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Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit (1)

„Soll ich nicht doch lieber mitkommen und dir tragen helfen?“ Anna sah ihre Mutter fragend an. „Der Rucksack und die Tasche werden schwer sein, der Rückweg ist weit, und zum Schluss geht es noch den Berg hoch.“
Lächelnd wehrte Gertrud ab. „Lass nur, ich schaffe das schon. Und vielleicht habe ich ja gar nicht schwer zu tragen, wer weiß? Geh du nur zu deinen Feldern. Was hast du heute vor? Wieder Ähren nachlesen?“
Anna hob den Arm und zeigte in die Ferne. „Da hinten ist ein Mohnfeld, das soll abgeerntet worden sein. Ich hoffe, es sind noch nicht allzu viele Leute dagewesen, und ich finde noch genug Kapseln. Backst du uns dann einen Mohnkuchen?“, setzte sie fast kindlich bittend hinzu.
Gertrud musste lachen. „Das kommt darauf an, ob ich die anderen Zutaten habe“, sagte sie und gab ihrer Tochter einen scherzhaften Klaps. „Nun mach dich auf den Weg, ich komme schon allein zurecht.“
Sie wirkt so zart, so zerbrechlich, dachte Anna, und dennoch steckt so viel Kraft in ihr. Sie nickte ihrer Mutter zu und ging dann zielstrebig den Feldweg entlang, der von der Straße abzweigte.
Gertrud sah ihr nach. Mit leichten, federnden Schritten entfernte sie sich. Den Leinensack für die Mohnkapseln hatte sie über die Schulter geworfen. Ihr halblanges, dunkelbraunes Haar bauschte sich im Sommerwind, die nackten Arme und Beine waren von der Sonne tief gebräunt. Sie ist sehr schlank, dachte Gertrud, wohl durch die schlechte Ernährung jetzt nach dem Krieg. Aber sie scheint trotzdem gesund und kräftig zu sein. Ein heißes Glücksgefühl und eine Dankbarkeit, die aus dem tiefsten Grund ihres Wesens kam, erfüllten sie. Ich habe sie wieder! Anna und Joachim, meine Kinder … Ich habe sie wieder! Nichts konnte sie mir nehmen! Nicht der Naziterror, nicht der schreckliche Krieg! Anna hat die Bombenangriffe in Berlin überlebt, und Joachim konnte noch rechtzeitig aus dem Konzentrationslager fliehen. Es ist ein Wunder, wahrhaftig, es ist ein Wunder! Ein glückliches Lächeln legte sich auf ihre Züge, doch ihre Augen wurden feucht. Ein paar Tränen rannen über ihre Wangen. Sie blieb noch eine Weile stehen, bis sie ihre Tochter nicht mehr sehen konnte, dann drehte sie sich mit einem leichten Seufzer um und setzte ihren Weg auf der Landstraße nach Westerode fort.
Jetzt sind wir also wieder so weit! Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Jetzt habe ich wieder eine von Mutters kunstvoll gestickten Decken im Rucksack, eine Silberschale, auch noch von früher, dazu Silberbesteck, und ich hoffe, dafür irgendetwas zu essen zu bekommen. Genau wie im ersten Krieg, als ich mit Emmy in die Dörfer rund um Braunschweig gefahren bin, um bei den Bauern Lebensmittel einzutauschen. Damals war ich ein junges Mädchen, wie Anna heute. So viel ist inzwischen passiert – meine unglückliche Ehe mit Philipp, den ich nur Vater zuliebe geheiratet hatte, der Tod meines kleinen Peterchens, Philipps Verhaftung und Verschleppung ins Konzentrationslager, sein tragisches Ende … und nun sind wir wieder an demselben Punkt angekommen: Woher nehmen wir das tägliche Brot? Gedankenverloren, fast mechanisch, ging sie die Straße entlang. Sie war diesen Weg in der letzten Zeit so oft gegangen, dass ihre Füße ihn fast von selbst fanden. Hoffentlich bekomme ich etwas Speck, wünschte sie sich, dann kann ich heute Abend „Himmel und Erde“ kochen. Kartoffeln und Äpfel haben wir ja Gott sei Dank im Garten.
