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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

„Hanna, komm, wir müssen los. Ich muss um halb neun im Mississippi sein, sonst kann ich an der Talentshow nicht mehr teilnehmen. Also beeil dich gefälligst mal ein bisschen, sonst verpass ich diese Chance!“ Ich war ziemlich aufgeregt, denn heute war mein großer Tag. Ich hatte wochenlang im Play-back die Songs „Irresistible“ und „Stimmen im Wind“ eingeübt, konnte jeden Ton, jedes Wort aus dem Effeff. Fest entschlossen, doch noch eine Karriere als Sängerin und Schauspielerin auf die Beine stellen zu können, hatte ich nicht lockergelassen, bis sogar Hanna so von mir begeistert war, dass sie mir Erfolg prophezeite. Und jetzt bummelte sie herum und brachte meine Teilnahme damit in Gefahr. Das ging gar nicht! Zehn Minuten später waren wir auf dem Weg. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher in diese Richtung etwas gemacht?“, fragte mich Hanna, die wohl so etwas wie Bewunderung für mich und meinen festen Willen empfand. „Weil ich Lehrerstochter bin“, lautete meine lakonische Antwort. „Was hat das denn mit deiner Singerei zu tun?“, wollte Hanna von mir wissen. Ich erklärte ihr, dass ich keine Chance hatte, etwas in der Richtung machen zu können, weil ich immer und ewig zu Hause nur zu hören bekam, dass man ja einen anständigen Beruf erlernen musste, weil ein Künstler nur von der Hand in den Mund lebte. Und mir sollte es mal besser gehen, aus mir sollte etwas Anständiges werden. Als ob Sänger und Schauspieler nichts Anständiges waren. Pah! Ablehnung stieg in mir auf. Wer legte denn überhaupt fest, was anständig ist und was nicht? Mit dieser Aussage wurden damals meine Träume mit einem Wisch zunichtegemacht, einfach so unter den Tisch gekehrt. Aus war der Traum von Schauspielschule und großer Bühne. Stattdessen wurde das Verhältnis zu Hause immer schlechter und ich flüchtete mich in eine Ausbildung, brach die Schule nach der Mittleren Reife ab, nur um ja schnell aus dem Elternhaus rauszukommen. Mit Erreichen der Volljährigkeit setzte ich das sofort in die Tat um, indem ich meine Klamotten zusammenpackte und zu Hanna zog. Hanna war diejenige, die mir nach einiger Zeit dann vorschlug, doch an Talentwettbewerben teilzunehmen, da sie mich immer und überall nur singen hörte und meine Stimme ganz schön fand. Zuerst wehrte ich ab, tat alles als eine verrückte Idee ab. Mit der Zeit aber gefiel mir der Gedanke und ich begann, zwei Lieder mit Play-back einzuüben. Eines davon wollte ich heute Abend zum Besten geben und damit gewinnen. Irgendwie musste es doch noch einen Weg geben, meinen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Besser später als nie, dachte ich mir insgeheim. Im „Mississippi“ angekommen suchte ich nach dem Veranstalter des Talentwettbewerbs. Im hinteren Teil der Disco wurde ich dann fündig. Eine Schlange von zehn oder elf jungen Mädchen und Jungs stand bereits dort mit der gleichen Absicht, die auch ich hegte. Geduldig stellte ich mich ans Ende der Schlange an und wartete, bis ich am Tisch des Veranstalters stand, nur um zu erfahren, dass ich noch einen Fragebogen ausfüllen musste. Na super, das hätte man auch mal gleich vorher sagen können! Ich nahm den Fragebogen entgegen, bat die Bedienung, mir einen Kugelschreiber zu leihen und füllte den Bogen gewissenhaft aus. Als alles erledigt und dem Veranstalter übergeben war, bekam ich meine Startnummer. Es