{"id":1551,"date":"2022-05-03T09:14:06","date_gmt":"2022-05-03T07:14:06","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/?p=1551"},"modified":"2022-05-03T09:14:08","modified_gmt":"2022-05-03T07:14:08","slug":"leseprobe-fiona-traumtanz-die-kristallwelten-saga-13-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/leseprobe-fiona-traumtanz-die-kristallwelten-saga-13-3\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Fiona &#8211; Traumtanz (Die Kristallwelten-Saga 13)"},"content":{"rendered":"<p>Es sieht wie ein Netzwerk aus. Eigentlich ist es ja auch eins. Die Wurzeln bilden Netzwerkknoten, aus ihnen werden mal die bewohnten und unbewohnten Welten, so wie die Wurzel des Erdenbaums ein Netzwerkknoten war, von dem aus viele Ver\u00e4stlungen in die anderen Welten f\u00fchrten. Die Ver\u00e4stlungen sind bereits erkennbar, sie durchziehen wie Adern die rudiment\u00e4re Verborgene Welt, durch die unser Raumschiff fliegt. Irgendwann, sp\u00e4ter, in der Gefrorenen Welt, die noch nicht existiert, werden sie die Ewigen T\u00fcrme bilden.<br \/>\nSo ist das mit dem Dualismus.<br \/>\nIch beobachte die Monitore auf dem \u201eThron\u201c sitzend, dem Sessel des Captains. Sonst sind nur Katharina und Kian da, sie spielen auf dem Boden sitzend Memory.<br \/>\nWie findet man Drachen in einer Welt, die so gro\u00df ist, dass sie praktisch unendlich ist? Die Verborgene Welt, die fr\u00fcher die Gefrorene Welt umgab wie ein Uterus, kennt die klassischen Grenzen einer materiellen Welt nicht. Hier zeigt sich auf jeden Fall die Komplexit\u00e4t unseres Universums im Vergleich zum anderen Universum, in dem Kian gezeugt und geboren wurde.<br \/>\nDabei ist jenes Universums schon komplex genug, wie ich inzwischen feststellen durfte. Ich glaube sogar inzwischen, dass ich nur einen kleinen Teil jenes Universums kenne, weit weniger, als ich vor gar nicht so langer Zeit noch zu kennen dachte. So kann man sich irren.<br \/>\nIch sollte mich jetzt eher auf dieses Universum konzentrieren. Wir m\u00fcssen den \u00e4ltesten Drachen finden, damit es weitergeht. Bis jetzt haben wir aber \u00fcberhaupt keinen Drachen gefunden, nicht einmal ein Anzeichen daf\u00fcr, dass es sie wirklich gibt, auch wenn Drachenkind es anders behauptet hat.<br \/>\nSo eine Schei\u00dfe.<br \/>\nPl\u00f6tzlich geht die T\u00fcr auf und Nidea kommt hereingest\u00fcrmt. Sie heult und zittert.<br \/>\n\u201eIch bringe sie um!\u201c, schreit sie.<br \/>\nIch laufe zu ihr, lege die Arme um sie und f\u00fchre sie zur n\u00e4chstbesten Sitzgelegenheit. Dort sitzt normalerweise der Navigator, aber im Moment lassen wir Newope II autonom durch das Weltall streifen.<br \/>\nNachdem sie sich gesetzt hat, erkundige ich mich, wem denn dieses unerquickliche Schicksal drohe, obwohl ich so eine Ahnung habe.<br \/>\n\u201eMeiner Mutter!\u201c<br \/>\n\u201eWieso denn?\u201c, fragt Kian, vor uns stehend. Er starrt Nidea aus gro\u00dfen Augen an. \u201eOela?\u201c<br \/>\nNidea holt tief Luft, was sich mit dem Weinen nicht so gut vertr\u00e4gt, das beschert ihr einen Hustenanfall. Katharina kommt mit Wasser. Nidea trinkt einige Schlucke, dann sieht sie Kian an.