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Leseprobe: Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat

Amra und Amir

Als Nina ins Boot kletterte, war Amra schon da. Sie hatte geweint, das war nicht zu übersehen, und eine weinende Amra bedeutete Schlimmes. Nina hatte Amra seit dem Kindergarten nur äußerst selten weinen gesehen.
Als Nina das Bündel Elend, das sie da vor sich sah, in den Arm nehmen wollte, zuckte Amra zurück und hielt ihr einen Brief vor die Nase. Ausländerbehörde, las Nina. Was wollten die denn von Amra? War etwas mit ihrer Mutter? Amra und Ausländer, das passte in Ninas Kopf einfach nicht zusammen. Amra war immer schon da gewesen, so wie sie auch. Es konnte nur um ihre Mutter gehen.
Nina achtete nicht auf die kleinen Fische, die in Gruppen rund um das Boot schwammen, sah auch nicht den Frosch, der neugierig aus dem Schilf nach den beiden Mädchen spähte, die seine Ruhe störten. Sogar den fast zahmen Sperling, der die beiden hier häufig besuchen kam, um dann schnabelwetzend sein Futter einzufordern, das er gewöhnlich in Form von mitgebrachten Kekskrümeln bekam, verjagte Nina heute ungeduldig, indem sie mit dem Brief vor seinem Schnabel herumwedelte und ihn dabei fast von der Bootskante ins Wasser stieß. Die Naturidylle, die sie hier sonst genoss, machte sie heute nervös. „Was ist das?“, fragte sie, während sie den Brief ungeduldig aus dem Umschlag zerrte und sich so die Antwort selbst gab.
Schon seit sie Amras SMS während der Mathematikarbeit am Morgen gelesen hatte, spürte Nina einen Knoten im Bauch, der zunächst aber mehr aus Spannung und sogar ein wenig aus freudiger Erwartung bestanden hatte, was sie sich allerdings nicht eingestehen wollte. Amra und sie als Paar – vielleicht wäre das ja wirklich was?
Aber jetzt zog sich der Knoten zusammen, wurde härter und spie eine ungekannte Angst aus, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete und jede Zelle erfasste. Jede freudige Erwartung, die da insgeheim gewesen sein mochte, zerplatzte mit einem lauten Knall, den allerdings außer Nina niemand hören konnte.
Das Schreiben bestand nur aus einem ganz kurzen Text, den sie zunächst gar nicht verstand, nicht verstehen wollte. Was hatte das denn mit Amra zu tun? Bestimmt war alles ein Irrtum. Sie las noch einmal, ihre Augen suchten nach dem Namen, fanden ihn und da stand wirklich Amras Name. Nina las noch einmal und sprang dann entsetzt auf. „Amra …“ Das Boot kam gefährlich ins Schwanken, und als Nina das Gleichgewicht verlor, packte Amra sie im letzten Moment geistesgegenwärtig am Hosenbund und zog sie neben sich auf die Sitzbank im Boot, die aus einem leicht vermoderten Brett bestand. Schon lange hatten sie sich vorgenommen, ein neues Brett anzubringen, es aber immer wieder vergessen. Es ächzte bedrohlich, als Nina nun mit Schwung darauf plumpste.

„Amra“, schrie Nina, „was soll das?! Du bist hier zu Hause, du bist meine Freundin, das können die doch nicht machen! – ?“ Ein leicht verunsichertes Fragezeichen tönte mit etwas Verspätung hinterher.
Wie hat sie das hingekriegt?, fragte sich Amra, die nicht mehr klar denken konnte und sich selbst dabei beobachtete, wie sie seltsame Dinge sah, hörte und dachte, die so gar nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hatten, das sie völlig aus der Bahn geworfen hatte. Nur mit Mühe konnte sie sich konzentrieren und sie erinnerte sich, warum sie beide heute hier im Boot saßen.
„Sehr geehrte Frau Amra Mekuli, Sie werden hiermit aufgefordert, Deutschland innerhalb eines Monats nach Erhalt dieses Schreibens zu verlassen und in Ihr Heimatland Kosovo zurückzukehren“, las Amra sich selbst und Nina laut vor.

