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Leseprobe: Klosterrauschen

Klosterrauschen

Ein riesiger roter Schlund, feucht und mit dicken, muskulösen, fleischigen Lippen, die sich rhythmisch zusammenziehen und wieder erschlaffen, nähert sich meinem Kopf und verschlingt ihn nahezu vollständig. Es ist eine überdimensionale Vagina, die mich fast völlig einsaugt und mir den Atem nimmt, bis ich im letzten Moment, kurz bevor ich ganz darin verschwunden bin, laut schreiend aufwache. Ich sehe den Gang im Bahnhof und den Blinden neben mir.
„Du kannst aber pennen! Albtraum gehabt?“
„Ja, geht schon wieder!“ Mir brummt der Kopf. Der Wermut rebelliert in meinem Magen.
Der Blinde streift sich seine Armbinde über und setzt die dunkle Brille auf. „Ich muss jetzt zur Arbeit!“
„Ich verschwinde auch lieber von hier. Muss nur noch meine Koffer aus dem Schließfach holen!“
„Da kommen wir vorbei, wenn wir zum Ausgang gehen. Komm, ich zeig dir den Weg. Haste noch Schmerzen am Arsch?“
„Ja, schon. Geht schon so!“
Wir gehen Richtung Ausgang. Bei den Schließfächern bleiben wir stehen, ich suche den Schlüssel in meiner Tasche. Eine Nummer steht drauf, ich weiß aber noch, welches es war. Ich stecke den Schlüssel hinein und höre das Klappern der Münzen. Dann werde ich blass. Das Fach ist leer. Ich bücke mich, um ganz hineinsehen zu können. Nur ein Zettel liegt da. ‚Danke!‘ steht drauf.
„Wo sind meine Koffer? Hab sie doch gestern hier reingestellt. Passt der Schlüssel noch auf andere Fächer? Das kann sicher nicht sein! Aufgebrochen ist das doch nicht!“
„Nee, jeder passt nur auf eins! Hat dich jemand beobachtet?“
„Weiß ich doch nicht. Da war ein Mann, der mir geholfen hat, weil ich erst nicht zurechtkam mit dem Schloss!“
„Ja dann ist doch alles klar! Hat der den Schlüssel gehabt? Bestimmt! Da gibts einige Experten hier. So schnell kannste gar nicht gucken, wie die einen Wachsabdruck vom Schlüssel machen. Dann schleifen sie den nach und räumen in Ruhe aus. Passiert hier fast täglich! Die Koffer siehste nie mehr wieder!“
Ich bin völlig sprachlos. Was jetzt? All meine Klamotten. Meine wenigen Bücher und ein paar Fotos. Und vor allem mein Sparbuch!
„Kannst höchstens zur Polizei gehen! Die werden das zwar aufschreiben, aber die Koffer bringen sie dir auch nicht zurück!“
„Ich? Zur Polizei! Um keinen Preis! Damit die mich noch mal durchficken können? Nee, danke!“
„Alle Bullen sind ja nicht so, wie die beiden von gestern. Bringen wird es wahrscheinlich nichts!“
„Ich muss jetzt erst mal ’nen Kaffee trinken. Gehen Sie mit? Ich lade Sie ein!“
„Nee, danke! Nett von dir! Aber ich krieg in der Stadt was bei den anderen. Es ist schon spät, und vor Mittag ist für mich das beste Geschäft, wenn die Leute einkaufen gehen. Verstehste? Machs gut! Ich wünsch dir viel Glück! Vielleicht sieht man sich ja mal!“
„Ihnen auch viel Glück, und danke für die Hilfe!“
Er geht, jetzt mit seinem Blindenstock den Boden abtastend, zielstrebig zum Ausgang. Ich setze mich in das Bahnhofslokal und bestelle einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Was soll ich jetzt machen? Alles läuft schief in meinem Leben. Ich stiere nur vor mich hin. Die Hektik um mich herum dringt nicht an mein Bewusstsein. Nichts gelingt mir. Warum bloß? Ich hab doch nie etwas Böses getan. Bin halt ein Pechvogel. Angefangen hat es mit dem Autounfall. Dass ich da schuld war, ist ja irgendwo wahr. Hätte ich den Mund gehalten, wie Onkel Theophil es mir immer wieder eingetrichtert hat, wäre das nicht passiert und mein Leben wäre sicher anders verlaufen. Aber ist nicht eigentlich er daran schuld? Weil er solche Dinge mit mir gemacht hat?
