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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (7)

Fiona - Beginn 2.0

Samstagvormittag und das Einkaufszentrum ist voll. War eine bescheuerte Idee, hierher zu kommen. Auf der Infotafel suche ich mir das nächstbeste Geschäft aus, das CDs verkauft. Und die Geräte zum Anhören. Aber ich habe Pech. HIM ist einfach zu exotisch hierzulande. Ich denke kurz darüber nach, wieso ich nur so exotische Sachen höre. Andererseits stimmt das auch wieder nicht, vieles von dem, was es in dem Laden gibt, kenne ich durchaus.
Ich frage nach, ob sie denn wüssten, wo ich speziellere Musik bekommen kann. Sicherheitshalber nehme ich von hier einen CD-Player mit.
Sie empfehlen mir einen Laden eine Etage tiefer. Jene ist etwas düster, was damit zu tun hat, dass man sich hier auf Gothic spezialisiert hat. Das ist schon mal vielversprechend, so was wie HIM sollten sie ja dann haben.
Haben sie auch. Aber nur das Album, keine Single. „Razorblade Romance“. Echt toll. Als ich die CD in der Hand halte, denke ich noch einmal darüber nach, ob ich das wirklich tun soll. Kann dies das Richtige für einen Jungen wie Sava sein? Jetzt?
Schließlich nehme ich sie, beschließe aber, sie mir zuerst anzuhören. Nach meiner Flucht aus dem Einkaufszentrum fahre ich nach Hause und gelange unbemerkt in mein Zimmer. Für alle Fälle drehe ich den Schlüssel um, bevor ich die CD einlege und mich mit untergeschlagenen Beinen auf das Bett setze, um die CD mit Kopfhörern anzuhören.
Sie macht mich aggressiv, allerdings gehört dazu in der momentanen Situation nicht viel. Mich umbringen? Nicht wegen dieser Musik. Generell finde ich den Gedanken schon faszinierend, allerdings schreckt mich die Endgültigkeit ab. Ich würde schon gerne wissen, wie sich das Sterben anfühlt. Und was danach kommt. Wenn überhaupt. Zu blöd, dass man es nicht mal unverbindlich ausprobieren kann. Okay, so wie in „Flatliners“, aber eine sichere Methode ist das ja auch nicht gerade.
Wie auch immer, ich glaube eher nicht, dass die Lieder die Gefahr eines Suizids bei Sava erhöhen. Ich persönlich würde eher weglaufen wollen, bei einigen zumindest.
„Join me“ finde ich aber gar nicht so übel. Nicht wegen des Todeswunsches. Aber mich kotzt auch alles an. Fast alles. Vieles jedenfalls. Diese Stimmung wird gut eingefangen.
Ich ziehe mich aus und dusche. Dabei lasse ich meinen Mund mit Wasser volllaufen und hoffe, endlich diesen beschissenen Spermageschmack loszuwerden. Unglaublich, wie hartnäckig er ist. Das ist doch nicht normal.
Ich ziehe kurze Jeans an, Stiefeletten und ein bauchfreies Top mit Spaghettiträgern. Weniger für Savage, aber ich habe nicht vor, den Abend zu Hause zu verbringen und nochmal nach Hause kommen will ich auch nicht.
Beim Gehen habe ich weniger Glück als vorhin. Mein Vater kommt gerade aus der Küche und hat zwei Tassen bei sich.
„Deine Mutter ist wach“, sagt er mit einem missbilligenden Blick auf meine Kleidung.
Ich bleibe unschlüssig stehen. Die CD halte ich so, dass er den Titel nicht erkennen kann.
„Willst du sie nicht wenigstens begrüßen?“
Seufzend gehe ich an ihm vorbei in das Wohnzimmer. Meine Mutter sitzt auf der cremefarbenen Couch mit hochgelegten Beinen und zugedeckt. Sie sieht aus, als hätte sie sehr viel geweint, aber ihr Blick ist klar.
