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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

„Verzeiht die Art und Weise, wie wir euch hergeholt haben. Einer Einladung wärt ihr aber vermutlich nicht gefolgt.“
Ich starre die riesige Spinne an. Das glaube ich einfach nicht! Dann werfe ich einen Blick auf Katharina. Immerhin kann ich den Kopf schon bewegen und ich spüre meinen Körper wieder. Wir sind nicht tot, wir werden nicht verwertet und wir reden mit einer Spinne. Vielmehr redet diese mit uns.
„Mein Name ist Sor. Ich bin ein Neag. Mir ist bewusst, dass euch die Umstände eures momentanen Seins seltsam anmuten dürften.“
Die Art, wie diese Spinne redet, mutet mich auch seltsam an.
„Was ist ein Neag?“, erkundige ich mich, da mir gerade nichts Besseres einfällt.
„Nun, ihr Menschen kennt unterschiedliche Hierarchiestufen, zum Beispiel des Sicherheitsdienstes. Neag ist einer der höchsten Ränge. Ich unterstehe einer der Königinnen.“
Hm. Also ein General. Logischer wäre vielleicht ein Minister, aber er hat von Hierarchie gesprochen, dazu passt das Ministeramt nicht wirklich. Ich betrachte ihn jetzt einfach als General. Immerhin, wir werden wichtig genug eingeschätzt, um zu einem General gebracht zu werden. Ganz zu schweigen von der Art der Einladung.
„Glaubst du dem auch noch?“, fragt Katharina aufgebracht. „Eine Spinne!“
„Aber eine, die mit uns spricht“, erwidere ich. „Wir wurden nicht getötet, nur bisschen gelähmt, sonst hätten wir uns wohl ein bisschen gewehrt.“
„Das ist absolut korrekt“, bestätigt Sor.
Er steht einige Meter von uns entfernt und beobachtet uns. Seine Fühler sind ausgestreckt, bewegen sich aber nicht. Wahrscheinlich könnte er sie wie eine Lanze in uns bohren, groß genug sind sie ja. Sor dürfte etwa die Größe der Spinne haben, die den Schmetterling erledigt hat.
Um uns herum ist es schwarz. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil das Material, das uns umgibt, schwarz ist. Ich spüre das Material auch unter uns, es fühlt sich irgendwie weich an, ein bisschen wie Kaugummi. Gefaltet. So ungefähr muss es für eine Ameise aussehen, die sich in einen großen, zusammengeknüllten Haufen schwarzer Gaze verirrt.
Katharina mustert die Spinne, danach mich. Sie reibt sich die Handgelenke, dann setzt sie sich auf. Ich folge ihrem Beispiel. Etwas wackelig, aber es geht. Die Wirkung des Gifts lässt rasch nach. Es tut gut, den eigenen Körper wieder zu spüren.
„Wo sind wir hier?“, frage ich.
„Das ist die Tarx, ein Teil der Welt, in der die Spinnen leben. Im Übrigen ist es erstaunlich, dass es möglich war, euch ungeschützt herzubringen. Normalerweise müssen selbst die Leichen verpackt werden, um sie durch das Spinnenloch zu transportieren, sie würden sonst zersetzt. Euch ist nichts geschehen. Ihr seid beide keine gewöhnlichen Menschen.“
„Das stimmt. Aber was ist das Spinnenloch?“
„Das Spinnenloch ist überall. Es umgibt die Welt wie eine Hülle, es ist unsichtbar. Eigentlich befindet ihr euch auch jetzt darin, denn unsere Welt, unser Nest, ist überall, es ist so groß wie die Welt, doch das Spinnenloch trennt es von der Menschenwelt. Nur Spinnen und einige besondere Menschen sind in der Lage, darin ungeschützt zu überleben. Die Prex bewegen sich auch durch das Spinnenloch.“
„Die Züge unter den Bahnhöfen?“
„Genau. Ich bin überrascht, wie wenig überrascht du bist.“
Ich sehe Katharina an. „Da ist ja meine Verborgene Welt.“ Dann wende ich mich wieder an Sor. „Dort, wo ich herkomme, gibt es etwas Ähnliches. Auch dort können die Menschen es normalerweise nicht sehen.“
„Aber ihr schon?“
Ich nicke.
