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Leseprobe: Social Hideaway

Social Hideaway

Shania sollte nicht lange warten müssen, bis sich alles aufklärte. Sie begriff, dass sie noch lange nicht am Ziel ihrer endlos scheinenden Reise angekommen war. Einer der, typisch einheimisch, nahezu zahnlosen, etwas älteren und männlichen Anbieter aus dem Tourismusgewerbe, ausgerüstet mit der üblichen Ausstattung an bunten Ausflugsmappen und dem Bauchladen mit einem Sammelsurium von Sonnenbrillen bis Modeschmuck, fiel ihr auf. Anders als seine Kollegen war er nicht aufgestanden, um die Touristen, die mit Shanias Maschine gekommen waren, anzusprechen und seine Waren oder Ausflüge feilzubieten. Selbst als wieder Ruhe einkehrte, die angekommenen Gäste sich verteilt hatten oder aber noch dem Straßenmusiker lauschten, bewog ihn nichts zu einer Änderung seines abwartenden Verhaltens. Er saß stoisch auf seinem Stuhl, für Shanias Begriffe fast bemüht desinteressiert – als ob er versuchen würde, jemanden verdeckt zu beobachten.
Ihr erster, beunruhigender Gedanke war: ‚So ein Mist! Dieser auffällige Sänger! Die CIA hat mich gefunden‘!
Sie wollte schon losrennen, doch plötzlich sah sie, wie der Alte langsam eine Hand hob. Auf seiner Handinnenfläche war weithin sichtbar ein blauer Delfin abgebildet, vermutlich ein Tattoo.
Shania zögerte kurz, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was hatte sie schon zu verlieren? Wenn die CIA sie jetzt gefunden hatte, dann würde sie so oder so zugreifen. Sie konnte also dem Alten auch gleich in die Arme laufen. Im Falle einer Verfolgungsjagd mit möglichen Hintermännern hatte sie in der fremden Umgebung kaum eine Chance. Falls es allerdings tatsächlich wieder ihre Helfer waren, durfte sie die Gelegenheit, an weitere Informationen zu kommen, auf keinen Fall verstreichen lassen.
Im Geist ging sie blitzschnell mögliche Szenarien durch und entschied sich für einen Kontaktversuch. Rasch sah sie sich nach möglichen Fluchtwegen um, dann ging sie mit festem Schritt auf den Mann zu. Der klappte sogleich seinen Bauchladen zusammen, steckte ihn unter den Arm zu seiner Ausflugsmappe, drehte sich ohne ein Wort um und lief mit einem kurzen, auffordernden Blick davon. Shania beschloss, ihm unauffällig zu folgen.
Der Mann schien ihr einen Weg zu weisen, immer wieder drehte er sich flüchtig nach ihr um. Er lief voraus, bis sie schließlich ein Stückchen abseits zu einem alten Fahrzeug kamen. Er sprach kein Wort mit ihr und sah sich nach allen Seiten um, bevor er ihr schließlich signalisierte, in das Auto zu steigen. Shania schluckte und stieg zögernd ein. Schweigend fuhren sie eine Weile, bis der Wagen in eine schmale Ausfahrt zum Kreuzfahrthafen hin einbog. Der Mann deutete stumm auf eines der großen Schiffe. Als Shania ausgestiegen war, ließ er die verdutzte junge Frau ohne weiteren Kommentar stehen und brauste davon.
