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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Regensonntage mit ihren kleinen Fluchten zwischen zwei ‚Eigentlich-Sollte-Ichs‘ sind mir schon von Kindesbeinen an kleine Oasen launiger Verschwendung von Zeit. Letzte Inseln von Unverplantem, die das Endlosförderband alltäglicher Begebenheiten zwischen den Ausrufezeichen des Lebens beschert. So bin ich – ansonsten frei von weltanschaulichem Bekenntnis – doch dankbar für der Hüter christlicher Werteordnung unerbittlichen Kampf zur Verteidigung dieser letzten, immerhin doch leidlich stillen Bastion.
Auf der Schaukel so gepflegter Sonntagsträgheit tauchte mir neulich ein blasspapierner Fetzen von Gelesenem auf: zerfledderte Pflichtlektüre, reformierte Oberstufe, der Böll. Darin überpünktlich Dr. Murke mit zeitloser Brille, Kultur-Sachwalter besprochener Tonbänder in einem namenlosen Funkhaus einer noch namenloseren Stadt. Der seine akkurat versehenen Dienstzeiten täglich neu einläutete mit rituellen Fahrten im diensteigenen Paternoster – höchstpersönlicher Adrenalinstoß frühmorgens um acht. Bange Sekunden ganz oben im Schacht, Umsetzung der Kabine nach abwärts und unten – er kultivierte dieses tägliche Stück freien Falls, kalkulierbarer Wagemut des Rundfunkbediensteten auf Schicht. Herr über Endlosmeter von Tonbändern, wohl Hunderte von Sprechpausen hatte er daraus freiwillig seziert, gesammelt in einer Keksdose, eine ihm merkwürdig heilige Pflicht. Klebte sie zusammen zu einem größeren Schweigen, ein dreiminütig-stummes Hörspiel für seinen Feierabend. Kleine Hommage an die Pausen im allgegenwärtigen Rauschen aus gesprochenem Wort: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.
Paternoster – dem einen Gebetsmühle im Pocketformat, dem anderen ein Anachronismus von Aufzugssystem, Auslauf­modell beide zwischen Aufstieg und Fall im beständigen Fortlauf von Zeit. Wir darin, im Zustand eiligster Verrichtung – nicht immer imstande, dem rastlosen Takt stummer Rotation präzise zu folgen.
Letzte Fahrt im Paternoster, rückwärts geht’s in der engen Kabine, vier Jahrzehnte von hier. Taucht er wieder auf aus dem Nebel kindlich-bedeutsamem Bordpersonals, ein Omar Sharif unter den Militärseelsorgern, manch schmachtender Blick ondulierter Offiziersgattin klebte an seinem mächtigen Talar. Wortgewaltig, mit Tempo und gebietender Verve schritt er einher, als gälte es, Luthers Thesen im Sturm zu erobern. Aus meiner kindlichen Sicht der wohl klügste, aber auch der strengste Mann dieser Welt. Schlohweißes Haar, sorgsam in Wellen gelegt, stechender Blick, der einem wahren Christen wohl noch im Koma das Apostolische Glaubensbekenntnis hätte abtrotzen mögen. Ein strenges, aber gerechtes Regiment führte der Hirte soldatischer Herde zwischen des Lebens Aufstieg mit Taufe und seinem Fall von Vergehen.
Eine Gemeindebusfahrt mit ihm über Land sticht aus dem erinnerten sonntäglichen Reigen zwischen klebrigem Tee und Warteschleife vor Flipper und Lassie heraus. So verschonte der Volkstrauertag uns zwar vor Predigt und wöchentlich-evangelischer Narkose aus Liturgie und schiefem Gesang; nicht aber vor kirchlicher Segnung auf dem kargen Grund eines entfernt verregneten Soldatenfriedhofs im Wald.
