Ich bin deiner Meinung, wenn du recht hast

Die meisten von uns kennen vermutlich Popeye und das Märchen von besonders viel Eisen im Spinat. Das Märchen entstand vor fast 100 Jahren und soll auf ein falsch gesetztes Komma zurückgehen. Dieser Irrglaube hielt sich sehr lange und entsprach vermutlich einem wissenschaftlich gesehen überzeugenden Konsens:

„Es ist nicht so, dass der Konsens besonders überzeugend ist, weil eine Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Position vertritt, sondern gerade umgekehrt eine Mehrheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertreten eine Position, weil der Konsens eben wissenschaftlich gesehen überzeugend ist.“

(Zitat aus Deutschlandfunk Kultur, Biostatistiker Servan Grüninger im Gespräch, 11.9.2021)

Heute dürften viele Leute auf die Frage nach dem Eisengehalt des Spinats antworten, dass es gar nicht sooo viel ist, es war ein Rechenfehler. Und auch damit liegen sie nicht wirklich richtig. Tatsache ist, Spinat enthält vergleichbare Mengen an Eisen wie anderes dunkelgrünes Blattgemüse. Und es enthält Oxalsäure, was ironischerweise die Eisenaufnahme im Körper behindert. Dem kann durch Kochen übrigens entgegen gewirkt werden, zumindest wenn das Kochwasser nicht verwendet wird.

Das berühmte Spinatbeispiel zeigt, dass die Aussage von Servan Grüninger mit Vorsicht zu genießen ist. Im Idealfall hätte er recht:

Wissenschaftler jeder Zeit folgten dem, was sie zur damaligen Zeit jeweils nach bestem Wissen und Gewissen für wissenschaftliche Wahrheit hielten. So tun sie es auch heute.

Das klingt schön und beruhigend.

Nur stimmt es leider nicht.

Ein interessantes Beispiel dafür ist ausgerechnet Galileo Galilei, der als Begründer moderner Naturwissenschaft gilt. Und er war es auch, der 1633 im Nachgang zur Veröffentlichung des Dialogo seinen Fehlern abschwor, sie verfluchte und für immer zu glauben schwor, so entkam er dem Scheiterhaufen und wurde zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt. Allerdings saß er keinen einzigen Tag in einem Kerker, denn aus Kerkerhaft wurde umgehend Hausarrest. Er starb am 8. Januar 1642 und hat bis dahin fleißig weiter gearbeitet, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, zumal er Jahre vor seinem Tod bereits erblindete.

Wissenschaftler sind ausnahmslos immer Menschen mit einer Lebensgeschichte und dem Bedürfnis nach Essen, Wohnung – und Anerkennung. Das macht sie grundsätzlich erpressbar und insbesondere anfällig dafür, eben nicht den wissenschaftlich überzeugenden Konsens zu vertreten, sondern den, der sie füttert. Das war schon immer so, ist heute so und wird auch immer so bleiben.

Ganz so einfach ist es natürlich trotzdem nicht. Ein Mensch will nicht nur essen, schlafen und lieben, er will nicht nur Anerkennung, sondern er will noch etwas anderes, was vielleicht am Wichtigsten von allem ist: Er will die Gewissheit, dass das, was er über die Welt zu wissen glaubt, wahr ist.

Nichts kann einen Menschen eher zerstören als die Erkenntnis, dass sein Weltbild relevant falsch ist. Dass es nicht hundertprozentig richtig sein kann, ist ihm bewusst und damit kann er umgehen. In der Wissenschaft ist das sogar Usus, dass Korrekturen vorgenommen werden.

Aber wenn die Säulen seines Weltbildes wegbrechen, kann das einen Menschen zerstören. Und das weiß er auch. Daher würde ein Mensch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alles dafür tun, dies zu verhindern. Daraus erklärt sich auch der Fanatismus von GWUP, daraus erklärt sich die Verbreitung von Esoterik und der Erfolg der Homöopathie, der erbitterte Streit der Schulmedizin mit den Heilpraktikern, die immer unversöhnlicher werdende Spaltung zwischen Impffanatikern und Impfgegnern, zwischen den Pseudo-Querdenkern und Antifa. Sie alle vereint das unerschütterliche Festhalten an der eigenen Wahrheit ohne jede Bereitschaft, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Der Antrieb für das dogmatische Weltbild und dessen teilweise gewaltsame Verteidigung liegt in der Angst davor, das eigene Weltbild könnte in Grundfesten erschüttert werden und die noch größere Angst davor, dies würde den eigenen Untergang bedeuten – psychisch und möglicherweise im Endeffekt auch physisch.

