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Leseprobe: Kinderdiebe

Imagination is more important
than knowledge

(Albert Einstein)

Kinderdiebe

Dieser Satz hing über meinem Schreibtisch. In den 1980er Jahren begann ich, mich immer unwohler in der mir zugedachten Lehrerrolle zu fühlen. Wenn ich mit meinen Schülern einen literarischen Text behandelte, widersprach es zusehends meinem Instinkt, ihre Äußerungen zu bewerten. Ich fühlte, dass ein Lernen, welches auf der Angst zu versagen beruht, die in jedem Kind angelegte Kreativität blockiert, statt sie zu fördern. Die Angst vor dem Scheitern tötet die Inspiration. Auch ich wollte, dass meine Schüler erfolgreich waren, aber ich wollte dies nicht durch Druck erreichen, der mir meine eigene Schulzeit häufig zur Hölle gemacht hatte. Vielmehr wollte ich den Kindern einen angstfreien Raum zur Verfügung stellen, in dem sie sich getrauten, ihre Kreativität zu entfalten. Um das zu erreichen war es notwendig, mich auf Augenhöhe mit ihnen zu begeben, was natürlich immer wieder in Konflikt geriet mit meiner Rolle als Notengeberin. Ich hasste es zusehends, Stapel von Heften mit rotem Stift zu verschandeln. Entzog sich mein Erziehungsauftrag nicht jeglicher Bewertungsfunktion?
Imagination is more important than knowledge. Wie kann ein Lehrer mit seinem Rotstift Kreativität fördern? Die Haltung der meisten meiner Kollegen befremdete mich ebenfalls. Sie klagten ständig über schwierige Schüler, als seien diese schlechtes Material für ihren Erziehungsauftrag. Mir aber widerstrebte es, mich als Erzieher auf eine höhere Stufe zu stellen und Kinder zu bewerten. Im Gegenteil: ich spürte, dass gerade die schwierigen Kinder mit ihrem kreativen Potential hinter dem Berg hielten, um sich auf diese Weise vor Verbiegungen zu schützen. Ich spürte die Lebensenergie, die häufig hinter ihren Sabotageakten steckte, und war ihnen deshalb besonders zugetan.
Und so kam es, dass ich an meiner Schule mehr und mehr einen Bereich ausbaute, der sich der Bewertung entzog und stattdessen die Kreativität förderte: Das Theaterspiel. Statt einen Text nur zu besprechen, ließ ich ihn spielen; statt emotionale Reaktionen abzuwürgen, ließ ich meine Schüler diese in die Ausgestaltung ihrer Rollen einbringen; statt sich hinter einer intellektuellen Bewertung von Literatur zu verstecken, forderte ich meine Schüler auf, sich zu zeigen. In der Theater AG, die ich inzwischen gegründet hatte, erfand ich immer mehr Improvisationsspiele, aus denen ich zusammen mit den Schülern Stücke entwickelte, die wir sowohl in der Schule, als auch in der Stadt zur Aufführung brachten. Ich übernahm immer mehr Klassenfahrten, weil sich außerhalb des Schulrahmens mehr Gelegenheit bot, die Welt sinnlich zu erfahren und im Spiel neue Verhaltensweisen zu erkunden. Auf einer solchen Klassenfahrt entwickelte ich z. B. „Die Mutprobe“. Statt über Ängste zu sprechen, wählte ich einen kurzen Waldweg aus, den ich die Schüler einzeln, einer nach dem anderen im Stockfinstern laufen ließ. Endlich gab es echtes Herzklopfen, auch bei den wildesten Jungen. Und als es alle geschafft hatten und die Kinder sich in der Sicherheit der Gruppe wiederfanden, gab es ein richtiges Freudenfest mit tollen Geschichten. Viele Male veranstaltete ich mit meinen Stadtkindern Waldmodenschauen, wo sie sich mit Pflanzen und Blättern ein Kostüm bastelten, wobei ich ihnen spielerisch die Namen der verschiedenen Pflanzen und Blätter beibrachte. Ja, ich wollte Freude in den Schulalltag bringen und das gelang mir durch solche kreativen Momente immer wieder.
