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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

Die Erinnerung an die Begegnung mit Jan und diese unglaubliche Freude darüber, dass er mich tatsächlich nicht wiedererkannt hatte, war mir gar nicht mehr bewusst gewesen. Es überraschte mich, dass mir sein Urteil so wichtig gewesen war und ich vermutete, dass ich seine Meinung damals gleichgesetzt hatte mit der Meinung aller männlichen Wesen, war er doch das Paradebeispiel eines modernen Kerls zu jener Zeit, gut aussehend, schlagfertig, sportlich und fast immer gut aufgelegt. Jedenfalls sah mein Männerbild so aus, und dem entsprach er nahezu perfekt. Jan. Wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht? Ich kam damals tatsächlich mit ihm zusammen, war irre stolz, dass er mich an seiner Seite haben wollte. Allerdings gestaltete sich unsere „Beziehung“ nach dem Urlaub etwas schwierig, da er bei Bremen und ich bei Köln wohnte, wir also praktisch nur telefonieren oder schreiben konnten, die gegenseitigen Besuche auch recht wenig waren, weil zum einen die Bahnfahrt sehr teuer und zum anderen die Möglichkeit des Alleinseins sehr begrenzt war. Wenn ich mich recht entsann, war ich drei- oder viermal bei ihm zu Hause, wo seine Eltern mich auf ein Gästebett im Wohnzimmer verfrachteten. Sein Bruder, ein ebenso aufgeweckter Kerl wie Jan selbst, half uns jedoch, dass wir zumindest etwas Zeit Arm in Arm verbringen konnten, legte sich statt meiner in das Gästebett im Wohnzimmer und ich mich in seines, das im selben Zimmer stand wie Jans. Natürlich blieb ich nicht lange alleine in diesem Bett liegen und fand alles furchtbar aufregend, weil die Gefahr bestand, entdeckt zu werden, was allerdings glücklicherweise nie geschah. Frühmorgens dann schlich ich zurück ins Wohnzimmer und löste Jans Bruder ab, der völlig schlaftrunken zurück in sein eigenes Bett torkelte und unser süßes Geheimnis mit sich nahm. Jan war zwar schon achtzehn, also zwei Jahre älter als ich, lebte aber noch immer bei den Eltern, weil seine Ausbildung noch nicht beendet und das Geld für eine eigene Wohnung zu knapp war. Also waren wir bereits ein paar Monate ein Paar und hatten noch nicht einmal miteinander geschlafen. Und bevor es dazu kommen konnte, lernte Jan ein Mädel aus der Umgebung kennen, was mich in eine tiefe Krise und den, so dachte ich damals, schlimmsten Liebeskummer meines Lebens versetzte. Damals ahnte ich noch nicht, was mir in meinem Leben noch so alles begegnen würde. Vor lauter Kummer aß ich wieder mehr, als ich zur Erhaltung meiner Figur gedurft hätte. Ergo kamen wieder ein paar der Kilos zurück, die ich mir so mühevoll und diszipliniert abgehungert hatte. In meiner Erinnerung fühlte ich mich wieder in jene Zeit zurückversetzt.

„Scheiße, fünf Kilo habe ich in den letzten zwei Wochen zugenommen!“, entfuhr es mir, und ungläubig schaute ich auf den Zeiger der Waage, der einfach viel zu weit ausgeschlagen hatte. Ich stöhnte laut und fühlte mich einfach nur mies. Ich hatte definitiv viel zu viel gegessen. Dabei war es doch gar nicht mehr, als die anderen auch gegessen hatten. Wieso nur ließen sich bei mir die Kilos nieder und die anderen konnten in sich hineinstopfen, was sie wollten? Die Welt war doch ungerecht. Für alles musste ich kämpfen, Disziplin und eisernen Willen haben, während andere scheinbar alles in den Schoß gelegt bekamen. Es musste doch zumindest einen Weg geben, wie ich nicht auf den Genuss verzichten musste und doch schlank bleiben konnte. Irgendetwas musste ich mir einfallen lassen, ich wollte nicht wieder zum Bulldozer mutieren, das war ein absolutes Unding, ging überhaupt nicht, kam überhaupt nicht in Betracht. Vor lauter Frust ging ich in die Küche und machte mir Frühstück. Jetzt war es sowieso egal, also konnte ich auch ruhig noch einmal zuschlagen. Im Tiefkühlfach waren noch Brötchen, die ich in den Ofen schob, der zwar noch nicht vorgeheizt war, was aber nicht störte, da sich dadurch lediglich die Aufbackzeit verlängern würde. In der Zwischenzeit kochte ich mir einen frischen Kaffee, dessen Duft durch die ganze Wohnung zog und deckte den Tisch für mich. Es war schon später Vormittag und ich war ganz alleine zu Hause, keine Ahnung, wo die Eltern heute waren. Wahrscheinlich hatte ich mal wieder nicht richtig zugehört, als man es mir gesagt hatte. Machte aber auch nichts, ich war viel lieber alleine. Niemand konnte mich dann nerven oder mir sagen, was ich zu tun oder zu lassen hatte. Als die 15 Minuten um waren, holte ich die Brötchen, die schon eine schön gebräunte Haube trugen, aus dem Ofen. Noch heiß schnitt ich sie mit einem Brotmesser in zwei Hälften, breitete sie offen aus und ließ sie abkühlen. Auf dem Tisch standen Käse, Marmelade und Schokocreme. Alles nicht gerade förderlich für eine schlanke Figur, aber heute war es eh egal. Fünf Kilo! Voller Frust nahm ich mir eines der aufgebackenen Brötchen und beschmierte es dick mit Butter und Schokocreme. Mir lief sofort das Wasser beim Anblick dieser Herrlichkeit im Munde zusammen, war es doch schon lange her, dass ich mir diese ungesunden Dinge gegönnt hatte. Genussvoll biss ich in das Brötchen und aß den ersten Bissen mit geschlossenen Augen. Ich spürte, wie sich die Schokocreme in meinem Mund ausbreitete, ihn mit Süße erfüllte. Mh, das war ja so lecker! Schade, dass