<br \/>\n\u201eTut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.\u201c<br \/>\n\u201eHast du nicht\u201c, erwidert mein S\u00fc\u00dfer. \u201eWillst du sie wirklich umbringen?\u201c<br \/>\nNidea sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eIch bin nur so furchtbar w\u00fctend und habe dumme Dinge gesagt.\u201c<br \/>\n\u201eDas verstehe ich\u201c, antwortet Kian. \u201eWenn ich w\u00fctend bin, sage ich auch bl\u00f6de Sachen. Aber ich w\u00fcrde nie meine Mama umbringen wollen. So w\u00fctend war ich noch nie.\u201c<br \/>\n\u201eOkaaay\u201c, sage ich. \u201eDas finde ich gut.\u201c<br \/>\n\u201eIch auch. Wolltest du mich schon mal umbringen?\u201c<br \/>\n\u201eNein! Das wird niemals passieren!\u201c Ich gehe vor Kian in die Hocke. \u201eH\u00f6r zu, Nidea meinte das nicht so und Oela wird sie auch nicht umbringen wollen. Wenn man wirklich, wirklich w\u00fctend auf jemanden ist, sagt man schon mal Dinge, die man nicht ernst meint und hinterher bereut. Aber nicht alle sagen dasselbe.\u201c<br \/>\n\u201eIst gut.\u201c<br \/>\nJetzt atme ich tief durch. Wann werde ich wohl dar\u00fcber hinweg sein? Vermutlich niemals.<br \/>\n\u201eWas ist passiert?\u201c, erkundigt sich Katharina in die entstandene Stille hinein.<br \/>\n\u201eWir \u2026 wir haben uns gestritten.\u201c<br \/>\n\u201eScheint ein bisschen mehr als das gewesen zu sein.\u201c<br \/>\nNidea nickt langsam.<br \/>\n\u201eSoll ich mit ihr reden? Oder Fiona?\u201c<br \/>\n\u201eOder ich\u201c, bietet sich Kian auch an.<br \/>\nNidea l\u00e4chelt schwach. \u201eDas ist lieb von dir, Kian. Aber ich glaube, deine M\u00fctter k\u00f6nnen sich besser reindenken.\u201c<br \/>\nKian stutzt. Ich auch. Seine M\u00fctter? Ich meine, das stimmt schon irgendwie, aber es ist dennoch etwas unerwartet. Und auf jeden Fall ungewohnt.<br \/>\n\u201eDu solltest das tun\u201c, sagt Katharina. \u201eVielleicht zusammen mit Ryema.\u201c<br \/>\n\u201eWieso nicht mit dir?\u201c<br \/>\n\u201eEine Mutter muss auf Kian aufpassen.\u201c<br \/>\n\u201eGenau\u201c, best\u00e4tigt der Kleine.<br \/>\nIch sehe Nidea fragend an. Als sie nickt, erhebe ich mich und gehe mit ihr. Aus der T\u00fcr winke ich der zweiten Mutter und meinem Sohn zu, dann gehen wir Ryema suchen. Was mit Lauras Hilfe keine besondere Herausforderung darstellt.<br \/>\nSie ist auf dem Sportdeck und trainiert mit Ona und Margret.<br \/>\nWas zum \u2026?<br \/>\nSie sieht Nidea und kommt angeschossen.<br \/>\n\u201eWas ist passiert?\u201c<br \/>\n\u201eSie hatte einen Streit mit ihrer Mutter und kam v\u00f6llig aufgel\u00f6st auf die Br\u00fccke\u201c, erkl\u00e4re ich. \u201eIch m\u00f6chte mit Oela reden und h\u00e4tte gern, dass du dabei bist.\u201c<br \/>\n\u201eKlar\u201c, antwortet sie, ohne zu z\u00f6gern. Dann schaut sie Nidea an. Diese nickt. Und wirft einen Blick auf die beiden M\u00e4dchen.<br \/>\n\u201eViel Gl\u00fcck\u201c, sagt Margret.