Mitte der 1980er Jahre hatte mich mein jahrelanges Gegen-den-Strom-Schwimmen jedoch ausgelaugt. Ich nahm mir eine Auszeit von der Schule und zog nach Berlin, um an der Hochschule der Künste Theaterpädagogik zu studieren. Obwohl mir die Regelschule zu eng geworden war, brannte meine Sehnsucht nach kreativer Arbeit mit Kindern in mir stärker denn je. Zusätzlich tickte meine biologische Uhr jedes Jahr lauter und ich ertappte mich dabei, wie ich immer häufiger in die Kinderwagen von Müttern schaute, um mit meinen Blicken den Schopf eines süßen Babys zu erhaschen. Dabei zog sich mein Herz jedes Mal schmerzlich zusammen, denn ich hatte seit dem Ende meiner englischen Liebe meine ganze Energie in die Arbeit gesteckt und das mit Erfolg.
Aber einem geeigneten Partner war ich nicht begegnet und hielt die Situation zwischen Männern und Frauen am Ende des 20. Jahrhunderts generell einigermaßen verfahren. Ein Frauchen wie meine Mutter konnte und wollte ich nicht sein, aber eine Emanze, welche die Männer zwang, sich beim Pinkeln auf die Klobrille zu setzen auch nicht. Männer, die von Frauen bewundert werden wollten, verursachten mir Magenkrämpfe, aber solche, die um mich herumturtelten und keine eigenen Visionen hatten, übten die gleiche Wirkung auf mich aus. Ich hatte mich zu einer ziemlich unkonventionellen Frau mit starkem Freiheitsdrang entwickelt, der die frühe Überzeugung, niemals zu heiraten, immer noch im Blut steckte. So erschöpften sich meine Liebesversuche bezüglich des anderen Geschlechts in kurzen, leidenschaftlichen, meist schmerzhaft endenden Angelegenheiten. Berlin zog mich sofort in seinen Bann. Ich hatte Anfang der 70er Jahre schon einmal hier studiert und nach einem Semester aufgegeben, weil mich die Schikanen an den DDR-Grenzkontrollen zu sehr zermürbt hatten. Jetzt, in den 1980er Jahren, war der Reiseverkehr leichter geworden, aber die Teilung der Stadt und nicht zuletzt die Erinnerung an die kafkaeske Situation um den auf mich gefallenen Spionageverdacht, löste bei mir immer noch eine starke Beklommenheit aus.
Ich liebte mein Studium an der Hochschule der Künste, aber abends, in meiner Wohnung direkt an der Mauer, starrte ich stundenlang aus dem Fenster und grübelte, wie es mit meinem Leben weitergehen solle. So wie mein Blick nach draußen auf eine Mauer fiel, nahm ich in mir drinnen die Grenzen meiner inneren Landschaft überdeutlich wahr und zugleich den drängenden Wunsch nach Befreiung von einem Leben, das sich dumpf und eng anfühlte. Im Frühjahr 1987 flog ich mit einer Freundin aus dem schmutzigweißen Berlin auf die grüne Insel Gomera, wo ich mir fernab von sorgenumwobenen Deutschland Klarheit verschaffen wollte, wo meine Lebensreise eigentlich hingehen sollte. Schon auf der Überfahrt von Las Palmas de Gran Canaria begannen die Zeichen. Wir hatten einen Einheimischen angesprochen, der uns auf seinem winzigen Boot nach Gomera übersetzte. Unmittelbar nach dem Ablegen gesellte sich eine große Gruppe von Delfinen zu uns, die uns die gesamte Überfahrt begleiteten. Es war ein strahlend blauer Frühlingstag und der Atlantik ganz und gar friedlich. Ich lag bäuchlings über den Bug des kleinen Schiffes gebeugt und beobachtete fasziniert das Auf- und Abtauchen der Delfine und es schien mir, als wollten sie mir etwas sagen. Ab und zu hielt ich meine Hand ins Wasser, um diese Wesen einer fremden Welt zu berühren, was sie sich gerne gefallen ließen.