Alles konnte ich damals ertragen: Busübelkeit, beschlagene Scheiben und dumpfes Gemurmel aus den Pelzmänteln rundum. Trompetensolo über den abertausend kleinen Beton­kreuzen, irgendwie trotzig aus dem Morast der Ardennen erhaben. Selbst das strikte Verbot kurzweiliger Turnübungen am zentralen Gedenkstein strapazierte mein kindliches Gemüt nicht so sehr wie der jährlich einmalige Tränenausbruch und das Schweigen der Väter lang noch nach dem Klang dieser aus Klage gemachten Musik. Und mir stockte der Atem, mein Vater weinte doch nie und es gab keinen Trost – das fühlte ich wohl. Ich fror und wollte nur noch nach Hause. Damit mein Vater nicht weint.
Gebetsmühlen des Schweigens, ein fernkaltes Grauen vor den Toren der Stadt, selbst wir Kinder fanden dafür kein würdiges Wort. Einen sinnvollen Text über Betonkreuzen, die beredter nicht künden konnten von dem was geschieht, wenn Worte versagen und ein eisiges Schweigen beginnt. Kalter Hauch bis in heutige Tage, die Kindern und Enkeln wenig verwertbaren Text hinterließ. Ein kaum verstehbares Erbe, kein Brückenschlag von Verstehmich gelehrter Chronisten, die selbst wohl nur ahnten von dem, was vor all diesen Kreuzen geschah. Vermisste ich schon als Schulkind auf jenem Soldatenfriedhof einen fühlbar sinnstiftenden Rosenkranz aus Gesprächsperlen von Ich hin zum Du – mühsam zu lernen bis heute.
Banger Sonntagsblick in meine persönliche Keksdose gesammelten Schweigens, beredter doch oft als ein Stammtisch nach Runde elf. Blick auf die Sprechpausen im Paternoster des Herzens, die eines Wortes bedurft hätten im Sinn von Erlösung – und es blieb vielfach aus.
Heinrich Böll, abgereist nach Diktat, ließ ein paar Schnipsel liegen in des Paternosters Kabine bergab, blasspapierne Fetzen eines Chronisten auf Zeit. Der Krieg, so steht im Gekritzel geschrieben, sei niemals zu Ende. So lange noch eine Wunde blute, die er schlug. Bleibt ein brummender Aufzug, eine etwas schwächelnde Technologie. Unsere täglichen Mutproben darin. Vaterunser aus gesammeltem Schweigen, späte Geburt von Frieden im Wort.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Nie werde ich das Schauspiel vergessen, das der Vertreibung des Jungtieres vorausging. Es war schon später Vormittag, noch war es mir nicht gelungen, mich dem Alltag zu stellen – jenem Trott, dem ich so gern zu entrinnen suchte.
In eher nutzlose Gedanken versunken vernahm ich ­vertraute Töne: Schreie und grelle Pfiffe. Ich lief hinaus, beobachtete den Himmel. Es dauerte, bis ich in ungewohnter Flug­höhe den ersten Adler entdeckte. Bald darauf sah ich das zweite, schließlich das dritte Tier. Seltsam aufgeregt erschien mir heute ihr Treiben. Sie kreisten, überwanden enorme Höhenunter­schiede, entfernten sich voneinander, um wieder aufeinander zuzufliegen.
Während sich das Weibchen ein wenig vom Geschehen entfernte, verfolgte das Männchen das Jungtier, ohne ihm gefährlich nahezukommen. Das ging so eine Weile, bis sich der Verfolgte im Gehölz eines absterbenden Baumes niederließ. Die Alten umkreisten den Baum lange, stießen schrille Pfiffe aus und flogen schließlich davon.
Wie oft schon hatte ich diese Tiere gemeinsam fliegen sehen.
Gedankenverloren betrachtete ich die sonnenbeschienenen Berge und Wälder. Trotz dunkelblauen Himmels und bei­nahe hochsommerlicher Temperatur spürte ich das Ende des Sommers. Die Farben hatten sich kaum merklich verändert. Die Sonnenstrahlen verliehen der Landschaft jetzt einen leicht rötlichbraunen Schimmer.
