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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (5)

Fiona - Beginn 2.0

Dunkelheit hat sich auf die Stadt gesenkt, als ich vor dem Dojo halte. Da drin ist noch Licht, aber kaum was los. Paar Leute an der Bar. Und natürlich Mary, die mich erstaunt aus ihren katzengrünen Augen ansieht, als ich hereinkomme.
„Was machst du denn hier? Willst ja wohl nicht um diese Zeit trainieren, oder?“
Ich setze mich an die Bar und schüttele den Kopf. „Habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten.“
„Wieder Streit mit dem Papa?“, fragt sie, während sie Gläser wegräumt. Sie weiß, dass mein Verhältnis mit meinem Erzeuger nicht so schön ist, wie es sein könnte und dürfte.
„Das auch. Mein Bruder ist heute bei einem Unfall gestorben.“
Sie starrt mich entgeistert an. Dann sagt sie „Oh, verdammt!“ und kommt hinter der Theke hervor, um mich in die Arme zu nehmen. „Das tut mir leid. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Ich bemerke, dass die anderen Gäste aufmerksam geworden sind, aber eigentlich möchte ich das alles nicht. Ich hasse es. Mary darf mich umarmen, wir haben uns im Laufe der Jahre oft und über alle möglichen Themen unterhalten. Aber selbst ihre Umarmung ist mir fast zu viel.
„Schon gut, Mary. Danke. Mach mir bitte einen Drink. Egal was. Hauptsache, mit Whisky drin.“
Sie mustert mich kurz, dann nickt sie. Während sie mir nachher das Glas hinstellt, bemerkt sie: „Das hilft aber nicht auf Dauer, weißt du ja, oder?“
„Klar.“ Ich nehme einen Schluck. „Andererseits ein guter Freund.“
„Ein guter?“ Sie zuckt die Achseln. „Ich habe in einer Stunde Feierabend. Willst du auf mich warten?“
Ich schaue mich um. Trainieren kann ich eh nicht, habe meine Sachen zu Hause vergessen. Außerdem ist es schon spät. Im Dojo sind nur noch zwei Leute. Den Meister sehe ich nicht. Ich frage mich, wieso ich eigentlich hierher gefahren bin.
„Ja, klar“, antworte ich schließlich. Ich setze mich an einen Ecktisch und starre mein Glas an, bis Mary mir einige Magazine hinlegt. Ich blättere in ihnen herum, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was ich da sehe. Bin froh, als die Stunde endlich herum ist. Ich helfe Mary beim Einräumen. Abschließen wird der Meister, der als Letzter noch da ist. Er sieht mich nur kurz an, doch dieser Blick ist mehr wert als alles andere bisher heute. Fast. Oder doch, eigentlich schon.
Ach, Scheiße.
Wir nehmen mein Auto.
„Wollen wir uns was Ruhiges suchen?“, fragt Mary.
Ich sehe sie an. „Ganz sicher nicht. Wenn ich was Ruhiges bräuchte, könnte ich nach Hause und mich einschließen.“
„Auch gut. ‚Skyline‘?“
„’Skyline‘ ist gut“, antworte ich.
Die Bar hat mehrere Vorteile. Erstens ist sie in der Nähe. Zweitens gibt es dort laute Musik, wer will, kann auch tanzen. Drittens gibt es dort Kleinigkeiten zum Essen. Und viertens kann man dort Kerle aufreißen. Wenn frau will. Und ich habe das Gefühl, dass ich heute alles will, was mich ablenkt: Sex, Alkohol, laute Musik.
Wir setzen uns an die Bar. Ich bestelle ein Sandwich und Gin Tonic, Mary kein Bloody Mary, obwohl ich es ihr vorschlage. Sie lächelt nur müde. Wahrscheinlich hat sie das schon tausendmal gehört. Sie nimmt einen Caipi.
Ich sehe mich um. Die Tanzfläche rechts ist mäßig besucht, aber es sind auch nicht alle Tische besetzt. Und das an einem Freitag, kurz vor Mitternacht.
„Was machen die alle?“, frage ich laut.
„Wer?“
„Na ja, halt alle. Wieso ist hier um diese Zeit so wenig los?“
Mary zuckt die Achseln. „Für einen Freitag ist es okay. Samstags kriegt man keinen Platz.“
„Na gut. Was genau machen wir hier eigentlich?“
„Wir trinken. Essen. Tanzen?“
„Ich eher nicht. Mir ist nicht danach.“
„Wonach ist dir denn?“
„Laute Musik, Alkohol und Sex. In dieser Reihenfolge.“
„Oh, okay. Laute Musik haben wir, Alkohol auch. Mit Sex kann ich allerdings nicht dienen.“
„Kein Problem. Ich finde hier auf jeden Fall jemanden.“
Mary trinkt von ihrem Caipi, dabei wirft sie einen Blick in die Runde. „Mich würde interessieren, wer überhaupt infrage käme für dich.“
„Jeder mit einem funktionierenden Schwanz.“
„Na, das wirst du ja wohl nicht fragen, oder?“, erkundigt sie sich grinsend.
„Warum nicht?“ Ich schaue mich um und deute auf einen Kerl an der Bar. Er sitzt allein da, seitdem wir gekommen sind. „Der sieht ganz interessant aus. Hast du noch nie jemanden abgeschleppt?“
„Nicht oft. Und du?“
„Ziemlich oft.“
„Und was sagst du dann?“
„Die Wahrheit. Dass ich jemanden für eine Nacht suche und sie die Chance auf den Sex ihres Lebens haben.“
Mary lacht auf. „Und das funktioniert?“
„Erstaunlich oft.“ Ich nehme einen großen Schluck von meinem Gin Tonic, dann beobachte ich die Kellnerin, die mein Sandwich bringt. Käse, Zwiebeln, Salami. In einem Ofen warmgemacht. Nichts Besonderes.
Erinnert mich an mein Leben.
Scheiße.
„Und wenn du es heute mal anders machen würdest?“, fragt Mary, nachdem ich in mein Sandwich gebissen habe.
„Hast du einen besseren Spruch auf Lager?“, erkundige ich mich, nachdem ich heruntergeschluckt habe.
„Ich meinte eigentlich, niemanden aufzureißen.“
„Selbstbefriedigung ist langweilig.“
Mary wird rot und beugt sich kopfschüttelnd über ihren Caipi.
„Manchmal nicht zu vermeiden, aber was Echtes ist mir lieber“, fahre ich fort. Das ist meine Rache für ihren Vorschlag.
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Hör zu, tut mir leid. Ich glaube, heute sollte niemand meine Worte auf die Goldschale legen.“
„Okay. Ist ja allzu verständlich. Möchtest du darüber reden?“
Ich starre sie an. Möchte ich das? Besser wäre es, glaube ich. Aber will ich es auch?
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten, Fiona.“
„Das ist es nicht. Mary, ich bin dir echt dankbar, dass du mit mir hergekommen bist. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich darüber reden sollte. Aber ich kann nicht.“
Sie nickt langsam. „Verstehe ich. Du möchtest lieber Sex haben. Da muss ich passen.“
Jetzt hat sie es geschafft, ich habe ein Lächeln auf meinem Gesicht.
„Ich stehe nicht so auf Mädchen, aber danke für das Angebot. Weißt du was? Wenn ich das Zeug hier aufgegessen habe, tanzen wir. Und danach sehen wir weiter. Einverstanden?“
Sie nickt. Und ich habe Zeit gewonnen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich den Typen an der Bar ficken werde. Unsere Blicke begegnen sich.
Er lächelt fragend.

