Kristallwelten-Saga

Vorschau 3: Fiona – Liebe: Kristallwelten-Saga 9

Loiker ist schlau, er sagt gar nichts. Das liegt möglicherweise weniger an seiner Intelligenz als an seiner Neugier, denn er beobachtet einen Schmetterling, der sich uns nähert. Ein ziemlich großer Schmetterling. Eigentlich finde ich Schmetterlinge gut, sind schöne … Wesen. Bunt, elegant.
Dieser hier hat etwa die Größe meiner Hand und ist rot wie Feuer. Das finde ich dann wieder weniger schön. Eine richtige Signalfarbe, und möglicherweise hat sich dabei jemand etwas gedacht. Ganz abgesehen davon, dass ich es noch nie erlebt habe, dass ein Schmetterling so zielgerichtet auf uns zufliegt.
Auf mich, um genau zu sein.
Als ich trotz meiner Bedenken die Hand ausstrecke, setzt er sich auf sie.
Und dann wird es schmerzhaft. Verdammt schmerzhaft. Erst ist es ein Stich, der tut noch nicht so sehr weh. Er stammt definitiv vom Schmetterling. Dann wird es heiß in meiner Hand. Und dann beginnt es zu brennen wie Feuer.
„Verdammte Scheiße!“, rufe ich. „Das Biest hat mich gestochen!“ Ich starre meine Hand an, die sich nicht nur anfühlt, als würde sie brennen, sondern auch so aussieht. Fast jedenfalls.
Katharina zieht mein Schwert und teilt damit den Schmetterling sauber in zwei Hälften.
Das Feuer breitet sich in meinem Arm aus und wandert weiter nach oben. Es brennt nicht wirklich, aber es fühlt sich so an. Ich zerre das Hemd vom Körper und beobachte die starke Rötung, die bald meine Schulter erreicht.
„Was ist denn das?!“, ruft Loiker entsetzt.
„Keine Ahnung, aber es tut verdammt weh!“, erwidere ich. „Und da kommen noch mehr von den Biestern!“
Katharina wendet sich von mir ab und stürmt den Schmetterlingen entgegen. Es sind fünf oder sechs, so genau kriege ich das in meinem Zustand nicht mit. Akute Schwäche lässt mich auf die Knie fallen, nur beiläufig sehe ich, wie Katharina alle Angreifer erledigt.
„Das ist nur die eine Sorte“, sagt sie keuchend und hockt sich neben mir nieder. „Loiker, achte darauf, ob noch mehr kommen!“
Dann kümmert sie sich um mich. Ich lege mich auf den Rücken, spüre zugleich, dass die Ausbreitung des Schmerzes sich verlangsamt. Das spricht für irgendein hochwirksames Gift, das nicht tödlich zu sein scheint. Zumindest nicht für Menschen wie mich.
Ich beiße die Zähne so fest zusammen, dass ich blute.
„Die Rötung geht wieder zurück“, höre ich Katharinas Stimme wie durch Watte.
„Und das war nur ein Stich“, bemerkt Loiker.
Ich setze mich langsam auf und beobachte erneut die Rötung, diesmal, wie sie sich sehr schnell wieder zurückzieht.
„Das könnte an deinem Kriegerkörper liegen“, stellt Katharina fest. „Lass dich mal lieber nicht stechen, Loiker, bei dir könnte es mehr Schaden anrichten.“
„Ich gebe mir Mühe!“
„Sehr gut. Hör auf mich und alles wird gut.“
Wir sehen beide Katharina irritiert an, doch sie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Wohingegen ich mir immer sicherer bin, dass sie eifersüchtig ist. Das ist so bescheuert.
Katharina stützt mich beim Aufstehen und hilft mir, meine Bluse wieder anzuziehen. Meine Beine fühlen sich wie Fremdkörper an, aber in etwa tun sie inzwischen, was ich will.
Ich atme tief durch.
„Ich mag keinen roten Urwald mit Überraschungen“, bemerke ich dann. „Ich hoffe, mehr gibt es davon nicht.“
„Na, dann hoff mal.“ Das ist Loiker, aber er klingt irgendwie nicht gut. Also schauen wir ihn an, und er wiederum starrt etwas an. Als wir seinem Blick folgen, entdecken wir eine Wolke aus roten Schmetterlingen. Mit Kurs auf uns.
„Oh, oh“, sagt Katharina. „Funktionieren deine Feuerbälle hier auch?“
Das ist eine gute Frage und die Gelegenheit, es auszutesten, scheint auch günstig zu sein. Ich hebe also beide Hände, richte sie auf die angreifenden Schmetterlinge und schicke zwei Feuerbälle los. Danach hat die Wolke ein Loch und verkohlte Schmetterlinge purzeln auf den Boden. Als ich erfreut zwei weitere Feuerbälle auf die Reise schicke, entsteht wieder ein Loch – allerdings bevor die Feuerbälle ankommen.
„Das ist irgendwie nicht gut, glaube ich“, sagt Loiker, bleich geworden.
„Wir laufen!“, entscheide ich kurzfristig und setze den Plan auch sofort in die Tat um.