Es war der Tag, an dem der junge Adler den elterlichen Horst, sein vertrautes Revier, für immer verließ. Ich sah nicht, wie er seine Schwingen ausbreitete, sah nur verlassene Zweige im dürren Geäst eines sterbenden Baumes.
Schon einmal hatte ich das Ende eines Sommers so klar und so deutlich gespürt.
Wir fuhren in den frühen Morgenstunden los. Es versprach warm zu werden an diesem Tag und so wählte ich sommerliche Kleidung, nahm auch nichts Wärmendes mit. Die Zeit drängte.
Als wir ihr Zimmer betraten, war mir nicht bewusst, dass ein Abschied bevorstand.
Sie sprach, erkannte uns alle, wechselte mühelos ins Französische, wenn sie das Wort an ihre Freundin richtete. Ihr ungeheuer starker Wille. Von den Unsicherheiten erfuhr ich erst später.
Ich musste ein wenig lächeln, als die Schwestern uns baten, ihre Lippen mit Wein zu benetzen, jenem Wein, den sie so gerne in Maßen genoss. Bis ich die rührende Geste der Schwestern verstand. Langsam, ganz langsam begriff ich: sie stirbt.
Es wird Abend. Sie kämpft. Ein Kampf, den wir nicht mitkämpfen können, wir können nur beistehen.
Da ist auch noch das Kind. Das kam, ganz anders als ich, um Abschied zu nehmen. Das Kind, das schon vor Tagen sagte: „Die Nana stirbt.“ Sitzt vor der Türe seit Stunden, weiß, was passieren wird. Und ist so ruhig und verständig.
Wir beschließen, dass ich die Nacht bleibe. Das Kind nimmt Abschied. Sehr bewusst.
Wir fahren in die Stadt, anders als in den Bergen ist es in der Stadt auch noch am Abend warm. Die Menschen bummeln durch die Gassen, genießen dies sichtlich. Wir sitzen draußen, essen in der Abendsonne. Ein originelles Lokal. Fast will Urlaubs­stimmung aufkommen. Unwirklich erscheint mir dieser Spätsommerabend in der Stadt. Flüchtig streift mich der Gedanke: Für einen solchen Abend hätte ich andere Kleider gewählt.
Eine halbe Stunde später sitze ich am Bett der Sterbenden. Es ist still geworden im Haus. Ein zusätzliches Bett lehne ich ab, ich will wachen in dieser Nacht. Die Tür zum Gang ist geschlossen, einzig vernehmbares Geräusch ist ihr Atmen. Es kommt, stockt, setzt aus, setzt wieder ein. Die Zeit vergeht unendlich langsam. Sie wacht auf, lächelt, kämpft weiter. Einmal sagt sie: „Aufhören können, einfach aufhören können.“ Ich verlasse kurz den Raum. Sie lächelt noch einmal. Dann verliert sie das Bewusstsein, ich höre wieder das Atmen, halte ihre Stirn und ihre Hand.
Irgendwann merke ich, dass es an mir ist, loszulassen. Ich setze mich in einen Sessel und schaue einfach so auf den Boden. Denke wohl nichts. Ein paar Minuten vielleicht. Höchstens. Ich nehme die Stille um mich herum wahr, eine friedvolle Stille, die nur noch von meinen eigenen Atemzügen durchbrochen wird.
Ich bleibe noch eine Weile, trinke ein Bier auf dem Gang. Dieses Sterben erinnert mich an die Geburt meiner Kinder.
Ich atme tief durch, während ich auf ein Taxi warte. Mit jedem Atemzug spüre ich Leben in mir. Ein heftiger Sturm tobt über der Stadt. Blätter wirbeln durch die Luft. Ich friere nicht. Aber ich spüre:

Dieser Sommer ist vorüber, unwiederbringlich.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Behäbig klapperte der Vorortbus die Haltestellen ab: Bald würde ich nach langer, langer Zeit meinen alten Volksschul-Freund wiedersehen. Denn nach der 4. Klasse war er in das naturwissenschaftliche Gymnasium verschwunden, und ich in das altsprachlichhumanistische; so gegensätzliche Systeme damals, dass sie Sendepause bedeuteten, selbst für beste Freunde!