Anna war inzwischen auf dem Mohnfeld angekommen und konnte zu ihrer großen Freude feststellen, dass noch viele Kapseln auf der Erde lagen und dass sie ganz allein war. Offenbar wusste noch niemand, dass das Feld abgeerntet worden war. Sie selbst hatte es von Frau Bormann erfahren, die gestern hier mit dem Fahrrad vorbeigekommen war und die Männer bei der Ernte gesehen hatte. Eifrig bückte sie sich und sammelte Kapsel um Kapsel in ihren Sack. Nach einer Stunde war er gut zur Hälfte gefüllt. Anna wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und legte sich am Feldrain im Schatten eines Heckenrosenbuschs in das warme, trockene Gras. Sie genoss diese Stunden auf den Feldern. Es war so still, nur ein paar Vögel zwitscherten leise vor sich hin. Die Sonne schien warm, der Himmel war von einem tiefen Blau, ein leichter Wind flüsterte in den Büschen und wehte ihr manchmal eine Haarsträhne ins Gesicht. Sie lag auf dem Rücken und sah hinauf in die Unendlichkeit, beobachtete, wie die Schwalben hoch oben durch die Luft schossen und betrachtete die weißen Wolkenschiffe, die wie in einem riesigen, blauen Meer langsam am Himmel dahinglitten. Ein eigenartiges Gefühl überkam sie dann jedes Mal, als würde sie mit der Bläue des Himmels, der Sonnenwärme, der Luft und allem, was sie umgab, verschmelzen. Als würde sie sich auflösen und eins werden mit dieser Unermesslichkeit, diesem Frieden. Sie fühlte sich glücklich, leicht und frei. Alle Schmerzen, alle Probleme schienen sich mit ihrem Selbst aufzulösen und sich zu verwandeln in einen Teil des Universums. Dieses Erlebnis gab ihr Kraft, im Leben weiterzugehen, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Nachts, in ihren Träumen, holte die Vergangenheit sie ein. Dann kam sie wieder, die Angst, wenn der Nachbarsjunge so tat, als hetze er den Hund auf sie, wenn die Kinder ihr „Jude“ und „Itzig“ nachriefen und drohten, sie zu verprügeln, wenn der Lehrer im Unterricht von den Juden als Untermenschen sprach und dass es bald eine Endlösung geben werde. ‚Was ist das, ein Jude?‘, hatte sie ihre Mutter gefragt. ‚Dein Vater ist ein Jude.‘ ‚Aber was ist denn anders an Vati?‘ Sie verstand es nicht. ‚Es ist eine andere Rasse, aber das kannst du noch nicht begreifen.‘ Und manchmal zeigten die Träume ihr auch ihren Vater, als er aus dem Konzentrationslager gekommen war, blass und ausgemergelt, mit vielen kleinen, blutenden Stellen auf dem kahl geschorenen Kopf. Doch wenn sie aufwachte, konnte sie sich an nichts erinnern. Sie wusste nur, dass sie geträumt hatte. Ihre Glieder waren dann schwer wie Blei, und sie fühlte sich todmüde, als hätte sie gar nicht geschlafen. Sie mochte nicht aufstehen, nur immer so daliegen, nichts denken, ganz leer sein. Aber hier, unter dem unendlichen blauen Himmel, in dieser strahlenden, friedvollen Landschaft war ihr, als ströme neues Leben durch ihre Adern. Sie fühlte sich geborgen, von freundlichen Mächten beschützt.
Schließlich richtete Anna sich wieder auf, um weiterzuarbeiten. Ihr Blick fiel auf den Heckenrosenbusch. Schade, die Hagebutten sind noch nicht reif. Ich werde in vier Wochen wieder hierhergehen und welche pflücken. Dann kann Oma Marmelade kochen oder ihre leckere Suppe.
Als Anna mit ihrem prall gefüllten Sack nach Hause kam, packte Gertrud gerade aus, was sie bei den Bauern bekommen hatte.
„Sieh mal, sogar ein Stückchen Speck habe ich ergattert, dann noch vier Eier, einen halben Laib Brot und Kartoffeln.“
Sie legte alles auf den Küchentisch und strahlte ihre Tochter an.
„Kartoffeln haben wir doch im Garten“, meinte Anna nur, „die hättest du nicht zu schleppen brauchen.“
„Aber nicht genug, Anna, die werden bald alle sein.“ Sie strich die vorwitzige Haarsträhne zurück, die ihr wieder einmal in die Stirn gefallen war. Da fiel ihr Blick auf den Sack, den ihre Tochter immer noch in den Händen hielt. „Du warst ja auch sehr erfolgreich, wie schön.“ Sie wandte sich um und begann, alle Sachen wegzuräumen. „Die Gemüsebeete im Garten müssen noch gegossen werden“, sagte sie beiläufig, „wärst du so lieb, Anna?“
„Kann das nicht auch mal Joachim machen? Ich bin müde“, murrte Anna, setzte sich auf den Küchenstuhl und stützte den Kopf in die Hände. Die Haare fielen ihr über das Gesicht.
