{"id":315,"date":"2020-08-10T18:00:25","date_gmt":"2020-08-10T16:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/?p=315"},"modified":"2020-08-11T12:40:04","modified_gmt":"2020-08-11T10:40:04","slug":"fionas-tagebuch-warum-sex-keine-waffe-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/fionas-tagebuch-warum-sex-keine-waffe-ist\/","title":{"rendered":"Fionas Tagebuch: Warum Sex keine Waffe ist"},"content":{"rendered":"<p>Liebes Tagebuch,<\/p>\n<p>meine heutige Therapiestunde war irgendwie denkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Nachdem ich es mir gem\u00fctlich gemacht habe, fange ich an. &#8222;Ich m\u00f6chte heute \u00fcber &#8230; \u00fcber dieses Ereignis damals im Flugzeug sprechen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Welches Ereignis?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie, \u00fcber welches Ereignis?<br \/>\n&#8222;Sie meinen das Ereignis, \u00fcber das wir nicht zu sprechen brauchten, weil Sie damit auch so fertig wurden?&#8220;<br \/>\nIch starre Robert an. Falls du es nicht mehr wei\u00dft, liebes Tagebuch, Dr. Robert Malcolm ist mein Therapeut. &#8222;Ja, ich meine das. Ja, ich rede davon, als ich in diesem Schei\u00dfflugzeug keine zwei Meter von meinen Eltern entfernt vergewaltigt wurde. Genau das meine ich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Sie klingen w\u00fctend.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ach ja?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja.&#8220;<br \/>\nIch atme tief durch und provoziere damit die n\u00e4chste Frage des Psychoterroristen. &#8222;Warum machen Sie das?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was? Warum mache ich was?&#8220;<br \/>\n&#8222;Sich entspannen. Warum entspannen Sie sich? Ich denke, Sie wollen \u00fcber dieses Ereignis sprechen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, will. &#8211; H\u00f6ren Sie, Robert, es ist nichts, was mich im Alltag behindert. Wie eine vernarbte Wunde. Normalerweise merkt man nichts davon, nur wenn man es mal ber\u00fchrt oder wenn eine Front aufzieht, dann sp\u00fcrt man sie. Aber sie ist trotzdem da.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und jetzt zieht eine Front auf?&#8220;<br \/>\n&#8222;Vielleicht!&#8220;<br \/>\n&#8222;Was macht Sie grad so w\u00fctend, Fiona?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df nicht. Ihre Fragen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Daf\u00fcr bezahlen Sie mich doch.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, ja. Ich wei\u00df. Vielleicht war es doch keine gute Idee, damit anzufangen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Hei\u00dft das, Sie wollen doch nicht dar\u00fcber reden? \u00dcber das Ereignis?&#8220;<br \/>\n&#8222;H\u00f6ren Sie auf damit! Ich bin doch nicht d\u00e4mlich! Nat\u00fcrlich ist mir auch klar, dass da noch was ist, mehr als nur eine Narbe!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df, dass Ihnen das klar ist. Und was wollen Sie mit dieser Erkenntnis anfangen? Was m\u00f6chten Sie genau jetzt tun?&#8220;<br \/>\nJa, was? Ich wei\u00df es nicht. Oder doch, eigentlich wei\u00df ich es schon. Ihm an die Kehle springen. Er scheint meine Gedanken zu erahnen, denn er zieht die Augenbrauen hoch.<br \/>\n&#8222;Wor\u00fcber haben Sie gerade nachgedacht, Fiona?&#8220;<br \/>\n&#8222;Dass Sie nichts daf\u00fcr k\u00f6nnen, ich aber trotzdem am liebsten Sie umbringen w\u00fcrde.&#8220;<br \/>\n&#8222;So sahen Sie in der Tat aus. Aber Sie haben Ihre Gef\u00fchle bereits interpretiert, anstatt einfach sie nur zuzulassen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, weil ich gegen Sie pers\u00f6nlich nichts habe. Es geht nur um die Wut in mir.&#8220;<br \/>\n&#8222;Worauf sind Sie w\u00fctend?