„Darf es noch etwas sein?“ Der Kellner weckt mich aus meinen Gedanken.
„Nein, danke! Bezahlen, bitte!“
„Zweifuffzig, der Herr!“
Ich gebe ihm das Geld, und als ich aus dem Bahnhof komme, weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll. Zuerst muss ich zur Bank. Mein Sparbuch ist zwar weg, aber mein Geld muss ja noch da sein. Ich frage jemanden, wo eine Bank ist. Nur zwei Straßen weiter finde ich tatsächlich eine. Es ist sogar eine Filiale der Bank, in der ich gearbeitet habe. Dann wird sich ja jetzt alles klären. Hoffnungsfroh gehe ich zum Schalter, lege meinen Ausweis vor und erkläre dem Angestellten, was passiert ist.
Der schaut mich freundlich an. „Na, mal sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Hermeling! Das ist aber nicht so einfach ohne das Sparbuch! Nur wer das hat, kann Geld abheben!“ Er geht in einen anderen Raum mit meinem Ausweis. Ich warte geduldig. Nach einiger Zeit kommt er zu mir. „Ich habe eben das Konto abgerufen. Wann haben Sie denn zuletzt etwas abgehoben?“
„Vorgestern! Dreihundert Mark!“
„Und wie viel war da noch drauf?“
„Genau fünftausendachthundert!“
„Stimmt genau! Und danach haben Sie nichts mehr abgehoben?“
„Nein! Ich bin doch gestern erst hier angekommen. Und wofür auch? Können Sie mir denn ein neues Sparbuch geben?“
„Da ist leider ein kleines Problem! Gestern haben Sie wohl noch einmal fünftausendsiebenhundertneunzig abgehoben, und zwar in Düsseldorf! Jetzt sind noch zehn Mark drauf!“
„Was?“ Meine Knie werden ganz weich und ich beginne zu zittern. „Das kann nicht sein! Ich war noch nie in Düsseldorf. Ich habe kein Geld geholt! Ehrlich! Das Sparbuch war doch im Koffer gestern. Und der ist geklaut worden!“
„Ja dann hat wohl derjenige jetzt Ihr Geld! Der wird sich freuen! Sie sollten zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Mit Sparbüchern ist das so eine Sache! Wer das hat, kann etwas abheben, verstehen Sie? Nur ganz auflösen kann er es nicht! Das kann nur der, dem es gehört. Drum hat der auch die zehn Mark draufgelassen, denk ich!“
Das hab ich doch eigentlich alles in der Bank gelernt! Hätte ich das Sparbuch doch in der Hosentasche gehabt! Das schien mir doch zu gefährlich. Wer konnte das ahnen? Bei einem normalen Bankkonto wäre das auch nicht passiert. Da hätte ich aber keine Zinsen gekriegt! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Jetzt bin ich völlig mittellos, hab nichts mehr zum Anziehen. Knapp zweihundert Mark habe ich noch in bar. Sonst nichts! Besser hänge ich mich sofort auf! Oder ich gehe betteln, wie der Blinde. Nein, Schluss machen ist besser! Dann ist endlich Ruhe! Ich kriege ja doch nichts auf die Kette, und alles, was ich habe, geht verloren. Eltern, Freunde, Abi, alles. Warum das Leben dann nicht auch?
„Ich empfehle Ihnen, jetzt sofort zur Polizei zu gehen, Herr Hermeling, und dort Anzeige zu erstatten!“
„Ja, mach ich! Danke! Auf Wiedersehen!“
Ich gehe hinaus und der Lärm der Stadt schlägt auf mich ein. Zur Polizei gehe ich gewiss nicht!