war die Sieben. Sieben von zwölf Teilnehmern. Das ging ja noch, also musste ich wenigstens nicht bis zum Ende warten, bis ich an der Reihe war. Der Wettbewerb würde um zehn starten, es blieb mir also noch eine gute Stunde Zeit. Der Laden füllte sich langsam aber stetig. Gut so. Je mehr Leute da waren, umso mehr würden meinen Namen behalten. Der „Hauptgewinn“ des heutigen Abends waren zehn LPs und ein Auftritt in einer Show im Vergnügungspark, den ich um jeden Preis gewinnen wollte. Ich brachte der Bedienung ihren Stift zurück und bestellte einen Wodka-Lemon. Einen konnte ich mir erlauben, außerdem lockerte er meine Zunge ein wenig. Langsam kroch die Nervosität in mir hoch. Lampenfieber. Na toll, und das schon jetzt! Wie sollte es erst sein, wenn ich auf der Bühne stand? Nervös trank ich zwei große Schlucke Wodka-Lemon und versuchte, der Nervosität Herr zu werden, was mir allerdings mehr schlecht als recht gelang. Hanna kam angetänzelt, nahm mich bei der Hand und zerrte mich auf die Tanzfläche. „Tainted Love“ dröhnte aus den Lautsprechern. Dieser Song gefiel mir, vielleicht konnte ich ihn auch irgendwann einmal singen. Wir blieben eine gute halbe Stunde auf der Tanzfläche, was meiner Nervosität ganz guttat. Dann machte ich mich auf den Weg zu den anderen Teilnehmern, die nicht minder aufgeregt am Ende der Disco alle in einer Ecke versammelt standen. Punkt zehn ging die Show dann los. Nummer eins und zwei bekamen Buhrufe des Publikums, wie ich fand zu Recht, denn sie lagen mit fast jedem dritten Ton daneben. Die Nummern drei, vier und fünf waren ganz passabel und die sechste war richtig gut. So ein Mist. Ausgerechnet hinter einer guten Nummer war ich an der Reihe. Jetzt musste ich noch besser sein. Ich hörte, wie mein Name aufgerufen wurde und stand plötzlich im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Mein Herz klopfte bis zum Hals, die Hände waren voller Schweiß und ich hatte Angst, den Einsatz zu verpassen oder gar keinen Ton mehr herauszubekommen. Aber dann lief auf einmal alles wie von selbst. Das viele Proben machte sich bezahlt. Ich hatte nicht einen Texthänger, die Töne kamen alle so, wie sie sein sollten, nicht einer lag daneben und ich schaffte es sogar noch, so etwas wie eine kleine Choreografie auf die Beine zu stellen, dem Inhalt des Songs mehr oder minder gerecht werdend. Als der letzte Ton verklungen war, ging ein brausender Applaus los und ich freute mich wie ein kleines Kind über den gelungenen Auftritt. Überglücklich verbeugte ich mich leicht in alle Richtungen und lächelte dem Publikum dankbar zu. Erst als ich wieder am Tisch saß, schaffte Hanna es, zu mir durchzukommen und war total begeistert. „Ich hab dir ja gesagt, dass du die Beste bist“, grinste sie mich an und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Von der Anspannung, die nun von mir abgefallen war, etwas müde lächelte ich sie an. Sie war schon eine kleine Perle, schaffte es immer wieder, mich aufzubauen. Die noch folgenden fünf Auftritte waren alle eher mittelmäßig und mein Gefühl sagte mir, dass meine Karten ganz gut waren, zumindest unter den ersten dreien zu landen. Bei diesem Wettbewerb entschied das Publikum. Es hatte eine Stunde Zeit, die Stimmkarten in die dafür vorgesehene Box am Eingang einzuwerfen. Die Verkündung des Gewinners war für ein Uhr nachts festgesetzt. Jetzt hieß es warten und hoffen. Hoffen, dass der Weg zur Verwirklichung meines Traums beginnen würde.
