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Leseprobe: Sei einfach und Du wirst

Sei einfach Und Du wirst

Mein Name ist Vincent und ich wurde vor fünf Jahren in einem kleinen Dorf namens Kökkel geboren. Leider konnte ich nur sehr kurze Zeit unter der warmen Obhut meiner Eltern leben, denn bald sollte ich ein hübsches, kleines Geschenk für ein Kind werden. Die Eltern des Kindes kamen auf das Gut, wo ich geboren wurde und fragten meinen Besitzer, ob er nicht ein junges Pferd für ihre kleine Tochter zu verkaufen hätte. Ohne lange zu überlegen brachte er sie gleich zu mir und sagte, ich sei genau das richtige Pferd für ihr Kind.
Ich verstand das Ganze nicht, denn obwohl ich noch klein war wusste ich sehr wohl, dass der Mann diese armen Menschen anlügt: Denn ich bin kein Pferd, sondern ein Esel.
Zu meinem Erstaunen fanden mich die Eltern des Kindes hübsch und beschlossen, mich gleich am nächsten Tag schon ganz früh am Morgen abzuholen.
Natürlich muss ich Ihnen nicht sagen wie ich mich gefühlt habe, denn es waren die letzten Stunden, die ich mit meinen Eltern verbringen durfte. Mein Vater stand während des ganzen Verwechslungs-Vorfalls hinter mir.
Gesagt hat er zu all dem nichts. Nur zu mir sagte er, nachdem alle gegangen waren, folgendes: »Merke dir, mein kleiner Vincent: Du bist und bleibst immer ein Esel. Glaube keinem, der dich etwas anderes glauben lassen will.«
Verstehen konnte ich seinen Wunsch natürlich nicht. Wie sollte ich etwas anderes sein können als ein Esel? Eifrig versuchte ich mir jedes einzelne Wort gut zu merken, denn meinem Vater schien dieser Gedanke sehr wichtig zu sein.
Die Nacht verging. Es wurde Morgen und kaum reckte sich die Sonne aus ihrem Schlaf, da waren auch schon die Eltern des Kindes da.
Das Kind wusste von meiner Ankunft nichts, und so war auch die Freude über mich wirklich groß, als ich endlich aus dem Transporter durfte. Mir gefiel meine neue Gefährtin sehr, denn sie war klein, zierlich, hatte lange blonde Haare und große blaue Augen. Wie ich bald hören konnte, trug sie den wunderschönen Namen Julie. Es schien eine wirklich aufregende Zeit auf mich zu warten. Und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht – nur durfte ich die Wahrheit, dass ich ein kleiner Esel und kein Pferd war, nicht vergessen.
Es dauerte nicht lange und sie ließen mir einen Sattel anfertigen, denn wenn ich einmal groß würde, dann würden sie sicherlich gut auf mir reiten können. Obwohl ich die Wärme und die Liebe sehr genoss, wuchs meine Angst, sie könnten meine Wahrheit entdecken.
Ich verbrachte so manch eine Nacht in Furcht und Schrecken, denn ich hatte wirklich sehr viel zu verlieren. Tagtäglich musste ich sehen, wie meine kleine Gefährtin ein Pferd pflegen wollte – und nicht einen Esel. Ihre Hoffnung war, dass ich einmal ein prachtvoller Hengst werden würde. Sie sprach mit mir und liebkoste mich, nannte mich aber immer »mein kleines Wunderpferd«.
Manchmal entwarf ich heldenhafte, gigantische Pläne, die nur eines zum Ziel hatten: Julie die Wahrheit über mich zu zeigen. Und immer, wenn ich eine gute Idee hatte, freute ich mich riesig. Nur mit der Verwirklichung derselben sollte ich stets Probleme haben, denn jedes Mal, wenn die Zeit und auch die Umstände eine Einheit bildeten, war gerade ich es, der nicht zu dieser Einheit gehörte. Wie gut auch meine Pläne waren, nie schaffte ich es, sie in die Tat umzusetzen. Meine Angst vor der Möglichkeit, sie könne mich so, wie ich tatsächlich bin, nicht mehr lieben, siegte letztendlich immer. So blieb ich der Esel, von dem andere dachten, er sei ein Pferd – nur mit ein wenig zu großen Ohren.
