{"id":3306,"date":"2019-09-15T11:09:56","date_gmt":"2019-09-15T09:09:56","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/?p=3306"},"modified":"2021-09-26T11:16:11","modified_gmt":"2021-09-26T09:16:11","slug":"leseprobe-himmelsstaub-gefangen-im-koma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/leseprobe-himmelsstaub-gefangen-im-koma\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Himmelsstaub &#8211; Gefangen im Koma"},"content":{"rendered":"\n<p>Leichte \u00dcbelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?<br> Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verd\u00e4mmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.<br> Drau\u00dfen d\u00e4mmert es ganz langsam. Homers \u201aRosenfingrige Morgenr\u00f6te\u2018 l\u00e4chelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begr\u00fc\u00dft die Singdrossel wie jeden Morgen fr\u00f6hlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und sch\u00f6n, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen w\u00fcrde. Da sind mir besonders die Sonnenunterg\u00e4nge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos w\u00fcrde man sie nicht f\u00fcr echt halten.<br> Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zur\u00fcck, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.<br> Wieder diese \u00dcbelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.<br> Ich d\u00f6se vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich h\u00f6re Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der F\u00f6hn geht wieder los, wie eine Boeing.<br> Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!<br> \u201eGustav, komm Herrchen wecken!\u201c, h\u00f6re ich Gabi sagen. Schon sp\u00fcre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!<br> Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verr\u00fcckt. Schlafe ich noch? Tr\u00e4ume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Sch\u00f6nes zu denken.<br> So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verr\u00fcckt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!<br> Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft f\u00fcr zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verr\u00fcckt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem K\u00f6rbchen einrollt.<br> Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit f\u00fcr ihr Alter, verschl\u00e4ft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgem\u00e4\u00df leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und d\u00f6st weiter.<br> Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat f\u00fchlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Bl\u00f6dsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.<br> Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abl\u00e4ufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?<br> Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu \u00fcberlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und w\u00fcrde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.<br> Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der T\u00fcr. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein St\u00fcck hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit sp\u00e4ter stehen sie aber wieder in der K\u00fcche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.<br> Der Tisch ist wie immer gedeckt. Gabi ist schon in der Praxis. Sie f\u00e4ngt mit den M\u00e4dchen um halb acht an. Ich um halb neun. Bin ja auch der Chef! So kann ich in Ruhe fr\u00fchst\u00fccken und die Tageszeitung, also die Nachrichten von gestern, lesen. Meistens hat sich die Welt schon wieder etwas ver\u00e4ndert und die Neuigkeiten der Tageszeitung sind schon \u00fcberholt. Trotzdem ist es so eine Tradition. Fr\u00fchst\u00fcck mit Zeitung. Die Kommentare sind ja auch oft lesenswert. Sie \u00e4ndern die Welt leider auch nicht.