Ich beuge mich über sie, um sie zu umarmen.
„Willst du weg?“, fragt sie dann.
„Ja.“
„Bleib doch lieber hier.“
„Mama, ich kann nicht.“
„Und warum nicht?“, mischt sich mein Vater ein. „Überhaupt, wie läufst du herum? Gestern ist dein Bruder gestorben und du siehst aus wie eine …“
„Jason!“ Meine Mutter starrt ihn entsetzt an, das lässt ihn verstummen.
Und mir reicht es schon wieder.
„Bis irgendwann mal“, sage ich und laufe nach draußen.
Zum Kotzen!


Im Krankenzimmer von Sava hat sich nichts verändert. Außer dass keine Sonne mehr reinknallt, aber es ist ja auch mittags. Dafür ist es draußen verdammt heiß. Hier drin nicht. Hier läuft ja auch die Klimaanlage. Es ist fast so kalt wie in der Leichenhalle, in der wir Norman gesehen haben.
Ich atme tief durch.
Savage öffnet die Augen und beobachtet mich. Ich gehe um das Bett herum und setze mich zwischen ihm und dem Fenster auf einen Stuhl. Der Blick des Jungen irritiert mich etwas. Aber vielleicht sind nur meine Nerven zu angespannt, was kein Wunder wäre.
„Hast du es?“, fragt Sava.
Ich nicke und halte die Stofftasche hoch, in die ich alles gepackt habe. Dann hole ich den CD-Player und die CD heraus, lege die CD ein und reiche das Gerät Sava. Er nimmt es, legt es sich auf die Brust und den Kopfhörer auf den Kopf. Er stellt die Musik so laut, dass auch ich sie gut hören kann.
Ich betrachte ihn eine Weile, bevor ich aufstehe und zum Fenster spaziere. Von hier aus kann ich den Park einsehen, dahinter den Parkplatz. An einigen Stellen scheint die Luft zu vibrieren, so heiß ist es.
„SEV-09-6.“
Ich erstarre. Mir ist sofort klar, was das bedeutet. Da er mit niemandem außer mir geredet hat, bin ich außer Savage die Einzige, die jetzt das Kennzeichen kennt. Und mir ist auch klar, dass er will, dass es so bleibt.
Warum?
Ich drehe mich langsam um und sehe ihn an. Seine Augen sind geschlossen, die Hände liegen auf dem Bauch. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet? Doch dann öffnet er die Augen und erwidert kurz meinen Blick.
Wie in Trance verlasse ich ihn und gehe nach unten, steige in mein Auto ein und fahre los. Keine Ahnung, wohin ich fahren soll. Nur weg. Irgendwohin.
Irgendwann bin ich an der Küste, hinter dem Hafen. Links geht es hoch zu Old Town, zu King Valley, nach Hause. Rechts das Meer. Die Strände sind voll.
Ich parke und bleibe kurz im heißen Auto sitzen. Warum zum Teufel bin ich hergefahren? Ich betrachte im Rückspiegel das Haus, in dem ich vor Jahren schon mal war. Ich könnte aussteigen und klingeln, und wenn er aufmacht, würde er mich sicher einladen. Doch will ich das? Nach Phils Tod hatte ich mir geschworen, mich niemals wieder zu verlieben. Und das weiß er, ich habe mit offenen Karten gespielt. Es war eine Nacht, mehr nicht.
Schließlich steige ich aus, weil es im Auto unerträglich wird, aber ich gehe nicht zum Haus. Ich spaziere weiter in die Richtung, in die ich gefahren bin, bis ich an unserem Lieblingscafé bin. Am Zaun zögere ich kurz. Hier waren wir oft mit Norman, als Familie, oder nur er und ich. Sie werden mich sofort erkennen.
Nein, das kann ich jetzt nicht.
Ich gehe zurück zum Auto, steige ein und fahre nach Hause.


