{"id":3189,"date":"2019-07-12T17:37:01","date_gmt":"2019-07-12T15:37:01","guid":{"rendered":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/?p=3189"},"modified":"2021-09-26T12:55:58","modified_gmt":"2021-09-26T10:55:58","slug":"leseprobe-arbor-der-weg-des-waldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/leseprobe-arbor-der-weg-des-waldes\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Arbor &#8211; Der Weg des Waldes"},"content":{"rendered":"<p>Durch das offene Dachfenster im Bus zog an diesem Sonntagnachmittag im Sp\u00e4tsommer ein k\u00fchler Windsto\u00df, den Max von Relling, der wie immer auf dem Sitz in der zweiten Reihe rechts Platz genommen hatte, mit einem leisen, aber durchaus erleichterten Seufzer quittierte.<br \/>\nMax sa\u00df immer auf diesem ihm angestammten Platz. Das hatte den einfachen Grund, dass er gern durch die Frontscheibe sah, um das Gef\u00fchl der Vorhersehbarkeit sowohl im Sinne der Verkehrssicherheit als auch im Sinne der Landschaftsbetrachtung zu haben. Daf\u00fcr erschien ihm dieser Sitzplatz der einzig geeignete \u2013 s\u00e4mtliche anderen Optionen hatte Max durch sorgf\u00e4ltige \u00dcberlegungen als ungeeignet eingestuft, ohne jemals auf ihnen gesessen zu haben. Die erste Reihe eignete sich nicht, da sich dort erstens nur fu\u00dflahme Tattergreise niederzulassen pflegten, um die 58 Zentimeter zur zweiten Sitzreihe nicht gehen zu m\u00fcssen. Max hatte diesen Abstand einmal heimlich mit einem Zollstock nachgemessen, da ihn der Grad der Gebrechlichkeit der Menschen immer wieder schockierte. Zweitens w\u00e4re das Risiko bei einem Unfall aufgrund der N\u00e4he zur Frontscheibe erheblich erh\u00f6ht.<br \/>\nDie linke Seite des Busses hinter dem Busfahrer eignete sich freilich \u00fcberhaupt nicht, da die Sicht des Sitzenden durch die Fahrerkabine ganz erheblich eingeschr\u00e4nkt wird. S\u00e4mtliche Sitzreihen zur rechten Hand, welche sich hinter der zweiten Reihe befinden, w\u00e4ren mit steigender Entfernung von umso geringerer Qualit\u00e4t und bed\u00fcrfen daher keiner weiteren Erl\u00e4uterung.<br \/>\nDurch den angenehmen Lufthauch wurde Max\u00b4 Laune kurzzeitig besser. Zuvor hatte er sich ma\u00dflos \u00e4rgern m\u00fcssen \u00fcber einen Vorfall, der ihm den Tag zu verhageln drohte. W\u00e4hrend er n\u00e4mlich \u00fcber Kopfh\u00f6rer die Kanarienvogel-Kantate von Georg Philipp Telemann h\u00f6rte, klopfte er mit seinen Fingern den imagin\u00e4ren Rhythmus auf seinem zuvor ausgetrunkenen, leeren Kaffeebecher mit. An einer f\u00fcr ihn wirklich wichtigen, da emotional aufgeladenen Stelle des Werks bremste der Fahrer abrupt, sodass seine Finger nur den Rand des Bechers ber\u00fchrten und so den Takt verfehlten. Manch einem mag dies v\u00f6llig gleichg\u00fcltig sein, doch Max von Relling war Geiger, sodass ihm der Drang zur Einhaltung eines Takts gewisserma\u00dfen als Berufskrankheit zu eigen war.<br \/>\nWenn es eines gab, das er au\u00dfer unvorhergesehenen Taktwechseln nicht mochte, dann waren es Verabredungen an Sonntagen. Dies hatte den einfachen Grund, dass er an diesen Tagen immer mit der \u00dcberlandlinie 212 von der Haltestelle \u201aLindenallee\u2018 in der Innenstadt von K., wo Max wohnte, zu der Endhaltestelle \u201aGustav-Stresemann-Platz\u2018 in dem D\u00f6rfchen A. und zur\u00fcck fuhr, um sich an der h\u00fcgeligen Landschaft zu erfreuen und die Woche Revue passieren zu lassen. W\u00e4hrenddessen konnte er vor allem seine musikalische Fortentwicklung selbstkritisch hinterfragen. Dabei ging er immer nach einem strengen Muster vor. Die Fahrt dauerte gew\u00f6hnlich 42 Minuten pro Richtung, sodass er insgesamt 84 Minuten zum Nachdenken hatte. Hinzu kam noch die Zigarettenpause des Fahrers an der Endhaltestelle. Doch da machte auch Max eine Gedankenpause und schaute dem bunten Treiben auf dem kleinen Dorfplatz zu. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, \u00fcber jeden Wochentag genau 12 Minuten nachzudenken, was nat\u00fcrlich zur Folge hatte, dass dem Sonntagmorgen dabei \u00fcberproportional viel Bedenkzeit zugewiesen war. Dies allerdings hatte Max bewusst so kalkuliert, da er am Sonntagmorgen stets B\u00fcroarbeiten erledigte und dringende Briefe beantwortete. Um also das Risiko zu minimieren, dass ihm dabei etwas Wichtiges entginge, hatte er den Sonntagmorgen in seiner Wertigkeit den \u00fcbrigen Wochentagen vollends gleichgestellt.