Veröffentlicht am

Leseprobe: Viktor im Schattenland

Viktor im Schattenland

»Den übelsten Kandidaten habe ich mir für den Schluss aufbewahrt: Nummer fünf, dessen Sechs an Unverschämtheit kaum noch zu überbieten ist. Nimm erst mal deine Kappe ab!«, donnerte es in Viktors Richtung. »Skandalös, Viktor! Und faul, stinkend faul! Unbegreiflich, wo dein Vater doch ebenfalls Studiendirektor ist. Zwar bei der Konkurrenz, aber immerhin promoviert. Er sollte am besten wissen, dass deine Leistungen für ein Gymnasium absolut inakzeptabel sind. Auch mit Intelligenz bist gerade du ja überhaupt nicht gesegnet. So eine Null habe ich lange nicht mehr erlebt, beinahe schon eine Doppelnull, hahaha, ein Doppelnullagent, fast wie James Bond: die 006, mit der Lizenz zum Sitzenbleiben, hahaha!«
Geschafft. Aufatmend stimmten die übrigen Schüler in das Gelächter ein; nun war die Gefahr für sie vorüber, jetzt würden die ausreichenden Arbeiten folgen. Viktor jedoch schossen die Tränen in die Augen, als der Französischlehrer ihm sein Heft auf den Tisch knallte. Immer noch verzückt von seinem Wortwitz wandte er sich etwas vergnügter an die Klasse: »Man wird sich ja am letzten Schultag wohl ein Sprachspielchen erlauben dürfen, oder?«
Die Klasse nickte begeistert. »Doppelnull ist doch cool für die alte Heulsuse!«
Verzweifelt verließ Viktor das Schulgebäude.
Zwei Schülerinnen stürmten an ihm vorbei. » Toll«, rief die kleinere, »dass ich mich von Drei auf Eins verbessert habe. Dann streichen mir meine Eltern heute nicht den Kinobesuch.«
Unten, am Fuß der wuchtigen Treppe, sah er sich plötzlich von Klassenkameraden umringt. Sie standen unter dem Kommando von Simon, einem sportlichen, blonden Typ mit Motorradjacke und Springerstiefeln, bereits ein Jahr älter als die meisten. »Tritt endlich dem Freundeskreis bei. Wir beschützen dich auch an deiner neuen Schule.« Scheinheilig knuffte er Viktor in die Seite. »Natürlich kostet das eine Kleinigkeit, aber du kriegst Weichei-Rabatt. Oder bist du dir etwa zu fein für uns?« Sein Befehlston verschärfte sich: »Anmeldung in die Community nur online. Den Zugangscode hat meine Assistentin. Judith, rück den Stick raus. Und halte dich an die Meldefrist. Bis dahin ist unsere Fürsorge gratis: Schutzkreis mit Ansage!«
Sofort umstellte ihn die Clique, und ihr Chef schleuderte ihn mit einem wütenden Stoß Richtung Judith. Diese fing ihn auf und schob ihm einen Datenträger in seine Schlabberjeans. »Macht insgesamt 20 Euro. Dein Sonderpreis deckt kaum unsere Unkosten. Zahlbar an die Finanzchefin – also an mich.« Damit rammte sie ihm ihre rosaroten Fingernägel in den Handrücken. Dann trat sie ihre halbhohen Stiefel so in seinen Hintern, dass er durch den Freundeskreis taumelte.
Die anderen stiegen begeistert in das Spiel ein. Jetzt nur keine Schwäche zeigen und heulen, dann würden sie von selber aufhören. Doch die Attacken wurden immer brutaler, bis eine Lehrerin sich näherte. »Na, ihr Racker, hört ihr wohl mit der Schubserei auf? Nicht dass sich noch jemand wehtut. Messt eure Kräfte lieber beim Fangenspielen.«
»Lasst uns verschwinden, Leute, wir können keinen Ärger mehr brauchen!«, flüsterte Judith. …
Viktor schlich nach Hause. Wie sollte er seiner Mutter nur das ›Ungenügend‹ beichten?