James ist im Garten. Er trägt auch kurze Jeans, dem Wetter angepasst. Und der Tatsache, dass er Gartenpflege betreibt. Als er sich aufrichtet, starre ich unwillkürlich seinen muskulösen Bauch an, bis er sich sein T-Shirt überstreift.
„Leslie ist nicht da“, sagt er dabei und wirkt amüsiert.
„Egal, ich will zu dir.“
„Zu mir?“, erwidert er und zieht eine Augenbraue hoch. Na ja, für mich sieht es so aus, als hätte sie sich bewegt. Ein bisschen zumindest.
„Du hast doch noch Kontakte zum Geheimdienst, oder?“
„Habe ich das?“
„Hast du nicht?“
„Vielleicht. Warum?“
Ich atme tief durch. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Doch dann fällt mir wieder ein, wie das, was von Norman übrig geblieben ist, ausgesehen hat.
„Ich brauche den Halter dieses Wagens.“ Dabei gebe ich ihm den Zettel, auf den ich das Kennzeichen geschrieben habe, das mir Savage genannt hat.
Er nimmt ihn und mustert mich. Schließlich dreht er sich wortlos um. Ich beobachte ihn, als er ins Haus geht. So gern würde ich glauben, dass er kein Arschloch ist. So wie ich keine Lolita. Ihm sieht man sein Alter nicht an, aber ich kenne es natürlich. Obwohl es sieben Jahre her ist, dass wir ein einziges Mal Sex miteinander hatten, erinnere ich mich verdammt gut an jedes Detail von ihm. Wer von uns war nachher wohl mehr erschrocken? Er oder ich? Danach habe ich ihn heimlich beobachtet, wollte wissen, ob er uns alle verarscht und in Wirklichkeit auf junge Mädchen steht. Aber entweder ist er der beste Schauspieler der Welt oder er will normalerweise wirklich nichts von Sechzehnjährigen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es ja von mir aus. Allerdings weiß ich bis heute nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. Die Tatsache allein, dass er gut aussieht, kann es nicht gewesen sein. Ich hatte sicher keinen sexuellen Notstand und ich hätte so gut wie jeden Mann haben können.
Scheiße.
Als er zurückkommt, reicht er mir den zusammengefalteten Zettel.
„Du gehst damit zur Polizei?“
Ich nicke.
Er sieht nicht so aus, als würde er mir glauben. Für einen Moment befürchte ich, er will mir den Zettel wieder abnehmen. Das könnte lustig werden. Er sieht immer noch fit aus und als Geheimagent dürfte er Nahkampf gelernt haben. Kann sein, dass er mir den Zettel wegnehmen könnte.
Vielleicht.
„Also gut, ich vertraue dir. Enttäusche mich nicht, okay?“
„Okay“, erwidere ich.
„Und noch was.“
„Ja?“ Will er mich küssen? Sex? Ich weiß nicht, ob ich widerstehen könnte.
„Das war das letzte Mal. Und das meine ich ernst.“
„Okay“, wiederhole ich. „Und danke.“
„Ah, dieses Wort kennst du? Du erstaunst mich.“
Arschloch. Ich hätte dich fast gemocht. Aber natürlich sage ich das nicht. Erstens stimmt es nicht und zweitens könnte er doch noch auf die Idee kommen, mir den Zettel wieder abnehmen zu wollen. Und ich will wirklich nicht austesten, ob der Vater meiner besten Freundin besser Nahkampf kann als ich.
„Ich mich manchmal auch“, erwidere ich, dann drehe ich mich um und gehe schnell, bevor etwas passiert, was ich bereuen würde.
Ich spüre seinen Blick auf mir. Es wäre vielleicht besser gewesen, mich umzuziehen. Die Jeans sind verdammt kurz, ich weiß. Gut, um einen Kerl in der Disco aufzureißen, aber schlecht, wenn James mich so anstarrt.
Vor dem Haus bleibe ich stehen und atme tief durch. Warum macht es mir so viel aus, dass er mich so ansieht? Er ist mir egal. Nein, egal nicht, schließlich ist er Leslies Vater. Er ist okay. Zu blöd, dass mir klar ist, wieso er mich so ansieht. Nur mich.