<br> Ich schneide meine beiden Br\u00f6tchen auf. Jeden Morgen zwei Br\u00f6tchen mit Marmelade. Am liebsten Holunder. Von Gabi selbst gemacht. Das Messer ist heute schwerer als sonst. Ist das ein anderes als an anderen Tagen? Nein. Wie immer. Alles merkw\u00fcrdig heute. Es schmeckt auch irgendwie anders als sonst.<br> Ich esse widerwillig die Br\u00f6tchen, trinke den Kaffee. Wieder leichte \u00dcbelkeit. Ein Blick auf die Uhr. Zwanzig nach acht. Es wird Zeit. Was hab ich gerade in der Zeitung gelesen? Vergessen! Ich rufe die Hunde und gehe mit ihnen eine Runde durch den Garten. Wie immer. Shari ist wieder zu faul. Sie l\u00e4uft direkt zur Gartenk\u00fcche, in der ich die Hunde f\u00fcttere.<br> Das war in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein waren, unsere Sommerk\u00fcche. Hier kochte Gabi, und die Kinder, Jane und Johannes, konnten dann im Garten toben. Von hier aus hatte Gabi sie im Auge. Sch\u00f6ne Zeit damals. Meine Frau war damals noch nicht mit in der Praxis. Sie war zu der Zeit nicht immer mit sich und der Welt zufrieden. Sie beneidete mich ein wenig, weil ich meinen \u201aSpa\u00df\u2018 mit den M\u00e4dchen \u2013 zwei Arzthelferinnen und einem Lehrm\u00e4dchen \u2013 und den Patienten hatte, sie aber mit den Kindern alleine war. Heute sieht sie das anders. So lustig ist eine Arztpraxis nicht immer, wie man es im Fernseher sieht. \u00dcber 25 Jahre ist das her! Wo ist die Zeit nur geblieben?!<br> Nachdem ich die beiden gef\u00fcttert habe, gehe ich in mein Sprechzimmer, das eine T\u00fcr zum Garten hinaus hat. Meine Beine f\u00fchlen sich so schwer an wie Mehls\u00e4cke.<br> Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schalte den Computer ein. Warum f\u00fchlt sich der Einschaltknopf so seltsam an? Als ob er unter Strom st\u00fcnde.<br> Der Rechner f\u00e4hrt hoch. Das dauert immer. Als ich meine Praxis 1987 am 1. April anfing, hatten wir noch keine Computer. Das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher. Was solls. Geht nun mal heute nicht mehr anders.<br> Ich schaue auf die Uhr. Habe noch etwas Zeit. Ich muss noch mal raus an die frische Luft. Sofort kommen beide Hunde auf mich zugest\u00fcrmt. Die glauben wohl, ich ginge mit ihnen noch mal durch den Garten. Ich gehe auch ein St\u00fcck. Die Beine sind immer noch so schwer. Ich habe das Gef\u00fchl, sie tragen mich nicht mehr weit. Ich schwanke leicht. Bekomme etwas Angst. Leichter Schwindel. Ich glaube, ich bin verr\u00fcckt. Psychosomatisch hei\u00dft das doch. Ich rei\u00dfe mich zusammen und laufe ein St\u00fcck mit den Hunden bis zum Ende des Gartens.<br> Es ist ein sehr gro\u00dfes Grundst\u00fcck. Etwas wild. Kein gezirkelter Garten, sondern meine geliebte Wildnis! Rundherum stehen gro\u00dfe B\u00e4ume, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden. Habe ich selbst gepflanzt. Vor ungef\u00e4hr drei\u00dfig Jahren. Wie riesengro\u00df die geworden sind! Zwischen den B\u00e4umen f\u00fchrt ein schmaler Pfad rund um den Garten bis zu einer kleinen, wenn auch k\u00fcnstlichen Quelle. Von dort f\u00fchrt ein kleines B\u00e4chlein wieder zum Haus hin und flie\u00dft durch drei verschieden gro\u00dfe Teiche, um vom letzten unterirdisch wieder zur Quelle zur\u00fcckzuflie\u00dfen. Ich habe vor Jahren sogar mal von der Gemeinde einen Preis f\u00fcr naturnahe G\u00e4rten bekommen. Wir verbringen viel Zeit in unserer gr\u00fcnen H\u00f6lle. Mit Arbeit, aber auch zum Ausruhen. F\u00fcr unsere Kinder war es immer ein Paradies mit vielen Ecken zum Verstecken und Spielen und Klettern. Die Reste eines Baumhauses stehen immer noch. Molche gibts im Wasser und Fr\u00f6sche. Viele Libellen im Sommer und die unterschiedlichsten V\u00f6gel, von Eulen \u00fcber Spechte bis zum Zaunk\u00f6nig. Sogar ein Eisvogel war mal am Teich. Abends fliegen immer die Flederm\u00e4use. Durch die abendliche Beleuchtung an den Geb\u00e4uden, die die Insekten anlockt, haben diese erstaunlichen kleinen Vampire viel Beute. Wie sch\u00f6n ist das alles!