<br \/>\nWieder hilft uns Laura, diesmal, um Oela zu finden. Sie ist auf der Aussichtsplattform, sitzt in einem der Sessel mit einem Glas in der Hand und starrt nach drau\u00dfen.<br \/>\nWo es nicht mehr ganz so dunkel ist wie fr\u00fcher.<br \/>\nAls wir das Deck betreten, schaut sie kurz in unsere Richtung, dann wendet sie sich wieder ab. Ryema und Nidea setzen sich links von Oela. Ich besorge erst noch Getr\u00e4nke. Nidea will nur Wasser, ich nehme einen Caipi und Ryema trinkt Gin Tonic.<br \/>\nNiemand sagt etwas, bis ich mich rechts von Oela hinsetze.<br \/>\nUnd danach auch nicht. F\u00fcr eine ganze Weile.<br \/>\nGewohnheitsm\u00e4\u00dfig bin ich diejenige, die als Erste den Mund aufmacht.<br \/>\n\u201eIch kann das nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWas?\u201c, fragt Ryema erstaunt.<br \/>\n\u201eBegreifen, dass meine Hilfe nicht n\u00f6tig sein soll.\u201c<br \/>\nIn Oelas Gesicht regt sich kein Muskel. Nichts. Absolut nichts. Dabei wei\u00df ich, dass sie es genau verstanden hat.<br \/>\n\u201eLiebe Fiona, kannst du bitte wenigstens jetzt mal aufh\u00f6ren, in R\u00e4tseln zu sprechen?\u201c<br \/>\n\u201eOela hat es verstanden\u201c, erwidere ich.<br \/>\n\u201eIch f\u00fcrchte, ich auch\u201c, sagt Nidea d\u00fcster.<br \/>\n\u201eWas kein Wunder w\u00e4re\u201c, bemerke ich.<br \/>\nNideas Blick durchbohrt mich f\u00f6rmlich. Wie gut, dass ich gegen so was v\u00f6llig immun bin.<br \/>\n\u201eGeht einfach\u201c, sagt Oela pl\u00f6tzlich.<br \/>\n\u201eNicht m\u00f6glich\u201c, entgegne ich.<br \/>\n\u201eWieso nicht? Ganz ehrlich, es geht dich wirklich nichts an.\u201c<br \/>\n\u201eOela?\u201c Das ist Ryema und sie wirkt noch erstaunter als vorhin. \u201eOela, wei\u00dft du, wer ich bin?\u201c<br \/>\n\u201eWie k\u00f6nnte ich es nicht wissen?\u201c<br \/>\n\u201eWarum sagst du mir dann, ich soll gehen? Ganz ehrlich, irgendwann ist es auch mit meiner Geduld vorbei. Ich schaue mir das schon seit Jahren an. Mir ist klar, was du durchmachst &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eAch ja?\u201c, unterbricht Oela sie.<br \/>\n\u201eZweifelst du daran? Ausgerechnet du? Als wenn du nicht w\u00fcsstest, was ich erlebt habe. Wenn nicht ich, wer dann soll dich verstehen?\u201c<br \/>\nOela zuckt die Achseln und nippt an ihrem Getr\u00e4nk.<br \/>\n\u201eFiona ist hier, weil Nidea zu ihr gegangen ist. Wir wissen beide nicht, was zwischen euch vorhin vorgefallen ist, aber ich wei\u00df, dass Nidea das nicht verdient hat. Sie ist ein tolles M\u00e4dchen und eine besondere Tochter.\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df ich.\u201c Oela starrt nach drau\u00dfen.<br \/>\n\u201eUnd warum zeigst du es ihr dann nicht?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\n\u201eDas verstehst du nicht.\u201c<br \/>\n\u201eEcht jetzt?\u201c Ich sp\u00fcre, wie mein Puls in die H\u00f6he schnellt. \u201eIst das wirklich dein Ernst? Oela, ich mag dich eigentlich, sehr gern sogar, aber im Moment w\u00fcrde ich dich am liebsten so richtig durchpr\u00fcgeln.\u201c<br \/>\n\u201eTue dir keinen Zwang an.