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Leseprobe: Blutrot oder warum ist der Eber tot?

Blutrot

Am darauffolgenden Tag ist Marlene früh dran. Es kann natürlich sein, dass sie mehr oder weniger absichtlich früher von zu Hause losging, aber daran erinnert sie sich selbst nicht mehr so genau. Auf jeden Fall beschließt sie beim Verlassen ihres Wohnhauses, sich die traditionelle Backstube genauer anzusehen. Sie hat vor, den Besitzer zu fragen, ob das ›traditionell‹ für traditionelles österreichisches, oder traditionelles bosnisches Brot steht, wo der (vom Heiser genannte) Yugo‹ laut diesem mit der bosnischen Mafia Geschäfte macht. In Wahrheit müsste Marlene angestrengt nachdenken, um ein Thema zu finden, das sie so uninteressant findet wie Brot. Vielleicht Kieselsteine.

Das leise Klingeln eines Glöckchens ertönt, als Marlene die Tür öffnet. Die Bäckerei ist so gut wie leer, abgesehen von dem Tresen und einem kleinen Tischchen inmitten des Raumes. Hinter besagtem Tresen befindet sich ein Holzregal mit Brot. Dunkles Brot, helles Brot, Vollkornbrot, Weizenbrot, ein paar Brezeln. Marlene erwischt sich dabei, enttäuscht die Schultern sinken zu lassen. Was erwartete sie denn? Maschinengewehre? Als ihr der Brotduft in die Nase steigt, fällt ihr auf, dass die Cornflakes auch an diesem Tag nicht gereicht haben, um ihren Hunger zu stillen. Vorsichtig blickt sie um sich. Anscheinend befindet sich außer ihr niemand in dem kleinen Raum. Marlene ist bereits dabei umzukehren, als sie eine gedämpfte Stimme vernimmt. Diese kommt hinter einer angelehnten Tür rechts vom Tresen hervor. ›Privat‹ steht auf dieser. Marlene bewegt sich so leise wie möglich in deren Richtung. »… billig sind sie nicht, diese Russinnen«, sagt eine tiefe Stimme. Männlich klingt diese, trotz des Flüsterns. Sie trägt einen leichten Ostblock-Akzent. »Ich sag ja nicht, dass es eine Russin sein muss, aber die schauen auf sich, die sind irgendwie … fraulicher als unsereine«, antwortet ein anderer Mann, der wiederum eindeutig einen Akzent aus der Region trägt. »Heißt das nicht weiblicher?«, fragt die tiefere Stimme, woraufhin die andere das als unwichtig abtut. »Dann muss ich dir aber den Flug verrechnen. Ist mir auch ganz egal. Will ich dir nur gesagt haben.« – »Gut ankommen tun sie auch, diese Russinnen. Schau wie viele Kunden die gegenüber haben!« Er lacht. Marlene hält die Luft an. Der Hausmeister Heiser hat also recht und die Backstube ist nur eine Tarnung, um ungestört Menschenhandel in der Griesgasse zu betreiben!

Marlene erschrickt, als das Türglöckchen läutet. Sie versucht, sich unauffällig vor den Tresen zu stellen, um so zu tun, als würde sie warten. Der Versuch verwandelt sich in einen panischen, wenig eleganten Sprung. Die Stimmen verstummen. Eine hübsche Frau mittleren Alters betritt die Backstube. Sie ist groß und schlank, blond und blauäugig. Bestimmt ist sie auch Russin, oder zumindest Polin. »Warten Sie schon lange?«, fragt sie Marlene, die sie entgeistert anstarrt. Tatsächlich hat auch sie einen Ostblockakzent. »Ich denke … ich denke wir warten hier nicht unbedingt … auf das gleiche«, stammelt diese und begibt sich schnellen Schrittes in Richtung Ausgang.

Die Blondine bevorzugt nichts darauf zu erwidern, denn worauf Marlene in einer Backstube gewartet haben könnte, wenn nicht auf Brot, kann sie sich nun wirklich nicht erklären.