<br> Mir gehts wieder besser. Alles wie weggeblasen. Ich streichle meine beiden vierbeinigen Freunde noch mal und gehe wieder in mein Sprechzimmer. Der Rechner l\u00e4uft jetzt. Ich rufe, wie jeden Morgen, per Datenfern\u00fcbertragung die Laborwerte vom Vortag ab und schaue sie mir an. Das mache ich immer zuerst. Vielleicht sind einige Werte nicht in Ordnung. In besonderen F\u00e4llen muss ich dann sofort mit den Patienten telefonieren. Ist aber nicht so sehr oft n\u00f6tig. Das meiste sind Routinekontrollen. Heute ist nichts Besonderes dabei.<br> Jetzt muss ich aber schnell anfangen. Die Zeit l\u00e4uft jetzt doch wieder zu schnell. Zun\u00e4chst ist morgens immer ein T\u00dcV. Manchmal auch zwei oder drei. T\u00dcV ist in unserer Praxis die Gesundheitsuntersuchung. Bei M\u00e4nnern kommt noch die ASU dazu, die Krebsvorsorge. T\u00dcV und ASU! Etwas rustikal ausgedr\u00fcckt vielleicht. Hat sich aber bei uns so eingeb\u00fcrgert und die Patienten finden es auch lustig. Zumindest die meisten. Wir sind schlie\u00dflich auf dem Land. Ich bin als Landarzt ja auch ziemlich rustikal. Spreche platt mit den Leuten und nicht lateinisch. Kommt aber gut an bei den Patienten. Mir machts auch Spa\u00df und ich will keinen k\u00fcnstlichen Abstand erzeugen. Wir tragen auch keine wei\u00dfen Kittel, sondern ganz normale Alltagskleidung. Wei\u00dfe Kittel allein machen keine Sauberkeit und Ordnung.<br> Ich gehe den M\u00e4dels \u201eGuten Morgen\u201c sagen, unterschreibe vorn an der Theke einige Rezepte und nehme den ersten Patienten aus dem Wartezimmer mit in mein Zimmer.<br> \u201eHallo, Wilhelm, alles fit?\u201c, frage ich ihn.<br> \u201eNoch ja! Und bei dir?\u201c<br> \u201eMir gehts supergut, wie immer, danke!\u201c<br> Hier auf dem Land duze ich mich mit vielen Patienten. Ich war ja als Kind schon oft hier bei meinem Opa, der damals hier wohnte und die Metzgerei und die Wirtschaft mit meiner Oma betrieb.<br> Es ist ein sehr gro\u00dfer, sehr alter Bauernhof, ehemals eine Brauerei, deren es hier am Niederrhein sehr viele gab. Ein sogenannter Viereckhof. Mein Urgro\u00dfvater Gottfried hat das Anwesen ca. 1900 gekauft. Er hatte einen Gro\u00dfhandel f\u00fcr Futtermittel und S\u00e4mereien. War ein reicher und t\u00fcchtiger Mann. Er ist mit ungef\u00e4hr 50 Jahren zusammen mit seiner Frau Eva 1918 an der \u201aSpanischen Grippe\u2018 gestorben. Man nannte ihn \u201aDer grobe Fritz\u2018. Ich habe wohl einige Eigenschaften von ihm. Ich bin auch nicht zimperlich und manchmal etwas grob, im Handeln und auch in der Wortwahl. Gegen Erbgut kann man nichts machen!<br> Mein Opa Anton hat dann den Hof \u00fcbernommen. Da meine Mutter nach dem Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, schlie\u00dflich alles geerbt hat, bin ich heute der \u201aAlte Sieben vom Lindenhof\u2018. Ich h\u00e4tte ein schlimmeres Schicksal haben k\u00f6nnen! Aber so ein gro\u00dfer Komplex ist zwar toll und ich bin auch sehr stolz darauf, ich habe aber auch immer nur hier gearbeitet und renoviert und investiert. Das kann niemand ermessen. Aber es macht mir und auch Gabi viel Spa\u00df und wir leben daf\u00fcr. Ich h\u00e4tte noch Arbeit und auch Ideen f\u00fcr ein zweites Leben!<br> Wilhelm, mein erster Patient an diesem Morgen, liegt schon bis auf die Unterhose entkleidet auf der Untersuchungsliege. Ich schaue noch einmal schnell in den Spiegel. Nein, alles ist okay. Nichts im Gesicht ist schief, sehe aus wie immer, etwas blass vielleicht. F\u00fchle mich okay. War alles Einbildung.