Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

[…]

„Hier SWAT Eins“, sagt plötzlich Mark. “Wir sehen Bewegung auf den Dächern!“
„Das sind die Wachposten“, erklärt Katharina.
„Haben sie uns entdeckt?“, erkundige ich mich.
„Negativ. Aber sie wirken unruhig.“
„Dann haben sie etwas bemerkt. Wir stürmen das Hauptgebäude. Jetzt!“
Wir sprinten los und praktisch gleichzeitig tauchen auf den Dächern die Wachposten auf. Sie stoßen schrille Pfeiftöne aus, zugleich springen sie von den Dächern und kommen uns entgegen.
„Das sind eine ganze Menge!“, stellt Thomas fest. „Einige gehen nach hinten, Nord-Team!“
„Alles klar!“, erwidere ich.
Wir sehen sie auch schon. Es sind acht oder neun, dazu die drei vom Dach. Da ich ihre Fähigkeiten vom Kampf während Sarahs Entführung schon kenne, beschließe ich, sie einfach umzurennen, denn mich interessieren die Krumana-Dämonen.
Allerdings erlebe ich eine unliebsame Überraschung. Mein Gegner erweist sich als erstaunlich schnell und kräftig. Er stellt keine echte Bedrohung für mich dar, aber für gewöhnliche Krieger schon. Als ich ihn einfach aus dem Weg stoße und weiterlaufe, krallt er sich von hinten an mir fest und schnappt nach meinem Hals. Ich stoppe ihn mit dem Ellbogen, dann ramme ich den Dolch in sein Herz und drehe ihn schnell dreimal um. Der nun vollkommen leblose Körper fällt in sich zusammen.
Ein schneller Blick zurück verrät mir, dass alle in Kämpfe verwickelt sind. Kurz denke ich darüber nach, hier zu bleiben und zu helfen. Aber dann beschließe ich, dass es wichtiger ist, die Krumana-Dämonen zu finden, weil sie den größeren Schaden anrichten können.
Mit dem Dolch in der Hand laufe ich zwischen Hauptgebäude und Stall nach vorne. Auch hier toben heftige Kämpfe, ich höre sogar Schüsse. Einer der Halbvampire stellt sich mir in den Weg. Ich fege ihn mit einem Halbkreistritt von den Füßen und beende sein universales Dasein ein für alle Mal.
Zu der Haustür geht es über drei Holzstufen hinauf. Eine Veranda erstreckt sich bis nach Süden. Die Tür selbst hängt etwas schief in den Angeln. Ich trete ein, den Dolch halte ich dabei vor dem Körper.
Ich gelange in einen Raum, der Diele mit Wohnzimmer kombiniert. Durch die zugenagelten Fenster kommt nur diffuses Licht und einige Sonnenstrahlen, zumindest auf der Südseite. Die Luft ist voll mit aufgewirbeltem Staub, der sich allmählich wieder setzt. Zur rechten Hand vor mir befindet sich eine Treppe nach oben, daneben geht es zur Küche, soweit ich es erkennen kann. Ganz deutlich sehe ich es nicht, weil davor steht die massige Gestalt eines Krumana-Dämons.
Hinter mir schließt sich die Tür knarrend. Als ich nach hinten sehe, erblicke ich einen zweiten Krumana-Dämon. Und einen dritten schließlich, als er zur linken Hand hinter einer Tür hervortritt.
Das sieht irgendwie nach einer Falle aus.
„Was gibt das denn?“, erkundige ich mich. „Ein Familientreffen?“
„Eine Totenfeier“, erwidert der Dämon vor der Küche.
„Oh! Wer ist denn gestorben?“
„Sorned.“
Mir fällt der Dämon vom Penthouse ein, dass ich mich wie eine Puppe in seinen Händen gefühlt habe. Bei unserer zweiten Begegnung ja nicht mehr, aber es war dennoch ein harter Kampf. Und hier sind es gleich drei von der Sorte. Ob ich mir Sorgen machen sollte?
„Ihr habt aber eine lange Trauerzeit!“
Dass Krumana-Dämonen nicht besonders gesprächig sind, weiß ich ja schon. So verwundert es mich auch nicht sonderlich, dass die beiden von vorne sich auf mich stürzen. Ich fliege mit einem Salto über ihre Köpfe hinweg, um mich aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu begeben. Dabei denke ich rasend schnell darüber nach, welche Möglichkeiten ich habe. Ich könnte das Gebäude abfackeln, aber ob mir das wirklich was bringen würde, weiß ich nicht.
