Veröffentlicht am

Leseprobe: Wer die Liebe fängt – Amouröse Begegnungen

Wer die Liebe fängt

„Suchen, ihn suchen, kühle Berechnungen anstellen, wann sie ihm mailen oder simsen sollte, was sie als Anlass ihres Treffens vorschlagen könnte, wann er Zeit haben könnte, d. h. das Vorbereiten und Starten eines genau ausgetüftelten Eroberungsfeldzuges, geleitet von Erfahrung, Fakten und Intuition.
Genau genommen wusste sie fast nichts von ihm. Das Einzige, was sie wusste, war, dass sie nicht sicher wusste, ob sie mehr von ihm wissen und ob er mehr von ihr wissen wollte. Ihr erster Impuls war, ihn warten und spüren zu lassen, dass es ihr überhaupt nicht eilig ist, mit dem Ihn-Suchen, mit dem Mehr-über-ihn-wissen-Wollen.
„Wenn du mich suchen willst, ich heiße Daniel Neuhaus und auf meiner Website findest du meine E‑Mailadresse und Handynummer.“
Mit diesem Satz stand sie nach der zweiten Begegnung mit ihm auf und ärgerte sich darüber, dass er davon ausgegangen war, dass sie ihn suchen würde oder ihn suchen wollte, während er sich selbst nicht die Mühe machen würde, sie zu suchen. Zudem ärgerte sie sich über sich selbst, dass sie ihm nicht einen umgekehrten Suchauftrag gegeben hatte, sondern schweigend den Seinen angenommen hatte.“

Blick ins Buch

Veröffentlicht am

Leseprobe: Übertragene Nähe – Aus dem Seelenleben eines Psychotherapeuten

Übertragene Nähe

Sie sitzen vor ihm aufrecht oder mit hochgezogenen Schultern, in sich hineingekrochen oder mit geradem Rücken am äußersten Rand des Sessels, als ob sie sofort wieder gehen wollten, entfliehen vor ihm, vor dem Raum, vor sich selbst.

–    Was ist Ihr Anliegen?
–    Es soll mir besser gehen …
–    Wodurch könnte es Ihnen besser gehen?
–    Das weiß ich nicht; deswegen sitze ich hier, auch wenn ich hier nicht gerne sitze …
–    Was könnte Ihnen helfen herauszufinden, wie es Ihnen besser gehen könnte?

Sie wissen es nicht, denn wenn sie es wüssten oder zumindest erahnten, wären sie nicht zu ihm gekommen, oder hätten die anderen sie nicht zu ihm geschickt mit dem Wunsch, dass sie sich verändern würden …
Sie wissen es nicht und wollen es nicht wissen, denn wenn sie es wüssten, müssten sie sich selbst fragen, sich selbst befragen, warum sie es nicht tun, warum sie allzu oft genau das Gegenteil von dem tun, was sie tun müssten, um sich besser zu fühlen …
Sie wissen es nicht, obwohl sie tief in ihrem Innern ein großes Wissen haben, ein Wissen darüber, was sie spüren oder nicht spüren wollen, wen sie berühren oder nicht berühren wollen, was sie tun oder nicht tun wollen …
Sie wissen es nicht, weil sie dem großen Wissenden, der sie durchs Leben trägt, weil sie ihren Körper nicht fragen wollen oder können, was sie tun oder lassen könnten, damit sie sich besser fühlen …

–    Wenn Sie sich von außen betrachten würden, was würden Sie dann sehen?
–    Nichts …
–    Meinen Sie mit nichts einen Menschen?
–    Man würde sich selbst sehen …
–    Sie würden sich sehen?!
–    Ja, man tut sich schwer, sich zu sehen …
–    Sie tun sich schwer, sich wahrzunehmen?!
–    Ja … vielleicht …
–    Was spüren Sie, wenn Sie sich wahrnehmen?
–    Man spürt nichts …
–    Sie spüren nichts … Spüren Sie sich?
–    Nur wenn es mir schlecht geht …
–    Es muss Ihnen also schlecht gehen, damit Sie sich spüren können …?

