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Leseprobe: Fiona – Gefühle

Fiona – Gefühle (Band 3)

Leises Knurren.
Mist.
Ich drehe mich langsam um und starre den Rottweiler an, der zähnefletschend vor mir steht. Das Gebell verstummt, und ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen, um zu wissen, dass die anderen Hunde auch näher kommen. Beeindruckend, wie sie zusammenarbeiten. Das muss ihnen jemand beigebracht haben.
Ich blicke mich suchend um. Selbst wenn ich bereit wäre, die Hunde zu töten, es sind zu viele und am Ende würden sie mich zerfetzen. Ausnahmsweise könnte Flucht die bessere Alternative sein. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass ich es bis zum nächsten Baum schaffe und hochspringen kann, bevor sich die Zähne eines Hundes irgendwo in meinen Körper bohren.
„Sie sollten sich nicht bewegen.“
Ich wende den Kopf langsam dem Sprecher zu. Er steht schräg hinter mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen mustern mich durchdringend.
„Ich will hier nicht übernachten.“
„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie hier eingebrochen sind. Das hier ist Privatbesitz.“
„Aber nicht Ihrer!“
„Wer sagt das?“
„Mein Mann ist Immobilienmakler. In der Datenbank ist dieses Grundstück als unbewohnt hinterlegt.“
Er lacht kurz, bitter. „Ach ja, diese schlauen Datenbanken. Ich habe das Grundstück gekauft, aber es nirgendwo eintragen lassen. Es war völlig verwahrlost.“
„Und Sie haben sich Mühe gegeben, dass es von außen immer noch so wirkt.“
„Ja, das hält Neugierige ab. Meistens. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich suche jemanden.“
„Auf einem vermeintlich leeren Grundstück?“
„Genau. – Hören Sie, ich habe weder die Zeit noch Lust zu diesem Spielchen. Ich konnte nicht wissen, dass hier jemand wohnt. Und ich will weder Ihnen noch den Hunden was antun, aber ich werde nicht länger hier rumstehen.“
„Ohne meine Erlaubnis sollten Sie sich aber nicht bewegen. Es sind viele Hunde und alle haben noch ihre Zähne.“
Ich betrachte die Hunde. Einige unter ihnen wirken selbst mit Zähnen nicht besonders furchterregend, aber andere haben ein ähnliches Kaliber wie der unablässig leise knurrende Rottweiler.
„Sehe ich so gefährlich aus?“
„Eigentlich nicht. Aber Sie sind bis hierher unbemerkt vorgedrungen, und das macht Sie durchaus gefährlich.“ Ja, eine voll logische Antwort.
„Prima. Und was haben Sie genau vor? Die Polizei rufen? Oder mich hier stehen lassen, bis ich vor Schwäche umfalle?“
„Hm. Interessante Ideen. Kann es sein, dass Sie einen leichten Hang zum Sadismus haben?“
Ich sehe ihn an. Er ist Ende Vierzig oder knapp über Fünfzig. Also wie James. Graue Haare, grauer, gepflegter und gestutzter Bart. Legere, bequeme Kleidung: Pullover, abgewetzte Jeans, Wanderschuhe. Wache Augen. Tief eingebrannte Furchen im Gesicht. Eigentlich ganz sympathisch.
„Na schön, ich habe keine Zeit für Spielchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich entweder über die Bäume wegkomme oder mit den Hunden fertig werde. Es wäre aber für alle besser, Sie riefen die Hunde einfach zurück.“
„Meinen Sie, die hören auf mich?“, fragt er amüsiert. Der Mistkerl scheint mich einfach nur für mein Eindringen bestrafen zu wollen. Ich schließe kurz die Augen, um nicht auf böse Gedanken zu kommen. Obwohl, es geht eher darum, sie wieder zu verscheuchen.
„Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich habe auch einen Hund und erkenne es, wenn Hunde auf jede Mimik reagieren. Außerdem hat jemand diesen Hunden beigebracht, als ein Team zu agieren. Sie sind der Boss.“
„Vielleicht stimmt das sogar.“ Er mustert mich jetzt genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
„Sie pfeifen die Hunde zurück, und ich stelle mich vor.“
Er denkt darüber nach. Dann seufzt er und dreht sich um. Sofort wenden sich die Hunde von mir ab und setzen ihr ausgelassenes Spiel fort. Bis auf den Rottweiler. Er knurrt zwar nicht mehr, aber er bleibt mir auf den Fersen. Ich bleibe testweise stehen, er stoppt sofort auch.
„Er wird Sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie auf dem Grundstück sind“, erklärt der Mann, ohne sich umzudrehen.
„Ein guter Gastgeber.“
Er lacht wieder kurz. „Ihr Humor ist bewundernswert. Die meisten Menschen, und insbesondere Frauen, so ungern ich das sage, in einer vergleichbaren Situation verlieren den Humor oder werden sogar panisch.“ Während er spricht, biegen wir um die Ecke und gelangen auf eine geflieste Terrasse mit einem Tisch und einem Stuhl. Aber der Geheimnisvolle ist auf Besuch eingerichtet, denn aus einer kleinen Laube holt er einen zweiten Stuhl. „Kaffee?“
Ich schwanke kurz. Einerseits müsste ich weiter, andererseits bin ich inzwischen sehr neugierig geworden, und man kann nie wissen, wofür so eine Begegnung gut ist. Also nicke ich.
„Setzen Sie sich bitte. Ronin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“
Ronin? Ich betrachte den Hund neugierig. Er sitzt in etwa zwei Meter Entfernung von mir und starrt ins Nichts. Wobei dieser Eindruck garantiert nur täuscht. Als ich testweise eine Hand hebe, habe ich seinen Blick blitzschnell an mir kleben. Ich winke ihm zu. „Braver Hund.“
Der Geheimnisvolle kommt gleich darauf mit zwei Tassen Kaffee zurück. Er setzt sich mir gegenüber. „Ich glaube, Sie sind Schwarztrinkerin.“
„Meistens.“ Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.
„Also, wie heißen Sie, unbekannte Schöne?“
„Das ist unhöflich.“
„Das stimmt, aber immerhin sind Sie hier eingedrungen, das verändert die Dinge etwas.“
„Auch wieder wahr.“ Ich seufze. „Mein Name ist Fiona Flame.“
„Fiona Flame“, wiederholt er leise. „Ja, ich kenne Sie. Eine Zeit lang sah man Sie überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, wohin man schaute, sah man Sie. Es hieß, Sie wären gefährlich für das Böse. Was also wollen Sie hier?“
„Das Böse finden. Es ernährt sich von Menschenfleisch.“
Seine Augen weiten sich leicht. „Ah, ich habe davon gelesen. Und Sie suchen jetzt die unbewohnten Häuser ab, die abseits liegen?“
Er ist intelligent, keine Frage.
„Und Sie? Was ist mit Ihnen?“
„Über mich werden Sie außer in älteren Telefonbüchern vermutlich nichts finden“, erwidert er lächelnd. „Mein Name ist David Conrad.“
„David?“
„Ja, ein durchaus nicht seltener Vorname hierzulande“, erwidert er schmunzelnd.
„Ja, das habe ich mitbekommen“, murmele ich. Und füge lauter hinzu: „Und wieso sind Sie ausgestiegen?“
„Bin ich das?“
Ich werfe einen Seitenblick auf Ronin. „Ja.“
„Macht Ronin Sie nervös?“
Ich schüttele den Kopf und lange in meine Hosentasche. Sofort spannt sich der Körper des Hundes an. Ich hole meine Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. „Darf ich?“ Als David nickt, halte ich ihm die Schachtel auch hin, aber er schüttelt den Kopf. Also zünde ich nur mir selbst eine Zigarette an und halte sie mit der linken Hand.
