Veröffentlicht am

Leseprobe: Social Rating

Social Rating

Wer darf leben, wer soll sterben?

Es dauerte noch lange, bis Jeff in dieser Nacht der Bitte seiner Frau nachkam. Erst nach der dritten Flasche seines Lieblingsrotweins, die sie schweigend geleert hatten, hielt er sie an ihrer Hand fest und beendete seine Schockstarre. Lisa war mittlerweile eine Träne über die Wange gekullert, sie war im Begriff gewesen, unverrichteter Dinge zu Bett zu gehen.
„Ich habe diverse Programme zur Unfallverhütung geschrieben“, hob er mit tonloser Stimme an. „Sie funktionieren. Sicherheitsabstände werden eingehalten, Autos leiten selbstständig Bremsvorgänge und sinnvolle Lenkmanöver ein oder geben Warntöne ab, wenn sie feststellen, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden. Wir haben es sogar geschafft, dass die unterschiedlichsten Autotypen von verschiedenen Herstellern über Funksignale und Sensortechnik kommunizieren, um Unfallrisiken zu minimieren, schon bevor sie wechselseitig in Sicht- und Sensorweite geraten. Ich war auf jede neue Entwicklung so stolz. Heute allerdings habe ich eine Aufgabe bekommen, die mich die nächsten Wochen und Monate beschäftigen und deren Resultat mich ein Leben lang verfolgen wird. Denn ich wurde offiziell darum gebeten, Gott zu spielen. Ich soll über Leben und Tod entscheiden.“
Es entstand eine längere Pause, vollkommene Stille war eingetreten. Bis er mit seltsam heiserer Stimme fortfuhr: „Unsere letzten Testreihen und Praxiserfahrungen haben ergeben, dass immer noch, gerade jetzt in der Übergangszeit, wo selbstfahrende Autos und unsere herkömmlichen, manuell gesteuerten Autos zusammen unsere Straßen nutzen, trotz aller verbauten Software Unfälle nicht zu verhindern sein werden.“ Er senkte seine Stimme, Lisa hatte Mühe, ihn zu verstehen.
„Mein Chef Patrick hat mir heute die Aufgabe übertragen, eine Software- Erweiterung zu schreiben, die verbindlich vorgibt, wie ein selbstfahrendes Auto in solchen Fällen entscheiden soll. Ich soll nicht nur das Programm schreiben. Ich soll auch die Entscheidungskriterien definieren. Ich hoffe, du verstehst, was das bedeutet, Lisa.
Man sagte mir, ich solle das tun, weil nur ich dazu fähig sei, darüber zu entscheiden, was machbar und sinnvoll ist, aber das ist Unsinn! Sie sind schon immer mit ihren unmöglich scheinenden Visionen an mich herangetreten und ich habe es jedes Mal möglich gemacht. Es will sich diesmal nur keiner die Finger schmutzig machen, das spüre ich sehr genau. Denn was ist moralisch richtig, wenn das Auto während eines Ausweichmanövers feststellt, dass es entweder die Oma auf dem Gehweg überfahren muss – oder das Kind auf dem Fahrrad, das ihm gerade im Augenblick die Vorfahrt nimmt? Welche Reaktion soll im Auto ablaufen in so einem Moment? Soll sich die Software für die alte Frau entscheiden, deren Lebenserwartung begrenzt ist und deren staatliche Rente die Haushalte belastet – oder soll das Auto das kleine Mädchen überfahren, weil es doch offensichtlich die Situation verschuldet hat?“
Nun war es an Lisa, in langes Schweigen zu verfallen. Schließlich sagte sie: „Du bist weltbekannt als Entwickler auf deinem Gebiet. Kündige!“
Aber Jeff schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer – und das am Ende womöglich noch fehlerhaft. Woanders werde ich früher oder später in die gleiche Situation kommen, das ist doch vollkommen klar. Außerdem habe ich ein dreijähriges Wettbewerbsverbot, ich dürfte also mindestens drei Jahre lang nicht in der Entwicklungsabteilung eines anderen Automobilbauers arbeiten; das ist der Haken an meinem Arbeitsvertrag. Bei Missachtung dieser Vertragsklauseln müsste ich zwölf Bruttogehälter Strafe zahlen. Uns geht es zwar im Augenblick gut, aber so gut nun auch wieder nicht.
Mich hat das alles nie gestört, ich war bis heute bei FutureCars immer sehr glücklich, ein Wechsel stand für mich nie zur Debatte. Ich war durch meinen Job immer wieder als Referent zu Konferenzen in der ganzen Welt eingeladen und bin vor allem durch meine früheren Praktika schon viel herum gekommen. Und ihr habt euch hier so toll eingelebt.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet, Schatz. Selbst wenn sie das Projekt einstellen, was soll denn werden? Das Problem ist schließlich in der Welt. Sollen die Autos in solchen Situationen wie zufällig agieren, nach Prinzipien wie beim Roulette? Ich frage mich, ob unter diesen Bedingungen überhaupt noch vertretbar ist, woran ich maßgeblich beteiligt war und bin. Mir wird langsam klar: Ich habe da etwas begonnen, ohne die Tragweite und die Konsequenzen meiner Arbeit zu erahnen. Ich kann jetzt nicht einmal mehr davonlaufen. Ich muss mich meiner Verantwortung stellen.“
Obgleich Jeff an diesem Abend zum ersten Mal nicht mehr naiv über den Fortschritt dachte, den er über die Autowelt brachte, so hätte er sich doch niemals träumen lassen, was ihn in den nächsten Jahren noch erwarten würde.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Social Rating