„Komm, das schaffst du auch noch.“ Gertrud fasste Anna unters Kinn, hob ihren Kopf hoch und sah ihr fest in die Augen. „Du weißt, Joachim muss lernen. Er muss sich auf seinen Reifekurs vorbereiten, um das Abitur nachzuholen. Ohne Abitur kann er nicht studieren. Und er muss studieren. Er ist schließlich ein Mann und muss später einmal standesgemäß für eine Familie sorgen können.“ Der eindringliche Ton, in dem Gertrud zu ihr sprach, weckte Annas Widerstand. Immer muss sie mich belehren, immer hält sie mir eine Predigt, dachte sie. „Du bist ja nur ein Mädchen“, hörte sie die Mutter wieder einmal sagen. „Du wirst einmal heiraten und niedliche Kinderchen bekommen. Du brauchst nur einen Beruf, der dich über Wasser hält, falls du keinen Mann abbekommst. Das siehst du doch ein, oder? Und nun sei brav, und geh die Gemüsebeete gießen.“
In Annas Augen blitzte es auf. Ja, Joachim muss geschont werden, Joachim bekommt beim Essen eine Extraportion, Joachim muss lernen, Joachim muss das Abitur machen, Joachim muss studieren. Und ich? Was ist mit mir? Mit meinen Berufswünschen? Immer war es so, immer musste ich auf Joachim Rücksicht nehmen, immer kam er an erster Stelle. Der alte Groll stieg in ihr hoch und würgte sie in der Kehle. Sie warf den Kopf zurück. Ohne ein Wort zu sagen, verließ sie die Küche, ging in den Keller, holte die Gießkanne und füllte sie an dem Wasserhahn im Garten. Mechanisch ging sie zu den Beeten. Sie ließ das Wasser über die Salatköpfe und das Möhrenbeet rieseln, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dann ging sie zurück zum Wasserhahn, um die Kanne neu zu füllen und die übrigen Beete zu gießen. Sie achtete nicht auf das, was sie tat. Ihr war, als ginge ein anderer mit der Gießkanne hin und her. Sie selbst war irgendwo, wo niemand sie erreichen konnte.
Als sie mit dem Gießen fertig war, setzte sie sich unter die Tanne, die seit ihren Kindertagen ihr Zufluchtsort gewesen war. Hier konnte sie ungestört nachdenken. Hier hatte sie schon so manchen Kummer mit sich allein ausgemacht. Sie lehnte sich an den rauen, nach Harz duftenden Stamm und schloss die Augen. Nur ein Mädchen … wenn du keinen Mann abbekommst … Was denkt Mutti sich eigentlich? Warum versteht sie nicht, dass auch für eine Frau ein Beruf Erfüllung und Lebensinhalt bedeuten kann? Dass es nicht nur ums Geldverdienen geht? Sie hat mir doch erzählt, dass sie selbst gern einen Beruf erlernt hätte. Warum redet sie so? Oma, ja, die hat ihr Leben lang nur Hausarbeit gekannt. Die sieht in einem Mädchen natürlich nur die zukünftige Hausfrau. Aber Mutti müsste mich doch verstehen können! Sie starrte vor sich hin. Geistesabwesend nahm sie einen kleinen Stock, der auf den Boden gefallen war, und zeichnete unregelmäßige Muster in die weiche, von Tannennadeln bedeckte Erde. Ein Kloß saß ihr in der Kehle. Sie hatte ein Gefühl, als müsste sie weinen, aber es kamen keine Tränen. Als Kind hatte Anna schmerzlich lernen müssen, dass es keinen Sinn hat, sich zu wehren. Dass man die eigenen Gedanken und Gefühle besser verschweigt, denn sie auszusprechen konnte gefährlich sein. Man konnte ins Gefängnis kommen, oder es konnte noch etwas Schlimmeres passieren. Es gab keine andere Möglichkeit, als sich dem Stärkeren zu fügen, dem Stärkeren, der in ihrer Kindheit übermächtig war. Diese bittere Einsicht hatte ihr Leben geprägt. Sie beschloss, mit ihrer Mutter nicht mehr über dieses Thema zu sprechen, aber sie würde die erste Gelegenheit, die sich bot, ergreifen und ihren so leidenschaftlichen Wunsch, Schauspielerin zu werden, in die Tat umsetzen. Dann war es ihr egal, was sie sagte.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8) (1)

„Verfluchte Scheiße!“
Ich starre entgeistert nach unten. Und nach oben. Eigentlich egal, wohin ich blicke, ich sehe entweder schwarze Dunkelheit oder ein riesiges Spinnennetz. Letzteres befindet sich unter mir und damit unter dem, worauf ich stehe. Was es genau ist, weiß ich noch nicht, aber es könnte sich um einen gigantischen Bahnhof handeln. Und gigantisch bedeutet hier wirklich gigantisch. Unzählige Schienen führen in ihn hinein. Wie viele genau, das weiß ich nicht, ich höre bei etwa dreihundert auf zu zählen.