„Das überrascht mich nicht. Nun, ihr habt sicherlich sehr viele Fragen, die ich, eigentlich wir, euch gerne beantworten werden. Doch zuvor möchte ich euch bitten, mich an einen Ort zu begleiten, der den menschlichen Bedürfnissen angepasster ist. Dort könnt ihr euch frischmachen und von den Auswirkungen des Giftes erholen. Ich werde euch dann abholen und zu jemandem bringen, der alle eure Fragen beantworten wird.“
Ich erhebe mich, doch Katharina hält mein Handgelenk fest.
„Glaubst du ihm das ernsthaft?“, fragt sie, immer noch aufgebracht.
„Klar. Wie ich schon sagte, wir wurden nicht getötet, nur gelähmt, damit wir der etwas ungewöhnlichen Einladung folgen. Ganz ehrlich, eine sprechende Spinne, die offensichtlich weiß, was hier läuft, im Gegensatz zu allen Menschen, denen ich bisher begegnet bin, finde ich ausgesprochen spannend. Im Moment habe ich nicht das Gefühl, wir befänden uns in Gefahr. Komm jetzt.“ Ich ziehe sie auf die Füße, was sie widerstandslos geschehen lässt.
Sor dreht sich um, indem er Decke und Boden miteinander vertauscht. Cool. Da wir aber solche Kunststücke nicht beherrschen, folgen wir ihm auf dem bisherigen Boden, der vermutlich auch der echte Boden sein dürfte. Falls es so was hier gibt. Weiß ja schließlich immer noch nicht, wo die Gravitation eigentlich herkommt.
Katharina hält meine Hand fest. Wogegen ich absolut nichts habe. Trotzdem fühlt es sich irgendwie ungewohnt hat. Katharina ist nicht gerade ängstlich, doch die momentane Situation beeindruckt sie. Das mag auch mit ihren fehlenden Erinnerungen zu tun haben, schließlich hat sie früher sogar Drachen gesehen.
Nachdem wir eine Weile hinter der Spinne hertrotten, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wo wir sind und ohne eine Chance, den Weg zurück zu finden, erreichen wir eine Tür.
Eine. Tür.
Was zum Teufel …?
Sor drückt mit einem der Beine oder was auch immer einen Knopf, woraufhin die Tür sich öffnet und den Blick auf einen Korridor offenbart. Sieht aus wie in einem Hotel der Preisklasse, die ich als CEO zu nutzen pflegte.
Hm.
„Da drin findet ihr Appartements. Derzeit sind alle unbesetzt, ihr habt also die freie Auswahl. In etwa einer Rul lasse ich euch holen, bis dahin wünsche ich euch einen angenehmen Aufenthalt. Es sollte alles vorhanden sein, was ihr benötigt. Sollte wider Erwarten etwas fehlen, seid bitte so frei und benachrichtigt uns über das Telefon, wir sorgen dann umgehend für Abhilfe.“
Damit entfernt er sich und lässt zwei Blondinen zurück, die ihm mit offenen Mündern hinterher starren.
„Wow!“, sage ich. „Einfach nur krass!“
„Einfach nur was?“ Katharina sieht mich völlig verwirrt an. „Überhaupt, verstehst du das?“
„Nein, nicht im Geringsten. Komm, wir sehen uns das Appartement mit Telefon an. Mit Telefon!“
„Was ist das?“
Statt einer Antwort betrete ich den Korridor und öffne die nächstbeste Tür. Katharina folgt mir hastig. Hinter ihr schließt sich die Tür. Ich gehe zurück und suche einen ähnlichen Knopf wie draußen. Den gibt es auch, und als ich ihn berühre, gleitet die Tür wieder auf. Ich strecke den Kopf hinaus, doch da ist nur der leere … äh, ja, was? Korridor? Gang? Keine Ahnung. Jedenfalls das, durch das wir gekommen sind. Offenbar sind wir keine Gefangene.
Das Appartement ist die nächste Überraschung. Nicht nur der Korridor entspricht der Preisklasse eines Adlons, sondern auch das Appartement. Besser gesagt, die Suite. Und zwar nicht die Junior Suite.
