{"id":320,"date":"2020-08-12T14:57:11","date_gmt":"2020-08-12T12:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/?p=320"},"modified":"2020-08-12T14:57:12","modified_gmt":"2020-08-12T12:57:12","slug":"fionas-tagebuch-das-baby-herr-mut-toll-schreiber-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/fionas-tagebuch-das-baby-herr-mut-toll-schreiber-und-ich\/","title":{"rendered":"Fionas Tagebuch: Das Baby, Herr Mut, Toll Schreiber und ich"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:45px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>\u201eDem Baby geht es gut.\u201c Dieser Satz der \u00c4rztin rettet mir den Tag. Dem Baby geht es gut. Gibt es Wichtigeres?<br \/>Als ich die Praxis verlasse, strahle ich vermutlich mehr als alle Kernkraftwerke der Erde zusammen. Und das sieht mir bestimmt jeder an. Hach, was bin ich gl\u00fccklich!<br \/>Es ist ja nicht so, dass ich mir keine Gedanken mache. W\u00e4hrend ich vor dem Schaufenster mit den Kinderwagen stehe, denke ich dar\u00fcber nach, wie leichtsinnig es eigentlich von mir ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Gar nicht einmal wegen des Zustands der Welt, denn dieser ist, n\u00fcchtern betrachtet, weder besser noch schlechter als fr\u00fcher. Die Zeit, in der ich lebe, hat ihre Eigenheiten, aber die hatte jede Zeit.<br \/>Doch ich muss mir selbst die Frage zugestehen, ob es wirklich klug ist, dass ich als Kriegerin ein Kind bekomme und mich damit noch erpressbarer mache, als ich es sowieso schon bin.<br \/>Und ich wei\u00df keine eindeutige Antwort darauf. Ja, es ist leichtsinnig und nicht so klug, aber andererseits gilt das nicht in irgendeiner Form f\u00fcr jede Mutter? Soll die Menschheit etwa aussterben, blo\u00df weil wir M\u00fctter Angst davor haben, was unserem Kind alles zusto\u00dfen kann? Oder sollen wir M\u00fctter eine Gefahreneinstufung machen, bevor wir schwanger werden?<br \/>Nein, das kann nicht die Antwort sein.<br \/>Ich wende mich vom Schaufenster ab und gehe zielgerichtet auf das kleinen Caf\u00e9 an der Stra\u00dfenecke zu, das erst vor Kurzem er\u00f6ffnet hat, aber einen sehr einladenden Eindruck macht. Es gibt Tische drau\u00dfen und drinnen, drau\u00dfen mit h\u00fcbschen mokkafarbenen Sonnenschirmen, die Tische in einem passenden Grau und die St\u00fchle mit ebenfalls mokkafarbenen Sitzkissen.<br \/>Liebevoll gestaltet, das mag ich.<br \/>Es ist voll. Innen w\u00e4re noch ein kleiner Ecktisch frei, aber die stickige Luft will ich mir und meinem Kind nicht antun. Ich lasse meinen Blick \u00fcber die G\u00e4ste drau\u00dfen schweifen, in der Hoffnung, Zeichen eines Aufbruchs zu erkennen, da sehe ich pl\u00f6tzlich jemanden, der mir bekannt vorkommt.<br \/>Ich stutze.<br \/>Und sehe genauer hin.<br \/>Obwohl ich ihn nur einmal in meinem ganzen Leben getroffen habe, und auch diese Begegnung ist schon ein paar Jahre her, erkenne ich ihn trotzdem sofort wieder. Er ist in Begleitung eines anderen Mannes, den ich allerdings nicht kenne.