Social Rating

„Ich habe diverse Programme zur Unfallverhütung geschrieben“, hob er mit tonloser Stimme an. „Sie funktionieren. Sicherheitsabstände werden eingehalten, Autos leiten selbstständig Bremsvorgänge und sinnvolle Lenkmanöver ein oder geben Warntöne ab wenn sie feststellen, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden. Wir haben es sogar geschafft, dass die unterschiedlichsten Autotypen von verschiedenen Herstellern über Satellit kommunizieren, um Unfallrisiken zu minimieren, schon bevor sie wechselseitig in Sicht- und Sensorweite geraten. Ich war auf jede neue Entwicklung so stolz. Heute allerdings habe ich eine Aufgabe bekommen, die mich die nächsten Wochen und Monate beschäftigen und deren Resultat mich ein Leben lang verfolgen wird. Denn ich wurde offiziell darum gebeten, Gott zu spielen. Ich soll über Leben und Tod entscheiden.“
Es entstand eine längere Pause, vollkommene Stille war eingetreten. Bis er mit seltsam heiserer Stimme fortfuhr: „Unsere letzten Testreihen und Praxiserfahrungen haben ergeben, dass immer noch, gerade jetzt in der Übergangszeit, wo selbstfahrende Autos und unsere herkömmlichen, manuell gesteuerten Autos zusammen unsere Straßen nutzen, trotz aller verbauten Software Unfälle nicht zu verhindern sein werden.“ Er senkte seine Stimme, Lisa hatte Mühe, ihn zu verstehen.
„Mein Chef Patrick hat mir heute die Aufgabe übertragen, eine Software- Erweiterung zu schreiben, die verbindlich vorgibt, wie das selbstfahrende Auto in solchen Fällen entscheiden soll. Ich soll nicht nur das Programm schreiben. Ich soll auch die Entscheidungskriterien definieren. Ich hoffe, du verstehst, was das bedeutet, Lisa.
Man sagte mir, ich solle das tun, weil nur ich dazu fähig sei, darüber zu entscheiden, was machbar und sinnvoll ist, aber das ist Unsinn! Sie sind schon immer mit Ihren unmöglich scheinenden Visionen an mich herangetreten und ich habe es jedes Mal möglich gemacht. Es will sich diesmal nur keiner die Finger schmutzig machen, das spüre ich sehr genau. Denn was ist moralisch richtig, wenn das Auto während eines Ausweichmanövers feststellt, dass es entweder die Oma auf dem Gehweg überfahren muss – oder das Kind auf dem Fahrrad, das ihm gerade im Augenblick die Vorfahrt nimmt? Welche Reaktion soll im Auto ablaufen in so einem Moment? Soll sich die Software für die alte Frau entscheiden, deren Lebenserwartung begrenzt ist und deren staatliche Rente die Haushalte belastet – oder soll das Auto das kleine Mädchen überfahren, weil es doch offensichtlich die Situation verschuldet hat?“
Nun war es an Lisa, in langes Schweigen zu verfallen. Schließlich sagte sie: „Du bist weltbekannt als Entwickler auf deinem Gebiet. Kündige!“
Aber Jeff schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer– und das am Ende womöglich noch fehlerhaft. Woanders werde ich früher oder später in die gleiche Situation kommen, das ist doch vollkommen klar. Außerdem habe ich ein dreijähriges Wettbewerbsverbot, ich dürfte also mindestens drei Jahre lang nicht in der Entwicklungsabteilung eines anderen Automobilbauers arbeiten; das ist der Haken an meinem Arbeitsvertrag. Bei Missachtung dieser Vertragsklauseln müsste ich zwölf Bruttomonatsgehälter Strafe zahlen. Uns geht es zwar im Augenblick gut, aber so gut nun auch wieder nicht.
Mich hat das alles nie gestört, ich war bis heute bei FutureCars immer sehr glücklich, ein Wechsel stand für mich nie zur Debatte. Ich bin durch den Job als Referent und vor allem durch meine früheren Praktika schon viel herum gekommen. Und ihr habt euch hier so toll eingelebt.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet, Schatz. Selbst wenn sie das Projekt einstellen, was soll denn werden? Das Problem ist schließlich in der Welt. Sollen die Autos in solchen Situationen wie zufällig agieren, nach Prinzipien wie beim Roulette? Ich frage mich, ob unter diesen Bedingungen überhaupt noch vertretbar ist, woran ich maßgeblich beteiligt war und bin. Mir wird langsam klar: Ich habe da etwas begonnen, ohne die Tragweite und die Konsequenzen meiner Arbeit zu erahnen. Ich kann jetzt nicht einmal mehr davonlaufen. Ich muss mich meiner Verantwortung stellen.“
Obgleich Jeff an diesem Abend zum ersten Mal nicht mehr naiv über den Fortschritt dachte, den er über die Autowelt brachte, so hätte er sich doch niemals träumen lassen, was ihn in den nächsten Jahren noch erwarten würde.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Social Hideaway