Blick ins Buch

Veröffentlicht am

Leseprobe: fabian. in memoriam – eine erzählung über selbstverletzendes verhalten

Fabian in memoriam

Ohne sich umgezogen zu haben, verließ Fabian den Schutz seiner beengten vier Wände. Bereits auf der Treppe konnte Fabian Stimmen und Gelächter hören. Sie drangen aus dem familiären Wohnzimmer zu ihm und ließen ihn langsamer laufen. Wie immer, wenn er diese Geräusche hörte, ergriff ihn eine unaussprechlich intensive Lustlosigkeit, die sich im Beisein seiner Verwandten häufig in notwendige Resignation verwandelte. Wenn es nach ihm ging, konnte er gut und gerne auf diese familiären Pflichttermine verzichten. Aber es ging nicht nach ihm. Es ging nie nach ihm.
Früher einmal hatte er die Besuche seiner Verwandtschaft gemocht. Er hatte sich wohl gefühlt in ihrem Beisein, hatte sie geradezu herbeigesehnt. Und er hatte sich auch stets gefreut, wenn wieder einer der nun berüchtigten Pflichttermine näher gerückt war. Doch je älter er geworden war, desto abstoßender erschien ihm jede Festlichkeit. Das lag nicht etwa an einer adulten, festlichen Unlust, die den einen oder anderen jungen Rebellen zu ergreifen gedachte. Vielmehr lag es an der Tatsache, dass er mit der Zeit erkannt hatte, welches ekelerregende Spiel seine Verwandten trieben.
Die Geburtstagsgäste bestanden aus den noch lebenden Großeltern, die trotz ihres biblischen Alters mit einer enormen Kraft die kindlichen Wangen zu zerquetschen verstanden und dabei ein sopranes „Nein, du bist aber groß geworden!“ verlauten ließen, den Tanten und Onkel, die immer im Wettstreit mit den eigenen Eltern standen, wenn es darum ging, eine möglichst hohe Bildung der eigenen Nachkommen vorzuweisen, und den Cousinen und Cousins, die sich zu fein dafür fühlten, sich im kindlichen Spiel die Finger schmutzig zu machen und stattdessen lieber ihrer Verwandtschaft in den Arsch krochen. Eben die ganze generationenübergreifende Bagage.
Sie alle saßen adlig-sittsam um einen kunterbunt gedeckten Tisch, der inmitten eines Konfettimeeres zu treiben schien, das sich unaufhaltsam im gesamten Wohnzimmer auszubreiten gedachte. Ein mehrstöckiger, mit rosa Zuckerguss überzogener und mit allerlei essbarem rosa und rotem Firlefanz verzierter Kuchen stand direkt vor der kleinen Schwester der Wünsche, die am Kopfende des titanic-haften Tisches saß. (Passend dazu stand neben ihr der Geburtstagstisch – der Tisch der Wünsche, sozusagen.) Eine exakt abgezählte Menge an Kerzen brannte fröhlich auf dem Kuchen und spielte dem unwissenden Kind vor, dass Feuer etwas war, das man zu Dekorationszwecken verwenden konnte und durfte. Ein hübsches Bild! Hinter dieser brennenden rosa Kalorienbombe standen noch zwei Glasplatten, ebenfalls mit Kuchen bestückt: ein Blechkuchen, ein Formkuchen, Stückchen. Jeder einzelne mit einer erstickenden Schicht Puderzucker bestreut. Schade, dass es den nicht in rosa gab … Rosa Luftballons mit leicht verformten Pferdchen und bunte, glänzende Girlanden in Herzchenform dienten der augenkrebsfördernden Zierde von Wänden und Decke und ließen das Herz jedes Herzpatienten höherschlagen. Farblich dazu abgestimmt trug Fabians kleine Schwester einen berüschten Traum aus Rosa. Wie jedes Jahr. Passend dazu war sie unpassend geschminkt, trug billigen Modeschmuck der Mutter. Ganz alleine ausgesucht! Fabian fragte sich, ob ein Stylist zur Rettung zahlreicher Menschenleben nötig war, oder ob er lieber einen Innenarchitekten rufen sollte. Ob sie auch zusammenarbeiten würden?
Alle Anwesenden lachten, als hätte jemand das Wohnzimmer mit Lachgas geflutet, und strahlten wie ein einziges riesiges Atomkraftwerk. Viele vom Farbspektrum verwirrte Augenpaare waren auf die kleine Schwester gerichtet. Kaiserin und Untertanen! Ein Gerangel um Gunst! Die Hand entschied über Glück und Schmach, über Leben und Tod. Wo bleibt denn nur der Harlekin?