<br \/>W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber nachdenke, ob ich ihn ansprechen soll, entdeckt er mich auch. Sein Gesichtsausdruck dabei ist goldig und wechselt von Erschrecken zu verhaltener Freude. Aber schlie\u00dflich winkt er mir zu und ich gehe zu den beiden hin.<br \/>\u201eGuten Tag, die Herren\u201c, begr\u00fc\u00dfe ich sie. \u201eDarf ich mich zu Ihnen setzen?\u201c<br \/>\u201eAber selbstverst\u00e4ndlich!\u201c, erwidert der mir fremde Mann und springt auf, um mir den Stuhl zurechtzur\u00fccken. Ob das am Babybauch liegt oder an der Tatsache, eine Frau zu sein, wei\u00df ich nicht so genau.<br \/>\u201eVielen Dank\u201c, sage ich, nachdem ich mich gesetzt habe. Dann mustere ich den anderen Mann. \u201eHerr Schreiber, wollen Sie mich nicht bekanntmachen mit Ihrem Freund?\u201c<br \/>\u201eIch w\u00fcrde nicht so weit gehen, ihn als Freund zu bezeichnen\u201c, murmelt <a href=\"https:\/\/cafe-kitsch-linz.de\/toll-schreiber-im-cafe-kitsch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Toll Schreiber<\/a>. \u201eUnd im \u00dcbrigen, es mutet mich seltsam an, dass eine Frau, die mich gek\u00fcsst hat, mich mit dem Nachnamen anredet. Und nochmal im \u00dcbrigen, das ist <a href=\"https:\/\/cafe-kitsch-linz.de\/der-kampf-um-den-schokokuchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Herr Mut<\/a>. Herr Mut, diese blonde Frau ist Fiona, die Frau aus der Bibliothek. Allerdings war sie damals nicht schwanger und auch deutlich j\u00fcnger.\u201c<br \/>Ich gebe Herrn Mut l\u00e4chelnd die Hand. \u201eIch verstehe zwar kein Wort, freue mich aber trotzdem, Ihre Bekanntschaft zu machen.\u201c<br \/>\u201eBin ebenfalls erfreut, Fiona. Herr Schreiber deutet an, dass ich genau in dem Augenblick in der Bibliothek aufgetaucht bin, als Sie aus dem Traum aufgewacht zu sein schienen. Ich traf Herrn Schreiber noch in k\u00fcssender Position an.\u201c<br \/>\u201eOh!\u201c, rufe ich. \u201eDas ist ja ulkig. Das hie\u00dfe dann ja, dass ich schon wieder tr\u00e4ume?\u201c<br \/>\u201eWenigstens sind Sie bekleidet\u201c, stellt Toll Schreiber fest.<br \/>\u201eJa, manchmal kommt auch das vor.\u201c<br \/><a href=\"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/Produkte\/paternoster-vom-auf-und-ab-des-lebens\/\">Herr Mut<\/a> l\u00e4chelt am\u00fcsiert, Toll Schreiber sch\u00fcttelt den Kopf. Aber ein leichtes L\u00e4cheln versteckt sich auch in seinen Mundwinkeln.<br \/>\u201eUnd was genau machen Sie hier, Fiona?\u201c, erkundigt sich Toll Schreiber dann.<br \/>Bevor ich antworten kann, bestelle ich bei der Kellnerin, die genau in diesem Moment an unseren Tisch tritt, Kaffee und Apfelkuchen.<br \/>\u201eIch war bei meiner Frauen\u00e4rztin, zur Kontrolle. Ultraschall.\u201c<br \/>\u201eIch verstehe. Und wie geht es dem Kleinen?\u201c<br \/>\u201eDer Kleinen geht es bestens\u201c, erwidere ich.<br \/>\u201eEin M\u00e4dchen also, wie Sie?\u201c<br \/>Ich starre Toll Schreiber an. \u201eDas h\u00f6rt sich ja fast schon wie ein Vorwurf an!\u201c<br \/>\u201eNun, mir ging gerade der Gedanke durch den Kopf, dass diese Welt ja schon Sie hat, warum muss es auch noch Ihre Tochter sein?\u201c<br \/>\u201eHerr Schreiber!\u201c, ruft Herr Mut entsetzt.<br \/>\u201eHerr Mut, Sie haben es n\u00f6tig!