„Verfluchte Scheiße“, wiederhole ich. „Aus dem Mittelalter in eine Modelleisenbahn! Na toll!“
Ich betrachte das Spinnennetz, das sich unter den Schienen so weit erstreckt, wie ich überhaupt sehen kann. Sehr weit ist es nicht, bald schon verliert sich alles in Dunkelheit. Und das, obwohl ich in der Dunkelheit eigentlich sehen kann.
Die Schienen sind faszinierend. Ehe sie das … Gebäude, in dem ich mich befinde, erreichen, hängen sie völlig freischwebend über dem Spinnennetz. Nirgendwo ist irgendeine Art Aufhängung zu erkennen. Fahren darauf tatsächlich Züge? Und was für welche? Jedenfalls andere als die, die ich aus meinem Universum kenne, denn den Schienen nach zu urteilen sind die Züge hier mindestens doppelt so breit, wie sie auf der Erde waren. Mindestens.
„Ihr Arschlöcher!“, schreie ich in die Dunkelheit hinaus. „Ihr verdammten Arschlöcher! Das macht euch wohl Spaß?!“
Keine Ahnung, ob sie mich hören, die Götter, die es anscheinend lustig finden, mich an meine Grenzen zu treiben. Aber ein bisschen fühle ich mich nach diesem Ausbruch besser. Allerdings wirklich nur ein bisschen, und auch das ist wieder weg, als mir plötzlich Kian einfällt. Und Askan. Und Katharina. Und James. Und Sandra.
Verdammt.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit (1)

Gertrud war siebzehn, als ihre Mutter starb. Die Todesursache war Diabetes. Zehn Jahre später sollte es Insulin geben, das so vielen Menschen, die an dieser Krankheit litten, ein halbwegs normales Leben ermöglichte. Aber damals – man schrieb das Jahr 1912 – waren sie Todeskandidaten. Gertrud stand wie in Trance am Bett ihrer Mutter und blickte starr auf deren bleiches, wächsernes Gesicht. Sie war schön, von einer unschuldigen, fast kindlichen Schönheit. Das braune Haar, das sie sonst der Mode entsprechend hochgesteckt trug, lag in losen Strähnen auf dem Kissen und umrahmte ihr stilles Antlitz.
Plötzlich meinte Gertrud, sie leise atmen zu hören, zu sehen, wie sich ihre Brust ganz sacht hob und senkte. „Sie ist nicht tot, sie lebt!!! Die Ärzte haben sich geirrt!“, wollte sie aufschreien. Ihr war, als verschwände der Boden unter ihren Füßen und die Wände des Zimmers zögen sich zurück, als schwebe sie im leeren Raum, nur sie allein mit ihrer Mutter auf dem Totenbett, allein in einer öden, tiefschwarzen Finsternis. Sie drohte in einen Abgrund zu stürzen, aber ehe dies geschah, empfand sie einen ungeheuren Hunger nach Leben. Er durchzog ihre Adern, zerrte an jeder Faser ihres Körpers mit übermächtigem Sehnen. Gleichzeitig spürte sie einen verzehrenden Schmerz, der sie auszulöschen schien. „Ich will leben, leben! Ich will leben!“, schluchzte sie auf und sank am Bett ihrer Mutter nieder. Sie weinte bis zur Erschöpfung. All die aufgestauten Gefühle des Tages – die verzweifelte Hoffnung, an die sie sich zunächst geklammert hatte, das langsame Begreifen der Endgültigkeit des Abschieds, der Lebenshunger und der unendliche brennende Schmerz – wurden mit der Tränenflut hinweggeschwemmt.