\u201c<br \/>\nIch atme tief durch. Und noch einmal. \u201eOkay, h\u00f6r zu. Du denkst also, ich verstehe das nicht? Ich gebe zu, du bist die K\u00f6nigin des Schmerzes und des Leidens. Du hast eine Raumstation vernichtet, in der nicht die Soldaten waren, wie du dachtest, sondern Frauen und Kinder? Hunderte? Ja, das ist echt voll schei\u00dfe. Definitiv. Das ist so was von schei\u00dfe. Es kann einen depressiv machen. Wirklich. Aber wei\u00dft du, was einen noch depressiver machen kann? F\u00fcr den Tod eines ganzen Universums verantwortlich zu sein.\u201c<br \/>\nOela starrt mich an.<br \/>\n\u201eDa staunst du, was? Ist dir eigentlich je in den Sinn gekommen, wie ich mich f\u00fchlen m\u00fcsste? Garoan hat mich ausgetrickst wie ein kleines Schulm\u00e4dchen und meine, meine!, Energie genutzt, um seinen verfickten Plan zu Ende zu bringen. Verdammt, was glaubst, wer von uns beiden w\u00fcrde einen Wettbewerb &#8218;Wer hat die gr\u00f6\u00dfere Schei\u00dfe gebaut?&#8216; gewinnen? Du?\u201c<br \/>\n\u201eEindeutig du\u201c, sagt Ryema. \u201eGerade in diesem Moment.\u201c<br \/>\nIch schlie\u00dfe kurz die Augen. Ganz nach Plan l\u00e4uft es nicht, und ich bin mir auch nicht so ganz sicher, wessen Therapiestunden das hier ist. Aber schei\u00df drauf, zur\u00fcck geht es eh nicht mehr.<br \/>\n\u201eTut mir leid\u201c, murmele ich.<br \/>\n\u201eEntschuldige dich nicht dauernd\u201c, sagt Nidea.<br \/>\nDieses Biest. Jedenfalls hat sie ein gutes Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n\u201eAlso sch\u00f6n\u201c sagt Oela nach einem Moment. \u201eUnd jetzt? Erwartet ihr wirklich, ihr m\u00fcsst nur eine Ansprache halten und alles ist wieder gut?\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich nicht\u201c, antwortet Ryema. \u201eAber warum l\u00e4sst du uns nicht helfen? Wir sind deine Freunde. Oder siehst du das anders?\u201c<br \/>\nOela \u00f6ffnet den Mund, doch sie sagt nichts. Stattdessen sch\u00fcttelt sie den Kopf.<br \/>\nIch setze zu einem zweiten Versuch an. \u201eOkay. Auch wenn sich das nach einem Wettbewerb anh\u00f6rt \u2026 Damals, nach der Sache im Flugzeug, habe ich mich auch lange dagegen gestr\u00e4ubt, eine Therapie zu machen. Am Ende habe ich sie aber gemacht. Ich will nicht sagen, dass danach alles gut war, aber es hat trotzdem viel gebracht. Schon allein, dass ich dar\u00fcber mit jemandem reden konnte, der nichts damit zu tun hatte und der einfach nur zuh\u00f6rte und die richtigen Fragen stellte.\u201c<br \/>\n\u201eBlo\u00df redest du gerne, ich nicht.\u201c<br \/>\nAutsch. Das tut weh.<br \/>\n\u201eDas war unfair\u201c, stellt Ryema fest.<br \/>\n\u201eJa, das stimmt.\u201c Aber keine Entschuldigung.<br \/>\n\u201eDu kannst auch schreien. Oder schweigen. Schweigen ist nicht Nichtssagen.\u201c<br \/>\n\u201eWenn du es wei\u00dft, warum probierst du es nicht mal aus?\u201c<br \/>\n\u201eDas zweite Mal\u201c, sagt Ryema. \u201eWillst du deinen eigenen Rekord brechen?\u201c<br \/>\nOela antwortet nicht. Sie starrt wieder nach drau\u00dfen und nippt an ihrem Getr\u00e4nk.