\u201c<br \/>\u201eHerr Schreiber, was genau wollen Sie damit bitte zum Ausdruck bringen?\u201c<br \/>\u201eHey, ihr beiden!\u201c, rufe ich lachend. \u201eWas soll das denn werden? Ich finde es witzig, was Toll Schreiber da gesagt hat. Schlie\u00dflich wei\u00df ich sehr wohl, was die Welt an mir hat. Ich bin ganz sicher anstrengend, chaotisch, eine Plage.\u201c<br \/>\u201eFiona, das ist doch nicht Ihr Ernst?\u201c Herr Mut starrt jetzt mich an.<br \/>\u201eWarum nicht? Ich mache mir da nichts vor, Herr Mut.\u201c<br \/>\u201eSie scheinen es aber auch durchaus zu genie\u00dfen, oder irre ich mich da?\u201c<br \/>\u201eNun, ich bin nicht ungl\u00fccklich mit meiner Rolle, Herr Mut. Ich meine, diese Welt ist doch grau und trist genug, ich halte es f\u00fcr sehr wichtig, da Farbtupfer als Akzente zu setzen. Und seien wir doch ehrlich: Die Menschen w\u00fcnschen sich doch, so konsequent ehrlich zu sein wie ich, trauen sich aber nicht.\u201c<br \/>\u201eAch\u201c, sagt Herr Mut.<br \/>Ich bemerke, wie Toll Schreiber eine Augenbraue hochzieht und stelle f\u00fcr mich im Geheimen fest, dass er das fast so gut kann wie mein geliebter Ehemann, der Meister minimalistischer Mimik. Dann kommen mein Kaffee und der Apfelkuchen mit Sahne. Genau gesagt, sie werden gebracht, von der \u00fcberaus freundlichen Kellnerin mit dem \u00fcberaus tiefen Dekollet\u00e9.<br \/>Ich trenne mit der Gabel eine Ecke vom Apfelkuchen ab, f\u00fchre das St\u00fcck in meinen Mund und betrachte beim Kauen die beiden Herren, die ihrerseits mich betrachten.<br \/>\u201eDer Kuchen schmeckt vorz\u00fcglich\u201c, stelle ich fest. \u201eKann ich empfehlen.\u201c<br \/>Beide nicken und Toll Schreiber antwortet: \u201eWir hatten auch Apfelkuchen und sind daher in der Lage, Ihre Begeisterung nachzuvollziehen.\u201c<br \/>\u201eDas haben Sie sch\u00f6n gesagt, Herr Schreiber\u201c, erwidere ich mit vollem Mund, denn ich kaue bereits das zweite St\u00fcck vom Apfelkuchen. \u201eSagen Sie, was genau machen Sie beide eigentlich hier?\u201c<br \/>\u201eNun\u201c, setzt Toll Schreiber an, \u201edas ist eine sehr existenzielle Frage. Eigentlich k\u00f6nnten wir eher fragen, was Sie hier machen. Immerhin haben Sie sich aus Ihrem eigenen Traum sehr effektvoll entfernt, als er gerade interessant wurde.\u201c<br \/>Meine Hand verharrt mitten in der Bewegung zu meinem Mund und ich betrachte Toll Schreiber nachdenklich. \u201eDaf\u00fcr, dass Sie sich so gegen den Kuss gewehrt haben, scheinen Sie ihm doch ziemlich nachzutrauern.\u201c<br \/>\u201eNun ja, ich kann nicht leugnen, dass ein Kuss von Ihnen durchaus etwas Anregendes hat, selbst f\u00fcr einen alten Buchstabengourmet wie mich.\u201c<br \/>\u201e\u00dcbrigens, wieso haben Sie Apfelkuchen gegessen? Bekommen Sie davon keine Magenverstimmung?\u201c<br \/>\u201eIch bin auf Freigang.\u201c<br \/>\u201eWie bitte?\u201c<br \/>\u201eIch befinde mich au\u00dferhalb meiner gewohnten Welt und kann ganz normal essen. Mir ist zwar ein R\u00e4tsel, wie das geschehen konnte, aber es ist so.