„Sie wollten mir was über sich erzählen, David.“
„Das ist Ihre Interpretation“, erwidert er ernst.
„Wie alles.“ Ich mustere ihn intensiv, aber nervös macht ihn das nicht. „Also gut, Sie wollen es mir nicht erzählen. Sie könnten aber wenigstens dem Hund erlauben, sich zu entspannen.“
„Glauben Sie, dass ich das kann? Es ist Ihre Anwesenheit, die ihn angespannt macht.“
„Aber nur, weil er Ihre Angst spürt.“
„Ich habe keine Angst!“
„Sie haben gerade das Gegenteil bewiesen“, stelle ich fest und nehme einen tiefen Zug.
„Rauchen ist ungesund.“
„Und jetzt lenken Sie auch noch ab. Und ja, ich weiß.“ Ich sehe den Hund an, der David anstarrt. Ein Wink von dem und er stürzt sich auf mich.
„Ich habe keine Angst, aber ich frage mich, wonach genau Sie suchen.“
„Hm.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den leicht grauen Himmel. „Ein guter Freund von mir wurde entführt, und ich würde ihn gerne in einem Stück finden.“
„Und dann sitzen Sie hier … ah, jetzt verstehe ich! Sie vertrauen wohl niemandem?“
Ich muss lächeln. Er ist wirklich intelligent. „Das ist keine Frage des Vertrauens. – Wollen Sie Ronin nicht doch erlauben, sich zu entspannen? Ich möchte ihn streicheln.“
„Er wird sich nicht streicheln lassen.“ David macht eine angedeutete Bewegung, und Ronin geht zu ihm hin. Nachdem er seine Kopfmassage bekommen hat, setzt er sich so hin, dass er mich wieder im Blickfeld hat.
Ich halte ihm meine rechte Hand entgegen.
David beobachtet uns neugierig.
Ronin mustert die Hand, dann sucht er meinen Blick. Danach mustert er wieder die Hand. Ich warte ab. Nach einigen Minuten erhebt er sich, kommt näher und schnuppert an meinen Fingern. Ich lasse ihn gewähren, auch als seine Nase an meinem Handgelenk ankommt. Dabei schaue ich ihn nicht direkt an, um ihn nicht zu verunsichern. Schließlich setzt er sich hin und lässt es zu, dass ich sanft seinen Kopf berühre und streichele.
„Alle Achtung“, sagt David. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Er merkt, dass ich keine Angst vor ihm habe, aber auch, dass ich ihm nichts Böses will. Und er spürt vermutlich auch …“
„Was denn?“
„Nichts“, erwidere ich. „Erzählen Sie was über sich. Wieso leben Sie hier mit einem Hunderudel?“
„Ein Geheimnis? Faszinierend.“ Er lehnt sich zurück und legt seine Hände aneinander, mit den Fingerspitzen Kinn und Lippen berührend. „Im Grunde ist es keine große Geschichte. Ich war 20 Jahre lang Kinderarzt mit eigener Praxis. Und eines Tages hatte ich es satt. Ich hatte es satt, die vielen Kinder, die geschlagen und missbraucht wurden, die verwahrlost wurden, die gezwungen wurden, Abbilder ihrer Eltern zu werden, deren verlorene Wünsche zu erfüllen. Kinder, die vergewaltigt und schwanger wurden. Kinder, die angeblich die Treppe runtergefallen sind. Irgendwann wünschte ich mir, eine Pistole nehmen zu können und diese Eltern einfach zu erschießen. Und die Onkel und Tanten. Die Polizisten, die dann noch einmal auf der Seele der Kinder herumtrampelten. Die unfähigen Idioten von den Jugendämtern. Und irgendwann beschloss ich, dass ich einfach gehen sollte, bevor es ein Blutbad gibt.“
Er schaut mir in die Augen. „Habe ich Sie erschreckt?“
Meine Hand liegt auf dem Kopf von Ronin. Ich verneine kopfschüttelnd.