&#8220;<br \/>\nAuch eine gute Frage. Ich denke kurz \u00fcber sie nach. &#8222;Wissen Sie, Robert, ich habe dar\u00fcber nachgedacht, nachdem &#8230; <a href=\"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/leseprobe-fiona-beginn-2-0-die-kristallwelten-saga-1\/\">nachdem ich vergewaltigt wurde<\/a>. Ich meine, bevor es mir passiert ist, habe ich gedacht, so eine Vergewaltigung ist quasi der Weltuntergang &#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Ist es f\u00fcr viele Frauen auch. Und f\u00fcr viele M\u00e4nner \u00fcbrigens auch.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Und genau darum habe ich mich gefragt, warum es bei mir anders ist. Und die Antwort, die ich damals schon gefunden habe, hat damit zu tun, dass ich diese Bestien get\u00f6tet habe. Ich bin aktiv geworden. Die meisten Vergewaltigungsopfer haben diese Chance nicht.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das sehe ich nicht ganz so. Aber Sie haben recht, die <a href=\"https:\/\/www.somatic-experiencing.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erstarrung<\/a> ist die gr\u00f6\u00dfte Gefahr. Sicherlich ist es nicht immer m\u00f6glich, und auch nicht unbedingt zu bef\u00fcrworten, dass die Vergewaltiger get\u00f6tet werden. In Ihrem Fall sah es vielleicht anders aus, denn es ging ja nicht nur um die Vergewaltigung.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, das ist wahr. &#8211; Wie auch immer. Trotzdem ist diese Wut da. Die Narbe schmerzt. Ich &#8230; ich sehe es noch genau &#8230; und ich sp\u00fcre es &#8230; ich lag da, die H\u00e4nde unter mir, gefesselt, und die Kerle haben mich durchgefickt. Einer nach dem anderen. Robert, ich war kein Kind der Traurigkeit. Mit 15 entjungfert, ich habe Dutzende von M\u00e4nner gehabt. Mit Sex habe ich kein Problem. Was mich w\u00fctend macht, ist dieses Gef\u00fchl des Ausgeliefertseins, das ich damals hatte. Ich konnte nicht selbst bestimmen, was mit meinem K\u00f6rper geschieht. Das macht mich so w\u00fctend.&#8220;<br \/>\n&#8222;Sie wollen also selbst bestimmen, was mit Ihrem K\u00f6rper geschieht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Soweit es m\u00f6glich ist, ja. Ich wei\u00df auch, dass er altern wird und irgendwann stirbt. &#8211; Robert, warum setzen Menschen Sex als Waffe ein?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie meinen Sie das?&#8220;, fragt er \u00fcberrascht.<br \/>\n&#8222;Na ja &#8230; ich wurde doch nicht vergewaltigt, weil die Kerle an Entzugserscheinungen litten. Klar, sie hatten ihren Spa\u00df dabei, aber das war nicht die Hauptsache. Es ging darum, mich zu brechen, mich unten zu halten. Zu erniedrigen und dadurch beherrschbar zu machen. In <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/vergewaltigung-als-kriegswaffe-der-koerper-der-frau-ein.976.de.html?dram:article_id=338421\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kriegen wird das immer wieder gemacht<\/a>, die Frauen der Gegner werden vergewaltigt, entehrt, erniedrigt, dem\u00fctigt. Sex wird als Waffe eingesetzt. \u00dcberall wird Sex als Waffe eingesetzt. Warum?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df es nicht, Fiona. Hat das noch mit Ihrem Thema zu tun?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich denke schon. Ja, ich wei\u00df, ich verkopfe das gerade.&#8220; Ich ziehe meine Schuhe aus und schlage die Beine unter. Meiner Wirkung bin ich mir absolut bewusst, und die Blicke des Psychoterroristen beweisen das. Aber er ist Profi genug, um nicht auf meine Provokation einzugehen. Vielleicht w\u00e4re es anders, wenn ich einen Rock anh\u00e4tte und keine Jeans. &#8222;Mich besch\u00e4ftigt das. Ich habe auch Sex eingesetzt, um zu kriegen, was ich haben wollte. Selbst jetzt, wo ich verheiratet bin und meinen Mann liebe, setze ich Sex ein. Ich glaube, es ist normal.&#8220;<br \/>\n&#8222;Man k\u00f6nnte annehmen, Sex ist ein wichtiger Bestandteil menschlichen Lebens.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja. Immerhin entstehen die meisten Menschen immer noch beim Sex. \u00dcbrigens, da wir schon bei Waffen sind, wussten Sie, dass eine Pistolenkugel mehr als dreihundertmal so schnell ist als das Ejakulat, jeweils M\u00fcndungsgeschwindigkeit?