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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Aufgeregt klopfte Monsieur Fondant an Tibous Tür. Dieser saß noch beim Frühstückskaffee und trug eine alte joggings [franz. Jogginghose]und ein ausgebeultes Army-Shirt. Das zauberte ein Lächeln auf Monsieur Fondants Gesicht. Perfekt passte es zu seinen Absichten. »Als ob du meine Gedanken gelesen hättest!«, rief er. Tibou verstand nicht recht, worauf sein Nachbar hinauswollte. Er sah ihn mit müden Augen an. »Der Vermieter hat mir da etwas über dich erzählt und deshalb möchte ich dich einladen!« Tibou schenkte ihm einen fragenden Blick. Er überlegte, was der Fuchs gesagt haben könnte. Er wusste doch so gut wie nichts über ihn. »Comment?«[franz. wie?] , fragte er. »Aaach, mach nicht auf unwissend! Deine Klamotten sagen doch bereits alles!« Tibou sah an sich herab und bemerkte, dass er die abgetragensten und schmutzigsten Klamotten, die es in seinem Schrank gab, trug. Er sollte sie so schnell wie möglich in die Waschmaschine stecken. Oder direkt in den Mülleimer. Nicht weit von ihnen gab es ein Zigeunerlager. Vor dem Haus hupte jemand. »Das ist Mehdi, komm, auf gehts!« – »Aber … wohin … Sie wollen doch nicht … ich kann doch nicht so, wie ich aussehe, mit Ihnen … wohin wollen Sie denn?« – »Wie, wohin? Spielt doch keine Rolle, wir haben drei Gewehre!« Er schob Tibou durch die Tür und drängte ihn die ersten Stufen nach unten. Tibou war zu müde und gleichzeitig zu überrumpelt, um Einspruch zu erheben. Diese seltsame Gewehr-Geschichte musste etwas mit einem schmutzigen Geschäft zu tun haben. Das passte doch gar nicht zum alten Fondant! Außerdem war das einzige, was der Fuchs über Tibou wusste, dass er Bier mochte und ihm einen gefälschten Lohnzettel untergejubelt hatte. Es konnte sich nur um irgendeinen Mick-Mack handeln. Die getönten Scheiben des Wagens bestätigten seinen Verdacht. Vielleicht schlief Tibou noch und träumte? Er nahm auf der Rückbank Platz. Schwarzes Leder. Er streichelte es. Es duftete. Duftete Leder auch im Traum? Er räusperte sich. »Falls es um einen Überfall geht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist nicht mein Gebiet«, meinte er, scheinbar beiläufig. Er schaute vom Fahrer zum Beifahrer und versuchte ihre Blicke zu deuten. Beide begannen zu lachen. Der Goldzahn des Fahrers blitzte. Waren es die Mafiosi, die solche Goldzähne trugen? Oder doch die Zigeuner? Vielleicht beide. »Ein guter Junge«, meinte Monsieur Fondant. »Wir verstecken uns immer hinter den Büschen. Und nach einiger Zeit, ja … man könnte es als Überfall bezeichnen.« Er beugte sich nach hinten und umfasste Tibous Kopf, um ihm mit dem Daumen zwei schwarze Kreidestriche ins Gesicht zu malen. Normalerweise hätte Tibou sich das bestimmt nicht gefallen lassen, doch seitdem Jim weg war, war ihm so vieles um so viel gleichgültiger geworden. Mehdi gab Gas. »Wie, hinter Büschen?«, fragte Tibou. »Hinter der Bank neben dem See ist ein großer Busch«, fügte Mehdi hinzu. Es ging anscheinend um einen Banküberfall. »Am See ist eine Bank? Hab ich noch nie bemerkt …«, meinte Tibou nachdenklich. Andererseits kannte er die Stadt noch nicht sonderlich gut. »Na ja … du wohnst auch noch nicht lange hier, und … Wieso sollte man auch großartig über eine Bank sprechen?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag, mein Kleiner«, fuhr Mehdi fort, »wann hast du zum letzten Mal so ein Teil hier benutzt?« Seine Augen funkelten, als er auf die Jagdflinte deutete. Niemals hätte Tibou so etwas von dem schweigsamen Monsieur Fondant erwartet. »Na ja, ist schon etwas länger her, und … eher in einem anderen Kontext.« Die beiden anderen warfen sich zwei erschrockene Blicke zu.