Ich werde immer dann stutzig, wenn jemand sinngemäß sagt, er habe recht und die anderen unrecht. Das gilt durchaus für mich selbst genauso, denn als Mensch laufe ich selbstverständlich auch immer wieder in diese Falle. Allerdings habe ich gelernt, die Alarmsignale zu erkennen (bilde ich mir zumindest ein) und daran zu merken: Huch, hier musst du aufpassen und genauer hinsehen, könnte sein, dass du gerade dogmatische Ansichten hast. Kann passieren.

Im oben zitierten Artikel verweist Grüninger darauf, dass eine Meinung in einer politischen Diskussion nicht mit einer Meinung im wissenschaftlichen Zusammenhang verwechselt werden dürfe. Im Idealfall hat er recht.

Nur: Eine Meinung im wissenschaftlichen Zusammenhang ist in der Realität ausnahmslos immer eine Meinung in einer politischen Diskussion. Kein Mensch ist frei von seinem Lebenskontext, von seinem Glauben, von seinem Geldgeber, von seinen Idealen, von dem, was er für gut und schlecht hält. Er muss alles, was er als wissenschaftlich für wahr akzeptiert, mit dem, was er im Rahmen seines gesamten Seins als wahr akzeptiert (hat), vereinbaren können.

Dies geht durchaus so weit, dass er bereit sein muss, das naturwissenschaftliche Konzept, eine Hypothese müsse das Ergebnis eines Versuchs vorhersagen können, als wahr anzunehmen. Der Gottgläubige könnte ja demgegenüber davon ausgehen, dass Gott dieses Ergebnis ja immer noch willkürlich verändern könne (siehe auch Galileo und Urban VIII.).

Seit etwa 400 Jahren geht der Mensch davon aus, die Welt sei prinzipiell aus Materie und könnte grundsätzlich durch den Menschen vollständig erkannt und beschrieben werden, wenn er nur genügend Zeit mitbringt. Das ist ein Axiom der Naturwissenschaften, wie sie heute verstanden werden. Das andere Extrem hingegen sagt, es gibt gar keine Materie, alles Materielle sei eine Art Illusion und könne überwunden werden, wenn man nur fest genug glaubt. Irrsinnigerweise versuchen Materialisten die Anti-Materialisten von ihrem vorgeblichen Irrtum zu überzeugen, indem sie ihnen vorschlagen, mit einem Hammer auf ihre Hand zu schlagen, dann würden sie schon merken, wie materiell alles ist. Wie dämlich den Vorschlag ist, scheinen sie nicht zu kapieren. Mit der Methode kann man nur jemanden überzeugen, der an die Materie glaubt – aber braucht man den noch zu überzeugen?

Möglicherweise haben beide Lager unrecht – oder beide recht. Zum Teil zumindest. Es könnte auch sein, dass Materie nur eine perspektivistische Darstellung der Welt ist, das vierdimensionale Abbild. Ob das, dessen Schatten das raum-zeitliche Objekt darstellt, überhaupt eine Dimension hat, die ja immerhin eine materielle Vorstellung ist, wäre eine ganz andere Frage. Aber zumindest wäre diese Sicht keine völlige Verneinung der materiellen Welt und würde sie die Naturwissenschaften als Lehre vom Materiellen nicht überflüssig machen, sie müsste lediglich erweitert werden. 

Es ist auch möglich, dass die Materialisten recht haben. Wenn ich sterbe, höre ICH auf zu existieren. Meine Existenz begann … ja, wann genau eigentlich?

Solange Wissenschaftler nicht in der Lage sind, überzeugend zu beweisen, welchen Ausschnitt der Welt die Menschen erkennen und grundsätzlich erkennen können, solange sollte man ihren Aussagen grundsätzlich vorsichtig gegenübertreten.

Allerdings: Das gilt für alle anderen genauso.

Ich bin deiner Meinung, wenn du recht hast. Aber dass du recht hast, glaube ich dir nicht, weil du sagst, dass du recht hast. Du musst mich schon überzeugen. Nicht überreden, nicht anschreien, nicht verachten, nicht beleidigen. Zeige mir, dass du selbst wirklich überzeugt bist und der erste Schritt ist getan.

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Ich renne zu Katharina und drehe sie auf den Rücken. Es ist dunkel, trotzdem kann ich erahnen, dass sie eine Schusswunde im Bauch hat.
Fuck! Verdammte Scheiße!Nein, nein, nein! Du stirbst mir jetzt nicht in letzter Sekunde noch weg! Verdammt nochmal, du stirbst nicht! Hast du das kapiert?!“
Sie bewegt ihre rechte Hand. „Es tut mir leid … Ich ...“
Von draußen kommen schon wieder Schüsse. Garoan zuckt zusammen.
Fuck!
Ich packe beide und ziehe sie tiefer ins Haus, hinter der Treppe in Deckung. Heftig keuchend lasse ich mich auch fallen und versuche einige Sekunden lang nur, nicht zu ersticken.