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass alles gut war, so wie es war, und dass das Leben mich trug. Die Zeit der übermäßigen Anstrengung war vorbei, es war alles da, was ich brauchte, ich musste nur hinschauen. Was ich meinen Schülern mit Leichtigkeit hatte schenken können, nämlich den Raum, sie selbst zu sein, das hatte ich mir selbst meist vorenthalten. Und warum? Weil ich geglaubt hatte, ich habe es nicht verdient. Es war mir immer möglich gewesen, zu geben. Ja es war meine Identität zu schenken. Aber mir selbst ließ ich nichts durchgehen, legte strengste Maßstäbe an mich an, war getrieben von der Angst zu versagen. Ich schaute dem Spiel der Delfine zu und begann zu weinen vor Sehnsucht nach ihrer Leichtigkeit. Ich bewunderte die Formationen, in denen sie in ständigem Wechsel auftauchten und wieder in die Wellen sanken. Ich wollte nicht mehr allein sein, ich wollte ankommen, zur Ruhe kommen. Ich wollte Kinder, Mann, Familie, ein Zuhause. Kurz vor Einlaufen in den Hafen von Gomera verschwanden die Delfine. Unsere Rucksäcke auf dem Rücken und nach einer Bleibe suchend, erklommen meine Freundin und ich einen kleinen Hügel über dem Hafen. Während ich auf den steinigen Boden achtete, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen: Vor mir im Sand lag ein silberner Ring. Ich hob ihn auf und stellte fest, dass er die grazile Form eines winzigen Delfins hatte. Ich steckte ihn an meinen Finger und er passte wie angegossen. In der ersten Nacht auf Gomera hatte ich einen Traum. Ich glitt wie ein silberner Fisch durch türkisfarbenes Wasser, einem riesigen dunklen Schatten folgend, in freudiger Erwartung auf eine Begegnung. Endlos lange schwamm ich an den krebsübersäten Flanken des Wales vorbei, bis ich sein Auge erreicht hatte. Es war auf mich gerichtet. Und während wir Auge in Auge still standen in der Zeit, erblickte ich die Seele des Universums im Auge des großartigen Tieres. Es schaute mich unverwandt an und ich wusste, dass wir aus dem gleichen Stoff gemacht waren, er und ich und alles Lebendige: Glückseligkeit. Ich wachte weinend auf von diesem Traum und bewahrte ihn während der zwei Wochen auf der Insel sorgfältig in meinem Herzen.
Auf der Rückreise nach Las Palmas benutzten wir die große Fähre. Während ich auf dem Oberdeck in meditativer Stimmung die kobaltblauen Wellen des Atlantiks vergeblich nach Delfinen absuchte, gewahrte ich flüchtig einen Mann, der an der Reling des unteren Decks lehnte. Als sich die Passagiere kurz vor dem Einlaufen der Fähre in den Hafen von Las Palmas vor dem Ausgang drängelten, stand dieser Mann direkt neben uns und meine Freundin, die immer viel praktischer war als ich, war gerade dabei, mit ihm eine gemeinsame Taxifahrt zum Flughafen zu verabreden, da das doch billiger sei. Ich selbst hörte nur mit einem halben Ohr hin und registrierte, dass der Mann Engländer war. Nach dem wir an Land gegangen waren, warteten wir drei gemeinsam vor dem Gepäckwagen, um unsere Rucksäcke an uns zu nehmen. Ich konnte meinen auf dem obersten Regal sehen und wollte ihn gerade herabheben, als der Engländer mich ansprach: „May I?“ Diese Geste löste das Gefühl gentlemanlike in mir aus und ich schaute diesen Mann zum ersten Mal an: „Thank you, very kind of you,“ murmelte ich, „what’s your name?“
Es stellte sich heraus, dass er Robin hieß und auf dem Weg zurück nach London war. Wir hatten alle drei noch einige Stunden Zeit bis zum Abflug nach Frankfurt bzw. London und so beschlossen wir, in einem schönen Restaurant hoch über dem Hafen zu Mittag zu essen. Da das Lokal sehr voll war, setzten wir uns an einen Tisch zu einem jungen, bildschönen Deutschen mit Dreadlocks, der mich sofort ansprach: Er besitze ein großes Segelboot unten im Hafen und sei auf der Suche nach einer Frau, die mit ihm über den Atlantik nach Jamaika segeln wolle. Dabei flirtete er hemmungslos mit mir, während meine Freundin und der Engländer auf der anderen Seite des Tisches höflich Konversation betrieben. Da saß ich nun, zwei Männer an meinem Tisch, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zu meiner Rechten der Abenteurer, der Mannjunge, der attraktive Bindungsflüchtling mit dem unsteten Blick; links gegenüber der ruhige Engländer, ritterlich, höflich, mit einem verlässlichen Beruf, zu dem er am nächsten Tag zurückzukehren gedachte, der Technik des Flirtens unkundig, aber vertrauenserweckend.