es zu den Dingen gehörte, die ich mir versagte, damit ich nicht wieder zum Bulldozer wurde. Aber heute war eh schon alles egal, also rein mit dem Zeug und einfach nur genießen. Ich aß ein Brötchen, noch ein zweites und noch ein drittes. Es war aber auch einfach zu lecker und vor allem hatte ich es schon so lange entbehrt. Dazu trank ich den leckeren Milchkaffee und genoss meinen Ausflug in die süße Welt, die nicht mehr meine war. Ich genoss ihn, bis mein schlechtes Gewissen anfing, an meine Tür zu klopfen. Poch, poch. Poch, poch. Was machst du da? Ist dir eigentlich klar, dass du gerade dabei bist, das sechste und vielleicht siebte Kilo wieder reinzufuttern? Wolltest du nicht schlank bleiben? Nie wieder Bulldozer sein? Warum tust du das dann? Wieso stopfst du dich mit diesem süßen, ungesunden, dick machenden Kram voll und wirst hinterher wieder fürchterlich leiden, wenn die Wage noch mehr ausschlägt? Mein Gewissen hatte es geschafft. Ich bekam fürchterliche Gewissensbisse, dass ich meinem Verlangen nach Süßem aus Frust nachgegeben hatte. Aber was sollte ich nun machen? So sehr ich anfänglich mein süßes Intermezzo genossen hatte, so sehr nagte jetzt an mir mein Schwachwerden. Wo war meine Disziplin? Wo war mein eiserner Wille hin? In mir tobte ein Kampf, den man im Äußeren gar nicht in Worte fassen kann. Es war ein ewiges Hin und Her zwischen „Du musst dir ab und an auch mal was gönnen!“ und „Wenn du nicht stark bist und durchhältst, bist du bald wieder da, wo du angefangen hast!“ Es war einfach nur grausam. Ein fürchterlicher Kampf. Und mein Gewissen gewann. Das Zeug musste wieder raus. Egal wie. Ich wollte nicht wieder dick werden, also durfte ich mir solche Eskapaden nicht mehr leisten. Alles musste wieder raus. Je schneller, je besser. Ich trank in einem Zug eine ganze Flasche Wasser ohne Kohlensäure aus und fühlte mich auf einmal furchtbar schlecht. Mein Magen rebellierte und ich rannte so schnell ich konnte auf die Toilette, um mich dort zu übergeben. Toll, ich brauchte nicht einmal den Finger in den Hals stecken. Alles kam wieder raus. Die ganze braune, süße, vorhin noch so genossene Schokocreme vermischt mit dem schon angedauten Brötchen ergoss sich in die Toilettenschüssel und erleichterte meinen rebellierenden Magen. Als alles raus und runtergespült war, setzte ich mich vor der Toilette auf den Boden und fing an zu weinen. Was hatte ich nur getan? Warum nur war ich schwach geworden? Ich wollte doch nur ein wenig genießen, so wie es die anderen auch alle konnten. Aber gleichzeitig wollte ich auch nicht wieder dick werden, wollte all die Vorteile, die ich jetzt vermeintlich hatte, nicht mehr missen. Warum war das alles so schwer? Schluchzend steckte ich meinen Kopf zwischen die Beine. War das der Preis dafür, den ich zahlen musste, wenn ich mich nicht unter Kontrolle hatte und meinen Gelüsten nachgab? Ein hoher Preis, wie ich fand. Aber vielleicht eine Lösung, nicht immer auf alles verzichten zu müssen. Essen, genießen und dann wieder loswerden. Das war zumindest eine Option. Ich nahm mir vor, nur ab und zu mal, wenn ich wieder meine Kontrolle über mich verloren haben sollte, an meine Erfahrung mit der ganzen Wasserflasche zu denken. Was ich nicht ahnte, ich war gerade eben in den Kreislauf der Bulimie gerutscht und sollte Jahre brauchen, da wieder herauszukommen.

Mein Herz klopfte bis zum Hals, und ich hatte das Gefühl, jeder würde es hören können, wäre ich nicht alleine gewesen. Innere Aufregung begleitete dieses Herzklopfen, denn mir war soeben ein weiteres Mal klar geworden, dass ich all die Jahre über immer und immer wieder nur nach Anerkennung und Beachtung gesucht hatte, weil ich es wohl in all den Jahren davor nicht schaffen konnte, ein emotional ausreichendes Selbstwertgefühl aufzubauen. Stattdessen machte ich meinen Wert abhängig von dem, was andere über mich dachten, und hatte mein Selbstwertgefühl vermeintlich gefunden, als ich schlank und interessant vor allem für die Jungs geworden war. In welchen Kreislauf war ich da nur geraten und vor allem, wieso? Wieso war ich als Kind nicht in der Lage gewesen, mir ein normales Selbstwertgefühl aufzubauen, das mich vor alldem bewahrt hätte? Was war in meiner Kindheit passiert, was mich daran hinderte, in dieser Beziehung eine normale Entwicklung durchlaufen zu können? Innerlich zitterte ich vor Wut, wenn ich auch nicht wusste, weshalb. Vermutlich wusste mein Unterbewusstsein mehr als ich selbst. Nun ja, ich würde alles an die Oberfläche holen, war wild entschlossen, die Gründe für meinen Verlust meines Ichs zu finden und vor allen Dingen, was noch viel wichtiger war, wild entschlossen, mein wirkliches Ich zu finden. Das Ich, das ich selbst lieben konnte, das Ich, das ich sein wollte und wohl auch war, wenn auch bisher unbewusst. Es war da, dessen war ich mir sicher, denn auch die Bulimie hatte ich nach vielen Jahren und einigen Rückfällen in den Griff bekommen. Zumindest musste ich innerlich so etwas wie Selbstwertgefühl entwickelt haben, auch wenn ich mich im Außen nach wie vor so verhielt, wie ich es immer getan hatte, als ich versuchte, immer allen gerecht zu werden, damit sich an der Anerkennung für mich auch ja nichts änderte. Noch immer innerlich vor Wut zitternd gab ich mich wieder meiner Gedankenwelt hin. Ich wollte mich erinnern, um jeden Preis.