Aber ich kann ja auch Telekinese. Mit einer Handbewegung lasse ich einen massiven Sessel gegen den Dämon rechts von mir fliegen. Das irritiert ihn zumindest, was mir wiederum Zeit genug verschafft, seinen Partner anzugreifen. Und im Gegensatz zu Sorned auf dem Penthousedach machen diesem hier meine Tritte und Schläge sehr wohl was aus.
Er taumelt, doch bevor ich meinen Triumph auskosten kann, werde ich von hinten gepackt und hochgehoben. Meine Knochen krachen unter dem bestialischen Griff. Ich lasse meine Füße hochschnellen, erst rechts, dann links, an meinem Kopf vorbei in das in Schwärze getauchte Gesicht. Der Dämon torkelt zurück, sein Griff lockert sich. Doch der erste ist bereits wieder im Spiel. Seine Faust explodiert in meinem Gesicht. Die Wucht ist so gewaltig, dass der Dämon, der mich festhält, umkippt und ich endlich freikomme. Nur hilft mir das überhaupt nicht, denn in meinem Kopf spielt ein ganzes Symphonieorchester.
Noch während ich alle Musiker um Ruhe bitte, werde ich hoch gezerrt und gegen irgendeine Wand geschleudert. Diese ist aus Holz und hält dem Aufprall nicht stand. Ich finde mich in der Diele wieder und versuche gerade, mich aufzurichten, als der Dämon auch durch die Wand kommt.
Ich weiche seinem Ansturm aus und fliege zur Treppe. Höher komme ich nicht, denn etwas packt mein linkes Fußgelenk und zieht mich zurück. Ich drehe mich in der Luft um und trete dem Dämon, der so erstaunlich flink ist, mehrmals ins Gesicht, bis er mich loslässt.
Lange kann ich mich über den Erfolg nicht freuen, denn jetzt ist wieder der andere da. Der Dritte scheint sich gar nicht beteiligen zu wollen, er sichert nur die Tür und genießt das Schauspiel.
Ich werde von dem Dämon gegen die Wand gedrückt, dabei demoliert er die Treppe, als wäre sie aus Pappe. Allmählich muss mir was Gescheites einfallen. Da er mich am linken Oberschenkel und an der rechten Schulter waagrecht in der Luft hält und mehrmals gegen die Wand schlägt, gelingt es mir, seinen Kopf zu packen und mich heranzuziehen. Mit aller Kraft schlage ich die Zähne dort in seinen Körper, wo ich den Hals vermute.
Mit einem wilden Aufschrei lässt er mich los. Weil ich aber noch an seinem Hals hänge, ist er mich dadurch noch lange nicht los. Ich verstärke meinen Biss, dabei packe ich mit der linken Hand sein Genick und mit der rechten Faust boxe ich mehrmals kräftig in seine Seite. Jedes Mal stöhnt er laut, offenbar habe ich eine Schwachstelle gefunden.
„Lass ihn los oder ich breche ihr das Genick!“, höre ich da die grollende Stimme eines der anderen Dämonen.
Ich lasse meinen Blutspender los und stoße ihn fort. Katharina steht in der Tür, mit nach hinten gedrehtem Arm vom Türwächter festgehalten. Seine riesige Pranke umfasst ihren Hals, aus ihrer Nase strömt Blut.
„Komm näher!“, befiehlt der Dämon.
Ich gehorche, aus den Augenwinkeln die anderen beiden Dämonen beobachtend.
„Und jetzt knie nieder!“
„Erst lässt du sie los!“
Statt einer Antwort verstärkt er den Griff. Katharinas Genick kracht verdächtig und sie verzerrt das Gesicht vor Schmerz. Ich hebe eine Hand und schieße einen kleinen Feuerball ab. Wenn ich nichts unternehme, stirbt Katharina, eine Wahl habe ich gar nicht. Der Feuerball schießt an Katharinas Kopf vorbei und trifft den des Dämonen. Er lässt Katharina los und taumelt zurück. Ich sehe noch, dass sie mit dem Dolch in der Hand herumfährt, dann wende ich mich dem Dämon zu, dem ich vorhin das Gesicht demoliert hatte.
Er stürmt gerade auf mich zu. Ich halte ihn mit einem weiteren, deutlich größeren Feuerball auf, der seinen Körper sofort in Flammen hüllt. Lange werden sie ihn nicht aufhalten, aber es reicht.