Wieder sah ich mich am Scheidewege bezüglich meiner Männerwahl. Ich hatte mich bisher für die Abenteurer entschieden, die nach einem leidenschaftlichen Encounter davon segelten. Die Ritterlichen aber entbehrten das gewisse Etwas, ihre Bodenständigkeit fühlte sich langweilig an. In diesem Augenblick, die beiden Männer im Blick, legte ich durch einen bewussten Akt in meiner Wahrnehmung einen Schalter um. Ich brach den Flirt mit dem braungebrannten Dreadlock ab und wandte mich bewusst dem blassen Engländer zu. Ich nahm seine männlich kantigen Gesichtszüge wahr, seine ernsthafte Mimik, und vor allem seine tiefe, beruhigende Stimme. Er erzählte gerade von seinem lebhaften Interesse am Urwald auf Gomera, das ihn zu seiner Reise auf die Canaren bewogen habe, und welches Glück er gehabt habe: Weil er einen Flug am Freitag den 13. gebucht habe, habe sein Ticket so gut wie nichts gekostet, und dabei lachte er über den Aberglauben der Menschen, denen er, der Rationale, ein Schnippchen geschlagen habe. Sein Englisch hatte einen wohltönenden Süd-Londoner Akzent, der meinem Ohr schmeichelte. Und es war der Klang seiner Stimme, der bei mir plötzlich eine Vision auslöste: Dieser Mann wird der Vater meiner Kinder sein. Die bedrängende Einfachheit dieses Bildes bewirkte bei mir eine solche Verwirrung, dass ich mir sofort noch einen Wein bestellte. Vom Herzen fühlte ich mich nicht zu dem Engländer hingezogen, aber diese andere Seite in mir, die, die mir die Delfine offenbart hatten, mein Wunsch nach Geborgenheit und Heimat, kam bei diesem Engländer namens Robin an und umfing ihn mit einer Ahnung von Erfüllung. Dumpf und von Mittagshitze und Wein benebelt, fühlte ich zugleich mit dem Energieschub meiner neuen Wahrnehmung auch die Schatten, die am Grunde meines Planes lagen. Denn es war ein großes Bild, das mein Herz da entwarf. Ich wollte alles Fremde auf einmal umarmen: einen Mann als Partner – bis dato immer gescheitert,das Land meiner Sehnsucht, England – diesmal down to earth, Mutterschaft und totale Verantwortung ohne Netz und doppelten Illusionsboden.

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Leseprobe: Durch die Nadelöhr ins Himmelreich

Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Mit 18 Jahren sagte Sonja den Blumenwiesen ihres heimatlichen Dorfes Ade und folgte ihrem Traum vom Studium im aufregenden Berlin. Schon der Umzug dorthin im VW-Bus, vollgestopft mit ihren geliebten Büchern, Bett und Kochutensilien, ließ sich denkbar schwierig an. Sie erreichten die DDR Grenze an einem verregneten Oktobertag und gerieten an übel gelaunte Grenzposten, die Sonja zwangen, jedes einzelne ihrer vielen Bücher aus den Kartons zu zerren und den Herrschaften zur Ansicht vorzulegen. Am Ende waren die Bücher nass und Sonja von ihrer unterdrückten Wut völlig erschöpft.