Die Tage und Wochen vergingen und keiner erkannte meine Wahrheit. Die Zeit brachte mit sich, dass man von mir immer häufiger Dinge verlangte, denen ich nicht entsprechen konnte. Ich hatte wohl zwei Jahre in diesem verkehrten Leben gelebt, als die Familie ihre Träume hinsichtlich meiner Fähigkeiten endlich aufgab. Sie brachten mich in diesen Tiergarten, wo ich seither glücklich lebe. Mein Abschied von ihnen fiel mir wirklich schwer, doch gleichzeitig war ich über meine Befreiung aus dem falschen Leben überaus glücklich. Endlich war es soweit! Ich konnte ein richtiger Esel sein!
Gleich neben mir im Gehege standen die Pferde. Ich weiß noch, wie ich sie mir anschaute und nicht verstand, wie ich mit diesen Tieren verwechselt werden konnte. Sie waren nämlich nicht nur viel größer, geschickter und schöner als ich, sondern sie hatten auch lange, graziöse Beine und viel, viel kleinere Ohren! Heute würde ich mich nicht mehr wundern, denn mittlerweile weiß ich, dass meine Geschichte nicht einmal die Verrückteste war.
Nun aber zurück zu meinen Nachbarn, den Pferden. Sie müssen wirklich ganz besondere Pferde gewesen sein, denn dreimal in der Woche wurden sie auf einen Platz geführt. Ich sah, wie sie dort – für mich unverständlich, für sie aber selbstverständlich – ihre Beine nach Musik bewegten. Noch nie hatte ich so schöne Tiere gesehen, noch nie solch schöne Bewegungen. Meine Liebe zu den Pferden wurde groß. Ja, zu groß! Ich bemerkte nämlich, wie sie nicht nur von mir, sondern auch von den vorbeikommenden Menschen und den anderen Wesen im Zoo geschätzt und geliebt wurden.
So geschah es zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich nicht mehr so sein wollte wie ich war. Auch ich wollte so geliebt und gepflegt werden wie diese Pferde – und nicht immer nur ein kleiner, unbeachteter und grauer Esel bleiben.
Bald stand mein Entschluss, ich müsste zu einem Pferd werden, fest. Stur genug war ich ja, einen starken Willen hatte ich auch, also stand alles für meine Veränderung bereit.
So geschah es, dass ich anfing, das Verhalten der Pferde zu studieren. Lange und sehr hart habe ich es lernen müssen, aber nur so konnten meine Anstrengungen Früchte tragen.
Wie besessen versuchte ich mir die kleinsten Regungen dieser Tiere zu merken – und nicht nur das: Immer, wenn die Pferde auf dem Platz tanzten, versuchte ich sie heimlich nachzuahmen. Ich übte sehr lange jeden einzelnen Schritt. Nur selten wurde ich von Menschen, die mich beobachten wollten, unterbrochen. Ich musste aber aus einem anderen Grund sehr vorsichtig sein: Es geschah nämlich oft, dass ich während meiner Proben hinfiel. Doch ich hielt zäh an meinem Ziel fest: Ich wollte zu einem Pferd werden!
Nach einem Jahr war es dann soweit. Ich hatte mich als Pferd erschaffen. Das Werk war vollbracht. Alles stimmte bis ins kleinste Detail. Ich ging, fraß, sprach und tanzte wie sie. Mein Stolz auf mich war groß, denn noch nie hatte ich etwas so Bedeutendes erreicht. Nun war ich endlich kein unscheinbarer Esel mehr, sondern ein Pferd, das bald von allen geachtet und bewundert werden würde.
