{"id":290,"date":"2020-08-08T11:28:52","date_gmt":"2020-08-08T09:28:52","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/?p=290"},"modified":"2024-04-02T17:20:10","modified_gmt":"2024-04-02T15:20:10","slug":"leseprobe-fiona-beginn-2-0-die-kristallwelten-saga-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/leseprobe-fiona-beginn-2-0-die-kristallwelten-saga-1\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Fiona &#8211; Beginn 2.0 (Die Kristallwelten-Saga 1)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr.<br> Mann. Wieso denke ich eigentlich \u00fcber Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? Blo\u00df weil mein Vater einen bl\u00f6den Spruch losgelassen hat, als ich die Flasche und ein Glas geholt habe?<br> Ich atme tief durch und sehe mich um. Andere sind in dem Alter schon l\u00e4ngst ausgezogen, ich hocke mit 23 noch in meinem Kinderzimmer. Und lasse mich von meinem Vater anmachen.<br> Echt klasse.<br> Ich trinke das Glas leer und denke wieder an das Blut. Wie das wohl aussieht, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet? Spritzt das Blut dann richtig, bis zur Decke? Oder ist das nur in bl\u00f6den Filmen so? Sollte ich mal ausprobieren, vielleicht w\u00fcrde das sogar meinen Vater ersch\u00fcttern.<br> Oder auch nicht. Ist sowieso ein bescheuerter Gedanke. Selbstmord, nur damit mein Vater mal merkt, dass er eine Tochter hat?<br> Haha.<br> Ich mache das zweite Glas voll, stelle die Flasche neben dem Bett ab und z\u00fcnde mir eine Zigarette an. Dann lasse ich \u201eSupergirl\u201c laufen. Drau\u00dfen knallt die Sonne, doch durch die heruntergelassenen Jalousien kommt sie nicht. Das Glas balanciere ich auf meinen Unterschenkeln, dort, wo sie sich kreuzen. Dabei entdecke ich einen Fleck auf den Jeans, in Knieh\u00f6he. Hm. Blut? Sperma? Gew\u00f6hnlicher Stra\u00dfendreck?<br> Okay, wie war das nochmal mit dem Blut, wenn ich mir die Pulsadern aufschneide? \u00dcberhaupt, wie muss ich schneiden? Nicht quer, wie oft gezeigt, damit mache ich mir h\u00f6chstens die Arme kaputt. So bl\u00f6d muss man erst einmal sein. Sch\u00f6n l\u00e4ngs.<br> Ich mustere mein rechtes Handgelenk, dabei f\u00e4llt Asche auf die Bettdecke. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Jedenfalls kann ich die Ader erkennen. Preisfrage: Vene oder Arterie? Und was muss ich \u00fcberhaupt aufschneiden?<br> Vene w\u00e4re unlogisch, aber sicher auch m\u00f6glich. Dauert dann vielleicht nur l\u00e4nger, bis man tot ist. Ein Mensch hat etwa f\u00fcnf Liter Blut, wie viel muss er verlieren, bis das Bewusstsein sich verabschiedet?<br> Ich schicke Supergirl in die Wiederholung. Keine Ahnung, warum ich das Lied so liebe. Es war schon schwer genug, die CD zu bekommen. In Deutschland war das Lied ein Hit, irgendwann mal, in Newope aber unbekannt. Auf irgendeiner Party spielten sie es, der Junge, der die Party schmiss, war ein paar Monate in Deutschland gewesen und brachte Supergirl von dort mit.<br> \u201eSupergirls just fly.\u201c<br> Genau. Zum Beispiel als Engel.<br> Ich hebe das Weinglas und versuche, darin mein Spiegelbild zu erkennen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Jalousie kommen nur wenige Sonnenstrahlen. Schlie\u00dflich gelingt es mir, ihre grauen Augen einzufangen. Dass sie grau sind, sehe ich nicht, aber das wei\u00df ich nat\u00fcrlich, obwohl ich es meistens vermeide, sie im Spiegel anzusehen. Zumindest in letzter Zeit.<br> \u201eH\u00f6r zu\u201c, erkl\u00e4re ich dem M\u00e4dchen im Weinglas, \u201enur Versager denken \u00fcber Selbstmord nach. Gewinner machen es einfach.