Es war wieder einmal eines jener Familienwochenenden, die ich so sehr hasste. Woche für Woche verbrachte ich die Wochenenden alleine zu Hause, wartete auf Jonas, auf seinen Anruf und darauf, dass er sich vielleicht doch einmal für eine oder zwei Stunden zu Hause wegstehlen konnte. Ich saß da und wartete. Seit ich meine eigene kleine Wohnung hatte, bei den Eltern ausgezogen war, war ich in Wartestellung. Das ging nun schon länger als ein halbes Jahr so und meine Nerven lagen blank. Freunde hatte ich vor Jonas auch so gut wie keine gehabt, betrug doch die Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich abgenommen hatte, offensichtlich interessant geworden war und dem Beginn meiner Ausbildung bei Jonas nur ein knappes halbes Jahr. Zu wenig Zeit, um endlich einmal Freunde zu finden. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich in der Schule immer zu den Außenseitern zählte, weil ich zu denen gehörte, die jeden Morgen von weiter her mit dem Schulbus anreisen mussten. Nachmittags jedoch war es sehr schwierig, in den Ort zu kommen, um sich mit anderen treffen zu können, weil die öffentliche Busverbindung sehr schlecht war. So war ich also ungewollt so etwas wie ein Mauerblümchen und immer darauf angewiesen, dass ich, wenn etwas wirklich Wichtiges war, von meinen Eltern gefahren wurde. Da beide aber kaum Zeit hatten, der Weg mit dem Fahrrad ziemlich gefährlich und auch recht weit war, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Freundschaften auf die zwei Mädchen aus unserem Dorf zu beschränken. Das war, wie ich fand, sehr mager, zumal die anderen aus der Klasse oft gemeinsam etwas unternahmen, ins Kino oder etwas trinken gingen, am Fluss grillten oder im Sommer das Freibad unsicher machten. Und ich war fast nie dabei. Aber auch das war egal, denn ich durfte die wenigsten Sachen mitmachen. Und wenn ich dann doch mal etwas machen durfte, dann musste ich am Wochenende um neun, spätestens um zehn zu Hause sein, was das Kennenlernen von neuen Leuten natürlich zusätzlich erschwerte, weil niemand ein „Küken“ wie mich dabeihaben wollte, das von einer Glucke behütet und bevormundet wurde. Ja, so war meine Mutter. Sie meinte es nicht böse, da war ich mir sicher, aber sie konnte einfach nie über ihren Schatten springen und setzte Grenzen, die so eng waren, dass sie mir die Luft abschnürten. Die Luft, die ich aus heutiger Sicht in dem Alter so dringend zum Atmen gebraucht hätte. Das Ergebnis all dieser Atemnot war mein Auszug am Tag nach meinem achtzehnten Geburtstag, der ein einziges Fiasko gewesen war. Ich packte meine Sachen und zog vorerst einmal zu Hanna, die sich riesig über meinen Einzug freute, weil wir uns super verstanden und vorhatten, die Welt auf den Kopf zu stellen. Aber das ging natürlich nicht lange gut, und so besorgte mir Jonas drei Wochen später das Appartement über dem Studio. Und nun saß ich hier und wartete. Hanna hatte eine Stelle als Kellnerin gefunden und war nach dem Job so platt, dass sie froh war, wenn sie ihr Bett von innen sah. Da war also auch nichts mehr zu machen. Ich war ziemlich einsam, stellte ich insbesondere an den Wochenenden fest. Unter der Woche, da war es kein Problem, denn erstens arbeitete ich bis um fünf und dann blieb ich noch bis um acht, halb neun im Studio bei Jonas, oder er kam zu mir nach oben, wenn niemand anderes mehr da war. Und wenn er dann fahren musste, dauerte es nicht mehr lange, bis ich schlafen gehen konnte. Unter der Woche war eben alles anders, da hatte ich Jonas um mich, hörte seine liebevollen Worte, bekam seine versteckte Zärtlichkeit und sah, wie er mich mit Blicken verschlang. Unter der Woche war ich nicht alleine, da hatte ich ihn, denn er verbrachte den ganzen Tag und einen Teil des Abends mit mir. Unter der Woche, gehörte er mir und wir liebten uns, wenn wir alleine und unbeobachtet waren. Da bekam ich die Nähe und Wärme, die ich mir so sehnlichst von ihm wünschte. Nur die Wochenenden, die waren für die Familie reserviert. Wie ich sie hasste, diese Wochenenden. Ein paar Tränen rollten mir über die Wangen. Und es war erst Samstagmittag, das Wochenende hatte gerade erst angefangen. Apathisch starrte ich aus dem Fenster und hing meinen trüben Gedanken nach. So konnte das nicht weitergehen. Ich musste dringend etwas ändern. Heute Abend würde ich ausgehen. Ob ich Lust hatte oder nicht, ich würde ausgehen. Ich würde nicht auf seinen Anruf warten, sondern auf der Tanzfläche irgendeines Schuppens meinen Körper zur Musik bewegen und verstohlen danach schauen, welche der Typen am Rand ihren Blick nicht von mir wenden konnten. Ja, ich brauchte dringend eine Dosis Männerblicke, brauchte das Gefühl, noch begehrt zu werden. Auch wenn ich wusste, dass ich mit Sicherheit am nächsten Tag ein schlechtes Gewissen haben würde, stand mein Entschluss fest. Ich würde heute tanzen gehen. Und wenn es sein musste, dann eben auch alleine. Ich war schließlich kein kleines Kind mehr und durchaus in der Lage, den Weg alleine zu finden. Mit diesem Entschluss im Kopf fühlte ich mich langsam etwas besser. Ich stand auf, duschte ausgiebig, machte mich fertig und beschloss, ins Einkaufszentrum zu fahren. Der Abend sollte ein voller Erfolg werden, also brauchte ich noch einen tollen, neuen Fummel. Irgendetwas Aufregendes würde ich schon finden. Beschwingt nahm ich die Schlüssel vom Tisch, zog mir eine Jacke über und verließ mein kleines Gefängnis. Die Gitterstäbe waren Jonas‘ Blicke, seine Versprechungen und meine Hoffnung. Aber heute Abend, heute Abend würde ich mich amüsieren, nicht an ihn denken. Heute Abend würde ich nicht alleine bleiben. Er war selber schuld. Wie oft hatte er mir schon versprochen, dass er seine Frau verlassen würde und hatte es immer noch nicht getan. Er saß am Wochenende in trauter Zweisamkeit mit seiner Frau zusammen und ich war alleine. Wenn ich mir da jemanden suchte, der mir das Wochenende versüßte, war es doch wohl nur recht und billig. Er konnte wohl kaum von mir verlangen, dass ich mich einschloss. Mit diesen Gedanken im Kopf versuchte ich mein aufkommendes Gewissen zu beruhigen. Am besten gar nicht mehr darüber nachdenken, ob es richtig oder falsch war. Ich würde ausgehen und einen irre spaßigen Abend haben. Das war es, was ich wollte. Also würde ich es auch tun.