Ob sie hier einschiffen sollte? Sie hatte doch keine Bordkarte! Auf dem Weg über den Kai bemerkte sie plötzlich kleine, aufgesprühte blaue Delfine, die einen Weg zur Gangway des Schiffes markierten. Es war eindeutig: Man hatte sie hierherlocken wollen.
An der Gangway wurde sie von einem lächelnden Steward höflich nach ihrer Bordkarte gefragt. Rasch überlegte sie und setzte dann ihr unschuldigstes Lächeln auf. „Ich habe keine. Ich bin Steffy Miles. Ich soll hier zusteigen.“ Shania hörte das Echo ihrer eigenen Worte, sie kamen ihr lächerlich vor. Sie rechnete damit, abgewiesen zu werden.
„Ah, natürlich, Mrs. Miles, man hat mir Ihr Kommen angekündigt. Herzlich willkommen an Bord unserer wundervollen BLUE DOLPHIN. Schade, dass Sie uns nur die wenigen Tage bis Vanuatu begleiten. Hier ist Ihre Bordkarte.“
Er reichte ihr lächelnd das Reisepapier. Shania hätte am liebsten hysterisch aufgelacht. Jemand hatte das alles hier minutiös für sie geplant – und nun war sie auf einem echten Kreuzfahrtschiff!
Wenn sie das doch nur mit Liam erleben könnte! Sie sah sich die Bordkarte genauer an: zwei lange Seetage auf diesem Schiff! Essen und in der Sonne liegen. Wow! Hoffentlich würde ihr die kurze Pause hier neue Kraft für den Rest ihrer Flucht geben. Ihre Angst war wie weggeblasen. Sie hoffte inständig, dass die Reise auf Vanuatu beendet sein würde. Eine Weile im Paradies sein – wer wollte das nicht? Vor allem wollte sie eines nicht: weitere Flugzeuge, Busse, Züge, Schiffe oder dergleichen mehr besteigen. Sie wollte endlich ankommen. Sie wollte nur noch ihre Eltern sehen. Sie hoffte, in nicht allzu ferner Zukunft auch Liam endlich wieder in ihre Arme schließen zu können.
Die zwei Tage verliefen unerwartet ruhig und taten ihrer mehr als angespannten Verfassung gut. Sie schaffte es sogar, zur Abendunterhaltung zu gehen. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie wieder richtig herzhaft lachen konnte.
Sie war am Ende sogar in der glücklichen Lage, wieder eine Touristin zu finden, die ihr ihre einstudierte Story glaubte: die Geschichte, dass ihr Freund Briefmarken aus aller Welt sammelte. Die Schwedin erklärte sich gegen ein kleines Entgelt bereit, eine Postkarte von Shania in ihr Heimatland mitzunehmen und sie dort frankiert an Liam zu versenden.

