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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8) (2)

Mir fällt John ein, wie wir uns in einem Wartungsgang der U-Bahn gegenseitig fast den Schädel eingeschlagen haben, bevor ich ihn mit meinem stilettomäßigen Absatz ruhigstellen konnte. Jetzt habe ich nur Stiefeln an, wie sie im Mittelalter üblich waren, dafür habe ich mein Schwert, das beste in Marbutan.
Allerdings ist das hier ganz sicher kein Mittelalter, hier fahren Züge, wohl eher nicht von Dampfloks gezogen. Keine Ahnung, in was für ein Universum mich die Scheißgötter verfrachtet haben, aber ich hätte es vermutlich schlimmer erwischen können. Zumindest gibt es hier Menschen und ich verstehe sogar ihre Sprache. Vieles ist dem ähnlich, was ich kenne, aber nicht alles. Ein bisschen habe ich das Gefühl, als hätten die Götter in diesem Universum geübt, bevor sie meins erschaffen haben.
Nicht meins. Mein ehemaliges. Das ich nicht retten konnte.
Ich bleibe stehen, um meine Fassung zu wiedererlangen. Die wird allerdings erneut empfindlich gestört, als irgendwo ein Zug ankommt. Glücklicherweise weiter entfernt, denn er hat ein irrsinniges Tempo drauf. Mindestens Mach 3, wenn nicht mehr.
Was zum …?
Jedenfalls höre ich ihn viel später als ich ihn sehe. Und wäre er auf einem der Gleise in meiner Nähe angekommen, hätte mich der Fahrtwind gnadenlos von den Füßen geholt.
Ich sehe mich um. Seit einer halben Stunde, mindestens, laufe ich ins Innere dieses gigantisches Gebildes, weg von der Schwärze, weg vom Spinnennetz. Allmählich kommt eine Wand näher, von der ich hoffe, dass sich darin ein Wartungsgang befindet, durch den ich von dieser Plattform wegkomme, die geschätzt einige Dutzend Kilometer breit sein muss. Ein wenig erinnert sie mich an die Landeplattform aus „Stars Wars“, sie ist nur größer. Und in dem Film fahren keine Hunderte von Züge rein.
Als ich endlich die Wand erreiche, erkenne ich eine Gittertreppe, die an einer Tür endet. Das sieht ja schon mal gut aus. Aber die Leute, die hier arbeiten, müssen fit sein. Wieso gibt es hier keine Fahrstühle?
Die Tür ist aus Stahl, soweit ich es erkennen kann, und mit einem Knauf versehen. Allerdings lässt er sich problemlos drehen, sodass ich die Tür öffnen kann. Dahinter befindet sich ein Gang, der aussieht, wie solche Gänge eigentlich immer aussehen. An der Decke sind Neonlampen befestigt. Sie müssten jetzt nur noch flackern, damit ich mir wie in einem schlechten Film vorkomme.
Aber sie flackern nicht.
Der Boden ist sauber und genau wie die Wände mit einem silberfarbenen Anstrich versehen. Ich kann nach rechts oder nach links gehen. Rechts gefällt mir besser, dort sehe ich etwas weiter entfernt etwas blinken. Also nehme ich diese Richtung.
Das Blinken gehört zu einem Fahrstuhl, zum Rufknopf. Warum fährt der nicht einfach auf die Plattform? Das ist doch bescheuert. Dieser Korridor ist völlig sinnlos.
Ist es nicht, denke ich dann. So wie die Züge da fahren, wäre es sehr unangenehm, wenn ausgerechnet in dem Augenblick, wenn die Tür aufgeht, ein Zug vorbeirauscht. Vielleicht hat doch jemand nachgedacht, als er die Anlage entworfen hat.
Aber wer zum Teufel braucht so einen riesigen Bahnhof? Und was soll das Spinnennetz unter den Gleisen?