Die Musik dröhnte hämmernd aus den Boxen, die Tanzfläche war so voll, dass man sich ausschließlich auf der Stelle bewegen konnte, die Luft war verraucht, zum Schneiden dick und die Leute schon ziemlich angetrunken, als ich gegen Mitternacht den zurzeit angesagtesten Schuppen der Gegend betrat. Angewidert wollte ich mich einem ersten Impuls folgend sofort wieder umdrehen und den Laden verlassen. Aber meine innere Stimme, die, die mir gesagt hatte, dass ich unter Leute gehen müsste, damit ich auf andere Gedanken kam, hielt mich davon ab. Da ich alleine war, war es nicht schwer, mich durch die Menge zu drängeln. Ich war gut darin und kam mir vor wie auf einem Parcours, nur dass die Hindernisse Menschen waren. Es hatte auch Vorteile, alleine auszugehen. Man musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Man konnte niemanden verlieren. Man konnte tun und lassen, was man wollte. Zielsicher bewegte ich mich durch die Menge Richtung Bar. Am Ende der Theke hatte ich noch einen freien Platz erspäht, es musste wohl mein Glückstag sein. Fest visierte ich ihn an und steuerte auf ihn zu. Eine Sekunde bevor ich ihn erreicht hatte, kam von der anderen Seite ein gut aussehender Typ durch die Menge und ließ sich auf dem Hocker nieder, den ich schon zu meinem für diesen Abend auserkoren hatte. Jetzt stand ich vor ihm mit ziemlich angesäuertem Blick. Na toll, jetzt musste ich, wenn es schlecht lief, auch noch den ganzen Abend stehend meine Getränke in mich hineinschütten. Der Typ sah meinen sauertöpfischen Blick und lächelte mich an. Süß sah er aus, was meinen angesäuerten Blick allerdings wohl nicht entzerrte, denn er beugte sich vor und schrie mir ins Ohr, „hey Hase, wieso schaust du so genervt? Es ist Samstag, morgen ist noch frei und du kannst feiern. Also, was ist los?“ Ich sah ihn entgeistert an und war versucht, ihm zu sagen, dass ich mich durch die Menge gekämpft hatte, um genau den Barhocker im Sturm zu erobern, den er eine Sekunde vor mir einfach so geentert hatte. Aber ich ließ es, es hätte eh keinen Sinn gehabt. Stattdessen drehte ich mich einfach um und ließ ihn stehen. Ich war doch selten dämlich. Auf diese Weise würde ich sicher niemanden kennenlernen, der mir das Wochenende versüßen würde. Und der Typ war auch noch richtig hübsch gewesen. Unsicher drehte ich mich noch einmal kurz um und fing sein Lächeln auf. Er hatte mir die ganze Zeit hinterhergeschaut. Ich blieb stehen und sah ihn an. Aus zwei Metern Entfernung sah er noch besser aus. Dunkle, lange Locken, strahlend blaue Augen, weiß blitzende Zähne wie aus der Zahnpastawerbung und einen leicht bräunlichen Teint. Und immer noch dieses verdammt verführerische Lächeln auf dem Gesicht. In meinem Inneren begann ein kleiner Kampf. Zurückgehen und mit ihm reden oder wieder umdrehen und weitergehen? Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, bis ich mir endlich einen Ruck gab und den Weg zurück Richtung Theke aufnahm. Zwei Meter, für die ich, so schien es mir nun, eine Ewigkeit brauchte. Und die ganze Zeit über lächelte mich der Typ an. Es war zum Verrücktwerden. In mir purzelten alle Hormone durcheinander, mir war gleichzeitig heiß und kalt, als ob sich mein Innerstes nicht entscheiden könnte. Ha Jonas, da kannst du nicht mithalten. Den würde ich heute mit nach Hause nehmen und nach langer Zeit das erste Mal am Wochenende nicht alleine schlafen. Ganz sicher. Das konnte ich in seinem Lächeln lesen. Ein Lächeln, das eine Einladung war, ein offenes Buch, in dem unsere Geschichte für heute Nacht geschrieben stand. Ein Lächeln, das eine aufregende Nacht versprach. Dann stand ich wieder vor ihm und schenkte ihm mein schönstes Lächeln, das ich auf mein Gesicht zu zaubern imstande war. „Geht doch, Hase“, war seine Reaktion auf meinen veränderten Gesichtsausdruck, und er hatte keine Ahnung, welche Glücksgefühle er in mir mit diesen Worten ausgelöst hatte. „Was magst du trinken?“, waren die nächsten Worte, die aus diesem verführerischen Mund kamen. „Einen Wodka-Lemon bitte“, gab ich ihm die postwendende Antwort. Und an seinem Gesicht konnte ich sehen, dass ihm die Antwort gefiel. Er hatte angebissen. Oder war ich es, die angebissen hatte? Egal, wir wollten beide dasselbe. Nur das zählte und sonst nichts. Mit jedem weiteren Glas, das ich trank, verloren sich die Lautstärke, der Gestank nach Rauch und die Enge des Raumes. Nur noch dieses Gesicht, dieses wunderschöne Gesicht auf diesem perfekten Körper war in meinem Fokus. Alles andere blendete ich erfolgreich aus. Und ihm ging es wohl ebenso. Bald standen wir eng umschlungen an der Theke und knutschten wie wild. Verdammt, küssen konnte der Kerl auch noch. Was da wohl noch alles ans Tageslicht kommen würde?! Die Nacht versprach viel, ich hoffte, dass sie es auch halten würde.