<br \/>\nBei seiner heutigen Fahrt allerdings gestaltete sich das konzentrierte Nachdenken schwieriger als gew\u00f6hnlich, da ihn seit den fr\u00fchen Mittagsstunden ein starker Kopfschmerz beeintr\u00e4chtigte. Dieser hatte seinen Grund darin, dass sich Max, als er am Morgen eine Pause von der B\u00fcroarbeit ben\u00f6tigte, zu einem kurzen Aufenthalt in seinem kleinen Garten entschlossen hatte. Den hatte er zwar nicht besonders kunstvoll mit Blumen geschm\u00fcckt, aber gerade aufgrund dieser Wildheit liebte er ihn sehr. Dort lie\u00df er sich auf seinem aus einer Nachahmung von Teakholz gefertigten, einzigen Gartenstuhl unter einer gro\u00dfen, glattst\u00e4mmigen Buche nieder, um kurz Abstand von der Frage zu gewinnen, ob ein Geiger eine Berufsunf\u00e4higkeitsversicherung braucht und schloss die Augen. Man muss an dieser Stelle klarstellen, dass der Besitz nur eines einzelnen Gartenstuhls nicht der H\u00f6he des Einkommens eines Geigers \u2013 Max wurde zwar nicht f\u00fcrstlich, aber durchaus angemessen bezahlt \u2013, sondern der Tatsache geschuldet war, dass Max von Relling allein lebte. Trotz der Versuche der mit fern\u00f6stlichem Akzent sprechenden Verk\u00e4uferin des M\u00f6belhauses Stratmann, ihn von der Notwendigkeit des Besitzes zweier St\u00fchle allein aus Gr\u00fcnden der Symmetrie zu \u00fcberzeugen, hatte er sich f\u00fcr die Anschaffung nur eines Sitzm\u00f6bels entschieden. Ihm fiel einfach kein triftiges Argument daf\u00fcr ein, wieso ein einziger Mensch zwei St\u00fchle braucht, wenn er nicht stark \u00fcbergewichtig ist.<br \/>\nW\u00e4hrend Max nun d\u00f6send die morgendliche Sonne genossen hatte, war er pl\u00f6tzlich von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen worden. Obwohl das Objekt keinen gro\u00dfen Schmerz ausgel\u00f6st hatte, erschrak Max heftig und fasste sich instinktiv an sein Haupt, an dem er allerdings keine pathologische Ver\u00e4nderung feststellen konnte. Allerdings rief ihm die Ber\u00fchrung in Erinnerung, dass er bereits seit L\u00e4ngerem einen Arzttermin vereinbaren wollte, um seinen kreisf\u00f6rmigen Haarausfall zu bek\u00e4mpfen, unter dem er seit geraumer Zeit erheblich litt. Da er infolgedessen wesentlich \u00e4lter aussah als er war, schob er diesem Umstand einen ganz betr\u00e4chtlichen Teil an Verantwortung f\u00fcr sein unfreiwilliges Junggesellendasein zu.<br \/>\nSein Blick schweifte zu Boden, wo er das Corpus Delicti schnell ausfindig machen konnte. Der heimt\u00fcckische Angriff ging von seiner Schatten spendenden Buche aus, die eine Buch\u00adecker abgeworfen hatte, welche sich dann dank der Schwerkraft den Weg zu Max\u2019 Haupt gebahnt hatte. Verdutzt \u00fcber den Zufall, dass die doch recht kleine Oberfl\u00e4che seines Kopfes zum Ziel der herabfallenden Baumfrucht wurde, und in Gedanken an Sir Isaac Newton und seine Entdeckung der Gravitationsgesetze, lehnte Max sich zur\u00fcck und schloss die Augen \u2026<br \/>\nDas dichte Ge\u00e4st des Baums, das Max\u2019 Sichtfeld in einer f\u00fcr einen unbedarften Schlummer hinreichenden Art und Weise verdunkelte und seine ihm heute entgegen seiner \u00fcblichen Gewohnheiten tr\u00e4ge morgendliche Verfassung f\u00fchrten dazu, dass er sich schnell damit einverstanden erkl\u00e4rte, die Z\u00fcgel seiner Gedanken schleifen zu lassen. Mehr und mehr glitt er in einen Zustand, der sich zwischen wirklichem Schlaf und bewusster Erholung befand und von vielen Menschen gemeinhin als Nickerchen bezeichnet wird. Lange Zeit war er sich ganz und gar bewusst, dass er in seinem Gartenstuhl aus Teakholzimitat sa\u00df und empfand sein Alleinsein als gro\u00dfe Erleichterung angesichts der Tatsache, dass die erschlaffende Muskulatur seines Mundes ihm wohl ein unfreiwillig albernes Aussehen verleihen musste, das einem Musiker nicht gut zu Gesicht st\u00fcnde.<br \/>\nF\u00fcr einen in seiner L\u00e4nge aber nicht zu taxierenden Zeitraum war sich Max seines Daseins im Garten nicht gewahr, sodass sich ein seltsamer Vorfall ereignen konnte.