Sehr eigenartig, das alles hier. Ich muss unbedingt schnellstmöglich herausfinden, in was für einer Welt ich gelandet bin. Und warum der Ring unbedingt wollte, dass ich durch diese Tür gehe.
Überhaupt, dieser Ring. Ich mustere ihn nachdenklich. In der Mittelalter-Welt hat er mir ja wirklich gute Dienste geleistet. Da er aber auch im Ewigen Turm gewirkt hat, gehört er nicht nur zu Kyo, wie alle glauben, sondern sogar zu Fiona. Fragt sich nur, wie er ins Spiel passt. Noch ein magic tool? Ich hoffe, er gibt mir noch weitere Hinweise. Cool wäre es ja, wenn er mir den Weg zu Katharina zeigen würde. Und noch cooler wäre es, wenn sie noch am Leben wäre. Über vier Jahre, die zumindest in der Mittelalter-Welt seit der Zerstörung unseres Universums vergangen sind, können eine Ewigkeit sein. Ich schätze, Katharina weiß auch nicht, wer sie ist. Was wiederum bedeutet, dass ich sie nicht nur finden, sondern auch überzeugen muss, mich in den Ewigen Turm zu begleiten. Je nachdem, was sie inzwischen so treibt, könnte das eine echte Herausforderung werden.
Zunächst aber wäre ich schon froh, sie nur zu finden.
Jetzt hört das Blinken auf und die Tür öffnet sich. Ich sehe mich drei Männern gegenüber, die typische Monteurkleidung tragen. Wobei, einer von denen ist noch nicht wirklich ein Mann.
„Ja, wer bist du denn?“, fragt ein anderer, der massemäßig locker die beiden anderen ersetzen könnte. Er ist dunkelblond, fast so hoch wie Askan oder James und hat blaue Augen.
Ich überlege kurz, ob ich mein Schwert ziehen soll, verzichte dann aber doch darauf. Die drei Jungs wirken nicht bedrohlich. Die beiden anderen sowieso nicht. Einer von ihnen ist schlank, etwa in meinem Alter und hat sich schnell von der Überraschung erholt.
Der dritte ist jung, noch nicht erwachsen, aber vermutlich ausgewachsen. Er ist deutlich kleiner als die beiden anderen und wird es vermutlich auch bleiben. Er mustert mich wie jemand, der nur selten eine Frau gesehen hat, nackt vielleicht noch nie.
„Mein Name ist Fiona“, erwidere ich. „Wo ist der Ausgang?“
Die drei starren mich an und fangen dann an zu lachen. Hm. Eigentlich meinte ich das ja ernst. Aber gut. Je nachdem, was das für eine Welt ist, gibt es vielleicht keinen Ausgang und meine Frage ist ähnlich bescheuert wie auf der Erde, als es sie noch gab, die Frage nach einer Spülmaschine, die sich selbst einräumt, ausschaltet und wieder ausräumt, gewesen wäre.
Dann zeigt der Dicke in die Richtung, aus der ich gekommen bin: „Der einzige Ausgang, den es hier gibt, ist dort. Aber ich würde den nicht nehmen. Die Dolgs sind sehr schnell.“
Wer? Ich kann mich gerade noch beherrschen, die Frage nicht laut zu stellen. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wie schön es doch war, als Kyo die Welt nach einer Tabula rasa vollkommen ahnungslos kennenzulernen. Jetzt, mit dem Wissen über mein altes Universum und die Mittelalter-Welt, ist es viel anstrengender.
Scheißgötter! Ich hasse euch!
„Hast du dich denn verirrt?“, fragte jetzt der andere ältere.
„Ich glaube schon. Wo bin ich überhaupt?“
„Im Wartungstunnel der A-Plattform“, antwortet er. „Eigentlich dürfen hier nur Wartungstechniker sein, also wir.“
„Ich würde ja gerne gehen, aber wie komme ich hier weg?“
„Du musst doch irgendwie hergekommen sein“, meint der Dicke.
