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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Gevatter

Paternoster

„Der Tod kann sich das Leben nicht aussuchen, das er been­den muss“, so sagt es der Philosoph Manfred Hinrich. Wenn Gevatter Tod das doch nur beherzigen würde. Leider ist er beratungs­resistent.
Sicherlich hat er in diesen krisengeschüttelten Zeiten viel um die Ohren, Überstunden eingerechnet. Er ist ständig im Einsatz, auf der ganzen Welt unterwegs und stets bemüht seiner Profession gerecht zu werden.
Freunde wird er sich damit nicht schaffen. Und Dank, Dank schuldet ihm niemand dafür. Gleichwohl ist seine Arbeit vonnöten. Das sehe auch ich ein, fordere aber von ihm ein gewisses Quäntchen an Verantwortung und Empathie. Und daran mangelt es dem Tod.
Ich hatte ihn schon länger in Verdacht gehabt, zu schludern. Seine Unachtsamkeiten und Fehler konnten durch nichts entschuldigt werden, denn sie waren existentieller Art.
Es gab Listen, die der Tod abzuarbeiten hatte. Dezidiert stand darauf festgeschrieben, wer wann diese Erde zu verlassen hat. Es war dies die einzige Vorgabe, an die er sich zu halten hatte. Er tat es nicht. Er arbeitete schlampig und das war mehr als ärgerlich, das war tödlich.
Ich hatte geglaubt, den Tod zu kennen, war überzeugt, dass er kein Dummkopf sein konnte, doch die Zweifel in mir überwogen. Ich hegte den Verdacht, dass der Tod nicht lesen konnte, zumindest aber eine deutliche Leseschwäche aufwies. So sagte ich es ihm ins leere Gesicht. Natürlich stritt er es ab. Überzeugend war das nicht, zu viele Indizien sprachen gegen ihn.
Da gab es zum einen Menschen, die sich monatelang auf dem Sterbebett quälten, sich bereits in einer besseren Welt sahen, zumindest aber einer anderen Welt, und dann plötzlich wieder aufstanden, um ihre Lebenszeit abzuarbeiten. Andere ließ er in langer, schwerer Krankheit dahinsiechen, bis er sich endlich ­bequemte, tätig zu werden. Dann wiederum raffte er ganze Sippschaften, sogar Völkerstämme dahin, ohne dass dies rational nachzuvollziehen war.
In diesem Tun war kein Sinn erkennbar. Es schien, als ob er wahllos vorginge und in dem einen oder anderen Fall versuchte, Fehler zu vertuschen. Ich vermochte diese Korrekturversuche keiner höheren Macht zuzuschreiben. Nein, auf seine Selbstständigkeit hatte der Tod ja immer gepocht. Da gab es niemanden, der ihn hätte zurückpfeifen können. Er ­handelte auf eigenes Risiko, war Freiberufler. Er alleine war es, der so oder so handelte. Er war einfach überfordert, der Aufgabe nicht gewachsen.
Konnte das sein? Den einen holte er ohne Gnade, den anderen ließ er zappeln, bangen und hoffen, um dann doch vor ihn zu treten, mit der unmissverständlichen Aufforderung, endlich mitzukommen.
Nein, den Weltenlauf nach seinem Gutdünken zu verändern, stand ihm nicht zu.
Er hatte sich an die Liste zu halten. Jedem stand das Recht zu, diese Erde dann zu verlassen, wenn seine Zeit gekommen war. Niemand durfte bevorteilt oder benachteiligt werden. Dabei war es egal, wer die Liste erstellt hatte. Sie existierte und hatte gewissenhaft abgearbeitet zu werden, und zwar in der vorgegebenen Reihenfolge.

Ein heller, freundlicher Morgen bescherte mir Gewissheit, belegte endgültig die Unzulänglichkeiten des Todes.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Nicht verbrennen