Später setzte sie sich in den Sessel neben dem Bett der Toten und sank in einen unruhigen Schlaf, der von wirren Träumen begleitet war. Sie sah ihre Mutter, wie sie sie als Kind oft gesehen hatte, im Sessel sitzend, mit einer Handarbeit beschäftigt, still, freundlich zu jedermann, liebevoll zu ihren Kindern. Aber ihre Liebkosungen waren nur flüchtig, sie strich ihren Kindern leicht über das Haar, tätschelte zart ihre Wangen oder hauchte einen kaum spürbaren Kuss darauf, so als wolle sie sie nicht zu stark an sich binden, als ahne sie, dass sie früh von ihnen gehen würde. Sie vertiefte sich in ihre Stickerei. Unter ihren Händen entstanden kunstvolle Tischdecken, die man überall im Haus auf Tischen, Truhen und Kommoden bewundern konnte. Und noch viele Jahre später, als längst Kunststoffe und maschinell bedruckte Tücher benutzt wurden, sollte sich ihre Enkelin Anna daran freuen, wenn sie diese Kunstwerke bei festlichen Gelegenheiten aus dem Schrank holte. Sie war immer ein wenig müde, still und geduldig, jeder hatte sie gern. Die Krankheit, die ihr ständiger Begleiter war, ließ sie dem Leben mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit begegnen. Sie liebte ihre Kinder, sie liebte ihren Mann, aber es war ihr stärker als anderen Menschen bewusst, dass sie ihr nur für eine kurze Zeitspanne ihres Lebens gegeben waren.
In ihrem Traum war Gertrud wieder das kleine Mädchen, das zu den Füßen der Mutter saß und sich in ihren Rock kuschelte. Doch plötzlich entfernte sich ihre Mutter auf rätselhafte Weise, sie wurde durchsichtig, immer kleiner und schien ganz zu verschwinden. „Mama!“, schrie Gertrud auf, das Wort ihrer Kindertage benutzend, und erwachte vom Klang ihrer eigenen Stimme. Sie rieb sich die Augen. Es dämmerte. Sie fühlte sich verlassen und allein. So sollte es ihr Leben lang bleiben. In Stunden tiefer Verzweiflung und Niedergeschlagenheit war sie immer allein.
Gertrud hatte einen Sinn für das Praktische, und sie hatte die Fähigkeit zu Beherrschung und Disziplin, was ihr Wesen und ihre Gefühle betraf. Damit konnte sie später manche Krise in ihrem Leben bewältigen. In der gegenwärtigen Situation halfen ihr diese Eigenschaften, die Trauer und die Ängste der Nacht in ihrem Herzen einzuschließen und sich den Dingen zuzuwenden, die nun erledigt werden mussten. Sie ging in die Küche, wo sie Fine, die Hausangestellte, schon am Herd hantieren hörte.
„Ach, Fräulein Gertrud, mein Beileid“, sagte die Frau mit unsicherer Stimme und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. Sie war schon lange in der Familie. Gertruds Mutter hatte sie mitgebracht, als sie vom Rhein nach Braunschweig heiratete. Fine hatte die Kinder aufwachsen sehen. Aus Treue zu ihrer kranken Herrin hatte sie nie geheiratet. Inzwischen war sie ein ältliches Mädchen geworden, mit scharfen Zügen und abgearbeiteten Händen, aber ihre Augen waren voller Güte und Verstehen. Ohne die Hoffnung auf einen Mann und eigene Kinder hatte sie ihre Herrschaft zu ihrer Familie gemacht.
„Der Herr Geheimrat hat die ganze Nacht Licht in seinem Zimmer gehabt. Er hat sicher gar nicht geschlafen“, redete Fine weiter, als sie Gertrud eine Tasse Kaffee hinstellte. „Der wird Ihnen gut tun, Fräulein Gertrud. Ach, wie schrecklich, dass die gnädige Frau so früh sterben musste, mit neununddreißig Jahren.“
„Ja, Fine, es ist für uns alle ein großes Unglück“, antwortete Gertrud mit einer fast steifen Förmlichkeit. Man ließ sich vor den Dienstboten nicht gehen, auch wenn sie schon so lange im Haus waren wie Fine. Das gehörte sich nicht. „Deck den Frühstückstisch, ich werde nach meinem Vater und meinem Bruder sehen.“