Die Sonne schien mir durch das Fenster ins Gesicht. Ich hatte vergessen, die Rollos runterzulassen, als ich früh morgens mit meiner Eroberung im Schlepptau wieder dort gelandet war, wo ich mir am Tag zuvor fest vorgenommen hatte, nicht noch ein Wochenende alleine verbringen zu müssen. Und es hatte funktioniert. Zufrieden kuschelte ich mich in den Arm von Volker, so hieß meine nächtliche Begegnung, und genoss die Wärme seiner weichen Haut. Er war drahtig, schlank, gut durchtrainiert und rasiert. Nicht nur im Gesicht, sondern auch an der Brust und an den pikanten Stellen des Körpers, was unsere nächtlichen Spiele im Bett noch wilder machte, weil nicht ständig irgendein Haar an einer Stelle zu finden war, wo es nicht hingehörte und lästiges Entfernen aus seinem oder meinem Mund das Liebesspiel nicht unterbrechen konnte. Es war eine heiße Nacht, eine tolle, heiße Nacht. In meinem Kopf ließ ich noch einmal all das, was wir miteinander gemacht hatten, Revue passieren. Er war ein guter Liebhaber und ziemlich ausdauernd. Mittendrin hatte er dann eine kleine Pause eingelegt, aus seiner Jackentasche ein Paket Tabak, Blättchen und ein kleines Päckchen geholt. Aus allen Zutaten zauberte er eine kleine Tüte und grinste mich freudig an. „Süße, jetzt wird die Post abgehen!“, war alles, was er sagte, bevor er sich die Tüte anzündete. Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben einen Joint geraucht, war eigentlich auch strikt gegen solche Dinge, aber in diesem Moment viel zu betrunken und berauscht von der Situation, um darüber nachzudenken, was ich jetzt gleich tun würde. Er nahm einen tiefen, langen Zug, hielt die Luft einen Augenblick an und ließ selbige dann langsam entweichen. Das wiederholte er einige Male. „Ahh, das tut gut!“, entfuhr es ihm, und er reichte mir den restlichen Stummel erwartungsvoll rüber. Ohne zu überlegen nahm ich den Joint und machte es ihm nach. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich etwas spürte. Es fühlte sich so leicht an, so ungezwungen, so über alles erhaben. Ein irres Gefühl. Und davon sollte man süchtig werden? Und wenn schon, es war ein tolles Gefühl. „Und jetzt Baby, jetzt heben wir ab. Du wirst den besten Sex deines Lebens haben“, kündigte Volker mir mit etwas kichernder Stimme an, bevor er über mich herfiel. Und er hatte recht, es war die wildeste und intensivste Nacht, die ich je erlebt hatte. Solch starke, ausgeprägte Gefühle hatte ich bisher noch nie empfunden. Die Tücken der Drogen hatten mich voll im Griff. Jetzt, am Morgen danach, sah ich alles mit nüchternem Blick und schwor mir, dass ich das nicht noch einmal machen wollte, wusste ich doch, dass es die bewusstseinserweiternde Wirkung der Droge selbst war, die süchtig machte und einen nach mehr verlangen ließ. Es war aber auch wirklich kein Wunder, dass man danach süchtig werden konnte, denn das, was ich erlebt hatte, war phänomenal und unerreicht, verführte dazu, es immer wieder so tun zu wollen. Volker schlief noch tief und fest. Er war nach unserer vergnüglichen Kiffrunde total k. o. und nach dem Sex fast sofort eingeschlafen. Ich hingegen lag noch lange wach und war ziemlich aufgedreht, brauchte eine ganze Weile, bis ich in den Schlaf fand. Das Kitzeln der Sonne in meinem Gesicht hatte mich aufgeweckt. Meinem Kopf nach zu urteilen wäre es jedoch besser gewesen, sich sofort umzudrehen und weiterzuschlafen, anstatt über die Nacht zuvor nachzudenken. Ein dumpfer, hämmernder Schmerz war latent vorhanden. Das war wohl etwas zu viel Alkohol gewesen. Wenigstens hatte ich das Auto stehen lassen, hatte mit ihm ein Taxi genommen, das er, ganz Gentleman, anstandslos bezahlt hatte. Und jetzt lag ich mit einem mir wildfremden Mann in dem Bett, in dem ich mit Jonas schon unzählige Male geschlafen und auf ein Happy End gehofft hatte, und hatte den besten Sex meines Lebens gehabt. Nur nicht mit Jonas. Der Typ gefiel mir, aber ich war nicht verliebt. Er war ein Leckerchen für das Auge und für die Begierde einer Frau, aber alles andere ließ zu wünschen übrig. Seine Allgemeinbildung war nicht sehr ausgeprägt und Themen, über die man mit ihm reden konnte, gab es wenige. Sport, Autos, Frauen. Das war es schon. Vielleicht noch über die Partyszene, welcher Laden gerade in war und wo es welche Drogen gab. Dann war sein Repertoire aber auch schon erschöpft. Machte aber nichts, denn ich wollte ihn ja nicht heiraten, wollte nur nicht alleine sein am Wochenende und das war mir gelungen. Vielleicht konnte ich ihn dazu überreden, das Ganze noch ein paar Wochenenden mehr zu wiederholen. Eine Überlegung wäre es jedenfalls wert, ging es mir durch den dröhnenden Kopf. Ganz vorsichtig wand ich mich aus seinem Arm und stand leise auf, um mir einen Kaffee zu kochen. Als der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees sich im Appartement ausbreitete, schlug Volker ganz langsam die Augen auf. Kaffee war wohl sein Wecker, jedenfalls sah es ganz danach aus. Ein „Hi!“ quälte sich durch seine Lippen, und er machte schnell wieder die Augen zu, weil ihm das grelle Tageslicht in den Augen schmerzte. Mit geschlossenen Augen lag er da. „Bekomm ich auch einen? Mit Milch und zwei Löffeln Zucker bitte!“ „Klar, ich bin schon beim Eingießen.“ Toll, das versprach eine sehr fruchtbare Konversation zu werden. Vielleicht sollte ich mir das mit der Wiederholung des Wochenendes doch noch einmal überlegen. Sex alleine war eben nicht alles. Als er den Kaffee ausgetrunken hatte, ging er ins Bad und stellte sich fast eine halbe Stunde lang unter die Dusche. Etwas wacher als zuvor steckte er den Kopf aus der Duschkabine und rief: „Hase, hast du mal ein Handtuch für mich?“ Ich nahm eines aus dem Schrank und brachte es ihm, ohne etwas zu sagen. So in nüchternem Zustand, ohne Alkohol und Drogen, ohne dröhnende Musik, die einem das Reden unmöglich machte, war mir sofort klar, Volker war nur zu einem gut. Für ein weiteres Wochenende würde ich ihn nicht mehr haben wollen, denn das, was ich eigentlich suchte, konnte er mir auch nicht geben. Als er fertig geduscht war, seinen Kaffee getrunken und sich angezogen hatte, und er tat es wirklich in genau dieser Reihenfolge, drückte er mir einen kurzen Kuss auf den Mund, sagte „Baby, es war eine tolle Nacht mit dir, mach’s gut, wir sehen uns“, und nahm die Türklinke der Wohnungstür in die Hand, um vermeintlich für immer aus meinem Leben zu verschwinden. Was blieb, war ein schaler Nachgeschmack und die Erinnerung an den geilsten Sex, den ich bisher in meinem Leben gehabt hatte. Na ja, immerhin hatte ich einen ganzen Tag mal nicht an Jonas gedacht und vor allem, ich hatte nicht auf ihn und seinen Anruf gewartet. Dazu war es gut gewesen. Für mehr aber auch nicht. Keine fünf Minuten später schellte es an der Tür. Oh nein, was hatte er nur vergessen? Ich hatte wahrlich keinen Nerv, Volker jetzt noch einmal ertragen zu müssen, drückte aber die Tür auf und bekam den größten Schreck meines Lebens. Vor mir stand Jonas. Und er war ziemlich wütend.