Vielleicht.
Der dritte rennt mich von hinten um, dabei legt er wieder die Arme um mich. Anscheinend liebt er mich wirklich. Wir fallen, er auf mich. Das raubt mir vorübergehend den Atem, denn er ist verdammt schwer. Dann rollt er sich auf die Seite und drückt fester zu. Viel fester. Meine Rippen knacken. Ich sollte ganz dringend was unternehmen.
Da ich auf der rechten Seite liege, nutze ich nur das linke Bein. Mehrmals trete ich mit aller verbleibenden Kraft in sein Gesicht. Bis er endlich loslässt. Ich rolle mich von ihm weg und erhebe mich keuchend auf die Knie. Aus dem Gesicht des Dämons fließt irgendeine schwarzrote Masse. Vielleicht Blut, vielleicht etwas anderes. Ich will es gar nicht wissen.
Ich hole meinen Dolch hervor, rolle den schweren Körper auf den Rücken, dann stoße ich die Klinge in sein Herz und drehe sie schnell dreimal um.
Der Dämon erschlafft sofort.
Ich blicke mich um. Katharina hat den Türwächter aus dem Universum befördert, nur ein Dämon ist noch übrig. Der regeneriert sich noch von den Flammen, aber das wird nicht mehr lange dauern.
Katharina und ich setzen uns beide gleichzeitig in Bewegung. Ich gehe hinter seinem Kopf auf die Knie und halte die Arme fest. Katharina nickt verstehend, hockt sich auf seinen Bauch und stößt den Dolch mit aller Kraft in seine Brust. Der Dämon bäumt sich auf, doch nach drei schnellen Drehbewegungen stirbt auch er sofort und unwiderruflich.
Ich lasse mich nach hinten fallen und will nur noch schlafen.
Da erscheint Katharinas Gesicht über mir, aus ihrer Nase tropft Blut auf meinen Mund. Ich lecke es ab. Es schmeckt immer noch herrlich und vor allem herrlich süß.
„Fiona?!“
„Ich bin müde. Komm, leg dich zu mir.“
„Du verdammte Zicke! Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt!“
„Wieso nennst du mich Zicke?“ Ich richte mich stöhnend auf.
„Weil du eine bist! Komm jetzt!“
Sie zieht mich auf die Füße und zur Tür. Dort bleiben wir stehen, denn der Kampf scheint gerade vorbei zu sein. Es sieht aus wie nach einem Schlachtfest. Doch wir haben wohl gewonnen, denn während kein Halbvampir mehr auf den Beinen ist, sind unsere Leute es noch. Fast alle.
Karol scheint es erwischt zu haben. Burt kniet neben ihm, jetzt sieht er hoch und schüttelt den Kopf.
„SWAT Eins, Lagebericht?“
„Es ist vorbei. Von oben sind keine Kämpfe mehr zu sehen. Wir haben drei von diesen Kerlen erwischt, das war wirklich nicht einfach. So was habe ich noch nie erlebt. Wir haben einige Verletzte und insgesamt einen Verlust. Diese … diese Wasauchimmer sind wohl alle tot.“
„Was ist mit den Krumana?“, höre ich Halpha aus dem Headset.
„Drei Stück, sie sind tot.“
„Wo?“
„Im Haus.“
Gleich darauf stürmt Halpha an uns vorbei, langsamer gefolgt von Sarah, Helena und Jody. Dann kommt sie völlig entgeistert heraus und fragt: „Wart ihr zwei das?“
Katharina deutet auf mich: „Eigentlich sie. Ich habe nur ein ganz, ganz klein bisschen zugearbeitet.“
„Das Erdgeschoss ist ja völlig zerstört!“
„War ja auch ein harter Kampf“, erwidere ich und wische Blut aus meinem Gesicht.
„Du siehst aus, als hättest du eine Begegnung mit einem Dampfhammer gehabt“, bemerkt Nilsson.
„Ach was, war nur die Faust eines Krumana.“
„Ein Krumana hat dir ins Gesicht geschlagen und du lebst noch?“
„Du solltest mal den anderen sehen.“
Ich lasse ihn mit offenem Mund stehen und gehe herum. Die Halbvampire sind wirklich alle tot, auch die drei, mit denen die SWAT-Teams zu tun hatten. Karol wurde der Hals umgedreht und das Herz herausgerissen. Der Dolch steckt noch in ihm.