Marc stellte seine Badesachen am Rand der nahen Wiese ab und sah sich um. Er hatte sich einen Plan zurechtgelegt: Zunächst wollte er seine Klassenkameraden von sich überzeugen. Zu diesem Zweck wollte er auf zahlreiche, stundenlange Badesessions mit seinen früheren Freunden zurückgreifen, bei denen er sich nicht nur im Schwimmen, sondern auch im Springen hatte üben können. Er war sich sehr sicher, dass er mit einer entsprechenden Showeinlage die Aufmerksamkeit der Schüler und damit ihre Zustimmung des Cliquenbeitritts erhalten konnte. Anschließend wollte er sich zu ihnen begeben, mit ihnen in direkten Kontakt treten und sich austauschen. Und dann würden sie ihn einladen, sich zu ihnen zu legen. Daher lohnte es sich seiner Meinung nach nicht, vorher einen Liegeplatz zu suchen. Sicher, sein Plan war riskant. Aber: No risk, no fun!
Trotz des Chaos, das im Freibad herrschte, brauchte Marc nicht lange, bis er auch die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse entdeckt hatte. Sie saßen zusammengedrängt am Beckenrand und unterhielten sich und scherzten dabei. Einer der Jungen spritzte die Mädchen nass, die kreischend aufsprangen und zu flüchten versuchten. Die anderen lachten. High Five. Bisher hatten sie Marc noch nicht entdeckt.
Marc fackelte nicht lange und ging in Richtung der Sprungbretter. Dabei gab er sich Mühe, möglichst cool auszusehen. Aufrecht, die vorhandenen Muskeln zeigend, lässig. Jetzt kam es darauf an, gesehen zu werden. Sie mussten ihn bemerken, mussten ihm zusehen, wie er ohne mit der Wimper zu zucken, das Sprungbrett betrat, wie er sich cool positionierte, um sich dann in das kühle Nass zu begeben.
Ein kurzer, schmunzelnder Blick in Richtung der Schüler. Er hatte Glück: Ein Mädchen hatte ihn bemerkt, stieß die eine oder andere Freundin in ihrer Nähe an und zeigte in seine Richtung. Die Blicke der anderen folgten der Geste und alle sahen nach oben. Marc spürte, wie ihn die Situation erfüllte. Übertrieben penibel spannte er alle seine Muskeln an – selbst solche, von deren Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis gehabt hatte – sah auf einen fiktiven Punkt am Horizont, so, wie es auch weltberühmte Springer zu tun pflegten, nahm Anlauf, bewegte die perfekt angespannten Arme in einer zuvor aufs schärfste einstudierten Weise, winkelte die Beine an und vollzog einen einfachen, sauber geschlossenen Salto ins Wasser. Er spürte, wie er gekonnt in das erfrischende Wasser eintauchte, beschrieb eine nahezu perfekte Parabel unterhalb der Wasseroberfläche – sein Mathelehrer wäre stolz auf ihn gewesen – und tauchte mit einem kräftigen Ruck seines Kopfes, der sein Haar nach hinten schnellen ließ und jeder Werbung Konkurrenz gemacht hätte, wieder aus dem Wasser auf. Ein Blick in die Richtung seiner Klassenkameraden reichte, um anerkennendes Nicken zu sehen, interessiertes Kichern zu bemerken und um vom coolsten Jungen der Klasse mit einem Wink zur Gruppe beordert zu werden. Marc lächelte triumphierend und hob dabei nur einen Mundwinkel und beide Brauen, so, wie er es bei den Helden im Fernsehen immer gesehen hatte, kurz bevor ihnen ein besonders guter, femininer Fang gelang. Die Vorstellung war ihm geglückt, die Zuschauer applaudierten und er genoss das Scheinwerferlicht, das ihn, und nur ihn allein, in gleißend hellem Licht erstrahlen ließ.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Das Vampirgen

