Nach Einbruch der Dunkelheit kamen sie viel langsamer vorwärts, denn der Händler stolperte ständig und wirkte überhaupt sehr unsicher. Sie konnten seine Angst förmlich riechen. Aber wovor fürchtete er sich?
„Wir nähern uns etwas Dunklem, Bösem“, bemerkte Sarah düster.
„Wir sind bald da“, erwiderte der Händler nervös. „Es ist gefährlich in der Nähe der Hängebrücken.“
„So ein Unsinn“, knurrte Thomas. „Gefährlich sind nicht die Brücken, sondern der Abgrund unter ihnen.“
„Und das, was da lauert“, flüsterte der Händler. Thomas winkte ab. Er reagierte auf Aberglauben im Allgemeinen gereizt, hielt sich lieber an Fakten. Auch wenn sein Glaube an das Anfassbare einen schweren Dämpfer erhalten hatte, als seine Schwester ihm erzählte, wie die toten Freunde ihn und Sarah in das Versteck der alten Frau getragen hatten.
Sie erreichten den Abgrund ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Er war einfach da. Der Wald hörte unvermittelt auf und dahinter war nichts. Sarah, die voranging, trat ins Leere und ruderte mit den Armen, während eine Steinlawine nach unten losging. Thomas packte ihren Arm und riss sie zurück.
„Verfluchte Scheiße!“, schrie Sarah. „Was ist das?“
„Der Abgrund“, erwiderte Thomas trocken, vom Rand aus einen Blick in die Finsternis werfend. „Und zwar ein ziemlich tiefer. Wir haben wohl Heyges erreicht.“
„Ja, genauso ist es!“, rief der Händler, dessen kreideweißes Gesicht im Dunkeln leuchtete. „Ich habe meinen Teil erfüllt und euch hierhergeführt. Darf ich jetzt gehen?“
Katharina und Thomas sahen Sarah an, die nach kurzem Nachdenken an den Händler gewandt sagte: „Ja, du bist frei. Hau ab!“ Dann zu ihren Gefährten, nachdem die Schritte des Mannes verklungen waren: „Und jetzt?!“
„Wir müssen auf die andere Seite, hat deine Oma gesagt.“ Thomas zuckte die Achseln. „Irgendwo wird eine Brücke sein, die müssen wir suchen.“
„Hervorragend!“ Sarah stieß schnaubend die Luft aus. „Warum stehen wir dann noch hier rum?“
„Manchmal bist du einfach nur ätzend“, sagte Katharina kopfschüttelnd. „Warum suchst du nicht, anstatt hier zu jammern?“
Sarah warf ihr giftige Blicke zu, deren Wirkung in der Dunkelheit verpuffte. Dann marschierte sie einfach los. Thomas und Katharina eilten hinterher, und als Thomas sie eingeholt hatte, packte er sie an den Schultern. „Hey, hey! Wieso grad in diese Richtung?“
„Eine blöde Frage!“, zischte Sarah. „Völlig egal, in welche Richtung wir gehen! Irgendwo kommen wir auf jeden Fall an, oder?“
„Weibliche Logik?“
„Meine Logik!“ Sarah riss sich los und lief weiter. Katharina stöhnte unterdrückt, dann folgten sie ihr.
Beinahe übersahen sie es. Es war Sarah, die es trotzdem bemerkte und so abrupt stehen blieb, dass Thomas gegen sie lief. Sarah schloss kurz die Augen. Die Berührung seines Körpers jagte wohlige Schauer durch den ihren. Dann atmete sie tief durch, hielt ihm den Mund zu und deutete auf die Stelle, die ihr aufgefallen war. „Was siehst du da?“
Thomas sah es jetzt auch. Vom Gestrüpp verdeckt war die Stufe nur schwer erkennbar. Und eine Stufe am Abgrund, das war nicht alltäglich. Er holte sein Schwert hervor und beseitigte das Gestrüpp. Vor ihnen lag nun eine in Stein geschlagene Treppe, deren Stufen auf eine Brücke führten, die sich in der Dunkelheit verlor.