\u201c<br> \u201eOder sie lassen es, das ist noch besser\u201c, erwidert das M\u00e4dchen.<br> \u201eKlugschei\u00dfer.\u201c<br> Aber nat\u00fcrlich hat sie recht. Und da ich nicht schon l\u00e4ngst aufgesprungen bin und ein Messer geholt habe, will ich es nicht wirklich. Es ist einfach nur meine beschissene Stimmung, wie immer, wenn ich eine dieser d\u00e4mlichen Diskussionen mit meinem Vater hatte. Wegen nichts. Ist doch meine Sache, wie viel ich trinke? Wenn er w\u00fcsste, wie oft ich besoffen von Partys nach Hause komme, wenn ich \u00fcberhaupt nach Hause komme, w\u00fcrde er wahrscheinlich ganz ausflippen.<br> Geht ihn sowieso nichts an. Bin erwachsen. Allerdings w\u00fcrde er, nicht ganz zu unrecht, darauf hinweisen, dass ich ja ausziehen kann, wenn ich nicht will, dass er mir seine Meinung zu meinem Verhalten mitteilt.<br> Ich halte die Kleine im Weinglas wieder hoch, um sie zu fragen, ob sie denn w\u00fcsste, wieso ich nicht schon l\u00e4ngst ausgezogen bin, woraufhin sie mir vermutlich mitteilen w\u00fcrde, dass es nur wegen Norman ist, als ich h\u00f6re, wie jemand die Treppe hochgerannt kommt, dann rei\u00dft mein Vater die T\u00fcr auf und st\u00fcrmt herein.<br> \u201eNorman \u2026 Norman ist tot!\u201c<br> Ich starre ihn an. Dann schie\u00dft mir der idiotische Gedanke durch den Kopf, dass ich ja nun ausziehen kann.<br> Aber hat er echt gesagt, Norman w\u00e4re tot?<br> \u201eNorman? Mein Bruder? Tot?\u201c Ich mache wohl keinen sehr intelligenten Eindruck, allerdings bezweifle ich, dass mein Vater das \u00fcberhaupt registriert.<br> \u201eUnten sind zwei Polizisten und eine Psychologin! Er \u2026 er wurde \u00fcberfahren!\u201c<br> Mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schneidersitz auf meinem Bett throne und ihn anstarre. Ich stelle das Glas ab und werfe die Reste der Zigarette in den Aschenbecher, dann springe ich auf und st\u00fcrme an ihm vorbei nach drau\u00dfen. Er folgt mir wohl, aber ich nehme die Treppe mit zwei Spr\u00fcngen. Als er endlich auch ankommt, stehe ich bereits neben meiner Mutter, die auf der cremefarbenen Couch sitzt und ins Nichts starrt.<br> \u201eWas ist passiert?\u201c, frage ich.<br> Niemand bestimmten von drei anderen Personen, die da sind. Nein, vier, ich sehe auch Nicholas, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.<br> Die beiden M\u00e4nner haben keine Uniform an. Einer ist \u00e4lter, der andere weniger alt. Fast schon jung. Sie erinnern mich an die beiden \u2026 Wie hie\u00dfen sie nochmal? Ach ja, Stone und Heller. Ulkig, dass ich jetzt gerade an diese uralte Serie denken muss.<br> \u201eSie sind?\u201c, erkundigt sich Stone. Gut, die Nase ist nicht ganz so pr\u00e4gnant.<br> \u201eFiona Carter. Norman ist mein Bruder.\u201c<br> \u201eIch bin Lieutenant Jack Siever. Ihr Bruder wurde bei einem Autounfall get\u00f6tet. Mein Beileid. Es tut mir leid.\u201c Er mustert mich forschend. Vielleicht bef\u00fcrchtet er, dass ich ohnm\u00e4chtig zusammenbreche. Oder dass ich ausflippe. Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck gerade ist. Ich sp\u00fcre mein Gesicht nicht.<br> \u201eAutounfall?\u201c, wiederhole ich.<br> \u201eEr wurde \u00fcberfahren. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Der einzige Zeuge ist sein Freund, aber der hat einen Schock und ist im Krankenhaus.\u201c<br> \u201eSavage?\u201c<br> Stone \u2026 Siever nickt.<br> \u201eIst er auch verletzt?