<br> Ich setze mich neben Wilhelm und beginne mit der Untersuchung. Zuerst suche ich den ganzen K\u00f6rper nach Muttermalen ab. Keine auff\u00e4lligen zu sehen. Ich h\u00f6re Herz und Lunge ab. Alles okay. W\u00e4hrend ich den Bauch von Wilhelm abtaste, zwinkere ich ihm zu.<br> \u201eWieder ein paar Kilo zugelegt?\u201c<br> \u201eNur wenig, bestimmt!\u201c, grinst er zur\u00fcck. \u201eIch versteh das auch nicht! Ich ess doch kaum was! Nur ganz wenig, ehrlich. Morgens ein Scheibchen Brot und mittags zwei kleine Kart\u00f6ffelchen!\u201c<br> \u201eSchon klar!\u201c, antworte ich. \u201eAuf dem Brot ist nix drauf und die Kart\u00f6ffelchen weinen auf dem Teller vor Einsamkeit!\u201c<br> \u201eNee, ein bisschen K\u00e4se und Wurst und ganz d\u00fcnn die Butter sind auf dem Brot. Und ohne So\u00dfe und einem winzigen St\u00fcck Fleisch schmecken die Kartoffeln ja nicht!\u201c<br> \u201eKlar. Verstehe. Kenn ich. Dann ist der Bauch wahrscheinlich vom Hungerleiden voller Wasser. Nennt man Hunger\u00f6dem, kommt vom Eiwei\u00dfmangel! Oder es war der Wind. Der bl\u00e4st auch dicke Arschbacken!\u201c<br> Wilhelm lacht.<br> \u201eDu glaubst mir ja doch nicht. Aber vom Essen kann es wirklich nicht sein!\u201c<br> Ich schaue ihn sehr ernst an.<br> \u201eOkay. Dann guck ich mal mit dem Ultraschall, ob du vielleicht schwanger bist!\u201c<br> \u201eBl\u00f6dmann\u201c, gibt er zur\u00fcck. Wir lachen beide.<br> Ich greife zum Schallkopf am Ultraschallger\u00e4t. H\u00e4ngt der fest in der Halterung? Kriege ihn nicht da raus. Meine Finger rutschen von dem Ding ab. Sie kribbeln wieder. Kaum Gef\u00fchl in der Hand. Der Schwei\u00df bricht mir aus. Alles verschwimmt kurz vor meinen Augen. Fieber? Ich muss kotzen. Blo\u00df jetzt nicht mitten in der Untersuchung schlappmachen! Rei\u00df dich zusammen, denke ich bei mir. Ich atme tief durch.<br> \u201eIst dir nicht gut?\u201c, fragt Wilhelm mich. \u201eDu bist so blass pl\u00f6tzlich!\u201c<br> Panik erfasst mich. Schei\u00dftag! Ich setze mich ganz gerade neben ihn auf die Liege und st\u00fctze mich mit der linken Hand auf das Ultraschallger\u00e4t. Noch mal tief durchatmen.<br> \u201eDoch. Mir gehts prima! Wie immer.\u201c<br> Entschlossen greife ich noch mal zum Schallkopf. Jetzt habe ich ihn fest in der Hand. F\u00fchlt sich auch alles wieder normal an. Klemmt auch nicht mehr fest. Gott sei Dank! Ich gebe etwas Gel auf Wilhelms Bauch und beginne zu schallen. Rechte Niere okay. Linke Niere okay. Aorta nicht erweitert. Bauchspeicheldr\u00fcse unauff\u00e4llig. Keine Lymphknoten. Gallenblase steinfrei, Gallengang frei. Fettleber, nat\u00fcrlich. Wie immer. Die rheinische Fettleber! Hier bei uns fast der Normalfall! Noch ein Blick auf Blase und Prostata. Auch okay.<br> \u201eBis auf deine fettige Leber ist alles in Ordnung!\u201c, sage ich, nicht ohne Ironie.<br> \u201eIst das schlimmer geworden?\u201c, fragt er.<br> \u201eNee, wirste \u00fcberleben!\u201c<br> Mit M\u00fche stehe ich auf, bugsiere den Schallkopf wieder in seine Halterung und sage Wilhelm, er solle sich wieder anziehen. Wir besprechen noch das EKG und die Laborbefunde. Ich muss raus hier.<br> \u201eInsgesamt bist du noch ganz fit. Machs gut und vergiss nicht dein Scheibchen Brot, wenn du zu Hause bist!\u201c, versuche ich gequ\u00e4lt zu l\u00e4cheln.<br> \u201eNee, nee!\u201c Lachend gibt er mir die Hand. \u201eTsch\u00fcss und danke!\u201c<br> Er ist noch nicht ganz aus dem Zimmer, als ich auf den Hof st\u00fcrze und zum Haus hin\u00fcberwanke. Ich gehe hastig zur Toilette und kann gerade noch den Deckel hochheben, als auch schon der erste Schwall sich aus meinem Magen ins Becken st\u00fcrzt. Verdammt! Kotzen ist f\u00fcr mich das Schlimmste! Ich w\u00fcrge noch weiter und glaube, gleich kommt der Magen mit raus. Was habe ich denn gegessen? Nichts Besonderes, glaube ich. Ich erinnere mich aber \u00fcberhaupt nicht, was es gestern gab. Wieder bricht mir der Schwei\u00df aus. Noch mal w\u00fcrgen. Jetzt geht es etwas besser.