„Ich weiß aber nicht, wie.“ Die Nummer, sich an nichts zu erinnern, hat ja schon mal gut funktioniert. Allerdings war sie in der anderen Welt echt.
„Du weißt nicht, wie?“
Ich schüttele den Kopf.
Der Schlanke sieht den Dicken an und sagt: „Ich bringe sie nach oben. Ihr kommt sicher auch allein zurecht.“
„Klar, Omar“, sagt der Dicke und winkt dann dem Kleinen zu. „Komm, Kid. Wir lassen Omar mit seiner neuen Flamme allein.“
„Ich könnte sie doch auch nach oben bringen, Danny“, meint Kid.
Danny? Das auch noch!
Danny legt ihm freundschaftlich die Pranke auf die Schulter und zieht ihn mit sich. „Werde du erst mal erwachsen, Kleiner. Komm jetzt!“
Die beiden trotten Richtung Treppe davon, wobei Kid noch nicht ganz so überzeugt ist, dass es so richtig ist, denn er blickt mehrmals zurück.
„Mein Name ist Omar Caruso“, sagt der dritte Mann. „Komm in den Aufzug. Ich bringe dich zum Ausgang. Danny hat zwar gesagt, es gibt keinen, aber natürlich kannst du den Wartungsbereich verlassen.“
Ich nicke und betrete die Kabine. Omar drückt einen Knopf, woraufhin die Tür zugleitet und der Aufzug sich in Bewegung setzt. Erstaunlich leise und schnell.
„Du meintest das doch nicht ernst, dass du dich nicht erinnerst, oder? Bist du eine Demonstrantin?“
„Eine Demonstrantin? Nein, das glaube ich nicht. Wofür sollte ich denn demonstrieren?“
Er zuckte die Achseln. „Das habe ich sowieso nicht verstanden, wofür diese Demonstrationen gut sein sollen. Angeblich für bessere Lebensbedingungen. Aber das ist ja Blödsinn. Es gibt ja nur den Bahnhof.“
Aha. Soll er das ruhig glauben. „Ich erinnere mich nicht, was ich bin.“
„Aber du weißt doch deinen Namen?“
„Ja, und das war es auch schon.“
Er mustert mich nachdenklich. „Sag mal, kann es sein, dass der Chef dich schickt?“
„Der Chef? Mich?“
„Er macht ja schon mal so einen Quatsch. Um uns aufzumuntern und zu motivieren.“
Mitarbeitermotivation. Überall auf dieselbe Art und Weise. Menschen sind Menschen, egal wo.
„Und wenn es so wäre?“
„Dann hättest du das vorher sagen müssen, damit die anderen auch was davon haben.“
„Vielleicht gilt es aber nur dir?“
„Du wusstest doch gar nicht vorher, dass ich dich hochfahre.“
„Nein, da hast du einfach nur Glück.“
„Aha.“ Er schweigt und sieht mich an. Da ist er, dieser Wie-siehst-du-denn-darunter-nackt-aus-Blick. Und da ich im Moment absolut keine Ahnung habe, wie die Spielregeln in dieser Welt sind, beschließe ich, in den Überlebensmodus zu schalten. Und wenn es dazu gehört, mit einem wildfremden Mann zu ficken, dann ist es eben so.
„Was hältst du davon, wenn du für heute Feierabend machst und wir zu dir gehen?“, erkundige ich mich. Mehr als schiefgehen kann es ja nicht.
„Wenn der Chef das so gesagt hat, dann ist das schon okay“, erwidert er. Ich weiß nicht, ob ich seinen Fatalismus lange ertragen kann.
„Klingt gut“, sage ich und schenke ihm ein Lächeln.