\u201c<br> \u201eK\u00f6rperlich fehlt ihm nichts. Miss Carter, das hier ist Carola Schmid. Sie ist Psychologin.\u201c<br> \u201eIst sonst nicht immer ein Priester mit dabei?\u201c, frage ich abwesend.<br> \u201eDas kommt darauf an, wer gerade verf\u00fcgbar ist\u201c, antwortet die Psychologin. Sie sieht irgendwie sehr jung aus f\u00fcr eine Psychologin. Oder meine Wahrnehmung ist v\u00f6llig gest\u00f6rt, was denkbar w\u00e4re.<br> Norman ist tot?<br> Mir f\u00e4llt was ein. \u201eIn den Filmen sind es immer uniformierte Polizisten, die so eine Nachricht \u00fcberbringen. Sie sind doch bestimmt nicht von der Verkehrspolizei?\u201c<br> Siever sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eMordkommission. Wir k\u00f6nnen nicht ganz ausschlie\u00dfen, dass es mit Absicht war. Daher \u00fcbernehmen wir den Fall. Das bedeutet nicht, dass Norman ermordet wurde. Aber die M\u00f6glichkeit besteht.\u201c<br> \u201eErmordet? Von wem?\u201c Fiona, du warst auch schon mal intelligenter.<br> \u201eVon dem Fahrer oder der Fahrerin des Wagens. Den ersten Auswertungen nach war es ein Gel\u00e4ndewagen.\u201c<br> \u201eIch will ihn sehen\u201c, sagt meine Mutter pl\u00f6tzlich. \u201eIch will ihn sehen!\u201c<br> \u201eDas ist keine gute Idee\u201c, erwidert die Psychologin. \u201eMrs Carter, Norman wurde mit hoher Geschwindigkeit von einem Gel\u00e4ndewagen angefahren. Er \u2026 er sieht nicht so aus, wie Sie ihn kennen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er \u2026\u201c Sie unterbricht sich selbst, aber es ist eh klar, was sie meint. Mir jedenfalls.<br> Meiner Mutter nicht. Oder es ist ihr egal. \u201eIch will ihn sehen.\u201c<br> Carola und die Polizisten sehen meinen Vater um Hilfe bittend an, doch der sagt: \u201eSie haben es geh\u00f6rt. Sie will ihn sehen.\u201c<br> \u201eIch fahre euch. Ihr seid nicht in der Verfassung.\u201c<br> \u201eBist du es?\u201c, fragt mich mein Vater. \u201eWarum?\u201c<br> \u201eWillst du echt auch jetzt noch mit mir streiten? Ich habe Norman geliebt, das wei\u00dft du auch, verdammt nochmal! Ich ziehe meine Schuhe an und dann fahre ich euch!\u201c<br> Ich sehe fl\u00fcchtig die entgeisterten Gesichtsausdr\u00fccke von den Polizisten, als ich nach oben renne, um meine Schuhe zu holen. In diesem Moment denke ich ganz sicher nicht an Selbstmord, an Mord schon eher.<br> Dieses verdammte Arschloch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leslie nimmt mich stumm in die Arme, dann zieht sie mich ins Haus.<br> \u201eMein Vater arbeitet noch\u201c, sagt sie. \u201eWir sind also ungest\u00f6rt.\u201c<br> Ich nicke. Bin froh, dass James nicht da ist, im Moment w\u00e4re sein Anblick vielleicht zu viel. Wir gehen in die K\u00fcche und sie macht uns Kaffee. Dann setzt sie sich mir gegen\u00fcber und sieht mich fragend an.<br> Ich halte den hei\u00dfen Becher mit beiden H\u00e4nden fest.<br> \u201eWie geht es deinen Eltern?\u201c<br> \u201eBeschissen nat\u00fcrlich.\u201c Ich atme tief durch. \u201eMeine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch und Carola hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Jetzt schl\u00e4ft sie, mein Vater ist bei ihr. War eine bl\u00f6de Idee, ins Krankenhaus zu fahren. Hast du eine Ahnung, wie ein Dreizehnj\u00e4hriger aussieht, nachdem ein Jeep \u00fcber ihn hergefahren ist? Wohl mehrmals, sagen die von der Spurensicherung.\u201c<br> \u201eAlso Mord?\u201c Leslie sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eNein, ich habe keine Ahnung und bin ganz froh dar\u00fcber.