Eigentlich stand mir nur dieses klitzekleine Problem im Weg. So klein es war, es war doch das Zeichen meines wahren Wesens. Obwohl ich tagein, tagaus und wirklich hart an seiner Beseitigung gearbeitet hatte, es wollte sich nicht meinem Willen unterwerfen und verschwinden. Letztendlich sah ich die einzige Möglichkeit in der erhöhten Kontrolle über diesen kleinen Fehler. Ich verpflichtete mich zu einer ständigen Aufsicht über mein Verhalten.
Nun war endlich die Zeit reif, das zu bekommen, wofür ich so hart und aufopferungsvoll gearbeitet hatte: die Achtung und die Liebe der anderen. Es dauerte nicht lange und ich wurde dank meiner Vorführungen zur größten Attraktion im Zoo. Ich konnte mich wirklich nicht beklagen, denn mein Wunsch und mein Bemühen wurden reichlich belohnt. Täglich hatte ich meine Auftritte und täglich wurden es mehr Menschen, die mir klatschend zusahen. Sie warfen mir Futter zu, streichelten mich, sprachen mit mir, freuten sich über mich und erzählten den anderen von mir. Ich hatte – so zumindest glaubte ich – das höchste Glück erreicht.
Doch eines Tages, als ich mitten in meiner Vorstellung war, musste ich wohl – ich weiß selbst nicht, wie – die Kontrolle über mich verloren haben. Fast verloren hatte ich sie ja schon oft (und zwar immer dann, wenn ich mich sehr gefreut habe), doch an diesem Tag war es mir nicht nur fast, sondern wirklich passiert: Die Kontrolle war weg und ich schrie völlig außer mir vor Freude: »I-Aah!« Da war er, der kleine Fehler!
Obwohl ich diesen Aufschrei noch mit Gedanken wie: »Was tut schon dieses lächerliche ›I-Aah‹ zur Sache, mein Verhalten zählt!«, überspielen konnte, war ich zutiefst über mich und meine verlorene Kontrolle erschüttert.
Meine Vorführung habe ich irgendwie überstanden. Alle freuten sich über mich und mein Können. Sie klatschten, lachten, riefen mir zu. Doch war ich nach meinem entsetzlichen »I-Aah« nicht mehr der, den sie noch ein paar Minuten zuvor sahen. Da glaubte ich nämlich noch, ein Pferd zu sein. Jetzt wusste ich wieder, dass ich ein Esel war.
Nachdem alle gegangen waren, blieb ich stur auf meinem Platz stehen. Lange stand ich so da und überlegte. Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, denn nun wusste ich wirklich nicht mehr, ob ich so überhaupt noch weiterleben wollte. All meine Hoffnungen galten dem Pferdeleben: Alle Lösungen, meine Erlösung von meinem kleinen jämmerlichen Leben, sah ich im Dasein als Pferd.
Und nun stand ich da und wusste, dass ich mir nie wieder würde einreden können, etwas anderes zu sein als ein Esel. Jetzt erinnerte ich mich wieder an die Worte meines Vaters. Damals verstand ich sie nicht, an diesem Tag spürte ich ihre schmerzvolle Wahrheit.
Eigentlich sah ich alles schwarz, denn als Esel hatte mein Leben keinen Sinn mehr. So sehr ich auch suchte, ich fand nichts, woran ich mich hätte festhalten können. Ich bekam große Angst, denn wer würde mich jetzt lieben? Wer würde mich achten? Streicheln? Mit mir reden? Was wäre, wenn mich keiner lieben würde? Wenn ich nicht mehr geachtet werden würde? Nie wieder würde ich auftreten können, denn ich trat ja als Pferd und nicht als Esel auf!

