Leseprobe: Amra und Amir

Amra und Amir

Amra hatte kaum geschlafen, als der Wecker klingelte. Zeit, aufzustehen und in die Werkstatt zu gehen. Ganz kurz glaubte sie, es sei ein Morgen wie jeder andere, seit sie ihre Ausbildung im Autohaus Brönner begonnen hatte, aber als ihr Fuß den Boden vor dem Bett berührte, holte die Realität sie schlagartig ein. Eine Realität, die Amra immer noch wie ein Traum vorkam und die immer ein Alptraum bleiben würde. Am liebsten wäre sie zurück in das warme Bett gekrochen, hätte die Decke über den Kopf gezogen und „Ende-Gelände“. So hatte sie es als Kind gemacht, wenn sie sich vor dem fürchtete, was der Tag bringen würde, oder wenn sie wieder mal etwas ausgefressen hatte. Aber schon damals hatte es nicht wirklich geholfen und genauso wenig würde heute der Brief verschwinden, der immer noch einer anderen zu gelten schien, mit Sicherheit aber doch nicht ihr, Amra. Sie konnte damit nicht gemeint sein, sie gehörte doch hierher und nirgendwo anders hin, sie war immer hier gewesen, sie war hier geboren, hier war sie groß geworden, hier war ihr Zuhause. Und das Zuhause konnte einem doch nicht einfach weggenommen werden? Es war doch kein Krieg oder so was. Und doch lag da dieser Brief still und bedrohlich auf dem Schreibtisch und ließ sich einfach nicht wegreden.

Amra duschte, zog eine frische Arbeitshose an, kochte sich Kaffee, machte ihre Frühstücksbrote fertig und packte sie in eine ehemalige Eisbüchse, Vanilleeis mit Eierlikör. Alles wie immer, als wäre nicht seit gestern der Boden auf dem sie stand, ins Wanken geraten.
Heute musste sie es Kralle sagen, sie würde ihre Ausbildung nicht beenden können, wenn wirklich geschah, was sie sich nicht einmal ausmalen konnte. Kralle, ihr strenger Meister, der auch ein bisschen wie der Großvater war, den Amra nie gehabt und sich immer gewünscht hatte. Auch er schien Amra als eine Art Enkeltochter adoptiert zu haben, zusätzlich zu den vieren, die er schon hatte.
Kralle und Amra arbeiteten inzwischen, Amra war jetzt bereits im zweiten Ausbildungsjahr, als gutes Team zusammen und manchmal besuchte sie Kralle auch nach Feierabend oder sonntags in seiner Laube, in der er, seit er sich von seiner Frau getrennt hatte oder sie sich von ihm, das wusste Amra nicht so genau, fast seine ganze freie Zeit verbrachte. Vielleicht hatte er das ja auch immer schon so gemacht und es hatte deshalb nicht geklappt mit seiner Ehe, überlegte Amra.
Heute musste sie Kralle sagen, dass sie die Ausbildung bei ihm nicht zu Ende bringen würde und dass er bald für sie kein Bier mehr im Kühlschrank in der Laube bunkern musste.
Sie öffnete die Tür zur Werkstatt, wappnete sich noch einmal, denn sie musste stark sein, durfte nicht in Tränen ausbrechen wie letzte Nacht, als sie ihrer Mutter den Brief kommentarlos auf den Küchentisch gelegt hatte. Kralle mochte keine heulenden Azubis, das hatte er ihr gleich zu Beginn der Ausbildung klar gemacht.
Der Meister war schon da, als Amra durch die Tür trat. Er hatte wie jeden Morgen Kaffee gekocht und gleich würden alle zusammen den Tag besprechen. Wer was zu tun hätte, welche Problemfälle aufgetaucht waren, wer was verbockt hatte und heute besser machen musste. Kralle, der Werkstattmeister, fünf Gesellen und sie, Amra, besprachen sich jeden Morgen und manchmal kam noch Frau Brönner, die Chefin dazu, wenn es besonders wichtige Dinge zu besprechen gab. Sonst saß sie hauptsächlich in ihrem Büro in der Verkaufshalle.
Heute Morgen kam Frau Brönner nicht. Die Arbeit war schnell verteilt, es gab keine Besonderheiten.
Amra hielt sich an ihrem Kaffeebecher fest und wartete, bis die Kollegen aus dem kleinen Kabuff, in dem sie ihre morgendlichen Besprechungen abhielten, in die Werkstatt gegangen waren.
Kralle schrieb noch irgendwas, bemerkte dann, dass Amra sitzen blieb und sah auf. „Amra, was ist, hast du keine Lust heute? Es gibt viel zu tun, mach dich an die Arbeit!“
„Ich“, Amra schluckte. Nein, sie würde nicht heulen. Nicht schon wieder und schon gar nicht vor Kralle. Sie presste die Lippen zusammen und schob Kralle den Brief hin. Der alte Meister war irritiert. Amra war schon seit sie zur Tür hereingekommen war so ungewohnt schweigsam, fast wurde er ärgerlich, als sie stumm sitzen blieb und ihm diesen zerrupften Brief als Antwort gab. Sie kannten sich nun doch schon fast zwei Jahre und Amra wusste, dass sie über alles mit ihm reden konnte. Klar, reagierte er manchmal ein bisschen über, wenn sie wieder vergessen hatte, die Ölablassschraube einzusetzen und die Werkstatt unter Öl setzte oder die Handbremse am Fahrzeug nicht richtig angezogen hatte und sich unter das Auto legte. Aber sie hatten sich jedes Mal ausgesprochen, wenn es Ärger gegeben hatte und wieder vertragen. Was war los mit Amra, warum redete sie nicht? Sie hatte eindeutig Angst, dabei wusste sie doch, dass ‚nichts so schlimm ist, dass es nicht wieder gerade gerückt werden kann.’ Das war eine von Kralles Lebensweisheiten, an die er glaubte und die er auch Amra eingebläut hatte.

Zehn Minuten später öffnete Talat, der den Meister dringend brauchte, da er den Fehler im Fahrzeug, das er reparieren sollte, nicht finden konnte, die Tür zum Kabuff und blieb erschrocken in der Tür stehen. Da saßen sich Kralle und Amra am Tisch gegenüber und stierten beide wortlos in ihre jeweiligen Kaffeebecher, in der Mitte des Tisches lag ein Brief. Talat öffnete den Mund, sah nochmal genauer hin, verschluckte, was er hatte sagen wollen, ging rückwärts aus dem Raum und schloss leise die Tür. Er glaubte zu träumen: Der alte Kralle, der bei jeder Gelegenheit losbrüllte, saß zusammengesunken am Tisch und wischte sich nicht einmal die Tränen ab, die in den Kaffeepott tropften.
Amra schien eine halbe Ewigkeit vergangen zu sein, als Kralle sich einen Ruck gab, heftig die Nase putzte und aufstand. „Amra, geh an die Arbeit, ich rede mit Frau Brönner.“