Sie spüren nichts, weil sie vergessen haben, dass sie ihre Körper sind, dass sie eins sind mit ihren Körpern, die sie oft auf eine unangenehme Weise spüren, falls sie sie spüren…
Oder sie spüren nichts, weil sie sich selbst kasteien, weil sie bisher nur auf ein einziges Pferd gesetzt haben, das sie Stabilität oder Sicherheit nennen, weil sie sich bis zur Erschöpfung abmühen, diesem Pferd zum Sieg zu verhelfen …
Oder sie spüren nichts, weil sie sich in vergangenen Zeiten das Spüren abgewöhnen mussten, weil sie den Schmerz unerträglich gefunden hätten, weil sie an ihm womöglich zerbrochen wären …
Oder spüren nichts, weil man ihnen das Spüren ausgetrieben hat und stattdessen das Funktionieren eingetrieben, weil sie besser für die anderen sind, wenn sie sich nicht mehr spüren …

–    Werden Sie wiederkommen?
–    Ich muss es wohl …
–    Sie wissen, dass es anstrengend werden könnte?!
–    Ja, aber ich habe keine andere Wahl …
–    Gut, dann lade ich Sie hiermit auf eine spannende Reise ein …
–    Auf welche Reise?
–    Auf die Reise zu sich selbst …

Blick ins Buch

Veröffentlicht am

Leseprobe: Auf die lesbische Liebe

Auf die lesbische Liebe

Als ich Christine Neunziger einige Wochen nach dem schnittigen Rausschmiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah und ihren Namen rief, schaute sie mich entgeistert an und ging grußlos weiter.
Ich fragte mich damals, wie der Abend verlaufen wäre, wenn ich weder auf das Buch von Violette Leduc angespielt noch mich angeblich absichtlich mit dem Messer geschnitten hätte. Wäre sie bei einem oder zwei Gläsern Champagner aufgetaut? Oder hatte ich mir ihr Interesse nur eingebildet? Sie musste gespürt haben, dass ich sie anhimmelte und hatte mich trotzdem oder sogar deswegen eingeladen.
Genau zehn Jahre nach diesem Vorfall, über den ich schnell hinweggekommen war – kurz darauf machte ich meine erste erotische Erfahrung mit einer Frau, die passenderweise ganz in der Nähe von Christine wohnte –, traf ich sie in einem Optikergeschäft.

„Bonjour Madame Neunziger. Wissen Sie noch, wer ich bin?“, frage ich sie, denn ich bin mir nicht sicher, ob sie mich wiedererkennt.
„Wie könnte ich dich vergessen haben! Waren wir nicht beim Du gelandet?“, antwortet sie und zeigt sich begeistert, als ich erzähle, dass aus mir eine Romanistin und freie Übersetzerin für französische und spanische Literatur geworden sei.
„Das passt zu dir. Französisch hast du ja schon damals geliebt …“
„Nicht nur Französisch …“
Als sie darauf nicht eingeht, frage ich, ob sie immer noch in ihrer Altbauwohnung am Rathenauplatz mit der silbernen Einbauküche und dem scharfen Schnittmesser wohne.
„Zwei Mal Ja! Meine Lebensgefährtin hat sich übrigens mit dem besagten Messer ebenfalls mal in den Finger geschnitten. Allerdings nicht absichtlich.“
„Schade übrigens, dass du mich damals zum Gehen aufgefordert hast.“
„Das habe ich mir später auch gedacht. Aber ich war leider noch nicht so weit. Wenn du magst, lass mal was von dir hören. Ich gebe dir gerne meine Visitenkarte.“

Christine hatte sich optisch kaum verändert. Noch immer türmte sich ihr schwarzes Haar ohne eine einzige graue Strähne auf dem Kopf und sie schien ihre Oberbekleidung weiterhin im Louis-Vuitton-Shop am Domkloster zu kaufen, wo sie auf Nadine hätte treffen können. Auch wenn sowohl sie als auch ich in festen und – zumindest ich – in kundigen Händen waren, hätte es mich gereizt, noch ein einziges Mal die Wohnung zu betreten, die ich damals gegen meinen Willen und mit feuchten Augen verlassen hatte. Ich hätte nicht mit ihr Liebe machen wollen, aber entspannt zu Abend essen – aus Spaß hätte ich Tomaten, Gurken und eine Packung Heftpflaster mitgebracht. Vielleicht hätte sie mir „La Bâtarde“ geschenkt. Das hätte ich getan, wenn ich sie gewesen wäre. Vielleicht hätte sie sich mir nähern wollen und ich hätte gesagt: „Christine, erwarte nicht, dass ich darauf eingehe. Ich küsse dich aber trotzdem und gehe danach nach Hause.“ oder „Du hast mich vor zehn Jahren nicht gewollt. Eine zweite Chance gibt es im Moment nicht. Aber vielleicht sind wir beide in zehn Jahren zufällig gleichzeitig single.“ Und sie hätte gesagt „Worte sind das eine, Taten das andere. Mein Schlafzimmer hast du dir damals nicht angesehen. Das kannst du heute gerne nachholen.“