Gefühlt hat der Hashtag #meetoo das Zeug, der Hashtag des Jahres … ach was, des Jahrtausends zu werden. Ich halte das für ziemlich bedenktlich. Nicht etwa, weil ich es in Ordnung fände, was Weinstein getan hat, wenn die Vorwürfe denn stimmen. Für unwahrscheinlich halte ich es jedenfalls nicht, dass ein Mann in seiner (Macht)Position diese auch ausnutzt, mithin die Vorwürfe zumindest in Teilen zutreffen.

Macht korrumpiert. Dies ist ein altes Sprichwort und das sicherlich zurecht. Das bedeutet nicht zwingend, dass alle, die Macht haben, diese bis zur Grenze und darüber hinaus ausnutzen. Aber es fällt schwer, etwas nicht zu tun, was man tun kann, selbst wenn man weiß, dass irgendjemand Schaden nehmen könnte. Das wissen wir alle, zumindest sollten wir es alle wissen. Ein triviales Beispiel ist, wenn wir unser Kind vertrösten, weil wir gerade keine Lust haben, etwas zu tun, was das Kind aber gerne mit uns tun würde. Natürlich ist das in der Auswirkung nicht mit dem vergleichbar, was Weinstein vorgeworfen wird. Mir geht es eher darum, den grundsätzlichen Mechanismus zu verdeutlichen, damit niemand glaubt, frei davon zu sein.

Spannender ist nämlich, welche Schlussfolgerung daraus gezogen werden muss. Ich sage muss und meine es auch. Denn die Tatsache, dass wir uns alle ständig in unterschiedlichen Machtgefügen befinden, mal in der Rolle des Überlegenen, mal andersherum, sollte zwingend dazu führen, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir damit umgehen wollen. Und zwar in beiden Rollen.

Oft wird ja der Vorwurf laut, warum die betroffenen Frauen sich jetzt erst melden, warum sie ihm nicht sofort eine gescheuert haben und dann zur Polizei gegangen sind. Nun, da befanden sie sich vermutlich ein wenig in der Position des Kindes. Während für das Kind das Überleben davon abhängt, es sich mit den Eltern nicht zu verscherzen (Beispiele dafür, wo es dem Kind nicht „gelingt“, gibt es viele.), hängt für eine angehende Schauspielerin möglicherweise auch viel davon ab, Weinstein und Konsorten nicht zu verärgern. In vielen Fällen tatsächlich das tägliche Essen, denn wir reden hier ja überwiegend nicht von Stars, die in Geld baden. Oder um es allgemeiner auszudrücken: Wenn eine Frau mit ihrem zukünftigen Chef in die Kiste steigt, weil er davon den Job abhängig macht, dann muss diese Frau sich durchaus darüber Gedanken machen, wo die Miete nächsten Monat herkommt.

Es greift also definitiv zu kurz, den Frauen einfach zuzurufen: Wehrt euch doch!

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jede Frau, respektive jeder Mensch, der gerade Machtmissbrauch erfährt, sich in der Lage befände, Widerstand zu leisten. Doch gerade das ist ja das Fatale an einem Machtmissbrauch: Der Mächtige hat die Macht.

Macht kommt ja von machen, zumindest in der deutschen Sprache. Aber auch in anderen Sprachen lässt sich vermutlich eine vergleichbare Herleitung machen (sic!). Mit anderen Worten: Es liegt in der Verantwortung des Mächtigen, diese Kette zu durchbrechen. Nur er hat die Macht dazu.

Natürlich wird ein Weinstein kein Interesse daran haben, etwas anders zu machen. Er hat doch nur Vorteile davon, wenn er seine Macht ausnutzt.

Oder? Ist das wirklich so?