Alle sind mehr oder weniger blutbesudelt. Auch Helena und Jody sehen aus wie nach einem Schlachtfest. Bis auf kleine Kratzer sind sie unverletzt.
„Sie haben sehr gut gekämpft“, sagt Elaine, als sie merkt, dass ich die beiden beobachte.
Ich nicke.
„Wenn ich richtig gesehen habe, hast du zuerst ganz allein gegen die Krumana gekämpft.“
„Du hast richtig gesehen.“
„Dir ist klar, dass das die Runde in Kriegerkreisen machen wird? Eine Kriegerin, die den Kampf mit drei Krumana-Dämonen nicht nur überlebt, sondern auch noch gewinnt.“
„Deine Schwester hat mir geholfen.“
„Du hättest es auch ohne die geschafft“, sagt die Schwester. „Du hättest nur die Feuerbälle eher einsetzen müssen.“
„In einem Holzhaus? Keine gute Idee.“
„Wie auch immer, du hast es geschafft.“
Ich nicke erneut. Ja, das ist wahr. Mir tut zwar alles weh, aber ich lebe. Und ich weiß jetzt, wie scheußlich das Blut eines Krumana-Dämons schmeckt. Während ich mich umsehe, kommt mir der Gedanke, dass diese Truppe möglicherweise die Aufgabe hatte, mich zu töten. Nur dann ergibt es einen Sinn, dass die drei Krumanas offensichtlich auf mich gewartet haben. Und auch die Halbvampire waren anders als sonst.
Eine Falle.
Gefällt mir gar nicht.

[…]

„Eigentlich sind wir doch irgendwie Flüchtlinge, oder?“
„Irgendwie schon. Warum?“
Ich betrachte Margret, die sich jetzt in ihrem Sessel zurücklehnt und die Teetasse mit beiden Händen vor dem Bauch festhält.
„Weil das so ein unbestimmter Zustand ist. Ich meine, uns geht es gut. Schon allein diese Bibliothek, die wahrscheinlich mehr Bücher enthält als alle Bibliotheken der Erde zusammen. Wir haben alle ein eigenes Zimmer, wir haben genug zu essen. Ich will mich also gar nicht beschweren. Aber letzten Endes sitzen wir nur herum und warten darauf, dass etwas geschieht. Und vor allem, wir können nicht in unsere Heimat zurück, weil es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.“
„Ja, das ist richtig.“
„Wird es sie überhaupt jemals wieder geben? Oder ist sie für immer verloren?“
„Ich weiß es nicht. Beim ersten großen Krieg hat Dargk wohl so was wie einen Reset durchgeführt und alles in den Zustand vor dem Großen Krieg zurückversetzt. Dadurch erinnert sich auch niemand daran, mal von Ryema und Halpha abgesehen.“
„Halpha hat keine Erinnerung mehr daran, hat sie mir gesagt.“
„Das liegt aber nicht am Reset.“
„Wahrscheinlich nicht.“
Ralph kommt angestürmt. Von Ruhe in einer Bibliothek und solchen Sachen weiß er ja nichts. Er klettert auf meinen Schoß und erzählt ganz begeistert, dass er sooooo einen Schneemann gebaut hätte.
„Schneemann?“, fragt Margret irritiert. „Es ist doch viel zu warm!“
„Aber nicht auf dem Eisplaneten! Ich war mit meiner Schwester und den anderen gutaussehenden Mädels auf dem Eisplaneten und habe einen Schneemann gebaut, der war soooo groß! Größer als mein Vater …“ Er hält inne und starrt an mir vorbei. Es dauert nur einen kurzen Moment, dann lächelt er wieder. „Und jetzt gehen wir auf die Wasserrutsche!“
„Viel Spaß!“, rufe ich ihm hinterher, denn er ist bereits wieder unterwegs.