Ich erinnerte mich wieder an diesen Augenblick damals, er war so ziemlich der schlimmste Augenblick, den ich während der ganzen Jahre mit Jonas erlebt hatte, wenn man mal von unserem „Beziehungsende“ absah. Dass er mir damals nicht an die Gurgel, nicht ins Gesicht gesprungen war, war eine reife Leistung seiner noch existierenden Selbstkontrolle. Jonas hatte Volker aus dem Treppenhaus auf den Hof kommen und in sein Auto steigen sehen, als er selbst gerade auf den Hof fuhr. Da im Augenblick außer mir niemand über dem Studio wohnte, die andere Wohnung stand seit ein paar Wochen leer und wartete auf einen neuen Mieter, war ihm sofort klar, dass ich Besuch hatte. Was er zum Glück nicht wusste, war, dass es ein Besuch über Nacht gewesen war, denn es war bereits früher Nachmittag und nicht ersichtlich, dass wir bis mittags geschlafen hatten. Er war schrecklich wütend auf mich und schrie mich an, was das sollte, wieso ich andere Männer zu mir nach Hause einlud, und drohte mir mit dem Ende unserer Beziehung. Das brachte mich auf den Plan und meine Wut wiederum auf hundertachtzig. Ein Wort gab das andere, ich drohte ihm damit, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht bald trennen würde, und so schrien wir uns damals im Hausflur gegenseitig an, bis mir der Kragen platzte und ich ihm einfach die Tür vor der Nase zuschlug. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Ausgerechnet er war eifersüchtig. Er, der mit seiner Frau das Wochenende verbrachte, anstatt mit mir. Er, der mir seit langer Zeit erzählte, dass er mich liebte und sich trennen würde. Er, der noch mit seiner Frau schlief, was unschwer daran zu erkennen war, dass sie von ihm noch ein weiteres Kind bekommen hatte. Ausgerechnet dieser Mann war eifersüchtig. Mit welchem Recht? Er war dann damals wütend runter ins Studio gegangen und hatte mich eine Stunde später reumütig angerufen, sich am Telefon für seinen impulsiven Auftritt entschuldigt. Es täte ihm leid, sagte er damals. Ich schwieg dazu. Und das erste Mal war in mir ein Gefühl von ‚was mache ich hier überhaupt?‘ aufgekeimt. Allerdings nahm ich es nicht so stark wahr, dass dieses Gefühl eine Chance gehabt hätte, an der Oberfläche zu bleiben. Denn sonst hätte ich die weiteren zweieinhalb Jahre nicht mehr mit Jonas verbracht, was ich allerdings ganz offensichtlich getan hatte. Die ganzen alten Erinnerungen schienen nur so aus mir herauszusprudeln, so als ob ich eine Quelle angebohrt hätte, die nun nicht mehr versiegen wollte. Alles kam so einfach an die Oberfläche, ich brauchte nicht einmal mehr diesen Trancezustand, um an meine Erinnerungen heranzukommen. Das Siegel war aufgebrochen, das Tor war weit geöffnet, alles floss heraus. Es war geradezu so, als ob die ganzen Erinnerungen darauf gewartet hatten, endlich an die Oberfläche, an das Tageslicht kommen zu dürfen. Was hatte ich mir nur selbst angetan? Wieso hatte ich nicht schon viel früher versucht, all das zu verarbeiten? Es war müßig, dieser Frage nachzugehen, ließ es sich doch nicht mehr ändern. Aber jetzt, jetzt konnte ich mich damit auseinandersetzen, alles noch einmal durchleben, den Grund finden, warum mir mein Ich verloren gegangen war. Es war inzwischen später Abend und Bettgehzeit. Das Wochenende war zu Ende, morgen würde ich wieder arbeiten müssen. Nein, ich konnte morgen nicht arbeiten gehen. Ich musste so schnell wie möglich mein Ich wiederfinden, würde morgen früh anrufen und mich krankmelden, notfalls zur Ärztin gehen und ihr erzählen, was mit mir gerade passierte. Zeit war das, was ich jetzt dringend brauchte. Zeit, um all die Dinge an die Oberfläche zu lassen, die so dringlich herauswollten. Und ich würde sie bekommen. Da war ich mir sicher. So oder so. Im Bett lag ich noch lange wach, das Gedankenkarussel drehte sich wieder und ich driftete schon wieder in die Vergangenheit ab, holte neue Erinnerungen an die Oberfläche. Erinnerungen, die alle eines gemeinsam hatten: Ich fühlte mich einsam.

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Leseprobe: Die Macht des Vampirgens

Die Macht des Vampirgens

Ich hielt in der einen Hand meine silbernen Stilettos und ließ sie hin und her schwingen und in der anderen hielt ich die Hand meiner Mutter (oder besser gesagt: Sie umklammerte meine Hand wie eine Ertrinkende einen Strohhalm). Der weiche und weiße Sand rieselte durch meine Zehen und ich genoss es. Links neben mir lief Rakesh, er ließ den Blick kaum von mir, links neben ihm ging Judy, die den Blick kaum von ihm wenden konnte. Diese Szene musste von Weitem einfach zu köstlich aussehen. Ich unterdrückte ein Schmunzeln und kurz darauf einen Aufschrei und beließ es beim Verziehen meines Gesichts, denn meine Mutter hatte gerade, da der entschiedene Teil des Strandes nun in Sicht kam, ihre Fingernägel in meine Haut gebohrt. Klar war ich ein Vampir, doch ich war erst wenige Monate alt und außerdem hieß das nicht, dass meine Haut jetzt hart wie Stein war, trotzdem musste meine Mutter echt fest zugedrückt haben, dass es mir so sehr weh tat, dass mir fast die Tränen in die Augen traten. Ich lockerte ein wenig ihren Griff und atmete tief ein, doch kurz darauf schloss sich ihre Hand wieder wie ein Schraubstock um meine, wenigstens diesmal ohne den Einsatz ihrer Fingernägel, ich seufzte tief. Doch als ich sah, wie wunderschön der Strand innerhalb weniger Stunden dekoriert worden war, musste ich lächeln. Genau das hatte ich meiner Mutter schon ewig gewünscht, nur dieses Mal war es auch der richtige Mann, mit dem sie hoffentlich (ich war überzeugt davon) bis zu ihrem Lebensende glücklich sein würde. Und bei diesem Gedanken überkam mich ein sicheres Gefühl, ich hatte plötzlich nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen, weil ich für eine unbestimmte Zeit gehen würde; denn unsere Familie, die einst in Stücke gerissen worden war, schien sich nun neu zu ordnen. Bei dem Gedanken, dass meine Mutter nun wieder einen Mann hatte, den sie liebte (und er liebte sie definitiv genauso sehr, ich würde sogar sagen, er vergötterte sie fast) und bei dem sie sich ausheulen konnte, wenn wieder mal etwas nicht so lief wie sie es sich vorgestellt hatte. Und auch bei dem Gedanken an Maddie machte ich mir nun nicht mehr so große Sorgen, ich hatte sie unendlich lieb und sie war sehr wichtig in meinem Leben und auch sie brauchte mich. Doch jetzt hatte sie Robert, der bei ihr die Vaterrolle übernahm, jemand, den sie brauchte. Sie hatte ihn unheimlich gern, genauso wie er sie. Also würden sie mich weniger brauchen. Meine Mom drückte nun wieder ganz fest meine Hand und brachte mich wieder in die Realität zurück. Auch Rakesh sah mich mit seinem schiefen Lächeln von der Seite an. Ich wusste, dass er wusste, dass ich gerade in Gedanken geschwelgt hatte, alleine schon an meinem dämlichen Grinsen, welches ich immer auf den Lippen hatte, wenn ich über etwas Positives nachdachte. Ich lächelte zurück, er kannte mich mittlerweile halt einfach zu gut, und genau das gefiel mir. Er kannte mich nur zu gut, und war immer noch hier, also war das doch Beweis genug, dass er mich sehr gern haben musste, oder?