„Sie haben Tränen in den Augen, Fiona. Wen beweinen Sie?“
„Alle.“
Er nickt langsam. „Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie Kinder?“ Und als ich verneine: „Werden Sie welche haben?“
„Keine Ahnung …“
„Ich glaube, dass ja. Sie werden eine gute Mutter sein. Ich weiß, Sie denken jetzt, wie kann der das wissen, er kennt mich ja erst seit ein paar Minuten. Nun, das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie mit den Hunden umgehen. Und ich sehe, welches Vertrauen Ronin Ihnen entgegenbringt. Das reicht mir.“
Ich wische meine Tränen ab und nehme einen Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Ich sollte jetzt gehen.“
„Das finde ich bedauerlich, aber ich kann verstehen, dass Sie Ihre Suche fortsetzen wollen.“
Er bringt mich zum Gartentor, begleitet von den Hunden und vor allem Ronin. Ich halte ihm die Hand hin, die er nimmt. Sein Griff ist fest, seine Hand rau. Dann wende ich mich Ronin zu, der sich vor mich setzt. Lächelnd gehe ich vor ihm in die Hocke und streichele seinen Kopf.
„Langsam werden Sie mir unheimlich.“ Ich genieße Davids Verblüffung mit einem Lächeln.

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Der Dämon packt mich an den Haaren und zieht mich hoch.
„Das war es für dich“, sagt er, und es klingt, als wäre er wütend.
Ich verzichte auf Dialoge, meine aufgeplatzten Lippen sind eine einzige Schmerzquelle. Der Schmerz macht mich allerdings wütend, und diese Wut gibt mir Kraft. Die nutze ich, um mein Knie zwischen die Beine des Dämons zu rammen. Und während dieselbe Aktion ihm vor ein paar Tagen noch nicht einmal ein müdes Lächeln entlockt hat, lässt sie ihn jetzt förmlich zusammenklappen.
Ich versetze ihm einen Stoß, dass er nach hinten fällt, dann werfe ich mich auf ihn, den Dolch mit aller Wucht in sein Herz rammend. Er bäumt sich schreiend auf, dann schlägt er seine Hand in meinen Bauch.
Der Schmerz ist bestialisch. Ich kann spüren, wie seine Krallen meine Gedärme packen und an ihnen zerren. Ich muss handeln, sonst wird das sehr, sehr unangenehm. Ich packe mit beiden Händen den Dolchgriff, atme tief durch und drehe dann den Dolch so schnell ich kann mehrmals in seinem Herzen. Ich zähle nicht mit, aber plötzlich spüre ich, wie sein Körper unter mir erschlafft.
Ich halte inne und starre in sein dunkles Gesicht. Auf einmal kann ich es erkennen, sehe seine Augen; doch diese sehen mich nicht mehr.
Er ist tot.
Endgültig.
Unwiderruflich.
Ausgelöscht.
Und seine Hand liegt noch in meinem Bauch. Ich packe seinen Unterarm und ziehe die Klaue aus meinem Bauch. Angenehm ist anders, aber im Vergleich zu den Schmerzen gerade, als er versucht hat, meinen Dickdarm auszuwringen, ist das die reinste Freude.
Ich atme tief durch und warte mit geschlossenen Augen, dass der Schmerz nachlässt.
Habe meinen ersten Krumana-Dämon erlegt.
Und hoffentlich auch den letzten.
Als ich aus der Ferne Sirenen höre, setze ich mich auf. Ganz unbemerkt kann unser Kampf ja nicht geblieben sein. Überhaupt, wo sind die anderen?
Ich ziehe den Dolch aus dem toten Körper, säubere die Klinge an seiner Kleidung und erhebe mich dann. Den Dolch stecke ich wieder in meinen Gürtel und überlege, was ich jetzt mache. Den Dämon hier liegenzulassen geht nicht. Also bleibt nur eines: Ich nehme ihn mit nach oben. Das wird spannend!