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Fiona – Beginn 2.0 (3)

Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist heiß und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt.
Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum grünlich aus, aber natürlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich überlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.
Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen übrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Geländewagen über ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Straße sieht.
Die sehen genauso aus. Logisch. Ich weiß es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schießt nach draußen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner über den Kopf fährt.
Verdammte Scheiße, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus fährt?
Ich nehme den Zucker, reiße das Papier an der vorgesehen Stelle auf und schütte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schließlich nehme ich den Löffel und beginne zu rühren.
„Haben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?“
„Was?“
Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Dreißigjährige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.
Was will er von mir?
Er deutet auf die Tasse. „Sie rühren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker dürfte schon längst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.“
„Die da wären?“
„Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff“, erwidert er schmunzelnd. „Im Wesentlichen.“
„Kommt mir bekannt vor.“ Ich nehme den Löffel heraus und lecke ihn ab. „Tut mir leid, ich war in Gedanken.“
„Offensichtlich. Müssen traurige Gedanken gewesen sein.“
„Wieso?“
„Ein paar Tränen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.“
Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.
Scheiße. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?
Na ja, der Anlass wäre ja gegeben.
„Sorry.“
„Kein Problem. Von mir aus dürfen Sie weinen. Oder Sie erzählen mir, was Sie so traurig macht.“
Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Affäre. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.
Scheiße. Mein neues Lieblingswort.
„Mein Bruder ist heute gestorben“, sage ich achselzuckend.
Er starrt mich entgeistert an.
„Ich sollte wohl am Boden zerstört sein?“
„Jeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?“
Ich verneine kopfschüttelnd und nippe an meinem Cappuccino.
„Ich war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Geländewagen überfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole hätte, würde ich alle auf der Straße erschießen.“ Ich sehe ihn an. „Habe ich Sie geschockt?“
„Ein wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“
„Keine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.“
Er schmunzelt. „Das ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.“
„Ich werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag überstehen.“
„Ich fürchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszulöffeln. „Hören Sie, es tut mir leid. Wäre nicht das mit meinem Bruder, würde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir könnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.“
Er zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich Sie angesprochen, um …“
„Ist mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totrühren, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.“
„Aha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.“
„Sie mir nicht.“
„Autsch.“
Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.
„Sorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.“
„Das kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?“
„Aus der Klatschpresse? Ich habe früher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empfängen.“
„Ach ja. Fiona Carter?“
Ich nicke.
„Es tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und müsste sonst etwas unternehmen.“
Ich schließe kurz die Augen. Scheiße. Noch eine Ähnlichkeit mit Phil.
„Ich verspreche es.“
Er starrt mich an, dann nickt er.
„In Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der Nähe auf mich. Fast würde ich lieber hierbleiben. Aber das käme wohl nicht so gut.“
Ich muss unwillkürlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.
Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.