„So jung müsste man wieder sein“, sagt Margret neidisch. „Und ein Schelm ist er auch noch. Das mit den gutaussehenden Mädels hat er sich gut gemerkt.“
„Ja, er hat es faustdick hinter den Ohren. Aber da kenne ich auch andere.“
„Ach?“
Ich nippe an meinem Tee. „Angenommen, wir schaffen das. Die Noispeds werden aufgehalten, das Universum kann weiter existieren, aber es gibt keinen Reset. Alle erinnern sich an alles. Würdest du überhaupt auf die Erde zurückkehren wollen?“
„Ich glaube nicht.“
„Dachte ich mir.“
„Versteh mich nicht falsch. Es geht mir nicht darum, mich vor der Aufbauarbeit zu drücken. Aber nachdem ich gesehen habe, was es sonst noch gibt, ich weiß, welche Möglichkeiten das Universum eigentlich bietet, würde ich die Erde als sehr beengend empfinden. Und ich glaube nicht, dass die Menschen schon so weit sind, über den Rand der Erde hinaus zu denken.“
„Das glaube ich auch nicht. Warum sprichst du nicht mit Ryema?“
„Mit Ryema sprechen?“
„Ja, frag sie doch, ob du hier bleiben kannst. Dauerhaft. Mit einer Aufgabe, einer eigenen Wohnung.“
„Hm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Familie auch hier bleiben würde.“
„Ich kann es mir auch nicht vorstellen, aber du bist erwachsen. Und der Kontakt würde ja nicht abbrechen.“
„Das ist wahr. Meinst du wirklich, ich kann Ryema einfach fragen?“
„Wieso nicht?“
„Na ja. Sie ist doch irgendwie die Präsidentin hier, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Eben.“
„Da hat sie bestimmt anderes zu tun, als mir Asyl zu gewähren.“
„Hast du Angst vor ihr?“
„Nicht direkt Angst. Aber sie hat etwas an sich, etwas Unnahbares.“
„Ja, hat sie. Aber dich kennt sie persönlich, außerdem ist sie trotzdem umgänglich.“
„Das stimmt. Okay, ich glaube, ich werde sie ansprechen und fragen. Aber ein seltsames Gefühl ist es schon, eine so mächtige Frau einfach so mal zu fragen.“
„Du sprichst ja auch mit mir“, erwidere ich lächelnd.
„Hm.“
„Oder bin ich nicht mächtig?“
„Auf eine Weise schon. Aber ich glaube, das habe ich gar nicht verinnerlicht. In meinem Bewusstsein bist du immer noch die Frau meines Onkels.“
„Und Ryema ist die Frau, mit der zusammen du Silvester gefeiert hast. Und Weihnachten.“
„Auch wieder wahr.“
„Und die Mutter deiner Freundin Halpha. Und die Tante deines Verehrers Ralph.“
„Hör bloß auf!“, sagt sie lachend.
„Vielleicht sollte ich Ryema auch mal fragen.“
„Wieso?“
„Damit ich auch eine Aufgabe habe. Nur herumsitzen und abwarten ist doof.“
„Dann sitz doch nicht herum, sondern tue etwas. Such die Noispeds.“
„Das tun doch so viele schon“, erwidere ich seufzend. „Ich bräuchte irgendwie so eine Fähigkeit wie Professor X, mit dem ich das Universum durchscannen kann.“
„Hast du die nicht?“
Ich schüttele den Kopf. „Leider nein. Ich kann zwar in der Verborgenen Welt nach Mustern suchen, aber das ist sehr ungenau, außer, es ist in meiner Nähe …“ Ich halte inne, als ein Gedanke, die Spur eines Gedankens durch meinen Kopf schießt.
„Fiona?“
„Die Verborgene Welt“, murmele ich. „Die Zauberer tun das doch schon die ganze Zeit, sie scannen das Universum nach typischen magischen Verwerfungen, Strukturen. Garoan und die Ur-Wesen, sie erzeugen sehr starke Verwerfungen, das müssten die Zauberer eigentlich sehen können. Und die wissen das auch. Also werden sie irgendwo sein, wo selbst sie nicht auffallen … Verdammt, verdammt! Wieso bin ich nicht schon früher darauf gekommen?“
„Fiona! Was ist denn los?“
Ich springe auf und laufe los, Margret folgt mir.
„Ich glaube, ich weiß, wo sie sind“, erkläre ich ihr.
„Wo denn?“
„Ich möchte nicht alles zweimal erzählen. Komm mit.“
Ryema befindet sich in einer Besprechung mit ihrem Kabinett, in die wir hineinplatzen. Zwar versucht ihre Assistentin, uns aufzuhalten, aber völlig erfolglos.
Ryema blickt hoch und starrt uns an. Die anderen kenne ich vom Sehen und sie kennen mich, wissen, wer ich bin.
„Ruf die anderen zusammen, Ryema! Ich weiß, wo wir die Noispeds finden!“
„Du. Weißt. Wo. Wir. Die. Noispeds. Finden?“, wiederholt sie langsam.
„Ja! Ruf alle zusammen. In einer Viertelstunde im Speisesaal!“ Damit rase ich wieder aus dem Sitzungssaal und fliege in unser Schlafgemach. Katharina liegt lesend auf dem Bett und schaut erstaunt hoch.
