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Leseprobe: Fiona – Leben (Band 5)

„Ich wurde hingerichtet.
Ich weiß, was Sie jetzt denken. Das ist bestimmt irgendwie metaphorisch gemeint. Hingerichtet, sonst wäre sie ja tot. Und dann könnte sie mir das jetzt nicht erzählen. Und an lebende Toten und so, da glaube ich nicht dran.
Aber so ist das nicht. Ich wurde hingerichtet. Zwei Schüsse von hinten in den Kopf.
Also, aufgeklärte, moderne Menschen glauben ja, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins, und wenn das Gehirn zerstört wird, ist es vorbei. Dann gibt es dieses Bewusstsein einfach nicht mehr. Wenn wir als Embryo heranwachsen, wird es langsam hell, und wenn wir sterben, wird es wieder dunkel. Für immer. Manchmal geht es langsam, manchmal ganz schnell. Zum Beispiel wenn Ihnen von hinten zwei Kugeln in den Kopf geschossen werden.
Wenn Sie also zu den Menschen gehören, die rational, aufgeklärt und modern sind, werden Sie mir vermutlich nicht glauben. Ich erzähle es Ihnen trotzdem. Sie können hinterher ja entscheiden, wie Sie damit umgehen wollen.
Also, ich wurde hingerichtet. Es war wirklich eine Hinrichtung. Ich geriet in Gefangenschaft, wurde schuldig gesprochen, einer terroristischen Vereinigung anzugehören, Attentate geplant zu haben, und dann an Ort und Stelle mit zwei Kugeln hingerichtet. Das mit den Attentaten stimmte sogar. Aber die wussten nicht, was ich wirklich wollte und dass sie mir sogar dabei helfen, meine Pläne auszuführen. Wie hätten sie es auch wissen sollen? Sie waren zwar weder modern noch aufgeklärt, das sind diese Art von Diktaturen nie, aber sie konnten sich trotzdem nicht vorstellen, dass ich so eine Hinrichtung überleben würde. Sie glauben zwar an Himmel und Hölle und so, an eine dualistische Welt, aber die Realität übersteigt ihre Vorstellungskraft bei Weitem.
Doch zurück zu der Hinrichtung. Meine Hände waren am Rücken gefesselt, mit einem Seil oder so. Kann sein, dass es ein Abschleppseil war, ich weiß es nicht so ganz genau. Während der Verhandlung musste ich knien und die ganze Zeit zum Tribunal schauen. So nannten sie es jedenfalls. In Wirklichkeit war es Lynchjustiz, aber das ist egal. Es spielt keine Rolle, denn jedes Gericht in jedem Staat hält sich für legitimiert und ist es doch nicht. Ich bin legitimiert, denn ich wurde von Gott dazu berechtigt. Doch das ist eine andere Geschichte, und Sie denken jetzt sowieso, ich bin eine Irre, völlig durchgeknallt und größenwahnsinnig.
Tatsache ist allerdings, dass ich hier vor Ihnen sitze, obwohl ich hingerichtet wurde. Das sollte Ihnen möglicherweise zu denken geben.
Nun, ich kniete also da auf dem harten Boden, was nach einer Weile sogar schmerzhaft wurde, aber Schmerzen bin ich ja gewohnt. Es gehört zu meinem Job, dass es ab und zu schmerzhaft wird. Ziemlich schmerzhaft sogar, denn nicht immer geht es so schnell und einfach zu wie meine Hinrichtung in diesem Fall.
Ich beobachtete den Richter und die beiden Soldaten rechts und links von ihm. Rings um uns herum waren noch andere, Soldaten, oder besser gesagt, Rebellen, die sich für Soldaten hielten. Nicht einmal Uniformen hatten sie, viele trugen Sandalen. Nicht wirklich die geeignete Kleidung zum Kämpfen, aber es waren ja auch Amateure. Verblendete Idioten, um ganz genau zu sein. Sie spielen Krieg und irgendwann begannen sie, das Töten zu genießen. Zuzuschauen, wie bei den Kopfschüssen Augen, Nase und Gehirn der Hingerichteten durch die Gegend spritzen, das ist für sie schöner geworden als ihr Sperma zu verspritzen. Make war not love. Ganz schön pervers. Ich meine, ich töte auch. Es macht mir wenig aus, allerdings weiß ich, dass der Körper eines Menschen nicht den Menschen ausmacht, und ich weiß auch, dass das Töten nicht mehr ist als das Verschrotten eines Autos. Sonst wäre ich ja nicht hier, trotz meiner Hinrichtung.
Hinter mir gestikulierten aufgeregt einige Männer, vielleicht darüber, wer mich erschießen darf. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß noch, dass ich mir die krumme Nase des Richters anschaute, als der erste Schuss fiel. Die Kugel drang von oben ein, hier hinten, können Sie bei sich spüren, oberhalb der Einbuchtung. Die Anatomen haben auch einen Namen dafür, fällt mir grad nicht ein. Egal. Etwas oberhalb der Augen also, und der Schütze konnte oder wollte nicht vernünftig zielen.
Es war ein ganz eigenartiges Gefühl. Erst einmal ein ziemlich heftiger Schlag, der meinen Oberkörper nach vorne riss. Ich fiel nicht ganz um, schon allein wegen meiner Körperlage. Mein Oberkörper federte gegen meine Oberschenkel. In meinem Kopf fühlte es sich an wie … Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es tat nicht weh. Das Gehirn an sich fühlt ja keinen Schmerz. Es war mehr so eine Art Ziehen. Dauerte nicht lange, nicht einmal eine Sekunde, weil meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde.
Wie gesagt, der Schütze hatte schief geschossen, warum auch immer. Die Kugel verließ meinen Kopf durch das linke Auge, mit dem ich natürlich nichts mehr sehen konnte. Obwohl, ist schon interessant. In so einem Moment hat man ja ein ganz anderes Zeitgefühl. Für die anderen sind es Sekundenbruchteile, aber ich konnte deutlich und wie in Zeitlupe spüren, dass die Kugel mein Auge von innen traf. Ganz kurz, wie ein Aufblitzen, konnte ich die Kugel sogar sehen. Irgendwie unheimlich, wenn ich mir das so überlege.
Ich hing da also auf meinen Oberschenkeln, starrte mit dem verbliebenen Auge auf den Boden und sah nebenbei die Reste meines anderen Auges zusammen mit Blut und einer hellen, rosafarbenen Flüssigkeit auf den Boden tropfen.
Dann wurde mir klar, die rosafarbene Flüssigkeit war ein Teil meines Gehirns. Ich hatte es ja schon gesehen, ich meine, außerhalb meines Kopfes. Neu war für mich das alles ja nicht.
Ich dachte noch, wie schön es ist, dass es dieses Mal so schnell geht. Ich meine, ich habe es mir selbst ausgesucht. Den Job so allgemein, und ich wusste vermutlich, dass es auch bedeutet, dass es physisch sehr anspruchsvoll wird. Deswegen regenerieren wir uns immer wieder. Aber das Sterben, das ist wie bei allen Menschen. Und manche Arten zu sterben sind … sehr unschön. Kopfschüsse sind im Vergleich richtig angenehm. Wohlgemerkt, im Vergleich und für Leute wie mich, die überhaupt die Möglichkeit haben, diesen Vergleich anzustellen. Sie beispielsweise werden diese Möglichkeit nicht haben, wenn Sie gleich sterben. Deswegen erzähle ich Ihnen das so genau, damit Sie wissen, was auf Sie zukommt.
Die zweite Kugel kam seitlich. Wahrscheinlich habe ich meinen Kopf gedreht, darum. Jedenfalls spürte ich noch, wie sie irgendwo neben dem Ohr in meinen Kopf eindrang. Sie zerfetzte mein rechtes Auge, sodass ich jetzt blind war. Ich glaube, es ging auch ganz schnell. Ich spürte noch, wie noch mehr von meinem Gehirn auf den Boden floss, dann wurde es plötzlich dunkel. Vermutlich als die kritische Masse meines Gehirns zerstört war.
Mein Körper war damit deaktiviert. Vorübergehend. Ich habe mich dann notdürftig gesäubert, aber in meinen Haaren klebt noch Blut und Reste von dem, was es sonst noch so in meinem Kopf gibt. Sehen Sie?
Mein Ich war natürlich noch da. Ich habe mittlerweile sehr viel Übung darin, die Zeit zu überbrücken, bis mein Körper sich regeneriert hat. Sie haben ihn zu den anderen Leichen geschafft. Als ich zu mir kam, lag ich auf den Überresten eines etwa dreijährigen Mädchens und eines Mannes, der wahrscheinlich sein Vater gewesen ist. Hätte ich zu dem Zeitpunkt auch nur den geringsten Zweifel gehabt, ob ich meinen Plan noch ausführen wollte, wäre dieser Zweifel bei diesem Anblick sofort geflüchtet.
Allerdings hatte ich keinen Zweifel. Ist nicht meine Art. Wissen Sie, mein Motto ist auch, dass ich bereit sein muss, zu Ende zu bringen, was ich beginne. Wofür hätte ich sonst auch all das auf mich genommen? Als Leiche gelangte ich in Ihr Haus, und auch wenn das nur Plan B war, für den Fall, dass ich erwischt werde, hat er doch ganz gut funktioniert.
Und das bedeutet, dass jetzt Sie hingerichtet werden.“
Die Pupillen des Mannes auf der anderen Seite des Tisches weiten sich kaum merklich. Bevor er aufspringen kann, drücke ich ab und beobachte, wie die Kugel durch die Stirn in seinen Kopf eindringt.

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.
Mit den Füßen streife ich die Stiefel ab, knöpfe dann die Jeans auf und streife sie ebenfalls ab. Bis auf das hellblaue Höschen bin ich nackt. Nach einer kurzen Pause ziehe ich den Slip auch aus.
Als Michael sich immer noch nicht rührt, steige ich auf das Bett und stelle mich mit gespreizten Beinen so vor ihm hin, dass er meine Muschi vor den Augen hat. Er hebt langsam den Kopf und schaut zu mir hoch.
„Du meinst das ernst?“
Ich nicke, dann lege ich beide Hände auf seinen Kopf und drücke sein Gesicht zwischen meine Beine. Ich spüre, wie er den Mund öffnet und seine Zunge zwischen meine Lippen schiebt. Ich schließe die Augen.
Nach einiger Zeit, in der er mich genau erkundet hat, umfasst er mit den Händen meine Pobacken und zieht mich runter. Ich setze mich kniend auf meine Fersen und betrachte ihn. Er küsst mich, erst sanft, dann immer fordernder, packt dabei mit beiden Händen meine Brüste. Ich schließe wieder die Augen und ertaste die Knöpfe seines Hemdes, öffne sie und schiebe dann das Hemd nach hinten. Dazu muss er mich loslassen und als er die Hände wieder frei hat, legt er eine auf meinen Oberschenkel, die andere zwischen meine Beine. Ich stöhne auf.
Ich lasse meine Fingerspitzen wie Krallen über seine muskulöse Brust gleiten. Der Kuss soll bloß nie aufhören! Als dann seine Finger in mich eindringen, öffne ich seine Hose und greife hinein, bis ich sein hartes Glied umfassen und herausziehen kann. Nur ganz flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wieso ein Vampir einen Steifen haben kann.
Ich löse meinen Mund von seinen Lippen. „Fick. Mich.“
Er lehnt sich zurück, ich ziehe ihm Hose und Unterhose aus. Sein mächtiger Brustkorb wölbt sich unbewegt hervor. Ich rutsche auf den Knien nach vorne, bis ich mit dem Unterleib über seinem Glied bin und es in mich einführen kann. Es gleitet vollkommen mühelos in meine nasse Muschi. Ich beuge mich vor, um ihn weiter zu küssen. Seine Hände umklammern meinen Po.
Wir sind beide völlig überdreht und kommen schon nach kurzer Zeit. Ich presse meinen Unterleib gegen seinen und bewege ihn kreisend. Er zuckt wild, fast schmeißt er mich runter. Ich schlinge die Arme um seinen Hals und drücke schreiend das Gesicht gegen seine Schulter.
Viel später, ich weiß nicht einmal, ob Minuten oder Stunden vergangen sind, hebe ich den Kopf und sehe ihn an.
Er grinst. „Das war ja fast eine Vergewaltigung.“
„Deine Gegenwehr war kaum zu bemerken.“
„Es ging so schnell, ich hatte gar keine Gelegenheit dazu.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Idiot. Einen so harten Schwanz wie deinen habe ich schon lange nicht mehr erlebt.“
„Ja, und er scheint so bleiben zu wollen.“
Ich bewege meinen Unterleib kreisend. „Hat er etwa noch nicht genug?“
„Genug? Das war doch erst die Vorspeise!“
Er meint es ernst. Sehr ernst.

Michael reicht mir meine Zigaretten, dann geht er zum zugemüllten Schreibtisch und befördert nach einiger Suche zwei Gläser und eine halbvolle Whiskyflasche ans Kerzenlicht. Ich setze mich auf und inhaliere den Rauch tief ein, während er die Gläser ordentlich füllt. Darüber, ob diese Gläser jemals gespült worden sind, mache ich mir lieber keine Gedanken.
Ein Glas gibt er mir, das andere führt er sich an die Lippen und nimmt einen großen Schluck. Ich nippe vorsichtig an meinem Glas. Es schmeckt einigermaßen.
„Wie geht es Sandra?“, erkundigt er sich.
Dieses Arschloch! „Ganz gut. Seit wann interessierst du dich für meine Tochter?“
„Ich finde die Vorstellung süß, dass du eine Tochter hast.“
„Michael, du solltest aufhören, irgendetwas im Zusammenhang mit mir süß zu finden.“
„Ups. Empfindliche Stelle getroffen?“
„Ich? Getroffen? Eher andersherum.“ Ich zaubere das süßeste Lächeln auf mein Gesicht, dessen ich fähig bin. Michaels Miene verdüstert sich.
„Erinnere mich nicht daran“, knurrt er.
„Dann hör auf, von meiner Tochter und von süß zu labern, okay?“
„Wollte nur nett sein …“
„Wozu? Ich bin nicht hier, damit du nett bist. Nett ist langweilig. Ich hasse alles, was mit nett zu tun hat.“
„Stimmt, du bist eher ein Tier.“
„Das sagt der Richtige!“ Ich proste ihm zu und nehme diesmal auch einen großen Schluck.
Er setzt sich neben mich. Ich betrachte seine ausgestreckten Beine neben meinen ausgestreckten Beinen. Seine sind behaart und muskulös. Meine nur muskulös. Und deutlich dünner.
„Du hast schöne Beine“, bemerkt Michael grinsend.
„Danke. Du auch. Zumindest für einen Mann.“
„Das ist mal wieder typisch für dich. Immer direkt eine Einschränkung.“
„Nicht immer!“, protestiere ich.
„Gut, du hast recht, nicht immer. Aber warum überhaupt?“
Ich zucke die Achseln. „Bin eben so. Gefällt es dir etwa nicht, wie ich bin?“
Er mustert mich von der Seite. „Was ist das denn für eine Frage? Willst du jetzt hören, dass du geil aussiehst? Oder geht es um deinen Intellekt?“
„Ach Michael.“ Ich seufze. „Ich weiß, wie ich aussehe und wie ich auf Männer wirke. Vor James habe ich die halbe Stadt gefickt, und auf der Schule gab es kaum einen, der nicht mit mir vögeln wollte.“
„Eingebildet bist du aber nicht, oder?“
„Weil ich mir dessen bewusst bin? Komm schon. Ich war nicht die Schulkönigin, habe mich nie, na ja, fast nie, zurechtgemacht. Und wahrscheinlich waren gerade deswegen alle scharf darauf, mit mir in die Kiste zu hüpfen.“
„Jetzt mal ernsthaft, ist das eine Theorie?“
Ich grinse. „Keine Theorie. Habe es mehrmals getestet.“
„In der Schule?“
„Da auch. Das Klo zu den Sportumkleiden war ein guter Ort. Und David, der mich entjungfert hat …“
„Auf dem Klo?“
„Nein! Hältst du mich für so unromantisch?“
„Also gut, wo hat er dich entjungfert?“
„In meinem Bett, im Haus meiner Eltern. Ich war 15. Ich rief ihn an und sagte ihm, dass ich Hilfe bräuchte, in Mathe. Das war ein sicherer Hinweis für ihn.“
„Wieso?“
„Wir waren die Klassenbesten in Mathe.“
„Oh. Und er kam?“
„Oh ja! Mehr als einmal.“
„Das meinte ich grad nicht …“
„Ist mir klar. Wir waren zwei Monate zusammen, bis er meinte, ein anderes Mädchen knutschen zu müssen, auf dem Schulhof, während die halbe Schule zuschaute, weil er Freistunde hatte, wir aber nicht. Es war echt lustig.“
„Klingt nach Drama.“
„Hey, er war meine erste Liebe! Selbst mein Vater mochte ihn.“
„Hast du ihn verprügelt?“
„Nein“, erwidere ich gepresst. „Aber ich habe ihn ignoriert danach. Na ja, und irgendwann begriff ich, was die Blicke der Jungs zu bedeuten haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir bis dahin darüber keine Gedanken gemacht. Es gab einige Mädchen in meinem Alter, die Schulköniginnen spielten und natürlich stets hofiert wurden. Ich konnte mit ihnen nichts anfangen und lief nicht aufgetakelt rum.“
„Also eine Außenseiterin?“
Ich schüttele den Kopf. „Seltsamerweise nicht. Ich war schon beliebt. Ich fürchte, die hielten mich alle für süß.“
„Süß?“
Ich nicke. „Ich habe nie was für Allüren übriggehabt, sagte aber, was ich dachte. Es war auch selbstverständlich für mich, dass ich anderen half, wenn es nötig war. Meine Noten waren zwar mittelmäßig, weil ich nie für Tests lernte, aber ich machte mündlich mit. Reden kann ich ja. Ich begriff die Sachen, ich wollte nur nichts auswendig lernen. Lernen fand ich doof. Aber ich konnte alles erklären.“
„Ich glaube, ich verstehe“, sagt Michael nachdenklich. „Du warst einerseits der Kumpeltyp, andererseits aber natürlich süß.“
Ich starre ihn von der Seite an. „Ja, vielleicht. – Warum erzähle ich dir das alles eigentlich?“
„Dir war wohl danach.“
„Ja, irgendwie schon. Vielleicht ist es mir wichtig, dass du mich verstehst. Ich möchte nicht, dass du mich für durchgeknallt hältst.“
„Du bist durchgeknallt, da kannst du mir erzählen, was du willst. Die Menschen können froh sein, dass du auf der richtigen Seite stehst. Du hast vor nichts Angst und wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann tust du es einfach. Als Kriminelle wärst du richtig gefährlich.“
„Ich bin gefährlich.“
„Ja, für meine Unschuld“, knurrt er.
Ich mustere seine schwindende Unschuld. „In der Tat. Es ist schon erstaunlich, dass du als Vampir überhaupt einen Steifen kriegst, aber auch noch einen so harten?“
„Du wirst lachen, wenn ich Hunger habe, kriege ich ihn nicht hoch. Vampire sind sehr abhängig von ihrem Futter, was den Blutdruck angeht.“
Ich kriege einen Lachkrampf und habe Mühe, mich zu beruhigen. Er wartet geduldig, bis ich wieder ansprechbar bin. Dann zieht er mich auf seinen Schoß, dabei dringt er wie von selbst in mich ein. Seine kalten Augen mustern mich.
„Danach musst du gehen.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
Später, als ich wieder meinen Verstand eingesammelt habe, frage ich ihn, wo die Toilette sei.
„Toilette?“
„Äh … ja?“
„Hier gibt es keine.“
„Wie meinst du das? Wie kann es hier keine Toilette geben?!“
„Ich brauche keine. Was musst du denn?“
„Pissen, und zwar tierisch!“
„Dann geh doch nach draußen und piss gegen die Wand. Interessiert doch niemanden. Kommt auch niemand vorbei.“
„Hm.“ Aber es hilft nichts. Ich strecke erst den Kopf in den Gang raus und schaue mich um, bevor ich nackt ein paar Schritte weg gehe und mich neben der Wand hinhocke. Es riecht streng, kein Wunder, die Blase ist voll wie sonst was.
Erleichtert gehe ich wieder rein und ziehe mich an.
„Hat dich jemand gesehen?“, erkundigt sich Michael, blöde grinsend.
„Ich habe Eintrittsgeld kassiert.“
„Cool. Aber die Hälfte gehört mir.“
„Du kannst mich mal.“
„Schon wieder?“
Ich zeige ihm, wie schön meine Mittelfinger sind. Doch statt auf diese, starrt er auf meine noch nackten Brüste. Grinsend ziehe ich den BH und den Pullover an.
„Schon wieder?“, frage ich ihn lächelnd.
„Du bist ganz schön rachsüchtig.“
„So bin ich eben.“ Ich gehe um das Bett herum und bleibe neben ihm stehen. Er sitzt nackt am Kopfende und mustert mich fragend. Sein Blick ist eindeutig. Nach kurzem Zögern winke ich ab und gehe. Ich blicke nicht zurück und er sagt nichts.
Ich nehme den Weg, den ich auch gekommen bin, nämlich durch die Disco. Das bedeutet zwar Kletterpartie, aber mein Auto steht eh auf dem Parkplatz. Die Geheimtür, die nur Eingeweihte kennen, befindet sich in einem kleinen Raum, der alibimäßig als Abstellkammer dient. Bevor ich die Tür öffne, lausche ich kurz. Bis auf die dumpf dröhnende Musik ist nichts zu hören. Ich eile an den Toiletten vorbei. Die Musik wird lauter, schließlich befinde ich mich mittendrin.
Die unterirdische Disco kokettiert mit ihren Grotten und Felswänden, die andererseits für eine miserable Akustik sorgen. Bei der Lautstärke spielt das allerdings für die zugedröhnten Gäste keine Rolle. Ich überlege kurz, eine zu rauchen und etwas zu trinken, entscheide mich aber schließlich dagegen.
Dass es ein Fehler war, überhaupt darüber nachzudenken und dadurch länger als unbedingt nötig in der Disco zu bleiben, wird mir klar, als ich Punky mit zwei anderen Vampiren entdecke. Sie schneiden mir den Weg zum einzigen Ausgang nach oben ab. Die beiden entschlossen dreinschauenden Vampirsöldner bleiben in einiger Entfernung stehen, während Punky grinsend auf mich zukommt.
„Hallo Fiona, das ist aber eine Überraschung, dich hier zu sehen. Hast du etwa Sehnsucht nach dem Herrn?“
Ich mustere ihn kurz, dann will ich an ihm vorbei. Er macht einen Schritt zur Seite, sodass er mir erneut den Weg versperrt. Und als er den Mund öffnet, vermutlich um weiter zu quasseln, trete ich blitzschnell und mit aller Kraft gegen seinen Brustkorb. Er hebt regelrecht ab und fliegt davon – wohin, darauf achte ich nicht mehr, denn seine beiden Begleiter erfordern meine ganze Aufmerksamkeit.
Den, der näher steht, erwische ich mit zwei Halbkreistritten, die ihn aus meinem Blickfeld befördern. Schnell wende ich mich dem Dritten zu, allerdings nicht schnell genug. Seine Faust explodiert mitten in meinem Gesicht. Ich spüre, dass ich durch die Gegend fliege, Menschen zur Seite stoße und dann sehr unsanft auf dem harten Boden lande.
