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71 % + 29 % + 7% = 100 %

Klimawandel. Ein Mädchen aus Schweden, 16. Viel Hysterie. Aber egal, in wenigen Jahren (irgendetwas zwischen fünf und 10.000 Jahren) geht die Erde sowieso unter.

Mit diesen wenigen Worten ließe sich meine Startseite bei Facebook beschreiben. Oder die Startseite aller Presseerzeugnisse von BILD bis F.A.Z. Selten so viel Einheitlichkeit erlebt, in der Presse. Und, das klingt jetzt hart, so viel Blödheit.

71 % der Deutschen fühlen sich vom Klimawandel bedroht.

29 % von Greta.

Als ich das mal las, holte ich meinen Personalausweis hervor und schaute ihn genauer an. Kein Irrtum möglich, da steht: Staatsangehörigkeit: Deutsch.

Hm. Irgendetwas stimmt da nicht. Ich meine, wann war noch mal was mit der PISA-Studie? Sind diejenigen, die damals Schüler waren, echt inzwischen Journalisten? Oder konnten die Vorgenerationen auch schon alle keine Mathematik?

Oder bin ich einfach nur die statistische Ungenauigkeit? Die einzige?

Fürs Protokoll: Ich fühle mich weder von dem Klimawandel bedroht noch von einem 16-jährigen Mädchen, bin aber laut Personalausweis Deutscher.

Und nun?

Okay, ich bin ja auch der Meinung, dass man nur über Dinge reden sollte, von denen man eine Ahnung hat. Frei nach Nuhr. Das gilt übrigens auch, aber nicht nur, für 16-Jährige. Und nein, ich will nicht Greta bashen. Es gibt mit Sicherheit 16-Jährige die das mit dem Öko-System Erde so halbwegs verstanden haben. Bei Greta ist das nicht erkennbar, aber das ist okay. Sie hat noch viel Zeit zum Lernen.

Manche, also etwa 29 %, sagen, die Kids sollten lieber in die Schule und was Vernünftiges lernen. Hey, 29 %, ihr seid echt lustig. Schule im Sinne deutscher Bildungskultur und was vernünftiges Lernen in einem Satz??? Hallo???

Nein, nein, ich habe volles Verständnis für die Kids, die statt in die Schule auf Demos gehen. Es muss sich was ändern. Ziemlich viel sogar. „Die da oben“ müssen eindeutig mal wieder motiviert werden, darüber nachzudenken, was Politik eigentlich bedeutet, wie sie entstanden ist, sonst demonstriert das Volk mal wieder seine Macht. Das ist voll in Ordnung.

Es ist in Ordnung, wenn Menschen, viele Menschen, auf Demonstrationen erzählen: „Wir haben Angst!“ Ob es einen Grund dafür gibt, sei mal dahingestellt, aber erst einmal ist dieses Gefühl bei ihnen da, und das haben Politiker gefälligst ernst zu nehmen.

Nicht in Ordnung ist es, wenn dieselben Menschen sagen: „… und Ihr seid schuld!“ (In diesem Fall weiße, alte Männer. Oder so.) Das, sorry, ist hirnrissiger Blödsinn. Es ist grundsätzlich immer hirnrissiger Blödsinn, eine willkürliche Gruppe von Menschen zu bashen. Habt Ihr denn nichts gelernt? Hallo?

Und Ihr, liebe Politiker, wie wäre es mal damit: Unabhängige, gut ausgebildete Wissenschaftler erzählen etwas zu Erkenntnissen aus dem Bereich, von dem sie Ahnung haben. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir Menschen nicht einmal ansatzweise in der Lage sind (und es übrigens niemals sein werden), wirklich quantifizierbare Aussagen über das Öko-System Erde (aka Klimawandel in Neusprech) zu treffen. Jeder, der ein bisschen Ahnung von wissenschaftlicher Arbeit und Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit (mittelbarer und unmittelbarer Art) hat, weiß das.

Ich schweife ab. Zu diesem Thema wollte ich später noch einen Beitrag ausführlich schreiben, aber nicht heute.