\u201c<br> \u201eDas kannst du auch sein. Oh Mann. Man denkt, der menschliche K\u00f6rper ist was Besonderes, aber \u2026\u201c<br> \u201eFiona\u201c, sagt Leslie sanft. \u201eFiona, sollen wir gemeinsam die K\u00fcche vollkotzen?\u201c<br> Ich starre sie an, dann sch\u00fcttele ich den Kopf. \u201eNein. Sorry.\u201c<br> \u201eSchon okay, Sch\u00e4tzchen. Was willst du tun?\u201c<br> \u201eIch fahre nachher ins Krankenhaus, zu Savage.\u201c<br> \u201eDer arme Kerl\u201c, murmelt Leslie.<br> Ich mustere sie. Sie tr\u00e4gt ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Mit ihren schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen wirkt sie irgendwie exotisch. Sie kommt wohl eher nach ihrer Mutter als nach James. Zumindest den Bildern nach zu urteilen, ich habe sie ja nicht kennengelernt.<br> \u201eSoll ich mitkommen?\u201c<br> \u201eNein, lieber nicht. Dich kennt er ja nur fl\u00fcchtig.\u201c<br> \u201eWas willst du bei ihm? Ihn tr\u00f6sten?\u201c<br> \u201eKeine Ahnung. Vielleicht freut er sich.\u201c<br> \u201eKann sein.\u201c Leslie glaubt mir nicht. Zumindest nicht, dass ich nur deswegen zu Savage will. Sie hat ja recht, aber wenn ich das zugebe, versucht sie, es mir auszureden. Und das wiederum k\u00f6nnte sie nicht, also wozu unn\u00f6tigen Stress erzeugen? Ich wei\u00df ja selbst, dass ich bescheuert bin, weil ich daran denke.<br> \u201eVielleicht sollten wir heute Abend irgendwohin ausgehen\u201c, schl\u00e4gt sie vor und beobachtet mich aufmerksam.<br> Verdammt. Sie kennt mich viel zu gut, was f\u00fcr eine beste Freundin ja nicht weiter erstaunlich ist. <br> \u201eMal sehen, wie ich mich f\u00fchle, wenn ich bei Sava war\u201c, erwidere ich. \u201eDas ist irgendwie ganz unwirklich. Ich meine, wer rechnet schon damit, dass der dreizehnj\u00e4hrige Bruder stirbt? Er war doch noch ein Kind.\u201c<br> \u201eEs ist grausam. Wer es auch immer getan hat, verdient seine Strafe.Ich bin sicher, die Polizei wird ihn finden und er kommt f\u00fcr sehr lange Zeit ins Gef\u00e4ngnis.\u201c<br> \u201eMeinst du? Die Polizisten wirkten nicht so auf mich, als h\u00e4tten sie viel Hoffnung.\u201c<br> \u201eDie haben heute viele M\u00f6glichkeiten, das Auto zu finden. Frag mal meinen Vater. Auch wenn er schon lange weg ist, wird er es dir erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.\u201c<br> \u201eEr war beim Geheimdienst, nicht bei der Polizei.\u201c<br> \u201eDas bedeutet nur, dass er die technischen M\u00f6glichkeiten kannte, \u00fcber die die Polizei heute verf\u00fcgt\u201c, sagt sie und grinst leicht.<br> \u201eMag schon sein. Angenommen, sie finden ihn. Und dann? Dass es Mord war, wie sollen sie das beweisen? Er kommt dann wegen fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung oder so was f\u00fcr zwei Jahre in den Knast. Das wars.\u201c<br> \u201eErstens ist das gar nicht sicher. Und selbst wenn, was willst du tun? Ihn selbst richten?\u201c<br> Schei\u00dfe. Sie wei\u00df wirklich, wor\u00fcber ich nachdenke. Aber ich kann ihr schlecht erz\u00e4hlen, dass meine Mutter mich beauftragt hat, als wir auf dem Heimweg waren und kurz bevor sie ganz weggetreten war, ihn zu finden und zu t\u00f6ten.<br> \u201eWer tut so was?\u201c, hat sie gefragt. Weder mein Vater noch ich konnten etwas dazu sagen. Wie denn auch? \u201eFinde ihn, Fiona. Finde ihn und t\u00f6te ihn.\u201c<br> Ich sah meinen Vater an, doch der blieb stumm. Keine Ahnung, was er gedacht hat. Und ich wei\u00df nicht, ob meine Mutter sich \u00fcberhaupt daran erinnern wird, wenn sie aufwacht. Sie stand unter Drogen, als sie es gesagt hat.