Nach einigen Sekunden der Benommenheit drücke ich mich mit einer Hand hoch, mit der anderen Hand berühre ich meine Lippen. Blut. Doch bevor ich wütend aufspringen kann, werde ich an den Haaren gepackt, hochgerissen und mein rechter Arm wird auf den Rücken gedreht. Zum Protestieren habe ich keine Zeit, denn Punky kommt von vorne auf mich zugeschossen. Ich empfange ihn mit einem Tritt zwischen die Beine und lasse einen zweiten in sein Gesicht folgen, als er sich nach vorne krümmt. Einigermaßen zeitgleich hole ich mit der freien Hand aus und schlage sie an meinem Kopf vorbei in das Gesicht des Vampirs, der mich von hinten festhält. Er taumelt, lässt aber meinen verdrehten Arm nicht los. Ich drehe mich jetzt schwungvoll nach rechts, packe dabei mit der rechten Hand seinen rechten Arm. Das zwingt ihn in eine gebückte Haltung, so kann ich mit dem Ellbogen des freien Arms gegen sein Genick schlagen. Endlich lässt er los und geht in die Knie.
Dafür habe ich den dritten Vampir wieder am Hals. Sein Gesicht ist blutverschmiert, ansonsten sieht er aber ziemlich fit aus. Nicht fit genug für mich. Ich brauche nur ein paar Sekunden, um seine Deckung zu zertrümmern und ihm die Nase. Dann erwische ich einen seiner Arme und breche ihn am Ellbogen. Sein Geheul geht im Aufschrei der Menge unter.
Diesmal vertrödel ich nicht unnötig Zeit. Niemand hält mich auf, als ich auf den Ausgang zulaufe. Mein Auto steht noch da, wo ich es abgestellt hatte, was keineswegs selbstverständlich ist.
Ich betrachte mein Gesicht im Rückspiegel. Das Blut aus meiner Nase hat sich um den Mund herum verteilt, ich sehe aus, als hätte ich einen Menschen leergetrunken. Für solche Fälle habe ich zum Glück immer Reinigungstücher dabei.
Ich fahre nach Hause.

Zu Hause ist niemand, also laufe ich hinüber ins Nachbarhaus. Nicholas öffnet und begrüßt mich erfreut. Ich umarme ihn, dann gehe ich in den Salon, dort finde ich meine Eltern mit Sandra auf dem Schoß meiner Mutter. Die Augen der Kleinen leuchten auf, als sie mich erblicken. Lachend nehme ich sie an mich und begrüße sie innig, bevor auch meine Eltern was von mir abbekommen.
„Danny?“
„Den hat James mitgenommen“, antwortet mein Vater. „Möchtest du was trinken? Oder essen?“
„Einen Kaffee könnte ich vertragen. Aber erst nach der Fütterung des Raubtiers.“ Ich setze mich neben meiner Mutter auf die Couch, schiebe Pullover und BH hoch und betrachte lächelnd meine Tochter beim Trinken.
„Sie ist so süß“, sagt meine Mutter und sieht Sandra verliebt an.
„Meins!“
„Schon gut, schon gut. Ich bin glücklich, wenn ich mich ab und zu um sie kümmern darf.“
„Mal sehen, ob du das in 15 Jahren immer noch so denkst“, erwidere ich.
„Ganz sicher.“
„Und wenn sie wird wie ich?“
„Dann erst recht.“
Zack. Sowohl meine Frage als auch die Antwort darauf treffen mich unvorbereitet. Sandra starrt mich erschrocken an, ich habe Mühe, sie zu beruhigen und zu animieren weiterzutrinken. Wenigstens kann ich dabei auch selbst die Beherrschung wiedererlangen.
Natürlich ist es meiner Mutter nicht entgangen, was sie ausgelöst hat. Sie ist aber feinfühlig genug, nicht weiter darauf einzugehen.
Wir schweigen, bis mein Vater mit dem Kaffee kommt. Und danach schweigen wir auch, ich mit Tochter auf der Couch und umrahmt von meinen Eltern. Ein ganz, ganz seltsames Gefühl.
Erst als Sandra fertig ist und ich meine Kleidung wieder gerichtet habe, reicht mir mein Vater den Kaffee, den ich gierig trinke. Mir fällt plötzlich der Whisky ein, aber nun ist es zu spät.
„War deine Reise erfolgreich?“, erkundigt sich mein Vater.
„Oh ja, das war sie.“
„Du warst aber nicht auf Geschäftsreise.“ Keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Wie man es nimmt.“ Meine Tochter steht auf meinen Beinen und lacht mich an. Ich bin erst einmal damit beschäftigt, in einen Lachwettstreit mit ihr zu treten. Danach fahre ich fort. „Ich war im Irak.“
„Im Irak?“, wiederholt meine Mutter. „Was hast du denn da gemacht?“
„Eine Störung des Gleichgewichts beseitigt.“
Mein Vater versteht schneller, aber dann gefriert auch der Gesichtsausdruck meiner Mutter. „Aber … ist das nicht gefährlich?“
„Ich wurde hingerichtet mit zwei Kopfschüssen“, erwidere ich in einer Tonlage, als würde ich über Kuchenessen sprechen, denn Sandra untersucht gerade meine Stirn und den Haaransatz. Letzteres ist etwas schmerzhaft. „Junge Dame! Das sind meine Haare! – Dadurch kam ich an … mein Zielobjekt dran. Er wird sich von den Kopfschüssen nicht erholen.“
„Du hast … du hast …“
„Barbara!“, unterbricht sie mein Vater freundlich, aber nachdrücklich.
„Schon gut. Ich war nur … bin … etwas geschockt.“
„Man muss sich erst daran gewöhnen, dass unsere Tochter als Racheengel unterwegs ist und Menschen im Auftrag Gottes tötet“, bemerkt mein Vater.
„Mit Rache hat das nichts zu tun“, entgegne ich, Sandra sanft davon überzeugend, dass es wirklich, wirklich meine Haare sind. „Und auch nicht im Auftrag Gottes. Gott ist es scheißegal, was wir hier so treiben.“
„Red doch nicht so über Gott“, sagt meine Mutter entsetzt.
„Warum denn nicht? Es ist die Wahrheit. Gott hat seine Hausmeistergilde, die sind für Ordnung zuständig. Und der hiesige Hausmeister hat unter anderem mich auserkoren.“
„Wenn das die Menschen erfahren würden, dann brächen sofort alle Religionen zusammen und Frieden kehrte ein.“
Ich starre meinen Vater entgeistert an. „Wieso sollten sie das glauben? Sie glauben ja nicht einmal viel leichter zu verdauende Sachen, zum Beispiel die einfache Tatsache, dass jeder Mensch selbst denken darf.“
„Das ist zynisch“, stellt meine Mutter fest.
„Ach was. Ich und zynisch?“ Ich setze Sandra auf meinen Schoß, so kommt sie nicht an meine Haare dran. Komisch, wie weh das tun kann, wenn so ein Kind an den Haaren zerrt. Einer Fortsetzung der lästigen Diskussion entgehe ich zum Glück, Danny und, mit etwas Verspätung, James stürmen das Wohnzimmer. Ich bringe Sandra vor Danny in Sicherheit und kriege dafür die Zungenküsse ab. Zum Ausgleich auch den Kuss von James. Einen Kuss. Einen zweiten bekommt Sandra.
„Bleibt ihr zum Abendessen?“, erkundigt sich mein Vater.
„Nein, heute nicht. Vielleicht morgen?“, schlage ich vor, bevor mein geliebter Ehemann reagieren kann.
„In Ordnung, morgen bei uns. Gegen acht?“
Wir einigen uns auf acht Uhr, dann gehen wir rüber in unser Heim. Während James ein kleines Abendessen zubereitet, bade ich Sandra und bringe sie danach ins Bett.
Ich ziehe mich aus, stopfe alles in die Schmutzwäsche und streife ein T-Shirt über. James zieht kurz eine Augenbraue hoch, als er das sieht, enthält sich aber eines Kommentars.
Beim Abendessen schweigen wir uns an. Ab und zu mustert James mich und sieht fast so aus, als wollte er was sagen. Aber nur fast. Ich setze mich danach auf die Couch und mache den Fernseher an. James kommt einige Minuten später mit einer Flasche Wein nach, öffnet sie routiniert, schenkt in zwei Gläser ein und reicht mir eins, während er sich neben mich setzt.
„Wie war dein Auftrag?“
„Es war kein Auftrag. Ich habe selbst entschieden, den Kerl zu töten.“
„Dann: Wie war deine Entscheidung?“
Ich betrachte ihn nachdenklich. Da sitze ich im kurzen T-Shirt, die nackten Beine angewinkelt hochgezogen, und der Kerl sitzt völlig ungerührt neben mir.
„Blutig“, erwidere ich knapp.
„Also wie üblich.“
„Jaaames …“
„Auf jeden Fall.“ Damit bringt er mich zum Lachen, und das weiß er auch genau. Ich proste ihm zu und trinke mein Glas leer. „Das ist Rotwein aus Frankreich!“, ruft er entgeistert.
„Jetzt nicht mehr. Jetzt ist er Rotwein auf dem Weg in meinen Bauch. Hier, schau.“ Ich ziehe mein T-Shirt bis zum Kinn hoch und zeige mit dem Finger, wo der Wein hinunterläuft. Seine Reaktion würde jeder Steinstatue Ehre machen.
„James, was ist los?“
„Im Moment nichts.“
„Ja, das sehe ich auch. Aber was ist der Grund?“
„Lass uns fernsehen.“
„James!“ Ich springe wütend auf und stelle mich zwischen ihn und den Fernseher. „Das ist nicht dein Ernst? Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wann wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben?“
„Ist eine Weile her. Schatz, meinst du, ich kriege einen hoch, wenn du mich so anschnauzt?“
„Dann sag mir wenigstens, warum du keinen hochkriegst!“
„Ich weiß es nicht. Postnatale Depression.“
„Was? Das kriegen die Frauen!“
„Ich habe es für dich übernommen.“
„Okay, du bist also nicht gewillt, dich ernsthaft darüber zu unterhalten?“
„Nicht weniger als du.“
„Wie? Was?“
„Du findest, das, was du tust, kann man als ernsthafte Absicht bezeichnen?“
„Das ist ja wohl die Höhe! Ich habe dich ganz normal gefragt, was los ist! Erst als du daraufhin fernsehen wolltest, wurde ich laut!“
„Warum eigentlich?“
Ich bekomme Schnappatmung und habe Schwierigkeiten, überhaupt die passenden Worte zu finden. „Das fragst du noch? Verdammt nochmal, Sandra ist 8 Monate alt, und seit 8 Monaten hatten wir keinen Sex mehr!“
„Du warst ja auch entweder mit ihr beschäftigt oder in göttlicher Mission unterwegs.“
Ich starre ihn völlig entgeistert an. „Was?“
„Schatz, diese Diskussion ist müßig.“
„Was? Äh … Bin ich im falschen Film, oder was? Du hast mir nicht grad ernsthaft vorgeworfen, dass ich mich um unsere Tochter kümmere?“
„Das war kein Vorwurf, lediglich eine Feststellung. Und außerdem solltest du vielleicht …“
„Sag mal, spinnst du jetzt völlig?!“, brülle ich los.
„… nicht so rumschreien, du weckst das Kind.“ Womit er recht hat.
Ich atme ein paarmal tief durch, dann gehe ich nach oben und nehme Sandra auf den Arm. Sie weint ziemlich heftig und ich brauche lange, um sie wieder zu beruhigen.
Nachdem ich Sandra abgelegt und zugedeckt habe, gehe ich langsam zur Treppe. Göttliche Mission? Was fällt dem Kerl eigentlich ein?
Der Kerl steht an der Bar und trinkt etwas, vermutlich Whisky. Er sieht mich nachdenklich an, als ich ins Wohnzimmer komme.
„Sie schläft.“
James nickt.
Ich gehe zu ihm. „Hör zu, es tut mir leid, dass ich grad so ausgeflippt bin.“
Erneutes Nicken. „Ich war wohl nicht sehr … kooperativ.“
„Ach was. Du wolltest halt fernsehen.“
Ein Grinsen. Tatsächlich! Ein. Grinsen!
Ich lege die Hände auf seine breite Brust. „James, ich liebe dich. Ich … Verdammt, in göttlicher Mission?“
Grinsen wird breiter. Unglaublich.
„Tut mir leid, ich wollte dich damit nicht verletzen.“
„Es geht um das Gleichgewicht.“
„Ja, ich weiß. Ich hoffe, ich störe dein Gleichgewicht nicht, sonst wird mein Leben doch recht kurz.“
„James? Wenn du glaubst, …“
„Das war ein Scherz.“
Ich atme tief durch. „Kannst du die bitte ankündigen, deine Scherze? Du bringst nämlich mein psychisches Gleichgewicht durcheinander. Dafür gibt es nicht den Tod, aber … Und außerdem, wenn schon Mission, dann Fiona Mission.“
„Oje.“
„Ich hör schon auf damit. Gehen wir ins Bett?“
Das dritte Nicken. Unfassbar.
Während James das Badezimmer oben nimmt, gehe ich in das untere. Beim Zähneputzen mustere ich mein Gesicht. Es ist immer noch das Gesicht einer 27jährigen Mutter, trotzdem hat sich etwas verändert. Die Augen. Es ist eine alte Frau, die mich aus diesen Augen anstarrt.
An diesem Abend schlafen James und ich das erste Mal nach acht Monaten wieder miteinander.

Pünktlich wie die Geldeintreiber stehen wir bei meinen Eltern auf der Matte. Die ganze Meute. Und nachdem die Tür aufgegangen ist, schießt Danny an Nicholas vorbei. Wir finden ihn vor meiner Mutter sitzend wieder, genüsslich die Reste der Reste kauend.
„Ich verstehe echt nicht, wieso er noch nicht rollen kann“, bemerke ich grinsend.
„Danny arbeitet hart, da kann nichts ansetzen“, erklärt meine Mutter. „Gib mir mal das Kind.“
„Hier. Aber gib ihm keinen Kaffee.“ Ich gehe an die Hausbar und schenke James und mir Whisky ein.
„Wieso darf sie heute keinen Kaffee haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Wie, was?“
„Dass ich das mal erlebe, ich habe es geschafft, dich reinzulegen!“
„Gar nicht wahr“, murmele ich. „Ich wollte dir nur eine Freude machen …“
Klugerweise geht meine Mutter darauf nicht weiter ein, sondern bittet uns zu Tisch. Sandra behält sie, was dem Töchterchen offensichtlich gefällt. Schon erstaunlich, wie genau sie schon mit ihren acht Monaten erkennt, wo es die größten Kuchenstücke gibt. Und Pommes.
Nach dem Essen gehe ich nach draußen, um zu rauchen. Während meine Mutter sich um Sandra kümmert, unterhalten sich die Männer über Politik. Ich muss innerlich schmunzeln, wie wenig das Bild der Realität entspricht. Durch meine Arbeit als CEO und als Kriegerin ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich mehr darüber weiß, was in dieser Stadt passiert, als die beiden. Aber sie sind halt alte Männer und brauchen das.
Ich werde allerdings hellhörig, als ich einen mir unbekannten Namen höre. Mein Vater erzählt von einem Präsidentschaftskandidaten, der wie aus dem Nichts aufgetaucht sei. Wieso weiß ich nichts davon? Wie kann jemand für das Amt des Präsidenten kandidieren und ich kenne nicht einmal seinen Namen?
Ich drücke die Zigarette aus und gehe rein.
„Ich habe James gerade von Frost erzählt“, sagt mein Vater.
„Ich habe es gehört. Und wieso weiß ich nichts über den?“
„Vielleicht will er nicht als Ungleichgewicht gelten“, sagt James grinsend.
„Blödmann. Wann hast du das erste Mal von dem gehört, Papa?“
„Das ist gar nicht so lange her. Beim Tennis erzählte mir ein befreundeter Journalist von ihm, da war es ziemlich neu.“
„Hm. Da bin ich ein paar Tage im Irak und schon haben wir einen neuen Kandidaten? Findet ihr das normal?“
„Es ist durchaus seltsam“, gibt James zu. „Was weiß man denn über ihn?“
„Er heißt Deal B. Frost“, antwortet mein Vater.
„Das ist alles?“
„Im Wesentlichen. Morgen soll es eine große Pressekonferenz geben, dann will er sich vorstellen.“
„Hm. Sehr ungewöhnlich.“
„Da gebe ich dir recht“, sagt mein Vater. „Aber es könnte sich auch einfach nur um sehr gutes Marketing handeln.“
„Die Aufmerksamkeit dürfte er sich gesichert haben, ja.“
Ich mache eine Notiz in meinem Handy, dass ich mir diesen Frost mal anschaue. Ich kann es förmlich riechen, da stimmt etwas nicht. Ob es eine Sache für Krieger ist, das muss sich allerdings erst noch zeigen.
Ich friere.

Ich frage mich zum tausendsten Mal, warum ich das alles eigentlich tue, während ich von meinem Sitzplatz auf dem Gehweg neben dem kleinen Café in Downhill den Logan-Tower betrachte. Es ist Spätnachmittag. Feierabend. Die Leute aus dem Tower gehen alle nach Hause oder ins Fitness-Center oder ins Kino, vielleicht auch erst shoppen, oder zum Chinesen essen … Und ich sitze hier und starre das Gebäude an.
Ich führe langsam die Tasse mit dem Cappuccino an den Mund und nippe am Schaum. Mit der Zunge wische ich ihn dann von meiner Oberlippe.
Der Tower wird bewacht. Mich interessiert in erster Linie das zweistöckige Penthouse ganz oben, das von Frost bewohnt wird. Unauffällig komme ich durch das Gebäude da nicht rein, so viel habe ich schon herausgefunden. Selbst von hier unten ist zu erkennen, dass das Penthouse nach innen versetzt gebaut wurde, und das Geländer, das um das Dach herum verläuft, lässt vermuten, dass da eine Terrasse ist.
Vernünftig wäre es, einfach nach einem Termin bei Frost zu fragen.
Aber erstens hasse ich vernünftige Lösungen, und zweitens sagt mir mein Gefühl, dass ich Frost keine Gelegenheit geben sollte, sich auf meinen Besuch vorzubereiten.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Es ist frühlingshaft kühl, vor allem hier in der Straßenschlucht. Aber drinnen herrscht Rauchverbot, ganz abgesehen von der fehlenden Aussicht. Und da ich hier draußen eh auch von den Autoabgasen vergiftet werde, stört sich niemand daran, dass ich rauche.
Alle Gebäude um den Tower herum sind niedriger. Aber eins davon hört nur zwei Etagen unterhalb der Terrasse des Penthouses auf. Für mich kein Problem. Allerdings sollte ich warten, bis es dunkel geworden ist. Frost ist noch bis Mitternacht auf der Pressekonferenz. Was nicht heißt, dass sein Penthouse unbewacht ist.

Ich fahre nach Hause und mache Abendessen. Danach hole ich Sandra und Danny ab und komme gleichzeitig mit James an der Haustür an. Fast dunkel. Beim Abendessen erzähle ich James, was ich vorhabe.
Er mustert mich nachdenklich.
„Was denn?“
„Nichts. Eigentlich nichts. Ich hatte die Frage auf der Zunge, warum du das machst, aber mir fiel dann ein, dass deine Intuition immer recht behält. Also sag ich lieber nichts.“
„Ich wüsste eh keine gute Antwort. Ich weiß nur, dass ich ein beschissenes Gefühl habe, wenn ich an diesen Kerl denke. Alles an dem ist seltsam, und ich verstehe nicht, wieso das niemand merkt.“
„Was sollte denn wer tun? Ich meine, du tust doch was. Und vielleicht sind auch andere aktiv, werden das aber wohl kaum öffentlich tun.“
„Deine ehemaligen Kollegen? Ja, gut möglich.“ Ich betrachte lächelnd Sandra, die das Essen von ihrem Teller entfernt hat. Überallhin. Außer in ihren Mund. Eigentlich bin ich doof, ihr überhaupt etwas zu geben, nachdem sie den ganzen Tag bei meinen Eltern verbracht hat. Sie kann einfach keinen Hunger haben, mindestens bis morgen Abend.
„Du siehst müde aus“, stellt James fest.
„Ich bin auch müde. Was gar nicht sein dürfte.“
„Die Müdigkeit hat nichts mit deinem Körper zu tun.“ Der oberschlaue James. Ich schenke auch ihm ein Lächeln.
„Ist mir auch klar, mein Lieber. Vielleicht passiert das irgendwann, wenn man ständig tötet.“
„Oh. Hast du so viel getötet?“
„Zu viel. Zumindest habe ich manchmal das Gefühl. Dabei sind es keine, die es nicht herausgefordert hätten. Na ja, Jammern auf hohem Niveau.“
„Willst du kein Engel mehr sein?“ James grinst.
„Ich? Engel?“ Ich zeige ihm, wie ich ein Engel sein will. Allerdings erst, nachdem wir Sandra gebadet und ins Bett gebracht haben.

Danach geht James an seinen Computer, ich arbeiten. Passend angezogen fahre ich wieder nach Downhill und parke den Wagen in einer dunklen Seitenstraße. In dem Haus neben dem Tower befinden sich Luxusappartements. Ich drücke wahllos mehrere Klingeln und habe Glück, denn der Summer ertönt. Nach kurzem Überlegen nehme ich die Treppe statt des Aufzugs. Keuchend komme ich oben an. 30 Stockwerke merke selbst ich mit meiner Kondition.
Vom Dach aus erkunde ich die Umgebung und die Möglichkeiten, auf die Terrasse des Penthouses zu gelangen. Springen ist eine echte Alternative. Es sind etwa zehn Höhenmeter, für mich kein Problem, für normale Menschen ohne Hilfsmittel unüberwindbar.
Ich ziehe Handschuhe an, denn es ist nicht nötig, dass Ben mich wegen Einbruchs verhaften muss. Kurz denke ich darüber nach, wie wahrscheinlich eine Kameraüberwachung der Terrasse sein dürfte. Sehr wahrscheinlich. Also streife ich die Kapuze über und ziehe sie tief ins Gesicht.
Die Terrasse ist mit glatten Fliesen ausgelegt, das Penthouse völlig dunkel. Niemand da. Oder gut getarnt. Ich gehe einmal ganz herum, finde die hochwertigen Terrassenmöbel aus Teakholz, aber keine Möglichkeit, ohne Gewaltanwendung nach drinnen zu gelangen.
Ich denke nach. Genaugenommen gibt es keinen rationalen Grund für das, was ich hier tue. Ich sollte einfach wieder nach Hause fahren. Politik zu machen ist weder verboten noch strafbar, leider. Jedenfalls aus der Perspektive des Gleichgewichts habe ich keine Veranlassung, mich mit Frost zu befassen. Dennoch, da ist dieses bohrende Gefühl irgendwo tief im Bauch, tief in den Eingeweiden, das mir keine Ruhe lässt.
Etwas stimmt nicht.
Es ist nicht so offensichtlich wie katzenjagende Mäuse, aber ich spüre es trotzdem deutlich. Ich beschließe, meine recht rudimentären magischen Fähigkeiten einzusetzen, um die Tür zerstörungsfrei zu öffnen. Zumindest will ich es versuchen. Wenn es nicht klappt, wäre dies halt das Zeichen dafür, dass ich wieder nach Hause fahren kann.
Dann wird mir klar, wieso es keine Überwachungskameras gibt, wieso kein Alarm losging – und wieso mein Bauch sich so eindrücklich gemeldet hat.
Das Wesen ist plötzlich da. Das ist erschreckend, denn selbst wenn ich beschäftigt und abgelenkt bin, so bekomme ich dennoch mittlerweile ziemlich gut mit, was um mich herum geschieht. Doch dieses in einen dunklen Umhang gehüllte Wesen schafft es, mich zu überraschen. Genau wie der Dämon damals vor Nasnats Haus.