Heute eigentlich nur dieses: Ich bin 10 %. Oder so.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo das Baby ausgesetzt worden war.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (3)

Der Captain lässt den Blick über mich gleiten. Dann nickt er anerkennend.
„Was denken Sie?“, erkundige ich mich irritiert.
„Sie haben sich umgezogen?“
„Ich habe geduscht und mich umgezogen. Ich hoffe, das … das ist in Ordnung so.“
„Klar.“ Er geht vor. Immerhin hält er mir die Wagentür auf. Nach kurzem Nachdenken setze ich mich so ins Auto, dass der Rock nicht hoch rutscht. Will ihn ja nicht in Versuchung bringen. Normalerweise würde ich darüber keinen Gedanken verschwenden. Statt des Rollis trage ich jetzt einen V-Pulli über der Bluse, außerdem einen wadenlangen Rock, genauso braun wie die Stiefel. Mehr als meine Knie würde er niemals zu sehen bekommen, aber im Moment erscheint mir selbst das zu gewagt. Gerne würde ich glauben, zu Lois passt keine Freizügigkeit, aber dann muss ich an ihre Nächte im Puff denken, oder dass sie im Babydoll mit dem Taxi nach Hause fuhr.
Aber das alles wissen sie hier ja nicht und werden es auch nie erfahren.
„Wo… wohin fahren wir?“
„Es gibt ein kleines, aber feines Restaurant, das von einem Bekannten betrieben wird. Das Essen dort ist nicht extravagant, nichts Französisches und so, aber bodenständig und gut.“
Wieso erwähnt er das mit dem französischen Essen eigentlich? Ich wirke ja wohl nicht wie die Dame von Welt, das kann nämlich Fiona deutlich besser.
Na ja.
„Ich würde gerne die blinde Hexe sprechen“, bemerke ich plötzlich. „Wann ginge das?“
„Ich werde sie fragen.“
„Sie fragen?“
„Sie fragen.“ Der Captain wirft mir einen Blick von der Seite zu. „Da können wir nicht einfach hinfahren.“
„Wie… wieso nicht?“ Dieses bescheuerte Stottern!
„Weil wir sie sprechen wollen.“
„Aha.“ Klingt rätselhaft und ich warte auf die Auflösung.
Aber da kommt keine.
„Und?“, erkundige ich mich nach einigen Minuten irritiert.
„Und?“ Der Sheriff sieht mich fragend an, dann parkt er den Wagen.
„Na ja, wieso können wir nicht einfach hinfahren, wenn wir sie sprechen wollen?“
„Zu der Hexe?“
„Ja, genau.“
„Das geht nicht.“
„So viel habe ich ja …“ Ich unterbreche mich, weil er jetzt die Tür öffnet und aussteigt. Dann geht er auf ein Gebäude zu, an dem „The Edge“ steht. Meine Erwartung, dass er mir die Wagentür öffnet, ist wohl übertrieben. Das hat er vorhin schon gemacht, mehr als einmal macht er es pro Abend anscheinend nicht. Na gut.
Ich steige hastig aus und renne ihm hinterher.
„Wollen Sie nicht den Wagen abschließen?“, erkundige ich mich dann.
„Wozu?“
„Er könnte gestohlen werden.“
„Von wem? Die wissen alle, dass es meiner ist.“
„Aha.“ Ja, ist ein Argument, verstehe ich. „Was ist mit Touristen? Wissen sie das auch?“
„Touristen?“ Der Captain bleibt vor der Tür zu „The Edge“ stehen und starrt mich an. „Touristen?“
„Es gibt hier keine“, stelle ich fest. „Ich verstehe. Es tut mir leid, dass ich so unüberlegt gefragt habe.“
„Kein Problem“, erwidert der Chef der örtlichen Polizei und hält mir die Tür auf. „Sie konnten es ja nicht wissen.“
Meinen Impuls zu schreien unterdrücke ich lieber und trete ein. Ein Gasthof wie aus einem anderen Jahrhundert. In jeder Hinsicht. Seit ungefähr hundert Jahren, mindestens, wurde nichts Wesentliches an der Bausubstanz im weitesten Sinne geändert. Selbst der Kleiderständer, auf den ich zugehe, dürfte schon dort gestanden haben, als die Gäste noch aus dem Sattel steigend direkt durch die Tür getreten sind. Zumindest wenn sie John Wayne hießen.