<br> Ich gehe in die K\u00fcche und trinke ein Glas Wasser. Der saure Geschmack im Mund l\u00e4sst etwas nach. So! Geht wieder. Kann ja mal passieren. Sicher ein Infekt. Hat mich irgendeiner angesteckt. Magen-Darm-Virus grassiert ja wieder mal. Noch ein Schluck Wasser. Der Bauch ist wieder ruhig.<br> Langsam gehe ich wieder zur\u00fcck in die Praxis. Ich kann ja \u00fcber den Hof von au\u00dfen direkt in mein Sprechzimmer gehen. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Auf meinem Schreibtisch liegen die Karten der n\u00e4chsten beiden Patienten. Ich \u00f6ffne die T\u00fcr zum Wartezimmer.<br> \u201eFrau Schneider bitte!\u201c<br> Ich begr\u00fc\u00dfe die Patientin mit Handschlag, wie ich es immer tue. Ihre Hand f\u00fchlt sich so ungew\u00f6hnlich an, irgendwie leblos. Ist ja auch schon alt, die Frau. Oder liegts an meiner Hand? Ach Quatsch! Nicht wieder verr\u00fcckt machen. Bestimmt sagt Frau Schneider gleich wieder \u201amir ist es nicht gut\u2018. Das sagt sie immer.<br> \u201eNa, Frau Schneider! Was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c<br> \u201eAch, Herr Doktor, mir is et jar nich juut!\u201c<br> Hab ichs doch gewusst! Mir ist es doch auch nicht gut heute!<br> \u201eSo genau wollt ich es nicht wissen. Was ist denn heute besonders schlimm?\u201c, versuche ich freundlich zu l\u00e4cheln.<br> \u201eMir is et schon seit Tagen \u00fcberhaupt jar nich juut!\u201c, antwortet sie betont wehleidig. Sie hat eine Altersdepression und meistens hilft es, den Blutdruck zu messen und ein paar aufmunternde Worte f\u00fcr sie zu finden. Kleine Psychotherapie.<br> \u201eDann mess ich mal Ihren Blutdruck, Frau Schneider!\u201c<br> \u201eJa, dat h\u00e4tt ich jern. Der is bestimmt wieder so furchtbar hoch!\u201c, sagt sie schon etwas munterer.<br> \u201eEinhundertvierzig zu achtzig! Der ist aber sehr gut f\u00fcr Ihr Alter!\u201c, sage ich anerkennend zu ihr. Eigentlich war er ein bisschen niedrig, aber nicht besorgniserregend. \u201eLiegt sicher am Wetter. Sie m\u00fcssen viel trinken, Frau Schneider! Das ist die beste Medizin, gerade im Alter!\u201c<br> \u201eJa, ja. Dat verjess ich immer. Ich hab auch keinen Durst. Aber ich stell mir jetzt wieder \u00fcberall eine Flasche Wasser hin. Dat haben Sie ja schon \u00f6fter jesagt.\u201c<br> \u201eJa, machen Sie das. Dann gehts Ihnen auch besser. Vergessen Sie Ihre Tabletten auch nicht.\u201c<br> \u201eMach ich. Ja, das Alter und die Einsamkeit!\u201c, st\u00f6hnt sie.<br> \u201eSie k\u00f6nnen jederzeit kommen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Oder ich komme dann zu Ihnen, ja?\u201c<br> \u201eJa. Dat is nett. Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!\u201c<br> \u201eBis bald, und halten Sie sich fit! Und trinken!!\u201c<br> L\u00e4uft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ist aber lieb, die Patientin.<br> Eines meiner M\u00e4dchen kommt durch die andere T\u00fcr hinter mir herein und bringt eine weitere Krankenakte.<br> \u201eSie sind etwas blass heute, Chef!\u201c Sie schaut mich fragend und etwas besorgt an. \u201eGehts Ihnen nicht gut?\u201c<br> \u201eDoch. Wieso? Ich muss sicher mal wieder unter die Sonnenbank! Braun sieht man besser aus!\u201c Ich versuche, scherzhaft zu klingen. Gelingt wohl nicht ganz. Sie schaut mich so merkw\u00fcrdig an, geht dann aber wieder aus dem Zimmer.<br> Der n\u00e4chste Patient sieht verdammt mies aus. Ich kenne ihn schon lange. Wenn der kommt, hat er auch was. Er bekommt schlecht Luft, hat Schmerzen in der Brust. Ich befrage ihn kurz und gehe mit ihm sofort in den EKG-Raum. Ich rufe eines der M\u00e4dchen und warte, bis das EKG geschrieben ist.