Meine Gefährten versuchen nicht einmal, darüber zu diskutieren. Sie folgen mir sogar sehr bereitwillig. Das Problem dabei ist Loiker, denn er ist zu langsam. Egal, wie durchtrainiert er ist, es reicht nicht. Katharina und ich würden die Wolke vermutlich abhängen, wenn wir allein wären.
„Eigentlich müsste er jetzt heldenhaft sagen, dass wir ihn zurücklassen sollen“, sagt Katharina.
Boah, ist die eifersüchtig!
„Wer?“, erkundigt sich Loiker.
„Du! Das machen die in Filmen immer so!“ Und als Loiker sie nur verständnislos anstarrt, winkt sie ab. „Vergiss es! Wir würden dich sowieso nicht zurücklassen!“
Nanu?
Katharina reicht mir mein Schwert, dann packt sie Loiker und hebt ihn mühelos hoch. Sieht lustig aus. Der große Loiker hängt wie ein Baby an Katharina. Im Spinnenanzug. Das ist echt verrückt.
Aber wir können auf diese Weise etwas schneller laufen. Nicht unsere volle Geschwindigkeit, denn ich bin noch geschwächt und Katharina ist nicht so stark wie ich als Auserwählte war.
„Da, eine Treppe!“, ruft Loiker plötzlich und deutet schräg nach vorne.
Er hat recht. Das wird immer verrückter. Andererseits, eine Treppe bedeutet, dass es hier Wesen gibt, die sich ähnlich wie wir auf Füßen oder Hände vorwärtsbewegen. Das ist kein Nachteil. Vielleicht. Hoffentlich.
Katharina läuft mit Loiker vor, ich hinter ihnen her und schieße dabei zwei Salven Feuerbälle auf die Schmetterlinge ab. Anscheinend rechnen sie damit nicht mehr, jedenfalls purzeln wieder verkohlte Tierchen auf den Boden und wir gewinnen etwas Raum.
Wie können nur so schöne Wesen so biestig sein?
Katharina denkt nicht lange nach, als sie bei der Treppe ankommt, sondern rennt nach unten. Wahrscheinlich hat sie recht, hier oben ist es definitiv doof, da unten nur vielleicht. Okay, dafür könnte es doofer sein.
Ist aber gerade völlig egal.
Ich folge den beiden keuchend. Auf halber Strecke drehe ich mich um und will den schönen Wesen einheizen, bemerke aber erstaunt, dass sie uns nicht folgen. Als wäre am Anfang der Treppe eine unsichtbare Barriere, die sie nicht überwinden können.
„Okaaay …“
„Was denn?“ Katharina bleibt stehen und blickt zurück. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch und setzt Loiker ab. „Ist das gut oder schlecht?“
„Da bin ich mir nicht ganz so sicher“, erwidere ich nachdenklich. „Meiner Lebenserfahrung nach ist das tendenziell schlecht.“
„Du scheinst ein interessantes Leben gehabt zu haben“, stellt Loiker fest.
„Auf jeden Fall!“, bestätigt Katharina. „Also, ich schlage vor, wir gehen weiter. Hier abzuwarten ist keine sinnvolle Alternative.“
„Keine sinnvolle Alternative“, murmele ich.
„Was?“
„Nichts. Hast du früher auch schon so geredet?“
Sie starrt mich an. Dann grinst sie. „Vielleicht haben wir uns beide verändert. Du auf jeden Fall.“ Und packt meinen Zopf.
„Hey!“
„Gefällt dir das nicht?“ Sie berührt meinen Mund mit ihren Lippen. „Die Jahre bei den Augenlosen haben mich wohl abgehärtet.“
„Ja, klar. Und die Jahre auf dem Königshof mich verweichlicht.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Wieso nicht?“
„Du warst schon immer eine Königin, warum sollte dich dann ein Königshof verändern?“
„Wie, was? Ich war schon immer eine Königin?“
„Ich könnte auch Prinzessin sagen, aber das trifft es nicht ganz. Mein Schatz, können wir das später ausdiskutieren?“
„Klar“, knurre ich.
Mir fällt ein, dass ich Ähnliches in letzter Zeit schon öfter gehört habe. Selbst Leslie hatte gesagt, ich wäre eine Führungspersönlichkeit. Inzwischen glaube ich das ja auch, und die Jahre in Marbutan haben es bestätigt.
Aber jetzt wurde aus der Führungspersönlichkeit eine Königin, und das ist nicht dasselbe.
Ich beschließe, mich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Wo und wann das auch immer sein mag.

„Oh, Lustwandler, seid uns gnädig gestimmt, denn wir ehren und respektieren Euch! Wir sind eigentlich unwürdig, Euren Anblick zu empfangen!“
Katharina und ich sehen uns an. Dann den eigenartigen Kerl, der plötzlich vor uns aufgetaucht ist. Okay, nicht einfach aufgetaucht, er kam einen Hügel hinauf. Den, auf dem wir stehen, weil hier die Treppe endet. Mit Rasen. Rotem.
Der Kerl ist nicht groß, etwa wie ich. Er ist schlank, hat graugrüne, kurze Haare und grüne Augen. Scheint genauso bunt zu sein wie die Welt hier. Dazu passt es auch, dass er eine rotgrüne Robe trägt und rote Stiefeln.
„Dann schau uns einfach nicht an“, bemerkt Katharina nach einigen Sekunden.