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Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit (1)

„Soll ich nicht doch lieber mitkommen und dir tragen helfen?“ Anna sah ihre Mutter fragend an. „Der Rucksack und die Tasche werden schwer sein, der Rückweg ist weit, und zum Schluss geht es noch den Berg hoch.“
Lächelnd wehrte Gertrud ab. „Lass nur, ich schaffe das schon. Und vielleicht habe ich ja gar nicht schwer zu tragen, wer weiß? Geh du nur zu deinen Feldern. Was hast du heute vor? Wieder Ähren nachlesen?“
Anna hob den Arm und zeigte in die Ferne. „Da hinten ist ein Mohnfeld, das soll abgeerntet worden sein. Ich hoffe, es sind noch nicht allzu viele Leute dagewesen, und ich finde noch genug Kapseln. Backst du uns dann einen Mohnkuchen?“, setzte sie fast kindlich bittend hinzu.
Gertrud musste lachen. „Das kommt darauf an, ob ich die anderen Zutaten habe“, sagte sie und gab ihrer Tochter einen scherzhaften Klaps. „Nun mach dich auf den Weg, ich komme schon allein zurecht.“
Sie wirkt so zart, so zerbrechlich, dachte Anna, und dennoch steckt so viel Kraft in ihr. Sie nickte ihrer Mutter zu und ging dann zielstrebig den Feldweg entlang, der von der Straße abzweigte.
Gertrud sah ihr nach. Mit leichten, federnden Schritten entfernte sie sich. Den Leinensack für die Mohnkapseln hatte sie über die Schulter geworfen. Ihr halblanges, dunkelbraunes Haar bauschte sich im Sommerwind, die nackten Arme und Beine waren von der Sonne tief gebräunt. Sie ist sehr schlank, dachte Gertrud, wohl durch die schlechte Ernährung jetzt nach dem Krieg. Aber sie scheint trotzdem gesund und kräftig zu sein. Ein heißes Glücksgefühl und eine Dankbarkeit, die aus dem tiefsten Grund ihres Wesens kam, erfüllten sie. Ich habe sie wieder! Anna und Joachim, meine Kinder … Ich habe sie wieder! Nichts konnte sie mir nehmen! Nicht der Naziterror, nicht der schreckliche Krieg! Anna hat die Bombenangriffe in Berlin überlebt, und Joachim konnte noch rechtzeitig aus dem Konzentrationslager fliehen. Es ist ein Wunder, wahrhaftig, es ist ein Wunder! Ein glückliches Lächeln legte sich auf ihre Züge, doch ihre Augen wurden feucht. Ein paar Tränen rannen über ihre Wangen. Sie blieb noch eine Weile stehen, bis sie ihre Tochter nicht mehr sehen konnte, dann drehte sie sich mit einem leichten Seufzer um und setzte ihren Weg auf der Landstraße nach Westerode fort.
Jetzt sind wir also wieder so weit! Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Jetzt habe ich wieder eine von Mutters kunstvoll gestickten Decken im Rucksack, eine Silberschale, auch noch von früher, dazu Silberbesteck, und ich hoffe, dafür irgendetwas zu essen zu bekommen. Genau wie im ersten Krieg, als ich mit Emmy in die Dörfer rund um Braunschweig gefahren bin, um bei den Bauern Lebensmittel einzutauschen. Damals war ich ein junges Mädchen, wie Anna heute. So viel ist inzwischen passiert – meine unglückliche Ehe mit Philipp, den ich nur Vater zuliebe geheiratet hatte, der Tod meines kleinen Peterchens, Philipps Verhaftung und Verschleppung ins Konzentrationslager, sein tragisches Ende … und nun sind wir wieder an demselben Punkt angekommen: Woher nehmen wir das tägliche Brot? Gedankenverloren, fast mechanisch, ging sie die Straße entlang. Sie war diesen Weg in der letzten Zeit so oft gegangen, dass ihre Füße ihn fast von selbst fanden. Hoffentlich bekomme ich etwas Speck, wünschte sie sich, dann kann ich heute Abend „Himmel und Erde“ kochen. Kartoffeln und Äpfel haben wir ja Gott sei Dank im Garten.