Social Hideaway

Ihr erster Weg führte sie zu Liam. Er schlief im Erdgeschoss bei geöffnetem Fenster. Es war einfach für sie gewesen, dort einzusteigen.
„Liam, Liam wach auf! Ich muss gehen!“
„Was? Guten Morgen Schatz, was machst du hier? Seit wann lässt dich dein Wachhund von Vater nachts raus? Was heißt das du musst gehen, Viola? Wann? Wohin? Wie lange? Was ist los mit dir? Wo kommst du her? Du riechst irgendwie … seltsam.“
Er streichelte ihr über die Wange und spürte die blutige Pampe an seinen Fingern. Er konnte nicht sehen, was er da in der Hand hatte. „Was ist das, Schatz?“
Shania küsste ihn innig. „Ich heiße Shania. Und Mike ist nicht mein Vater, sondern ein Widerling und zwar ein toter Widerling! Sie werden mich bald jagen wie ein Tier. Aber das alles ist jetzt weder wichtig, noch habe ich die Zeit, dir das zu erklären. Ich muss zu meiner echten Familie und wir müssen verschwinden. Ich wollte dir noch Adieu sagen. Ich hoffe sehr, dass ich dich eines Tages wiedersehen kann. Wenn es sicher für mich ist, werde ich mich bei dir melden.“
„Was? Nein! Bist du verrückt … Erklär‘ mir das, du kannst doch nicht mitten in der Nacht hier auftauchen und so eine Bombe platzen lassen. Ich begleite dich.“
Liam stand auf und begann sich anzukleiden, ohne vorher Licht zu machen.
„Nein! Zu zweit sind wir leichter zu finden und du hast gerade mal so etwas wie ein Leben hier. Ich weiß, wie sehr du es hasst, dass deine Mum alle paar Jahre irgendwo neu anfängt. Mit mir hättest du ein noch schlimmeres Los gezogen, ich werde mich den Rest meines Lebens verstecken müssen. Hier hat deine Mum jetzt einen Job, den sie zu lieben scheint, und sogar einen festen Freund, mit dem sie inzwischen verlobt ist.“
„Du bist mein Leben hier!“
„Lass mich einfach gehen, bitte!“
Bevor die Tränen sie erneut übermannten, küsste sie Liam ein letztes Mal und kletterte so leise aus dem Fenster, wie sie gekommen war. Als sie Liam aus dem Fenster rufen hörte „Bitte verlass‘ mich nicht!“, hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde zerbrechen.
Liam schaltete das Licht an und starrte ihr eine Weile in die Dunkelheit nach. Dann fiel sein Blick auf seine blutverschmierten Hände und er wusste, dass seine Freundin in Not war. Er stieg aus dem Fenster, um in die Richtung zu rennen, in die sie fortgelaufen war. Aber er konnte sie nicht mehr finden. Er hatte zu lange gezögert. Shania war bereits in der Dunkelheit verschwunden.
Die Dunkelheit der Nacht, die seine Freundin verschlungen hatte, schien ihm symbolhaft für die Dunkelheit, die sich ohne Shania über sein Leben legen würde, und für die Dunkelheit, die ihr Leben offensichtlich zu beherrschen schien. Was um alles in der Welt war nur los? Was hatte dieses Mädchen – der erste Mensch, von seiner Mutter einmal abgesehen, der ihm wirklich viel bedeutete, nur durchmachen müssen? Wovor hatte sie solche Angst? Was konnte er tun? Würde er sie je wiedersehen?
Liam trottete entmutigt zum Haus zurück. Wohin mochte sie gelaufen sein? Würde sie sich von noch jemandem verabschieden? Würde sie zum Flughafen fliehen? Wohin würde sie überhaupt verschwinden wollen? Was konnte er tun?
Er konnte nur inständig hoffen, dass sie sich wirklich bei ihm melden würde. Selten hatte er sich so hilflos und verloren gefühlt wie in diesem Moment.