Ach du heilige Scheiße. Dass es so was in Newope gibt!
Vor dem Kleiderständer biege ich nach links ab und betrete den Gastraum durch eine weitere, teilverglaste Tür.
Sofort verstummt jedes Gespräch und alle Augenpaare richten sich auf mich. Männer, es sind nur Männer. Als sie den Sheriff, äh, den Captain hinter mir erblicken, wenden sie sich von mir ab und setzen ihre Unterhaltungen fort, als wäre nichts gewesen.
Äh? Hallo?
Ich rücke meine perfekt sitzende Brille zurecht und betrachte den Mann hinter der Theke. Das muss der Bekannte sein.
Ein etwas beleibter Mann in Holzfällerhemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Dunkelbraune Haare, gerötete Nase. Weintrinker, würde ich sagen.
Mein Begleiter geht auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand.
„Wie geht es dir, Dan?“, sagt der Wirt.
„Gut, und dir?“, erwidert der Captain.
„Auch gut. Bier?“
Damit ist alles Wichtige gesagt. Hier würde James echt gut hineinpassen. Mich allerdings macht es aggressiv.
Dan, also, der Captain, deutet auf mich. „Das ist Lois. Wegen des Dreiarmigen. Sie ist Spezialistin. Lois, das ist Johnny Cook. Sein Bruder war mit meiner Schwester verheiratet, bevor er von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
Ich rücke erneut meine Brille zurecht. Dann reiche ich dem Bruder des unglücklich verstorbenen Mannes der Schwester des Captains, die zufällig die Pension betreibt, in der ich untergekommen bin, die Hand. Und ziehe sie leicht zurück, als er sie mit seiner Pranke umschließen und vermutlich zerquetschen will, sodass er nur meine Fingerspitzen zu fassen kriegt und ich mit dem Daumen kurz seinen Handrücken berühre.
Verflucht, wie ich diese Art, jemandem die Hand zu geben, hasse! Und jetzt mache ich es genauso! Okay, zu Lois passt es ja.
„Sehr erfreut“, hauche ich. Hört bei dem allgemeinen Lärm in der Kneipe eh niemand.
„Ich hoffe, Sie kriegen das Schwein!“, sagt Johnny, dann zeigt er auf einen freien Tisch. „Auch ein Bier, Lois?“
„Haben Sie Wein?“
„Ja. Rot?“
Ich nicke und folge dann dem um einige Ecken Schwager des Wirts zum freien Tisch und setze mich ihm gegenüber. Er setzt sich schon vor mir, also kann er mir nicht den Stuhl zurechtrücken. Interessiert hier aber keinen. Fiona wäre es auch scheißegal, aber Lois macht einen weiteren Strich auf ihrer unsichtbaren Liste.
Oh je.
Ich schlage die Beine übereinander, das rechte über das linke, und zupfe den Rock nach unten. Das grenzt schon an Paranoia, aber man weiß ja nie.
„Ich mag dieses Lokal“, sagt der Captain. „Es hat was Gemütliches.“
Was?!
Er scheint meinem Gesicht anzusehen, dass ich das etwas anders sehe, denn er fügt hinzu: „Na ja, wir hier auf dem Dorf haben wahrscheinlich etwas andere Ansprüche als ihr Städter.“
„Wahrscheinlich“, erwidere ich leise, fast flüsternd. Auch das sehe ich anders, halte aber eine Diskussion darüber mit ihm für völlig aussichtslos.
„Aber der Wein ist wirklich gut. Macht er selbst.“
„Er macht ihn selbst?“
„Na ja, er hat seinen eigenen Weingarten.“
Da bin ich ja mal gespannt. Was Wein angeht, bin ich ja dank meines Vaters etwas verwöhnt. Und auch dank James. Zwei Männer, die Ahnung von Wein haben und dafür gesorgt haben, dass mein Anspruch salonfähig ist. Bei meinem Vater ist der Anspruch auch mit einem entsprechenden Preis verbunden, bei James nicht unbedingt. Er kennt erstaunlich viele Winzer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihn und seine ihm treu ergebene Frau zu verköstigen.