Tatjana kam aus der Umkleide in den Barraum und sah mich mit fragendem Blick an. Es war genau eine Woche her, dass Josch mit mir hier an der Theke den Champagner getrunken und alle nach Hause geschickt hatte. Niemand hatte seither ein Wort darüber verloren, die Blicke jedoch sprachen Bände. „Süße, Josch hat nach dir gefragt. Du sollst bitte in den Hof kommen.“ Was soll das nun wieder? „Was will er denn?“, fragte ich ziemlich genervt. Tatjana zuckte nur mit den Schultern. Missmutig stand ich auf und machte mich auf den Weg in den Hof. Ich kam mir vor wie auf dem Gang zum Schafott, jedes Augenpaar der anwesenden Mädchen bohrte sich in meinen Rücken. Wie ich das alles hasste. Wenn Josch nicht eine gute Begründung für all das hier hatte, konnte er sich warm anziehen. Ich öffnete die Tür zum Hof und sah Josch mit dem Rücken zu mir am Pool sitzen. Als er mich hörte, drehte er sich um und sah mich mit ernster Miene an. Ein mulmiges Gefühl im Magen war die Folge. „Setz dich“, sagte er noch immer mit ernstem Blick. Langsam glitt ich auf den Stuhl ihm gegenüber und wartete auf das, was er mir sagen wollte. Ich hatte absolut keine Ahnung, was kommen konnte, denn ich hatte mit niemandem über uns gesprochen, so konnte es also Lizzy auch nicht wissen. Nach einer kurzen Pause des Schweigens sah er mir in die Augen. „Du hast den Tripper und hast ihn mir in unserer gemeinsamen Nacht vermacht. Ich musste Lizzy davon erzählen, weil auch sie jetzt Antibiotikum nehmen muss. Der Arzt hat mir für dich das Medikament gegeben. Du sollst es zehn Tage lang nach Vorschrift einnehmen.“ Mir wurde kalt und heiß zugleich. Der Doc war Anfang der Woche wie jeden Monat zur Untersuchung im Klub gewesen, hatte uns Mädchen wie immer alle auf dem „Stuhl“ gehabt, die notwendigen Abstriche genommen. Eigentlich eine Routineangelegenheit für uns, ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht. Und jetzt das. Wie naiv war ich doch gewesen. Der Typ mit den hundertfünfzig Mark extra hatte mir noch ein weiteres Andenken hinterlassen. „Dir ist klar, dass du unter diesen Umständen nicht weiter hier arbeiten kannst. Das war Lizzys Bedingung, damit sie mir den Seitensprung mit dir verzeiht.“ Ich nickte langsam und spürte zugleich, wie eine unerträgliche Kälte in mir aufstieg. Na, da hatte ich meine Geldgier ja teuer bezahlt. Scheiße. Jetzt war ich tatsächlich von Josch auf die Straße gesetzt worden. Ich, die von ihm verführt wurde, musste jetzt dafür büßen. Wieso nur hatte ich nicht einfach die Türe zugelassen, als er betrunken davorstand? Was hätte schon Schlimmes passieren können? Bestenfalls hätte er am nächsten Tag nicht einmal mehr gewusst, dass ich ihn abgewiesen hatte. Ich war eine Idiotin. Ohne ein Wort zu sagen, drehte ich mich um und ging in die Umkleidekabine, zog meine Straßenklamotten an, packte alles, was im Spind war, zusammen und verließ ohne ein weiteres Wort durch die Hintertür den Laden. Was für ein Abgang. Wie gut, dass mir niemand mehr begegnete, ich nicht auch noch alles erklären musste. Sollte doch Josch zusehen, wie er den anderen mein plötzliches Verschwinden verkaufte. Draußen auf der Straße blieb ich stehen und drehte mich um. Da war er nun, der Klub, in dem ich mehr als ein halbes Jahr lang mein eigenes Geld verdient hatte. Der Klub, in dem die Mädchen saßen, die in dieser Zeit so etwas wie Familie geworden waren. Eine Träne lief mir langsam über die Wangen. Ich fühlte mich leer. Leer und verlassen.