Als das Wesen sich nähert, erkenne ich, dass es nicht derselbe Dämon ist. Er ist kleiner und wirkt dennoch bedrohlicher. Eine beängstigend starke Aura umgibt ihn.
„Womit bezahlt Frost einen Dämon?“, erkundige ich mich, gleichzeitig meine Hände zu Fäusten spannend.
„Die falsche Frage“, erwidert er mit einer derart tiefen Stimme, dass ich Mühe habe, die einzelnen Wörter zu verstehen.
„Was ist denn die richtige?“
„Du darfst sie aus der Antwort erraten.“ Und die kommt sofort. Schraubstockartig schließen sich seine Finger, oder was auch immer er dahat, um meinen Hals und heben mich mühelos in die Höhe. Ich packe seinen Unterarm und stelle erschrocken fest, dass er sich wie aus Stahl anfühlt. Sein harter Griff lässt mein Genick knacken. Ich sollte ziemlich schnell etwas tun, was mich aus dieser äußerst misslichen Lage befreit.
Ich trete fest dorthin, wo Menschen und ähnliche Wesen empfindliche Stellen zu haben pflegen. Dieses hier zuckt sogar zusammen und drückt dann noch fester zu. Ich brauche ganz dringend eine sehr gute Lösung.
Ich ziehe beide Beine hoch und stemme sie gegen seinen Brustkorb. Nicht einmal ein Flusspferd könnte davon unbeeindruckt bleiben, ich bin schließlich eine Kriegerin. Tatsächlich schaffe ich es, seinen Arm länger werden zu lassen.
Doch die Freude währt nicht lange, denn plötzlich fährt er herum und schleudert mich gegen die gepanzerte Glaswand des Penthouses. Die Begegnung ist laut und ziemlich schmerzhaft. Wenn alle Knochen heil geblieben sind, dann habe ich riesiges Glück gehabt.
Der Dämon gönnt mir nicht einmal so viel Zeit, dass ich herausfinden kann, ob ich überhaupt noch lebe, und reißt mich wieder am Hals in die Höhe.
„Verabschiede dich“, sagt er.
„Fick dich!“, presse ich zwischen seinen Klauen hervor. „Ich bin eine Kriegerin, ich komme wieder!“
„Nicht, wenn ich dich endgültig töte“, erwidert das Ding und ich höre so was wie Belustigung aus dem tiefen Brummen heraus.
„Du hältst dich wohl für Gott …“
„Kleines Mädchen, wie ahnungslos du doch eigentlich bist.“
Ich mag keine Beleidigungen. Und als kleines Mädchen bezeichnet zu werden, ist so ziemlich die schlimmste Beleidigung, die man mir antun kann. Wutentbrannt beginne ich ihn zu schlagen und zu treten und zu kratzen, doch genauso könnte ich irgendeine Statue schlagen und treten und kratzen.
Bis ihn ein Tornado von der Seite einfach umweht. Und mich mit. Ich lande hart und schlage mit dem Kopf gegen die Fliesen, was ziemlich schmerzhaft ist. Ich schmecke Blut und finde, dass es einfach keinen Sinn hat.
Ich schließe die Augen.
Genieße die Stille, die nicht lange währt. Schritte nähern sich. Der Dämon kommt also, um sein Werk zu vollenden. Was ihn auch umgeweht haben mag, so mächtig, wie der Dämon ist, wird niemand, den ich kenne, mit ihm fertig.
„Fiona!“
Ich reiße die Augen auf und starre die Frau an, die sich über mich beugt.
„Katharina!“
Sie atmet laut aus und lässt sich neben mich sinken. „Jetzt bin ich ganz schön erleichtert.“
„Katharina?“
„Du hast ganz schön Glück gehabt, dass ich im richtigen Moment ankam.“
Ich sehe sie an. Sie ist es wirklich. Katharina. Die Frau, die ich mehr liebe als alles andere auf der Welt. Sie sitzt neben mir, ganz nah, und eigentlich doch unerreichbar weit weg.
„Wieso … wieso bist du überhaupt hier?“
„Und du?“
Eine gute Frage. Ich setze mich langsam auf, eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Vielleicht sind doch einige Knochen gebrochen. Ich habe immer noch den Geschmack von Salz und Eisen im Mund.
„Ich wollte mir Frost ansehen.“
Katharina nickt. „Ich auch.“
„Du auch? Warum?“
Sie schaut mich an, wie ich sonst jemanden anschaue, mit dem ich Mitleid habe aufgrund seiner eingeschränkten geistigen Fähigkeiten. „Weil ich ihn bewundere. Und ich glaube, du hast eine Gehirnerschütterung. Kann das sein?“
Ich betaste meinen malträtierten Kopf und stelle dabei fest, dass in meinem Gesicht jede Menge Blut verteilt ist. „Nein, glaube ich nicht. Es hat zwar ordentlich gekracht, aber ich kann noch geradeaus denken.“
„Geradeaus denken?“ Katharina lacht. „Du hast immer noch eine manchmal herrlich schräge Ausdrucksweise.“
„Die stirbt zuletzt. – Mal ehrlich, warum wolltest du dir Frost anschauen?“
„Ich will es immer noch, Schätzchen. Vermutlich aus demselben Grund wie du. Da taucht ein Präsidentschaftskandidat aus heiterem Himmel auf und tut so, als wäre das völlig normal. Soweit ich mitbekommen habe, stellt er das als Marketinggag dar.“
„Du warst auf der Pressekonferenz?“
„Die läuft noch. Ich habe meine Leute da, die mich informieren.“
„Ach ja, ich vergaß.“ Ich erhebe mich stöhnend.
„Wo willst du hin?“, erkundigt sich Katharina und steht ebenfalls auf.
„Keine Ahnung. Irgendwohin. Sag mal, kanntest du den Typen eigentlich?“
Ihr Gesichtsausdruck verdüstert sich. „Oh ja. Das war Sorned, ein Krumana-Dämon.“
„Was für ein Hasta Mañana?“
„Krumana. Weder Hasta Mañana noch Cro-Magnon, obwohl Letzteres eher passen würde. Krumana war ein mächtiger Zauberer, der vor ungefähr 12.000 Jahren gelebt und gewirkt hat. Er erschuf eine ganze Armee von sehr starken Kampfdämonen, die Krumana-Dämonen. Die meisten von ihnen existieren nicht mehr. Sorned ist einer von ihnen. Und er kann unangenehm werden.“
„Das hast du nett ausgedrückt. Meine Tritte haben ihn weniger beeindruckt als mich Mückenstiche!“
„Wie ich schon sagte, sehr starke Kampfdämonen.“
„Woher kennst du ihn überhaupt?“
Katharinas Mundwinkel zuckt. Ein verräterisches Zeichen.
„Ein Geheimnis?“
Sie winkt ab. „Wir hatten mal … eine Beziehung.“
„Was?“ Ich starre sie entgeistert an. „Du? Mit? Diesem? Ding?“
„Lange her“, sagt sie seufzend. „Außerdem kann er auch nett sein. Manchmal zumindest. Und auch nicht zu allen.“
„Wo ist er eigentlich?“
„Fort. Als er mich erkannt hat, ist er abgehauen. Zum Glück, denn ich weiß nicht, ob ich mit ihm fertiggeworden wäre.“
„Okay. Katharina, es hat sich eine Menge geändert. Ich weiß jetzt viel mehr, was es bedeutet, eine Kriegerin zu sein. Ich bin inzwischen oft gestorben und ich mache Dinge, die ich mir früher nicht einmal in meinen wildesten Träumen hätte vorstellen können. Dieser Dämon hat mich geschockt, denn er holte mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe ernsthaft geglaubt, dass ich mächtig genug bin, zumindest chancengleich mit anderen, magischen Wesen zu sein.“
„Bist du ja auch.“
„Klar. Ich habe das grad bloß geträumt.“
„Sorned ist absolut kein Maßstab. Er wurde geschaffen, um zu vernichten.“
„Und Krieger wurden geschaffen, um das Gleichgewicht zu bewahren. Bisschen schwierig, wenn die Waage so sehr in die andere Richtung kippt.“
„Oh Lady, so kenne ich dich ja gar nicht.“
„Wie schon gesagt, es hat sich eine Menge geändert. Mich interessiert jetzt vor allem, wie wir diesen Wahnsinnigen stoppen können.“
„Ich habe das ja auch schon einmal geschafft. Gut, ich hatte dabei Hilfe von einer Hexe. Aber ich habe es geschafft. Er ist also nicht unbesiegbar.“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Wir haben ihn eingesperrt. Verbannt. In das Gefängnis des Vergessens.“
„Davon habe ich schon mal gehört“, bemerke ich. „Also schön. Du hast Sorned irgendwann mal sozusagen eingesperrt. Anscheinend hatte das Schloss dieses Gefängnisses aber ein Verfallsdatum.“
Ein angedeutetes Grinsen schleicht sich auf Katharinas Gesicht. „Deine Art, deinen Zynismus in die unmöglichsten Vergleiche zu packen, ist einfach herrlich. So wie es aussieht, hat ihn jemand befreit. Möglicherweise dient er diesem Jemand als Gegenleistung, was bedeutet, dieser Frost ist mehr als eigenartig.“
„Das ist er auf jeden Fall. Hast du eine Idee, wer es gewesen sein könnte?“
Sie schüttelt den Kopf. „Leider nein. Normalerweise würde ich jetzt Nasnat fragen, aber …“
„… aber den habe ich sozusagen aus der Stadt vertrieben“, ergänze ich verkniffen.
„So ungefähr.“
„Also, was jetzt?“
„Jetzt fragen wir halt jemand anderen.“
„Wen?“
„Das ist eine Überraschung. Fahren wir mit einem Auto oder mit beiden?“
„Mit beiden“, antworte ich nach kurzem Zögern. „Ich fahre dir hinterher.“
„In Ordnung. Wo stehst du?“
„Irgendwo da unten. Und du?“
„Ich auch“, erwidert sie mit einem leicht verkniffenen Lächeln. „Dann geh einfach vor, okay?“
Ich nicke. Es wird eh Zeit, hier zu verschwinden. Ich laufe los und springe mühelos nach unten, ohne mir etwas zu brechen. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es irgendwie schon auch Spaß macht, egal wie viel Scheiße dabei passiert.
Und ich bin mit Katharina zusammen.

Das Objekt meiner Begierde nutzt eine Parklücke, in die ihr Auto eigentlich gar nicht reinpassen dürfte. Aber Katharina schafft es wider die Natur, ihr Auto in diese Lücke zu manövrieren. Ich suche mir derweil grummelnd eine andere Parkgelegenheit und laufe die 50 Meter zurück zu ihr, nachdem ich im Auto halbwegs mein Gesicht wieder gesellschaftsfähig gemacht habe.
Sie wartet grinsend gegen ihren Ferrari gelehnt.
„Ein sehr unauffälliges Auto in dieser Gegend“, bemerke ich.
„Definitiv. Komm.“
„Wohin?“
Statt einer Antwort nimmt sie mich an der Hand, was meine Knie schlagartig weich werden lässt. Sehr weich. Ich erinnere mich daran, was diese Hand so alles mit mir anstellen kann. Verdammt, wieso bleibt sie dabei so unnahbar? Erinnert sie sich an gar nichts?
Zum Glück werde ich durch die Ereignisse abgelenkt. Katharina führt mich in eine Bar, über deren Eingangstür der Name “Cat´s Meow“ prangt. Entführt sie mich jetzt in eine Lesbenbar??
Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen, nachdem mir klar wird, dass es ein ganz normaler Pub ist. Mehr oder weniger normal. Es muss schließlich einen Grund dafür geben, warum Katharina mich ausgerechnet hierher geführt hat. Und irgendwann werde ich ihn auch erfahren. Vielleicht.
Katharina steuert zielgerichtet auf die Theke zu und schwingt sich auf einen der wenigen Hocker. Ich auf einen direkt daneben.
Dann mustere ich die Leute. Rechts von uns zwei Männer, denen ich nicht im Dunkeln begegnen wollen würde, wäre ich eine ganz normale Mutter mit kleinem Kind. Und der Rest der Gäste wirkt auch nicht vertrauenserweckender.
Am normalsten scheint mir noch die Barfrau zu sein.
„Was wollt ihr trinken?“, erkundigt sie sich.
„Hi Elaine“, sagt Katharina grinsend. „Ich liebe dich auch, aber das weißt du ja.“
Hä? Ich mustere die Braunhaarige, die ihre Augen verdreht. Katharina scheint Geheimnisse zu haben, von denen ich nicht sicher weiß, ob ich sie kennen möchte.
„So ganz sicher war ich mir dessen nicht“, erwidert Elaine. Eigentlich ist sie ziemlich hübsch, stelle ich fest. „Tut wenigstens so, als wolltet ihr was trinken.“
„Klar. Ich nehme einen Scotch.“
„Martini. Pur.“ Ich schenke der jungen Frau ein Lächeln. Sie mustert mich kurz, dann geht sie.
Ich beuge mich rüber zu Katharina. „Was wollen wir hier?“
„Das ist meine Schwester“, erklärt Katharina. „Sie kann uns vielleicht helfen.“
Es dauert einen Moment, bis ich schalte. „Deine Schwester? Aber … ich meine …“
„Meine Halbschwester, um genau zu sein. Selber Vater, unterschiedliche Mütter.“
„Oh.“ Das muss ich erst einmal verdauen. „Du hast Geschwister?“
„Auf jeden Fall eine Schwester, ja. Mein Vater war vermutlich nicht sparsam mit seinem Samen.“
Ich suche mit dem Blick Elaine. Sie unterhält sich mit einem Gast, scheint aber etwas zu spüren und schaut in meine Richtung. Sie deutet ein Lächeln an. Mit Katharina hat sie überhaupt keine Ähnlichkeit, dennoch spüre ich dieselbe Macht in ihr.
Ich wende mich wieder ab.
„Und wieso kann sie uns vielleicht helfen?“, erkundige ich mich.
„Na ja, wer weiß immer alles, abgesehen vom Postboten?“
„Friseure.“
„Stimmt, die auch.“ Sie lacht. „Und wer noch?“
„Priester!“
„Gut, sehr gut. Du machst es also spannend, liebe Fiona.“ Musste sie das jetzt sagen? Liebe Fiona? Wie hört sich das denn an? So nennt vielleicht eine Lehrerin die etwas minderbemittelte Schülerin. Verdammt!
„Fiona?“
„Ich … nicht so wichtig. Also schön, eine Frau, die eine Bar führt, noch dazu eine Art Hexe, oder meinetwegen ein Dämon, weiß auch ziemlich viel. Vielleicht sogar alles.“
Katharina mustert mich nachdenklich. Dann erwidert sie: „Genau. Elaine weiß alles. Was sie nicht weiß, weiß niemand.“
„Klingt doch super. Als Kriegerin kann ich dann die Liquidation von Frost beschließen.“
„Du willst ihn liquidieren? Warum?“
„Wie, warum? Sein Penthouse wird von einem Dingsbumskampfdämon bewacht.“
„Krumana-Dämon. Diese Tatsache allein stellt ja wohl kaum eine Störung des Gleichgewichts dar.“
„Aber die Idee dahinter mit hoher Wahrscheinlichkeit.“
„Mehr als eine Vermutung ist das aber nicht. Reicht dir das wirklich für eine solche Entscheidung?“
„Ich weiß es nicht.“ Elaine bringt uns die Getränke. Ich nehme mein Glas und spiele damit herum. Sie bleibt bei uns stehen. „Ihr wollt zu mir?“
„Überrascht dich das?“, erkundigt sich Katharina.
Elaine zuckt die Achseln. „So oft schaust du hier ja nicht vorbei.“
„Alle 10 Jahre, das ist nicht selten!“
Jetzt lacht sie, die Schwester. „Also gut, kommt, setzen wir uns da rüber, da haben wir etwas mehr Ruhe.“
Ich nehme mein Glas und folge den Schwestern in eine halbwegs stille Ecke mit Eckbank. Katharina setzt sich genau in die Ecke und schaut mich provozierend an. Ich beschließe, dass sie sich noch an alles erinnert und setze mich neben sie.
Elaine mustert mich neugierig. „Was läuft da zwischen euch?“
„Nichts. Wir sind befreundet, jagen böse Vampire, Werwölfe und Außerirdische gemeinsam und jetzt einen Dingsbumsdämon.“
„Krumana-Dämon“, sagt Katharina hilfsbereit.
„Meinetwegen. Das ist alles. Oder, Katharina?“
Ich halte den Atem an. Es ist, als hätte plötzlich jemand die Zeit angehalten. Langsam wende ich den Kopf Katharina zu, die meinen Blick düster erwidert. Dann nickt sie langsam. „Ja, das ist alles.“
„Zumindest beim Lügen seid ihr ein Team“, stellt Elaine grinsend fest. „Cheers!“
Ich nippe an meinem Martini. Hoffentlich ist sie einfach nur als Katharinas Schwester so mit deren Mimik vertraut, dass sie die Lüge sofort durchschaut. Ich möchte nicht, dass alle uns das sofort ansehen.
„Du könntest jeden Lügen-Detektor ersetzen, nicht wahr?“, bemerkt Katharina lächelnd. „Doch wir sind wegen einer anderen Fähigkeit von dir hier.“
„Ich habe keine Fähigkeiten“, erwidert Elaine.
„Nicht? Schwesterherz, ich liebe dich auch.“
„Ach, ist das so?“ Elaine beugt sich vor. „Katharina, ich betreibe hier eine Bar, weil ich meine Ruhe haben will.“
„Ach, ist das so? Ich kann mich noch erinnern, was du getan hast, als du wirklich deine Ruhe haben wolltest.“
Elaine kaut auf ihrer Unterlippe herum. „Also schön, vielleicht erfahre ich Manches. Aber ich halte mich aus allem raus. Ich habe viel zu viele sterben sehen.“
„Das geht nicht nur dir so. Fiona ist eine Kriegerin.“
„Ja, das spüre ich.“
„Und sie ist die mächtigste Kriegerin, der ich je begegnet bin.“
Elaine mustert mich nachdenklich. „Ja, das kann sein.“
„Vielleicht werden wir ihre Fähigkeiten brauchen, damit wir nicht noch viel mehr Wesen sterben sehen als jemals zuvor.“
Elaine und ich starren sie an. „Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“, erkundige ich mich.
„Nichts Konkretes. Nennt es Intuition. So vieles, was sich verändert hat. Der Krumana-Dämon ist nur eine Sache von vielen. Er dürfte nicht hier sein. Elaine, wenn du etwas weißt, solltest du es uns sagen.“
Elaine lehnt sich zurück. Ihre Hand spielt mit ihrem Glas. Dann schüttelt sie den Kopf. „Nein, mir ist nichts bekannt. Aber ich gebe dir recht, etwas liegt möglicherweise in der Luft. Und das Auftauchen eines Krumana-Dämons ist definitiv ein schlechtes Zeichen. Alles, was in letzter Zeit ungewöhnlich war, ist eine Werwolf-Gruppe, die immer stärker wird.“
„Werwolf-Gruppe?“, wiederhole ich.
Elaine lächelt. „Nazis.“
„Oh. Die sind fast so schlimm wie echte Werwölfe.“
„Schlimmer. Werwölfe handeln intuitiv, fast instinktiv. Nazis sind einfach nur böse.“
„Böse? Ein Dämon sagt, Nazis sind böse? Entschuldige, ich will nicht darauf anspielen, dass du ein Dämon bist, das weiß ich besser. Aber hast du nicht ganz andere Dinge gesehen als Nazis, die man böse nennen könnte? Falls es so was wie Gut und Böse gäbe?“
„Wenig von dem, was ich gesehen habe, kann es mit den Nazis aufnehmen“, erwidert Elaine. „Ich habe die gesamte Nazizeit erlebt, ich ging nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, der Liebe wegen. Ich habe erlebt, wie eine Familie an dieser Last kaputtging. Und ich habe gesehen, wie Geschwister sich gegenseitig töteten, indem sie sich verrieten. Natürlich sind nicht die Nazis selbst böse, es sind Menschen wie wir alle. Ihre Gefühle werden dunkel und lassen sie Dinge machen, die böse sind. Sehr böse. Und ja, ich weiß, es gibt keinen Gott und der Teufel ist nur ein armer Irrer, der glaubt, den Statthalter ärgern zu müssen. Aber auch diese Scheißwelt, in der wir verkörperlicht leben, ist ein Teil der Welt, mit allem, was dazu gehört. Und glaub mir, Moral ist keine Erfindung der Gefrorenen Welt. Ganz im Gegenteil.“
„Wow“, sagt Katharina nur.
„Ich weiß von alldem noch nicht wirklich viel“, sage ich langsam. „Und Moral ist mir sogar sehr wichtig …“
„Wie wahr“, stellt Katharina fest.
„… aber glaubst du wirklich, die Nazis haben noch die Macht, die Welt erneut in Dunkelheit zu stürzen?“
„Oh ja“, erwidert Elaine düster. „Doch du hast wohl recht, das ist nichts, was eine Kriegerin richten muss.“
„Kommt darauf an.“ Ich lehne mich gegen die Wand hinter mir und trinke mein Glas leer. „Doch im Moment interessiert mich tatsächlich ein Dingsbumsdämon mehr. Ja, ich weiß, Krumana-Dämon.“
Katharina applaudiert.
„Das verstehe ich.“ Elaine nickt. „Aber da kann ich euch nicht helfen.“
„Schade. Sagst du uns Bescheid, wenn du was hörst?“
„Klar.“
„Gut. Ich könnte Ben wegen der Werwölfe ansprechen. Er ist Lieutenant bei der Polizei. Ich vertraue ihm.“
„Eine gute Idee. Wenn du willst, kannst du ihn zu mir schicken. Allein. Ich habe mich daran gewöhnt, nicht auf der Flucht zu sein.“
„Sicher. Er weiß übrigens, was ich bin. Wir … wir hatten einige gemeinsame Erlebnisse.“
„Ach?“ Katharina schaut mich fragend an.
„Erzähle ich dir bei Gelegenheit. Was schulde ich dir für die Drinks, Elaine?“
„Nichts. Geht aufs Haus.“
„Danke. Bleibst du noch, Katharina?“
Sie nickt. „Das heißt, nur wenn Elaine nicht zu beschäftigt ist. Willst du den Dämon suchen?“
„Ja, aber nicht heute. Oder meinst du, es ist so dringend?“
Katharina schüttelt den Kopf. „Heute würden wir ihn eh nicht mehr finden. Und du brauchst vermutlich etwas Pflege.“
„Vor allem seelische“, erwidere ich finster.
„Gut. Treffen wir uns morgen, um Mitternacht? Wir könnten ein paar Orte abklappern, wo sich ein Dämon aufhalten könnte.“
„Okay. Holst du mich ab?“
Sie lächelt ansatzweise. „Sicher. Bis morgen, Fiona.“
Ich winke ihnen zu. Im Auto verliere ich die Beherrschung und heule mich aus. Es kostet mich mehr als ein Papiertuch, bis ich wieder halbwegs wie ein Mensch aussehe.
Diese verfluchten Gefühle. Wie ich sie hasse!

James’ Augen sind offen. Ich schenke ihm ein Lächeln. Das Pochen in meiner Muschi lässt nach. Ich lasse mich auf seine Brust sinken und vergrabe das Gesicht in seiner Halsbeuge.
„Das macht doch sicher mehr Spaß, als nächtelang einen Dämon zu suchen“, bemerkt James träge.