<br \/>\nJust in dem Moment, als Max die Kontrolle \u00fcber seine Kiefermuskulatur wieder einmal abgeben musste, waberte eine Nebelbank in den Garten hinein und das, obwohl es ein wolkenloser und trockener Tag war. Meteorologisch betrachtet erschien dies Ph\u00e4nomen v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich, da sich in der st\u00e4dtischen Umgebung des Grundst\u00fccks weder S\u00fcmpfe noch gr\u00f6\u00dfere Wasserl\u00e4ufe oder gar Seen befanden, sodass die Herkunft der Feuchtigkeit r\u00e4tselhaft blieb. Die nur einige Meter breite Formation war in ihrer Gestalt unstet und variantenreich, sodass die Bewegungsrichtung vom Betrachter kaum vorherzusagen war. Nach einiger Zeit bewegte sich das diffuse Gebilde allm\u00e4hlich z\u00fcgig auf die Buche zu, die Max nach wie vor Schatten spendete, und blieb unterhalb der Krone mit einigem Abstand zum Kopf des Ruhenden unvermittelt stehen, so als habe ein galoppierendes Wildtier pl\u00f6tzlich eine F\u00e4hrte gewittert.<br \/>\nJust in diesem Moment schreckte Max von einem Ger\u00e4usch auf, das aus der Ferne zu kommen schien, aber gleichzeitig derart intensiv ert\u00f6nte, dass es genauso aus seinem eigenen Kopf h\u00e4tte stammen k\u00f6nnen. Dieser uns\u00e4gliche L\u00e4rm erinnerte Max an seine Zeit als Schrankenw\u00e4rter \u2013 er hatte sich n\u00e4mlich w\u00e4hrend seines Studiums der Musikwissenschaften und der Biologie gelegentlich bei der Eisenbahn verdingt, um sich die Anschaffung der teuren Musikinstrumente leisten zu k\u00f6nnen. Er empfand es stets als ma\u00dflose Beleidigung des \u00e4sthetischen H\u00f6rempfindens, wenn ein G\u00fcterzug an seiner Station bremsen musste und das st\u00e4hlerne Unget\u00fcm dabei derart widerw\u00e4rtig quietschte, dass es einen innerlich zerriss und man sich an Szenen aus dunkelsten Tagen der industriellen Revolution erinnerte, in denen ru\u00dfverschmierte Kinder Kohlenberge auf keuchende Kesselwagen schaufelten. Eben jener Ton erschallte f\u00fcr mehrere Sekunden im Garten von Max an jenem Sonntagmorgen, als der Nebel sich in den \u00c4sten der Buche verfing. Gleichzeitig schien sich der Wind, der vorher noch f\u00fcr eine angenehme K\u00fchlung sorgen konnte, zu legen. Er r\u00e4umte das Feld zugunsten einer f\u00fcr einen Sp\u00e4tsommermorgen seltenen, unangenehm stickigen Hitze. F\u00fcr den Sp\u00e4tsommer ist dies nicht gerade typisch, eigentlich eher eine erfrischende, bereits auf den Herbst vorgreifende Luft. In einem Moment v\u00f6lliger Windstille begann ein schlingf\u00fc\u00dfiger Efeustrauch einen zittrigen Tanz, dem wohl eine geheime Choreografie zugrunde liegen mochte, da sich nur einzelne Blattgruppen an drei voneinander verschiedenen Stellen zu bewegen schienen. Aus der mittleren dieser drei Gruppen stie\u00df allm\u00e4hlich eine Ranke hervor und bewegte sich in schlangenartigen Bewegungen in Richtung Max, freilich ohne dass dieser davon Notiz nehmen konnte.<br \/>\nBegleitet wurden die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter von vier in der Formation einer Raute fliegenden Finken, die ihren Dienst wunderlicherweise v\u00f6llig stumm verrichteten. \u00dcberhaupt war es zu diesem Zeitpunkt im Garten ungew\u00f6hnlich still geworden, selbst das ansonsten vorhandene, beruhigende Grundrauschen des Alltags hatte sich zur\u00fcckgezogen, sodass man sich eher in einem k\u00fcnstlich schallisolierten Raum h\u00e4tte w\u00e4hnen k\u00f6nnen als ausgerechnet im gr\u00fcnen Garten eines Musikers.<br \/>\nMit be\u00e4ngstigender Pr\u00e4zision zielte die Ranke auf den Liegenden ab, und als nur noch eine kurze Distanz zwischen der seltsamen Quadriga und Max lag, da trennten sich die Wege der V\u00f6gel und der Ranke. Die V\u00f6gel begannen in konzentrischen Kreisen um den Kopf von Max zu fliegen, und die Ranke legte sich gleich einer W\u00fcrgeschlange, die ihr Opfer sanft, aber grausam erstickt, um den rechten Kn\u00f6chel des ahnungslos Schlafenden.<br \/>\nWenige Augenblicke sp\u00e4ter fand sich Max kopf\u00fcber h\u00e4ngend hoch erhoben in der Luft wieder. Die Ranke hatte ihn ganz pl\u00f6tzlich, wie auf ein verabredetes Zeichen hin, unvermittelt gepackt, gen Himmel gezogen und ihr Werk erst beendet, als eine H\u00f6he erreicht war, aus der ein Sturz f\u00fcr einen Menschen sicher fatale Folgen gehabt h\u00e4tte.<br \/>\nGleich einem hilflos zappelnden Regenwurm am Haken des wartenden Anglers fand der Geiger Max von Relling sich nun im Luftraum \u00fcber seinem Garten wieder. Er versuchte, seinen Missmut durch laute Schreie deutlich zu machen. Jedoch wollte ihm dies nicht gelingen, da die Bewegungen seines Mundes nicht zu einem Ton f\u00fchren wollten, so, als w\u00fcrden die von ihm erzeugten Schallwellen kein geeignetes Tr\u00e4germedium finden, das ihnen H\u00f6rbarkeit verleiht.