<br \/>\n\u201eWas war \u00fcberhaupt vorhin los?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\n\u201eWir haben diskutiert\u201c, antwortet Oela.<br \/>\n\u201eDiskutiert?\u201c, erwidere ich. \u201eNidea kam v\u00f6llig aufgel\u00f6st und weinend auf die Br\u00fccke. Eine Diskussion zwischen Mutter und Tochter stelle ich mir anders vor.\u201c<br \/>\n\u201eManchmal ist es eben etwas heftiger. Hattest du nie eine Diskussion mit deiner Mutter? F\u00e4llt mir schwer, das zu glauben.\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich hatte ich Diskussionen. Um alles m\u00f6gliche. Wie lange ich ausbleiben darf, Hausaufgaben und so weiter. Ich habe nach einer Diskussion nie geheult. Geheult habe ich meist nach einem Streit mit meinem Vater und ganz selten nach einem Streit mit meiner Mutter. Aber nie nach einer Diskussion.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe sie gefragt, ob sie mich jemals wieder umarmen wird\u201c, sagt Nidea leise.<br \/>\nFuck. Ich habe schon vermutet, dass meine Interventionen nicht ganz unbeteiligt waren, aber das h\u00f6rt sich ganz danach an, dass sie sogar in gewisser Weise als Ausl\u00f6ser gewirkt haben.<br \/>\nNun gut. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Das Aufbrechen von Krusten kann halt wehtun. Ich wei\u00df das.<br \/>\n\u201eAuf die Antwort bin ich ja gespannt\u201c, bemerkt Ryema.<br \/>\n\u201eIch auch\u201c, erwidert Nidea. \u201eSie ist ausgeflippt. Ich wei\u00df gar nicht mehr, was alles kam. Ich w\u00e4re undankbar und dass ich ja zu Fiona oder Ryema gehen k\u00f6nnte, wenn ich eine Umarmung brauche.\u201c<br \/>\nNoch mehr fuck. Das nennt man wohl Eifersucht, aber ich werde mich h\u00fcten, es laut zu sagen.<br \/>\n\u201eDas nennt man Eifersucht\u201c, stellt Ryema fest.<br \/>\nAuch gut. Sie darf das dann wohl. Zumindest sch\u00e4tzt sie es so ein.<br \/>\n\u201eRyema, h\u00f6r jetzt lieber auf.\u201c Oela klingt, als w\u00fcrde sie gleich explodieren.<br \/>\n\u201eSonst was? Meine Liebe, kannst du dich \u00fcberhaupt noch daran erinnern, wie wir Leibgardisten bei meinem Vater waren? Was so ziemlich niemand von uns wusste. Wie auch immer. Und dass ich dich ausgebildet habe. Und was wir damals so alles gemeinsam angestellt haben? Ich erinnere mich zum Beispiel an so eine Winternacht. Es war klirrend kalt und alles wei\u00df vom Schnee. Wir sollten in irgendeinem Dorf einen Werwolf zur Strecke bringen und legten uns auf die Lauer. Auf einem Baum, recht weit oben. Uns war kalt und langweilig und wir haben uns aufgew\u00e4rmt, gegenseitig.\u201c<br \/>\nNidea und ich starren Ryema an. Ich wusste ja, dass sie und Oela fr\u00fcher eine sehr innige Beziehung hatten, bevor ihre M\u00e4nner ins Spiel kamen, aber dass sie das jetzt so erz\u00e4hlt?<br \/>\n\u201eWas wird das denn?\u201c, erkundigt sich Oela. \u201eWillst du mich mit alten Erinnerungen sentimental machen? Mich?\u201c<br \/>\n\u201eWenn es klappen w\u00fcrde, w\u00e4re es jedenfalls eine hilfreiche Nebenwirkung.