Der Wirt bringt den Wein in einer Flasche ohne Etikett und ein sauberes, einfaches Glas, in das er ein wenig vom sattroten Getränk schüttet. Die Farbe ist schon mal gut.
„Probieren Sie!“, sagt er.
Ich nehme das Glas und trinke einen Schluck, verzichte dabei auf irgendwelche Prozedere. Egal. Tiefer kann ich, kulturell gesehen, sowieso nicht sinken.
Der Wein ist jedenfalls wirklich sehr gut. Etwas ursprünglich im Geschmack und im Abgang erstaunlich fruchtig. Irgendwas mit Waldbeeren, schätze ich.
„Er ist gut“, sage ich. „Machen Sie bitte das Glas voll.“
Johnny Cook gehorcht mit einem breiten Grinsen, dann zieht er mit einem vielsagenden Blick von dannen.
John-Wayne-Sheriff-Captain bleibt bei seinem Bier. Der erstaunlich gute Weine macht es mir leicht, meine Entscheidung nicht zu bereuen.
„Ich empfehle Ihnen, nur die Tagesempfehlung zu nehmen. Zu essen, meine ich.“ Er lässt den Blick schweifen, dann sieht er mich an. „Alles andere ist … Na ja.“
„Ich verstehe“, erwidere ich. „Woher weiß ich denn, was das Tagesangebot ist?“
„Das wird er Ihnen gleich mitteilen. Wahrscheinlich etwas mit Wild, er jagt selbst.“
„Mit Schrot?“
„Blattschuss.“
„Oh. War aber nicht ernst gemeint, meine Frage. Es tut mir leid, ich wollte Ihrem Schwager nicht nahetreten. Sorry.“
„Kein Problem.“
Der Schwager kommt nun zu uns und erklärt, dass es heute Wild gibt. Mit Klößen. Und selbstgemachter Soße. Etwas scharf.
Nehme ich, mutig wie ich bin. Und weil der Sheriff es empfohlen hat. Auf das scharf bin ich aber ziemlich neugierig. Dank James und Nicholas bin ich da nicht leicht zu beeindrucken.
Aber Cook heißt nicht nur so, er kann anscheinend wirklich etwas. Das Essen, ausreichend für drei Fionas oder vier Loise, ist gar nicht schlecht. Sogar gut. Und die Soße ist scharf. Nicht so scharf, dass mir die Tränen kommen, aber kurz stockt mir der Atem.
„Der Hirsch ist gut“, bemerkt der Captain, der das gleiche hat wie ich.
„Das Wildschwein auch“, erwidere ich lächelnd. So leicht lasse ich mich nicht verarschen, auch nicht als Städterin.
Der Captain zieht den linken Mundwinkel hoch, als Zeichen, dass er es verstanden hat und es ihm gefällt. Zumindest interpretiere ich es so. Vielleicht war es nur eine zufällige Zuckung oder er hat auf einen Pfefferkorn gebissen in dem Moment. Dank James habe ich gelernt, minimalste Mimiken zu lesen, aber individuelle Ausprägungen bringen eine gewisse Unschärfe rein. Und den Captain kenne ich noch nicht lange genug, um feinste Nuancen eindeutig zu erkennen.
„Ich möchte zu der blinden Hexe“, bemerke ich nach einer längeren Schweigezeit.
„Heute?“
„Von mir aus auch heute.“ Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr über der Eingangstür. Kurz nach acht. Oft meine normale Feierabendzeit.
„Zu spät. Ich bringe Sie morgen zu ihr.“
Ich mustere ihn nachdenklich. Letztlich brauche ich ihn nicht, um meine Arbeit zu erledigen. Eher wird er mir früher oder später sogar im Weg sein, spätestens, wenn ich es mit übernatürlichen Gegnern zu tun bekomme. Doch im Moment ist es noch besser, so zu tun, als hielte ich ihn für unverzichtbar. Das Gegenteil wird er schon noch früh genug merken.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, sehne ich mich nach einem Bett. Oder einer Badewanne. Und einem Orgasmus. Alternativ einem zehn Kilometer Lauf. Wobei ich den Orgasmus eindeutig bevorzuge.
Also nicke ich und konzentriere mich, nun unterbrechungsfrei, auf den Rest meines Abendessens.