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Leseprobe: Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – Die Asylentscheiderin

Die Asylentscheiderin

Dann rief Cochise an, die irgendwann in den letzten Wochen wieder Kontakt zu mir gesucht hatte und die wusste, dass heute mein erster Tag im Praktikum gewesen war. Sie riss mich wieder mitten hinein in Krieg und Verzweiflung. Nach ihrer Reaktion zu schließen war ich wohl ein wenig einsilbig am Telefon.
„Du hast anscheinend keine Lust zu erzählen, wie es dir ergangen ist?“, sagte Cochise, nachdem sie vergeblich versucht hatte, aus mir herauszuholen, was heute passiert war.
„Leider habe ich heute Abend keine Zeit, aber vielleicht hast du ja am Wochenende Lust, dich mal mit mir auf ein Bier zu treffen?“
Ich wusste nicht recht, ob ich dazu Lust hatte. Cochise würde mir mit Sicherheit wieder ihre Sicht der Dinge schildern und es wäre wohl kaum zu vermeiden, dass wir in eine unangenehme Diskussion hineinrutschten. Andererseits hatte ich das Bedürfnis über meine Erfahrungen zu sprechen und auch wenn Cochise dafür nicht die beste Wahl war, so hatte ich sie doch schon lange einmal wieder treffen wollen. Wir hatten uns zuletzt beim Klassentreffen gesehen und seit einiger Zeit immer wieder miteinander telefoniert. Irgendetwas hatte sie in mir angerührt, was ich noch nicht zu fassen bekommen hatte. Nach so vielen Jahren war sie aus dem Nichts aufgetaucht und meine Gedanken kreisten seither immer wieder um sie. Das irritierte mich ein wenig, da wir während der Schulzeit nicht viel miteinander zu tun gehabt hatten. Aber warum sollte ich sie nicht als erwachsene Frau neu kennenlernen? Während meiner Zeit mit Richard hatte ich nicht viele enge Kontakte gehabt und nach meiner Trennung von ihm musste ich feststellen, dass ich keine eigenen Freunde besaß, die mit ihm nichts zu tun hatten. Da war es ganz gut wenn ich mich nun um neue Freundschaften oder zumindest Bekanntschaften bemühte. Außerdem war heute erst Montag und die Tage bis Samstag erschienen mir als eine kleine Ewigkeit. Ich sagte zu, abmelden konnte ich mich immer noch, wenn mir am Ende der Woche nicht nach einem Zusammentreffen mit Cochise sein sollte.