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Leseprobe: Social Rating

Social Rating

Wer darf leben, wer soll sterben?

Es dauerte noch lange, bis Jeff in dieser Nacht der Bitte seiner Frau nachkam. Erst nach der dritten Flasche seines Lieblingsrotweins, die sie schweigend geleert hatten, hielt er sie an ihrer Hand fest und beendete seine Schockstarre. Lisa war mittlerweile eine Träne über die Wange gekullert, sie war im Begriff gewesen, unverrichteter Dinge zu Bett zu gehen.
„Ich habe diverse Programme zur Unfallverhütung geschrieben“, hob er mit tonloser Stimme an. „Sie funktionieren. Sicherheitsabstände werden eingehalten, Autos leiten selbstständig Bremsvorgänge und sinnvolle Lenkmanöver ein oder geben Warntöne ab, wenn sie feststellen, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden. Wir haben es sogar geschafft, dass die unterschiedlichsten Autotypen von verschiedenen Herstellern über Funksignale und Sensortechnik kommunizieren, um Unfallrisiken zu minimieren, schon bevor sie wechselseitig in Sicht- und Sensorweite geraten. Ich war auf jede neue Entwicklung so stolz. Heute allerdings habe ich eine Aufgabe bekommen, die mich die nächsten Wochen und Monate beschäftigen und deren Resultat mich ein Leben lang verfolgen wird. Denn ich wurde offiziell darum gebeten, Gott zu spielen. Ich soll über Leben und Tod entscheiden.“
Es entstand eine längere Pause, vollkommene Stille war eingetreten. Bis er mit seltsam heiserer Stimme fortfuhr: „Unsere letzten Testreihen und Praxiserfahrungen haben ergeben, dass immer noch, gerade jetzt in der Übergangszeit, wo selbstfahrende Autos und unsere herkömmlichen, manuell gesteuerten Autos zusammen unsere Straßen nutzen, trotz aller verbauten Software Unfälle nicht zu verhindern sein werden.“ Er senkte seine Stimme, Lisa hatte Mühe, ihn zu verstehen.
„Mein Chef Patrick hat mir heute die Aufgabe übertragen, eine Software- Erweiterung zu schreiben, die verbindlich vorgibt, wie ein selbstfahrendes Auto in solchen Fällen entscheiden soll. Ich soll nicht nur das Programm schreiben. Ich soll auch die Entscheidungskriterien definieren. Ich hoffe, du verstehst, was das bedeutet, Lisa.
Man sagte mir, ich solle das tun, weil nur ich dazu fähig sei, darüber zu entscheiden, was machbar und sinnvoll ist, aber das ist Unsinn! Sie sind schon immer mit ihren unmöglich scheinenden Visionen an mich herangetreten und ich habe es jedes Mal möglich gemacht. Es will sich diesmal nur keiner die Finger schmutzig machen, das spüre ich sehr genau. Denn was ist moralisch richtig, wenn das Auto während eines Ausweichmanövers feststellt, dass es entweder die Oma auf dem Gehweg überfahren muss – oder das Kind auf dem Fahrrad, das ihm gerade im Augenblick die Vorfahrt nimmt? Welche Reaktion soll im Auto ablaufen in so einem Moment? Soll sich die Software für die alte Frau entscheiden, deren Lebenserwartung begrenzt ist und deren staatliche Rente die Haushalte belastet – oder soll das Auto das kleine Mädchen überfahren, weil es doch offensichtlich die Situation verschuldet hat?“
Nun war es an Lisa, in langes Schweigen zu verfallen. Schließlich sagte sie: „Du bist weltbekannt als Entwickler auf deinem Gebiet. Kündige!“
Aber Jeff schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer – und das am Ende womöglich noch fehlerhaft. Woanders werde ich früher oder später in die gleiche Situation kommen, das ist doch vollkommen klar. Außerdem habe ich ein dreijähriges Wettbewerbsverbot, ich dürfte also mindestens drei Jahre lang nicht in der Entwicklungsabteilung eines anderen Automobilbauers arbeiten; das ist der Haken an meinem Arbeitsvertrag. Bei Missachtung dieser Vertragsklauseln müsste ich zwölf Bruttogehälter Strafe zahlen. Uns geht es zwar im Augenblick gut, aber so gut nun auch wieder nicht.
Mich hat das alles nie gestört, ich war bis heute bei FutureCars immer sehr glücklich, ein Wechsel stand für mich nie zur Debatte. Ich war durch meinen Job immer wieder als Referent zu Konferenzen in der ganzen Welt eingeladen und bin vor allem durch meine früheren Praktika schon viel herum gekommen. Und ihr habt euch hier so toll eingelebt.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet, Schatz. Selbst wenn sie das Projekt einstellen, was soll denn werden? Das Problem ist schließlich in der Welt. Sollen die Autos in solchen Situationen wie zufällig agieren, nach Prinzipien wie beim Roulette? Ich frage mich, ob unter diesen Bedingungen überhaupt noch vertretbar ist, woran ich maßgeblich beteiligt war und bin. Mir wird langsam klar: Ich habe da etwas begonnen, ohne die Tragweite und die Konsequenzen meiner Arbeit zu erahnen. Ich kann jetzt nicht einmal mehr davonlaufen. Ich muss mich meiner Verantwortung stellen.“
Obgleich Jeff an diesem Abend zum ersten Mal nicht mehr naiv über den Fortschritt dachte, den er über die Autowelt brachte, so hätte er sich doch niemals träumen lassen, was ihn in den nächsten Jahren noch erwarten würde.