\u201c<br \/>\u201eNun, das gilt in gewisser Weise auch f\u00fcr mich\u201c, erg\u00e4nzt Herr Mut. \u201eAllerdings habe ich eine Vermutung, was geschehen sein k\u00f6nnte.\u201c<br \/>\u201eAch. Da bin ich ja mal gespannt!\u201c<br \/>\u201eHerr Schreiber, ich habe Ihnen doch schon mal gesagt, Sie sollen mir mein \u201aAch\u2018 nicht klauen!\u201c<br \/>\u201eHerr Mut! Herr Schreiber! Sie beide benehmen sich kindisch!\u201c<br \/>\u201eFiona, Sie sind gerade die Richtige, etwas \u00fcber kindisches Benehmen zu erz\u00e4hlen.\u201c<br \/>\u201eWas genau meinen Sie damit, Herr Schreiber?\u201c, erkundige ich mich, w\u00e4hrend ich gleichzeitig das letzte St\u00fcck vom Apfelkuchen in den Mund schiebe.<br \/>\u201eIch meine damit, dass Sie sich ja viel kindischer benehmen als Herr Mut oder ich.\u201c<br \/>\u201eAch. Das ist mir neu.\u201c<br \/>\u201eEs ist aber so. Denken Sie nur an Ihr Verhalten in der Bibliothek. Oder wollten Sie sich nicht aus Modemagazinen bekleiden?\u201c<br \/>\u201eSie ern\u00e4hren sich ja auch normalerweise von Buchstaben! Ist das etwa nicht kindisch?\u201c<br \/>\u201eHerr Mut, jetzt sagen Sie doch auch mal was!\u201c Toll Schreiber blickt seinen Freund, oder wer Herr Mut auch immer sein mag, hilfesuchend an.<br \/>Herr Mut r\u00e4uspert sich. \u201eAlso, wenn meine Vermutung richtig ist, benimmt sich niemand kindisch. Ich vermute n\u00e4mlich, dass wir uns wieder in einem Traum von Fiona befinden.\u201c<br \/>\u201eIn meinem Traum?!\u201c<br \/>\u201eOh, vielleicht hilft ja dann wieder ein Kuss \u2026\u201c Toll Schreiber err\u00f6tet dezent, als sowohl Herr Mut als auch ich ihn entgeistert anstarren. \u201eIch dachte nur, so als L\u00f6sung \u2026\u201c, murmelt er.<br \/>\u201eHerr Schreiber, nur zu Ihrer Information: Ich bin inzwischen verheiratet. \u00dcbrigens mit einem Mann, der Minimalismus im Ausdruck, insbesondere Gef\u00fchle, \u00e4hnlich perfekt beherrscht wie Sie.\u201c<br \/>\u201eSind Sie sicher, dass Sie auch in diesem Traum verheiratet sind?\u201c<br \/>\u201eWenn wir davon ausgehen, dass ich nicht, \u00e4hnlich der Jungfrau Maria, ohne m\u00e4nnliches Zutun zu meiner Schwangerschaft gekommen bin, dann ja!\u201c<br \/>\u201eWir sollten keine M\u00f6glichkeit ausschlie\u00dfen\u201c, erwidert Herr Mut.<br \/>\u201e\u00c4h \u2026 h\u00e4??\u201c<br \/>\u201eHerr Mut, das war unangebracht\u201c, stellt Toll Schreiber fest. \u201eSie haben Fiona um ihre Fassung gebracht.\u201c<br \/>\u201eH\u00e4?\u201c<br \/>\u201eSie auch, Herr Schreiber.\u201c<br \/>\u201e\u00c4h \u2026 jetzt mal langsam, Jungs. Ihr habt mich nicht um meine Fassung gebracht! Fassungslosigkeit sieht bei mir ganz anders aus! Jedenfalls, ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass Herr Mut recht hat mit seiner Vermutung, wir bef\u00e4nden uns in einem Traum von mir. Aber mal angenommen, dies trifft so zu, bedeutet es noch lange nicht, dass ich daran interessiert bin, diesen Traum zu verlassen.\u201c<br \/>\u201eUnd wieso nicht?\u201c, fragt Toll Schreiber entgeistert.<br \/>\u201eHerr Schreiber!\u201c, sagt Herr Mut. \u201eSie wollen doch blo\u00df Ihren Kuss ergaunern!\u201c<br \/>\u201eHerr Mut, ich weise diese Unterstellung aufs Entschiedenste zur\u00fcck!