Anne Marie wartet bereits ungeduldig auf mich. „Wo warst du, Fiona?“
„Bei deinem Onkel.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Was wollte er denn von dir?“
Ich nehme sie in die Arme. „Dass ich seinen Schwanz lutsche.“
„Dieser … dieser …“
„War ein Scherz!“ Ich lache und küsse sie. „Ich hätte ihm den Schwanz eh abgebissen. Nein, er hat mir nur gesagt, dass ich mich nirgendwo auf der ganzen Erde verstecken könnte, wenn ich dir auch nur ein Haar krümme.“
„Ist das auch ein Scherz?“, fragt sie misstrauisch.
„Nein, das war die komprimierte Zusammenfassung des Gesprächs.“
„Aha.“
„Ich durfte von seinem guten Whisky trinken und im Sessel sitzen.“
„Aha!“
„Wundert dich das?“
„Allerdings! Du bist für ihn bloß eine Blutsklavin!“
„Das stimmt nicht. Ich bin Fiona, die Kriegerin, und das ist ihm sehr bewusst.“
„Und was bedeutet das konkret?“
„Dass ihm klar ist, dass ich nicht ewig hierbleiben werde.“
Anne Marie löst sich abrupt aus meiner Umarmung und wendet sich ab. „Du willst also gehen.“
Ich verdrehe die Augen. Ich mag sie ja wirklich, aber Verliebtheit geht anders. Und mit Katharina kann sie es nicht ansatzweise aufnehmen. Keine Frau kann das. Ich frage mich, was ich für Anne Marie tatsächlich empfinde. Mitleid? Nein, das ist es nicht. Sie ist hübsch, sie ist nett und vor allem ist sie ehrlich. Inzwischen weiß ich auch, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, den Menschen hier das Leben zu erleichtern. Viele Annehmlichkeiten, die die Blutsklaven genießen, waren ihre Idee. Das rechne ich ihr durchaus hoch an. Aber trotzdem könnte sie auch andere Entscheidungen treffen. Sowohl Katharina als auch ich wären an ihrer Stelle schon längst fort aus Kanaan.
„Denkst du darüber nach, wie du am besten fliehen kannst?“, kommt es von der Schmollenden.
Ich muss lachen. „Nein, Süße, wenn ich das schon wüsste, täte ich es. Ich hasse es, Gedanken auf Aussichtsloses zu verschwenden. Ich habe über dich nachgedacht.“
„Über mich?“ Sie fährt herum, und erstaunt registriere ich die Tränen, die ihre Wangen benetzen. „Was hast du gedacht? Sag es mir!“
„Dass du ganz schön herrisch sein kannst.“
„Entschuldige.“ Sie senkt erschrocken den Kopf. „Bitte, was hast du gedacht?“
„Ich habe versucht, mir darüber klar zu werden, was ich für dich empfinde. Anne Marie, ist dir wirklich nicht klar, dass wir auf ganz unterschiedlichen Hierarchiestufen stehen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das tun wir nicht. Wir sind beide Menschen. Wir sind sogar beide besondere Formen von Menschen, du genauso wie ich. Ich bin nicht besser als du und umgekehrt. Bloß weil ich hier lebe, bedeutet das noch nicht, dass ich die Ansichten meines Onkels oder der Familie teile.“
„Und warum bleibst du dann hier?“, erkundige ich mich leise.
„Wo sollte ich denn hin? Ich, eine Vampirin? Welche Chance hätte ich, die Verhätschelte, denn ohne den Schutz meiner Familie? Glaubst du wirklich, ich habe eine Wahl?“
Ich kaue auf meiner Unterlippe rum. „Gut, das verstehe ich. Und außerdem wollte ich dir eigentlich keine Vorhaltungen machen. Deine Ansichten in Ehren, Fakt ist, ich bin eine Gefangene, du nur durch die Umstände. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich mag dich, Anne Marie. Das meine ich ernst. Ich mag dich sogar sehr.“
„Aber du liebst mich nicht.“ Sie senkt den Blick.
„Ich bin nicht in dich verliebt.“
„Weil du schon in jemanden verliebt bist.“ Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja“, erwidere ich leise.
„Ohne dass diese Liebe erwidert wird? Dann bist du ja in derselben Situation wie ich!“
„Nicht ganz.“ Ich schlucke und muss mich ganz stark konzentrieren, um nicht in Tränen auszubrechen. Dieses Gespräch entwickelt sich in eine Richtung, die mir überhaupt nicht gefällt. Vor allem kann ich nicht weiterreden, weil ich befürchten muss, dass ich dann ganz sicher in Tränen ausbreche. Und dass Anne Marie mir das ansieht, ist klar. Sie umarmt mich. „Das tut mir leid“, flüstert sie. „Eine … sehr paradoxe Situation, findest du nicht auch?“
Doch, das finde ich allerdings. „Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich nicht drangegangen, als Ben mich anrief“, bemerke ich leise.
„Wie bitte?“
„Nur ein idiotischer Gedanke. Ein Anruf ist schuld, dass ich hier bin. Und überhaupt. Lass uns lieber was Schönes machen.“
„Du darfst weinen“, sagt Anne Marie übergangslos. „Ich habe kein Problem damit.“
„Das ist schön“, erwidere ich säuerlich. „Wieso sollte ich weinen wollen?“
„Weil es wehtut. Sehr. Hier, tief innen.“ Sie legt eine Hand auf meine linke Brust. Eine scherzhafte Erwiderung, warum denn mir die Brust wehtun sollte, bleibt in meinem Hals stecken.
„Anne Marie“, flüstere ich, „ich will nicht weinen. Nicht, weil du es sehen könntest, ich bin mir sicher, dass ich dir vertrauen kann. Aber ich weiß, dass das Weinen keine Erleichterung bringt, sondern den Schmerz nur noch verstärkt. Glaub mir, ich habe schon sehr viel geweint deswegen, und es wurde jedes Mal noch schlimmer.“
„Das tut mir ja so leid.“ Sie nimmt mein Gesicht zwischen die Hände. „Das tut mir so leid für dich.“
Jeder Mensch hat Grenzen, auch ich. Diese Geste ist eindeutig zu viel. Da ist so viel Liebe und Mitgefühl drin. Mein Widerstand bricht völlig in sich zusammen und ich mit. Anne Marie hält mich fest, als mein Körper von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Wir sinken beide auf den Boden, und sie hält mich einfach nur wiegend fest, während ich den Tränen freien Lauf lasse.

 

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