Scheiße. Ich wünschte, es wäre mir wirklich egal.

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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (5)

Fiona - Beginn 2.0

Dunkelheit hat sich auf die Stadt gesenkt, als ich vor dem Dojo halte. Da drin ist noch Licht, aber kaum was los. Paar Leute an der Bar. Und natürlich Mary, die mich erstaunt aus ihren katzengrünen Augen ansieht, als ich hereinkomme.
„Was machst du denn hier? Willst ja wohl nicht um diese Zeit trainieren, oder?“
Ich setze mich an die Bar und schüttele den Kopf. „Habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten.“
„Wieder Streit mit dem Papa?“, fragt sie, während sie Gläser wegräumt. Sie weiß, dass mein Verhältnis mit meinem Erzeuger nicht so schön ist, wie es sein könnte und dürfte.
„Das auch. Mein Bruder ist heute bei einem Unfall gestorben.“
Sie starrt mich entgeistert an. Dann sagt sie „Oh, verdammt!“ und kommt hinter der Theke hervor, um mich in die Arme zu nehmen. „Das tut mir leid. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Ich bemerke, dass die anderen Gäste aufmerksam geworden sind, aber eigentlich möchte ich das alles nicht. Ich hasse es. Mary darf mich umarmen, wir haben uns im Laufe der Jahre oft und über alle möglichen Themen unterhalten. Aber selbst ihre Umarmung ist mir fast zu viel.
„Schon gut, Mary. Danke. Mach mir bitte einen Drink. Egal was. Hauptsache, mit Whisky drin.“
Sie mustert mich kurz, dann nickt sie. Während sie mir nachher das Glas hinstellt, bemerkt sie: „Das hilft aber nicht auf Dauer, weißt du ja, oder?“
„Klar.“ Ich nehme einen Schluck. „Andererseits ein guter Freund.“
„Ein guter?“ Sie zuckt die Achseln. „Ich habe in einer Stunde Feierabend. Willst du auf mich warten?“
Ich schaue mich um. Trainieren kann ich eh nicht, habe meine Sachen zu Hause vergessen. Außerdem ist es schon spät. Im Dojo sind nur noch zwei Leute. Den Meister sehe ich nicht. Ich frage mich, wieso ich eigentlich hierher gefahren bin.
„Ja, klar“, antworte ich schließlich. Ich setze mich an einen Ecktisch und starre mein Glas an, bis Mary mir einige Magazine hinlegt. Ich blättere in ihnen herum, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was ich da sehe. Bin froh, als die Stunde endlich herum ist. Ich helfe Mary beim Einräumen. Abschließen wird der Meister, der als Letzter noch da ist. Er sieht mich nur kurz an, doch dieser Blick ist mehr wert als alles andere bisher heute. Fast. Oder doch, eigentlich schon.
Ach, Scheiße.
Wir nehmen mein Auto.
„Wollen wir uns was Ruhiges suchen?“, fragt Mary.
Ich sehe sie an. „Ganz sicher nicht. Wenn ich was Ruhiges bräuchte, könnte ich nach Hause und mich einschließen.“
„Auch gut. ‚Skyline‘?“
„’Skyline‘ ist gut“, antworte ich.
Die Bar hat mehrere Vorteile. Erstens ist sie in der Nähe. Zweitens gibt es dort laute Musik, wer will, kann auch tanzen. Drittens gibt es dort Kleinigkeiten zum Essen. Und viertens kann man dort Kerle aufreißen. Wenn frau will. Und ich habe das Gefühl, dass ich heute alles will, was mich ablenkt: Sex, Alkohol, laute Musik.
Wir setzen uns an die Bar. Ich bestelle ein Sandwich und Gin Tonic, Mary kein Bloody Mary, obwohl ich es ihr vorschlage. Sie lächelt nur müde. Wahrscheinlich hat sie das schon tausendmal gehört. Sie nimmt einen Caipi.