Ich raffe sein Hemd mit rechts in Brusthöhe zu einem dicken Knäuel zusammen, richte den linken Arm nach oben und denke ans Fliegen.
Es. Klappt!
Der tote Körper des Dämons ist sauschwer. Wenn ich bedenke, dass ich viel stärker bin als jeder gewöhnliche, noch so gut trainierte Mann, dann bedeutet das, dass der Dämon mehrere hundert Kilo wiegen muss. Woraus zum Teufel besteht sein Körper eigentlich?
Ich lande mit ihm auf der Terrasse und setze ihn auf den Fliesen ab. Dann gehe ich wachsam auf das Penthouse zu. Drinnen ist es dunkel und ruhig. Überall liegen leblose Körper herum, aber meine Gefährten sind zum Glück nicht dabei.
Von der Etage darunter kommen Geräusche. Ich ziehe meine Pistole und gehe vorsichtig nach unten. Hier brennt Licht, liegen auch etliche leblose Körper herum, und ich finde Katharina, Nilsson und John.
Katharina sieht mich als Erste. „Fiona! Wo hast du denn gesteckt?“
„Ich hatte mit Sorned zu tun. Wo ist Frost? Und Michael?“
„Michael sucht dich. Frost ist weg. Wir hatten ihn schon, da kamen plötzlich einige Noispeds, und während wir noch mit ihnen beschäftigt waren, nahmen sie Frost mit. Was ist denn mit Sorned?“
„Er liegt auf der Terrasse.“
„Wie, er liegt auf der Terrasse?“
„Na ja, seine Überreste.“
„Ist er tot?“
„Ja.“
„Du hast ihn getötet?“
„Ja.“
Alle starren mich entgeistert an. Wieder ist Katharina die Erste, die sich fängt.
„Hast du ihn endgültig getötet?“, fragt sie.
„Yep!“
„Der Kampf muss hart gewesen sein“, sagt Nilsson und deutet auf meinen Bauch.
„Yep! Er hat versucht, meine Eingeweide herauszureißen.“
„Aber … aber … ich denke, er ist viel stärker als wir?“ John ist immer noch fassungslos.
„Aber nicht stärker als ich. Ich geh mal ins Bad und wasch mich. Übrigens ist die Polizei im Anmarsch.“
„Ich glaube, sie sind schon da. Aber bis die herausfinden, dass sie ins Penthouse müssen, vergeht noch etwas Zeit. Ich komme mit.“ Katharina folgt mir, als ich nach oben und ins riesige, sehr luxuriöse Bad gehe.
Ich ziehe das halb zerfetzte Hemd aus und halte den Kopf über dem Waschbecken in den Wasserstrahl. Danach wasche ich auch den Bauch und den Rest des Oberkörpers. Katharina beobachtet mich stumm.
Erst als ich ein weißes Handtuch nehme und mich abtrockne, fragt sie: „Was ist eigentlich passiert?“
Ich sehe sie nachdenklich an. Ich glaube, meine neu entdeckten Fähigkeiten bleiben besser mein Geheimnis. Zumindest einige. Erst einmal jedenfalls.
„Frost war in der unteren Etage, als ich nur bedingt freiwillig nach unten ging. Und Sorned war da auch, wie ich dann feststellen durfte. Erst sah es danach aus, dass er sein Werk vollendet. Aber dann fand ich heraus, dass ich gar nicht mehr so wehrlos bin, wie ich dachte. Meine Schläge und Tritte verpufften nicht mehr wirkungslos.“
„Wie kommt das?“ Katharina sitzt auf einer Ecke der Badewanne, in der Kinder sogar schwimmen könnten.