<br \/>\nPanisch versuchte er mit abwehrenden Bewegungen, Herr seiner misslichen Lage zu werden, doch vergebens. Seine Arme hingen schlaff am K\u00f6rper und reagierten nicht auf die Impulse, die ihnen gesandt wurden. Stattdessen schien Max in v\u00f6lliger Paralyse verharren zu m\u00fcssen. Im n\u00e4chsten Augenblick erschienen die vier Finken vor seinen weit aufgerissenen Augen, \u00fcber deren Blickrichtung er noch die Kontrolle zu haben glaubte. Und er erkannte erschrocken, dass die V\u00f6gel in einem Punkt nicht dem entsprachen, was er in seinem Studium der Biologie gelernt hatte. Genau wie er kopf\u00fcber hing flogen die eigentlich possierlichen Wesen auf dem R\u00fccken, wenngleich ihre kleinen Fl\u00fcgelchen die normale Ausrichtung aufwiesen und daher verkehrtherum dem K\u00f6rper der V\u00f6gel anhafteten, was den Tieren ein \u00e4u\u00dferst sonderbares Aussehen verlieh.<br \/>\nImmer enger flogen die V\u00f6gel Kreise um den Ungl\u00fccklichen, sodass er bereits den Windsto\u00df ihrer gespenstischen und kolibri\u00e4hnlich sirrenden Fl\u00fcgel sp\u00fcren konnte. Pl\u00f6tzlich erklang jedoch wieder der schaurige Ton, der das Schauspiel kurz zuvor eingeleitet hatte. Mit derselben \u00fcberraschenden Heftigkeit, mit der Max in die H\u00f6he gerissen wurde, bef\u00f6rderte ihn die Schlingpflanze wieder in seinen Stuhl. Gleich einem Trapez\u00adk\u00fcnstler hatte er sich w\u00e4hrend seines R\u00fcckwegs in Richtung des Erdbodens zu einigen unfreiwilligen Pirouetten gezwungen gesehen. Sie hatten in ihm diese dr\u00fcckende Karussell-\u00dcbelkeit hervorgerufen, die besonders Halbw\u00fcchsige, f\u00fcr Max v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, gemeinhin als Ziel ihrer Besuche verschiedener Fahrgesch\u00e4fte auf Rummelpl\u00e4tzen ansehen.<br \/>\nDie harte Landung im h\u00f6lzernen Stuhl lie\u00df Max aufschrecken. Eine ungew\u00f6hnlich lange Zeit war er sich nicht sicher, ob er wirklich wach oder nur in den n\u00e4chsten Traum hin\u00fcbergeglitten war. Ein untr\u00fcgliches Indiz f\u00fcr vollkommene Vigilanz schien die unertr\u00e4gliche \u00dcbelkeit \u2013 doch hatte er die nicht bereits einige Augenblicke vorher versp\u00fcrt?<br \/>\nZumindest war er wieder Herr seines K\u00f6rpers, sodass er zu seiner eigenen Sicherheit die Funktionsf\u00e4higkeit seiner Gliedma\u00dfen einer strengen Pr\u00fcfung unterzog und durch komplexe Finger\u00fcbungen sicherzustellen versuchte, wieder in der Realit\u00e4t angekommen zu sein. Der von ihm zur eigenen Bezeugung seiner Stimmkompetenz kurzerhand laut formulierte Satz: \u201eIch sollte noch einen neuen Notenst\u00e4nder kaufen\u201c, erschien ihm im n\u00e4chsten Moment unverzeihlich und an Idiotie grenzend, denn es war ja Sonntag, sodass das von ihm stets besuchte Musikhaus Eschendorn selbstverst\u00e4ndlich geschlossen hatte. Er hielt es seit Jahr und Tag f\u00fcr wesentlich besser sortiert als das deutlich gr\u00f6\u00dfere Musikhaus Barkhau und deswegen nahm er sogar den weiteren Weg in den Ortsteil B. der Stadt K. auf sich.<br \/>\nDer Irrtum allerdings lie\u00df seine letzten Zweifel verstummen, dass er den Zustand der Wachheit erreicht hatte, denn er hielt es f\u00fcr ausgeschlossen, dass man sich im Traum \u00fcber seine eigene Schusseligkeit \u00e4rgern konnte.<br \/>\nEs war kalt geworden im Garten von Max von Relling. Nebelschwaden waberten durch den Garten und ihn fr\u00f6stelte, sodass er beschloss, seine Pause zu beenden.<br \/>\nAuf dem Weg in sein B\u00fcrozimmer fiel ihm auf, dass auf dem Herd noch ein Rest M\u00f6hrensuppe stand, die er am Vorabend zubereitet hatte, was ihm ein behagliches Gef\u00fchl gab \u2013 es gab n\u00e4mlich jeden Samstag M\u00f6hrensuppe. Au\u00dfer am ersten Samstag im Monat, denn an dem ersten Wochenende jedes Monats fanden immer Konzertproben statt, sodass er praktisch nicht zu Hause war und daher keine Zeit zum Kochen fand.