\u201c Ryema l\u00e4chelt leicht. \u201eEigentlich wollte ich dir nur in Erinnerung rufen, mit wem du hier redest. Mal ganz abgesehen von der v\u00f6llig sinnlosen Drohung, bin ich vermutlich der Mensch in allen m\u00f6glichen Universen, der dich am besten kennt. Stimmst du zu?\u201c<br \/>\nOela runzelt die Stirn, sagt aber nichts.<br \/>\n\u201eAuch gut. Du widersprichst mir nicht. Das bedeutet bei dir in so einem Fall Zustimmung. Ich gehe davon aus, dass ich deine Freundin bin. Wahrscheinlich die beste.\u201c<br \/>\n\u201eOder die einzige?\u201c, rutscht es mir raus. \u201eSorry &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWieso entschuldigst du dich dauernd?\u201c, fragt Nidea.<br \/>\n\u201eWeil ich manchmal Sachen mache, die ich eigentlich gar nicht machen m\u00f6chte. Das liegt an meinem Temperament. Bei mir ist das normal, war schon immer so. Habe ich euch schon erz\u00e4hlt, wieso ich mit Kampfsport angefangen habe?\u201c<br \/>\nNidea zuckt die Achseln. \u201eIch meine, ja, aber erz\u00e4hl es ruhig nochmal. Vielleicht wissen es nicht alle.\u201c<br \/>\n\u201eOkay. Als Kind habe ich Ballett gemacht. Und ich hatte lange Haare. Irgendwann waren sie sogar l\u00e4nger als deine, Ryema.\u201c<br \/>\n\u201eWow!\u201c<br \/>\n\u201eJa, genau. Und eines Tages hat ein Mitsch\u00fcler, der hinter mir sa\u00df, herausgefunden, dass man mich wunderbar damit \u00e4rgern kann, wenn er an meinen Haaren zieht. Ich habe ihn gewarnt. Einmal \u2026 zweimal \u2026 dreimal. Beim vierten Mal bin ich \u00fcber den Tisch auf ihn gesprungen, mitten im Unterricht, und habe ihn verpr\u00fcgelt. Und dabei seine Nase gebrochen. Als meine Mutter mich beim Rektor abgeholt hat, hat sie mich verteidigt. Im Auto meinte sie dann allerdings, dass es dumm von mir war. Ich sah das zwar anders, aber ich hatte auch das Gef\u00fchl, meine Wut nicht unter Kontrolle zu haben. Und als wir an einem Dojo vorbeifuhren, beschloss ich, lieber zu k\u00e4mpfen statt zu tanzen. Erst einmal musste ich mit meiner Mutter k\u00e4mpfen, damit sie es erlaubte. Sie sah ihre Tochter wohl lieber im T\u00fct\u00fc als im Karate Gi. Mein schlagendes Argument war am Ende, dass ich mit Kampfsport meine Aggressionen in Griff kriegen w\u00fcrde. Was letztlich auch gestimmt hat.\u201c<br \/>\n\u201eEine wirklich sch\u00f6ne Geschichte\u201c, sagt Oela mit einem nur ganz leicht sp\u00f6ttischen Unterton. \u201eUnd keine Frage, kampftechnisch bist du uns wahrscheinlich sogar \u00fcberlegen. Aber warum hast du uns das jetzt erz\u00e4hlt?\u201c<br \/>\n\u201eMan kann sich \u00e4ndern, wenn man will.\u201c<br \/>\n\u201eDas war jetzt aber sehr billig\u201c, bemerkt Ryema.<br \/>\n\u201eOkay, das ist wahr. Aber hey, ich habe eine gute Ausrede. Ich bin schwanger.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine Ausrede?\u201c Oela zieht eine Augenbraue dezent hoch. \u201eOkay, Leute, jetzt mal im Ernst. Ich wei\u00df es zu sch\u00e4tzen, dass ihr euch Sorgen um mich macht. Und ich wei\u00df, dass ihr das auch so meint. Aber mal ehrlich, was genau erhofft ihr euch von diesem Gespr\u00e4ch?