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Leseprobe: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Spanische Dörfer

Wenn Enrique den Drang nach Luft und Sonne verspürte, blieb ihm nur die Wahl zwischen dem Englischen Garten und dem Isarufer. Heute entschied er sich für den Englischen Garten. Der war nahe und er konnte noch im All Together vorbeigehen, bevor seine Schicht in der Tapasbar begann. Enrique nahm seinen Rucksack, der immer bereitstand für diese kleinen Ausflüge ins Freie. Eine Decke, ein Buch und ganz wichtig: Schreibzeug und Notizblock. Mehr brauchte er nicht. Wenn die Sehnsucht oder der Zorn über die bestehenden Verhältnisse zu groß wurden, dann half es Enrique, dies alles in Worte zu fassen und in seinem Notizbuch abzulegen. Dann war er fürs Erste die Gedanken los, die ihn so sehr umtrieben und ihm die Ruhe nahmen.
Aber heute kam Enrique weder zum Schreiben noch zum Lesen. Gerade als er seine Decke an einem sonnigen Platz ausbreiten wollte, sah er zwei berittene Polizisten sich einer schwarzen Frau nähern, die nicht weit von ihm auf einer Strohmatte an einen Baum gelehnt saß und in einem Buch las.
Materialien für den Deutschunterricht im Leistungskurs, konnte Enrique noch lesen, dann waren die Reiter da. Sie musste Lehrerin sein, dachte Enrique, und zugleich tauchte vor ihm eine Frau mit Rucksack auf, die sich das Wasser aus den Kleidern schüttelte. Woher kam sie denn so plötzlich? Außer dass beide Frauen schwarz waren, gab es keine Verbindung. Die eine, vermutlich aus Afrika geflohen und fremd in Spanien, wo er ihr begegnet war. Die andere zu Hause hier in Deutschland, wo er, Enrique, der Fremde war. Da fiel es ihm wieder ein: Die Verbindung waren die Polizisten, die eine Bedrohung für die Frau darstellten. Diese Bedrohung spürte er auch jetzt wieder. Lauf! Los, lauf!, hatte er der Frau in Spanien zugerufen. Hier in München im Englischen Garten war Weglaufen wohl nicht angebracht und für eine einheimische Deutschlehrerin vermutlich auch nicht nötig.
Aber die Augen würde er aufhalten und sich notfalls einmischen. Oft schon hatte Enrique gehört, dass deutsche Polizisten Menschen aus dem einzigen Grund kontrollierten, weil diese nicht weiß waren. Und genau das schien hier der Fall zu sein.
Die Pferde standen unruhig vor der Frau, die noch immer mit dem Rücken an den uralten und riesigen Baum gelehnt saß und nun keine Möglichkeit mehr hatte, sich zu entfernen. „Personenkontrolle“, hörte Enrique den einen der beiden Polizisten unfreundlich vom Pferd rufen. „Your passport“, forderte der andere nicht minder unfreundlich. „Do you understand me?“
Enrique näherte sich langsam der kleinen Gruppe. Ungerührt las die Frau weiter in ihrem Buch, hielt es etwas unnatürlich hoch, wohl um ihnen zu ermöglichen, den Titel zu lesen. Sie gab ihnen noch eine Chance, ihren Irrtum zu erkennen. „Die versteht kein Englisch, die kommt geradewegs aus dem Busch“, meinte der Erste.
„Können Sie nicht lesen?“ Enrique war um den Baum herumgegangen und stand nun neben der Frau. Hinter den Pferden war ihm doch etwas unheimlich gewesen.
„Was willst du denn?“, fragte der Polizist im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab.
„Seit wann duzen wir uns?“, konterte Enrique. „Ich möchte fragen, warum Sie eine Frau kontrollieren, die ganz ruhig und friedlich an einem Baum sitzt und ihre nächste Unterrichtseinheit für den Deutsch-Leistungskurs vorbereitet.“ Er machte eine künstlerische Pause, um den Deutsch-Leistungskurs ankommen zu lassen. Dann fuhr er fort: „Könnte das damit zusammenhängen, dass die kontrollierte Person schwarz ist? Racial Profiling ist verboten. Wissen Sie das nicht?“
Enrique staunte selbst über seinen Mut. Oder war es eher unüberlegter Leichtsinn? Egal, es war sowieso zu spät und er war auf jeden Fall froh, dass es raus war. Dass er nicht einfach nur still zugesehen hatte.
„Himmihergottsakra, wos geht’s di o?“, polterte der Polizist, der zuvor Englisch gesprochen hatte, nun auf Bayrisch los, während der andere in sein Funkgerät sprach.
Die Frau war in der Zwischenzeit aufgestanden. Sie lachte Enrique an. „Danke, dass du dich eingemischt hast. Das kommt wesentlich seltener vor, dass sich jemand hinter mich stellt, als dass ich kontrolliert werde. Mein Perso ist schon ganz abgenutzt.“
In der Ferne tönte die Polizeisirene. Sie schien näherzukommen. „Was bist du denn für einer, was mischst du dich ein?“, schimpfte nun der Reiter mit dem Funkgerät auf Enrique herab. Die Pferde scharrten ungeduldig in der Erde, hatten wohl keine Lust mehr, einfach nur herumzustehen. Aber sie waren nun mal im Dienst. Da half alles Scharren nichts.
„Du bist doch selbst nicht von hier“, fuhr der Beamte fort. „Zeig mal deine Papiere.“
„Ich komm schon klar“, sagte die Frau leise zu Enrique. „Geh’ jetzt lieber. Und noch mal danke!“ Aber noch bevor Enrique den Rat befolgen konnte, raste ein Streifenwagen auf die kleine Gruppe unter dem Baum zu. Er bremste knapp hinter den Pferden, die sich erschreckten und nur mit Mühe zu halten waren. Zwei Beamte in Zivil sprangen aus dem Fahrzeug und bevor Enrique wusste, wie ihm geschah, lehnte er mit ausgebreiteten Armen am Auto, seine Nase berührte fast das Fenster, und jemand trat ihm von hinten die Beine auseinander.
„Papiere! Passport!“, forderte eine Stimme hinter ihm. Enrique konnte sich nicht bewegen, wie sollte er seinen Ausweis aus der Tasche holen? Er spürte, wie sie begannen, ihn von oben bis unten abzutasten. Dann wurde er umgedreht, einer drückte ihn rücklings gegen das Fahrzeug, der andere taste routinemäßig seinen Körper ab. Er zog den Ausweis aus der Innentasche von Enriques Jacke und reichte die Karte einem der Reiter. Dann fuhr er fort, seine Aufgabe gewissenhaft auszuführen. Als er mit dem Oberkörper fertig war, alle Taschen ausgeleert und in die Ärmel gefasst hatte, machte er sich am Hosenbund zu schaffen. Aber auch der schien nichts Brauchbares herzugeben, enthielt keinen Stoff, war einfach nur ein Hosenbund. Seine Hände setzten ihren Weg nach unten fort. Als er Enrique zwischen die Beine griff, erstarrte er. Er griff noch mal zu und sagte dann viel zu laut: „Da fehlt doch was?!“

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.