<br \/>\nIn Vorfreude auf das Mittagessen und die M\u00f6hrensuppe, die ihm am zweiten Tag immer noch ein wenig besser schmeckte als am Tag ihrer Zubereitung, schloss er die T\u00fcr zu seinem B\u00fcro und setzte sich an seinen von einem befreundeten Antiquar zu einem, wie dieser meinte, \u201aSpottpreis\u2018 erworbenen Schreibtisch aus Douglasienholz. Das ist bekannterma\u00dfen eines der robusteren H\u00f6lzer. Er \u00f6ffnete den Werbebrief seines Telefonanbieters, in dem ihm zum angeblichen Zwecke der Kostenersparnis nahegelegt wurde, einen teureren, aber mehr Leistungen umfassenderen Tarif zu w\u00e4hlen. Das lehnte Max aber innerlich br\u00fcsk ab aufgrund der Tatsache, dass er grunds\u00e4tzlich nur sehr selten und wenn \u00fcberhaupt so kurz wie m\u00f6glich telefonierte. Den Schrieb faltete er daraufhin sechsmal in der Mitte der Seite, sodass ein aus 64 Lagen bestehendes papiernes Rechteck entstand \u2013 mehr Faltungen sind bei einem gew\u00f6hnlichen Blatt Papier mit blo\u00dfen H\u00e4nden unm\u00f6glich. Da das geformte Gebilde aber rein mechanisch dazu neigte, sich von ganz allein einen Arbeitsschritt zur\u00fcckzuentwickeln, befestigte er einen Streifen doppelseitigen Klebebands an der Innenseite des Rechtecks, um die Eigendynamik des Papiers zu z\u00e4hmen und die Gestalt des Papiers zu gew\u00e4hrleisten. Anschlie\u00dfend legte er das so auf ein Minimum seiner Fl\u00e4che reduzierte Papier unverz\u00fcglich, aber vorsichtig in den Papierkorb und besah sich, schlussendlich zufrieden, die optimierte Ordnung in seinem Abfallbeh\u00e4lter. Sie war sehr sch\u00f6n. Sehr perfekt.<br \/>\nIn diesem Augenblick versp\u00fcrte er den Beginn eines Kopfschmerzes, den er aber zun\u00e4chst ignorierte, war es doch eher ein Unwohlsein als ein wirklicher Schmerz.<br \/>\nBis zum Nachmittag aber wurde das Gef\u00fchl dr\u00f6hnend und immer unangenehmer, sodass er sich an diesem Tag kurz nach Beginn seiner Busfahrt \u00fcberlegte, die Fahrt zu verk\u00fcrzen und bereits nach einigen, wenigen Haltestellen auszusteigen. Drau\u00dfen huschten die f\u00fcr eine Vorstadt typischen Geb\u00e4ude wie Baum\u00e4rkte, Autoh\u00e4user, Fitnessstudios und Tankstellen durch das Blickfeld des Fahrgasts, als Max den Halteknopf dr\u00fccken wollte, aber feststellen musste, dass just neben seiner Sitzreihe kein solcher Knopf existierte. Seltsam, dachte er, das ist mir noch nie aufgefallen, dass die Reihung der Kn\u00f6pfe keiner logischen Anordnung folgt. Deshalb sah er sich gezwungen, bereits lange vor Halt des Busses aufzustehen, um zwecks Kundgabe seines Haltewunsches einen Knopf nahe der Hintert\u00fcr zu dr\u00fccken. Beim Aussteigen fiel ihm dann auf, dass er das Fehlen des Knopfes ja bisher auch nicht bemerkt haben konnte, da er bis zum heutigen Tage immer bis zur Endhaltestelle gefahren war und ein Dr\u00fccken des Knopfes daher obsolet gewesen sei.<br \/>\nMax fand sich nun also auf dem B\u00fcrgersteig einer breiten, viel befahrenen Ausfallstra\u00dfe der Stadt K. wieder und beschloss, dieser gr\u00e4sslichen Umgebung, die ihn unmittelbar nach dem Aussteigen mit einem vorbeifahrenden LKW begr\u00fc\u00dft hatte, ohne viel Federlesens zu entkommen. Es hatte n\u00e4mlich dazu gef\u00fchrt, dass sich seine Mimik wie beim Biss in eine saure Frucht verzogen hatte. Da seine Kopfschmerzen ihn inzwischen durchaus maltr\u00e4tierten und die h\u00e4ssliche Szenerie ihn massiv st\u00f6rte, beschloss er kurzerhand, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Zu diesem Zweck drehte er seinen K\u00f6rper um 180 Grad, streckte seinen rechten Arm mit erhobenem Daumen nach au\u00dfen und ging langsam in Richtung der Innenstadt, wohlwissend, dass \u201ajeder Meter bares Geld wert sei\u2018. W\u00e4hrend er also mit weit ausgestreckter Hand die Stra\u00dfe entlangging und seinen K\u00f6rper zur Stabilisierung seines Gangs dadurch etwas seitlich zur Stra\u00dfe eindrehen musste, blieb sein Blick pl\u00f6tzlich an seinem rechten Daumen haften. Dort erblickte er einen kleinen, braunen Punkt, der in etwa ein Viertel der Fl\u00e4che des Daumennagels bedeckte. Aufgrund seiner Neigung zur Ansteckung mit grippalen Infekten aller Art und seiner daher sehr gr\u00fcndlichen Handhy\u00adgiene wurde er stutzig, sodass er unverz\u00fcglich die zweckm\u00e4\u00dfige Haltung seines Arms aufgab, stehen blieb und sich die fragliche Stelle genauer anschaute. Um die Herkunft des Flecks zu erfassen, rieb er den Daumennagel der anderen Hand mit derselben Bewegung, mit der man hartn\u00e4ckige Verschmutzungen auf Porzellantellern beseitigt, an der braunen Stelle, musste aber feststellen, dass es sich nicht um einen Fleck, sondern um eine f\u00f6rmliche Erhebung handelte. Sie sa\u00df gleichsam auf dem Nagel und wies eine harte und raue Oberfl\u00e4che auf. Um sicherzugehen, dass es nicht die mangelnde Kraft seiner H\u00e4nde war, welche die Entfernung des Objekts verhinderte, r\u00fcckte er seinem Daumen auch noch mit seinen Z\u00e4hnen zu Leibe und versuchte so, das st\u00f6rende Ding loszuwerden. Doch auch dieser Versuch wollte nicht gelingen.