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Leseprobe: Heimgeschichten – alt und im Abseits

Heimgeschichten – alt und im Abseits

 

Der Weg
von
„Das kann nicht sein“
zu
„Das ist so“
ist für mich oft ein unmöglicher.
Ich verirre mich.
Auf dem Weg
von
„Das kann nicht sein, dass wir das zulassen“
nach
„Das ist aber so.“
Wo ist der Weg?
Den die anderen gehen?
Konnten.
Können.
Ich kann ihn nicht finden.
Den Weg.
„Das ist so“
Ruft´s jede Sekunde meines Lebens.
Ich höre ihn.
Den Ruf.
Sagt mir, welchen Weg seid Ihr gegangen von
„Das kann nicht sein!“
Zu
„Das ist so.“?

Wie habt Ihr es nur geschafft?
Wie schafft Ihr es?
Schafft Ihr es?

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Leseprobe: Sei einfach und Du wirst

Sei einfach Und Du wirst

»Nun gut, ich werde dir meine Geschichte erzählen. Du musst mir aber ganz fest versprechen, dass du mich nie wieder mit deinen dummen Fragen stören wirst. Einverstanden?« Ich nickte und sagte: »Ich werde dich nie wieder mit meinen dummen Fragen stören. Einverstanden.« »Danke«, sagte sie und begann mir ihre Geschichte zu erzählen.
»Ich bin unter den Rennmäusen aufgewachsen. Mein Leben mit ihnen war schon immer sehr schwierig, denn ständig lachten sie über mich und mein langsames Tempo. Sie haben mich immer mit sich verglichen, immer gesagt, ich müsse so schnell sein wie sie. Lange, sehr lange glaubte auch ich, eine Rennmaus zu sein. Wie hätte ich etwas anderes glauben können? Keiner hatte mir je etwas anderes gesagt! Nur selten wunderte ich mich über die Unterschiede zwischen ihnen und mir, schnell vergaß ich sie und glaubte lieber, ich sei eine langsame Rennmaus. Tagtäglich und immer wieder musste ich sehen, wie flink die anderen im Gegensatz zu mir waren. Wie sie mit einer Leichtigkeit Dinge vollbrachten, mit denen ich trotz größter Anstrengungen nicht fertig wurde.
Sie lachten und lachen noch immer über mich. Sie nannten mich immer einen ›trägen Trottel‹. Sie sagten, ich sei eine Missgeburt, denn Rennmäuse seien schnelle Tiere. Etwas schiene mit mir nicht zu stimmen und wenn ich mich nicht endlich anstrengen würde und so würde, wie ich sein müsste, dann würden sie mich verstoßen. Ich würde draußen in der kalten Welt hungern müssen, denn kein Tier könne solch ein langsames Ding wie mich gebrauchen.
Eines Tages aber hatte ich eine eigenartige Begegnung mit einem Tier, das auch so langsam war wie ich. Ich freute mich, eine andere langsame Rennmaus kennenlernen zu dürfen. Wir unterhielten uns lange, und ich fand sie sehr sympathisch. Irgendwie schienen wir uns zu gleichen – mehr als ich mit den anderen Rennmäusen. Ich war überaus erleichtert und sagte ihr, dass ich mich freute, endlich nicht mehr die einzige langsame Rennmaus sein zu müssen. Daraufhin brach sie in lautes Gelächter aus. Sie schaute mich an und sagte: »Mädel, weißt du denn nicht, dass du keine Rennmaus sondern eine Schnecke bist?«
Natürlich bekam ich einen Schock und rannte sofort weg.
Bald sah ich sie wieder, nun aber in Begleitung mit anderen Tieren, so wie sie eines war. Alle waren sie sehr langsam und allen sah ich irgendwie sehr ähnlich. Sie kamen zu mir und sagten, sie seien Schnecken und ich gehörte zu ihnen. Sie hätten von meiner Geschichte gehört und würden sich sehr freuen, wenn ich zu ihnen ziehen und die Rennmäuse vergessen würde. Natürlich lachte ich über sie und sagte, dass sie zwar Schnecken sein mochten, ich aber nicht: Ich sei eine Rennmaus.
Als ich dann zu Hause ankam, erzählte ich den anderen mein Abenteuer mit den Schnecken. Alle lachten über mich und sagten, ich könne tatsächlich sehr leicht mit einer Schnecke verwechselt werden, denn die seien genau so langsam wie ich. Allerdings solle ich mir keine Illusionen machen. Ich könne nämlich keine Schnecke sein, weil ich unter Rennmäusen aufgewachsen sei. Seitdem gehe ich den Schnecken aus dem Weg.«
Hier hielt Augustine inne. Ich wartete ein wenig und fragte dann vorsichtig: »Aber glaubst du eine Rennmaus zu sein, nur weil du unter ihnen aufgewachsen bist? Kann es nicht sein, dass du trotzdem tatsächlich eine Schnecke bist?« Ihre Antwort auf meine Frage kam schnell. »Hast du mir nicht etwas versprochen? Keine weiteren Fragen mehr! Ich freue mich, dass wir uns kennenlernen durften. So, wenn du mich jetzt bitte gehen lassen würdest!« Damit verabschiedete sie sich, verzog ihr Gesicht und beeilte sich.
Lange stand ich noch neben ihr und überlegte, ob ich vielleicht noch etwas sagen sollte. Doch dann entschloss ich mich, mein Versprechen ihr gegenüber zu einzuhalten. Damit verließ ich sie.