Anna war inzwischen auf dem Mohnfeld angekommen und konnte zu ihrer großen Freude feststellen, dass noch viele Kapseln auf der Erde lagen und dass sie ganz allein war. Offenbar wusste noch niemand, dass das Feld abgeerntet worden war. Sie selbst hatte es von Frau Bormann erfahren, die gestern hier mit dem Fahrrad vorbeigekommen war und die Männer bei der Ernte gesehen hatte. Eifrig bückte sie sich und sammelte Kapsel um Kapsel in ihren Sack. Nach einer Stunde war er gut zur Hälfte gefüllt. Anna wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und legte sich am Feldrain im Schatten eines Heckenrosenbuschs in das warme, trockene Gras. Sie genoss diese Stunden auf den Feldern. Es war so still, nur ein paar Vögel zwitscherten leise vor sich hin. Die Sonne schien warm, der Himmel war von einem tiefen Blau, ein leichter Wind flüsterte in den Büschen und wehte ihr manchmal eine Haarsträhne ins Gesicht. Sie lag auf dem Rücken und sah hinauf in die Unendlichkeit, beobachtete, wie die Schwalben hoch oben durch die Luft schossen und betrachtete die weißen Wolkenschiffe, die wie in einem riesigen, blauen Meer langsam am Himmel dahinglitten. Ein eigenartiges Gefühl überkam sie dann jedes Mal, als würde sie mit der Bläue des Himmels, der Sonnenwärme, der Luft und allem, was sie umgab, verschmelzen. Als würde sie sich auflösen und eins werden mit dieser Unermesslichkeit, diesem Frieden. Sie fühlte sich glücklich, leicht und frei. Alle Schmerzen, alle Probleme schienen sich mit ihrem Selbst aufzulösen und sich zu verwandeln in einen Teil des Universums. Dieses Erlebnis gab ihr Kraft, im Leben weiterzugehen, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Nachts, in ihren Träumen, holte die Vergangenheit sie ein. Dann kam sie wieder, die Angst, wenn der Nachbarsjunge so tat, als hetze er den Hund auf sie, wenn die Kinder ihr „Jude“ und „Itzig“ nachriefen und drohten, sie zu verprügeln, wenn der Lehrer im Unterricht von den Juden als Untermenschen sprach und dass es bald eine Endlösung geben werde. ‚Was ist das, ein Jude?‘, hatte sie ihre Mutter gefragt. ‚Dein Vater ist ein Jude.‘ ‚Aber was ist denn anders an Vati?‘ Sie verstand es nicht. ‚Es ist eine andere Rasse, aber das kannst du noch nicht begreifen.‘ Und manchmal zeigten die Träume ihr auch ihren Vater, als er aus dem Konzentrationslager gekommen war, blass und ausgemergelt, mit vielen kleinen, blutenden Stellen auf dem kahl geschorenen Kopf. Doch wenn sie aufwachte, konnte sie sich an nichts erinnern. Sie wusste nur, dass sie geträumt hatte. Ihre Glieder waren dann schwer wie Blei, und sie fühlte sich todmüde, als hätte sie gar nicht geschlafen. Sie mochte nicht aufstehen, nur immer so daliegen, nichts denken, ganz leer sein. Aber hier, unter dem unendlichen blauen Himmel, in dieser strahlenden, friedvollen Landschaft war ihr, als ströme neues Leben durch ihre Adern. Sie fühlte sich geborgen, von freundlichen Mächten beschützt.
Schließlich richtete Anna sich wieder auf, um weiterzuarbeiten. Ihr Blick fiel auf den Heckenrosenbusch. Schade, die Hagebutten sind noch nicht reif. Ich werde in vier Wochen wieder hierhergehen und welche pflücken. Dann kann Oma Marmelade kochen oder ihre leckere Suppe.