„Du Idiot!“, erwidere ich lachend. „Natürlich macht es mehr Spaß! Und es gibt ein Erfolgserlebnis!“
Seine Hand fährt durch meine Haare. „Warum ist euch dieser Dämon so wichtig?“
„Schon allein die Tatsache, dass er in unserer Welt rumstreift, macht ihn verdächtig. Er wurde vor 10.000 Jahren von einem Zauberer erschaffen, um zu zerstören.“
„Und wenn ihr ihn findet? Er scheint ziemlich stark zu sein.“
„Katharina hat ihn schon einmal stillgelegt.“
„Stillgelegt.“ Ich höre James schmunzeln. „Hast du nicht erzählt, sie hatte Hilfe von einer Hexe?“
„Und was bin ich?“
„Ach so. Das wusste ich nicht. Erklärt aber so Manches.“
„Mein Lieber, herzlichen Glückwunsch. Du hast dich soeben von einem Idioten zu einem Arschloch befördert.“
„Wusstest du denn gar nicht, dass ich so karrieregeil bin?“
„Ich habe es befürchtet …“
Sein leises Lachen weht durch meine Haare. „Ich glaube, es ist mir fast lieber, wenn du im Irak religiöse Fanatiker killst.“
„Hast du auch dieses Gefühl, dass irgendwas passieren wird?“
James erstarrt. Nur kurz. Ich richte mich auf und sehe ihn fragend an.
„Du auch?“, erkundigt er sich.
Ich nicke. „Und nicht nur ich.“
In dieser Nacht schlafe ich unruhig, ohne mich an meine Träume zu erinnern. Am nächsten Morgen nimmt James Sandra mit, er hat nur zwei Besichtigungstermine. Nachdem sie aus dem Haus sind, ziehe ich mich an, bringe Danny zu meinen Eltern und fahre ins Büro.
Alle wirken nervös. Oder bin nur ich es und meine Wahrnehmung verzerrt? Ich weiß es nicht, aber ich spüre deutlich meine Unruhe und meine Schwierigkeit, mich zu konzentrieren. Als ich zwischendurch Kaffee hole, sagt Monica, wie furchtbar es sei.
„Was denn?“, erkundige ich mich.
„Das mit den beiden Polizisten. Sie wurden tot aufgefunden. Erschossen, im eigenen Wagen.“
„Oh, das wusste ich gar nicht. Haben sie die Täter schon?“
„Nein, und offiziell auch keine Spur. Wirst du nicht bei Ben nachfragen? Was ist das für eine Welt, in der schon Polizisten einfach abgeknallt werden?“
„Eine böse“, erwidere ich und gehe in mein Büro. Meine Unruhe hat neue Nahrung erhalten. Vor zwei Tagen hatte ich Ben von den Werwölfen erzählt und er versprach, dem nachzugehen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nazigruppe und den toten Polizisten gibt.
Ich erschaudere unwillkürlich.
Ich lenke mich mit Arbeit ab. Zwischendurch schweifen meine Gedanken zu den letzten Nächten ab, in denen ich gemeinsam mit Katharina auf der Suche nach dem Krumana-Dämon durch die Stadt gestreift bin. Natürlich ohne Erfolg.
Außer, dass ich jedes Mal danach das Höschen wechseln musste.
Verdammte Scheiße.
Die Erinnerung an den Duft von Katharina wird wieder lebendig. Ihre Nähe machte mich beinahe wahnsinnig. Noch mehr als die Tatsache, dass sie mit keiner einzigen Silbe darüber sprach. Nicht der Hauch einer Andeutung. Sie kann es doch nicht vergessen haben!
Missmutig blicke ich auf den Monitor meines Laptops, als ein leiser Ton die Ankunft einer neuen Mail ankündigt.
Dann erstarre ich.
Lange dauert meine Erstarrung nicht. Hektisch hole ich mein Handy hervor und wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Wo seid ihr? Ist Sandra bei dir?“
„Ja, ich habe sie auf dem Arm. Willst du sie sprechen?“
„Wo seid ihr?“
„Auf einer Besichtigung. Wieso?“
„Ich werde gleich Ben bitten, euch von der Polizei abholen und nach Hause fahren zu lassen. Dazu brauche ich die Adresse.“
Ich notiere mir Straße und Hausnummer. Eine halbe Stunde von zu Hause, bei normaler Fahrweise. Und ganz weit weg vom Büro. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum.
„Fiona! Was ist los?“
Ich schrecke zusammen. „Sorry … Ich habe grad eine Mail bekommen. Der Tod der Polizisten sei erst der Anfang, und ich solle gut auf meine Tochter aufpassen.“
„Tod der Polizisten?“
„Vor ein paar Stunden wurden zwei Polizisten tot in ihrem Wagen gefunden, erschossen.“
„Und was hat das mit uns zu tun?“
„Ich habe keine Ahnung!“ Ich atme tief durch. „Erinnerst du dich, was für ein Scheißgefühl wir beide hatten?“
„Ja“, erwidert er. Und nach einer kurzen Pause: „Wir warten hier.“
„Okay. Bis gleich.“ Ich beende die Verbindung und wähle Ben.
„Hi Fiona“, meldet er sich.
„Schick bitte ein oder zwei Wagen in die Newsway 23, bitte. Dort warten Sandra und James. Lass sie nach Hause begleiten.“
Ben zögert nur kurz, dann höre ich ihn im Hintergrund Anweisungen geben. Das ist das Gute an der Zusammenarbeit mit ihm. Er versteht schnell und weiß genau, was Priorität hat.
„Und jetzt die Langversion“, sagt er.
Ich erzähle ihm von der Mail.
„Mist. Du hältst sie offenbar für echt.“
„Ja. Eine Intuition. Du weißt, was das heißt?“
„Oh ja“, erwidert er düster. „Blut. Schmerz. Tote. Verletzte.“
Ich lache kurz auf. „Ach, Ben, du bist so herrlich pragmatisch.“
„Ich bin Polizist.“
„Eben. Ach, egal.“
„Fiona, es ist schon lange her, dass ernsthaft was passiert ist. Wird ja mal wieder Zeit.“
„Eigentlich nicht. Aber es kommt was auf uns zu. Ich habe ein ganz mieses Gefühl. Und es hat irgendwie was mit diesem Frost zu tun.“
„Wie kommst du denn darauf?“
Ich schildere ihm meine Erlebnisse auf der Terrasse vom Penthouse. Als ich Katharinas Namen erwähne, hält er den Atem an. Im Gegensatz zu ihr erinnert er sich offensichtlich.
Noch mehr Scheiße.
„Was … was ist danach passiert?“, erkundigt er sich.
„Ich kenne jetzt Katharinas Schwester.“
„Schwester?“
„Selber Vater, andere Mutter.“
„Oh. Und sonst?“
„Nichts sonst. Wir haben den Dämon nicht gefunden.“
„Fiona, du kannst einen echt nerven. Was ist noch passiert? Du weißt genau, was ich meine!“
„Ja, weiß ich. Aber es war nichts. Katharina tut so, als wäre nichts passiert.“
„Und du hast es nicht angesprochen?“
„Nein!“ Ich atme tief durch. „Sorry, Ben. Meine Nerven sind grad nicht die besten.“
„Klar, verstehe ich. Hör zu, wenn da übernatürliche Wesen im Spiel sind, weiß ich nicht, wie gut wir Sandra und James beschützen können.“
„Ist mir klar. Ich werde gleich Katharina anrufen und mit ihr zusammen diese Werwölfe anschauen.“
„Hm.“
„Meinst du nicht? Ist zumindest verdächtig, oder? Erst gebe ich dir den Tipp, dann werden zwei deiner Leute getötet und ich bekomme so eine Mail. Glaubst du an Zufälle?“
„Nein, das klingt nicht wie Zufall. Gut, sagst du Bescheid, wenn ihr was rausfindet?“
„Auf jeden Fall. Bis später, Ben.“
„Bis später.“
Ich denke kurz nach, dann schnappe ich mir Handy und Jacke und gehe aus dem Büro. Monica schaut mich fragend an.
„Ich muss weg.“
„Und die Termine?“
„Absagen. Am besten alle diese Woche.“
Sie zieht ihre rechte Augenbraue hoch. „Soll ich das Notfallteam aktivieren?“
Ich zögere, aber schließlich nicke ich. „Ja, besser ist es. Über Handy bin ich erreichbar. Aber eigentlich sollte das Team in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu treffen.“
„Es gibt Dinge, die nur du entscheiden kannst.“
„Ja, ich weiß, deswegen bin ich erreichbar.“
„Fiona, ich hoffe, deiner Tochter passiert nichts.“
„Das hoffe ich auch.“ Ich umarme sie kurz, dann gehe ich in die Tiefgarage. Aufzug würde zu lange dauern, außerdem brauche ich Bewegung. Ich springe von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, außer, als mir in der Mitte zwei Mädels aus der Buchhaltung entgegenkommen. Sie würden sich vermutlich sehr über meine sportlichen Fähigkeiten wundern. Ich lächele sie an, und kaum haben sie das Treppenhaus verlassen, gebe ich wieder Gas.
Im Auto wähle ich die Nummer von Katharina, während ich auf die Straße fahre und dabei für Beinahherzinfarkte sorge.
„Hi Fiona“, meldet sie sich.
„Wir haben jemanden verärgert.“
„Hä?“
Ich gebe ihr ein paar Stichworte. Sie hört schweigend zu. Als ich fertig bin, atmet sie hörbar durch.
„Wir sollten uns diese Werwolfgruppe doch mal ansehen“, sagt sie schließlich.
„Yap! Ich bin schon unterwegs. Wo soll ich dich abholen?“
„Im Büro. Weißt du, wo?“
Was für eine Frage. Natürlich weiß ich es. Stand schließlich oft genug vor dem Wolkenkratzer, in dem auch ihre Konzernverwaltung untergebracht ist.
„Central Place 3?“
„Genau. Ich warte unten.“
„Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“
„Ich frage Elaine.“
„Bis gleich.“
Ich brauche keine 10 Minuten bis zum Central Place, dennoch steht Katharina schon unten. Sie ist genauso wenig passend angezogen wie ich, aber meine Ungeduld verbietet es, dass wir uns umziehen. Zumindest tragen wir beide keine High Heels. Obwohl, hohe Absätze könnten gut als Waffen benutzt werden. Hat Katharina schließlich schon mal vorgeführt.
Sie lächelt mich an. „Wald.“
Ich mache vermutlich kein besonders intelligentes Gesicht, denn sie lacht kurz auf. „Die Werwölfe sind im Wald.“
„Ja, klar. Geht es etwas genauer?“
„Irgendwo in Small Hills. Elaine hat mir den Weg beschrieben. Sie haben logischerweise keine offizielle Adresse.“
„Logischerweise.“ Wie witzig. Ich fahre also erst einmal nach Osten. Eine halbe Stunde später verlassen wir New Village und kurven eine enge Serpentinenstrecke hinauf. Als eine Gabelung kommt, fahren wir rechts, was dem Fahrwerk nicht so guttut. Und unseren Hintern auch nicht. Katharina verzieht das Gesicht. „Du solltest dir einen Geländewagen anschaffen“, stellt sie fest.
„Hey, ich habe noch nie einen gebraucht bisher. Ich heiße nicht Katharina, um zu jeder Gelegenheit den passenden Wagen in der Garage zu haben.“
Sie grinst mich an. „Kann es sein, dass du sauer bist?“
„Ich? Nö.“
Für einen kurzen Moment habe ich Hoffnung, doch dann ist auch dieser Moment einfach vorbei. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn der enge Waldweg, auf dem wir uns mittlerweile befinden, erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns wohl dem Lager der Werwölfe nähern und uns nicht zu früh bemerkbar machen sollten.
Zu früh?
Katharina kann Gedanken lesen. „Wir sollten zu Fuß weitergehen.“
Ich nicke und fahre den Wagen in die Büsche. Katharina trägt ein schwarzes Hosenkostüm und Stiefel, ich Jeans, Stiefeletten und ein Hemd, lässig über die Hose fallend. Nur bedingt die richtige Kleidung für eine Wanderung.
„Woher weiß eigentlich Elaine so genau, wo dieses Lager ist?“, erkundige ich mich, während wir durch das Wechselspiel zwischen Schatten und Sonnenlicht, das zwischen den Baumkronen auf den moosbedeckten Waldboden fällt, eilen.
Katharina zuckt die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie mal mit einem der Typen gevögelt.“ Und auf meinen erstaunten Blick hin fügt sie hinzu: „Sie ist keine Asketin.“
„Und warum sollte sie mit einem der Typen vögeln?“
„Weil er vielleicht in die Bar gekommen ist, ein paar Bier getrunken und sie angebaggert hat, ohne dass sie wusste, wer er ist?“
Ja, das könnte so gewesen sein. Ich spare mir eine Antwort.
Zumal wir das Lager erreichen. Was man so Lager nennt. Auf einer Lichtung parken zwei Geländewagen, unter den Bäumen stehen Zelte in Tarnfarben. Zwischen ihnen brennt ein Lagerfeuer, darüber hängt ein Kessel. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn darin ein Mensch kochen würde – oder zumindest Teile von ihm.
Fiona?
Wir robben im Schutz des Gestrüpps heran. Das war’s für unsere Geschäftskleidung. In einem der Zelte ist Bewegung zu erahnen. Viel scheint nicht los zu sein. Vielleicht Mittagspause?
„Hast du dich eigentlich mal gefragt, wieso du in der Firma angemailt wurdest?“, erkundigt sich Katharina.
„Klar. Was glaubst du, warum ich so hektisch reagiert habe? Wer auch immer dahinter steckt, weiß eine Menge.“
„Allerdings. Ben vertraust du?“
„Ja!“ Ich starre sie empört an. Sie grinst. „Schon gut, ich wollte ihm nicht nahetreten. Aber jemand muss gute Kontakte zur Polizei haben.“
„Frost.“
„Kann sein. Mich interessiert eher, wer hinter Frost steckt.“
„Lass es uns herausfinden!“ Ich springe auf und marschiere auf das Lager zu.
„Fiona!“, ruft Katharina unterdrückt. Da ich nicht reagiere, rennt sie hinter mir her. Sie sieht wütend aus. „Bist du durchgeknallt?“
„Immer.“
Die Wut macht auf ihrem Gesicht einem Grinsen Platz. „Echt, du bist völlig bescheuert.“
„Gibs zu, das liebst du an mir.“
„Das stimmt.“
Wir erreichen das Lagerfeuer und bleiben stehen. Aus einem der Zelte treten zwei junge Männer und mustern uns neugierig.
„Hi“, sage ich fröhlich. „Seid ihr Pfadfinder?“
Das bringt sie zum Lachen. Kann ich gut, Leute zum Lachen bringen. Zumindest für kurze Zeit. Meistens weinen sie am Ende.
„Okay, war nur ein Scherz. Frost schickt uns.“
Schlagartig werden sie ernst. „Wer?“
„Frost. Wisst ihr doch.“
„Schon mal was von subtilen Fragen gehört?“ Katharina beugt sich zu mir herüber und flüstert es in mein Ohr.
„Keine Ahnung, wer das ist“, sagt einer der jungen Männer. Er trägt einen tarnfarbenen Kampfanzug. „Was genau wollt ihr überhaupt?“
„Kannst du dir das nicht denken?“, erwidere ich keck und gehe forsch auf ihn zu. Er zieht plötzlich eine Pistole und richtet sie auf mich. Sein Kumpel macht dasselbe mit Katharina. Dabei rufen sie nach den anderen. Wir stehen auf einmal sechs jungen Männern gegenüber, die alle einen tarnfarbenen Kampfanzug tragen. Sie sind uniformiert.
„Ich liebe deine subtile Art“, bemerkt Katharina.
„Meine was?“ Und an den ersten jungen Mann gewandt: „Ist das alles? Nur sechs Leute? Da fühle ich mich direkt unterfordert!“
Er grinst. „Wir sind nur die Wache. Also, wer seid ihr und was genau wollt ihr?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“ Ich registriere, wie sie sich plötzlich alle anspannen. „Wir wollten mit eurem Chef sprechen.“
„Der ist nicht da“, erwidert mein Gesprächspartner, sichtlich nervös. „Und er wird nicht mit euch sprechen wollen. Ihr solltet jetzt besser gehen.“
„Warum denn? Ich bin schrecklich neugierig. Was treibt ihr hier eigentlich so?“
Er hebt die Pistole höher, bis die Mündung auf meinen Kopf zeigt. „Ich weiß, wer und was du bist. Wenn ich dir das Gehirn wegpuste, bist du zumindest lange genug außer Gefecht gesetzt, dass wir dich unschädlich machen können.“
„Ihr könnt mich nicht unschädlich machen.“
„Oh doch.“ Er zieht einen Dolch. „Damit können wir dich ein für alle Mal aus diesem Universum entfernen.“
„Visz“, sagt Katharina. „Wie kommt ihr denn daran?“
„Das wüsstest du wohl gerne. Du siehst nervös aus. Wie heißt du eigentlich, Blondie?“
Katharinas Gesichtsausdruck verändert sich nicht. Jedenfalls kaum. Wahrscheinlich merkt es niemand außer mir. „Nomén.“
Spannend, dass sie diesen Namen nutzt. Doch die Reaktion der sechs Männer beweist, dass sie damit richtigliegt. Ich erkenne die Bewegung des Zeigefingers am Abzug der Pistole, die auf meinen Kopf gerichtet ist und werfe mich zur Seite. Die Kugel verfehlt mich, genau wie die nachfolgenden. Dann bin ich schon bei dem jungen Mann angekommen und trete ihm die Waffe aus der Hand. Die andere Hand mit dem Dolch stößt in meine Richtung. Ich wehre sie mit dem Unterarm ab, gleichzeitig eine Halbdrehung vollführend. Mein Ellbogen trifft auf die Nase und zertrümmert sie.
Ich verschaffe mir hastig einen Überblick. Katharina ist auch nicht untätig geblieben und bricht gerade einen Arm. Die vier anderen Männer teilen sich auf. Einer von ihnen ist mir schon ganz nahe. Viel zu nahe.
Ich schaffe es nicht ganz, seinem Schlag auszuweichen und verliere den Halt. Zum Glück setzt mich der Schlag, dessen Wucht mich überrascht, nicht außer Gefecht, und ich rolle mich auf dem moosbedeckten Boden ab. Dadurch entgehe ich seinen Fußtritten und kann schließlich meinen eigenen Fuß zwischen seinen Beinen platzieren. Das lässt ihn zusammenknicken.
Bleibt noch der dritte Kerl. Dieser scheint zu der Einsicht gelangt zu sein, dass sie uns unterschätzt haben und wählt die Flucht. Als ich aufspringe, dreht er sich um und feuert in meine Richtung. Ob er eine eigene Waffe hat oder die von dem ersten Kerl aufgesammelt hat, weiß ich nicht und ist mir auch egal, während ich der Kugel aus dem Weg hechte. Im Flug sehe ich, dass Katharina weniger Glück hat und getroffen zusammenbricht. Ich rolle mich ab und nutze den Schwung, wieder auf die Füße zu kommen, und laufe auf den Schützen zu, der Katharina getroffen hat. Er sieht mich kommen, dreht sich um und folgt seinem fliehenden Kumpel in den Wald hinein.
Ich überlege nicht lange und renne zu Katharina, die stöhnend auf dem Boden liegt. Die Kugel hat sie in der Leiste getroffen. Sie wird sich bald erholt haben, aber es dürfte höllisch wehtun.
„Hat dir niemand gesagt, dass man Kugeln ausweichen kann?“, erkundige ich mich. Dann reiße ich ihre Bluse auf. Beim Anblick ihres nackten Bauchs muss ich schlucken, denn ich sehe plötzlich ihren ganzen Körper nackt vor mir. Was noch schlimmer ist, ich spüre ihn auch. Ihre Antwort holt mich ins Jetzt zurück.
„Du bist ein dämliches Arschloch.“
„Da hast du recht“, erwidere ich. „Ich sollte die Kugel rausholen.“
„Tue das!“
Ich sehe sie an. Es muss wirklich wehtun, ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Ich werfe einen Blick auf die anderen Möchtegernnazis, aber die sind vorläufig inaktiv. Lange werden sie nicht in diesem Zustand bleiben, ich sollte mich daher beeilen. Und eins steht fest: Diese Kerle sind genauso wenig gewöhnliche Menschen wie wir.
„Tut mir leid“, murmele ich, bevor ich mit den Zeigefingern die Wunde aufspreize. Katharina stöhnt auf. „Mach weiter!“, befiehlt sie, als ich zögere. Ich nicke und schiebe einen Zeigefinger in das Loch. Dank meines Engelsjobs bin ich nicht besonders empfindlich, aber dennoch würde ich meinen Finger viel lieber an einer ganz anderen Stelle bei Katharina reinschieben. Ich atme tief durch.
Endlich finde ich die Scheißkugel. Vorsichtig ziehe ich sie mit einem Finger nach oben. Dass dies die Schmerzen nicht lindert, höre ich deutlich. Ich spare mir eine weitere Entschuldigung, stattdessen beeile ich mich lieber. Schließlich kann ich die Kugel mit Daumen und Zeigefinger rausholen und halte sie hoch.
„Schön“, sagt Katharina gepresst. „Dann können wir ja jetzt weitermachen!“
Ich nicke und helfe ihr, sich aufzusetzen. Unsere Gesichter berühren sich dabei. Verflucht. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nass zwischen den Beinen, während ich mich mitten in einer Kampfhandlung befinde. Das kann so nicht weitergehen.
„Wir müssen herausfinden, was die in Wirklichkeit sind“, sagt Katharina. „Jedenfalls keine Menschen, zumindest keine gewöhnlichen.“
„Das ist wohl wahr.“
Als ich aufstehe, um einen der vorhin noch inaktiven Kerle zu fragen, stelle ich fest, dass sie verschwunden sind. Die Geländewagen stehen noch da, nur unsere Freunde sind weg. Wir waren so vertieft in die Operation, dass sie sich unbemerkt davonstehlen konnten. So wie es aussieht, in den Wald.
„Ups“, sage ich.
„Na dann. Weit können sie ja nicht sein.“
„Ich glaube eher, die wollen mit uns spielen.“
„Das glaube ich auch. Spielen wir mit?“
Ich betrachte sie fragend. „Was macht die Wunde?“
„So gut wie verheilt. Du hast Talent als Ärztin.“
„Die armen Patienten! Also gut, teilen wir uns eben auf.“
Ich halte mich links. Mindestens zwei von denen haben eine Schusswaffe, wahrscheinlich aber alle. Außerdem haben sie übermenschliche Kräfte. Alleine hätten sie weder gegen Katharina noch gegen mich eine Chance, aber gemeinsam sind sie stark.
Ich konzentriere mich auf meine Sinne. Sehen, hören – und spüren. Meine Fähigkeit, die Grenzen der Gefrorenen Welt durchzudringen, kommt mir immer mehr zugute. Auch wenn es noch sehr rudimentär und weit von dem entfernt ist, was ein Zauberer kann, hilft es mir jetzt sehr. Ich erkenne Lebewesen in meiner Nähe an ihrem Energieflimmern. Wie bunte Wolken sehe ich sie, so ähnlich, wie durch Infrarotbrillen.
Sie haben sich verteilt und verharren hinter Bäumen. Hoffentlich verfügen sie nicht ebenfalls über erweiterte Wahrnehmung, denn sonst ist es nichts mit Überraschung. Aber ich glaube, nicht einmal Katharina kann Energiespuren so deutlich sehen wie ich.
Geduckt, immer in Deckung vom Gestrüpp, laufe ich in einem weiten Kreis um die uns auflauernden Jungs herum. Mit etwas Glück gelingt es mir, sie von hinten der Reihe nach unschädlich zu machen. Oder wenigstens einige.