<br \/>\n\u201aWird schon nix sein, dachte Max, und hob wieder den Arm, um seine Suche nach einem Chauffeur in die Innenstadt fortzusetzen. W\u00e4hrend er nun weiter die Stra\u00dfe r\u00fcckw\u00e4rts entlangging, war er unf\u00e4hig, seinen Blick von seinem Daumen abzuwenden, zu ungew\u00f6hnlich war besagte br\u00e4unliche, warzen\u00ad\u00e4hnliche Modifikation seiner bogenf\u00fchrenden Hand.<br \/>\nNach einiger Zeit gab er die Hoffnung auf, noch ein Taxi zu finden, drehte sich wieder in Laufrichtung und beschloss, den restlichen Weg nach Hause per pedes zur\u00fcckzulegen. W\u00e4hrend des gesamten Heimwegs fiel es ihm schwer, klare Gedanken zu finden, zu sehr war er in Sorge \u00fcber die Ver\u00e4nderung seines Daumens.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen erwachte Max von Relling aufgrund des monotonen Klingelns seines Weckers p\u00fcnktlich aus einem erholsamen und komat\u00f6sen Schlaf, den er in seinem Schlafzimmer genossen hatte. Dieses war karg ausgestattet mit einem gro\u00dfen, aus n\u00fcchtern wei\u00df lackiertem Sperrholz hergestellten Bett und einem Nachttisch, auf welchem sich ein Glas Leitungswasser, eine Taschenlampe und ein Bild seines bereits in fr\u00fchester Jugend verstorbenen Schnauzers Schorschi befanden. Ihn nannte er aufgrund eines kindlichen Sprachfehlers fr\u00fcher immer \u201aSotschi\u2018, woraufhin ihn seine Mutter Gisela von Relling penibel darauf hinwies, dass dies eine Stadt am Schwarzen Meer sei und er doch bitte auf eine korrekte Aussprache des Hundenamens achten m\u00f6ge.<br \/>\nEs war Montag. Das Wetter war \u00fcber Nacht umgeschlagen, und durch das K\u00fcchenfenster beobachtete Max den steten Regen, der drau\u00dfen niederging; kein starker, aggressiv prasselnder Regen, sondern ein gleichm\u00e4\u00dfig pl\u00e4tschernder Dauerregen, der den Erdboden dauerhaft mit Feuchtigkeit versorgte und eigentlich nur von G\u00e4rtnern, Landwirten und Melancholikern gemocht wird. Eigentlich war Max der Auffassung, dass das Wetter keinen Einfluss auf die Stimmung von Menschen haben sollte, er hielt dies f\u00fcr eine Problematik, der ein zivilisiert denkender Mensch keine Aufmerksamkeit schenken sollte, da \u201aes doch gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten gibt, sich dem Wetter anzupassen und auf der anderen Seite k\u00f6nnen wir sowieso nichts am Wetter \u00e4ndern\u2018. Doch heute versp\u00fcrte er ein Wohlgef\u00fchl bei der Betrachtung des Regens, eine fast kindliche Freude und innerlich d\u00fcrstete er danach, seine menschliche Behausung zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.<br \/>\nIhm war allerdings bewusst, dass diese M\u00f6glichkeit sich heute zun\u00e4chst nicht ergeben w\u00fcrde, da er zur Mittagszeit mit den Philharmonikern der Stadt K., zu deren Stammensemble er seit langen Jahren geh\u00f6rte, im gro\u00dfen Festsaal der st\u00e4dtischen Universit\u00e4t aufzutreten hatte. Anlass war der 125. Geburtstag der dortigen sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t. Sie hatte zu einem dieser Festakte geladen, bei denen es gew\u00f6hnlich zum guten Ton geh\u00f6rte, auf den Einladungskarten in Fettdruck darauf hinzuweisen, \u201edass der hochbegabte Pianist und Student X unserer Universit\u00e4t zur musikalischen Untermalung\u201c spielt. Und dann spielt er drei beliebige und austauschbare St\u00fccke, die nichts miteinander zu tun haben, aus den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte stammen und nur den Eindruck erwecken sollen, dass die Herren Professoren und Magnifizenzen sich bestens in den Werken beispielsweise der Wiener Klassik auskennen.