\u201c<br \/>\u201eHerr Schreiber, das k\u00f6nnen Sie gerne tun, \u00e4ndert aber nichts daran, dass Ihre Absichten ganz und gar offenkundig sind!\u201c<br \/>\u201eWelche Absichten denn?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\u201eVon Ihnen gek\u00fcsst zu werden\u201c, antwortet Herr Mut.<br \/>\u201eIst das wahr, Herr Schreiber?\u201c<br \/>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich nicht!\u201c, erwidert der Verd\u00e4chtigte.<br \/>\u201eHei\u00dft das, Sie wollen gar nicht von mir gek\u00fcsst werden, Herr Schreiber?\u201c<br \/>\u201eDas habe ich so nicht gesagt!\u201c<br \/>\u201eJa, aber was denn nun, Herr Schreiber?\u201c, fragt Herr Mut sichtlich am\u00fcsiert. \u201eIch kann ja durchaus nachvollziehen, dass Sie von einer attraktiven Dame wie Fiona gek\u00fcsst werden m\u00f6chten.\u201c<br \/>\u201eWie bitte?\u201c, frage ich entgeistert.<br \/>\u201eHalten Sie sich etwa nicht f\u00fcr attraktiv? Oh, oh, das deutet auf eine schwerwiegende Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung hin und nennt sich Minderwertigkeitskomplex.\u201c<br \/>\u201eWie bitte? Ich meine, nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass ich attraktiv bin! Aber ich bin ganz sicher keine Dame!\u201c<br \/>\u201eAch so, das meinen Sie. Ich schlage vor, wir widmen uns wieder dem wichtigsten Thema.\u201c<br \/>\u201eUnd das w\u00e4re welches?\u201c, fragt Toll Schreiber.<br \/>\u201eNun, ich denke, wir sollten herausfinden, ob wir uns in einem Traum von Fiona befinden und falls ja, wie wir weiter vorgehen.\u201c<br \/>\u201eWarum?\u201c<br \/>Jetzt starren die beiden M\u00e4nner mich an, im Rahmen ihrer minimalistischen M\u00f6glichkeiten durchaus entgeistert.<br \/>\u201eWas genau meinen Sie mit dieser Frage?\u201c, erkundigt sich schlie\u00dflich Herr Mut.<br \/>\u201eWarum sollten wir herausfinden wollen, wie wir weiter vorgehen?\u201c<br \/>\u201eNun ja, ich denke, wir bef\u00e4nden uns sonst in einer Situation, die auf Dauer unhaltbar w\u00e4re.\u201c<br \/>\u201eWarum?\u201c<br \/>\u201eJetzt h\u00f6ren Sie doch auf mit Ihrem \u201aWarum?\u2018!\u201c, bricht Herr Mut aus. \u201eSie k\u00f6nnen einen ja zum Wahnsinn bringen!\u201c<br \/>\u201eSagte ich doch\u201c, sagt Toll Schreiber.<br \/>Ich sehe ihn an. \u201eWas soll das hei\u00dfen, sagten Sie doch?\u201c<br \/>\u201eIch habe Herrn Mut bereits angedeutet, dass es schwierig mit Ihnen ist.\u201c<br \/>\u201eAch?\u201c<br \/>\u201eSehen Sie, Herr Mut, sie klaut Ihnen sogar Ihr \u201aAch?\u2018. Was zu beweisen war.\u201c<br \/>\u201eIhr zwei seid ja spa\u00dfige Gesellen\u201c, stelle ich fest. \u201eVielleicht will ich ja mit euch richtig Spa\u00df haben.\u201c<br \/>\u201eWie meinen Sie das?\u201c, erkundigt sich Toll Schreiber misstrauisch.<br \/>Ich muss lachen, als ich sein Gesicht sehe. \u201eHabe ich Sie etwa erschreckt, Herr Schreiber? Nun, Sie beide sind M\u00e4nner und ich bin eine Frau. Was k\u00f6nnte ich wohl meinen?\u201c<br \/>Toll Schreiber bleibt die Sprache weg, das sehe ich ihm deutlich an. Auch Herr Mut wirkt etwas konsterniert, aber er scheint sich schneller zu fangen.