<br> Aber ich habe gesp\u00fcrt, welche Wut, welcher Hass da aus ihr gesprochen hat. Und dieselbe Wut, denselben Hass sp\u00fcre ich in mir auch.<br> Das macht mir Angst, denn das sorgt daf\u00fcr, dass ihr Auftrag zu meinem Auftrag wird. Da ist eine Stimme in mir, die es st\u00e4ndig wiederholt: \u201eFinde ihn. T\u00f6te ihn.\u201c Immer und immer wieder.<br> Und es ist meine Stimme.<br> Schei\u00dfe.<br> \u201eDu bist verr\u00fcckt, Fiona\u201c, sagt Leslie. \u201eVersprich mir, dass du dich aus der Polizeiarbeit heraush\u00e4ltst! Ein paar Stra\u00dfenjungs zu verpr\u00fcgeln ist was ganz anderes als so was!\u201c<br> \u201eLeslie? Ich habe nichts gesagt.\u201c<br> \u201eGenau das macht mir Sorgen. Du w\u00fcrdest heftig protestieren, wenn ich unrecht h\u00e4tte.\u201c<br> \u201eLass mich bitte diesen Schei\u00dftag irgendwie \u00fcberstehen, okay?\u201c<br> \u201eM\u00f6chtest du hier schlafen?\u201c<br> \u201eIch m\u00f6chte gar nicht schlafen. Das hei\u00dft, ich m\u00f6chte schon, aber ich kann nicht. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich wahrscheinlich Norman vor mir. Und das ist kein sch\u00f6ner Anblick, das kannst du mir glauben!\u201c<br> \u201eDas glaube ich dir ja. Du k\u00f6nntest trotzdem hier bleiben und wir bleiben zusammen wach. Was h\u00e4ltst du davon?\u201c<br> Ich muss unwillk\u00fcrlich l\u00e4cheln. Sie ist schon ein klasse M\u00e4dchen, die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Jemanden wie mich so lange zu ertragen, ist nicht leicht. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass unsere Freundschaft die Schulzeit \u00fcberdauert. Klar, wir sehen uns seltener, sie studiert Wirtschaftswissenschaft, ich arbeite als Trainee bei meinem Vater.<br> Seit vier Jahren schon, wie mir gerade bewusst wird. Langsam sollte ich \u00fcber eine Berufswahl nachdenken. Wie w\u00e4re es mit Geheimdienst?<br> \u201eLeslie, ich bin dir echt dankbar und wei\u00df, dass du es ernst meinst. Aber ich muss raus. Ich werde zu Sava fahren und dann wohl in den Dojo. Wenn sonst nichts geht, schlage ich solange auf einen Sandsack ein, bis entweder der oder meine F\u00e4uste kaputt sind.\u201c<br> \u201eDeine F\u00e4uste? Niemals.\u201c<br> \u201eJetzt h\u00f6r auf, ich bin auch nur ein Mensch. Ein schwaches, kleines M\u00e4dchen.\u201c<br> \u201eEin Mensch, okay, kann ich gelten lassen. Aber schwache, kleine M\u00e4dchen tragen keinen schwarzen Gurt und zerschlagen keine dicken Bretter mit dem kleinen Finger.\u201c<br> \u201eHey, das kann ich auch nicht.\u201c<br> \u201eAber fast. Ich war dabei, du erinnerst dich vielleicht, als du vor sechs Jahren die drei Jungs krankenhausreif geschlagen hast, als sie Jeremy angegangen haben.\u201c<br> \u201eKrankenhausreif ist etwas \u00fcbertrieben.\u201c<br> \u201eEinen von ihnen auf jeden Fall.\u201c<br> \u201eOkay, er hatte einen gebrochenen Arm. Und ja, ich mache seit zw\u00f6lf Jahren Kampfsport.\u201c<br> \u201eEntschuldige mal, du machst nicht seit zw\u00f6lf Jahren Kampfsport, du lebst seit zw\u00f6lf Jahren Kampfsport. Wie viele Stunden in der Woche?\u201c<br> \u201eZwanzig bis drei\u00dfig, je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe.\u201c<br> \u201eDu k\u00f6nntest Weltmeisterin sein, wenn du endlich an Wettk\u00e4mpfen teilnehmen w\u00fcrdest.