Damit will ich nicht darauf anspielen, dass er jetzt, viele Jahre später, sehr wohl Nachteile hat. Ziemlich tiefgreifende sogar, wenn man den Meldungen glauben darf. Er hat dennoch über Jahrzehnte so gelebt, wie er wollte, hat sein Vergnügen gehabt. Jetzt kann er sich zumindest sagen: „Ihr heuchlerischen Arschlöcher, solange ihr Vorteile davon hattet, habt ihr mitgemacht oder zumindest das Maul gehalten.“ Womit er durchaus recht hat.

Was ich meine, ist aber Folgendes: Ein Mensch ist ein Wesen mit einer Moral, mal so salopp ausgedrückt. Jeder Mensch unterteilt alles, was er wahrnimmt, also sieht, hört, denkt, fühlt, in einen moralischen Raster, dessen gröbste Ausprägung aus „Gut und Böse“ besteht. Ohne kann niemand. Es geht einfach nicht. Die Moral gehört zum Menschsein wie das Licht zum Schatten. Das zwingt daher jeden Menschen, sich darüber Gedanken zu machen, wie er sich verhalten will, selbst wenn diese Gedanken nicht die Großhirnrinde erreichen. Okay, vielleicht ist „Gedanke“ der falsche Begriff dafür. Es sind in Wirklichkeit hochkomplexe, zumindest teilunbewusste Prozesse, die da ablaufen. Auch wenn man sie weitgehend bewusst machen kann, wenn man nur will.

Die Frage, der sich jeder Mensch stellen muss, ob er will oder nicht, ist also: Was sind meine Wertvorstellungen? Nach welchen Wertmaßstäben will ich handeln? Was will ich?

Entgegen der Hoffnung vieler Priester sind die Antworten auf diese Fragen nicht naturgegeben, auch nicht gottgegeben, sondern zunächst einmal völlig uneingeschränkt. Grundsätzlich kann jeder Mensch sagen: „Ich finde es gut, wenn ich einen anderen Menschen töte. Nur mein eigenes Leben ist mir wichtig, alle anderen sind mir scheißegal.“ Dann ist das seine „Moral“.

Und es gibt durchaus Beispiele in der Historie dafür, dass ein Mensch damit auch weit kommen kann.

Was hat das mit Weinstein und Konsorten zu tun?

Weinstein ist im Grunde auch ein Beispiel dafür. Er mag keine Menschen getötet haben (wobei wir das ja nicht wissen), aber letztlich hat er sich und sein Wohlergehen moralisch höher bewertet als die Bedürfnisse anderer Menschen. Deswegen konnte er mit ruhigem Gewissen angehende Schauspielerinnen für sein Vergnügen benutzen. Für ihn war es völlig okay, vermutlich ist es immer noch okay, nur reagiert sein Umfeld gerade ganz anders als bisher darauf. Das wird ihn zwingen, sich mit seiner Moral zu beschäftigen. Was nicht bedeutet, dass er seine Einstellung ändern wird. Vielleicht kommt er auch zu dem Schluss, dass die Anderen ihm Böses tun wollen, ihm nicht gönnen, dass er in der Lage war, das zu tun, was er wollte. Alles Neider und so.

Umgekehrt gilt das aber auch. Die Menschen, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass es moralisch gut und richtig ist, auch anderen Menschen dieselben Rechte zuzubilligen wie sich selbst, dürfen konsequenterweise ein Handeln wie das von Weinstein nicht dulden. Solche Reibungspunkte, wenngleich nicht notwendigerweise immer so dramatisch (zum Beispiel wenn einer bei Rot über die Ampel geht und ein anderer dies ablehnt, weil … ), wird es immer geben, wenn mindestens zwei Menschen aufeinander treffen. Dies ist eine Konsequenz aus der Freiheit, die der Mensch erhielt, als ihm erlaubt wurde, über sein Verhalten nachzudenken und eigene Wertesysteme zu entwickeln. Ein menschlich unauflösbares Dilemma. Muss man aushalten.

Und das ist die Stelle, an der ein Mächtiger ansetzen kann, etwas zu ändern. Er hat die Macht, sein Wertesystem anzupassen und sein Verhalten zu ändern.

Warum er das tun sollte?

Weil er es will.