„Die Brücken von Heyges“, stellte Katharina fest. „Noch ist niemand von ihnen zurückgekehrt.“
„Doch, meine Oma“, erwiderte Sarah und starrte auf die Stufen. „Und bestimmt auch andere Leute. – Und, wollen wir?“
„Was heißt hier wollen?“ Thomas schnaubte. „Wir müssen, wie es aussieht.“
„Dann mal los!“
Und bevor jemand etwas sagen konnte, betrat Sarah die erste Stufe. Mit wenigen Sprüngen landete sie auf der Brücke und drehte sich triumphierend um. „Na? Nichts passiert! Kommt ihr jetzt endlich?“
Katharina und Thomas folgten ihr. Die Brücke wirkte stabil, sie bewegte sich unter ihnen nicht. Thomas fand das erstaunlich. Eine Hängebrücke sollte nicht so starr sein, sondern zumindest in Schwingung geraten, wenn jemand sie betrat. Die Tatsache, dass diese Brücke starr blieb, war ein Grund zur Beunruhigung, wie er fand.
Sarah lief voraus, und Katharina und Thomas folgten ihr, wenn auch widerwillig. Die Dunkelheit hüllte sie ein. Irgendwann konnten sie den Beginn der Brücke genauso wenig erkennen wie das Ende, und auch unter ihnen war nur die Schwärze der Finsternis. Sie waren völlig wehrlos.
„Warum haben die Leute eigentlich so eine Angst vor dieser Brücke?“, erkundigte sich Katharina.
„Die Wahrheit oder die Legende?“
„Was ist denn der Unterschied?“
„Die Legende kennen alle, die Wahrheit niemand.“
„Aha.“ Katharina schüttelte den Kopf. „Dann die Legende bitte.“
Thomas schüttelte sich. Er vermied es, nach unten zu schauen. „Also gut, die Legende. Sie besagt, dass diese Brücken – es sind mehrere, die sich irgendwo kreuzen – von den Göttern gespannt wurden, damit sie von hier aus die Drachen beobachten konnten. Die Drachen lebten unten in der Schlucht. Zwar konnten sie fliegen, aber weil sie so schwer waren, eben nicht hoch genug, um bis zu den Brücken zu kommen. Als die Götter die Drachen langweilig zu finden begannen, kamen die Menschen. Das Volk der Kaynsar ließ sich hier nieder, schlug Höhlen in die Felsen und wähnte sich in Sicherheit vor den Drachen. Die Drachenperlen brachten ihnen genug Geld ein …“
„Moment mal“, unterbrach ihn Katharina. „Die Kaynsar stahlen den Drachen die Perlen?“
„Ja.“
„Aber Drachen sterben doch, wenn man ihnen die Perle wegnimmt!“
„So ist es. Aber das störte die Kaynsar nicht. Sie handelten damit und wurden reich. Es war natürlich nicht ungefährlich, nach unten zu klettern und die Perlen zu klauen, aber da die Drachen so schwer und langsam waren, starben nur wenige Kaynsar. Und es galt als Heldentat. Naja, irgendwann lernten die Drachen, hoch genug zu fliegen, um die Brücken zu erreichen.“
„Oh.“ Katharina sah nervös nach unten. „Sind sie denn noch da?“
„Klar“, sagte Thomas grinsend. „Hörst du die Flügelschläge?“
„Arschloch!“, rief Sarah von vorne. „Du bist ja so blöd, ­Thomas!“
„Also nein?“ Katharina blickte ihren Bruder durchdringend an.
„Natürlich nicht“, erwiderte Thomas. „Glaubst du etwa an Drachen? Das ist alles nur eine Legende.“
„Ja, so wie die Hexen.“ Katharina hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Aber bis auf das Pfeifen des Windes konnte sie nichts hören. „Und, was geschah dann?“
Thomas zuckte mit den Achseln. „Die Drachen haben sich die Menschen geholt. Die Überlebenden zogen sich in die Höhlen zurück, die sie in die Felsen geschlagen hatten, aber die Drachen waren auch nicht blöd. Sie haben die Kaynsar ausgeräuchert.“
„Oh, oh. Klingt nicht gut.“
„Immerhin hatten sie die Wahl, an einer Rauchvergiftung zu sterben oder geröstet zu werden. Ist doch ein tröstlicher Gedanke.“
„Blöd, blöd, blöd, der Thomas, der ist blöd!“, sang Sarah.
„Drachen sind blöd, und es ist blöd, an sie zu glauben. Ich habe jedenfalls noch nie einen Drachen gesehen.“
„Aber du glaubst schon, dass du von deinen toten Freunden vom Kreuz geholt wurdest?“, fragte Katharina.
„Ja, weil du gesagt hast, dass du es selbst gesehen hast.“
„Und warum sollte es keine Drachen geben, wenn Tote durch die Gegend laufen?“
„Weil es tote Menschen gibt. Drachen habe ich noch nie gesehen, tote Menschen schon.“
„Auch solche, die durch die Gegend laufen?“
„Nein“, gab Thomas zu.
