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Leseprobe: Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens

Leslie (2006)

Leise rieselt der Schnee.
In Dannys Bauch rumort es. Ich kann es deutlich hören, während ich mit dem Kopf auf ihm liege. Ist aber auch kein Wunder. Nach einem ganzen Tag bei meinen Eltern, und das am ersten Weihnachtstag, das verkraftet auch ein Hundemagen nicht mal einfach so.
Ich liebe unseren kuscheligen Teppich im Wohnzimmer. In der Dunkelheit draußen tanzen dicke Schneeflocken, aber ich liege nackt im warmen Zimmer, der Hund schlafend unter mir, und es geht mir irgendwie gut.
Irgendwie schon. Nach den Ereignissen der letzten Wochen gar nicht so selbstverständlich. Ich lasse den Tag Revue passieren. Die Gespräche mit meiner Mutter. Den langen Spaziergang mit allen, den Hund, der übermütig durch die Gegend tollte, die Sonne, die sich im Schnee spiegelte. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, kurz bevor wir nach Hause kamen, hatte es angefangen zu schneien. So heftig, dass wir schon nach den wenigen Metern zwischen den beiden Häusern weiß vor Schnee waren.
„Schatz“, sage ich.
„Ja?“, fragt James von hinten.
„Was machst du?“
„Ich lese.“
„Aha.“
„Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Ich höre ihn seufzen, gleich darauf legt er sich hinter mich. Sein kräftiger Arm zieht mich an seinen nackten Körper.
„Manchmal bist du typisch Frau“, sagt er und knabbert an meinem linken Ohr.
„Was macht mich so typisch?“
„Eine typische Frau sagt niemals und unter gar keinen Umständen, was sie wirklich will und meint.“
„Wusste gar nicht, dass du solche Vorurteile hast.“
„Das ist kein Vorurteil, sondern das Ergebnis empirischer Langzeitforschung.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Ach, Schatz, kannst du denn damit leben, dass ich eine Frau bin?“
„Da es Weihnachten ist, werde ich das tun.“
„Ein tolles Geschenk“, flüstere ich. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren könnte.“
„Oh, ich wüsste schon was …“
„Schon wieder?“ Ich drehe den Kopf so, dass ich ihn ansehen kann. Sein Gesicht ist direkt über mir.
„Ausgrechnet du fragst das?“
„Ja. Bin grad so schön entspannt.“
„Das kommt wirklich nicht oft vor.“ Er küsst meinen Mund. „Wir müssen nichts. Das ist okay.“
„Vielleicht nachher.“
Da wird dann doch nichts daraus. Wir beschließen irgendwann gemeinsam, dass wir schlafen gehen. Eine wohltuende Schläfrigkeit hat uns fest im Griff. Wir schaffen es gerade noch, Danny in den Garten und wieder rein zu lassen, dann taumeln wir nach oben und fallen ins Bett. Ich schlafe ein, noch bevor ich richtig im Bett liege …
… und schrecke dann hoch.
Es ist dunkel.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Eine Minute? Eine Stunde?
Und was hat mich überhaupt geweckt?
Hinter mir höre ich ein Stöhnen. Erschrocken fahre ich herum und starre James an. Er liegt auf dem Rücken und das vom Schnee reflektierte Mondlicht lässt die Tränen auf seinem Gesicht glänzen.
„James! Was ist los? Hast du Schmerzen?“
Er schüttelt den Kopf, während ich ihn abtaste. „Ich … ich habe geträumt. Von Leslie. Sie hat gesagt, sie musste sterben, weil ich nicht aufgepasst habe.“
„Das ist nicht wahr, und das weißt du auch.“
James setzt sich auf. „Und wenn sie das wirklich glaubt? Du hast gesagt, Norman ist auch noch in seinem alten Dasein gefangen. Vielleicht irrt Leslie irgendwo in der Gefrorenen Welt herum und kann sich nicht lösen!“
„Das ist möglich“, erwidere ich leise. „Sie starb unerwartet und brutal, dann kommt das schon mal vor.“
„Na siehst du. Vielleicht bin ich ihr im Traum begegnet. Oder es war eine Botschaft von ihr.“
Ich mustere ihn und kaue dabei auf meiner Unterlippe herum. Sehr bedenklich, dass er darauf überhaupt nicht reagiert.
„James, ich …“
„Bitte, Fiona, einen solchen Schmerz kann man nicht mit Worten bekämpfen.“
Das weiß ich. Aber das macht es nicht besser. Ich setze mich auf und seufze.