Als Anna mit ihrem prall gefüllten Sack nach Hause kam, packte Gertrud gerade aus, was sie bei den Bauern bekommen hatte.
„Sieh mal, sogar ein Stückchen Speck habe ich ergattert, dann noch vier Eier, einen halben Laib Brot und Kartoffeln.“
Sie legte alles auf den Küchentisch und strahlte ihre Tochter an.
„Kartoffeln haben wir doch im Garten“, meinte Anna nur, „die hättest du nicht zu schleppen brauchen.“
„Aber nicht genug, Anna, die werden bald alle sein.“ Sie strich die vorwitzige Haarsträhne zurück, die ihr wieder einmal in die Stirn gefallen war. Da fiel ihr Blick auf den Sack, den ihre Tochter immer noch in den Händen hielt. „Du warst ja auch sehr erfolgreich, wie schön.“ Sie wandte sich um und begann, alle Sachen wegzuräumen. „Die Gemüsebeete im Garten müssen noch gegossen werden“, sagte sie beiläufig, „wärst du so lieb, Anna?“
„Kann das nicht auch mal Joachim machen? Ich bin müde“, murrte Anna, setzte sich auf den Küchenstuhl und stützte den Kopf in die Hände. Die Haare fielen ihr über das Gesicht.
„Komm, das schaffst du auch noch.“ Gertrud fasste Anna unters Kinn, hob ihren Kopf hoch und sah ihr fest in die Augen. „Du weißt, Joachim muss lernen. Er muss sich auf seinen Reifekurs vorbereiten, um das Abitur nachzuholen. Ohne Abitur kann er nicht studieren. Und er muss studieren. Er ist schließlich ein Mann und muss später einmal standesgemäß für eine Familie sorgen können.“ Der eindringliche Ton, in dem Gertrud zu ihr sprach, weckte Annas Widerstand. Immer muss sie mich belehren, immer hält sie mir eine Predigt, dachte sie. „Du bist ja nur ein Mädchen“, hörte sie die Mutter wieder einmal sagen. „Du wirst einmal heiraten und niedliche Kinderchen bekommen. Du brauchst nur einen Beruf, der dich über Wasser hält, falls du keinen Mann abbekommst. Das siehst du doch ein, oder? Und nun sei brav, und geh die Gemüsebeete gießen.“
In Annas Augen blitzte es auf. Ja, Joachim muss geschont werden, Joachim bekommt beim Essen eine Extraportion, Joachim muss lernen, Joachim muss das Abitur machen, Joachim muss studieren. Und ich? Was ist mit mir? Mit meinen Berufswünschen? Immer war es so, immer musste ich auf Joachim Rücksicht nehmen, immer kam er an erster Stelle. Der alte Groll stieg in ihr hoch und würgte sie in der Kehle. Sie warf den Kopf zurück. Ohne ein Wort zu sagen, verließ sie die Küche, ging in den Keller, holte die Gießkanne und füllte sie an dem Wasserhahn im Garten. Mechanisch ging sie zu den Beeten. Sie ließ das Wasser über die Salatköpfe und das Möhrenbeet rieseln, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dann ging sie zurück zum Wasserhahn, um die Kanne neu zu füllen und die übrigen Beete zu gießen. Sie achtete nicht auf das, was sie tat. Ihr war, als ginge ein anderer mit der Gießkanne hin und her. Sie selbst war irgendwo, wo niemand sie erreichen konnte.