In zehn Minuten würde das Ergebnis da sein, dann hatte ich Gewissheit, ob ich unter den ersten drei besten gelandet war. Innerlich war ich total aufgeregt, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Inzwischen war ich vom vielen Tanzen schon müde geworden und spürte den Alkohol, den ich getrunken hatte, auch wenn es nicht viel gewesen war. Ich wollte um jeden Preis gewinnen, was die Anspannung in mir nicht gerade linderte. Hanna saß auch schon angetrunken in einer Ecke und war kurz davor, einzuschlafen. Es war immer dasselbe mit ihr, erst drehte sie total auf, trank jede Menge und dann, von einem Augenblick auf den anderen, sackte sie in sich zusammen. Ich ging zu ihr und versuchte, sie wach zu halten. „Hey, mach die Augen auf, gleich wirst du meinen Sieg miterleben“, schrie ich ihr ins Ohr. Langsam öffnete sie leicht die Augen, verdrehte sie, nur um sie kurz darauf gleich wieder zu schließen. Na super, hier war wohl nichts mehr zu machen. Ich fragte mich, wie ich sie später zum Auto und nach Hause bekommen würde. Sicher kein einfaches Unterfangen. Der Veranstalter der Talentshow erschien auf der Bühne und die Musik verstummte. „Meine Damen und Herren, Sie haben gewählt, Sie haben entschieden. Der beste Akt des heutigen Abends steht fest. Der Gewinner ist heute Abend eine Frau.“ Mein Herz begann laut zu pochen, schlug mir bis zum Hals und es musste sicher jeder hören können. Teilgenommen hatten am Wettbewerb fünf Frauen und sieben Männer, was meine Chance auf den Sieg augenblicklich erhöhte. Die Aufregung wurde immer stärker und mein Bauch fing an zu rebellieren. „Die Gewinnerin des heutigen Abends und somit eine der Teilnehmerinnen des Auftritts in unserer Talentshow im Vergnügungspark ist …“ Er machte eine unerträglich lange Pause, und ich hielt die Luft an. Das Publikum begann zu pfeifen, weil es endlich wissen wollte, wer denn nun die Gewinnerin war, die ihr Lied noch einmal singen würde. „Mila mit Irrisistible!“. Mein Herz rutschte in die Hose und ich schrie vor Freude auf. Ich hatte es tatsächlich geschafft, ich hatte gewonnen! Und das trotz der guten Darbietung vor mir. So schnell meine Füße mich trugen, lief ich die Stufen runter zur Tanzfläche, nahm das Mikro in Empfang, einen Kuss dazu und schon begann das Lied Play-back zu laufen. Erleichtert über meinen Sieg und die neuen Chancen, die ich nun hatte, sang ich entspannt noch einmal den Song, der mir heute Abend Glück und mich in der Gunst des Publikums an die Spitze gebracht hatte. Offensichtlich mochten sie mich, sonst würde ich hier nicht noch einmal stehen. Als ich geendet hatte, ertönte kräftiger Applaus und ich fühlte mich überglücklich. Ich war dabei, meinen Traum zu erfüllen. Der erste Schritt war getan. Der zweite folgte in drei Wochen. Jetzt hieß es proben, proben, proben bis der Arzt kam. Ich wollte unbedingt bei diesem Auftritt glänzen und den ersten Platz belegen. In meinen Gedanken sah ich mich bereits auf großen Bühnen stehen und mein Publikum mit schönen Balladen, aber auch melodiösen, rockigen Nummern verwöhnen. Welch ein herrliches Gefühl, welch schöne Träume! Hanna, die von alledem nichts mitbekommen hatte, schnarchte leise vor sich hin. Gnadenlos rüttelte ich an ihren Schultern, so lange bis sie aufwachte und bugsierte sie, so gut es ging, durch die schon angetrunkene Menge Richtung Ausgang. Ihr unverständliches Nuscheln überhörte ich dabei, war ganz in meine Gedanken versunken. Jetzt wollte ich nur noch eines. Nach Hause und ins Bett.