Sie erreichten die Stadt viele Stunden später als geplant und es regnete immer noch. Sonja und ihr Begleiter schleppten Bücher, Bett und Kochgerätschaften in den vierten Stock eines ziemlich heruntergekommenen Mietshauses am Paul-Lincke-Ufer, wo sie durch die Vermittlung eines Freundes ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hatte. Das Zimmer war geräumig, allerdings wirkte der Stuck an der hohen Decke wie angekokelt und die nackte Glühbirne, die dort angebracht war, machte den leeren Raum nicht gemütlicher. Die Mitbewohnerin, die sie eingelassen hatte, verschwand gleich wieder, fröhlich verkündend, dass sie nur selten hier schlafe. Sie sei meistens in der Wohnung ihres Freundes und behalte ihr Zimmer hier nur noch zur Sicherheit, falls es mit dem Freund schiefgehen sollte. Die dritte Bewohnerin sei schon vor zwei Monaten auf einem Pferd von Berlin in Richtung Pyrenäen geritten, auf der Suche nach einem einfacheren Leben.

Der nächste Tag war ein Samstag und Sonja erkundete ihre neue Umgebung. Gleich um die Ecke geriet sie auf einen türkischen Markt. Frauen in dunklen Gewändern und Kopftuch, mit kleinen Kindern an der Hand, drängten sich um Stände mit köstlich frischem Obst und exotischem Backwerk, während die Verkäufer hinter den Ständen ihre Ware auf Türkisch anpriesen. Dies war eine völlig neue Welt für Sonja, die auf dem Dorf aufgewachsen war und noch nie einen Ausländer zu sehen bekommen hatte. Anfangs mischte sie sich freudig unter die Käuferinnen, bestaunte Chilischoten, eingelegten Schafskäse, Baklava und türkische Pizza, und nahm sich vor, später ein paar dieser Köstlichkeiten auszuprobieren. Im Augenblick aber trieb es sie weiter. Sie wollte ein Gefühl für diese Stadt bekommen, die sie sich als ihre neue Heimat erwählt hatte.
Irgendwann, etwa auf der Mitte des endlos langen Kottbusser Dammes, schlug ihre Stimmung um. Die rußgeschwärzten Kreuzberger Häuserfassaden schienen plötzlich höhnisch auf sie herabzublicken und ihr sagen zu wollen, dass sie hier nicht hingehöre. Da überfiel sie die Angst, diesem Moloch Stadt nicht gewachsen zu sein, gleichzeitig aber von ihm gefangen gehalten zu werden. Das war das Nachbeben der Grenz-Schikane vom Vortag. Wer solche Schwierigkeiten beim Überschreiten der Grenze hat, kommt, nachdem er eingelassen wurde, vielleicht nie mehr heraus? Überhaupt, die Mauer – sie war am Stacheldraht-Grenzzaun zur DDR aufgewachsen und meinte, ein abgeklärtes Verhältnis zur Grenze quer durch Deutschland zu haben. Aber hier in Westberlin fühlte sich das ganz anders an: nicht geteilt, sondern eingeschlossen und belagert. Und das in einer endlosen Steinwüste, in der sie keine Menschenseele kannte.

In der darauffolgenden Woche fing ihr Semester an, das sie sich engmaschig mit Germanistik- und Politik-Vorlesungen und -Seminaren vollgepackt hatte, ihre altbewährte Methode, um keine Lücken entstehen zu lassen, durch die irgendeine Verzweiflung hereinströmen könnte. Disziplin – die hatte sie vom Vater gelernt.
Um zur Universität zu gelangen, musste sie einmal quer durch Berlin mit U- und S-Bahn mit zweimaligem Umsteigen. Auf dem Campus angekommen, eilte sie in ihre Seminare oder Vorlesungen und blieb häufig den ganzen Tag dort, weil es sich nicht lohnte, in einer zweistündigen Pause die Weltreise zurück in ihre Studentenbude auf sich zu nehmen. Solange sie sich gewissenhaft auf ihr Studium konzentrierte, schien sie innerlich im Gleichgewicht zu sein. Lernen hatte ihr immer schon riesigen Spaß gemacht. Nach ein paar Wochen allerdings schlich sich eine Unruhe in ihr Herz und sie musste sich eingestehen, dass sie sich unerträglich einsam fühlte.