\u201c<br \/>\n\u201eEhrliche Antwort?\u201c, erwidere ich.<br \/>\n\u201eSicher.\u201c<br \/>\n\u201eAls Nidea vorhin auf die Br\u00fccke kam, hat sie mich an mich erinnert, an meinen Zustand nach einem Gespr\u00e4ch mit meinem Vater. Ich sah regelm\u00e4\u00dfig so aus.\u201c<br \/>\n\u201eF\u00e4llt mir schwer, das zu glauben\u201c, sagt Ryema.<br \/>\n\u201eWeil du ihn erst kennengelernt hast, nachdem er sich ge\u00e4ndert hat. Um genau zu sein, hat er vor allem sein Verhalten mir gegen\u00fcber ver\u00e4ndert. Jedenfalls, das ist das Eine. Und au\u00dferdem fand ich es nicht sch\u00f6n, als Nidea anfing, gegen Halpha zu st\u00e4nkern, weil ich die beiden anders kannte. Wir hatten ein, zwei Gespr\u00e4che. Und beides zusammen f\u00fchrte wie von selbst dazu, dass ich handeln musste. Aber ich hatte kein konkretes Ziel dabei. Eine Hoffnung, das ja. Mit dem Wissen um die \u00e4u\u00dferst niedrige Wahrscheinlichkeit der Erf\u00fcllung. Aber hey, ich wei\u00df jetzt von eurer romantischen Veranlagung. Von wegen schneebedeckte Landschaft in einer Winternacht &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJa, das kannte ich auch noch nicht\u201c, sagt Nidea. \u201eUm ehrlich zu sein, wollte ich es auch gar nicht wissen.\u201c<br \/>\n\u201eJa, man neigt dazu, peinlich ber\u00fchrt zu sein, wenn man feststellt, dass die eigenen Eltern auch sexuelle Aktivit\u00e4ten entwickeln.\u201c<br \/>\n\u201eOh mein Gott!\u201c, ruft Nidea.<br \/>\n\u201eWelcher denn?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\n\u201eEgal!\u201c<br \/>\n\u201eDann such dir einen aus. Oela, h\u00f6r zu. Ich meinte das ernst, dass ich dich mag. Und du hast, wie alle anderen auch, das gute Recht, deine eigenen Traumata zu pflegen. Jedem seine PTBS und so. Dennoch f\u00e4nde ich es sch\u00f6n, wenn du Lust bekommen k\u00f6nntest, dich den D\u00e4monen zu stellen. Ob du dann zu Ryema gehst, zu mir oder zu Katharina, die das immerhin sogar studiert hat, ist mir egal. Ich kann nur sagen, dass ich viel \u00dcbung darin habe, alle Arten von D\u00e4monen zu jagen. Und noch was.\u201c<br \/>\n\u201eNoch mehr?\u201c, st\u00f6hnt Oela.<br \/>\n\u201eNur noch das. Wenn du deine inneren D\u00e4monen mal erledigt hast und dennoch so wenig redest, ist das v\u00f6llig in Ordnung.\u201c<br \/>\nSie grinst. Sie grinst tats\u00e4chlich! Ryema und Nidea auch, aber das ist keine gro\u00dfe Sache. Doch dass Oela grinst \u2026!<br \/>\n\u201eWeil du dann mehr Redezeit hast?\u201c, fragt Nidea.<br \/>\n\u201eDas h\u00e4ttest du jetzt nicht laut sagen m\u00fcssen\u201c, erwidere ich und spiele die Beleidigte.<br \/>\n\u201eDu hast es ja provoziert. Nun gut. Ich wei\u00df nicht, ob das alles wirklich was gebracht hat, aber es f\u00e4llt mir nur noch ein Drittel so schwer wie vorhin, keine Maschinenpistole zu nehmen und alles zu erschie\u00dfen, was mich bl\u00f6d anmacht.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist durchaus ein Erfolg\u201c, sagt Ryema. \u201eUnd der Rest ergibt sich vielleicht auch noch. Oder?