Ich sehe mich um. Die Tanzfläche rechts ist mäßig besucht, aber es sind auch nicht alle Tische besetzt. Und das an einem Freitag, kurz vor Mitternacht.
„Was machen die alle?“, frage ich laut.
„Wer?“
„Na ja, halt alle. Wieso ist hier um diese Zeit so wenig los?“
Mary zuckt die Achseln. „Für einen Freitag ist es okay. Samstags kriegt man keinen Platz.“
„Na gut. Was genau machen wir hier eigentlich?“
„Wir trinken. Essen. Tanzen?“
„Ich eher nicht. Mir ist nicht danach.“
„Wonach ist dir denn?“
„Laute Musik, Alkohol und Sex. In dieser Reihenfolge.“
„Oh, okay. Laute Musik haben wir, Alkohol auch. Mit Sex kann ich allerdings nicht dienen.“
„Kein Problem. Ich finde hier auf jeden Fall jemanden.“
Mary trinkt von ihrem Caipi, dabei wirft sie einen Blick in die Runde. „Mich würde interessieren, wer überhaupt infrage käme für dich.“
„Jeder mit einem funktionierenden Schwanz.“
„Na, das wirst du ja wohl nicht fragen, oder?“, erkundigt sie sich grinsend.
„Warum nicht?“ Ich schaue mich um und deute auf einen Kerl an der Bar. Er sitzt allein da, seitdem wir gekommen sind. „Der sieht ganz interessant aus. Hast du noch nie jemanden abgeschleppt?“
„Nicht oft. Und du?“
„Ziemlich oft.“
„Und was sagst du dann?“
„Die Wahrheit. Dass ich jemanden für eine Nacht suche und sie die Chance auf den Sex ihres Lebens haben.“
Mary lacht auf. „Und das funktioniert?“
„Erstaunlich oft.“ Ich nehme einen großen Schluck von meinem Gin Tonic, dann beobachte ich die Kellnerin, die mein Sandwich bringt. Käse, Zwiebeln, Salami. In einem Ofen warmgemacht. Nichts Besonderes.
Erinnert mich an mein Leben.
Scheiße.
„Und wenn du es heute mal anders machen würdest?“, fragt Mary, nachdem ich in mein Sandwich gebissen habe.
„Hast du einen besseren Spruch auf Lager?“, erkundige ich mich, nachdem ich heruntergeschluckt habe.
„Ich meinte eigentlich, niemanden aufzureißen.“
„Selbstbefriedigung ist langweilig.“
Mary wird rot und beugt sich kopfschüttelnd über ihren Caipi.
„Manchmal nicht zu vermeiden, aber was Echtes ist mir lieber“, fahre ich fort. Das ist meine Rache für ihren Vorschlag.
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Hör zu, tut mir leid. Ich glaube, heute sollte niemand meine Worte auf die Goldschale legen.“
„Okay. Ist ja allzu verständlich. Möchtest du darüber reden?“
Ich starre sie an. Möchte ich das? Besser wäre es, glaube ich. Aber will ich es auch?
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten, Fiona.“
„Das ist es nicht. Mary, ich bin dir echt dankbar, dass du mit mir hergekommen bist. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich darüber reden sollte. Aber ich kann nicht.“
Sie nickt langsam. „Verstehe ich. Du möchtest lieber Sex haben. Da muss ich passen.“
Jetzt hat sie es geschafft, ich habe ein Lächeln auf meinem Gesicht.
„Ich stehe nicht so auf Mädchen, aber danke für das Angebot. Weißt du was? Wenn ich das Zeug hier aufgegessen habe, tanzen wir. Und danach sehen wir weiter. Einverstanden?“
Sie nickt. Und ich habe Zeit gewonnen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich den Typen an der Bar ficken werde. Unsere Blicke begegnen sich.
Er lächelt fragend.