Paternoster

Manchmal trat er auf die Fugen der Pflastersteine und es ­störte ihn nicht so wie sonst. Er versuchte dann, tief durchzuatmen. Nicht an das alte Kinderspiel zu denken, das ihm seine Mutter beigebracht hatte. Denn wer auf die Fugen der Pflastersteine trat, der war verbrannt.
Atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen.
Das hatte ihm Frau Kramer-Michels gezeigt, jede Woche kam er in ihre Praxis. ‚F 42.2 und F 43.1‘ hatte sie das genannt, was er jahrelang für normal und für kaum wegzudenken ge­halten hatte.
Atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen – auch an diesem Tag gelang ihm das für eine Weile. Doch dann tönte in der Ferne ein Martinshorn, schlagartig traute er sich nicht mehr, die Fugen der Pflastersteine zu berühren.
Immerhin hatte er seinen Gang inzwischen so perfektioniert, dass Außenstehenden die penible Wahl seiner Auftrittsfläche nicht mehr sofort ins Auge fiel. Als der Bürgersteig vom Plattenbelag in eine geteerte Fläche überging, war er erleichtert. Sein Blick durfte sich endlich vom Boden lösen; er sah plötzlich etwas entfernt den kleinen Nachbarsjungen, der sehnsüchtig in das große Schaufenster eines Spielwarengeschäftes blickte.
„Hallo, was gefällt dir denn da so gut?“, fragte er leise.
Der Nachbarsjunge drehte sich überrascht um, erkannte ihn und deutete auf ein großes Feuerwehrauto.
„Wenn ich groß bin, will ich Feuerwehrmann werden.“
Er seufzte. „Feuerwehrmänner machen einen wichtigen Job, aber leider können sie nicht immer alle retten.“
Der Gedanke an seine Eltern flammte auf, in ihm brannte es. Währenddessen plapperte der Junge weiter, ganz aufgeregt war er jetzt. „Aber die meisten können sie aus dem Feuer retten, mit der Drehleiter oder mit einem Sprungtuch.“
Er nickte mechanisch. Ihn hatten sie damals auch gerettet, als Einzigen. Fünf Jahre alt war er gewesen, und von da an bei der Großmutter aufgewachsen. Die trauerte sehr um ihren einzigen Sohn, da war kein Platz für den Enkel und seine Angst. Er blieb mit seinen Albträumen allein, hielt sich fest in seiner eigenen, einsamen Welt – seinem geschlossenen Regelwerk strenger Ritu­ale. ‚Gerettet zu werden ist nicht immer das Beste‘, dachte er, aber das sagte er dem Jungen nicht.
Frau Kramer-Michels behauptete immer, es gäbe einen Grund, warum er gerettet worden sei und den würde er eines Tages noch herausfinden. Sein Kinderzimmer war weiter vom Brandherd entfernt gewesen als das Schlafzimmer der Eltern. Das war ihm bisher die einzige gültige Tatsache, ohne jede ­Magie.
„Hattest du als Kind auch ein Feuerwehrauto?“
Der Nachbarsjunge riss ihn aus seinen Gedanken.
Er lächelte. „Ich hatte ganz viele, ich habe auch heute noch eine ganze Sammlung.“
Der Junge bekam große Augen. „Echt? Darf ich die mal sehen?“
Er zögerte. Nur die Feuerwehrautos hatten ihm damals Sicher­heit gegeben und taten es manchmal noch heute; dem Kleinen konnte er das schlecht erklären. Er versank in Gedanken, sah sich nervös seine Feuerwehrminiaturen geraderücken, immer wieder den Herd kontrollieren und ängstlich auf das aufleuchtende rote Funktionslicht des Brandmelders starren.
Etwas Furchtbares würde passieren, sobald er nicht wachsam war; auch Frau Kramer-Michels konnte ihm dieses Gefühl nicht nehmen.
„Ach, weißt du“, sagte er abrupt zu dem Jungen. „So spannend ist das auch wieder nicht. Tschüss!“
Bevor der Kleine widersprechen konnte, ging er weiter. Als der Asphaltbelag wieder in verfugte Platten überging, drehte er sich noch einmal kurz um. Der Junge stand noch immer vor dem Schaufenster, er konnte sich also unbeobachtet fühlen. Wieder begann sein konzentrierter Gang über die Platten. Nicht die Fugen berühren, atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Regensonntage mit ihren kleinen Fluchten zwischen zwei ‚Eigentlich-Sollte-Ichs‘ sind mir schon von Kindesbeinen an kleine Oasen launiger Verschwendung von Zeit. Letzte Inseln von Unverplantem, die das Endlosförderband alltäglicher Begebenheiten zwischen den Ausrufezeichen des Lebens beschert. So bin ich – ansonsten frei von weltanschaulichem Bekenntnis – doch dankbar für der Hüter christlicher Werteordnung unerbittlichen Kampf zur Verteidigung dieser letzten, immerhin doch leidlich stillen Bastion.