„Also könnte es auch Drachen geben, oder?“
„Ja, könnte es. Ich habe trotzdem keinen gesehen. Und mehr Zugeständnisse wirst du von mir nicht bekommen. Es könnte ja auch Windelfen und weinende Götter geben. Möglich ist alles. Ich halte mich aber an das, was ich sehen, hören und schmecken kann. Der Rest ist Spekulation und sinnlos.“
„Und eigentlich ist es auch Spekulation, dass wir hier auf dieser komischen Brücke stehen.“ Katharina warf einen misstrauischen Blick nach unten.
„Dann lass uns mal weiter spekulieren.“ Thomas verdrehte die Augen und ging weiter. Warum wurde er so bestraft? Und wofür? So viel Schlimmes hatte er gar nicht getan. Nun ja, bis auf eine Sache. Er verscheuchte schnell wieder den Gedanken daran. Es war schon ein seltsames Gefühl, auf dieser Brücke zu stehen, weit weg von festem Boden. Und unter ihnen der dunkel lauernde Abgrund, dessen wahre Tiefe sie überhaupt nicht erkennen konnten. Und nein, Drachen gab es einfach nicht. Dennoch war da eine Kälte unter ihnen, die er sich rational nicht erklären konnte. Kopfschüttelnd dachte er, dass er allmählich auch hysterisch wurde wie seine Schwester. Oder durchgeknallt wie Sarah, die singend vor ihm hertänzelte. Dann sah er sie wieder mit ausgekugelten Schultern am Kreuz hängen, bewusstlos und das Gesicht trotzdem vor Schmerz verzerrt. Sarah, die Prinzessin. Verrückt, und irgendwie auch liebenswert. Gleichzeitig auch hart. Ihr Gesicht, als sie den Soldaten im Wagen erwürgt hatte. Starr wie eine Maske.
„Ich bin müde!“, rief Sarah.
„Dann schlaf doch!“, erwiderte Thomas.
„Habe ich vor. Und zwar in der Höhle!“
„In welcher Höhle?“ Thomas sah jetzt, dass sie die andere Seite erreicht hatten. Von der Brücke führten Steinstufen nach unten zum Eingang einer Höhle. Von solchen Höhlen hatte er vorhin gesprochen. Auch in dieser waren Menschen gestorben, als die Drachen ihr Feuer hineingeblasen hatten. Die nicht vorhandenen Drachen, die es nie gegeben hatte, ermahnte er sich.
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, meinte Katharina. „Warum klettern wir nicht nach oben? Da finden wir bestimmt auch einen guten Platz zum Schlafen.“
„Hast du etwa Angst?“, fragte Sarah provozierend.
„Nein!“
„Na dann!“ Sarah rannte die Stufen hinunter und verschwand dann in der Höhle. Ein gellender Schrei erklang. ­Thomas folgte ihr mit gezogenem Schwert, da kam sie auch schon lachend wieder heraus. „Nur ein Scherz! Hier ist nichts, außer etwas Asche.“
„Asche?“ Sarah zuckte die Achseln.
„Na, vom Drachenfeuer, denke ich. Ich meine das Feuer, das die nicht existierenden Drachen rumgespuckt haben!“ Sie lachte wieder. „Jetzt kommt schon, da drin ist es wesentlich angenehmer als hier draußen. Es ist kalt, und ich bin verdammt müde!“
Thomas schob die Klinge in ihre Scheide zurück und folgte Sarah in die Höhle. Er hörte, wie Katharina ihnen zögernd hinterherkam. Der Boden war tatsächlich von Asche bedeckt. Wahrscheinlich hatten irgendwelche Reisenden hier Feuer gemacht, und im Laufe der Jahrzehnte war es immer mehr Asche geworden. Eine gute Erklärung, beschloss er.
„Wenn hier so viele Menschen gestorben sind, könnten ihre Seelen noch hier rumirren“, bemerkte Katharina. Ihr war kalt.
„Ja, allerdings.“ Sarah schaute sich um. „Vielleicht bleiben wir lieber hier vorne.“ Sie starrte in die Tiefe der Dunkelheit und hatte das Gefühl, eine Bewegung vernommen zu haben. Jetzt ließ sie sich schon von Katharinas Ängstlichkeit anstecken. Sie schüttelte den Kopf. „Ein hervorragender Platz zum Schlafen. Sobald es hell ist, geht es weiter!“
„Jawohl, Eure Hoheit.“ Thomas breitete seine Decke auf dem Boden aus, legte sich darauf und schloss die Augen. Er war so müde, dass er beinahe augenblicklich einschlief.

 

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