<br \/>\u201eNun, ich gehe zwar nicht davon aus, dass Sie gerade nicht scherzen, aber gesetzt den Fall, Sie w\u00fcrden es ernst meinen, w\u00fcsste ich Ihr Angebot selbstverst\u00e4ndlich zu sch\u00e4tzen, Fiona, m\u00fcsste aber dennoch, wenn auch mit gro\u00dfem Bedauern, ablehnend bescheiden.\u201c<br \/>\u201eOh, Herr Mut, das war jetzt aber sehr umst\u00e4ndlich ausgedr\u00fcckt. Darf ich denn wenigstens erfahren, warum Sie keinen Spa\u00df mit mir haben m\u00f6chten?\u201c<br \/>\u201eWeil Sie verheiratet sind.\u201c<br \/>\u201eAber in meinem Traum darf ich doch Spa\u00df haben, wann und mit wem ich will!\u201c<br \/>\u201eDas, liebe Fiona, sehe ich etwas anders.\u201c<br \/>\u201eAch?\u201c<br \/>\u201eDa!\u201c, ruft Toll Schreiber ganz aufgeregt. \u201eSie hat es schon wieder getan!\u201c<br \/>\u201eGenau, da war es wieder, das b\u00f6se, b\u00f6se Ach-Wort. Nun, Herr Schreiber, Herr Mut hat meinen Vorschlag abschl\u00e4gig beschieden. Wie ist es denn mit Ihnen?\u201c<br \/>\u201e\u00c4h \u2026, ja, also, ich glaube, ich bescheide auch abwegig.\u201c<br \/>\u201eAbwegig?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\u201eIch meinte selbstverst\u00e4ndlich abschl\u00e4gig\u201c, erwidert Toll Schreiber k\u00fchl.<br \/>\u201eDas ist interessant. Sie beide wollen echt keinen Spa\u00df mit mir haben? In meinem Traum?\u201c<br \/>\u201eEs geht nicht ums Wollen, Fiona\u201c, erkl\u00e4rt Herr Mut ruhig. \u201eEs geht darum, dass es falsch w\u00e4re. Sie w\u00fcrden Ihren Mann betr\u00fcgen und das w\u00e4re auch in einem Traum falsch.\u201c<br \/>\u201eUnd warum? Es passiert ja nicht wirklich!\u201c<br \/>\u201eGerade Sie m\u00fcssten doch wissen, Fiona, dass das so nicht stimmt. Was sind denn unsere Tr\u00e4ume, wenn nicht der Ausdruck unseres Willens? Es ist nicht richtig zu sagen, die Ereignisse in unseren Tr\u00e4umen w\u00e4ren nicht real. Selbst wenn das stimmte, was es nicht tut, w\u00e4re es falsch, den Ausdruck unseres Willens nicht als Realit\u00e4t einzustufen. Denn es geht nicht darum, ob wir eine Handlung tats\u00e4chlich ausf\u00fchren, insbesondere, wenn wir nicht einmal sicher sein k\u00f6nnen, dass es eine Realit\u00e4t gibt, die wirklich real ist, sondern davon ausgehen m\u00fcssen, dass alles eine Illusion ist. Und gerade Sie wissen das doch sehr genau, Fiona. Nicht wahr?\u201c<br \/>\u201eDas stimmt.\u201c<br \/>\u201eSehen Sie, und darum geht es. Wir sind f\u00fcr unsere Handlungen verantwortlich, egal, wo und wann sie stattfinden. Wir haben keine zuverl\u00e4ssige M\u00f6glichkeit, zu erkennen, ob wir tr\u00e4umen oder nicht, denn wir sind immer in der Illusion der Realit\u00e4t gefangen.\u201c<br \/>\u201eDas ist richtig, Herr Mut\u201c, best\u00e4tige ich.<br \/>\u201eAus diesem Grund sollten Sie bestrebt sein, diesen Traum zu verlassen. Sie befinden sich in der \u00e4u\u00dferst gl\u00fccklichen und seltenen Lage, stets sehr genau erkennen zu k\u00f6nnen, ob Sie tr\u00e4umen oder nicht, Sie sind sogar in der Lage, die Illusion zu durchschauen. Habe ich recht?