Zumindest sieht es ganz danach aus, dass sie nichts von ihrem bevorstehenden Unheil ahnen und demnach ihre Fähigkeiten doch sehr eingeschränkt sind. Ich nehme mir denjenigen zuerst vor, der am weitesten außen lauert. Dabei kommt mir mein eigener Atem unglaublich laut vor. Aber anscheinend sind diese Werwölfchen auch noch schwerhörig. Ich kann den ersten schon mit bloßem Auge sehen, nur ein umgestürzter Baumstamm trennt mich von ihm. Er steht an einen Baum gepresst, in der rechten Hand eine Pistole haltend, mit der Mündung nach oben. Er starrt angespannt in die Richtung, in der er mich eher vermutet als hinter sich.
Wie in einem schlechten Film trete ich auf einen Zweig, der zwar nicht knackt, aber dennoch ein Geräusch macht. Ich verharre sofort regungslos. Leider ist meine Beute nicht schwerhörig genug. Dass in dem Moment, als er sich nach mir umdreht, irgendwo ein Schuss erklingt, rettet mich allerdings. Für einen Sekundenbruchteil oder so ist er abgelenkt, und das reicht mir auch schon. Ich bin bei ihm, bevor er seine Pistole auf mich richten könnte und danach kann er es nicht mehr. Ich werfe mich mit aller Kraft gegen ihn und erst der Baumstamm stoppt uns. Der Kerl stöhnt unterdrückt auf. Wahrscheinlich raubt ihm mein Ellbogen im Magen den Atem. Ich gehe kein Risiko ein, mit einem Schlag von unten gegen sein Kinn breche ich ihm das Genick.
Jetzt habe ich auch eine Pistole. Das ist doch schon mal was. Ich sehe mich nach den anderen um. Sie rennen wie aufgescheuchte Hühner durch den Wald. Geduckt, mit der Pistole im Anschlag, begebe ich mich in Deckung. Zwei von den verbleibenden fünf Jungs sind in der Nähe. Ich entscheide mich für den, den ich besser im Blickfeld habe, und lege auf ihn an. Der Schuss sitzt, was für die Pistole spricht.
Dann höre ich etwas von der Seite und fahre herum. Das rettet mich, aber dennoch werde ich getroffen. Wie ein Hammerschlag erwischt es mich an der rechten Schulter. Meine Waffe fliegt im hohen Bogen davon und ich lande auf dem Boden.
Das darf Katharina nicht erfahren. Es ist doch so einfach, einer Kugel auszuweichen.
Während aus der Entfernung Schmerzensschreie zu hören sind, die ich nicht Katharina zuordne, bleibt der Werwolf, der mich erwischt hat, neben mir stehen und richtet seine Pistole auf meinen Kopf.
Stöhnend richte ich mich auf einen Ellbogen gestützt auf.
„Keine Hektik“, sagt der Kerl grinsend. „Das ging ja ziemlich leicht. Vielleicht bist du doch nicht so gut, wie man sich erzählt.“
„Was erzählt man sich denn so?“, erkundige ich mich und zwinge mich, nicht in die Mündung zu starren.
„Dass du sehr, sehr gefährlich bist. Aber das sehe ich anders.“
„Ach ja?“ Ich schlage mit der linken Hand seine Pistolenhand weg und die Waffe fliegt davon. Durch den Schmerz bin ich zu langsam, der Kerl schafft es, hinter seiner Pistole herzuhechten. Immerhin gelingt es mir aber, mich auf ihn zu werfen, bevor er seine Waffe krallen kann. Ich packe sein Handgelenk mit der einen Hand, mit der anderen seinen Kopf. Er ist deutlich größer und muskulöser als ich, aber ich verfüge über Engelskräfte. Er ist dennoch fast so stark wie ich.
Der Geruch seines Blutes steigt in meine Nase. Er scheint nicht verletzt zu sein, dennoch kann ich sein Blut deutlich riechen. Dann wird mir klar, dass ich im Eifer des Gefechts mein Gesicht an seinen Hals gedrückt habe. Ich zögere nur kurz, dann schlage ich die Zähne in sein Fleisch, reiße die Schlagader auf und sauge gierig sein Blut. Obwohl ich genauso überrascht bin wie er, lasse ich trotz seiner heftigen Gegenwehr nicht locker.
Sein warmes Blut strömt in meinen Mund, ich habe Mühe, schnell genug zu schlucken. Bald lassen seine Bemühungen, mich loszuwerden, nach und sein Körper beginnt zu erschlaffen. Ich höre mit dem Trinken erst auf, als er sich gar nicht mehr bewegt.
Ich hebe keuchend den Kopf und sehe Katharina, die nicht weit entfernt steht und uns schweigend beobachtet.
„Bist du schon lange da?“, erkundige ich mich.
Sie schüttelt den Kopf. „Was ist passiert? Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass du dich in einen Vampir verwandelt hast.“
„War mir auch nicht bewusst“, erwidere ich. Das warme Blut ist auf meinem Gesicht verteilt und tropft auf den Kopf des toten Nazis hinunter. „Ich … Was ist mit den anderen?“
„So wie es aussieht, sind alle tot“, antwortet Katharina ungerührt.
Ich atme tief durch, dann setze ich mich auf. „Ich hatte plötzlich den Geruch seines Blutes in der Nase, da habe ich einfach zugebissen.“
„Ja, du hast eine gewisse Blutaffinität. Du hast damals auch mein Blut getrunken, erinnerst du dich?“ Und sie erinnert sich doch! Ich nicke und erwidere: „Aber nur ein paar Tropfen.“
Katharina lächelt. „Sonst hätte ich auch protestiert. Wie auch immer, wir wissen nicht mehr als vorher, und da sie tot sind, können wir sie ja auch schlecht fragen.“
„Apropos tot … was ist das für eine Geschichte mit dem Visz-Dolch?“ Ich erhebe mich langsam.
„Der Dolch … den sollten wir uns holen. Komm.“ Ich folge ihr, als sie losmarschiert. Dabei erzählt sie: „Normalerweise bedeutet der Tod die Vernichtung der materiellen Existenz und Freisetzung der Seele. Die Seele verbleibt im Universum, also in der Verborgenen Welt. Na ja, es gibt ja eigentlich keinen echten Unterschied zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt, wie du inzwischen ja weißt. Normalerweise. Also, ich habe keine Ahnung, wo Visz eigentlich herkommt, aber man sagt, es sei göttlicher Stoff und nicht aus dem Universum. Frag mich nicht, was das bedeutet. Aber wenn man einen Visz-Dolch dreimal schnell hintereinander im Herzen eines Wesens – oder was dem Herzen entspricht – umdreht, dann wird die Seele dieses Wesens aus dem Universum unwiderruflich gelöscht.“
„Oh. Shutdown für immer? Böse.“
„Ja. Zum Glück ist es nicht ganz einfach, an einen Visz-Dolch ranzukommen. Und dreimal drehen in etwa einer Sekunde schafft auch nicht jeder.“
„Hm. War es das, was der Krumana-Dämon meinte?“
„Möglicherweise.“ Wir finden den Werwolf, der vorhin den Dolch bei sich hatte. Er hat ihn immer noch. Katharina betrachtet ihn nachdenklich. „Dieses Ding ist in der uns bekannten Welt unzerstörbar. Hier, nimm ihn.“
„Ich?“
„Ja. Ich habe zu Hause schon einen.“
Ich nehme den Dolch. Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass ich einen in der Hand halte. Ich erinnere mich sogar noch an den Geschmack der Klinge. Ein komisches Gefühl, etwas zu berühren, was nicht aus dieser Welt stammt. Göttliches Material? Was zum Teufel ist damit gemeint?
Ich stecke den Dolch in den Hosenbund.
„Spieß dich nicht auf“, bemerkt Katharina grinsend.
„Nicht mit einem Dolch“, erwidere ich. „Komm, wir schauen uns mal um. Wir wissen immer noch nicht, wer die sind und was das mit der Mail zu tun hat.“
Katharina nickt. Wir durchsuchen die Zelte und die Autos, finden aber nichts, was uns irgendwie weiterbringen könnte. Da die Gefahr besteht, dass der Rest der Truppe wiederkommt, verlassen wir das Lager. Unbemerkt gelangen wir zum Auto und schließlich nach Skyline zurück. Von unterwegs ruft Katharina Elaine an, erzählt ihr in Stichworten, was geschehen ist und bittet sie, sich umzuhören, was das für eine Organisation ist.
„Sie ist unbegeistert“, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat.
„Ich auch. Das bedeutet nämlich, dass meine Familie in Gefahr ist. Und mir gefällt der Gedanke nicht, dass irgendwelche übermenschlichen Wesen hinter ihnen her sind.“
„Sie sollten sich verstecken.“
Sie hat recht. Ich wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Hi. Katharina ist bei mir auf Lautsprecher. Wo seid ihr?“
„Zu Hause, bewacht von einer Armee.“
„Ich fürchte, diese Armee kann nichts gegen die Bedrohung ausrichten. Wir hatten gerade eine kleine Auseinandersetzung mit ein paar Kerlen, von denen wir nicht wissen, wer und was sie sind. Aber es war echte Arbeit, mit ihnen fertigzuwerden.“
James schweigt. Er weiß genau, was mein letzter Satz bedeutet.
„Schatz, ihr müsst euch verstecken.“
„Verstecken?“
Ich werfe einen gequälten Blick auf Katharina, die die Augen verdreht. „Ja. Du bist nicht unsterblich. Und Sandra auch nicht.“
„Bist du sicher? Aber egal, sie kann ja in ein Versteck gebracht werden. Ich bin es gewohnt, in gefährlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben.“
„Du warst es gewohnt!“, erwidere ich scharf.
„Wie bitte?“
Das kann ja heiter werden. Katharina legt mir eine Hand auf den Arm. „Hi James, Katharina hier. Deine Holde wird mich wahrscheinlich gleich verprügeln, aber ich verstehe dich. Daher schlage ich vor, dass du und die Armee Sandra und deine Schwiegereltern zu mir fahrt. Mein Anwesen ist magisch geschützt, da sind sie sicher. Wir fahren jetzt auch dorthin und treffen uns dort. Dann überlegen wir gemeinsam, wie du dich beteiligen kannst. Möglicherweise sind deine alten Kontakte hilfreich. Einverstanden?“
„In Ordnung. Aber sag deinen magischen Kräften, dass sie nicht versuchen sollen, mich dort festzuhalten.“
„Keine Sorge, das ist nicht meine Art. Bis gleich.“
Ich starre Katharina an, bis sie ins Lenkrad greift und uns wieder auf Kurs bringt.
„Was war das denn?“
„Ich habe einen Ehekrach abgewendet. Gern geschehen.“
Ich starre wieder nach vorne und bemühe mich, nicht auszurasten.
„Fiona, was ist dein Problem? Wir haben grad mal keine Zeit für psychotische Anfälle.“
„Psychotische Anfälle?!“
„Yap! Also, sei so lieb, und fahr uns zu mir. Adresse kennst du ja. Hier läuft irgendeine Schweinerei, und zwar eine große, also lass uns jetzt bitte darauf konzentrieren.“
Sie hat leider recht. Wenn ich zusammenfasse, was wir haben, kommt wirklich was Großes dabei raus. Eine Werwolf-Gruppe, die keine ist, aber über mindestens einen Visz-Dolch verfügt … verfügte und außerdem übermenschliche Fähigkeiten besitzt. Die Größe der Gruppe kennen wir nicht. Sie wissen weiterhin, wer und was ich bin, wo ich arbeite und wohl auch, wo ich wohne. Und wir haben noch einen Krumana-Dämon, anscheinend eine wahrhaft höllische Vernichtungsmaschine, wie es sie seit 10.000 Jahren nicht mehr geben dürfte. Zu guter Letzt haben wir einen quasi vom Himmel gefallenen Politiker, der Präsident dieses Landes werden will. Mal eben so.
Doch, das könnte was Großes sein.
Mal eben so, ohne dass ich oder auch Katharina im Vorfeld was davon mitbekommen hätten. Und das macht mir echte Sorgen.
„Ich sehe, du bist wieder da“, stellt Katharina fest.
„Yeah.“
Wir kommen vor meiner Familie an, aber nur kurz. Ich bin gerade fertig mit dem Begrüßen von Kay und Helena, als der Konvoi sich anmeldet. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Katharina bedankt sich höflich bei den Polizisten, bittet sie gleichzeitig aber, nicht auf das Anwesen zu kommen.
Einige Minuten später hält der BMW meines Vaters vor dem Haus, mit James am Steuer. Als Erstes springt Danny raus und kommt auf mich zugerast. Sandra ist auf dem Arm meiner Mutter, beide sehen erschrocken aus. Ich nehme sie gemeinsam in die Arme.
„Was ist bloß los? Wer will uns was antun?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gerne. Jedenfalls sind es Leute, die unangenehm werden können.“
Mein Vater mustert meine Kleidung. „Du hattest bereits Kontakt mit ihnen?“
„Vermutlich mit denen.“ Ich betrachte James, der sich nähert. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen „Ich bin noch sauer!“ und „Geht es dir gut, Schatz?“. Allerdings sieht man ihm das nur an, wenn man ihn so gut kennt wie ich. Für alle anderen ist sein Gesicht einfach nur ausdruckslos.
Ich küsse ihn und flüstere in sein Ohr: „Es tut mir leid.“
Er nickt kaum merklich. „Deine Eltern machen sich Sorgen. Was sollen wir ihnen erzählen?“
„Alles, was wir nicht wissen“, flüstere ich zurück.
Er grinst. Katharina lädt uns ein, auf die Terrasse zu gehen. Mein Vater, der Luxus gewohnt ist, wirkt beeindruckt, als wir durch das riesige Haus nach hinten gehen. Dort hat Helena schon einen Tisch gedeckt und es gibt erst einmal was zu trinken. Ich nehme Sandra zu mir und gehe mit ihr an den Pool. Natürlich will sie mit dem Wasser spielen. Ich halte sie an der Hose darüber, so kann sie im Freiflug mit den Händen das Wasser aufwirbeln.
Ich spüre plötzlich die Nähe meiner Mutter.
„Du siehst mitgenommen aus, Kind.“
„Katharina und ich hatten einen Kampf mit sechs Männern, die keine Menschen waren.“
„Und, sind sie … sind sie …?“
„Tot? Ja.“ Ich betrachte das Loch in meiner Jeansjacke. „Ich … einen von denen habe ich wie ein Vampir leergesaugt, und ich habe keine Ahnung, warum ich das getan habe.“
„Vielleicht … Du bist ja ständig mit diesen … diesen Wesen zusammen. Vielleicht verändert dich das.“
Hm. Eine naive Vorstellung. Aber könnte ich das guten Gewissens verneinen? Eigentlich nicht. Ich habe viel zu wenig Ahnung davon, wie dieses Universum wirklich tickt. Andererseits weiß ich aber inzwischen, dass die Sicht der Menschen darauf weit entfernt ist von der Realität.
„Ein blutsaugender Engel“, murmele ich amüsiert.
„Müsstest du als Engel nicht Flügel haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Nur in diesem komischen Märchenbuch. Und auf Bildern, die irgendwelche Maler im Delirium gemalt haben. Echte Engel sind blond und leicht reizbar.“
„Oh, du bist leicht reizbar? Bisher habe ich dich eigentlich nur mit Nerven wie Drahtseilen erlebt.“
Mich? Mit wem verwechselt sie mich da gerade? „Mama, es tut mir leid, dass ihr meinetwegen solche Umstände habt. Aber ihr wohnt in einem Luxusgefängnis.“
Meine Mutter betrachtet das Gebäude, soweit es von hier aus überhaupt erkennbar ist. „Ja, das stimmt wohl. Und die drei wohnen hier ganz allein?“
„Ähm … jaaaa …“
„Fiona, sag die Wahrheit!“
„Es gibt hilfreiche … na ja … Also, ihr werdet sie nie zu sehen bekommen.“
Sie erschaudert. „Du hast recht, ich will es gar nicht wissen!“
Wir werden abgelenkt, weil Helena zu uns kommt und fragt, ob sie Sandra halten darf. Ich nicke und gebe ihr die Kleine. Helena spaziert mit ihr strahlend davon. Ich erhebe mich langsam.
„Kind!“, sagt meine Mutter erschrocken. „Ich habe dich noch nie so erlebt! Hast du Schmerzen?“
„Nein, keine Schmerzen. Die Wunden verheilen bei mir sehr schnell. Ich denke nur nach. Ich muss an damals denken, aber diesmal sind es nicht Gangster, die euch bedrohen, sondern viel schlimmere Gegner. Ich mache mir einfach Sorgen um euch.“
„Ich denke, hier sind wir sicher?“
„Seid ihr auch.“ Ich werfe einen Blick auf Katharina. „Sie … Ihr vertraue ich absolut.“
„Obwohl sie ein Dämon ist?“
„Ja. Und außerdem, was bedeutet das schon? Dämon ist ein Begriff aus der menschlichen Mythologie. Katharina ist ein Wesen, das genau wie ich nicht an die Grenzen des Menschseins gebunden ist. Alles andere ist willkürliche Moral.“
„Damit fertigst du die jahrtausendealte Tradition der Philosophie in einem Satz ab“, sagt meine Mutter lächelnd.
„Ach, das weiß ich nicht. Heißt Philosophie nicht so viel wie Liebe zur Weisheit? Und der Weise hat kein Problem damit, zu den Alten zu sagen: ‚Fuck you, ihr habt euch eben geirrt!‘ Wenn wir heute etwas besser wissen, ist das keine Sünde, man wird nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zumindest in dieser Gegend nicht.“
„Das ist auch gut so.“
„Eben. Komm, wir gehen zu den anderen.“
Katharina telefoniert, James und Kay sitzen nebeneinander, beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Ich gleite auf den Schoß von James, was Kay ein dickes Grinsen in das Gesicht zaubert.
„Soll ich dir eine Limo holen, Fiona?“
„Kay, willst du ewig leben? Ich will einen Martini!“
„Sag ich doch.“ Kay springt auf und geht zur Bar. Ich mustere meinen lieben Ehemann. „Willst du nicht lieber doch hierbleiben? Ihr versteht euch doch sehr gut, oder?“
„Kay und ich werden ein paar alte Kontakte abklappern“, sagt James ungerührt.
„Verräter!“, rufe ich Kay zu. James steckt seinen Zeigefinger durch das Loch in der Jeansjacke. „Hör zu, Schatz, ich weiß, dass ich nach so einem Treffer nicht mehr einfach so aufstehen würde wie du. Dementsprechend vorsichtig agiere ich. Aber ich habe eine zweijährige intensive Ausbildung gehabt. Ich habe gelernt zu überleben, auch unter schwierigen Umständen. Und meine Gegner waren auch nicht immer menschlich …“
„Wolltest du mir davon nicht mal erzählen?“
„Irgendwann mal. Lenk nicht ab.“ James lächelt endlich.
„Also gut. Ich sehe ein, dass du keinen Babysitter brauchst und den starken Mann markieren kannst … Aua! Was soll das?“ Ich starre ihn empört an. Hat er mich echt gekniffen? In die Seite? Bloß weil ich gesagt habe, dass er den starken Mann markiert?
„Mein Schatz, das war die Rache des kleinen Mannes. Fahr bitte fort mit deinen interessanten Ausführungen.“
Kay bringt mir den Martini, das lenkt mich ab von meiner Empörung. Ich nippe am Glas. Das Zeug ist gut.
„Also gut. Aber das sagte ich schon. Ihr seid beide so was wie Supermänner. Geht klar. Fakt bleibt, ihr seid beide nicht unsterblich. Und es gibt keinen Grund, dass ihr unnötige Risiken eingeht.“
„Es sind keine unnötigen Risiken“, entgegnet Kay. „Wir haben andere Informationsquellen als du und Katharina. Warum sollten wir sie nicht auch anzapfen?“
„Das könnt ihr auch von hier aus!“
„Nur bedingt. Ihr bleibt ja auch nicht hier. Oder willst du behaupten, für euch ist es da draußen völlig gefahrlos? Was machen wir, wenn ihr getötet werdet?“
Ich sehe mich um. Meine Eltern beobachten den Disput angespannt. Vermutlich ist es für sie vollkommen neu, mich in einer solchen Situation zu erleben.
„Stimmt, du hast recht, Kay.“ Ich ziehe den Dolch hervor. „Aber um uns zu töten, brauchst du so was. Und davon gibt es nicht allzu viele.“
„Was ist das?“
„Eine Waffe“, antwortet Katharina. Sie kommt aus dem Haus, in das sie zum Telefonieren gegangen ist, nachdem wir zu diskutieren begonnen haben. „Das Material ist unzerstörbar, schneidet sogar einen Diamanten problemlos. Strenggenommen existiert es auf der Erde nicht. Und wie Fiona sagte, äußerst selten.“
„Nichts ist härter als Diamant“, stellt mein Vater fest.
„Unter irdischen Bedingungen in der Gefrorenen Welt stimmt das durchaus“, stimme ich zu. Dann schneide ich mit einer lockeren Bewegung den Stiel meines Glases ab. Klirrend fällt er auf die Fliesen und zerspringt in mehrere Teile.
„Ups. Sorry, Kay.“
Er winkt ab.
„Wie auch immer … Ihr tut sowieso, was ihr wollt.“
„Lass sie“, sagt Katharina. „Elaine hat inzwischen was für uns. Vielleicht. Wir werden sie treffen, sie tat geheimnisvoll.“
„Wer ist Elaine?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Meine Schwester. Sie hat eine Bar in Downhill und kennt eine Menge Leute. Aller Art. Sie hat uns auch von den Werwölfen erzählt, aber wir haben alle nicht geahnt, dass der Tipp so heiß ist. Ich hatte sie gebeten, die Ohren offenzuhalten und anscheinend hat sie jetzt was für uns. Ich schlage also vor, die Jungs bemühen ihre Kontakte und wir unsere. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass daraus Synergien erwachsen.“
„Synergien … Mein Schatz, das ist keine Vorstandssitzung.“
Katharina tritt zu ihrem grinsenden Mann und legt ihm beide Arme um den Hals. „Wirklich nicht?“
Ich wende hastig den Blick ab, als seine Hände an ihrem Rücken entlang nach unten gleiten. Kann nur hoffen, dass James meine Reaktion völlig falsch interpretiert, was nicht unwahrscheinlich ist, da ihm eine wichtige Information fehlt.
„Dann ist ja alles klar und wir sollten aufbrechen“, sage ich. „Oder ist noch etwas unklar?“
„Nein. Aber ich werde mir etwas Bequemeres anziehen. Und du?“
Ich gleite von James auf den Boden. „Habe meinen Kleiderschrank leider zu Hause vergessen.“
„Kein Problem, hier gibt es genug Kleiderschränke. Wir finden sicher was Passendes für dich. Komm mit.“ Ich folge der lachenden Katharina in den Schatten des Hauses, über die Treppen in den zweiten Stock. Katharina führt mich in ein riesiges Zimmer.
„Das ist eins unserer Gästezimmer. Die Sachen in den Schränken entsprechen deiner Größe. Such dir einfach was aus.“
Ich starre sie fassungslos an. „Ihr habt Gästezimmer für unterschiedliche Konfektionsgrößen?“
„So ist es.“
„Das … das ist mehr als nur dekadent!“
„Genau, das ist praktisch. Wir treffen uns unten. Wenn du willst, kannst du auch duschen.“
Eine nette Art zu sagen, dass ich stinke. Aber sie hat recht. Ich stinke wirklich. Nach Schweiß und Blut. Daher springe ich schnell unter die Dusche und suche danach in ein Badetuch gewickelt nach passender Kleidung. Die Auswahl ist riesig. Schließlich entscheide ich mich für bequeme Jeans, feste Schuhe, ein T-Shirt und einen Pullover. Den Dolch stecke ich wieder in den Gürtel. Ganz ungefährlich ist das nicht, aber ich möchte ihn dabeihaben.