Meine erste Woche im Praktikum verlief verhältnismäßig ruhig. Karl-Heinz hatte die einfacheren Fälle eingeladen, so schien es mir. Wir hatten auch in den folgenden Tagen mehrere Klienten aus Syrien, deren Aufenthalt von vorneherein so gut wie sicher war und die wir schnell abhaken konnten. Dazwischen hatte er ein paar Jungs aus Afrika eingeplant. Sie kamen aus unterschiedlichen Ländern, erzählten aber alle ähnliche Geschichten. Von Armut und Arbeitslosigkeit, von Familien, die alles Geld zusammengelegt hatten, um ihren Söhnen und Neffen die Flucht nach Europa zu ermöglichen, die hier nun dringend nach Arbeit suchten, um das Erhaltene wieder zurückgeben und in Zukunft ihre Familien unterstützen zu können.
So hatten wir die ganze Woche über in schöner Regelmäßigkeit morgens Kriegsflüchtlinge, die bleiben durften und nachmittags junge Männer, mal einen, mal zwei, einmal sogar drei nacheinander, die fast alle bereits in anderen europäischen Ländern registriert waren und so nach der Dublin-Verordnung in Deutschland keinen Anspruch auf ein Asylverfahren mehr hatten. Die nicht registriert waren, konnten in Deutschland ihr Asylverfahren durchführen, aber sie alle suchten laut Karl-Heinz lediglich ein finanziell besser ausgestattetes Leben bei uns und hatten deshalb keinen wirklichen Grund zu bleiben. Es lief alles genau so ab, wie ich es in den vorhergehenden Wochen in der Theorie gelernt hatte, und wenn ich die Geschichten aus dem Krieg in Syrien hörte, dann war mir klar, dass der kräftige Junge vom Vortag keinen Platz belegen durfte, den wir so dringend für die Familien brauchten, deren Haus zerbombt und deren Lebensgrundlage zerstört war.
Saß mir dann am Nachmittag ein junger Mann gegenüber, der von abenteuerlichen und lebensgefährlichen Fluchtwegen erzählte und zu weinen begann, wenn er sich an seinen ertrunkenen Freund oder den in der Sahara verloren gegangenen Bruder erinnerte, dann war ich mir nicht mehr so sicher. Aber, so rief ich mich immer wieder selbst zur Ordnung, die einen haben einen wirklichen Grund zur Flucht, die anderen nicht. Was unterwegs passiert, zählt nun einmal nicht.
„Warum kommt denn keiner aus Afrika, der einen wirklichen Asylgrund mitbringt?“, fragte ich am Freitagnachmittag, als Karl-Heinz zufrieden seine Akten zusammenschob und wir gleich ins Wochenende gehen wollten. „Das kann ja nicht sein, dass kein Einziger wirkliche Gründe mitbringt. Wir hatten da in der Ausbildung doch sehr unterschiedliche Fälle vorliegen. Hier sind ja alle ganz ähnlich.“
„Es ist einfacher wenn man ein wenig Ordnung ins Flüchtlingschaos bringt“, konterte Karl-Heinz. „Das wirst du auch bald feststellen. Wenn du alle Fälle wie Kraut und Rüben durcheinander anhörst, wirst du ziemlich schnell verrückt. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – diese Strategie macht es leichter. Das habe ich in der langen Zeit, in der ich mich nun mit all dem Elend beschäftige, gelernt.“
Da war er wieder, dieser Satz, der mich verfolgte.
Mein Kollege, der sonst immer so abgeklärt und unerschütterlich wirkte, zeigte doch erste, wenn auch geringfügige Anzeichen von Gefühl, stellte ich mit Erstaunen fest.
Vielleicht hat er ja recht, ging es mir durch den Kopf. Andererseits muss ich dann womöglich die gesamte Woche über die ganz schlimmen Fälle anhören, wenn ich mir zuvor eine Woche lang zumindest halbtags „Auszeit“ nehme.
Ich würde meine eigene Ordnung finden müssen, das stand schon mal fest. Wie sie aussah wusste ich jetzt noch nicht. Ich wollte aber auch nicht weiter darüber nachdenken, jetzt stand erst einmal das Wochenende vor der Tür.
„Nächste Woche machen wir nur vormittags Anhörungen. Nachmittags entscheiden wir gemeinsam die Fälle, die ich noch zur Bearbeitung hier liegen habe. Ich lasse immer einige Zeit vergehen zwischen Anhörung und Entscheidung. Man soll ja nichts übers Knie brechen und ein wenig Zeit, um eingehend über die Geschichten unserer Klienten nachzudenken, müssen wir uns schon nehmen. Außerdem: Wie sieht das denn aus, wenn wir heute anhören und morgen entscheiden? Das kommt nirgendwo gut an. Weder bei den Flüchtlingen noch bei unseren Vorgesetzten. Also merk dir das: Wenigstens drei Wochen oder besser mehr sollten zwischen dem Interview und deiner Entscheidung liegen. Aber dieser zeitliche Abstand ergibt sich mit der Zeit von selbst. Es sammeln sich, wenn du der Reihe nach vorgehst, im Lauf der Zeit genügend Fälle auf deinem Schreibtisch an, so dass da auch mal ein paar Monate zwischen Anhörung und Entscheidung liegen.“
Mit diesem Resümee verabschiedete Karl Heinz mich ins Wochenende.

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Leseprobe: Jetzt bin ich hier

Jetzt bin ich hier

Ubuntu

Ein Anthropologe bot Kindern eines afrikanischen Stammes ein neues Spiel an. Er stellte einen Korb voller Obst in die Nähe eines Baumes und sagte ihnen, wer zuerst dort sei, gewinne die süßen Früchte. Als er das Startsignal gab, nahmen sie sich gegenseitig an den Händen und rannten alle zusammen los. Am Baum angekommen, setzten sie sich um den Korb und genossen gemeinsam ihre Leckereien. Als er sie fragte, weshalb sie so gelaufen waren, wo doch jeder und jede die Chance gehabt hätte, die Früchte für sich allein zu gewinnen, sagten sie: „Ubuntu. Wie kann eines von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“

Ubuntu in der Xhosa-Kultur bedeutet:

„Ich bin, weil wir sind“.