\u201c<br> Vielleicht. Der Meister ist auch \u00fcberzeugt davon. Es mag sein. Aber ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Dank meines Vaters lebe ich lieber im Verborgenen. Schon schlimm genug, dass ich fr\u00fcher immer mal mit zu irgendwelchen Veranstaltungen musste. Norman, Mama und ich. Die perfekte Familie zum Vorzeigen. Der h\u00fcbsche Norman und die blonde, sportliche Tochter. Nach ein paar b\u00f6sen Eskalationen, nicht ganz ungewollt von mir verursacht, durfte ich dann zu Hause bleiben. Der Alkohol und ich, gemeinsam sind wir unschlagbar.<br> \u201eWill ich aber nicht\u201c, erwidere ich.<br> \u201eWarum nicht?\u201c Als wenn sie es nicht w\u00fcsste. Als wenn sie nicht von dem Krieg w\u00fcsste, der zwischen meinem Vater und mir tobt. Verstehen kann sie es nicht, sie hat den tollsten Vater der Welt. Er ist immer f\u00fcr sie da und macht alles f\u00fcr sie. Trotzdem ist sie nicht verw\u00f6hnt. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt. <br> Der tolle James. Wenn du w\u00fcsstest, Leslie.<br> \u201eDarf ich bei dir duschen? Danach fahre ich ins Krankenhaus.\u201c<br> Leslie nickt. \u201eKlar. Willst du frische Sachen von mir haben?\u201c<br> \u201eNur Unterw\u00e4sche. Eigentlich reicht auch ein H\u00f6schen.\u201c<br> \u201eMit oder ohne Stoff?\u201c<br> \u201eHaha. Ich fahre ins Krankenhaus, nicht in die Disco.\u201c<br> Grinsend begleitet sie mich nach oben in ihr Zimmer und gibt mir einen halbwegs normalen Schl\u00fcpfer. Sie ist gr\u00f6\u00dfer als ich und weiblicher gebaut, aber an der H\u00fcfte sind wir uns \u00e4hnlich.<br> Wir umarmen uns, dann verziehe ich mich ins Bad. Zum Duschen und zum Heulen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist hei\u00df und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt. <br> Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum gr\u00fcnlich aus, aber nat\u00fcrlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich \u00fcberlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.<br> Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen \u00fcbrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Gel\u00e4ndewagen \u00fcber ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Stra\u00dfe sieht.<br> Die sehen genauso aus. Logisch. Ich wei\u00df es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schie\u00dft nach drau\u00dfen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner \u00fcber den Kopf f\u00e4hrt.<br> Verdammte Schei\u00dfe, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus f\u00e4hrt?<br> Ich nehme den Zucker, rei\u00dfe das Papier an der vorgesehen Stelle auf und sch\u00fctte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schlie\u00dflich nehme ich den L\u00f6ffel und beginne zu r\u00fchren.<br> \u201eHaben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?\u201c<br> \u201eWas?\u201c<br> Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Drei\u00dfigj\u00e4hrige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.<br> Was will er von mir?<br> Er deutet auf die Tasse. \u201eSie r\u00fchren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker d\u00fcrfte schon l\u00e4ngst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.\u201c<br> \u201eDie da w\u00e4ren?\u201c<br> \u201eKohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff\u201c, erwidert er schmunzelnd. \u201eIm Wesentlichen.\u201c<br> \u201eKommt mir bekannt vor.\u201c Ich nehme den L\u00f6ffel heraus und lecke ihn ab. \u201eTut mir leid, ich war in Gedanken.\u201c<br> \u201eOffensichtlich. M\u00fcssen traurige Gedanken gewesen sein.\u201c<br> \u201eWieso?\u201c<br> \u201eEin paar Tr\u00e4nen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.