Als ich auf der Terrasse ankomme, reicht mir Katharina eine Scheide. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin erklärt sie, dass mein Visz-Dolch da genau reinpasst. Es wäre Wahnsinn, wenn ich mit der offenen Klinge so rumlaufe. Während ich den Dolch in die Scheide schiebe, erhasche ich ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters.
Alle haben sich wohl gegen mich verschworen.
Danach verabschieden wir uns von den anderen. Katharina und ich fahren mit meinem Wagen los, um Elaine zu treffen. James und Kay gehen ihre eigenen Wege. Zum Abschied küsse ich James innig.
„Wir sehen uns wieder“, sagt er grinsend.
„Hoffentlich.“
Auf der Fahrt zünde ich mir eine Zigarette an.
„Wie alt ist eigentlich Helena“, erkundige ich mich dann.
„Im Herbst wird sie 15. Wieso?“
„Sie interessiert sich sehr für Sandra.“
„Hey! Sie ist noch zu jung!“
„Wofür?“
„Kinder. Und so.“
Ich werfe einen Blick auf Katharina und muss lachen. „Sie ist eine junge Frau.“
„Sie ist ein Kind!“
„Aber nicht mehr lange.“
„Sie bekommt es noch früh genug mit dieser Scheiße zu tun“, knurrt Katharina.
„Bist du sicher, dass sie es nicht bereits hat? Sie lebt doch nicht isoliert.“
„Das ist wahr. Erst kürzlich wollte sie vom Internat auf eine normale Schule. Um mit normalen Leuten zu tun zu haben, wie sie sagt.“
„Da hast du es.“
„Normale Leute reduzierst du auf Sex?“
„Nein. Aber Sex ist normal für Leute.“
„Bist du dir dessen ganz sicher?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.“
„Jetzt bist du zynisch. Aber nur ein bisschen.“
„Sagt mir die Richtige! Aber ich gebe zu, Sandra ist ausgesprochen süß. Habt ihr gut hingekriegt.“
Autsch. Oder meint sie das ehrlich? Ich sehe sie an. Ja, sie meint es ehrlich. Warum würde ich dann am liebsten um mich schlagen? Und blöderweise kennt mich Katharina auch noch gut genug, um meine Verfassung zu durchschauen.
„Tut mir leid“, sagt sie leise.
„Mir auch“, erwidere ich.
Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo wir gestern auch waren.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Kreuz

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Dieses Gebot kam Thomas in den Sinn, während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. Er verscheuchte es wieder und öffnete die Augen, als er jemanden herannahen hörte.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Gire Tabar. Ruhig sagte er, dass sie kamen. Es war so weit. Thomas erhob sich langsam.
„Sind alle bereit?“, fragte er. Gire nickte. Thomas wusste, dass er sich auf seine Gefährten verlassen konnte. Er legte kurz seine Hand auf Gires Schulter, dann gingen sie gemeinsam den Abhang hinunter. Bald würde es dunkel werden. Zu beiden Seiten des Weges, der zwischen den Bäumen verlief, standen die anderen bereit. Thomas wusste das, ohne sie zu sehen.
„Sie nehmen uns nicht ernst“, erklärte Gire bedächtig. „Zwei Dutzend Bewacher.“
„Bald werden sie uns ernst nehmen“, erwiderte Thomas düster. „Sehr ernst.“
Gire nickte und strich sich über seinen roten Stoppelbart. Es hörte sich an wie eine Klinge, die über Stein gezogen wurde. Thomas‘ Mundwinkel zuckten und die roten Augen seines riesigen Freundes leuchteten kurz auf.
Sie hielten an. Thomas schlug sein Schwert in die von weichem Moos bedeckte Erde und nahm seinen Bogen und einen Pfeil zur Hand, ohne anzulegen. Seine Gedanken flogen dem nahenden Wagen entgegen. Er atmete tief durch. Jeder Schuss musste sitzen.
Als die Reiter und der Wagen deutlich zu hören waren, legte er den Pfeil an und spannte den Bogen. In der hereinbrechenden Dämmerung war er zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen für die Herannahenden kaum zu erkennen. Dafür konnte er sie umso deutlicher sehen. 22 Reiter und zwei Mann auf dem Bock. Möglicherweise saß noch jemand im Wagen bei Sarah, aber um den musste sie sich selbst kümmern. Thomas suchte mit den Augen den Anführer. Er ritt allein vorneweg, den Rücken durchgedrückt, aufmerksam die Umgebung beobachtend. Thomas verzog den Mund. Was für ein Affe, dachte er.
Als die ersten Reiter den verabredeten Punkt, die hervorstehende Wurzel eines geneigten Baumes, passierten, ließ er los. Sirrend fand der Pfeil seinen Weg und bohrte sich in den Hals des Anführers. Fünf andere Pfeile trafen ebenfalls ihr Ziel, vier Reiter und einer der Männer auf dem Wagen fielen zusammen mit ihrem Anführer. Thomas nahm in aller Ruhe den nächsten Pfeil und spannte den Bogen. Er legte an und schoss den zweiten Mann vom Wagen herunter. Seine Gefährten streckten vier weitere Reiter nieder. Noch 13 oder 14 Männer. Einige von ihnen hielten auf die Bäume zu, hinter denen sich Lanaya und Sulla versteckten. Ihnen blieb keine Zeit zum Schießen. Also sprangen sie mit gezogenen Schwertern und Kampfgeschrei den Reitern entgegen. Thomas und Gire erschossen zwei weitere Männer. Kars und Manty, bis dahin in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verborgen, empfingen diejenigen, die sich auf Thomas und Gire stürzen wollten.
Thomas zog sein Schwert aus der Erde und rannte auf den Weg. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, dann fiel ein lebloser Körper heraus. Thomas konnte erkennen, dass im Wagen gekämpft wurde. Er rannte darauf zu, doch ein Reiter stellte sich ihm in den Weg. Das Pferd stieg vor ihm hoch, ­Thomas wich aus und schlug sein Schwert durch das linke Bein des Reiters. Die Klinge blieb in der Seite des Pferdes stecken, das erneut hochging und ihm dadurch das Schwert aus der Hand riss. Schreiend vor Schmerzen fiel der Reiter nach hinten aus dem Sattel. Thomas konnte sein Schwert gerade noch packen, bevor das Tier die Flucht ergriff. Er blieb neben dem schreienden Mann stehen und schlug ihm den Kopf ab. Dann wandte er sich wieder der Kutsche zu.
Während er zum Wagen rannte, verschaffte er sich einen Überblick, ob seine Hilfe nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Lanaya schlitzte gerade mit ihrem Schwert einem Gegner den Hals auf und fuhr dann herum, um Sulla zu helfen. Gire, Kars und Manty erledigten den Rest. Für Thomas gab es nichts mehr zu tun.
Er ging zum Wagen und schaute hinein. Sarah saß auf der Bank. Vor ihr kniete ein Soldat, nicht mehr ganz lebendig. Sie hielt ihn mit gefesselten Händen von hinten am Hals umklammert, er röchelte nur noch vor sich hin. Thomas beendete seinen Todeskampf mit einem Schwertstich ins Herz. Sarah spürte, wie der Körper erschlaffte. Thomas packte ihn an den Haaren und zog ihn aus dem Wagen.
Sie stieg aus, in das bodenlange schwarze Kleid der zum Tode Verurteilten gehüllt. Sie fühlte sich schmutzig und war wütend. Thomas schnitt ihr die Handfesseln durch. Dann blickte sie sich um. Die schlangenhafte Lanaya und der schweigsame Manty waren dabei, die Herumliegenden auf Lebenszeichen hin zu untersuchen. Gire entfernte sich gemächlich und Sarah vermutete, dass er die Pferde holen wollte. Sie sah Thomas an, der ruhig vor ihr stand.
„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie.
„Ich freue mich, dich lebend zu sehen“, erwiderte Thomas. Er hielt ihrem forschenden Blick ruhig stand. „Wie geht es dir?“
„Ich bin wütend. Wütend auf diesen verfluchten Verräter Oluar! Und wütend auf mich!“
Thomas nickte. „Kann ich gut verstehen.“
„Ach, wirklich?“
Thomas hatte sie schon oft so erlebt und war unbeeindruckt. Er nickte erneut, und als Sarah zu einer Erwiderung ansetzte, deutete er auf den kleinen Kars Tersem, der sich ihnen schüchtern näherte. „Willst du die anderen gar nicht begrüßen?“
Sarah atmete tief durch, bevor sie antwortete: „Doch. – ­Hallo Kars. Bist du verletzt?“
Kars betastete seine Wange, auf der sich ein blutiger Striemen von der Schläfe an nach unten zog. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht wichtig, nur eine Kleinigkeit. Hauptsache, dir geht es gut. Oder muss ich dich jetzt anders anreden? Mit Hoheit?“
„Untersteh dich!“ Sarah trat zu Kars, fasste in seine dunkelgrünen Haare und drückte ihre Lippen gegen seinen Mund. „Es ist schön, dich zu sehen. Und dass du nicht ernsthaft verletzt bist.“
„Versucht haben die es ja.“ Kars deutete vage auf die Herumliegenden. „Aber ich hatte was dagegen.“
Sarah lächelte. Dann blickte sie zu Gire, der mit den Pferden ankam. Von einem der Pferde nahm er ein Bündel und reichte es ihr. Nach einem knappen Nicken entfernte er sich wieder und half Lanaya und Manty, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Sarah und Thomas sahen Sulla an, der schon eine Weile regungslos in der Nähe stand und sie beobachtete.
Sarah ging zu ihm und legte ihm die Hände auf die muskulösen Oberarme. Mit einem tiefen Blick in seine grünen Augen sagte sie leise: „Ich bin froh, dich zu sehen.“
Sulla nickte lächelnd. „Was hast du jetzt vor, Prinzessin?“
„Erst einmal dieses Kleid loswerden.“ Sarah trat einen Schritt zurück, dann packte sie das Kleid und zerriss es mit einer einzigen Bewegung. Darunter war sie nackt. Sulla wandte sich schnell ab, ebenso die anderen. Nur Thomas hielt den Blick auf Sarah gerichtet. Sie zog Hose und Hemd an, dann streifte sie die Stiefeln über. „Habt ihr auch mein Schwert?“, fragte sie.
„Ja.“ Kars trat zu seinem Pferd und brachte ihr kurz darauf einen eingewickelten Gegenstand. Sie nahm ihn entgegen und packte ihn aus. Zuerst wurde der schwarze Griff sichtbar. Sie umschloss ihn mit den Fingern, dann zog sie die Klinge aus der Scheide. Sirrend glitt sie durch die Luft, während Sarah verschiedene Figuren mit ihr malte. „Damit werde ich diesem Mistkerl den Kopf abschlagen!“, verkündete sie.
„Und dann?“, erkundigte sich Thomas. Die anderen sahen Sarah erwartungsvoll an. Sie musterte die Klinge, dann schob sie sie in die Scheide zurück. Ihr Blick glitt über die Wartenden und blieb zuletzt auf Thomas ruhen. Seine grünen Augen erwiderten den Blick gelassen.
„Dann werde ich die Königin von Untes sein!“
„Ein guter Plan“, sagte Thomas nickend. „Wir marschieren in den Königspalast, köpfen Oluar, erklären der Garde, dass er ein Mistkerl war, und alles ist gut. Du wirst das Land deiner Eltern regieren, die wir getötet haben.“
Sarahs Mundwinkel zuckten kurz. Gepresst fragte sie: „Hast du eine bessere Idee?“
Thomas deutete mit einer ausladenden Bewegung nach hinten. „Wir verlassen Untes und fangen irgendwo ein einfaches Leben an. Arbeiten. Bauen uns ein Haus. Irgendwo, wo uns niemand kennt.“
„Ein guter Plan.“ Sarah nickte. Sie hätte am liebsten losgeschrien, doch stattdessen sagte sie einigermaßen gefasst: „Davon habe ich schon immer geträumt. Eine einfache Bäuerin. Und dann Kinder. Verdammt, bist du bescheuert?!“ Ihr Wutaus­bruch ließ alle bis auf Thomas zusammenfahren. Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Wagen.
„Was machst du da?“, fragte Sarah in scharfem Ton.
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und seufzte. „­Sarah, du benimmst dich, als wärst du bereits eine Königin. Ich schaue nach, ob hier etwas ist, womit wir in die Stadt kommen.“
„Da ist nichts!“ Sarahs Stimme klang wieder weicher. Sie trat zu Thomas und legte die Arme von hinten um ihn. „Es tut mir leid. Ich bin so wütend! Er wollte mich hinrichten lassen, dieser verfluchte Mistkerl!“
„Das will er immer noch“, erwiderte Thomas, ihr den Kopf leicht zugewandt. „Und wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir einen Plan. Und zwar einen guten.“
„Und uns will er auch tot sehen“, bemerkte Lanaya. „Mit den zwei Dutzend hier wurden wir fertig, weil wir sie überrascht haben. Die Garde ist 500 Mann stark. Und sie werden gewarnt sein.“
„Nicht unbedingt“, sagte Sarah nachdenklich. Sie ging auf und ab. „Wenn wir es schaffen, im Palast zu sein, bevor die Kunde von meiner Befreiung dort ankommt, können wir Oluar erledigen. Er wähnt sich in Sicherheit.“
„Ein guter Plan“, stellte Thomas fest. Sarah spürte, wie sich ihr Körper kurz anspannte. „Wir reiten durch die Stadt? Damit alle sehen, dass du lebst und frei bist?“
Sarah schüttelte den Kopf, ging zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Sie ließ das Tier steigen und dann auf ­Thomas zugaloppieren. Erst wenige Schritte vor ihm brachte sie es zum Stehen und sagte: „Es gibt geheime Wege in den Palast.“
Thomas nickte stumm.
„Es ist nicht aussichtslos!“, fuhr Sarah fort. Ihr Pferd tänzelte. „Kommt ihr mit? Thomas?“ Thomas nickte erneut. Sarah richtete ihren Blick auf die hellblonde Lanaya, deren gelbe Augen ihn selbstbewusst erwiderten. „Und du, Lanaya?“
Lanaya lächelte leicht. „Es wird mir eine Freude sein.“
Gire, Kars, Manty und Sulla standen zusammen. Gire sagte auf Sarahs fragenden Blick hin: „Ja.“ Kars und Sulla nickten schweigend. Manty erwiderte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann ging er zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder seine Gefährten ließ er sein Pferd nach Norden galoppieren. Zum Palast.
„Gesprächig wie immer“, stellte Kars lachend fest. „Worauf warten wir noch?“ Statt einer Antwort riss Sarah ihr Pferd herum und ließ es Manty folgen. Thomas blickte sich um. Es war schon fast völlig dunkel. Sein Bauch verkrampfte sich kurz, doch er ignorierte es. Genau wie die anderen sechs stieg auch er auf sein Pferd und ließ es galoppieren.
Sie holten Sarah und Manty bald ein und ritten von da an gemeinsam auf der Hauptstraße in Richtung Retni. Thomas beobachtete Sarah von der Seite. Die rechtmäßige Königin von Untes starrte vor sich hin und ließ nicht erkennen, ob sie seine Blicke bemerkte. Hinter dem Hof des Selzo verließen sie die Hauptstraße und folgten nun dem kaum benutzten Weg zum Friedhof. Von der Stadt aus gab es andere, kürzere Wege dorthin. Das hatte den Vorteil, dass die Gefahr einer unliebsamen Begegnung nur sehr gering war.
Manty ritt voraus. Plötzlich ließ er sein Pferd anhalten und hob die Hand. Seine Gefährten stoppten auch sofort und verharrten angespannt, bereit, nach ihren Waffen zu greifen. So verging etwa eine Minute. Dann ließ Manty die Hand wieder sinken und ritt weiter. Die anderen atmeten tief durch. Sie hatten keine Angst vor einem Kampf, sie wünschten in diesem Moment aber auch keinen herbei.
Sie folgten Manty weiter bis zum Friedhof. Er stieg ab, ließ sein Pferd stehen und erkundete die Gegend. Dann kam er von hinten zurück. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln registrierte er, wie fast jede Hand verstohlen den Griff eines Schwertes losließ. Einzig die Königin hatte sich nicht bewegt.
Er schüttelte den Kopf.
„Wir lassen die Pferde hier stehen, für den Fall, dass wir fliehen müssen“, sagte Thomas.
Sarah sah ihn durchdringend an. „Warum gehst du davon aus, dass wir fliehen müssen? Hat dich Drav Tersem nicht gelehrt, deine Gedanken darauf zu konzentrieren, was du erreichen willst, und nicht darauf, was du nicht erreichen willst?“
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und starrte sein Pferd an. Er entgegnete langsam: „Er lehrte mich auch, auf alles vorbereitet zu sein. Unser Vorhaben ist gefährlich. Wir sollten auch das berücksichtigen, was uns unangenehm ist. Dein Hass sollte dich nicht blind machen, Sarah.“
Sie trat schnell an ihn heran und zwang ihn, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Ihre weißen Augen funkelten in der Dunkelheit. „Nicht ich bin blind, sondern du! Du hast dich verändert! Ich will meinen Thomas wiederhaben!“
Thomas musterte ihr Gesicht und sah in ihren Zügen wieder diese ungezähmte Wildheit, die er schon vor mehr als zehn Jahren darin gesehen hatte. Er spürte auch die Berührung ihrer Hände auf den Schultern, die Kraft in ihren Fingern. Und er merkte, wie ihre Gedanken sich durch seine Augen in seinen Kopf bohrten und ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ließen. So nickte er langsam. „Mag sein, Sarah, dass mich die Ereignisse vorsichtig gemacht haben. Wie nah warst du dem Tod?“
„Vor dem Tod habe ich keine Angst!“, erwiderte sie heftig. „Wenigstens hätte ich dann endlich meinen Frieden!“ Sie hielt inne, selbst erschrocken über das, was sie gesagt hatte. Leise sagte sie: „Lass uns gehen und diesen Mistkerl töten, Thomas.“
„Ja, dafür sind wir hier.“
Sarah fuhr herum. „Seid ihr bereit?“
„Wir sind bereit, Prinzessin“, antwortete Sulla. „Wir folgen dir.“
Sarah nickte. Sie blickte nach hinten, zu Thomas. Er nahm sein Schwert in die linke Hand und ging voran.
In der Dunkelheit der Nacht hatte Sarah das Gefühl, als entstiegen die Geister der Verstorbenen ihren Gräbern und flögen in alle Himmelsrichtungen davon. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen fest und richtete den Blick auf den Rücken von Thomas. Wie oft waren sie, auch nachts, vom Schloss aus durch den geheimen Gang hierhergekommen und hatten sich über die Leute lustig gemacht, die Angst vor den Geistern hatten. Doch heute spürte Sarah selbst diese Angst. Sie fragte sich, ob es vielleicht daran lag, dass sie heute hätte hingerichtet werden sollen. Möglicherweise waren die Geister echt, und diejenigen, die selbst fast tot waren, konnten sie sehen und hören.
Sie erschauderte.
„Ist dir kalt?“, fragte Kars, der hinter ihr ging. Sie schüttelte den Kopf und war froh, als Thomas neben dem Baum anhielt, in dessen Innerem sich der Zugang zur Höhle befand. Der Stamm war sehr dick, so dick, dass Thomas und sie zusammen ihn nicht hatten umfassen können, als sie es vor wenigen Jahren einmal versucht hatten. Er teilte sich in Kopfhöhe, als hätte eine übermenschliche Faust von oben auf den Baum eingeschlagen. Wie drei Arme ragten die Fortläufer des Stammes nach oben und zwischen ihnen befand sich der Eingang. Ausgehöhlt vom Regen oder vielleicht auch von Tieren. Die derart entstandene Höhle führte durch den Stamm unter die Erde und unterirdisch bis in den Palast. Der erste Teil, der abwärts führte, war am schwersten zu passieren, denn es gab keine Stufen. Nur die Unebenheiten an der Innenseite des Baums boten etwas Halt für Füße und Hände.
Thomas hängte sich sein Schwert über den Rücken. Die anderen beobachteten ihn. Der Mond lieferte genug Licht, um ihn gut zu erkennen. Er packte einen der Stammfortsätze und schwang sich hoch. Ohne einen weiteren Blick auf seine Gefährten sprang er durch den Stamm nach unten.
Manty kletterte auf den Baum und folgte Thomas. Kars sog hörbar die Luft ein, als Gire hochkletterte. Der war sich der Ausmaße seines Körpers wohl bewusst und wählte den langsameren, sicheren Weg, indem er mit den Füßen tastend sicheren Halt suchte. Ihm folgte Lanaya mit den Worten: „Dann falle ich wenigstens weich.“ Grinsend machte sich der breitschultrige Sulla daran, hinter ihr in den Baum zu klettern. Nur noch Kars und Sarah waren übrig.
„Ich gehe zuletzt“, erklärte Sarah.
Kars sah sie an, und in seinem Blick lag etwas sehr Trauriges. So etwas wie Abschied. Sarahs Magen verkrampfte sich, und für einen sehr kurzen Augenblick dachte sie, dass der Vorschlag von Thomas vielleicht doch nicht so schlecht war. Aber dann siegte ihr Stolz. Sie nahm den Kopf von Kars und zog ihn an sich. Ihre Lippen berührten sich. „Für dich sterbe ich“, sagte er. Dann riss er sich los, kletterte schnell auf den Baum und verschwand darin.
Sarah spürte ihr Herz wie wild schlagen und lehnte die Stirn gegen den Baumstamm. Sie war völlig durcheinander, Übelkeit stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie einfach losgeschrien, nur ihre Selbstbeherrschung hinderte sie daran. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem keine Umkehr mehr möglich war. Sarah spürte auf einmal ganz deutlich, dass sie ihre Gefährten in ein Abenteuer gedrängt hatte, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Egal wie es ausging, sie würde verlieren. Doch dann sagte sie sich, dass sie bereits verloren hatte, als sie geboren worden war. Wenn sie schon sterben musste, dann wenigstens im Kampf. Sie atmete tief durch und kletterte auf den Baum, um ihren Freunden zu folgen.
In der Höhle war es eng, doch nicht so eng wie im Baumstamm selbst. Immerhin konnten zwei Leute nebeneinanderstehen. Die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sogar der sonst so unerschütterliche Thomas klang leicht gereizt, als er fragte, ob sie noch Pilze sammeln gewesen wäre. Sarah verkniff sich eine Antwort, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war. Stattdessen drängte sie sich an ihren Gefährten vorbei und ging vor. Thomas unterdrückte seinen Ärger, denn als sie ihn berührte, konnte er deutlich ihre Angst spüren. Ihm wurde bewusst, unter welcher Anspannung sie stand, und das ließ schlagartig seine Wut in etwas umschlagen, das sich fast schon wie Mitleid anfühlte. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, doch daran denkend, dass ihre Dickköpfigkeit auch sein Leben in Gefahr brachte. Realistisch betrachtet war die Chance, dass sie dieses Unternehmen überlebten, nicht sehr hoch. Trotzdem gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass er das Richtige tat. Und er war sich sicher, dass die anderen genauso dachten.
Bis auf Sarah vielleicht.
Der Weg war anstrengend. Wer auch immer für den Bau der Höhle verantwortlich gewesen war, hatte es nicht da­rauf angelegt, den Boden eben und gut begehbar zu machen. Oft wurde die Höhle so schmal, dass Gire und Sulla nur quer durchgehen konnten. Sarah fluchte ab und zu, wenn sie in Spinnennetze lief und sich mal wieder eine Spinne in ihren Haaren verfing. Einmal merkte sie, wie eine aus ihren Haaren auf ihr Ohr krabbelte, und schlug wild nach ihr, wobei sie die Überreste des Tieres auf ihrem Ohr und in den Haaren verteilte. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Gefährten im Rücken und ging schneller. Sie war froh, dass ihre Gesichtsröte in dem schwachen Licht der Fackeln, die am Anfang der Höhle bereitgelegen hatten, auf keinen Fall zu sehen war.
