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Leseprobe: Auf die lesbische Liebe

Auf die lesbische Liebe

Als ich Christine Neunziger einige Wochen nach dem schnittigen Rausschmiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah und ihren Namen rief, schaute sie mich entgeistert an und ging grußlos weiter.
Ich fragte mich damals, wie der Abend verlaufen wäre, wenn ich weder auf das Buch von Violette Leduc angespielt noch mich angeblich absichtlich mit dem Messer geschnitten hätte. Wäre sie bei einem oder zwei Gläsern Champagner aufgetaut? Oder hatte ich mir ihr Interesse nur eingebildet? Sie musste gespürt haben, dass ich sie anhimmelte und hatte mich trotzdem oder sogar deswegen eingeladen.
Genau zehn Jahre nach diesem Vorfall, über den ich schnell hinweggekommen war – kurz darauf machte ich meine erste erotische Erfahrung mit einer Frau, die passenderweise ganz in der Nähe von Christine wohnte –, traf ich sie in einem Optikergeschäft.

„Bonjour Madame Neunziger. Wissen Sie noch, wer ich bin?“, frage ich sie, denn ich bin mir nicht sicher, ob sie mich wiedererkennt.
„Wie könnte ich dich vergessen haben! Waren wir nicht beim Du gelandet?“, antwortet sie und zeigt sich begeistert, als ich erzähle, dass aus mir eine Romanistin und freie Übersetzerin für französische und spanische Literatur geworden sei.
„Das passt zu dir. Französisch hast du ja schon damals geliebt …“
„Nicht nur Französisch …“
Als sie darauf nicht eingeht, frage ich, ob sie immer noch in ihrer Altbauwohnung am Rathenauplatz mit der silbernen Einbauküche und dem scharfen Schnittmesser wohne.
„Zwei Mal Ja! Meine Lebensgefährtin hat sich übrigens mit dem besagten Messer ebenfalls mal in den Finger geschnitten. Allerdings nicht absichtlich.“
„Schade übrigens, dass du mich damals zum Gehen aufgefordert hast.“
„Das habe ich mir später auch gedacht. Aber ich war leider noch nicht so weit. Wenn du magst, lass mal was von dir hören. Ich gebe dir gerne meine Visitenkarte.“

Christine hatte sich optisch kaum verändert. Noch immer türmte sich ihr schwarzes Haar ohne eine einzige graue Strähne auf dem Kopf und sie schien ihre Oberbekleidung weiterhin im Louis-Vuitton-Shop am Domkloster zu kaufen, wo sie auf Nadine hätte treffen können. Auch wenn sowohl sie als auch ich in festen und – zumindest ich – in kundigen Händen waren, hätte es mich gereizt, noch ein einziges Mal die Wohnung zu betreten, die ich damals gegen meinen Willen und mit feuchten Augen verlassen hatte. Ich hätte nicht mit ihr Liebe machen wollen, aber entspannt zu Abend essen – aus Spaß hätte ich Tomaten, Gurken und eine Packung Heftpflaster mitgebracht. Vielleicht hätte sie mir „La Bâtarde“ geschenkt. Das hätte ich getan, wenn ich sie gewesen wäre. Vielleicht hätte sie sich mir nähern wollen und ich hätte gesagt: „Christine, erwarte nicht, dass ich darauf eingehe. Ich küsse dich aber trotzdem und gehe danach nach Hause.“ oder „Du hast mich vor zehn Jahren nicht gewollt. Eine zweite Chance gibt es im Moment nicht. Aber vielleicht sind wir beide in zehn Jahren zufällig gleichzeitig single.“ Und sie hätte gesagt „Worte sind das eine, Taten das andere. Mein Schlafzimmer hast du dir damals nicht angesehen. Das kannst du heute gerne nachholen.“