Sie hatte zwar Kontakt zu anderen Studenten ihres Semesters während der Seminare und in den Pausen. Abends jedoch verschwanden diese Kommilitonen irgendwohin, wo Sonja eine liebe Mama, einen Freund oder zumindest eine funktionierende Wohngemeinschaft vermutete. Wenn sie selbst nach Hause zurückkehrte, hielt sie nur einsame Zwiesprache mit ihrer trostlosen Glühbirne, die immer noch so nackt an der hohen Decke baumelte, wie sie sich selbst irgendwie nackt und schutzlos fühlte. Daran, dass sie nichts tat, um dieser hässlichen Glühbirne einen improvisierten Schirm zu basteln, wie sie es zu Hause sofort getan hätte, konnte Sonja den Zustand ihres Herzens ablesen. Irgendwie war es ihr nach vielen Wochen immer noch nicht gelungen, in dieser Stadt anzukommen und Ja zu sagen zu ihrer Situation.
Nach einer schlaflosen Nacht erkannte Sonja das Ausmaß ihrer Bedürftigkeit und erschrak. Dies war eine Gefühlslage, vor der sie sich mehr fürchtete als vor irgendetwas anderem. An ihrem Grund lagen Selbstzweifel und diese brachten Abhängigkeit hervor. Wenn du dich selbst nicht liebst, suchst du diese Liebe bei jemand anderem. Er möge dir das Gefühl geben, dass du liebenswert seist.
In ihrem Innersten wusste Sonja schon lange, dass sie lernen sollte, sich selbst anzunehmen. Denn nur so konnte wirkliche Liebe zwischen ihr und einem anderen Menschen entstehen, alles andere war eine Illusion. Aber sie schob diese innere Stimme immer wieder beiseite, denn dann hätte sie sich der tiefen Verlassenheit stellen müssen, mit der ihre Kindheit begonnen hatte und die als untergründige Angst ihr Leben überschattete. Unbehaust sein – das war die Grundmelodie, aus der sich die Stimme der Bedürftigkeit quälend erhob, nach Heimat suchend. Diese große, eingeschlossene Stadt hatte ihre Lebensmelodie klar und deutlich zutage gefördert und sie wurde ihr von der abgaserfüllten Luft, von den Graffiti an den Bahnhöfen und natürlich von der allgegenwärtigen Mauer zurückgespiegelt. Letztere verlief direkt durch ihr Herz.

Das Fahren mit der U-Bahn fiel ihr immer schwerer. Hier fühlte sie sich besonders eingeschlossen und den Blicken ihrer Mitreisenden ausgesetzt. Sie bildete sich ein, diese Blicke könnten in ihr Innerstes eindringen und dort ihre existentielle Unsicherheit entdecken. Wenn ihr jemand übel mitspielen wollte, könnte er sehen, wie wehrlos sie sich fühlte, und dann könnte sie leicht zum Spielball fremder Mächte werden. Auf die Idee, dass sie Hilfe brauchte, kam sie nie. Denn sie war es von Kindheit an gewohnt, dass sie mit der Welt allein fertig zu werden hatte. Und so panzerte Sonja sich mit einem verkrampften Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit als Schutzmauer einsetzte.
Das wiederum brachte sie in neue Schwierigkeiten. Jeden Abend, wenn sie mit der U-Bahn Richtung Kreuzberg fuhr, stiegen viele türkische Männer zu. Das Zwangslächeln wurde jetzt zur Falle. Die Männer schauten sie ganz unverhohlen an und sie fühlte sich unter ihren Blicken nackt. Etwas in ihr wollte gesehen werden. Ihr eigenes Sehnen, von einem Mann einfach in den Arm genommen zu werden, beschützt und begehrenswert zu sein, war so zwingend, dass sie es nicht mehr verbergen konnte. Und so musste ihr Lächeln für diese fremden Männer wie eine Aufforderung erscheinen, ihr zu nahe zu treten. Und dafür schämte sie sich.
Sie war nicht mehr in der Lage, sich abzugrenzen, und diese letzte Strecke ihrer Reise glich einem Spießrutenlauf. Wenn sie das Kottbusser Tor erreicht hatte, stürzte sie schweißüberströmt aus der Bahn und es dauerte lange, bis ihr ängstlich pochendes Herz sich beruhigt hatte.