Als ich wieder einen Schritt nach vorne trat, weil wir nun fast unser Ziel erreicht hatten, wurde ich abrupt wieder zurückgerissen, ich stolperte rückwärts und Rakesh fing mich lachend auf. Ich blickte fragend meine Mutter an, was der Grund gewesen war für meinen Beinahesturz. Sie stand da wie versteinert, ihre Hand immer noch wie ein Schraubstock um meine. Es schien, als ob eine unsichtbare Mauer sie nicht durchlassen würde. Ich holte tief Luft und versuchte es auf dieselbe Weise wie ich meine Mutter fast immer dazu brachte, wieder normal zu reagieren und ihre Nerven herunterzufahren: Ich machte ihr etwas schmackhaft. Ich grinste bei dem Gedanken und gab einen Bewunderungslaut von mir: „Wow, wie wunderschön alles aussieht, die absolute Traumhochzeit, ich beneide dich so, Mom, an deiner Stelle würde ich so schnell wie möglich …“ Doch bevor ich zu Ende reden konnte, begann meine Mutter schon wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen und riss mich nun nach vorne (Musste alles immer so ruckartig sein? Noch kann ich nicht hellsehen …) und stürzte fast schon wieder, doch diesmal hielt ich mich ohne Rakeshs Hilfe auf den Beinen. Ich drehte mich zu ihm um und bemerkte gerade noch, wie er mich anerkennend ansah. Ich schaffte es gerade noch, ihm zuzuzwinkern, dann wurde ich schon weiter nach vorne gezogen: „Nun komm endlich, Alexis, sonst komme ich noch zu meiner eigenen Hochzeit zu spät“, sagte sie voller Schwung und drängte mich. Da hatte ich ja mal wieder gute Arbeit geleistet, sagte ich zu mir und klopfte mir innerlich auf die Schulter.
Vor uns tauchten Reihen von Stühlen auf mit rosanen und blauen Schleifen. Am Ende der Reihe stand ein mit Blüten verzierter, aus weißen Ästen bestehender Pavillon. Der Pfarrer stand schon darunter und winkte uns zu. Langsam füllten sich die Stuhlreihen mit Gästen. Wir machten einen weiten Bogen drum herum, damit niemand uns sah. Mom stellte sich unter eine Palmengruppe, unter der sie nachher hervortreten würde. Mein Grandpa kam uns mit Maddie entgegen, die ein orange-rotes Kleid trug. Er küsste Mom und mich auf beide Wangen und klopfte Rakesh auf die Schulter: „Passen Sie gut auf meine Enkelin auf. Und seien Sie ja gut zu ihr.“ Dabei zwinkerte er ihm zu. Rakesh lächelte, sagte aber völlig ernst: „Selbstverständlich, Sir, das verspreche ich Ihnen.“ Mein Grandpa klopfte ihm nochmals auf die Schulter: „So ist´s recht, Junge, so ist´s recht.“ Dann wandte er sich an Mom und nahm sie in den Arm: „Ach, meine Kleine, ich bin so froh, dass du endlich den Richtigen gefunden hast und glücklich bist.“ Meine Mom nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest: „Danke, Dad“, erwiderte sie glücklich. Es versetzte mir einen kleinen Stich, als ich sah, wie Grandpa sie zum Altar führte, und ich hoffte, dass Robert das einst bei mir auch machen würde, das wäre wenigstens ein kleiner Trost. Ich wischte es weg und setzte mich mit Rakesh in die erste Reihe. Die Brautjungfern, unter anderem Moms Schwestern Judy und Sally – ich mochte Sally nicht, sie nervte und ihre Tochter Bevenie war die reinste Hölle von einem Mädchen – und zwei Freundinnen von Mom, Annabelle und Valerie, standen schon neben dem Pavillon auf einer kleinen Anhöhe. Sie hatten alle ein aprikotfarbenes Kleid an und waren in Begleitung eines Mannes, Judy von ihrem und Moms Bruder Anthony, mein Onkel sah wirklich gut aus, meine Tante Sally in Begleitung ihres Mannes Norbert, Valerie mit einem Freund von Norbert und Annabelle mit Roberts Bruder, die beiden schienen wirklich perfekt zueinanderzupassen. Robert stand schon am Altar und wartete nervös. Dann kam Mom – sie sah wunderschön aus – den Gang entlang mit meinem Grandpa am Arm, alle Köpfe fuhren zu ihr herum und Robert lächelte verliebt. Meine Mom kam am Altar an und lächelte bis über beide Ohren, ich hatte sie lange nicht mehr so glücklich gesehen. Der Pfarrer fing eine Rede an, doch ich hörte kaum zu, ich schaute die beiden nur an und fragte mich, ob Rakesh und ich auch eines Tages da oben stehen würden.
