{"id":1429,"date":"2021-12-01T20:24:30","date_gmt":"2021-12-01T19:24:30","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/?p=1429"},"modified":"2021-12-01T20:24:32","modified_gmt":"2021-12-01T19:24:32","slug":"eine-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/zsoltmajsai\/eine-weihnachtsgeschichte\/","title":{"rendered":"Eine Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten ist eine Zeit der Traditionen. Ich finde Traditionen sch\u00f6n. Sie haben nicht nur etwas Tr\u00f6stliches, dar\u00fcberhinaus geben sie Halt, sie bilden Eckpunkte im Strom der verg\u00e4nglichen Zeit. Das macht dieses Fest f\u00fcr mich so wertvoll, deswegen freue ich mich jedes Jahr sehr, wenn die ersten Adventskerzen angehen, wenn die Innenst\u00e4dte mit bunten Lichterketten geschm\u00fcckt werden, wenn die Weihnachtsm\u00e4rkte \u00f6ffnen und Weihnachtslieder \u00fcberall erklingen.<br \/>\nAuch bei uns zu Hause weihnachtet es sehr. Pl\u00e4tzchen werden gebacken, es duftet im ganzen Haus nach Vanille; meist erklingen dabei die bekannten Lieder, bis auf eines, das wird niemals vor Weihnachten gespielt.<br \/>\nAuch das ist eine Tradition.<br \/>\nAm Heiligabend sind wir, wie schon seit einigen Jahren, allein: Marianne und ich. Wir sitzen am feierlich hergerichteten Tisch, prosten uns mit Bordeaux zu, ein Luxus, den wir uns nur an diesem einen Tag des Jahres g\u00f6nnen. Doch an diesem Tag muss es so sein.<br \/>\nTraditionen sind wichtig.<br \/>\nErst nach dem Essen werden die Geschenke ausgepackt. Ich freue mich, wie immer, \u00fcber das Strahlen in Mariannes Gesicht, wenn sie sieht, was in den kunstvoll verzierten P\u00e4ckchen ist. Eigentlich nichts wirklich Besonderes, denn was kann man sich schenken, wenn man schon alles hat und das, was fehlt, nicht f\u00fcr Geld zu kaufen ist? Aber auch die kleinen Freuden sind wichtig: die neueste CD von Herman van Veen, eine weitere Krawatte, die am Altweiber getragen werden wird, dieses Mal auch eine neue Armbanduhr.<br \/>\nMarianne lacht gl\u00fccklich, als sie sieht, wie ich mich \u00fcber die Uhr freue und sie gleich begeistert anlege. Sie f\u00e4hrt durch meine Haare und k\u00fcsst mich z\u00e4rtlich auf den Mund. Mir kommen die Worte \u201e&#8230; ich habe ein z\u00e4rtliches Gef\u00fchl &#8230;\u201c in den Sinn, genau so geht es mir, genau so f\u00fchle ich mich in diesem Moment.<br \/>\nEin unbeschreiblicher Moment, der ohne Tradition v\u00f6llig wertlos w\u00e4re.<br \/>\nAm ersten Weihnachtstag kommen mein Bruder und meine Schwester mit ihren Familien zum Abendessen. Auch das ist eine Tradition, die lange zur\u00fcckreicht. Ein wenig erf\u00fcllt sie mich mit Schmerz, denn sie macht mir die Verg\u00e4nglichkeit bewusst. Doch ich wei\u00df, sie werden r\u00fccksichtsvoll sein, wie jedes Jahr, nicht l\u00e4nger bleiben als n\u00f6tig ist, um die Geschenke zu \u00fcberreichen, auszupacken, in Ruhe zu Abend zu essen und danach noch ein wenig zu plaudern. An diesem Ablauf \u00e4ndert sich nichts, warum sollte sich auch etwas daran \u00e4ndern?<br \/>\nTraditionen sind einfach wichtig, sie haben ihren Sinn, ohne wichtigen Grund sollten sie nicht aufgegeben werden.<br \/>\nAls sie sich verabschieden, nimmt meine Schwester mich pl\u00f6tzlich in den Arm und dr\u00fcckt mich ganz fest. \u201eEs tut mir leid, so leid\u201c, raunt sie mir ins Ohr, f\u00fcr die anderen nicht h\u00f6rbar. Zumindest l\u00e4sst niemand erkennen, es geh\u00f6rt zu haben.<br \/>\nIch wei\u00df was sie meint, es ist nicht n\u00f6tig, dass ich darauf antworte. Ich w\u00fcsste sowieso nicht, was ich darauf antworten k\u00f6nnte.<br \/>\nAls ich die T\u00fcr hinter ihnen schlie\u00dfe, legt Marianne ihre Arme um mich, von hinten, ihre Wange ber\u00fchrt meine, und sie fl\u00fcstert: \u201eWie gut, dass sie fort sind.\u201c<br \/>\nIch nicke. Ja, es ist gut. Traditionen sind wichtig, sie bilden ein festes Ger\u00fcst im Leben eines Menschen, sie d\u00fcrfen nicht achtlos aufgegeben werden. Fast h\u00e4tte meine Schwester es geschafft, die wichtigste Tradition in meinem Leben zu zerst\u00f6ren. Es w\u00e4re unwiderruflich gewesen, in einem Moment der Unachtsamkeit, des Schmerzes. Ich werde mit ihr reden m\u00fcssen, damit ihr klar wird, was sie riskiert hat, was sie beinahe getan h\u00e4tte.<br \/>\nDoch jetzt z\u00e4hlt das alles nicht, jetzt z\u00e4hlt nur eines. Ich drehe mich um und blicke Marianne l\u00e4chelnd in die Augen.<br \/>\n\u201eWollen wir ins Bett gehen?\u201c, erkundigt sie sich. \u201eWir haben nicht mehr viel Zeit, die Weihnachtstage sind so schnell um, morgen noch, und dann ist es wieder vorbei.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das ist wahr.\u201c<br \/>\nIch hebe sie hoch und trage sie ins Schlafzimmer. Nachdem sie auf dem Bett liegt und l\u00e4chelnd auf mich wartet, gehe ich zum CD-Spieler und lege die CD ein, die ich nur f\u00fcr diesen einen Abend gekauft habe.<br \/>\nTraditionen sind wichtig.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ich mich zu Marianne lege, erklingt dieses eine Lied.<\/p>\n<p>\u201eDearest, the shadows<br \/>\nI live with are numberless.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist eine Zeit der Traditionen. Ich finde Traditionen sch\u00f6n. Sie haben nicht nur etwas Tr\u00f6stliches, dar\u00fcberhinaus geben sie Halt, sie bilden Eckpunkte im Strom der verg\u00e4nglichen Zeit. 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