Sie begann, die Uni zu schwänzen, aus Angst vor der U-Bahn. Auf dem Bett liegend hielt sie Zwiesprache mit der nackten Glühbirne und sah niemanden, tagelang. An wen sollte sie sich auch wenden, sie war mutterseelenallein in Berlin. Aber so weit, sich ihr Scheitern an der eingeschlossenen Stadt einzugestehen, war sie noch nicht. Und dies als Fingerzeig des Lebens zu nehmen, sich ihren Angstzuständen zu stellen – dafür war weder die persönliche noch die historische Zeit reif.
Wenn sie von der Glühbirne genug hatte, ging sie in die kalte Küche und machte den kleinen Fernseher an, den jemand auf den Kühlschrank gestellt hatte. Obwohl sie für Fernsehen bisher nur verächtliche Gefühle aufbringen konnte, erwies sich dieser kleine Flimmerkasten als echter Freund, besonders wenn gute Filme liefen. Sonja liebte Kino über alles und sie war in ihren ersten Semestern in Heidelberg Mitglied des studentischen Filmclubs gewesen. Eines traurigen Berliner Abends flimmerte über den kleinen Fernsehkasten Belle de Jour von Buñuel, ein Film, den sie schon dreimal gesehen hatte, so sehr faszinierte sie die Heldin Séverine, gespielt von der bildschönen Catherine Deneuve. Schlafwandlerisch lebt diese Frau ihre sexuellen Phantasien aus, angeekelt von der Falschheit und Doppelmoral ihrer Klasse. Der Regisseur hält es herrlich in der Schwebe, ob Séverine sich nun wirklich oder nur in ihrer Vorstellung ihren perversen Partnern hingibt. Gerade durch den diskreten Umgang mit der weiblichen Lust entstand für Sonja jene schwebende erotische Spannung, die der Film schon die vorigen Male bei ihr ausgelöst hatte. Mit Pornographie hatte das nichts zu tun, denn sie verstärkte normalerweise bei ihr das Gefühl des ekelerregenden Beschmutzt-Werdens. Buñuel aber ließ seine Heldin selbst bei den perversesten Männern fast unschuldig erscheinen, weil sie einem höheren Gebot der Lust zu folgen schien, das gegenüber der Verlogenheit ihrer Ehe die Wahrheit für sich reklamierte.

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Leseprobe: Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Bloß keinen Redner im Bett!

Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Einen Redner im Bett zu haben kann zur hysterischen Implosion führen. Schon beim Entkleiden spricht der Redner über die katastrophale Einrichtung der Welt in fünffüßigen Jamben und verheddert sich dabei in seinen Hosenbeinen. Mit weit ausholender Gestik wirft er beim Reden auch noch die Kerze um, die seine Partnerin liebevoll auf die Nachtkonsole gestellt hat. Statt den dabei entstehenden Brand wie ein Mann zu löschen, vergisst der Redner, sich weiter zu entkleiden, weil er seiner Partnerin einen Vortrag halten muss über die Gefahr von Kerzenbränden im Bett und dass London wegen einer solchen Kerze am Bett schon zweimal abgebrannt sei, man stelle sich vor, diese Kulturstadt! Dabei verheddert sich der Redner ein weiteres Mal, diesmal in seinen fünffüßigen Jamben, und fällt desorientiert aufs Bett, weil er den Faden verloren hat, um was es an diesem Ort eigentlich gehe. Er besinnt sich doch schnell und zitiert aus der Geschichte der Sexualität den Marquis de Sade, der ein echter Mann gewesen sei. Und schon, den Faden wiederfindend, schwingt der Redner sich zwischen den Laken auf zu stolzen rhetorischen Figuren, die über die wachsbekleckerte Dame herfallen und sie am ganzen Körper zwicken, wobei ihr die letzte Lust vergeht, die sie vielleicht noch auf den Mann im Redner hatte. Der aber bemerkt den Stimmungswechsel im Bett nicht, denn ihm schwillt von seiner selbstverliebten Rede gerade der Kamm, die Rhetorik lässt seine Stirnadern heftig hervortreten und dabei seinen Partner, den Schwanz, zu einem erbärmlichen Krümel schrumpeln. Inzwischen aber ist seine Dame, umschwebt von leeren Worthülsen, einfach implodiert.