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, das wusste ich nicht, aber es klingt interessant. Mit Samen kann man also niemanden t\u00f6ten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, das geht nicht. Sonst g\u00e4be es uns beide nicht.&#8220; Ich grinse ihn an. &#8222;Loch in der Geb\u00e4rmutter w\u00e4re der Entwicklung eines Babys nicht sehr f\u00f6rderlich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Klingt grausig.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich habe einen morbiden Humor, das haben schon viele gesagt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Kommen wir zur\u00fcck zu Ihrer Eingangsfrage. Zu dem Ereignis.&#8220;<br \/>\n&#8222;Sie sind fies.&#8220;<br \/>\n&#8222;M\u00f6chten Sie doch nicht dar\u00fcber sprechen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df nicht. Was hilft denn gegen Narben, die ab und zu weh tun?&#8220;<br \/>\n&#8222;K\u00fchlung.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ist das eine Anspielung?&#8220;, erkundige ich mich misstrauisch.<br \/>\n&#8222;Empfinden Sie es so?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was passiert eigentlich, wenn ich Ihnen jedes Mal 100 Dollar zahle, wenn Sie eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantworten?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich verliere meine Reputation als guter Psychotherapeut.&#8220;<br \/>\n&#8222;Jetzt werden Sie zynisch, Robert.&#8220;<br \/>\n&#8222;Warum denken Sie das?&#8220;<br \/>\n&#8222;Sie m\u00f6chten keine leichtverdienten Hunderter, ich sehe schon.&#8220;<br \/>\n&#8222;M\u00f6chten Sie denn, dass ich mich prostituiere?&#8220;<br \/>\n&#8222;Sie haben die einmalige Gabe, selbst Aussagen in Fragen zu verpacken. Ich werde Sie in ein paar Jahren vielleicht sogar daf\u00fcr bewundern.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wieso erst in ein paar Jahren?&#8220;<br \/>\n&#8222;F\u00fcr manche Dinge brauche ich etwas l\u00e4nger. &#8211; Robert, wir haben heute ungew\u00f6hnlich viel rumgepl\u00e4nkelt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Finden Sie? Haben Sie das Gef\u00fchl, diese Stunde hat Ihnen nichts gebracht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Immerhin habe ich herausgefunden, wieso Sex keine Waffe ist. Das M\u00fcndungsfeuer ist zu schwach. O.K., ernsthaft. Ich wei\u00df es nicht. Wirklich nicht. Einerseits habe ich schon das Bed\u00fcrfnis, \u00fcber &#8230; die Vergewaltigung zu sprechen. Andererseits wei\u00df ich nicht, was.&#8220;<br \/>\n&#8222;Was ist Ihr Gef\u00fchl dabei?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wut.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das war spontan. Was noch?&#8220;<br \/>\n&#8222;Scham.&#8220;<br \/>\n&#8222;Scham? Wof\u00fcr sch\u00e4men Sie sich?&#8220;<br \/>\n&#8222;Dass meine Eltern mich beim Sex gesehen haben &#8230;&#8220; Liebes Tagebuch, es hat mich v\u00f6llig \u00fcberrascht, dass ich nach diesen Worten einen Heulkrampf bekommen habe. Aber so war es. Ich habe eine ganze Packung Taschent\u00fccher verbraucht, ehe ich mich wieder halbwegs als Mensch f\u00fchlte. Der Psychoterrorist beschr\u00e4nkte sich darauf, mir die Papiertaschent\u00fccher anzureichen.<br \/>\n&#8222;Damit haben Sie nicht gerechnet?&#8220;, fragt er danach.<br \/>\n&#8222;Nein.&#8220;<br \/>\n&#8222;Haben Sie eine Idee, wodurch Ihre Reaktion ausgel\u00f6st wurde?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich &#8230; ich &#8230; ich glaube, ich m\u00f6chte dar\u00fcber jetzt nicht sprechen.&#8220;<br \/>\n&#8222;In Ordnung. Die Stunde ist sowieso rum. Vielleicht \u00fcberlegen Sie sich, ob Sie n\u00e4chste Woche dar\u00fcber sprechen m\u00f6chten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Vielleicht&#8220;, erwidere ich abwesend, w\u00e4hrend ich die Schuhe anziehe.<\/p>\n<p>Tja, liebes Tagebuch, das war der H\u00f6hepunkt des heutigen Tages.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebes Tagebuch, meine heutige Therapiestunde war irgendwie denkw\u00fcrdig. 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