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Fiona – Beginn 2.0 (4)

Mein Vater sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Was er um diese Zeit sonst nie macht. Nicholas kann ich auch hören, er scheint in der Küche zu sein. Wollen die den Anschein von Normalität erwecken oder ist das nur, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen? Ich spüre den Schmerz ja auch, aber ich habe nicht vor, mich von ihm überwältigen zu lassen.
Da ich keine Lust auf ein Gespräch habe, gehe ich möglichst leise auf die Treppe zu.
Aber es ist zu spät.
„Fiona!“, ruft mein Vater.
Ich bleibe stehen und denke kurz nach. Schließlich gehe ich ins Wohnzimmer und zur Bar. Nach einem fragenden Blick schenke ich in zwei Gläser Whisky ein, reiche eins meinem Vater und setze mich ihm gegenüber in einen der cremefarbenen Sessel.
„Also gut, bringen wir es hinter uns“, sage ich dann betont ruhig. In mir sieht es anders aus, aber das braucht er nicht zu wissen.
„Was?“
„Was immer du mir sagen willst.“
Er starrt mich an. Schließlich nimmt er einen Schluck von seinem Drink und bemerkt: „Was deine Mutter im Auto gesagt hat …“
„Du meinst den Auftrag?“
„Es gibt keinen Auftrag! Sie stand unter Schock und wird sich wahrscheinlich nicht einmal daran erinnern, wenn sie aufwacht.“
„Das weiß ich auch. Sie war vollgepumpt mit irgendwelchen Mitteln. Trotzdem werde ich den Auftrag ausführen.“
„Das wirst du nicht tun! Es ist Wahnsinn! Selbst wenn du überhaupt in der Lage dazu wärst, würde ich es nicht zulassen!“
„Ach ja? Was willst du tun? Mich in mein Zimmer sperren? Deine erwachsene Tochter?“
„Wie eine Erwachsene benimmst du dich eher nicht.“
Dazu sage ich lieber nichts. Stattdessen trinke ich mein Glas leer und fülle nach.
„Du trinkst zu viel“, sagt mein Vater.
Ich fahre herum. „Na und? Meine Sache. Sonst ist es dir ja auch egal, was ich mache. Was kümmert dich also, wie viel ich trinke?“
„Ich bin dein Vater. Egal, wie alt du bist. Glaubst du ernsthaft, ich bekomme nicht mit, was du treibst?“
„Was treibe ich denn?“
„Soll ich dir das wirklich erzählen? Dass du kaum ohne Zigarette anzutreffen bist? Wie oft du betrunken nach Hause kommst? Dass du ständig mit anderen Männern unterwegs bist? Auch mit deinen Kollegen? Glaubst du, ich weiß das nicht?“
Ich zucke die Achseln. „Wenn schon …“
„Genau, wenn schon. Deine Standardantwort. Dir ist anscheinend alles egal. Deine Zukunft, vor allem.“
„Es ist ja auch meine Zukunft, ich kann damit machen, was ich will. Als wenn sie dich interessieren würde!“
„Natürlich interessiert sie mich. Du bist ja meine Tochter.“
„Ach ja, da war was. Ich habe ja eine Tochter. Ups. Wie hieß sie nochmal?“
„Fiona!“
Ich atme tief durch. „Tut mir leid. Hör zu. Ich bin erwachsen. Und auch wenn du es nicht glaubst, ich habe Norman geliebt. Irgendein Schwein hat ihn umgebracht, wie es aussieht, sogar absichtlich. Also werde ich dieses Schwein finden.“
„Und dann? Was willst du dann tun? Zur Mörderin werden und für lange Zeit ins Gefängnis gehen?“
„Lass das mal meine Sorge sein“, erwidere ich, trinke mein Glas leer und gehe. Entgegen meiner ursprünglichen Absicht nicht nach oben in mein Zimmer, sondern nach draußen, steige in meinen Wagen ein und fahre los.
Irgendwohin.