<br \/>\nDa es sich aber um einen runden Geburtstag handelte und es auch an hochbegabten Pianisten mangelte, hatte man sich entschlossen, die Philharmoniker zu engagieren sowie zum Zwecke ihrer Bezahlung und im sicheren Bewusstsein, dass dies auf die Zuschauerzahl keinen signifikanten Einfluss haben w\u00fcrde, Eintrittsgeld f\u00fcr den Festakt zu verlangen. Aufgrund dieser Umst\u00e4nde stand Max dem Auftritt seines Orchesters skeptisch gegen\u00fcber, da er die Auffassung vertrat, dass ein renommiertes Orchester nicht dazu herhalten sollte, lediglich als \u201amusikalische Untermalung\u2018 zu dienen. \u00dcberhaupt sei dieser Ausdruck ganz furchtbar, da man mit Musik nicht malt, sondern ihr lauscht und das im besten Falle hingebungsvoll, and\u00e4chtig oder zumindest ber\u00fchrt.<br \/>\nMit dem Erlernen des Geigenspiels hatte er schon mit f\u00fcnf Jahren angefangen und er hatte es seitdem zu einiger Virtuosit\u00e4t gebracht, da er von fr\u00fchester Jugend an sehr diszipliniert (manche sagten pedantisch) jeden Tag Geige spielte. Meistens \u00fcbte er morgens nach dem Aufstehen, oft noch im Nachthemd und ohne Fr\u00fchst\u00fcck. Max war gemeinhin weniger an menschlicher Gesellschaft interessiert als an der Gesellschaft von B\u00fcchern, Gem\u00e4lden und Musik. Aufgewachsen war er in einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater Heinrich hatte es als Buchh\u00e4ndler zu einigem Wohlstand gebracht, mit dem er die Familie als Ausgleich f\u00fcr seine h\u00e4ufigen Reisen gro\u00dfz\u00fcgig bedachte. In Max\u2019 vierzehntem und seinem neunundf\u00fcnfzigsten Lebensjahr schied er jedoch freiwillig aus dem Leben. Max\u2019 Mutter fand ihn quer auf seinem Bett liegend, die Sandalen ordentlich ausgezogen und vor das Bett gestellt, mit einer T\u00fcte \u00fcber dem Kopf und gefalteten H\u00e4nden. Heinrich von Relling hatte immer viel gearbeitet, wobei er das Buchh\u00e4ndlerdasein nie als Arbeit empfand. Als der Hausarzt ihm eine Makuladegeneration diagnostizierte, stand sein Entschluss fest: Ohne die F\u00e4higkeit zu lesen wollte er nicht mehr l\u00e4nger leben. Gesagt, getan. Gefragt hatte er seinen Sohn Max nicht.<br \/>\nSeine Mutter arbeitete, vornehmlich, um ihren Schmerz zu vergessen, nach dem Tod ihres Mannes halbtags im st\u00e4dtischen Naturkundemuseum, das aufgrund seiner Dinosaurierausstellung (es gab dort sogar die riesige Nachbildung eines Brontosaurus) eine beachtliche Reputation auch \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus hatte. Da Max ein Einzelkind war, nahm ihn seine Mutter in den Schulferien immer mit ins Museum, wo er sich mit Vorliebe mit einem kleinen, roten Klappstuhl in den Raum mit den ausgestopften und pr\u00e4parierten \u201aheimischen Tieren aus Feld und Flur\u2018 setzte. Dinosaurier interessierten ihn \u00fcberhaupt nicht, sie waren ja schon lange tot. Dort las er dann B\u00fccher, die er von zu Hause mitgenommen hatte, denn die von Rellings hatten eine gigantische Privatbibliothek mit einer gro\u00dfen Auswahl wichtiger Werke der Weltliteratur. Schon als Sch\u00fcler am Gymnasium fiel Max vor allem dadurch auf, dass er im Deutschunterricht fast jedes Buch, das im Unterricht besprochen wurde, bereits gelesen hatte. Das brachte ihm allerdings mehrheitlich H\u00e4me und Spott ein, seine Kindheit hatte er daher nicht unbedingt in angenehmer Erinnerung. Max hatte sich aufgrund seiner Erlebnisse in der Schulzeit damit abgefunden, dass seine Mitmenschen ihm meist mit zur\u00fcckhaltender Distanz begegneten. Er zog es vor, die M\u00f6glichkeit einer zwischenmenschlichen Entt\u00e4uschung durch die vollst\u00e4ndige Vermeidung einer Beziehung auszuschlie\u00dfen, auch wenn seine Mutter ihm w\u00e4hrend seiner Schulzeit immer wieder versichert hatte, er sei ein \u201eguter Junge\u201c und habe einfach nur Pech, dass er weiter sei als die anderen.<br \/>\nIm Bewusstsein der Notwendigkeit des rechtzeitigen Eintreffens am Konzertort hatte Max sich vorgenommen, einen Bus fr\u00fcher als n\u00f6tig zu nehmen, um die Universit\u00e4t zu erreichen. Und er verlie\u00df, nachdem er seinen morgendlichen Kaffee \u2013 stark, schwarz und ohne Zucker \u2013 getrunken und seinen Geigenkoffer vorbereitet hatte, angesichts des bevorstehenden Pflichttermins recht missmutig das Haus. Die Bushaltestelle \u201aLindenallee\u2018 lag nur einige Schritte von seinem Grundst\u00fcck entfernt. Nachdem Max den Schl\u00fcssel aus dem Schloss seiner Haust\u00fcr gezogen und sich durch ein kraftvolles R\u00fctteln des Schlie\u00dferfolgs versichert hatte, begann er forschen Schrittes seinen Weg zur Haltestelle. Bereits nach einigen Sekunden aber begann sich in ihm ein Gef\u00fchl Bahn zu brechen, das er in seinem Leben noch nie versp\u00fcrt hatte. Trotz der Sicherheit \u00fcber ihr Vorhandensein war er zun\u00e4chst nicht in der Lage, diese Regung ad\u00e4quat einer bekannten menschlichen Emotion zuzuordnen. Verdutzt blieb er kurzerhand stehen.