Als meine Mutter dann sagte: „Ja, ich will“, war ich genauso happy wie sie, irgendwie gab mir dieser Akt ein bisschen Hoffnung auf Normalität. Ich lächelte und applaudierte genauso wie die anderen, als der Pfarrer verkündete, dass Robert die Braut nun küssen dürfe. Rob beugte sich vor und küsste meine Mutter lang und innig, was wir alle mit heftigem Klatschen begleiteten. Ich merkte, wie Rakesh mich aufmerksam anschaute, ich lächelte ihn an. Ich sah ein Funkeln in seinen Augen und glaubte, dass er auch daran dachte, dass dies vielleicht auch eines Tag uns passieren könnte und das machte mich gleich noch fröhlicher. Alle Gäste fingen an, sich zu erheben, und die Caterer kamen, um die Stühle wegzustellen. Die Band ging auf die Bühne und das Fest begann. Alle begaben sich nun zur Tafel, jeder konnte sich setzen, wohin er wollte. Mein einziges Ziel war nur, dass Rakesh neben mir saß und meine Tante Sally, ihr Mann Norbert und deren Tochter Bevenie so weit wie möglich von mir weg saßen. Als sich alle gesetzt hatten, begannen die Reden. Die Brautjungfern meiner Mutter trugen ein Gedicht vor, welches ich nicht wiederholen werde, da es sehr schmutzig, jedoch auch sehr witzig war, also um es genau zu sagen: Den Kindern aus der Familie mussten die Ohren zugehalten werden, doch die Restlichen lachten alle. Mein Opa trug nur wenige Worte bei, wie noch einige andere. Dann standen nur noch Roberts und meine Rede aus, ich ließ ihm den Vortritt: „Also gut … ähm ja. Rachel“, er sah sie liebevoll an und sprach nur zu ihr: „Als wir uns damals in diesem Café kennenlernten, war es sofort um mich geschehen, ich wusste, ich muss dich haben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal wusste, ob du überhaupt noch frei warst. Auf jeden Fall habe ich mich sofort in dich verliebt.“ Ich sah zu Rakesh und wusste direkt, was Robert meinte: „Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick oder Seelenverwandtschaft geglaubt, aber seit ich dich kenne, halte ich nichts mehr für unmöglich. So, also … um nicht alle zu langweilen, wollte ich dir nur sagen, dass ich dich über alles liebe und niemals wieder verlassen werde. Deswegen danke ich deinen Eltern, dass es dich gibt. Und zu guter Letzt bist nicht nur du in mein Leben getreten, sondern auch Madlen und Alexis, und ich werde mir die größte Mühe geben, euch ein guter Vater zu sein. Danke.“ Er lächelte in die Runde und setzte sich nun, alle applaudierten. Dann erhob ich mich und räusperte mich, ich hatte nichts einstudiert, ich wollte alles aus meinem Herzen heraus sprechen lassen: „Mom, du weißt, ich bin glücklich, wenn du glücklich bist und im Moment geht es mir wirklich gut. Ich möchte nur sagen, dass ich unheimlich froh bin und es dir so gewünscht habe, dass du so jemanden wie Robert an deiner Seite hast, und wie man sieht, hat sich der Wunsch erfüllt. Nun ja, ich wünsche euch alles Gute und Glück in eurer Ehe und ich möchte Robert danken. Denn jeder hier weiß, wie es meiner Mom ergangen ist in den letzten Jahren und jetzt seht nur, wie sie strahlt und das haben wir nur einem einzigen Menschen hier zu verdanken. Und zwar dir, Robert, du hast ihr die Lebensfreude wiedergegeben, die sie verloren hatte. Du bist der Mensch, der ihr ein neues Leben geschenkt hat. Und wenn ich jetzt ausziehen würde, wüsste ich sie in guten Händen. Dafür und dafür, dass du so ein toller Mensch und ja auch Vater bist, möchte ich dir danken. Also: Cheers und ein Hoch auf Robert und meine Mom, dass sie eine lange Zeit zusammen haben! Und jetzt wird gegessen!“ Alle erhoben die Gläser und riefen: „Ein Hoch auf Rachel und Robert, cheers!“ Dann erklang ein lautes Klirren von Gläsern und ich setzte mich, Moms und Roberts Blicke begegneten mir und beide formten ihre Münder zu einem Danke, ich lächelte sie als Antwort einfach nur an. „Das hast du toll gesagt“, flüsterte Rakesh neben mir, zog mich zu sich heran und küsste mich: „Ich bin stolz auf dich.“ Dann ließ ich von ihm ab, weil ich einen Mordshunger hatte.

 

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Leseprobe: Isabellas Welt

Isabellas Welt

»Huch!«, quiekte Isabella Korngold so laut, dass mehrere Krähen, aber leider auch ihre Lieblingsamsel davonflogen. Sie legte Bleistift und Notenheft beiseite und blinzelte. »Die Vogelscheuchenmütze, oder wie oder was?«
Etwa zwei Meter über ihr baumelte in der beinahe kahlen Fichte etwas Buntes. Isabella stand auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und schirmte ihre Augen gegen die gleißende Sonne ab. Dabei biss sie sich mit ihren leicht vorstehenden Schneidezähnen auf die Unterlippe. Das tat sie immer, wenn sie sich konzentrierte. Deshalb hatte sie bei ihrer Schwester Mareen den Spitznamen Kaninchen.
In der Nacht war ein Sturm mit Windstärke 10 über das Bergische Land gefegt und hatte Bäume entwurzelt, Dachziegel gelöst und Bauer Wagners Vogelscheuche, die wie durch ein Wunder stehen geblieben war, die Mütze vom Kopf geweht.
Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Jetzt konnte man viel besser sehen.
»Ein schlapper Luftballon! Und es hängt was daran!«, murmelte Isabella. Sie sprach gern zu sich selbst – wie viele Menschen, die oft allein sind. »Eine Postkarte?« Isabella kletterte die Leiter des Hochstands hinab und sammelte so viele Kiefernzapfen auf, wie sie mit zwei Händen tragen konnte.
Freihändig stieg sie wieder hinauf – darin hatte sie bereits Übung.
Der alte Hochstand am Waldrand wurde nicht mehr benutzt, und vor ein paar Wochen hatte Isabella beschlossen: »Der gehört jetzt mir!« Seitdem war es ihr Lieblingsplatz. Herr Korngold hatte ihr geholfen, aus dem bereits etwas morschen Gestell ein gemütliches kleines Reich zu machen, mit Wänden aus Sperrholz und einer Plastikplane als Dach, die man mit wenigen Handgriffen abnehmen konnte.
Hier verbrachte Isabella ihre Nachmittage, wenn es das Wetter zuließ.
Sie zielte mit den Zapfen nach dem Ballonfetzen, traf aber nicht einmal annähernd.
»Schittischitt!«, schimpfte sie und streckte dem schlappen Luftballon ihre Zunge heraus.
In der Ferne glitzerte das Dach von Bauer Wagners Hof. Das brachte sie auf eine Idee. Heugabel! Sie konnte sich doch eine Heugabel ausleihen! Die wäre sicher lang genug, um das bunte Ding aus der Fichte zu angeln.