„Fiona?“
Ich blicke ihn an. „Hör zu, James, ich weiß, was du willst. Aber du bist ein Mensch. Für Menschen ist das gefährlich. Ihr habt keinen Körper, der auf Rückkehr programmiert ist.“
„Heißt das, ich muss sterben, um sie wiederzusehen?“
Ich nicke. „Du kennst das. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern.“
„Du wirst mich zurückholen.“
„Das ist Wahnsinn. Ich muss mitgehen, du hast ohne mich nicht die geringste Chance, sie zu finden. Ich kenne mich in der Verborgenen Welt aus und weiß, wie sie funktioniert.“
„Kannst du mich zurückbringen?“
„Es ist gefährlich.“
„Ja oder nein?“
„Wahrscheinlich ja. Aber es gibt keine Garantie. Warum? Warum ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren?“
„Weil du meine Frau bist und nicht meine Tochter.“
Oh Scheiße. Was habe ich angerichtet?
Oder war die Zeit einfach nur reif dafür? Immerhin hatte ich ihm genau das vorgeworfen.
„Das ist nicht fair.“
„Ist das so? Auch ich habe meinen Schmerz.“
Ich atme tief durch und nicke. „Ist gut, James. Ich werde dich zu Leslie führen. Zumindest werde ich es versuchen. Es hängt nicht nur von mir ab, ob es gelingt, sondern auch von dir. Um so tief in die Verborgene Welt vorzudringen, muss dein Körper deaktiviert werden. Ich … ich …“
„Ich nehme die Wanne“, sagt James. „Sei bereit, wenn ich komme.“
„Und wie soll ich dich reanimieren? Diesen Kerl konnte ich auch nicht zurückholen!“
„Weil er nicht wollte“, erwidert James ruhig. „Aber ich will. Ich will leben. Weil ich dich liebe.“
Verdammt. Er hat es schon wieder geschafft. Wie soll ich mich auf so einen Wahnsinn vorbereiten, wenn ich vor Tränen nicht einmal mehr meine Nasenspitze erkennen kann?
Zum Glück ist er so vernünftig und tröstet mich erst, bevor er seinen Tod einleitet. Nachdem ich wieder halbwegs zu Fiona zurückmutiert bin, gehen wir gemeinsam ins große Bad im Erdgeschoss.
„Soll ich mir was Bestimmtes anziehen? Oder eine Waffe mitnehmen?“
„James“, erwidere ich leise, „was glaubst du, wo der Spruch, das letzte Hemd habe keine Taschen, herkommt?“
„Ich werde nackt drüben ankommen?“
„Abgesehen davon, dass es nichts mit Drüben zu tun hat, ja, du wirst nackt sein, nachdem du deinen physischen Körper verlassen hast. Und du wirst keine Zeit haben für den Kulturschock, den alle haben, wenn sie das erste Mal tot sind.“
„Gut zu wissen!“
„Ja, absolut nützliche Info. Oh Mann …“
James nimmt mein Gesicht zwischen die Hände. „Mein Schatz, ich liebe dich. Du wirst dafür sorgen müssen, dass ich lange genug unter Wasser bleibe.“
„Du willst, dass ich dich umbringe?“
„Ja. Meine Reflexe würden es verhindern.“
„Du musst nur unter Wasser tief durchatmen.“
„Wenn ich dann auftauche, würde ich nicht sterben. Ich habe das trainieren müssen.“
Ach ja, er war ja mal Geheimagent.
„Halt mich unter Wasser, nachdem ich durchgeatmet habe. Okay?“
Ich nicke und sage lieber nichts.
James lässt Wasser in die Wanne einlaufen. Unterdessen betrachte ich ihn. Ich kann mir grad überhaupt nicht vorstellen, seinen Kopf gleich unter Wasser zu drücken, auch gegen seinen Willen. Ich war schon so oft tot, dass ich vergessen habe, dass der Tod für manche … für die meisten Menschen etwas Endgültiges ist. Normalerweise.
Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich ihn nicht davon abhalten kann. Und es ist mir wesentlich lieber, er macht es zusammen mit mir als ohne mein Wissen und ohne meine Hilfe.
„Es ist so weit“, sagt er und stellt das Wasser ab.
Ich nicke erneut.
„Wie … wie finden wir uns?“
„Ich werde dich finden“, erwidere ich und meine Stimme hört sich ungewohnt rauh an. „Ich muss ja auch nicht mehr sterben, um in die Verborgene Welt zu gelangen.“
„Sehr praktisch.“
„Bloß nicht neidisch werden! Ich musste oft und oft genug schmerzvoll sterben, um diese Fähigkeit zu erlangen.“
„Sorry. Nun denn, auf geht’s!“
James steigt in die Wanne und legt sich auf den Rücken. Nur sein Gesicht schaut aus dem Wasser. Ich gebe ihm schnell einen Kuss, bevor er ganz untertaucht.
Seine Augen sind weit geöffnet und starren mich an. Dann schließt er sie kurz und atmet tief durch.