\u201c<br \/>Ich nicke. \u201eJa, da haben Sie recht, Herr Mut. Aber woher wissen Sie das?\u201c<br \/>L\u00e4chelnd hebt er seine Kaffeetasse an die Lippen und sagt dabei: \u201eWir sind doch alle in Ihrem Traum, Fiona, vergessen Sie das nicht.\u201c<br \/>Ich erwidere sein L\u00e4cheln. \u201eAlso gut, Herr Mut, Sie haben mich \u00fcberzeugt. Sehr bedauerlich f\u00fcr Sie, Herr Schreiber, denn das bedeutet, dass ich auch ohne Ihren Kuss aufwachen kann. Ich muss es nur wollen.\u201c<br \/>\u201eIn der Tat, sehr bedauerlich\u201c, erwidert Toll Schreiber. \u201eEs freut mich allerdings, dass Sie sich offensichtlich weiterentwickelt haben.\u201c<br \/>\u201eAlles andere w\u00e4re ja traurig.\u201c Ich erhebe mich und lege Geld auf den Tisch. \u201eDa wir uns in meinem Traum befinden, sind Sie nat\u00fcrlich meine G\u00e4ste. Ich w\u00fcnsche Ihnen noch einen sch\u00f6nen Tag, vielleicht sehen wir uns ja wieder.\u201c<br \/>Sie nicken beide und ich gehe.<\/p>\n<p>\u201eIch hatte heute einen irren Traum\u201c, erz\u00e4hle ich James beim Fr\u00fchst\u00fcck.<br \/>\u201eWas hast du denn getr\u00e4umt, mein Schatz?\u201c, erkundigt sich mein G\u00f6ttergatte mit dem ihm so typischen nur ansatzweise ironischen Unterton, der mich unwillk\u00fcrlich nach der n\u00e4chsten Palme Ausschau halten l\u00e4sst.<br \/>\u201eIch hatte Spa\u00df mit zwei M\u00e4nnern\u201c, antworte ich und bei\u00dfe in mein Br\u00f6tchen.<br \/>\u201eAch. Im Traum?\u201c<br \/>Ich zucke die Achseln. \u201eKeine Ahnung. Was ist Traum, was ist Illusion, was ist Realit\u00e4t?\u201c Ich schenke ihm ein L\u00e4cheln. \u201eWei\u00dft du, ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ein Mensch seinen Werten immer treu bleibt. Oder?\u201c<br \/>James nickt. \u201eDa widerspreche ich nicht. Und du bist deinen Werten treu geblieben?\u201c<br \/>\u201eIch denke schon.\u201c<br \/>\u201eDas ist doch gut. \u2013 Ich muss los, in zehn Minuten ist der erste Termin.\u201c Er schluckt hastig den letzten Bissen hinunter, schnappt sich seinen Blazer und geht aus der K\u00fcche.<br \/>Nur um gleich darauf wiederzukehren und zu mir zu kommen. Er legt eine Hand auf meinen Bauch und gibt mir einen Kuss.<br \/>\u201eIch hole dich heute Abend im B\u00fcro ab und wir essen ausw\u00e4rts. Einverstanden?\u201c<br \/>\u201eIst gut, mein Schatz\u201c, erwidere ich l\u00e4chelnd.<br \/>Diesmal geht er wirklich. Ich blicke Danny an, der neben mir sitzt und erwartungsvoll meinen Teller ansieht.<br \/>\u201eDu hast auch deine Werte, denen du unter allen Umst\u00e4nden treu bleibst, oder, Danny? Na komm, wir gehen eine Runde, danach bekommst du auch was zu essen.\u201c<br \/>Ich erhebe mich etwas schwerf\u00e4llig. Irgendwie freue ich mich doch auf meine Tochter.<br \/>Sehr sogar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDem Baby geht es gut.\u201c Dieser Satz der \u00c4rztin rettet mir den Tag. Dem Baby geht es gut. Gibt es Wichtigeres?Als ich die Praxis verlasse, strahle ich vermutlich mehr als alle Kernkraftwerke der Erde zusammen. Und das sieht mir bestimmt jeder an. 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