\u201c Sie sieht Oela an. Die diesmal nicht ausgeflippt bei der Andeutung, sie sollte eine Therapie machen. Immerhin.<br \/>\n\u201eVielleicht\u201c, erwidert sie achselzuckend.<br \/>\n\u201eWenn wir ein Holodeck h\u00e4tten, w\u00fcrde ich euch ja anbieten, eine Winterlandschaft im private mode generieren zu lassen.\u201c<br \/>\n\u201e\u00c4h &#8230;\u201c Ryema starrt mich an. \u201eDas ist lange her. So tickt nur ihr drei.\u201c<br \/>\n\u201eWir drei? Ach so, du meinst Sarah. Eure Entscheidung. Ich bin da frei von moralischen Urteilen. Daf\u00fcr musste ich zu viel Schei\u00dfe mitmachen.\u201c<br \/>\n\u201eWir haben auch viel mitmachen m\u00fcssen\u201c, erwidert Ryema. \u201eUnd mit Moral hat es, zumindest bei mir, nichts zu tun. Nur mit Roek.\u201c<br \/>\nIch verzichte auf einen Kommentar. Der k\u00f6nnte nur \u00fcberfl\u00fcssig sein, egal, was ich sage. Klar, f\u00fcr sie ist der Tod von ihrem Mann nur einige Wochen, vielleicht auch Monate, her. Jedenfalls nicht wirklich lange. Und gerade ich verstehe das. Ich hatte ja Monate nach James\u00b4 Tod noch Ausf\u00e4lle. Selbst jetzt ist das ein ganz beschissenes Gef\u00fchl. James und Askan \u2026<br \/>\nVerdammt.<br \/>\nIch wische die Tr\u00e4nen ab, bevor es richtig schlimm wird.<br \/>\nNidea sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. \u201eWieso weinst denn du?\u201c<br \/>\n\u201eJames. Askan\u201c, sagt Ryema leise. \u201eIch verstehe das. Und Fiona frisst nicht alles so in sich hinein wie ich.\u201c<br \/>\n\u201eOder wie meine Mutter.\u201c<br \/>\nRyema nickt nur, Oela reagiert nicht. Und ich erhebe mich.<br \/>\n\u201eAlso gut, ich gehe wieder auf die Br\u00fccke. Und denk dran, Oela, Katharina hat Psychologie studiert. Sie k\u00f6nnte dir helfen.\u201c<br \/>\nDiesmal nickt Oela. Ich spaziere zum Aufzug und heule erst los, als mich niemand mehr sieht. Bis auf Laura. Und die h\u00e4lt den Aufzug einfach an. Ob sie vielleicht wirklich einen Emotionschip hat?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sieht wie ein Netzwerk aus. Eigentlich ist es ja auch eins. Die Wurzeln bilden Netzwerkknoten, aus ihnen werden mal die bewohnten und unbewohnten Welten, so wie die Wurzel des Erdenbaums ein Netzwerkknoten war, von dem aus viele Ver\u00e4stlungen in die anderen Welten f\u00fchrten. Die Ver\u00e4stlungen sind bereits erkennbar, sie durchziehen wie Adern die rudiment\u00e4re [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":469,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,14],"tags":[137,138,136,135],"class_list":["post-1551","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kristallwelten-saga","category-leseproben","tag-familie","tag-gefuehle","tag-nidea","tag-oela"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1551"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1552,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551\/revisions\/1552"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/media\/469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}