Ich zucke die Achseln. „Ich glaube, die Ereignisse auf der Insel haben bei mir Energien freigesetzt.“
Katharina nickt. „Ja, gut möglich. Wie ich schon mal sagte, ich bin noch keiner so mächtigen Kriegerin wie dir begegnet.“ Plötzlich lächelt sie. „Und keiner so süßen!“
Ich schnappe nach Luft. Was soll das denn werden? Mit aufgerissenen Augen beobachte sie dabei, wie sie aufsteht und auf mich zukommt. In einer Hand halte ich immer noch das Handtuch, am Oberkörper trage ich lediglich den Sport-BH.
Katharina legt die Hände auf mein Gesicht, ihre vollen Lippen sind nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, Fiona.“
„Das … das hast du aber gut verheimlicht …“
„Ich weiß. Es tut mir leid.“ Ihre Lippen kommen näher. Gleich werden sie meinen Mund berühren und ich habe nicht die Absicht, mich dagegen zu wehren.
In diesem Augenblick reißt Michael die Tür auf und ruft: „Sie haben Ben gefunden!“

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas: Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

Es wurde schlagartig still. Nach einem Moment waren dann die Atemzüge von zwei Menschen zu hören. Thomas setzte sich auf und blickte Sarah an, die mit weit aufgerissenen Augen zurückschaute.
„Wir haben unsere Welt verlassen, Thomas!“
„Unsere Entscheidung.“
Sarah nickte und erhob sich. Sie sah sich um. Um sie herum blanker, geschliffener Stein. Steinboden, Steinwände und Steinstufen, nach unten wie nach oben. Aus einer unsichtbaren Quelle drang indirektes Licht. Die Stufen führten um eine Säule in der Mitte, so wie eine Schlange sich um einen Stab windet.
„Dargk hat gesagt, geht drei Türen weiter. Aber von welcher Tür aus gezählt?“ Thomas kratzte sich am Kopf. „Ich vermute mal, er meinte die vierte Tür von dieser aus betrachtet.“
„Und wenn nicht?“
Er zuckte die Achseln. „Du hast selbst gesagt, Söldner gibt es überall.“
„Das ist ein sehr schwacher Trost. Dargk wird uns nicht ohne Grund an diese eine Tür verwiesen haben.“
„Er tut wohl nichts ohne Grund. Nun, gehen wir!“
„Warte!“ Sarah starrte die Stelle an, wo vormals die Tür gewesen war, durch die sie gekommen waren. Stattdessen war dort jetzt das zu sehen, was Dargk den Gang zu Gott genannt hatte. Sarah trat fasziniert darauf zu.
„Was tust du da, Sarah?“
„Der Weg zu Gott“, flüsterte sie.
„Eher zum Rattenfutter“, erwiderte Thomas. Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Mach keinen Unsinn. Ich müsste dir folgen.“
Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ab und ging die Treppe hoch. Nach endlos lang scheinenden Minuten oder Stunden erreichten sie die erste Tür.
„Wie viele Jahre haben wir jetzt?“, fragte Thomas stöhnend.
„Das spielt keine Rolle, Thomas. Wichtig ist nur, dass wir die dritte echte Tür nehmen!“
Er nickte. Sie hatte natürlich recht. Die nächste Tür war unpassierbar. Sie blickten erneut in den Gang zu Gott. Wieder blieb Sarah fasziniert stehen, und bevor Thomas reagieren konnte, streckte sie ihre Hand aus. Sie fühlte mehr, als sie sah, wie etwas sich in Bewegung setzte, und riss ihre Hand zurück. Sie spürte die Berührung durch die Lamellenklingen, die für einen Augenblick die Sicht auf den Gang versperrten. Dann sah sie die Spitze ihres Mittelfingers an, wo ein roter Blutstropfen erschien.
„Das war knapp“, stellte sie ruhig fest.
