„Wann kann ich gehen?“
Der Arzt schaut mich über seinen Brillenrand hinweg an. „Junge Dame, dass Sie bereits laufen können, ist schon ein Wunder. Vor kaum mehr als einer Woche wurden Sie als halbe Leiche bei mir abgegeben, jetzt sind Sie munter wie ein Fisch im Wasser. Sie sind ein medizinisches Wunder, wenn ich das mal so formulieren darf. Trotzdem, ich hätte ein sehr schlechtes Gewissen, wenn ich Sie zu früh entlassen würde. Ich möchte Sie noch für mindestens zwei Wochen hierbehalten.“
„Was? Ich werde hier noch wahnsinnig vor Langeweile!“
„Lesen Sie, nutzen Sie die Zeit zum Entspannen.“
„Mann, draußen ist Sommer, die Sonne scheint, meine Freunde sind alle am Strand, nur ich hocke hier drin.“
„Fiona, ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie dem Tod nur gerade so eben von der Schippe gesprungen sind? Manche Menschen könnten nur aufgrund der Prügel, die Sie bezogen haben, noch nicht aufstehen. Die Kugel ist zwar an allem Lebenswichtigen vorbeigegangen, aber trotzdem haben Sie ein Loch in der Brust, und ich habe Ihnen vor drei Minuten erst die Fäden gezogen. Warum gönnen Sie sich nicht mal eine kleine Verschnaufpause?“
„Na ja, dazu werde ich noch viel Zeit haben, wenn ich mal in der Holzkiste von den Würmern gefressen werde.“
„Das war drastisch. Wollen wir hoffen, dass es noch lange nicht so weit ist.“
„Ja, sicher. Was ist denn nun? Ich gebe Ihnen noch bis Ende der Woche, dann gehe ich.“
„Darüber unterhalten wir uns noch.“
Ich lasse ihn in dem Glauben und gehe auf mein Zimmer, das ich nur mit mir selbst teile. Mein Vater wartet bereits auf mich, die Schachfiguren sind aufgestellt, Kaffee und Kuchen stehen einladend auf dem Nachtschränkchen.
„Und? Was hat er gesagt?“
„Er war nicht gerade begeistert von meinem Terminplan.“
„Das wundert mich nicht. Ich habe dich nach der Operation besucht. Du lagst da auf der Intensiv, voller Schläuche, mit dem dicken Verband, das Gesicht grün und blau … ich hätte darauf gewettet, dass du frühestens in zwei Monaten allein auf die Toilette gehen kannst.“
„Jetzt übertreib mal nicht.“ Ich beiße herzhaft in den Berliner. „Wie geht es Mama?“
„Sie trägt es mit Fassung. Vorhin hat sie gesagt, den Topf beim Kochen kann man auch mit zwei Fingern hochhalten.“
„Seit wann kocht sie selbst? Na ja, egal. Du bist dran.“
Ich habe in den letzten Tagen Schach spielen gelernt. Als mein Vater mich das erste Mal besuchte, war ich noch nicht wirklich fit. Ich bemerkte ihn sogar erst, als er den Stuhl ans Bett heranzog und sich setzte. Er wirkte noch abgespannt. Eine Platzwunde an seiner Stirn war mit Pflaster zugeklebt. In seinen Augen sah ich etwas, was früher nie da gewesen war: Respekt.
„Hallo“, sagte er leise. „Wie fühlst du dich?“
„Ich müsste lügen, wenn ich sagen wollte, es geht mir gut.“
Er lächelte schwach. „Immerhin ist dein Geist wohl schon wieder fit. Das freut mich. Als sie dich weggefahren haben, machte ich mir wirklich Sorgen. Aber die Ärzte haben dich wohl ganz gut wieder hingekriegt.“
„Ich hoffe es. Mama liegt auch hier?“
„Ja, eine Etage tiefer. Sie ist ziemlich vollgepumpt mit Schmerzmitteln und schläft zum Glück viel. Ich hoffe, sie kann den Verlust ihrer Finger einigermaßen gut verkraften. Schon die Art, wie sie es getan haben, erinnerte mich an einen schlechten Horrorfilm.“ Er schwieg ein paar Sekunden, bevor er zögernd fortfuhr: „Fiona … ich bin natürlich nicht nur hier, um Small Talk zu halten. Deswegen eigentlich gar nicht. Ich bin hier, weil ich dir Danke sagen und mich entschuldigen wollte.“

 

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