hatte.
„Ich bin keine Telefonistin Tante, sondern Call-Center Agent „, korrigierte sie missmutig.
„Aus Neubrandenburg kommen Sie also?“, fragte ich, um die Konversation in Gang zu bringen.
„Ja, ich bin von Vorpommern“, gab sie wortkarg zur Antwort.
„Meine ganze Familie arbeitet in der Schweinezucht, aber ich will etwas mehr aus meinem Leben machen!“
In diesem Moment kam die Musikerin Chantal- aus der 5.Etage – die Treppen hinunter, mit der Frau W. sich in einer Art Dauerfehde befindet.
Chantal trug eine Sonnenbrille, dazu einen weinroten Mantel .
Als sie uns erblickte, grüßte sie freundlich in meine Richtung, musterte Frau W. aber abschätzig.
„Flittchen!“, zischte Frau W. leise, aber doch hörbar.
„Faschistin!“, gab Chantal zur Antwort, während sie sich an uns vorbei in Richtung Ausgangstür bewegte.
Frau W. fasste sich theatralisch an die Nase
„Ick kann ja kaum noch atmen, dieses Parfüm (Sie sprach es Parföng aus) riecht irgendwie billig, fast nuttig!“
Chantal drehte sich auf den Absätzen ihrer schwarzen Lackstiefel um, schob die Sonnenbrille unter ihre Augen und sagte: „Immer noch besser als ihr Körpergeruch Frau W., damit können sie ja alle Bewohner des Hauses vergasen. Sie waschen sich wohl trocken?“
Frau W. schnappte fassungslos nach Luft
“ Ne Sauerei is dit, wat man sich hier von so eener sajen lassen muß, in seinem eigenen Hausflur.
Aber dit hat noch´n Nachspiel. Komm Gritt, dit haben wir nicht nötig!“ sagte sie, zog dann ihre Nichte in die Wohnung und ließ die Tür ins Schloss fallen .