<br \/>\nMan kann sich nur schwer vorstellen, was Max von Relling in diesem Moment sp\u00fcrte. Eine Art innerer Durst \u00fcberkam ihn, doch war es kein Durst, wie man ihn f\u00fcr gew\u00f6hnlich kennt und der durch ein Getr\u00e4nk, wom\u00f6glich durch eine bunte Limonade, h\u00e4tte gestillt werden k\u00f6nnen. Vielmehr schien jede einzelne Faser seines K\u00f6rpers sich ausschlie\u00dflich nach reinem, kaltem Wasser zu sehnen, sodass Max kurzerhand seinen Mantel ablegte, hektisch sein Hemd aufkn\u00f6pfte, es von sich riss und sich unvermittelt mit freiem Oberk\u00f6rper mitten auf der Stra\u00dfe wiederfand. Die Arme hatte er ausgebreitet wie ein indianischer Medizinmann, der Manitu f\u00fcr den erlegten Bison dankt und gierig den Regen auf seine Haut niederfallen lie\u00df. Max tanzte wie ein Derwisch, drehte sich wie von Sinnen um seine eigene Achse und lachte laut auf, so wie er es zum letzten Mal getan hatte, als er sich unter dem Einfluss einer Flasche \u201aC\u00f4tes du Rh\u00f4ne\u2018 darin versucht hatte, auf seiner Geige bekannte Weihnachtslieder wie \u201aO Tannenbaum\u2018 r\u00fcckw\u00e4rts zu spielen.<br \/>\nDieses seltsame Gebaren fand erst ein Ende, als der Bus, den er eigentlich nehmen wollte, an ihm und der Haltestelle vorbeisauste und Max so schlagartig klar wurde, dass er nun in Zeitdruck geraten w\u00fcrde. Als sei er gerade aus einem furchtbaren Albtraum erwacht, wurde sich Max mit einem Mal bewusst, dass er mit blanker Brust mitten in der Stadt stand, um ihn he\u00adrum seine Kleidung und sein Geigenkasten, in sicherem Abstand einige Passanten, die sein Verhalten mit entgeistertem Gesichtsausdruck beobachtet hatten. Verst\u00f6rt \u00fcber seinen ihm unerkl\u00e4rlichen und besch\u00e4menden Auftritt schnappte Max Hemd und Mantel und zog beide recht artistisch unter Fort\u00adsetzung seines Wegs zur Haltestelle an, wobei er sich wunderte, dass sein K\u00f6rper vollst\u00e4ndig trocken war und keinerlei R\u00fcckst\u00e4nde des Regenwassers an ihm hafteten.<br \/>\nW\u00e4hrend er sich nach Erreichen der Haltestelle seines einigerma\u00dfen korrekten Kleidungsstils durch Blick in das nur leidlich spiegelnde Glasfenster des Warteh\u00e4uschens versichert hatte und nur sein etwas zerzaustes, sp\u00e4rliches Haupthaar bem\u00e4ngeln konnte, fiel sein Blick auf seinen Daumen. Die braune Stelle hatte sich im Vergleich zum vorherigen Tage erheblich vergr\u00f6\u00dfert, sie bedeckte nun fast den gesamten Daumennagel und war auch in ihrer Dicke gewachsen, sodass die raue Oberfl\u00e4che nun deutlich sp\u00fcrbar war und Max den Entschluss fasste, mit dieser Sache in der Folgezeit einen Dermatologen zu konfrontieren.<br \/>\nEinige Minuten sp\u00e4ter kam der Bus, zum Gl\u00fcck p\u00fcnktlich. Nachdem Max hastig eingestiegen war, setzte er sich auf seinen gl\u00fccklicherweise unbesetzten Lieblingsplatz in zweiter Reihe auf der rechten Seite des Busses.<br \/>\nDie Fahrt verlief unspektakul\u00e4r und Max blieb etwas Zeit, um im Kopf noch einmal die St\u00fccke durchzuexerzieren, die heute zu spielen waren. Besonderes Kopfzerbrechen bereitete ihm der dritte Satz des \u201aLiedes von der Erde\u2018 von Gustav Mahler, da er dieses St\u00fcck noch nie vor Publikum hatte spielen m\u00fcssen. Als Max von Relling dann die Haltestelle \u201aUniversit\u00e4t\u2018 erreicht und den Bus verlassen hatte, betrat er die R\u00e4umlichkeiten durch den K\u00fcnstlereingang mit einer ihm fremden Unruhe und Nervosit\u00e4t, die er auf die Tatsache zur\u00fcckf\u00fchrte, dass er sich m\u00f6glicherweise unzureichend auf seinen Auftritt vorbereitet hatte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/buch-ist-mehr.de\/shop\/Produkte\/arbor-der-weg-des-waldes\/\">Im Buch-Shop kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch das offene Dachfenster im Bus zog an diesem Sonntagnachmittag im Sp\u00e4tsommer ein k\u00fchler Windsto\u00df, den Max von Relling, der wie immer auf dem Sitz in der zweiten Reihe rechts Platz genommen hatte, mit einem leisen, aber durchaus erleichterten Seufzer quittierte. Max sa\u00df immer auf diesem ihm angestammten Platz. 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