\u201c<br> Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.<br> Schei\u00dfe. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?<br> Na ja, der Anlass w\u00e4re ja gegeben.<br> \u201eSorry.\u201c<br> \u201eKein Problem. Von mir aus d\u00fcrfen Sie weinen. Oder Sie erz\u00e4hlen mir, was Sie so traurig macht.\u201c<br> Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Aff\u00e4re. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.<br> Schei\u00dfe. Mein neues Lieblingswort.<br> \u201eMein Bruder ist heute gestorben\u201c, sage ich achselzuckend.<br> Er starrt mich entgeistert an.<br> \u201eIch sollte wohl am Boden zerst\u00f6rt sein?\u201c<br> \u201eJeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gef\u00fchl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?\u201c<br> Ich verneine kopfsch\u00fcttelnd und nippe an meinem Cappuccino.<br> \u201eIch war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Gel\u00e4ndewagen \u00fcberfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole h\u00e4tte, w\u00fcrde ich alle auf der Stra\u00dfe erschie\u00dfen.\u201c Ich sehe ihn an. \u201eHabe ich Sie geschockt?\u201c<br> \u201eEin wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings wei\u00df ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.\u201c<br> \u201eKeine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.\u201c<br> Er schmunzelt. \u201eDas ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.\u201c<br> \u201eIch werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag \u00fcberstehen.\u201c<br> \u201eIch f\u00fcrchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.\u201c<br> \u201eWahrscheinlich nicht.\u201c Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszul\u00f6ffeln. \u201eH\u00f6ren Sie, es tut mir leid. W\u00e4re nicht das mit meinem Bruder, w\u00fcrde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir k\u00f6nnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.\u201c<br> Er zieht beide Augenbrauen hoch. \u201eIch wollte nicht den Eindruck erwecken, als h\u00e4tte ich Sie angesprochen, um \u2026\u201c<br> \u201eIst mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totr\u00fchren, \u00fcben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.\u201c<br> \u201eAha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.\u201c<br> \u201eSie mir nicht.\u201c<br> \u201eAutsch.\u201c<br> Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.<br> \u201eSorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.\u201c<br> \u201eDas kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?\u201c<br> \u201eAus der Klatschpresse? Ich habe fr\u00fcher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empf\u00e4ngen.\u201c<br> \u201eAch ja. Fiona Carter?\u201c<br> Ich nicke.<br> \u201eEs tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und m\u00fcsste sonst etwas unternehmen.\u201c<br> Ich schlie\u00dfe kurz die Augen. Schei\u00dfe. Noch eine \u00c4hnlichkeit mit Phil.<br> \u201eIch verspreche es.\u201c<br> Er starrt mich an, dann nickt er.<br> \u201eIn Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der N\u00e4he auf mich. Fast w\u00fcrde ich lieber hierbleiben. Aber das k\u00e4me wohl nicht so gut.\u201c<br> Ich muss unwillk\u00fcrlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.<br> Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr. Mann. Wieso denke ich eigentlich \u00fcber Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? 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