Schreibzwang

#querdenken: Über angebliche Querdenker, die keine sind

Querdenken ist, überraschenderweise, neuerdings ein Schimpfwort geworden und bezeichnet die Art zu denken, die von einem gegebenen Konsens abweicht, bezogen auf die Existenz einer Gefährdung durch SARS-CoV-2.

Tatsächlich ist ein Merkmal des lateralen Denkens, dass Ausgangssituation und Rahmenbedingungen nicht als unveränderlich hingenommen werden. Wohingegen das Hinnehmen der Ausgangssituation und Rahmenbedingungen gemeinhin als Merkmal einer Religion betrachtet werden kann. Insofern ist es schwer zu verstehen, warum Querdenken plötzlich eine negative Konnotation bekommen hat.

Möglicherweise hilft hier ein Reframing, also eine Umdeutung des Begriffs. Noch klarer wird das Bild, wenn der Begriff selbst verändert wird. Denn eigentlich sind die Querdenker, die im Corona-Kontext so genannt werden, unabhängig davon, ob sie sich selbst so nennen oder ob die Benennung durch andere erfolgt, eben keine Querdenker.

Denn Querdenker zeichnen noch mehr Eigenschaften aus als nur das bereits erwähnte Merkmal. Querdenker stellen, unter anderem, auch konventionelle Denkmuster in Frage, was durch die sogenannten Corona-Leugner eben nicht passiert. Sie ersetzen lediglich ein Denkmuster durch ein anderes, beide durchaus konventionell: Die Corona-Befürworter sind Obrigkeitsgläubige, also die, die Ärzte für Götter in Weiß halten, die Corona-Leugner sind diejenigen, die in allem eine Verschwörung der Bilderberger, Bill Gates und Rothschilds wittern. Beiden Gruppen jedoch ist eigen, dass sie kritisches, selbstständiges Denken durch Vertrauen darauf, dass wahr ist, was ihnen ihre jeweiligen Vertrauensinstanzen erzählen, ersetzen.

Was ein echter Querdenker niemals tun würde.

Man kann sich das vorstellen wie beim Skilanglauf: Der Stay-At-Home-Fan (Treiber einer Pandemie sind Innenräume!) folgt der Loipe, der unechte Querdenker auch, allerdings einfach in der anderen Richtung. Es ist leicht einzusehen, dass es da zu einer Kollision kommen muss.

Echte Querdenker verlassen die Loipe und schauen sich an, was es rechts und links noch so gibt. Dabei können sie natürlich auch mal einem Eisbären begegnen, was unter Umständen unangenehm wird, aber die Chance, dass sie einfach nur den großen Rest der Welt entdecken, ist unendlich viel größer als das Risiko, einem Eisbären zu begegnen. Zumal wenn sich die Loipe in Deutschland und nicht direkt neben dem Eisbärgehege eines Zoos befindet.

Um im Bild zu bleiben: Durch Tiefschnee zu waten ist deutlich anstrengender als der ausgetretenen Spur zu folgen. Das gilt genauso auch beim Denken. Querdenken erfordert eine hohe Frusttoleranz, die Bereitschaft, auch als Gewissheit hingenommene Aussagen/Glaubenssätze infrage zu stellen – und die Fähigkeit, eingeschlagene Wege als nicht sinnvoll (genug) zu erkennen, (um) einen anderen Weg auszuprobieren und zu erkennen, dass der nicht sinnvolle Weg dennoch wichtig war, um am Ende dort anzukommen, wo man ankommt und was als sinnvoll angesehen wird. Das kann bspw. eine (nicht die!) Lösung für eine vorgegebene (intrinsisch und extrinsisch) Aufgabenstellung sein.

Dem gegenüber sind Längsdenker oder Lineardenker am Bewährten und Bekannten interessiert, etwas, was nicht grundsätzlich negativ ist. Wären alle Querdenker, hätten wir einfach nur sehr viele parallele Loipen. Der Begriff selbst würde sich ad absurdum führen. Daher ist es leicht einzusehen, dass lineares Denken sehr viel häufiger ist als das Querdenken. Auch Menschen, die gerne mal querdenken, wissen die Gewissheiten des Bekannten zu schätzen. Das Querdenken als Selbstzweck mag als sportliche Betätigung ganz interessant sein, aber dann eher in Maßen.

Einen Querdenker zeichnet (auch) aus, dass den Sinn und Nutzen von Loipen anerkennt und würdigt. Er verbringt mehr Zeit seines Lebens mit linearem Denken als mit Quer- oder parallelem Denken, denn Menschen sind auf die „alltägliche Trance“ angewiesen, um ihren Alltag bewältigen zu können.

Wer also verstanden hat, was Querdenken tatsächlich ist, käme nicht auf den verqueren Gedanken, Leute als Querdenker zu bezeichnen, die ernsthaft die Maskenpflicht als Diktatur bezeichnen. Die Maskenpflicht mag gerade für einen echten Querdenken, durchaus kritikwürdig sein, zumindest in den Blüten, die sie in Deutschland mittlerweile treibt (Allein mit Maske über einen großen Platz im Regen zu gehen, entbehrt nicht einer gewissen Komik und hätte früher aus einer Parodie auf Weltuntergangsfilme sein können.), doch sie ist ganz sicher keine Diktatur. Wenn überhaupt, dann eine Diktatur der Medien- und Machtgeilheit, aber das ist ein eigenes Thema.

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