Man macht Fehler, bei denen man erst zu spät erkennt, dass es welche waren.

Das Vampirgen

Froh darüber, dass uns weder Maddie noch meine Mutter auf dem Weg in mein Zimmer begegneten, öffnete ich meine Tür und ging hinein. Erst dort drehte ich mich zu ihm um. Er lächelte mich an und trat ein.
„Schönes Zimmer, wirklich“, sagte er und sah sich um.
„Danke“, murmelte ich. „Setz dich doch“, dabei deutete ich auf meine weiße Couch. Er schlenderte hin und setzte sich. Ich ging auf mein Bett zu und war froh, dass die Tagesdecke ordentlich über meinem Bett lag. Dann setzte ich mich ihm gegenüber und versuchte, ihm nicht in die Augen zu schauen, meine Blicke schweiften immer wieder ab. Nervös spielte ich mit meinen Händen, und immer, wenn er ein Gespräch anfing, antwortete ich nur kurz und knapp.
Nach einer längeren Schweigepause stand er auf. Ich dachte schon, er würde gehen, doch stattdessen setzte er sich neben mich und nahm meine zitternden Hände. Widerwillig sah ich auf und in seine Augen, unsere Blicke trafen sich und ich sah zum ersten Mal in seinen tiefbraunen Augen dunkelgrüne Sprenkel. Und ich bin mir sicher, hätten wir uns nicht in die Augen geschaut, wäre es nie so weit gekommen. Doch in diesem Moment war ich einfach zu verletzt und einsam gewesen, als dass ich mich wehren konnte. Er kam also langsam näher, bedacht darauf, dass ich auch noch zurückziehen konnte. Stattdessen kam auch ich näher. Seine warmen Lippen legten sich auf meine, und ich kann nicht sagen, dass ich was dabei empfand. Nein, mich durchfuhren nicht solche wunderbaren Gefühle wie bei Rakesh, doch für diesen einen Moment fühlte ich mich geborgen, sicher und nicht mehr einsam. Schon nach wenigen Sekunden, vielleicht zwei oder drei, die mir endlos erschienen, löste ich mich sanft und sah zur Seite.
„Ich glaub, es ist besser, wenn du jetzt gehst. Wir sehen uns morgen in der Schule. Ich glaub, morgen komm ich wieder.“ Ohne mich zu fragen, aus welchem Grund er so plötzlich gehen sollte, stand er auf und wandte sich zum Gehen. Als er an der Tür ankam, drehte er sich noch mal um, es hörte sich so an, als würde er in seiner Tasche kramen, dann sagte er.
„Hier, das sind die Hausaufgaben … und Alexis …“ Als ich aufschaute, sah ich, wie er einige Blätter auf meinen Schreibtisch legte.
„Gute Besserung und …“ Ich sah ihn an.
„Ja?“
„Ich bin froh, dass ich dich gefragt habe wegen des Balls.“

 

Hat Dir die Leseprobe gefallen? Du kannst das Buch kaufen: Das Vampirgen, von Lena Wagner.