Sie nutzte die nächsten Meter des Weges, um sich zu beruhigen. Es war nicht die Begegnung mit der Spinne, die ihr zu schaffen machte. Ihre übertriebene Reaktion wurde von einer inneren Unruhe verursacht, die sich ihrer auf dem Friedhof bemächtigt hatte. Sie wunderte sich über sich selbst.
Mantys Stimme riss sie aus den Gedanken. Manty, den sie in all den Jahren kaum hatte sprechen hören, sagte plötzlich: „Ich glaube, wir werden beobachtet.“
Thomas drehte sich um und sah ihn an. „Hier? Vielleicht von irgendwelchen Fledermäusen.“
Manty erwiderte seinen Blick ohne eine Regung. „Fledermäuse haben keine Augen.“
Thomas zuckte die Achseln und erwiderte: „Hier kann sich nichts und niemand verstecken. Hier ist kaum Platz genug für uns.“
Sarah schwenkte ihre Fackel herum, doch außer dem engen Höhlengang konnte sie nichts erkennen. „Hier ist wirklich nichts, Manty.“
„In Ordnung“, brummte der. „Gehen wir jetzt weiter?“
Thomas wechselte einen Blick mit Sarah. Ihrer verriet eindeutig, dass sie Manty für nervös hielt und dass er wohl da­rum schon Geister sah. Eine andere Erklärung hatte er ja auch nicht. Dass sie wirklich beobachtet wurden, hielt er für ausgeschlossen.
Sarah ging wieder vor. Weit mehr als die Hälfte des Weges hatten sie schon geschafft, und das gab ihr neuen Mut. Als die Höhle vor ihr breiter wurde und dann einen Knick machte, atmete sie laut aus. Sie waren am Ziel. Vorläufig zumindest. Im Schloss.
„Wir sind da“, sagte sie mit vibrierender Stimme.
„Wurde ja auch Zeit!“, knurrte Sulla hinter ihr.
Sarah warf einen Blick auf den muskulösen Kerl und grinste leicht. „Nichts für dich, hier unter der Erde, oder?“ Sulla schüttelte den Kopf. Sarah sah wieder nach vorne und sagte: „Da kommt gleich die Tür, hinter der die ganzen Toten aus den Kerkern abgelegt werden. Es … es stinkt ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, echote Lanaya und verzog das Gesicht.
„Jedenfalls kommen wir so ins Schloss“, entgegnete Sarah. „Nur das ist wichtig!“
„Ja, schon gut, Hoheit, ich wollte dich nicht kritisieren“, erwiderte Lanaya kopfschüttelnd.
Sarah schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. In der Zwischenzeit schaltete sich Thomas ein: „Wir sollten einfach mal weitergehen, was meint ihr?“
Sarah nickte und setzte sich in Bewegung. Sie kannte Lanaya doch, warum regte sie sich also auf? Lanaya war eine treue Freundin, auf die sie sich immer verlassen konnte. Sie hatte eben ein freches Mundwerk, aber das mochte sie sogar an ihr. Oder lag es daran, dass Lanaya und Thomas …? Ach, er war ihr doch zu nichts verpflichtet! Dummes Weib!, schalt sie sich und beschloss, sich ab sofort wieder voll und ganz auf das Unternehmen zu konzentrieren.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit war plötzlich wieder in der Gegenwart, als sie versuchte, die Tür aufzudrücken, und diese sich kaum bewegen ließ. Sie war verwirrt. Sie versuchte es erneut und warf sich mit der Schulter gegen die Tür – ohne Erfolg. Sie bewegte sich zwar anstandshalber ein winziges Stück, aber durch die so entstandene Öffnung wäre nicht einmal eine dieser lästigen Spinnen gekommen.
Sarah trat zurück und warf einen Blick auf Gire. Er ging an ihr vorbei zur Tür und drückte versuchsweise dagegen. Sie bewegte sich ein wenig, aber offensichtlich wurde sie auf der anderen Seite durch etwas blockiert. Gire trat mit dem Fuß dagegen, was das Holz splittern ließ, aber ansonsten keine nennenswerte Auswirkung hatte. Gire fluchte. Dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür, und endlich ging sie auf. Nein, sie ging nicht, sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und flog in den Raum hinein. Gefolgt von Gire, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Nicht auf den Boden, denn dieser war mit Leichen und Leichenteilen in ganz unterschiedlichen Verwesungszuständen bedeckt. Ein schier unerträglicher Gestank kam den Gefährten entgegen, während Gire seine ganze Kraft brauchte, um nicht ohnmächtig zu werden. Er ließ sich davon nichts anmerken. Stattdessen richtete er sich auf und sagte zu Sarah: „Die Tür ist offen, Majestät. Würdest du bitte eintreten?“
„Danke“, erwiderte sie. Dann holte sie tief Luft und ging, ohne zu atmen, voran.
Nachdem sie sich durch die Leichenberge gekämpft hatten, gelangten sie auf einen modrigen Korridor. Jetzt erst wagte Sarah es, wieder Luft zu holen. Der Gestank war immer noch fürchterlich.
„Hoffentlich hat dieser Empfang keinen symbolischen Charakter“, bemerkte Kars.
„Und wenn doch, ist es auch egal“, erwiderte Thomas. „Teufel auch, so schlimm war es beim letzten Mal noch nicht!“
„Das muss Oluar gewesen sein“, sagte Sarah düster. „Vielleicht hat er so alle unliebsamen Zeugen beseitigt.“
Thomas nickte. „Ja, könnte sein. Ein Grund mehr, ihn aus dem Weg zu schaffen.“ Diesmal ging Thomas vor. Die Gänge hier unten waren alles andere als hell und großzügig, aber doch viel angenehmer zu begehen als der unterirdische Geheimgang, durch den sie hierhergekommen waren.
Thomas hielt sein Schwert mit blanker Klinge in der rechten Hand. Seitdem Manty in der Höhle davon geredet hatte, dass er sich beobachtet fühlte, verspürte er ein zunehmendes Unbehagen. Vielleicht hätten sie seine Bedenken nicht einfach so abtun sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Wie sehr, das wurde ihm klar, als sie sich hinter einer Abbiegung plötzlich Oluar und mehreren Soldaten gegenübersahen. Ein halbes Dutzend der Männer hielt gespannte Bogen mit den Pfeilspitzen auf sie gerichtet. Sie saßen in der Falle, denn hinter ihnen kamen aus irgendwelchen dunklen Ecken weitere Soldaten, viele von ihnen ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Thomas ließ sein Schwert, das er reflexartig zum Schlag erhoben hatte, langsam wieder sinken.
„Eine weise Entscheidung!“, rief Oluar lachend. „Und jetzt sag deinen Freunden, dass sie es dir gleichtun sollen. Sonst müsste ich meinen Soldaten sagen, dass sie schießen sollen. Und das täte mir außerordentlich leid!“
„Lügner!“, schrie Sarah mit wutverzerrtem Gesicht. „Ich bring dich um! Komm her und kämpf wie ein Mann!“
Sie wollte sich auf Oluar stürzen. Im letzten Augenblick wurde sie von Gire festgehalten und hochgehoben. Sie trat wild um sich. Ihre Selbstbeherrschung reichte gerade eben aus, um nicht mit dem Schwert nach Gire zu schlagen.
„Lass mich los! Verdammt noch mal, Gire, lass mich los! Ich bring ihn um!“
„Sarah!“ Thomas sprang vor die Tobende und riss ihr das Schwert aus der Hand. „Komm zu dir! Du würdest lebend nicht einmal in seine Nähe kommen!“
„Hör auf deinen kleinen Freund, denn er hat recht!“, rief Oluar. „Ich will euch nicht töten lassen, aber ich tu es, wenn ihr mich zwingt.“
Sarah erstarrte. „Gib mir mein Schwert zurück!“ Thomas dachte kurz nach, dann gehorchte er. Sie nahm das Schwert an sich und wandte sich dann Gire zu. „Und du, lass mich los!“
„Bleibst du dann ruhig?“, erkundigte sich Gire.
„Du hast mir nichts zu befehlen!“, fauchte sie. „Lass mich los!“
„Nur wenn du keine Dummheiten machst.“
„Lass mich sofort los!“, kreischte Sarah. Dann atmete sie ein paarmal durch. „Also gut, lass mich jetzt bitte los.“
Gire nickte und gehorchte.
„Bravo!“, rief Oluar applaudierend. „Wie herrlich sie euch doch im Griff hat!“
„Vorsicht, du miese Ratte. Einer von uns könnte noch lebend bei dir ankommen und dich einen Kopf kürzer machen.“ Die ruhige Art, mit der Thomas das sagte, stand im krassen Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Sarah erschauderte unwillkürlich. „Was willst du, Oluar?“
Der fuhr sich mit der Hand durch seine gelben Haare. „Ihr wisst, dass ihr keine Chance habt. Und mal ganz ehrlich, was wollt ihr hier überhaupt?“
„Du sitzt auf meinem Thron!“, erwiderte Sarah heftig. „Wir holen uns zurück, was mir gehört!“
„Was dir gehört?“ Oluar lachte laut auf. „Du hast deine Eltern getötet!“
„Du fette Wanze!“, schrie Sarah. „Du warst genauso daran beteiligt! Du Scheißkerl!“
„Na, na, was schreist du da rum?“ Sarah, die Oluar gut kannte, bemerkte das leichte Flackern seiner Augenlider. „Das war ganz anders, meine Liebe. Ich wollte euch davon abhalten, diese fürchterliche Tat zu begehen. Leider kam ich zu spät. Aber ich verspreche euch, wenn ihr euch jetzt ergebt, sorge ich für ein gerechtes Verfahren.“
„Niemals!“, rief Sarah. „Lieber sterbe ich! Und außerdem glaube ich dir sowieso kein Wort! Du hast mich foltern lassen!“
„Meine Leute waren da etwas übereifrig. Das tut mir leid“, erwiderte Oluar in beschwichtigendem Tonfall. „Aber ich verspreche dir, dass ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr euch ergebt.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Sarah“, sagte Thomas leise. „Sarah. Denk nach. Niemand hat was davon, wenn wir hier ein Schlachtfest veranstalten.“
Sarah fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Selbst im flackernden Fackellicht war das gut zu sehen. Thomas spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Er war bereit, für sie zu sterben, wenn es sein musste, auch hier und jetzt. Aber ihm war es lieber, wenn sie zur Vernunft kam.
Sarah kämpfte mit sich. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Freunde, die mit erhobenen Schwertern bereitstanden, um in den Tod zu rennen. Was für ein Wahnsinn!, dachte sie. Als sie Thomas in die Augen blickte, sah sie darin seinen Zwiespalt und seinen Schmerz.
Sie warf ihr Schwert auf den Boden und senkte den Kopf.
„Das ist eine kluge Entscheidung“, bemerkte Oluar mit kaum verhohlener Freude. „Legt sie in Ketten und bringt sie in den Kerker!“, befahl er dann mit harter Stimme. Mit diesen Worten machte er kehrt und ließ sie zurück.
*
Ihre Lage wirkte ziemlich aussichtslos. Thomas betrachtete seine Gefährten, ihre Umgebung, und spürte in seinen Körper hinein, um ganz nüchtern für sich festzustellen, dass Sarahs Idee vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Sie standen oder saßen alle an einer Wand, angekettet, so unbequem wie nur möglich. Die Hände über den Köpfen in Fesseln, sodass sie nur für kurze Zeit sitzen konnten. Denn nach wenigen Minuten begannen die Schultern und Arme zu schmerzen. In der Zelle war es kalt und klamm, und sie konnten die Schreie von anderen Gefangenen hören, die allem Anschein nach gefoltert wurden.
„Wir hätten vielleicht auf dich hören sollen, Sarah“, stellte er fest und erschrak darüber, wie müde seine eigene Stimme klang.
Sarah, die links von ihm stand und bislang den Boden angestarrt hatte, hob den Kopf, um ihn anzuschauen. „Ach, ­Thomas … jede Entscheidung wäre die falsche gewesen. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Wir haben lediglich unseren Tod hinausgezögert.“
„Du meinst also, er wird sein Wort nicht halten?“, erkundigte sich Kars.
„Oh, ich bin sicher, er wird sein Wort nicht brechen“, bemerkte Lanaya. „Zumindest aus seiner Sicht. Ich glaube, wir verstehen unter einem gerechten Verfahren etwas anderes als dieser verfluchte Mistkerl.“
„Ach ja?“
„Das denke ich auch“, mischte sich Thomas ein. „Aber was soll´s. Wenigstens sind wir noch am Leben. Ihr wisst ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Ja, natürlich“, sagte Sarah, doch sie klang nicht sehr überzeugt. Thomas versuchte ein Lächeln.
„Ich glaube daran, dass das nicht unser Ende sein wird.“
„Genau, der Glaube versetzt Berge“, erwiderte Sarah spöttisch. „Kann er auch Ketten sprengen?“
„Wenn man fest genug daran glaubt, dann ganz sicher.“ Gire stand, während er das sagte, regungslos da. Er war der Einzige, der einigermaßen bequem hätte sitzen können. „Ist nur blöd mit dem Glauben. Wenn es nicht geklappt hat, war der Glaube nicht stark genug. Die Ausrede funktioniert immer.“
„Wohl wahr.“ Kars seufzte. „Und wer von uns glaubt grad nicht fest genug? Wer zweifelt? Wer verhindert, dass wir frei sind und diesen dämlichen Schweinehund einen Kopf kürzer machen? Wer ist es?“
„Ich vermute, dass du es bist!“, rief Lanaya lachend. „Ach, Kleiner, wir sind doch alle freiwillig hier. So schnell kriegt man uns nicht klein.“
„Das hoffe ich mal“, bemerkte Thomas. „Da kommt jemand, hört ihr das?“
Alle konnten hören, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Bald darauf erschien eine zarte Frauengestalt in der Zellentür und ging schnellen Schrittes zu Thomas. „­Katharina!“, rief der erstaunt. „Was machst du denn hier?“
„Thomas!“, sagte sie mit tränenverschleierten Augen. „Oh, mein armer Bruder! Die Nachricht von eurer Gefangennahme ist schon in der ganzen Stadt angekommen.“
Thomas betrachtete voller Liebe seine Schwester und sog ihren Anblick in sich auf. Ihre zweifarbigen Augen, die langen, dunkelblonden Haare, die zarte Gestalt. „Du solltest mich nicht so sehen“, sagte er leise. „Überhaupt, es ist gefährlich für dich, hier zu sein.“
Katharina schmiegte sich an ihn und Thomas verfluchte die Ketten, die ihn daran hinderten, sie in die Arme zu nehmen. „Keine Sorge, Bruderherz“, flüsterte sie. „Wir werden euch befreien.“
„Wer ist wir?“, fragte er flüsternd zurück.
„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Aber wir haben einen Plan. Morgen, in der Nacht, holen wir euch hier raus. So lange müsst ihr durchhalten.“
„Kein Problem, das schaffen wir schon“, erwiderte Thomas. „Aber seid vorsichtig, wer auch immer dazugehört. Oluar ist gefährlich. Er hat gewusst, dass wir kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie er das wissen konnte.“
„Er hat uns gesehen“, bemerkte Manty. „Ich habe es gespürt und euch gewarnt.“
„Ja, das hast du“, knurrte Gire. „Aber wie konnte er uns sehen?“
„Keine Ahnung.“ Manty zuckte die Achseln.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, stellte Sarah fest, dabei ­Katharina betrachtend. „Wie hast du es geschafft, dass sie dich reingelassen haben?“
Katharina schlug die Augen nieder. „Frag nicht.“ Sie holte tief Luft, dann griff sie unter ihren Mantel und holte Brot hervor. Da die Gefesselten es nicht selbst zum Mund führen konnten, fütterte sie alle der Reihe nach. Thomas beobachtete sie zugleich erfreut und besorgt. Als Manty an der Reihe war, zögerte Katharina kurz. „Es tut mir leid, Manty.“
Der schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld.“
„Niemand konnte das ahnen“, flüsterte Sarah, auf den Boden starrend. „Niemand konnte ahnen, dass ich mal meine eigenen Eltern umbringen würde. Niemand.“
„Aber warum habt ihr das überhaupt getan? Du hast deine eigenen Eltern getötet. Warum?“ Katharina sah die blauhaarige Frau verzweifelt an. „Was bringt eine Tochter dazu, ihre eigenen Eltern zu töten? Was haben sie dir denn angetan, dass du sie so gehasst hast?“
„Ich habe sie nicht gehasst!“, erwiderte Sarah wütend. „Ich habe sie geliebt, darum musste ich sie töten! Verstehst du, ich habe es aus Liebe getan! Ich konnte nicht anders! Sie … sie haben alles verraten, woran ich geglaubt habe! Sie haben ihr Land verraten, ihre Leute – und mich!“
Katharina ließ den Blick von Sarah zu Thomas schweifen. „Erklär du es mir! Ich verstehe das nicht!“
Thomas schüttelte den Kopf. „Schwesterherz, da gibt es nichts zu erklären. Für Sarah ist es, als hätte sie sich ihr eigenes Herz rausgeschnitten. Aber es ging nicht anders.“ Er wandte den Blick ab. „Du solltest jetzt lieber gehen.“
Katharina trat zu ihm und umarmte ihn. „Wir werden euch holen“, flüsterte sie. „In der nächsten Nacht holen wir euch. Haltet durch!“
Thomas nickte. „Ja, das tun wir, meine liebe Schwester. Pass du auf dich auf. Es kommen schwere Zeiten.“
„Ja, das tun sie.“ Katharina verließ eilig die Zelle und blickte nicht mehr zurück, weil ihr der Anblick das Herz gebrochen hätte.
*
Thomas ließ sich die Hände am Rücken fesseln. Es gefiel ihm nicht, aber es schien Sinn zu machen. Offensichtlich sollte ihnen jetzt der Prozess gemacht werden, und klar, dass Oluar vorsichtig war. Er konnte es sehr gut nachvollziehen. Gire knurrte zwar vor sich hin, aber nach einem Blick auf Thomas, der die Prozedur ruhig über sich ergehen ließ, leistete er keinen Widerstand. Und auch Sarah, die kurz daran gedacht hatte, etwas zu unternehmen, verhielt sich vernünftig. Zumindest hätte es Thomas so bezeichnet, dessen war sie sich sicher.
„Wohin gehen wir“, erkundigte sie sich, als die Soldaten sie und die anderen in Richtung Tür schubsten.
„In den Hof“, erwiderte einer der Soldaten grinsend.
„In den Hof?!“ Sarah blieb stehen und erhielt einen Schlag in den Rücken. „Los, weiter!“, brüllte ihr einer der Männer ins Ohr. Als jedoch auch die anderen stehen blieben, zogen alle Soldaten ihre Schwerter und umstellten sie.
„Oluar hat uns ein gerechtes Verfahren versprochen“, sagte Thomas so ruhig, wie es ihm nur möglich war.
„Das werdet ihr auch bekommen“, erklärte einer der Soldaten, der seiner Uniform nach die Befehlsgewalt hatte.
„Im Hof, oder was? Verfahren werden nicht im Hof abgehalten, da werden die Urteile vollstreckt. Und zwar die Todesurteile!“ Sarah trat versuchsweise nach einem der Soldaten, doch als dessen Klinge ihr Bein nur knapp verfehlte, sprang sie schnell zurück. „Dieser Bastard will uns nur möglichst schnell loswerden, damit ihm niemand mehr den Thron streitig machen kann! Das ist die Wahrheit!“
„Wir haben nicht das Recht, Anweisungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Und die Anweisung lautet, euch in den Hof zu bringen und jeden, der sich widersetzt, sofort zu töten.“ Der Kommandant deutete auf die Tür. „Es ist eure Entscheidung.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich die rechtmäßige Königin bin?“ Sarah zerrte bei diesen Worten wie wild an ihrer Handfessel, aber ohne jeden Erfolg.
„Du hast deine Eltern getötet. Damit hast du jedes Recht auf den Thron verwirkt“, antwortete der Kommandant. „Und jetzt bewegt euch, sonst gebe ich meinen Leuten den Befehl, jeden von euch, der sich nicht zur Tür bewegt, sofort zu töten!“
„Komm, Sarah“, sagte Thomas. „Ein Massaker hier unten macht keinen Sinn. Wir können nicht gewinnen.“
Sarah starrte ihn düster an, doch sie sah ein, dass er recht hatte, und ging zur Tür. Ihre Freunde folgten ihr, betreten auf den Boden schauend. Einzig Lanaya ging hocherhobenen Hauptes; sie musterte den Kommandanten wütend, und als sie nah genug an ihm dran war, spuckte sie ihm blitzschnell ins Gesicht. Sofort flogen Schwerter in die Höhe, doch der Kommandant hielt seine Leute mit einer Handbewegung auf.
„Du weißt, wofür das war“, bemerkte Lanaya. Der Mann nickte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht.
Später fragte Kars leise: „Eins deiner Abenteuer, Lanaya?“ Sie nickte stumm. Ihr war nicht nach Erzählen zumute. Sie spürte ganz deutlich die Nähe des Todes und ahnte, dass ihr junges Leben heute enden würde.
Der Hof, wie der öffentliche Hinrichtungsplatz von Retni genannt wurde, war voll mit Menschen. So voll, dass die Soldaten eine Schneise in die Menschenmenge schlagen mussten, um die Gefangenen in die Mitte führen zu können. Hier standen auf einem Podest fünf Galgen bereit. Alle Gefangenen wurden auf den Podest geführt, und von hier aus konnten sie dann auch sehen, warum es nur fünf Galgen gab. Zwei von ihnen sollten auf eine wesentlich grausamere Art und Weise sterben. Es gehörte nicht viel Überlegung dazu, zu erraten, wer diese zwei sein würden.
Die Menschenmenge jubelte, als die Gefangenen auf den Podest geführt wurden, und rief immer wieder: „Tod den Verrätern! Tod den Verrätern und Königsmördern!“ Oluar hatte gute Arbeit geleistet. Thomas ließ seinen Blick äußerlich ungerührt über die Menschenmenge schweifen, dann wandte er den Blick nach oben. Dort befand sich die Galerie, von der aus Mitglieder der Königsfamilie einer Hinrichtung beiwohnen konnten, wenn sie wollten. Auch er hatte schon dort zusammen mit ­Sarah gestanden. Es war ein seltsames Gefühl, nun selbst auf diesem Podest zu sein. Auf der Galerie befand sich Oluar mit einigen Männern, die Thomas flüchtig vom Sehen kannte.
Nun trat ein Mann, der sich bis dahin im Schatten aufgehalten hatte, hervor. Es war der Königliche Richter, und spätestens jetzt wusste Thomas, dass Oluar wirklich nicht daran dachte, ihnen so etwas wie ein Verfahren zuzugestehen. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich lästige Zeugen beseitigen und zugleich dem Volk gegenüber ein Exempel statuieren. Von Königen zu Bauernopfern, so schnell konnte es gehen.
„Im Namen des Volkes …“, setzte der Königliche Richter an und verstummte – darauf wartend, dass die Menschenmenge still wurde. Als es schließlich so still wurde, dass selbst das Summen einer Fliege zu hören gewesen wäre, fing er erneut an: „Im Namen des Volkes und des Königs von Untes! Kraft meines Amtes verkündige ich folgende Urteile:
Gire Tabar, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Kars Tersem, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Lanaya Von, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Sulla Zut, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Manty Gök, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Und nun zu den beiden Hauptschuldigen!