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Leseprobe: Alles für ein bisschen Liebe?

Alles für ein bisschen Liebe?

Du denkst vielleicht: „Wenn ich es schaffe, mich irgendwie von meinem Partner zu lösen, dann geht es mir besser.“ Es kommt zur Trennung, und das „Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel“ geht weiter. Simsalabim: Ein neuer Herzensanwärter wird herbeigezaubert. Diesmal scheint der Richtige angebissen zu haben!
Doch – oh Schreck! Der neue Romeo sieht dem alten (ent-)täuschend ähnlich. Er hat nicht nur körperliche, sondern auch persönliche Eigenschaften, die dem bisherigen Kreis der Auserwählten mehr als entsprechen. Und nicht nur das! Früher oder später spiegeln sich sowohl der eigene Zustand als auch die eigenen inneren Muster beim neuen Partner wider, wenn auch in der irrigen Annahme, mit dem anderen stimme etwas nicht. Die Schokoladenseiten bröckeln auf beiden Seiten und die weniger schönen Seiten unter dem Zuckerguss von Verliebtheit zeigen sich. Und bald wird dir wieder unmissverständlich vor Augen geführt: Wenn du dich nicht änderst (oder besser gesagt, deine Liebesfähigkeit nicht erweiterst), dann kannst du auch keine glückliche Beziehung führen.
Frustrierende Wiederholungen und der innere Drang, unseren Partner ändern zu wollen, sind oft Motive warum wir es in unserer Beziehung nicht mehr aushalten. Sie zeigen uns jedoch letztlich nur, was wir in uns selbst noch nicht verändert haben!
Lisa fühlt sich von ihrem Partner zutiefst vernachlässigt und teilt ihm dies mit, gefolgt von einem Forderungskatalog, wie er sich zukünftig verhalten solle: „Ich durchlöcherte ihn mit Fragen nach seinem Verhalten mir gegenüber, und er schien von meinem Rate-Quiz nicht gerade begeistert, fühlte sich in die Ecke gedrängt und ließ kaum was raus. Ich kann es einfach nicht lassen, ihm Druck zu machen. Ich will unbedingt, dass er sich ändert – auch wenn ich längst weiß, dass das nichts bringt und nichts mit Liebe zu tun hat.“

Sind wir an dem Punkt, an dem wir nicht mehr für ein paar romantische Nächte über seine ausbleibenden Liebesbeweise hinwegsehen können, beginnen wir damit, unseren Liebling zu manipulieren. Wir wissen jetzt ganz genau, was er zu ändern hätte, damit er so ist, wie wir es uns vorstellen. Wir basteln uns also einen Mann und geben offene oder versteckte Kommandos durch:
„Es wäre schön, wenn … Warum bist du nicht …? Warum machst du nicht …? Warum hast du nicht^…?
Wann kapierst du eigentlich …? Wie lange muss ich denn noch warten, bis du …?“
Wir fühlen uns im Recht, weil wir unter seiner Vernachlässigung leiden und erklären ihm, wie er sich wunschgemäß zu verhalten habe, wir analysieren ob er es tut, und wenn nicht, warum nicht. Verfolgen Strategien, um ihn zu einem bestimmten Verhalten zu manipulieren. Vergebens. Ein Prinz lässt sich nun mal nicht backen! Da hilft es auch nicht, notfalls entnervt das Nudelholz herauszuholen und damit verbal auf ihn einzuschlagen! Denk bitte daran: Wenn du mit dem Finger auf eine andere Person zeigst, zeigen vier Finger auf dich! Es nutzt nichts, einen Spiegel zu beschimpfen, wenn das eigene Gesicht schmutzig ist …
Stell dir dein Leben einmal als ein Glas mit klarem Wasser vor, auf dessen Boden sich Schmutz angesammelt hat. Jetzt kommt ein Mann vorbei, nimmt einen Löffel und rührt in deinem Wasserglas herum. Übertragen heißt das: Sein Erscheinen und sein Verhalten wirbeln dein Leben auf, und die Bodenablagerungen werden sichtbar. Ist es sein Verschulden, dass das Wasser in deinem Glas jetzt nicht mehr klar, sondern schmutzig ist? Solltest du ihn dafür verantwortlich machen und beschimpfen, dass er dir die Illusion genommen hat, es befände sich nichts als reines Wasser in deinem Glas? Hat er nicht vielmehr die Funktion, nicht nur deine Schokoladenseiten, sondern auch die Abgründe deines Lebens ans Licht zu bringen?