„Was ist passiert?“
„Große Besprechung in ein paar Minuten. Zieh dich an!“
„Haben wir Zeit, um …“
„Nein!“ Ich bringe ihr den Hausanzug, den sie achtlos auf den Boden geworfen hat und helfe ihr beim Anziehen. Im Moment könnten mich selbst ein Dutzend nackter Katharinas nicht erregen und auf andere Gedanken bringen.
„Um was geht es denn bei der Besprechung?“, erkundigt sich Katharina, während ich sie hinter mir herziehe.
„Wo wir die Noispeds finden.“
„Oh, haben die Zauberer sie gefunden?“
„Nein, ich weiß, wo sie sich verstecken.“
„Du weißt, wo sie sich verstecken? Woher weißt du das?“
„Weil es logisch ist! Ich hätte schon viel eher draufkommen können, wenn ich mich nur damit beschäftigt hätte. Die Schlange hatte recht, ich war viel zu sehr darauf fixiert, die Erde zu retten!“
„Die Schlange?“ Katharina packt mich und zwingt mich, anzuhalten. „Jetzt mal langsam, junge Dame! Welche Schlange?“
„Die Schlange vom Erdenbaum. Tausendmal durchgegangen und ausgerechnet beim letzten Mal, als ich es eilig hatte, musste sie auftauchen und wollte mit mir sprechen.“
„Das hast du ja noch gar nicht erzählt.“
„Ich wollte es vergessen“, murmele ich. „Die blöde Schlange hat mich vollgequatscht, von wegen, ob ich denn meine Aufgabe akzeptiere. Wie damals auch.“
„Aha. Und, akzeptierst du?“
„Jetzt fang nicht du auch noch damit an!“ Ich starre sie wütend an. „Es reicht schon, dass ich mich selbst am liebsten verprügeln würde! Ich war sooo dämlich! Verdammt noch einmal!“
„Wobei warst du dämlich?“
„Ich habe mich von Garoan verarschen lassen! Wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, meine Familie und die Erde zu beschützen, wäre ich viel eher darauf gekommen, wo die Noispeds sein müssen und der ganze Spuk wäre bereits vorbei!“
„Ich glaube, ich verstehe kein Wort.“
„Gleich wirst du es verstehen. Komm!“
Die anderen sind schon da, als wir in den Speisesaal rennen. Alle Augenpaare richten sich auf mich. Ich habe ihre volle Aufmerksamkeit. Mit Katharina gehe ich zu unserem üblichen Tisch und wir setzen uns. Dann springe ich auf, gehe zur Bar und mache mir einen doppelten Scotch.
„Kann sie jemand mal ein oder zwei Stufen herunterregeln?“, bemerkt Michael genervt. „Und sie dazu bringen, uns den Grund ihrer Panik zu erzählen?“
„Mit Panik hat das nichts zu tun, du Idiot!“, fahre ich ihn an. Dann hebe ich die Hand. „Tut mir leid, tut mir leid! Wie ihr alle wisst, sind wir intensiv dabei, Garoan und seine Sippe zu suchen …“ Ein Stöhnen geht durch den Raum. „Was? Wollt ihr es hören oder nicht?“
„Jetzt mach es doch nicht so spannend!“, ruft Sarah.
„Wo würdet ihr euch verstecken, wenn ihr nicht möchtet, dass ihr gefunden werdet, nicht einmal von Zauberern?“
„Da gibt es Millionen von Orten!“, erwidert Michael.
„Falsch! Es gibt genau einen einzigen!“
„Einen einzigen? Im ganzen Universum?“
„Ja!“
„Wieso das denn?“
„Weil jeder von diesen Millionen Orten potenziell innerhalb von kürzester Zeit entdeckt werden könnte. Nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Dieses Risiko würde Garoan niemals eingehen. Aber es gibt einen Ort, den können nicht einmal die besten Zauberer dieses Universum zuverlässig scannen.“
„Scheiße“, sagt Nasnat. „Scheiße!“
Alle starren jetzt ihn an, so ungewohnt ist dieser Ausbruch bei ihm.
„Habe ich recht?“, frage ich ihn.
„Mir blutet das Herz, das zugeben zu müssen, aber du hast recht.“
„Und wie heißt denn nun dieser Ort?“, erkundigt sich Katharina. „Könnt ihr uns Unwissende aufklären?“

 

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