Wenn ich erwartet habe, in einem Büro zu landen, dann habe ich mich getäuscht. Obwohl, erwartet habe ich es nicht, nur verwundert hätte es mich auch nicht. Doch tatsächlich befinde ich mich in einer Art Bibliothek. Eigentlich ist es eine Mischung aus Bibliothek mit dem dazugehörigen Duft alter Bücher und aus einem Salon wie aus einer alten herrschaftlichen Villa aus dem vorletzten Jahrhundert.
Irgendwie passt dazu auch der Mann ganz gut, der mit dem Rücken zur Tür an einem der großen Fenster steht und nach draußen blickt. Er ist schlank und dunkelblond. Vielleicht der Kerl, den Michael erwähnt hat.
Jetzt dreht er sich um und sieht mich an. Er hat braune Augen, die sich förmlich in meinen Kopf zu bohren scheinen. Und jung sieht er aus, sogar jünger als ich. Auf seine Art durchaus attraktiv.
„Ihr könnt gehen“, sagt er zu meinen Begleitern. Als sich die Tür hinter denen schließt, fährt er zu mir gewandt fort: „Entschuldige, dass ich dir die Fesseln nicht abnehme. Ich weiß, dass du ziemlich impulsiv sein kannst.“
„Sieh an, hast du etwa Angst vor mir?“
Er lacht kurz auf. „Ich glaube nicht, dass du mir schaden könntest. Aber vermutlich würde einiges zu Bruch gehen. Sagen wir, es wäre unnötig. Ich will nur mit dir reden.“
„Reden? Aha.“
Wieder lacht er kurz. „Nun, ihr seid hier eingedrungen. Eigentlich könnte ich euch einfach umbringen lassen. Es würde niemanden interessieren.“
„Sei dir dessen nicht so sicher.“
„Nun, wer weiß schon davon, dass ihr hier seid? James? Seine Freunde beim Geheimdienst? Eine illegale Operation, an der Zivilisten teilnehmen. Zivilisten, die keine Menschen sind.“
„Es gibt noch mehr Krieger.“
„Ich weiß“, sagt er nickend. „Aber wissen die, wo ihr seid? Selbst wenn sie es wüssten, sie haben keinen Grund, einzugreifen. Ihr seid doch hier, weil du bedroht wurdest. Genauer gesagt, nicht einmal du, sondern deine Familie.“
„Von dir?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, von mir nicht. Es war dumm, dir diese Mail zu schicken. Sehr dumm. Aber es ist nun einmal geschehen und ihr seid hier. – Du bist hier.“
„Scheint dich ja zu freuen. Soll ich mich ausziehen?“
Er betrachtet mich von Kopf bis Fuß. „Nein, daran habe ich kein Interesse.“
„Noch ein Schwuler!“, sage ich aufstöhnend.
„Das sagt die Richtige.“
Ich überlege, ob er von Katharina wissen kann. Aber das ist ausgeschlossen. Die wenigen, die davon wissen, würden es niemandem verraten. Schon mal gar nicht solchen Typen wie ihm. Aber was meint er dann? Plötzlich ahne ich es.
„Ich sehe, du erinnerst dich an Anne Marie.“
„Zanda scheint ja dein Busenfreund zu sein.“
Jetzt lächelt er nur. „Ich kenne ihn, mehr nicht. Doch darüber wollte ich mich gar nicht mit dir unterhalten.“
Ich gehe langsam auf ihn zu. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen kann ich ja nicht sehr bedrohlich wirken. Er macht tatsächlich keinen besorgten Eindruck, wirkt eher amüsiert.
Ich bleibe einen Schritt vor ihm stehen und frage leise: „Worüber willst du dich denn unterhalten?“
Seine Antwort kommt genauso leise: „Ich brauche den Spiegel.“
„Den Spiegel?“
„Ja, den Spiegel. Den, den die Liliths bewachen.“
„Oh, den Spiegel meinst du. Okay, kein Problem.“
Er mustert mich stirnrunzelnd. „Kein Problem?“
„Kein Problem. Du weißt ja alles, dann weißt du ja, wo die Liliths sind. Frag sie einfach. Draußen steht die zu Stein erstarrte Lilith, die werden dir den Spiegel bestimmt gerne geben.“
Es wird kalt. Sehr kalt. Augenblicklich kondensiert meine Atemluft.
Oh, oh. Ein Zauberer!
„Dein Sinn für Humor ist berüchtigt, Fiona“, sagt er langsam. „Zanda hat mir von eurer Begegnung erzählt. Es ist ebenfalls bekannt, dass du anscheinend vor nichts und niemandem Angst hast.“
„Du kennst mich ja wirklich gut, das muss ich schon anerkennen.“
„Die Sache ist die: Ich brauche diesen Spiegel. Und ich werde ihn bekommen. Es liegt an dir, ob ihr, also du und deine Freunde, dafür leiden müsst oder nicht. Glaub mir, es gibt Schmerzen, die auch deinen Willen brechen können.“
„Oh, das glaube ich dir. Aber ich glaube nicht, dass du in der Lage bist, mir solche Schmerzen zuzufügen.“
Er lächelt mal wieder. Es ist faszinierend, wie sich sein Gesicht verändert hat, seitdem ich in diesem Raum bin. Vom anfangs fast schon fröhlichen Lachen bis zu diesem wölfischen Zähnefletschen jetzt.
Faszinierend.
Ich kann das halt wirklich gut.
„Aber mal was ganz anderes. Ist es vielleicht doch kein Zufall, dass wir hier sind und auf dich treffen?“
„Es gibt keine Zufälle. Alles hat einen Grund.“
„Im Gegensatz zu deiner Antwort war meine Frage nicht philosophisch gemeint.“
„Ich weiß“, sagt er. „Du wirst dich damit zufriedengeben müssen. Ich will, dass du jetzt sehr genau nachdenkst. Und ich weiß, dass du das kannst. Ich weiß, dass sich hinter deiner provokanten Art ein Geist versteckt, der sehr gut und rational nachdenken kann. Wenn du mir nicht freiwillig verrätst, wo ich den Spiegel finde, werde ich es auf andere Weise von dir erfahren. Du und deine Freunde, ihr werdet dabei Schmerzen erfahren, von denen ihr nicht mal in euren schlimmsten Träumen was ahnt.“
„Ich glaube nicht, dass du in der Lage bist, meine Schmerzerfahrung zu steigern. Übrigens, wie heißt du überhaupt?“
Sein Gesichtsausdruck ist wie aus Stein gemeißelt.
„Verzeih meine Unhöflichkeit. Mein Name ist Garoan und ich bin ein direkter Nachfahre von Gald.“
„Wie schön für dich. Mir sagen beide Namen nichts.“
Wieder dieses wölfische Lächeln. „Du enttäuschst mich. Ich habe nicht gedacht, dass du so wenig weißt. Drol Wayne hätte dich besser vorbereiten sollen. Nun, das ist nicht mein Problem.“ Als die Tür aufgeht, winkt er den sieben Männern, die ich schon kenne, zu. „Bringt sie ins Behandlungszimmer und sorgt dafür, dass sie ein unvergessliches Erlebnis hat.“
Das klingt nicht wirklich gut. Aus der Tür blicke ich zurück und sehe, dass er mich nachdenklich beobachtet.
Ich habe das dumpfe Gefühl, dass sehr, sehr unangenehme Stunden auf mich warten.

 

Zurück zu Band 5