Als sie mit dem Gießen fertig war, setzte sie sich unter die Tanne, die seit ihren Kindertagen ihr Zufluchtsort gewesen war. Hier konnte sie ungestört nachdenken. Hier hatte sie schon so manchen Kummer mit sich allein ausgemacht. Sie lehnte sich an den rauen, nach Harz duftenden Stamm und schloss die Augen. Nur ein Mädchen … wenn du keinen Mann abbekommst … Was denkt Mutti sich eigentlich? Warum versteht sie nicht, dass auch für eine Frau ein Beruf Erfüllung und Lebensinhalt bedeuten kann? Dass es nicht nur ums Geldverdienen geht? Sie hat mir doch erzählt, dass sie selbst gern einen Beruf erlernt hätte. Warum redet sie so? Oma, ja, die hat ihr Leben lang nur Hausarbeit gekannt. Die sieht in einem Mädchen natürlich nur die zukünftige Hausfrau. Aber Mutti müsste mich doch verstehen können! Sie starrte vor sich hin. Geistesabwesend nahm sie einen kleinen Stock, der auf den Boden gefallen war, und zeichnete unregelmäßige Muster in die weiche, von Tannennadeln bedeckte Erde. Ein Kloß saß ihr in der Kehle. Sie hatte ein Gefühl, als müsste sie weinen, aber es kamen keine Tränen. Als Kind hatte Anna schmerzlich lernen müssen, dass es keinen Sinn hat, sich zu wehren. Dass man die eigenen Gedanken und Gefühle besser verschweigt, denn sie auszusprechen konnte gefährlich sein. Man konnte ins Gefängnis kommen, oder es konnte noch etwas Schlimmeres passieren. Es gab keine andere Möglichkeit, als sich dem Stärkeren zu fügen, dem Stärkeren, der in ihrer Kindheit übermächtig war. Diese bittere Einsicht hatte ihr Leben geprägt. Sie beschloss, mit ihrer Mutter nicht mehr über dieses Thema zu sprechen, aber sie würde die erste Gelegenheit, die sich bot, ergreifen und ihren so leidenschaftlichen Wunsch, Schauspielerin zu werden, in die Tat umsetzen. Dann war es ihr egal, was sie sagte.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8) (1)

„Verfluchte Scheiße!“
Ich starre entgeistert nach unten. Und nach oben. Eigentlich egal, wohin ich blicke, ich sehe entweder schwarze Dunkelheit oder ein riesiges Spinnennetz. Letzteres befindet sich unter mir und damit unter dem, worauf ich stehe. Was es genau ist, weiß ich noch nicht, aber es könnte sich um einen gigantischen Bahnhof handeln. Und gigantisch bedeutet hier wirklich gigantisch. Unzählige Schienen führen in ihn hinein. Wie viele genau, das weiß ich nicht, ich höre bei etwa dreihundert auf zu zählen.
„Verfluchte Scheiße“, wiederhole ich. „Aus dem Mittelalter in eine Modelleisenbahn! Na toll!“
Ich betrachte das Spinnennetz, das sich unter den Schienen so weit erstreckt, wie ich überhaupt sehen kann. Sehr weit ist es nicht, bald schon verliert sich alles in Dunkelheit. Und das, obwohl ich in der Dunkelheit eigentlich sehen kann.
Die Schienen sind faszinierend. Ehe sie das … Gebäude, in dem ich mich befinde, erreichen, hängen sie völlig freischwebend über dem Spinnennetz. Nirgendwo ist irgendeine Art Aufhängung zu erkennen. Fahren darauf tatsächlich Züge? Und was für welche? Jedenfalls andere als die, die ich aus meinem Universum kenne, denn den Schienen nach zu urteilen sind die Züge hier mindestens doppelt so breit, wie sie auf der Erde waren. Mindestens.
„Ihr Arschlöcher!“, schreie ich in die Dunkelheit hinaus. „Ihr verdammten Arschlöcher! Das macht euch wohl Spaß?!“
Keine Ahnung, ob sie mich hören, die Götter, die es anscheinend lustig finden, mich an meine Grenzen zu treiben. Aber ein bisschen fühle ich mich nach diesem Ausbruch besser. Allerdings wirklich nur ein bisschen, und auch das ist wieder weg, als mir plötzlich Kian einfällt. Und Askan. Und Katharina. Und James. Und Sandra.
Verdammt.