„Sarah!“
„Es ist alles gut, Thomas. Lass uns weitergehen.“ Wie in Trance setzte sie ihren Fuß auf die erste Stufe zur nächsten Etage. „Es ist ja nichts passiert.“
Kopfschüttelnd folgte er ihr. „Nichts ist gut. Wir laufen seit Stunden eine Treppe nach oben und sind irgendwo außerhalb der Zeit. Wenn das alles überhaupt stimmt!“
Sarah blieb stehen. „Warum sollte es nicht stimmen?“
„Glaubst du ihm denn diesen ganzen Blödsinn?“
Sie hielt ihm ihren blutigen Mittelfinger hin. „Und das Blut?“
„Eine geschickt konstruierte Falle.“
Sie zuckte die Achseln. „Und wozu? Glaubst du nicht, dass sie uns problemlos töten könnten, wenn sie wollten? Wozu dieser Aufwand?“
„Ich weiß es nicht, meine Liebe. Ich weiß nur, dass ich nicht verstehe, wo wir sind. Und was wir hier tun!“
„Das geht mir doch auch nicht anders.“ Sarah setzte sich auf die Stufen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Thomas! Was von den Ereignissen der letzten Wochen ist zu verstehen? Meine Eltern sind tot! Unsere Freunde sind tot! Wir wurden gekreuzigt! Also, welchen Teil verstehst du?“
Thomas setzte sich neben sie. Er schwieg.
„Wir haben keine Wahl, auch wenn es manchmal anders aussieht“, stellte Sarah verbittert fest. „Eine logische Kette von Ereignissen hat dazu geführt, dass wir hier sitzen. Glaubst du ernsthaft, wir können diese Kette unterbrechen?“
Er schüttelte den Kopf und schwieg.
„Wir wurden gekreuzigt und haben überlebt. Es mag Zufall sein, und vielleicht war es auch der Wille meiner Großmutter und der Katharinas. Aber vielleicht war es auch der Wille Gottes, damit wir in diesem verdammten Turm in die Zukunft gehen.“
„Warum?“
„Ich habe keine Ahnung. Wenn ich Gott verstehen könnte, meinst du, ich säße dann hier?“
„Sarah, es kann keinen Gott geben!“
„Nicht? Ist es dir nicht Beweis genug, dass wir hier sitzen?“
„Was beweist diese Treppe denn?“
„Und der Gang zu Gott?“
„Gang zu Gott?“ Thomas lachte. „Der Gang zu Rattenfutter, alles andere ist nur eine Behauptung.“
„Ich wollte es testen!“
„Wie du den Ratten schmeckst?“
„Du bist zynisch.“
„Ich bin zynisch?“, wiederholte Thomas fassungslos. „Ich? Wer hat denn die Hand in diesen Gang gesteckt? Tut mir leid, Sarah, aber das ist zynisch. Nicht zynisch wäre es gewesen, da durchzugehen. Das wäre zwar sehr traurig gewesen, was mich betrifft, für dich vielleicht auch schmerzhaft, aber es wäre ehrlich gewesen. Nur die Hand auszustrecken und dann einen Blutstropfen anzustarren, das ist für mich zynisch.“
„Aha.“ Sarah sprang auf und lief die Stufen hoch. Thomas folgte ihr seufzend.
„Was ist denn jetzt schon wieder? Habe ich etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht!“, schrie Sarah zurück. „Aber darum geht es gar nicht! Es ist unwichtig, ob du recht hast oder nicht!“
„Und was ist dann wichtig?“
Thomas holte keuchend die flüchtende Sarah ein und hielt sie am Arm fest. „Was? Warum sind wir hier? Gibt es dafür wirklich einen Grund?“
Sarah blieb stehen und sah ihn an. Ihr Gesicht war nass von den Tränen. „Der Grund ist, dass wir unsere Eltern umgebracht haben. Hast du das schon vergessen?“
„Nein.“ Er ließ sie los. „Nein, das werde ich niemals vergessen.“
„Dann können wir ja jetzt weiter, oder?“
Thomas nickte. Er warf einen Blick zurück. Nichts als Stufen. Genau wie vor ihnen. Er atmete tief durch und folgte Sarah.