<br> Dachte ich es doch! Frischer Herzinfarkt. Ich gehe kurz mit meiner Helferin vor die T\u00fcr und sage ihr, dass sie sofort einen Notarztwagen anfordern soll.<br> Wieder im Raum, sage ich ganz ruhig: \u201eSo, Josef. Das scheint ein kleiner Infarkt zu sein. Aber keine Panik. Kriegen wir wieder hin. Ich leg dir jetzt eine Nadel f\u00fcr eine Infusion in den Arm. Nimm mal hier von dem Spray, dann gehen die Schmerzen schnell weg. Hier, die Tabletten musst du auch schlucken.\u201c<br> \u201eIst es sehr schlimm?\u201c, fragt er \u00e4ngstlich.<br> \u201eNee\u201c, versuche ich ihn zu beruhigen. \u201eAber du musst jetzt ganz ruhig liegen bleiben. Du musst damit ins Krankenhaus. Das ist sonst zu riskant!\u201c<br> \u201eGut. Es geht jetzt auch schon etwas besser.\u201c Er g\u00e4hnt. Typisch bei Herzinfarkt.<br> \u201eWird schon wieder. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Erschreck dich nicht, die kommen ja immer mit Musik!\u201c<br> Er ist vom Kreislauf her stabil. Trotzdem bin ich froh, wenn er im Krankenhaus ist. Ich h\u00f6re den Rettungswagen schon von weitem sich n\u00e4hern. Kurz darauf kommen drei Sanit\u00e4ter und der Notarzt hereingelaufen.<br> \u201eFrischer Infarkt!\u201c, sage ich zu dem Kollegen. \u201eMuss so schnell wie m\u00f6glich auf die Kardiologie zur Angiographie.\u201c<br> Sie schauen sich alles an, schlie\u00dfen ihr EKG an und heben den Patienten auf die Trage.<br> \u201eMach es gut Josef. Bist da in guten H\u00e4nden. Wir sehen uns bald wieder!\u201c<br> \u201eJa. Bis bald!\u201c, sagt er. \u201eUnd danke!\u201c<br> Ich h\u00f6re den Rettungswagen wieder, wie er sich mit eingeschaltetem Martinshorn entfernt. Ist immer aufregend und etwas stressig, so ein Fall. Hat aber alles gut geklappt, und wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.<br> Noch zwei Patienten. Ich sp\u00fcre wieder diese Unruhe in mir aufsteigen. Hitzewallungen. \u00dcbelkeit. Ich f\u00fchle mich so schwer. Die beiden sind Bagatellf\u00e4lle. Einmal Grippe, einmal \u201anon vult laborare Syndrom\u2018. Das hei\u00dft, der hat heute keine Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung. So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.<br> Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung: \u201eDieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!\u201c<br> \u201eJa klar!\u201c Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, l\u00e4chelnd an.<br> Mir ist es so verdammt schlecht. Mit M\u00fche erhebe ich mich aus meinem Sessel und wanke zur Hoft\u00fcr. Ich gehe raus an die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt freudig erregt wie verr\u00fcckt mit dem Schwanz.<br> \u201eNa, mein kleiner Freund!\u201c Ich b\u00fccke mich leicht und streichle sein seidiges Fell. Wenn du w\u00fcsstest, wie ich mich f\u00fchle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen. Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast. Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken. Ich h\u00f6re die V\u00f6gel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den Garten. Dann d\u00e4mmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich. Ich sp\u00fcre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit h\u00f6re ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte n\u00e4hern sich. Totale Schw\u00e4rze legt sich auf mich. Die Stimmen werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/Produkte\/himmelsstaub-gefangen-im-koma\/\">Himmelsstaub im Buchshop<\/a><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leichte \u00dcbelkeit steigt in mir hoch. Komisch. 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