Auf der Schaukel so gepflegter Sonntagsträgheit tauchte mir neulich ein blasspapierner Fetzen von Gelesenem auf: zerfledderte Pflichtlektüre, reformierte Oberstufe, der Böll. Darin überpünktlich Dr. Murke mit zeitloser Brille, Kultur-Sachwalter besprochener Tonbänder in einem namenlosen Funkhaus einer noch namenloseren Stadt. Der seine akkurat versehenen Dienstzeiten täglich neu einläutete mit rituellen Fahrten im diensteigenen Paternoster – höchstpersönlicher Adrenalinstoß frühmorgens um acht. Bange Sekunden ganz oben im Schacht, Umsetzung der Kabine nach abwärts und unten – er kultivierte dieses tägliche Stück freien Falls, kalkulierbarer Wagemut des Rundfunkbediensteten auf Schicht. Herr über Endlosmeter von Tonbändern, wohl Hunderte von Sprechpausen hatte er daraus freiwillig seziert, gesammelt in einer Keksdose, eine ihm merkwürdig heilige Pflicht. Klebte sie zusammen zu einem größeren Schweigen, ein dreiminütig-stummes Hörspiel für seinen Feierabend. Kleine Hommage an die Pausen im allgegenwärtigen Rauschen aus gesprochenem Wort: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.
Paternoster – dem einen Gebetsmühle im Pocketformat, dem anderen ein Anachronismus von Aufzugssystem, Auslauf­modell beide zwischen Aufstieg und Fall im beständigen Fortlauf von Zeit. Wir darin, im Zustand eiligster Verrichtung – nicht immer imstande, dem rastlosen Takt stummer Rotation präzise zu folgen.
Letzte Fahrt im Paternoster, rückwärts geht’s in der engen Kabine, vier Jahrzehnte von hier. Taucht er wieder auf aus dem Nebel kindlich-bedeutsamem Bordpersonals, ein Omar Sharif unter den Militärseelsorgern, manch schmachtender Blick ondulierter Offiziersgattin klebte an seinem mächtigen Talar. Wortgewaltig, mit Tempo und gebietender Verve schritt er einher, als gälte es, Luthers Thesen im Sturm zu erobern. Aus meiner kindlichen Sicht der wohl klügste, aber auch der strengste Mann dieser Welt. Schlohweißes Haar, sorgsam in Wellen gelegt, stechender Blick, der einem wahren Christen wohl noch im Koma das Apostolische Glaubensbekenntnis hätte abtrotzen mögen. Ein strenges, aber gerechtes Regiment führte der Hirte soldatischer Herde zwischen des Lebens Aufstieg mit Taufe und seinem Fall von Vergehen.
Eine Gemeindebusfahrt mit ihm über Land sticht aus dem erinnerten sonntäglichen Reigen zwischen klebrigem Tee und Warteschleife vor Flipper und Lassie heraus. So verschonte der Volkstrauertag uns zwar vor Predigt und wöchentlich-evangelischer Narkose aus Liturgie und schiefem Gesang; nicht aber vor kirchlicher Segnung auf dem kargen Grund eines entfernt verregneten Soldatenfriedhofs im Wald.
Alles konnte ich damals ertragen: Busübelkeit, beschlagene Scheiben und dumpfes Gemurmel aus den Pelzmänteln rundum. Trompetensolo über den abertausend kleinen Beton­kreuzen, irgendwie trotzig aus dem Morast der Ardennen erhaben. Selbst das strikte Verbot kurzweiliger Turnübungen am zentralen Gedenkstein strapazierte mein kindliches Gemüt nicht so sehr wie der jährlich einmalige Tränenausbruch und das Schweigen der Väter lang noch nach dem Klang dieser aus Klage gemachten Musik. Und mir stockte der Atem, mein Vater weinte doch nie und es gab keinen Trost – das fühlte ich wohl. Ich fror und wollte nur noch nach Hause. Damit mein Vater nicht weint.
Gebetsmühlen des Schweigens, ein fernkaltes Grauen vor den Toren der Stadt, selbst wir Kinder fanden dafür kein würdiges Wort. Einen sinnvollen Text über Betonkreuzen, die beredter nicht künden konnten von dem was geschieht, wenn Worte versagen und ein eisiges Schweigen beginnt. Kalter Hauch bis in heutige Tage, die Kindern und Enkeln wenig verwertbaren Text hinterließ. Ein kaum verstehbares Erbe, kein Brückenschlag von Verstehmich gelehrter Chronisten, die selbst wohl nur ahnten von dem, was vor all diesen Kreuzen geschah. Vermisste ich schon als Schulkind auf jenem Soldatenfriedhof einen fühlbar sinnstiftenden Rosenkranz aus Gesprächsperlen von Ich hin zum Du – mühsam zu lernen bis heute.
Banger Sonntagsblick in meine persönliche Keksdose gesammelten Schweigens, beredter doch oft als ein Stammtisch nach Runde elf. Blick auf die Sprechpausen im Paternoster des Herzens, die eines Wortes bedurft hätten im Sinn von Erlösung – und es blieb vielfach aus.
Heinrich Böll, abgereist nach Diktat, ließ ein paar Schnipsel liegen in des Paternosters Kabine bergab, blasspapierne Fetzen eines Chronisten auf Zeit. Der Krieg, so steht im Gekritzel geschrieben, sei niemals zu Ende. So lange noch eine Wunde blute, die er schlug. Bleibt ein brummender Aufzug, eine etwas schwächelnde Technologie. Unsere täglichen Mutproben darin. Vaterunser aus gesammeltem Schweigen, späte Geburt von Frieden im Wort.