Wieso bemühen wir uns weiterhin so hartnäckig, die „falsche Person“ zu ändern, zu verbessern oder zu kritisieren? Sicherlich ist es einfacher, die Fehler und Schwächen des anderen aufzudecken, gern gefolgt von Forderungen, wie er diese beheben solle. Leider ist die Liebesmüh‘ hinter solch einer blinden Einstellung nicht nur vergeblich, sondern auch die große Illusion, die Umgebung solle das tun, was eigentlich unsere eigene Aufgabe wäre. Zu denken, nur die anderen hätten noch so viel zu lernen, während wir bereits über den Dingen stünden, ist ein Anspruch nicht ganz ohne Arroganz.
Im Buddhismus werden Ärger, Dummheit und Arroganz als die „drei Gifte“ bezeichnet. Wenn wir eine Veränderung beim anderen fordern, aktivieren wir eine Art „giftige Liebe“, solange wir uns unseren süchtigen Tendenzen nicht bewusst stellen. Auf diese Weise zu “lieben“ ist vor allem Gift für uns, denn es macht uns blind, abhängig und unglücklich. Wir sind also aufgefordert, ein Gegengift zu entwickeln, durch das wir uns gegen künftige giftige und schädliche Liebe impfen können.

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Leseprobe: Eine Reise ins Licht

Eine Reise ins Licht

„Karma ist alles!“, sagte Indigor und verließ das Zimmer über den hinteren Korridor. Er hatte in der letzten Stunde so viel gehört, dass er ein Buch damit hätte füllen können. Als er das Haus verlassen hatte, war sein Rucksack gepackt für eine lange Reise, deren Ziel er nicht kannte. Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Indigor hatte das Gefühl, mit jedem Schritt, den er tat, ein Stück leichter zu werden. Er war auf dem richtigen Weg.
Die Straßen lagen im Dunkeln. Nur wenige Laternen ließen erahnen, wohin man seinen Fuß setzte. Ihm war es recht, so konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Nach einer Ewigkeit, die er selbst kaum wahrnahm, fiel sein Blick auf das Haus. Es lag auf einem Hügel, weit ab der Straße. Es sah dunkel und verlassen auf ihn herab und zog ihn magisch an. Hier wollte er seine Reise beginnen. Ein schlammiger Weg führte die Anhöhe hinauf und er musste immer wieder aufpassen, nicht auszurutschen. Regennasse Zweige schlugen ihm ins Gesicht und er wäre des Öfteren mehr als willig gewesen, wieder umzukehren. Wären da nicht die nagenden Fragen gewesen, worauf er nur Antwort bekommen würde, wenn er seine Reise fortsetzte. Antarros hatte gesagt: „Nur eine Reise in deine innersten und tiefsten Gefühle kann dir die Antwort geben.“
Endlich hatte er das Haus erreicht. Aus seinen Fensterhöhlen schaute es ihn an, als wollte es ihn fragen: ,,Bist du sicher, dass du zu mir willst?“ Er blieb einen Moment stehen und lauschte in die dunkle Nacht. Aber nur der Regen war zu hören, der beruhigend vor sich hinprasselte. Indigor rüttelte an der Tür. Sie schien ihm verschlossen. Aber als er seinen Druck verstärkte, sprang sie mit einem knarrenden Geräusch doch auf. Er zuckte zusammen …