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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Aufgeregt klopfte Monsieur Fondant an Tibous Tür. Dieser saß noch beim Frühstückskaffee und trug eine alte joggings [franz. Jogginghose]und ein ausgebeultes Army-Shirt. Das zauberte ein Lächeln auf Monsieur Fondants Gesicht. Perfekt passte es zu seinen Absichten. »Als ob du meine Gedanken gelesen hättest!«, rief er. Tibou verstand nicht recht, worauf sein Nachbar hinauswollte. Er sah ihn mit müden Augen an. »Der Vermieter hat mir da etwas über dich erzählt und deshalb möchte ich dich einladen!« Tibou schenkte ihm einen fragenden Blick. Er überlegte, was der Fuchs gesagt haben könnte. Er wusste doch so gut wie nichts über ihn. »Comment?«[franz. wie?] , fragte er. »Aaach, mach nicht auf unwissend! Deine Klamotten sagen doch bereits alles!« Tibou sah an sich herab und bemerkte, dass er die abgetragensten und schmutzigsten Klamotten, die es in seinem Schrank gab, trug. Er sollte sie so schnell wie möglich in die Waschmaschine stecken. Oder direkt in den Mülleimer. Nicht weit von ihnen gab es ein Zigeunerlager. Vor dem Haus hupte jemand. »Das ist Mehdi, komm, auf gehts!« – »Aber … wohin … Sie wollen doch nicht … ich kann doch nicht so, wie ich aussehe, mit Ihnen … wohin wollen Sie denn?« – »Wie, wohin? Spielt doch keine Rolle, wir haben drei Gewehre!« Er schob Tibou durch die Tür und drängte ihn die ersten Stufen nach unten. Tibou war zu müde und gleichzeitig zu überrumpelt, um Einspruch zu erheben. Diese seltsame Gewehr-Geschichte musste etwas mit einem schmutzigen Geschäft zu tun haben. Das passte doch gar nicht zum alten Fondant! Außerdem war das einzige, was der Fuchs über Tibou wusste, dass er Bier mochte und ihm einen gefälschten Lohnzettel untergejubelt hatte. Es konnte sich nur um irgendeinen Mick-Mack handeln. Die getönten Scheiben des Wagens bestätigten seinen Verdacht. Vielleicht schlief Tibou noch und träumte? Er nahm auf der Rückbank Platz. Schwarzes Leder. Er streichelte es. Es duftete. Duftete Leder auch im Traum? Er räusperte sich. »Falls es um einen Überfall geht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist nicht mein Gebiet«, meinte er, scheinbar beiläufig. Er schaute vom Fahrer zum Beifahrer und versuchte ihre Blicke zu deuten. Beide begannen zu lachen. Der Goldzahn des Fahrers blitzte. Waren es die Mafiosi, die solche Goldzähne trugen? Oder doch die Zigeuner? Vielleicht beide. »Ein guter Junge«, meinte Monsieur Fondant. »Wir verstecken uns immer hinter den Büschen. Und nach einiger Zeit, ja … man könnte es als Überfall bezeichnen.« Er beugte sich nach hinten und umfasste Tibous Kopf, um ihm mit dem Daumen zwei schwarze Kreidestriche ins Gesicht zu malen. Normalerweise hätte Tibou sich das bestimmt nicht gefallen lassen, doch seitdem Jim weg war, war ihm so vieles um so viel gleichgültiger geworden. Mehdi gab Gas. »Wie, hinter Büschen?«, fragte Tibou. »Hinter der Bank neben dem See ist ein großer Busch«, fügte Mehdi hinzu. Es ging anscheinend um einen Banküberfall. »Am See ist eine Bank? Hab ich noch nie bemerkt …«, meinte Tibou nachdenklich. Andererseits kannte er die Stadt noch nicht sonderlich gut. »Na ja … du wohnst auch noch nicht lange hier, und … Wieso sollte man auch großartig über eine Bank sprechen?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag, mein Kleiner«, fuhr Mehdi fort, »wann hast du zum letzten Mal so ein Teil hier benutzt?« Seine Augen funkelten, als er auf die Jagdflinte deutete. Niemals hätte Tibou so etwas von dem schweigsamen Monsieur Fondant erwartet. »Na ja, ist schon etwas länger her, und … eher in einem anderen Kontext.« Die beiden anderen warfen sich zwei erschrockene Blicke zu.