Aber jetzt war er plötzlich wie aus dem Nichts im World Wide Web aufgetaucht. Zunächst schwärmten wir von unseren Indianerlagern, doch als ich Marie erwähnte, brach Uwe den Chat ab. »Das geht mir zu nahe: mehr per Post.«
Hallo? Noch immer zu nahe? Seine Kinderliebe? Nach beinahe 50 Jahren? Ich öffnete den zartblauen Umschlag:

»Mein lieber Blutsbruder!
Dass wir uns nach so langer Zeit wiedergefunden haben! Nur du wirst mich verstehen. Natürlich ist es mir altem, grauhaarigem Esel peinlich, dass ich mich immer noch mit den Gedanken an Marie quäle. Dabei war sie in Peter verliebt! Aber vielleicht auch in mich? Kannst du mir endlich Frieden finden? Du warst doch der beste Spurensucher von allen.«

Ich straffte meine Schultern, während die Bustüren sich ratternd öffneten. Urplötzlich lag unsere Grundschulidylle wieder vor mir: ich als Winnetou und Uwe als einer der Old Shatterhands in unserer 3c. Und als solcher natürlich unsterblich verliebt in Nscho-tschi, Winnetous Schwester, deren Name bei den Apachen »Schöner Tag« bedeutet.
Wie hatten wir die Karl-May-Filme geliebt!
Obwohl wir sie nicht sehen durften: freigegeben erst ab 12. Als wir uns trotzdem ins Kino schmuggelten, flogen wir achtkantig raus; unter Androhung von Polizeigewalt. »Kommt wieder, wenn Bambi läuft!« Doch wir waren keine Rehkitze, sondern Westernhelden und schlichen uns an die Notausgänge, um wenigstens ein paar Fetzen des Filmsoundtracks zu erbeuten.
Der Bus zockelte über die Landstraße, ich las weiter:

»Erinnerst du dich noch, wie sich eines Tages in das miefige Bohnerwachs vor unserem Klassenraum Frühlingsgerüche mischten? Unser Klassenlehrer, Herr Mänsch, hatte aus Waschpulvertonnen einen Marterpfahl gebaut. Der duftete aprilfrisch, den durften wir im Kunstunterricht verzieren, den umheulten wir in den Pausen. Und mit welcher Freude wir aus Sackleinen unsere Westernkleidung nähten, um sie anschließend zu bemalen.
Dann ging es mit der Parallelklasse ins Schullandheim: Für 14 abenteuerliche Tage verwandelte es sich in ein Apachen-Pueblo, in unser Indianerdorf. Und wenn wir dort von der stillgelegten Kiesgrube in die Tiefe blickten, wähnten wir uns in der Filmkulisse des kroatischen Karstgebirges: Old Shatterhand und seine Gefährten an den Marterpfählen – wie auf den Sammelbildern. Todesmutig stürzten wir uns in die Sandkuhle und kämpften als Apachen gegen die Santer-Bande. Immer und immer wieder.«

Die Bremsen quietschten, und ich fiel nach vorne. »Glück gehabt, verdammtes Bambi!«, hörte ich den Fahrer fluchen.
Meine Gedanken glitten in den Schullandheim-Unterricht. Vormittags büffelten wir Indianerkunde, Deutsch und Rechnen: Nie wieder habe ich so viel und so gerne gelernt. Denn Herr Mänsch ließ unsere Träume Wirklichkeit werden, und diese Lernfreude nahmen wir mit, zurück in den Schulalltag. Zumal weitere zwei Wochen Indianerlager bereits für die vierte Klasse geplant waren. Unser Glück hätte nicht größer sein können, wäre nicht das größte, je nur denkbare Unglück über uns gekommen. Uwe betrauerte es noch immer:

(Gerd Haehnel)