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Leseprobe: Social Rating

Social Rating

„Ich habe diverse Programme zur Unfallverhütung geschrieben“, hob er mit tonloser Stimme an. „Sie funktionieren. Sicherheitsabstände werden eingehalten, Autos leiten selbstständig Bremsvorgänge und sinnvolle Lenkmanöver ein oder geben Warntöne ab wenn sie feststellen, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden. Wir haben es sogar geschafft, dass die unterschiedlichsten Autotypen von verschiedenen Herstellern über Satellit kommunizieren, um Unfallrisiken zu minimieren, schon bevor sie wechselseitig in Sicht- und Sensorweite geraten. Ich war auf jede neue Entwicklung so stolz. Heute allerdings habe ich eine Aufgabe bekommen, die mich die nächsten Wochen und Monate beschäftigen und deren Resultat mich ein Leben lang verfolgen wird. Denn ich wurde offiziell darum gebeten, Gott zu spielen. Ich soll über Leben und Tod entscheiden.“
Es entstand eine längere Pause, vollkommene Stille war eingetreten. Bis er mit seltsam heiserer Stimme fortfuhr: „Unsere letzten Testreihen und Praxiserfahrungen haben ergeben, dass immer noch, gerade jetzt in der Übergangszeit, wo selbstfahrende Autos und unsere herkömmlichen, manuell gesteuerten Autos zusammen unsere Straßen nutzen, trotz aller verbauten Software Unfälle nicht zu verhindern sein werden.“ Er senkte seine Stimme, Lisa hatte Mühe, ihn zu verstehen.
„Mein Chef Patrick hat mir heute die Aufgabe übertragen, eine Software- Erweiterung zu schreiben, die verbindlich vorgibt, wie das selbstfahrende Auto in solchen Fällen entscheiden soll. Ich soll nicht nur das Programm schreiben. Ich soll auch die Entscheidungskriterien definieren. Ich hoffe, du verstehst, was das bedeutet, Lisa.
Man sagte mir, ich solle das tun, weil nur ich dazu fähig sei, darüber zu entscheiden, was machbar und sinnvoll ist, aber das ist Unsinn! Sie sind schon immer mit Ihren unmöglich scheinenden Visionen an mich herangetreten und ich habe es jedes Mal möglich gemacht. Es will sich diesmal nur keiner die Finger schmutzig machen, das spüre ich sehr genau. Denn was ist moralisch richtig, wenn das Auto während eines Ausweichmanövers feststellt, dass es entweder die Oma auf dem Gehweg überfahren muss – oder das Kind auf dem Fahrrad, das ihm gerade im Augenblick die Vorfahrt nimmt? Welche Reaktion soll im Auto ablaufen in so einem Moment? Soll sich die Software für die alte Frau entscheiden, deren Lebenserwartung begrenzt ist und deren staatliche Rente die Haushalte belastet – oder soll das Auto das kleine Mädchen überfahren, weil es doch offensichtlich die Situation verschuldet hat?“
Nun war es an Lisa, in langes Schweigen zu verfallen. Schließlich sagte sie: „Du bist weltbekannt als Entwickler auf deinem Gebiet. Kündige!“
Aber Jeff schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer– und das am Ende womöglich noch fehlerhaft. Woanders werde ich früher oder später in die gleiche Situation kommen, das ist doch vollkommen klar. Außerdem habe ich ein dreijähriges Wettbewerbsverbot, ich dürfte also mindestens drei Jahre lang nicht in der Entwicklungsabteilung eines anderen Automobilbauers arbeiten; das ist der Haken an meinem Arbeitsvertrag. Bei Missachtung dieser Vertragsklauseln müsste ich zwölf Bruttomonatsgehälter Strafe zahlen. Uns geht es zwar im Augenblick gut, aber so gut nun auch wieder nicht.
Mich hat das alles nie gestört, ich war bis heute bei FutureCars immer sehr glücklich, ein Wechsel stand für mich nie zur Debatte. Ich bin durch den Job als Referent und vor allem durch meine früheren Praktika schon viel herum gekommen. Und ihr habt euch hier so toll eingelebt.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet, Schatz. Selbst wenn sie das Projekt einstellen, was soll denn werden? Das Problem ist schließlich in der Welt. Sollen die Autos in solchen Situationen wie zufällig agieren, nach Prinzipien wie beim Roulette? Ich frage mich, ob unter diesen Bedingungen überhaupt noch vertretbar ist, woran ich maßgeblich beteiligt war und bin. Mir wird langsam klar: Ich habe da etwas begonnen, ohne die Tragweite und die Konsequenzen meiner Arbeit zu erahnen. Ich kann jetzt nicht einmal mehr davonlaufen. Ich muss mich meiner Verantwortung stellen.“
Obgleich Jeff an diesem Abend zum ersten Mal nicht mehr naiv über den Fortschritt dachte, den er über die Autowelt brachte, so hätte er sich doch niemals träumen lassen, was ihn in den nächsten Jahren noch erwarten würde.