Thomas Ay, du wurdest wegen des Mordes und aktiver Beihilfe zum Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch das Kreuz verurteilt! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden!
Und schließlich zu dir, Sarah Kayla, der Haupttäterin! Als solche verurteile ich dich zum Tode durch das Kreuz! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Dieses Urteil ergeht im Namen des Volkes und des Königs! Ein Widerspruch wird ausgeschlossen! Alle Urteile werden jetzt vollstreckt! Zuerst erfolgt die Kreuzigung, hiernach sind die Kreuze so aufzustellen, dass die beiden Gekreuzigten zusehen müssen, wie ihre verräterischen und feigen Mittäter den Tod durch Hängen finden.
Henker, beginnt eure Arbeit!“
Für einen Moment herrschte noch Stille, dann begann der Mob zu toben und forderte, dass die Verurteilten endlich hängen sollten. Die Henker kamen auf den Podest und wurden von Sarah mit einem Fußtritt empfangen. Der getroffene Henker riss zwei weitere mit nach unten, doch die anderen schafften es, die sich wild wehrende Sarah zu bändigen und festzuhalten.
„Ich verfluche dich, Oluar!“, schrie sie zur Galerie hinüber. „Ich verfluche dich und ich verspreche dir, dass ich wiederkommen und dich holen werde! Du bist bereits tot, du weißt es nur noch nicht! Verflucht sollst du sein! Ich komme und hole dich, das verspreche ich dir bei meiner Seele und bei Gott!“
Auf einen Wink Oluars hin rammte einer der Soldaten seine Faust in Sarahs Bauch, sodass sie sich vor Schmerz krümmte und röchelnd verstummte. Thomas wurde festgehalten, als er ihr zu Hilfe eilen wollte. Beide wurden jetzt vom Podest heruntergezerrt und zu den Kreuzen geschleift, während die Henker jedem ihrer Freunde den Strick um den Hals legten. Zuerst kam Sarah dran. Ihre Hände wurden von den Fesseln losgemacht, während jeder Arm von einem Henkersgehilfen festgehalten wurde. Trotzdem schaffte sie es, einen Arm zu befreien und dem Gehilfen, der den anderen Arm festhielt, die Finger in die Augen zu stoßen, sodass dieser unter wildem Geschrei zurücktaumelte. Doch bereits im nächsten Moment wurde sie von mehreren kräftigen Männern zu Boden gedrückt. Zwei hielten ihre Hand an den Querbalken des Kreuzes, während ein dritter den Nagel ansetzte und ihn mit mehreren Hammerschlägen durch den Handwurzelknochen in das Holz trieb.
Sarahs markerschütternder Schmerzensschrei holte Thomas aus seiner Lethargie. Er bäumte sich unerwartet auf unter den zwei Männern, die ihn zu Boden drückten, und als sie von ihm herunterkullerten, setzte er seine Beine ein, um sie vorübergehend kampfunfähig zu machen. Dann sprang er auf und wollte zu Sarah laufen. Nach wenigen Schritten wurde er von einem Soldaten umgerannt und dann von einigen Männern zum Kreuz zurückgeschleift. Mehrere Schläge prasselten auf ihn ein und ließen ihn bewusstlos werden.
Währenddessen kämpfte Sarah einen verlorenen Kampf um ihr Leben. Sie schlug und trat um sich, aber sie wurde von vielen Händen festgehalten. Ihr linker Arm war unnütz, mehr noch, eine Quelle bestialischen Schmerzes. Der andere wurde nun von gleich drei Männern festgehalten und auf das Holz gedrückt. Wenige Augenblicke später war auch die rechte Hand festgenagelt.
Sarah hörte auf zu schreien und sich zu wehren. Sie hörte plötzlich gar nichts mehr. Wie durch einen Schleier sah und spürte sie, dass ihr die Stiefel ausgezogen wurden. Dann legte man ihre Füße übereinander, und mit einem besonders langen Nagel wurden auch diese am Kreuz befestigt. Den Schmerz dabei nahm sie gar nicht mehr wahr.
Thomas wurde vom ersten Schmerz wach. Unfähig, sich zu rühren, sah er sein Blut aus dem Handgelenk spritzen. Mindestens ein Dutzend Männer, Soldaten und Gehilfen, hielten ihn fest. Dann kam seine zweite Hand dran. Er spürte den Geschmack vom Blut im Mund, als er sich die Zunge durchbiss, um nicht zu schreien. Denn diese Genugtuung wollte er dem Mob nicht bereiten. Auch als seine Füße festgenagelt wurden, blieb er stumm. Nur das zwischen den Lippen hervorsickernde Blut zeugte von seiner Qual.
Die schlimmsten Schmerzen begannen, als die Kreuze nun hochgezogen und in zuvor eigens dafür ausgehobene Löcher gestellt wurden. Thomas hörte, wie Sarahs Schultergelenke auskugelten. Seine eigenen hielten noch, doch der Schmerz in den Muskeln und Sehnen war kaum auszuhalten. Durch einen Tränen- und Blutschleier blickte er auf seine Freunde hinab.
Er sah, wie der Henker an den Hebel für die Falltür trat. Er fing den Blick von Gire auf, der ihn leicht angrinste. Dann öffnete sich die Falltür und fünf Körper fielen nach unten. Der Mob schrie auf. Sulla und Kars waren sofort tot. Mantys Kopf wurde durch den zu langen Fall vom Hals gerissen, sodass sein kopfloser Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel und der Kopf über den Podest kullerte. Seine Augen bewegten sich wild hin und her und der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Lanaya zappelte wild, aber ihr Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel vom Hals herab. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Genick gebrochen war. Nach einer halben Minute oder auch mehr wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich genauso regungslos am Seil hing wie Sulla und Kars.
Auch Gire bewegte sich nicht, aber seine Augen waren offen und seine Lippen zusammengepresst. Er lebte und seine harten Muskeln hatten den Genickbruch verhindert. Er lebte und würde irgendwann ersticken. Solange seine Muskeln angespannt und hart blieben, konnte er atmen. Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen, seine Muskeln würden erschlaffen und das Seil würde ihm die Luft abwürgen. Danach konnte es noch Minuten dauern, bis er wirklich tot war.
Der Mob war verstummt und beobachtete ihn entsetzt. Einer der Männer neben Oluar beugte sich über das Geländer und erbrach sich auf die darunter Stehenden. Gire schaute aus den Augenwinkeln zu Sarah hinüber, dann beobachtete er Thomas. Er wusste, dass er es sich nur unnötig schwer machte, aber er wollte diesem Mob etwas bieten.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis er nach einer letzten Zuckung das Bewusstsein verlor und starb.
*
Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann ­Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„Sie werden nun Schlaf brauchen, viel Schlaf. Was ist mit dir, mein Kind? Sie werden nach dir suchen und wissen, dass du geholfen hast.“
„Das ist mir egal! Ich kehre nicht mehr zu diesem … diesem Bastard zurück.“
Anoa nickte. „Hier bist du jedenfalls sicher. Du wirst sie begleiten, sobald sie gesund sind.“
„Begleiten? Wohin?“ Katharina starrte die Alte entgeistert an.
„Was denkst du? Dass sie hier ihr Leben verbringen werden?“ Anoa lachte. „Nein, nein. Sie haben eine Aufgabe, das sollten sie jetzt verstanden haben. Und auch du, meine Liebe, hast eine Aufgabe. Deine Jahre als Magd meiner lieben Tochter dienten nur der Tarnung, meinst du nicht auch?“
Katharina schwieg verwirrt. Sie betrachtete ihren Bruder, der nun regelmäßig atmete, genau wie Sarah. Was die Alte da auch getan hatte, es schien schon zu wirken. Anoa nahm sie beim Arm und zog sie mit sich nach nebenan, wo sie sich an einen kleinen Tisch aus Stein setzten. Aus einem Krug goss Anoa ihnen Tee in Becher, die sie vorhin schon hingestellt hatte. Dann lehnte sie sich zurück, die Tasse an den Mund führend, den Blick auf die junge Frau gerichtet.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Katharina.
„Sarahs Großmutter.“
„Die deine Tochter getötet hat!“
„Und ihren Vater, ich weiß. Sie wird einen guten Grund gehabt haben.“
„Gire hat gesagt, du wärst eine Hexe. Du hast weiße Augen, genau wie Sarah. Und Kayla, deine Tochter.“
„Ja, so ist es. Seun wusste das, aber es war ihm egal.“ Sie nippte nachdenklich am Tee. „Ich war mal eine Prinzessin und gehörte dem stolzen Geschlecht der Zbarsz an. Und für die Tochter einer Prinzessin der Zbarsz gehörte es sich nun mal nicht, sich in einen Sterblichen zu verlieben, nicht einmal in einen sterblichen König.“ Sie lachte bitter. „Das war es dann für mich mit der Prinzessin. Doch glaube nicht, dass ich mich beschwere. Ich hatte durchaus ein Leben, das ich nicht eintauschen würde. Und nun muss meine Enkelin das Erbe antreten. Sie ist eigentlich noch zu jung und unerfahren, aber Thomas wird sie beschützen.“
„Warum er? Er ist genauso unerfahren!“
Anoa nickte. „Und er ist mächtig. Mächtiger, als er ahnt.“
„Was redest du da?“
Anoa lächelte sanftmütig. „Ich erkenne dich. Auch du bist keine normale Sterbliche, genauso wenig wie dein Bruder. Im Bewusstsein seiner Kraft hätten sie ihn nicht ans Kreuz gekriegt, und er wäre jetzt wohl tot. Nein, so war es schon besser für ihn. – Ihr seid Vépos.“ Als Katharina protestieren wollte, winkte sie ab. „Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Hexen und Vépos haben sich schon oft verbündet. Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Deine Feinde suchen da oben nach dir.“
Katharina entspannte sich. Ja, die Hexe hatte recht. Und sie hätte schon viele Gelegenheiten gehabt, ihnen zu schaden. Sie trank zum ersten Mal vom Tee, der noch warm war. Immer noch. Er schmeckte leicht süßlich, mit einer angenehmen, kaum merklichen bitteren Note. Eigentlich ein Widerspruch. „Was ist das für ein Tee?“, erkundigte sie sich.
„Er belebt den Geist. Ein übliches Getränk unter uns Hexen. Gibt Kraft und Ausdauer, das werden wir wohl brauchen. Ihr vor allem.“
„Und wo sollen wir hingehen, wenn wir nicht hierbleiben?“
„Och, da habe ich schon eine Idee. Ich wüsste jemanden, der euch vielleicht helfen kann.“
„Wobei helfen?“ Katharina biss sich auf die Unterlippe. Das war eine doofe Frage.
Anoa lächelte nachsichtig. Ihr gefiel die junge Vampirin immer mehr. Vor allem diese irritierenden Augen mit ihren unterschiedlichen Farben. Auf ihre Art war sie ein hübsches Ding. Keine Kriegerin, zumindest nicht im üblichen Sinne. Aber sie hatte einen starken Willen, genau wie ihr Bruder.
„Es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen“, schlug Anoa plötzlich vor.
Katharina lachte. „Erst belebenden Tee trinken, dann schlafen?“
„Der Tee, meine Liebe, belebt den Geist, nicht den Körper. Dein Geist mag wach bleiben, auch wenn dein Körper schläft. Oder irre ich mich da?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Wo kann ich mich hinlegen?“
Anoa zeigte auf das einzige Bett im Raum.
„Und du? Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn du mir eine Decke gibst!“
Anoa lächelte und erwiderte: „Ich habe mein Bett nicht hier. Meine Art zu schlafen ist anders.“
Katharina begriff plötzlich, dass Anoa den Körper wie eine Haut ablegen konnte, und nickte. Als die Alte rausgegangen war, zog sie Stiefel, Hose und Jacke aus und kroch unter die Decke. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Hoffentlich hatte die Hexe ihr kein Gift verabreicht, dachte sie, bevor sie die Augen schloss und sofort einschlief.
*
Thomas betrachtete die Narben an seinen Handgelenken. Er saß auf seinem Bett, nur mit einer Hose bekleidet. Hier unten schien es immer warm zu sein, jedenfalls fror er nicht. Er warf einen Blick auf Sarah. Sie lag in ihrem Bett und schlief, wie ihr regelmäßiger Atem verriet. Unter der dünnen Decke zeichnete sich ihr nackter Körper deutlich ab. Für einen kurzen Moment verspürte Thomas heftiges Verlangen nach ihm. Er erinnerte sich an den Duft von Sarahs Haut, an den Geschmack ihres Mundes und an die Hitze ihres Unterleibs. Er wusste nicht mehr, wann und warum sie beschlossen hatten, dass sie niemals ein Paar sein wollen würden. Und auch wenn sie einige Male miteinander geschlafen hatten, blieben diese intimen Begegnungen ohne Bedeutung und Zusammenhang. Ihre Leidenschaften prallten aufeinander und trennten sich danach wieder. Oft schliefen sie viele Monate nicht miteinander, dann wieder in einer Woche fast jeden Tag. Und zwischendurch mit anderen, er mit Lanaya zum Beispiel, sie mit Kars. Ihm fiel die ekstatische Hingabe der schlangenhaften Lanaya ein, und er merkte, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.
Sarah war da anders. Auch in ihr brannte ein heißes Feuer, aber sie war die Löwin und Lanaya die Leopardin. Doch Lanaya war tot, und Sarah lebte. Und er lebte auch. Etwas, das er nicht begreifen konnte. Seine Freunde waren vor seinen Augen gestorben. Er konnte sich genau an den letzten Blick von Gire erinnern, bevor sein Körper erschlafft war. Und an seinen eigenen Schmerz, während er am Kreuz gehangen hatte. Sarah hatte völlig teilnahmslos gewirkt, aber sie war bei Bewusstsein geblieben. Zumindest waren ihre Augen offen gewesen. Und Lanaya mit dem seltsam schiefen Hals und den weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts starrten. All das sah Thomas vor sich wie in einem nebligen Traum. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass nur Sarah und er überlebt hatten. Und auch das nur, weil Oluar sie besonders lange hatte leiden sehen wollen.
Nein, das durfte nicht sein!
Sarah stöhnte und riss die Augen auf. Für einige Sekunden starrte sie in die Welt zurück, aus der sie gekommen war. Dann wurde ihr Blick klar und schweifte zu Thomas hinüber. Sie lächelte schwach.
„Du bist da!“
Thomas nickte stumm. Sarah hob ihre Decke an und sah ihn auffordernd an. Thomas schlüpfte aus der Hose und legte sich neben sie. Ihr Körper schien zu glühen. Sarah drückte sich an ihn und er reagierte.
„Ich brauche dich“, flüsterte sie. „Ich brauche dich so!“
„Ich bin da“, erwiderte Thomas heiser und spürte, wie er bis zur Schmerzgrenze hart wurde. Sarah entging seine Erregung nicht. Sie legte ein Bein über seine Hüfte, sodass er wie von selbst den Eingang fand. Sein Glied glitt mühelos in ihre Nässe hinein. Sie verharrten bewegungslos für einige Zeit. Sarah drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und weinte lautlos. Erst als sie ihr Gesicht hob und ihn anschaute, begann er langsam sich zu bewegen. Sie suchte seine Lippen, sog ihn förmlich in sich auf, während ihre Zungen einander umschlängelten. Plötzlich presste sie den Unterleib gegen seinen, ihre zuckende Vagina massierte den Orgasmus aus ihm heraus, und als er sich in sie ergoss, hatte er das Gefühl, von ihr völlig verschlungen zu werden.
Er öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte sie leise.
„Wo willst du hin? Und was ist mit Oluar?“
„Ich weiß es nicht. Im Moment ist er für uns in unerreichbarer Ferne. Jeden Augenblick, den wir hierbleiben, bringen wir meine Großmutter und Katharina in Gefahr.“
Thomas nickte. „Ich glaube, wir können bald aufbrechen. Unsere Wunden sind gut verheilt. Und jucken werden die Narben noch eine ganze Weile. Wir sollten uns mit Anoa unterhalten. Vielleicht hat sie eine Idee, wo wir hingehen können.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich kicherte Sarah. „Du bist aus mir rausgeflutscht!“
„Soll ich ihn wieder reinstecken?“, erkundigte sich Thomas trocken.
Statt einer Antwort sprang Sarah aus dem Bett. Sich einen Umhang überwerfend verließ sie das Zimmer. Als sie zurückkehrte, war Katharina bei ihr. Sie brachte eine Schüssel mit Kürbissuppe zu Thomas ans Bett, die er gierig zu essen begann. Sarah zog den Umhang enger um sich und setzte sich neben ihm auf das Bett. Sie musterte seine Schwester.
„Anoa sagt, wir sollen zu Lord Dargk gehen“, sagte ­Katharina.
„Kenne ich nicht.“ Sarah sprang wieder auf und wanderte auf und ab. „Ich wünschte, ich wäre auch tot!“
„Geh doch zu Oluar“, bemerkte Thomas, scheinbar ungerührt.
„Hier!“ Sarah nahm ein Messer und reichte es ihm. „In mein Herz!“ Sie öffnete den Umhang und präsentierte ihm ihren nackten Oberkörper. Er betrachtete ihre wogenden Brüste, die vor wenigen Minuten noch so weich zwischen ihren Körpern gelegen hatten. Dann nahm er das Messer und warf es auf den Boden.
„Du spinnst. Ich bezweifle, dass er dir einen schnellen Tod gönnen würde. Und uns auch nicht.“
Sarah warf sich schmollend auf das Bett, sodass ein Teil der Suppe überschwappte. Thomas schüttelte den Kopf und aß dann ruhig weiter. Er kannte ihre Launen schließlich schon lange und gut genug. Katharina war da weniger abgehärtet. Sie nahm das Messer und legte es an seinen Platz. Dann wandte sie sich an Sarah:
„Auch wenn du Schmerzliches durchmachen musstest, ist das kein Grund, dass du dich wie eine Irre aufführst!“
„Lass gut sein, Schwesterherz.“
„Verteidigst du mich etwa?!“ Sarah setzte sich abrupt auf. „Ich bin kein kleines Kind!“
„Ach?“ Thomas grinste sie von der Seite an. „Ja, das ist wohl wahr. Auch wenn du dich so benimmst. Und, meine Liebe, wann lernst du endlich, dass mich das überhaupt nicht beeindruckt?“
Sarah kroch auf den Knien zu ihm, nahm ihm die leere Schüssel weg, warf sie auf den Boden und packte seinen Kopf. „Du lügst! Du liebst mich!“
„Mag sein.“ Er befreite sich aus ihrem Griff und richtete sich auf. „Du spielst wieder deine Spielchen. Wird Zeit, damit aufzuhören.“
„In Ordnung!“ Sarah sprang auf und verlor dabei endgültig ihren Umhang. Sie stand nun splitternackt vor ihm. „Dann schlag mich! Schlag mich, ins Gesicht! Los, ich befehle es dir!“
Katharina betrachtete die vor Erregung bebende junge Frau entgeistert. „Hat sie das öfter?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Das ist Teil ihres Spielchens.“ Dann schlug er zu – fest genug, dass Sarah auf das Bett fiel. Sie hielt sich die Wange, wo seine Hand sie getroffen hatte, und starrte ihn ungläubig an.
„Du hast es wirklich gewagt?“
„Das ist die Abkürzung“, erwiderte er ruhig. „Und jetzt zieh dich an.“
*
Anoa musterte die verweinten Augen ihrer Enkelin, war aber erfahren genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Sie schenkte allen Tee ein, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte.
„Lord Dargk“, begann sie gedehnt, „wird euch helfen. Allerdings ist der Weg zu ihm nicht einfach. Ihr werdet die Hängebrücken von Heyges überqueren und wahrscheinlich auch Veglö passieren müssen. Vielleicht schafft ihr es auch ohne eine Begegnung, obwohl ich das nicht glaube.“
„Und wenn ich nicht zu diesem … Lord Dargk will?“, fragte Sarah provozierend.
„Jede gute Idee ist willkommen“, antwortete Anoa. Sarah presste die Lippen zusammen und schwieg. Lächelnd nickte Anoa und wandte sich dann an Thomas. „Lord Dargk ist ein mächtiger Mann, aber auch er wird Oluar nicht angreifen wollen. Ich bin mir sicher, dass er eine Idee haben wird, die euch hilft.“
„Warum sollte er uns helfen wollen?“, stellte Thomas die entscheidende Frage.
„Nun, sagen wir, er tut das mir zuliebe.“
„Ha!“, rief Sarah triumphierend. „Er ist verliebt in dich!“
„Er war es mal, ja“, erwiderte Anoa nachdenklich. Sarah biss sich verärgert auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, dass sie die Gefühle ihrer Großmutter verletzt hatte. „Ob er das noch ist? Ich glaube nicht. Trotzdem wird er mir so eine Bitte nicht abschlagen. Außerdem mag er Oluar sicher nicht.“
„Was ist dieser Lord Dargk eigentlich?“ Thomas fand die Unterhaltung ermüdend, aber er hütete sich, seine Ungeduld allzu offensichtlich zu zeigen.
„Er ist der größte noch lebende Hexenmeister.“ Thomas hatte so eine Antwort erwartet und war nicht überrascht. Er gewann allmählich die Überzeugung, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. „Nachdem der Rat uns wegen Kylas Liebe zu Seun verbannt hatte, verbrachte ich einige Jahre bei Lord Dargk und folgte dann schließlich meiner lieben Tochter hierher.“
„Wieso? Du hättest doch bei ihm bleiben können. Mama war auch bis dahin ohne dich ausgekommen. Ähm …“ Sarah wurde rot und biss sich erneut auf die Unterlippe. „Entschuldige, ich weiß heute nicht, was ich rede.“
„Nur heute?“ Thomas bereute seine Worte sofort, aber ungeschehen machen konnte er sie nicht. Sarah starrte ihn an und wirkte wirklich verletzt. Er atmete tief durch und sagte: „Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Katharina seufzend. „Das wird ja eine lustige Reise.“
Sarah wischte sich hastig die Tränen ab und wandte sich an ihre Großmutter: „Also, warum?“
Anoa starrte scheinbar ins Nichts und antwortete erst nach einigen Minuten der Stille langsam: „Unsere Liebe war nicht stark genug.“
„Das verstehe ich nicht. Ihr habt euch nicht mehr geliebt?“
„Oh doch“, erwiderte Anoa. „Wir haben nie aufgehört uns zu lieben. Aber Liebe ist nicht die einzige Kraft des Universums.“
„Und?“, fragte Sarah. „Wie geht es weiter?“
„Gar nicht.“ Anoa erhob sich. „Ihr solltet schlafen, denn auf der Reise werdet ihr das selten tun können. Ich gehe einige Besorgungen machen. In der nächsten Nacht werdet ihr aufbrechen.“ Damit verließ sie den Raum.
„So kann man gleichzeitig viel und nichts sagen“, stellte ­Katharina staunend fest.
„Meine Begeisterung kennt keine Grenzen“, sagte Sarah säuerlich. „Wann ist eigentlich die nächste Nacht?“
„Nach diesem Tag.“ Thomas duckte sich blitzschnell unter Sarahs Hand hinweg. „Erst küsst du und dann schlägst du mich? Kein echter Mann kann eine Frau verstehen.“
Sarah räusperte sich und richtete sich auf. „Na schön. Ich bin ja kein Kind mehr. Packen wir also unsere Sachen zusammen!“
Katharina verkniff sich eine bissige Bemerkung. Wie es aussah, würden sie eine ganze Weile zusammen unterwegs sein, da war es besser, keine vermeidbaren Spannungen zu kultivieren.
Gemeinsam machten sie sich also daran, ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.