„Okaaay …“ Ich deute auf eine gediegene Kommode. „Da steht übrigens das Telefon.“
„Wozu ist das gut?“
Wir gehen dorthin und sehen uns das klassische Modell an. Mit Wählscheibe und Leitung. Hallo? Wo sind wir denn hier gelandet? Am Ende waren die letzten fünf Jahre nur ein bescheuerter Traum? Oder ein Drogentrip? Welche Droge verursacht denn so was?
„Damit kann man mit jemandem sprechen, der ganz woanders ist.“ Ich nehme den Hörer und reiche ihn der Staunenden. „Das hier ist die Sprechmuschel, die hältst du vor den Mund. Und das andere Ende ans Ohr.“
Katharina tut es, dann reicht sie ihn mir hastig. „Da spricht jemand!“
Ich nehme den Hörer.
„Hier ist der Zimmerservice. Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, ich wollte nur wissen, ob das Telefon funktioniert. Entschuldigung.“
„Keine Ursache, dafür sind wir ja da.“
Ich starre das Telefon an. „Okay, das ist selbst für meine Verhältnisse ungewöhnlich.“
Katharina zuckt die Achseln und schlendert zu einer Tür. Dann schreit sie auf: „Eine Dusche!“
Tatsächlich ist es ein Badezimmer, und darin gibt es auch eine Dusche. Die der Dusche im Zug sehr ähnlich sieht. Als ob derselbe Architekt sich auch hier ausgetobt hätte. Eigentlich nicht erstaunlich, denn die Worte des Spinnengenerals ließen es ja bereits vermuten, dass die Spinnen auch mit den Expresszügen zu tun haben. Prex, oder wie sie heißen.
Prex da, Tarx hier. Lustige Namen.
Katharina zieht sich aus und geht in die Dusche. Kann ich gut verstehen, die letzten Stunden waren schweißtreibend. Und der Gestank der Leichen ist auch noch zu spüren.
„Ich nehme an, du verprügelst mich, wenn ich versuche, mit dir zusammen zu duschen.“
Katharina sieht mich nachdenklich an. Schließlich nickt sie.
Hm. Da musste sie aber lange überlegen. Eigentlich ein gutes Zeichen.
Als ich mich umdrehe und rausgehen will, fragt sie plötzlich: „Zeigst du es mir?“
„Was?“
„Wie man sich da unten rasiert?“
Ich fahre herum. „Wieso willst du dich rasieren?“
„Das ist meine Sache.“
Was soll ich davon denn halten? Und überhaupt, wie soll ich ihr das denn zeigen?
„Am besten wäre ein Nassrasierer, aber ich sehe hier keinen. Nur den.“ Ich halte ein Rasiergerät hoch. Von der Form her könnte das hinkommen. Ob es in der Dusche auch funktioniert, weiß ich nicht. Versuchsweise halte ich es eingeschaltet im Waschbecken unter den Wasserstrahl. Schlimmstenfalls sterbe ich mal eben, das wäre hilfreich, damit ich nicht mehr auslaufe.
Leider ist mir nicht einmal das vergönnt.
Ich bringe Katharina das Rasiergerät. Sie nimmt es durch die geöffnete Tür an
„Einfach die Haare damit abmachen. Bisschen Geduld ist nötig, aber nicht aufgeben. Du schaffst das schon.“
Dann verlasse ich fluchtartig das Badezimmer. Die Berührung von Katharinas Hand beim Überreichen, ihre Nähe, der Duft ihrer Haut, das ist mir definitiv zu viel. Sie muss eine Sadistin sein.
Ich schau mir die Suite an und finde eine kleine Küche mit Mikrowelle. Der Kühlschrank ist voll, auf einem Tisch steht ein Korb mit Obst.
Mit Obst???
Okay, keine Bananen und so, aber Früchte. Hiesige Früchte. Trotzdem.
Ich kaue gerade auf etwas herum, was mich am ehesten an einen Apfel erinnert, als Katharina nass aus dem Bad kommt.
„Ist das so … okay?“
Auf meinen fragenden Blick hin deutet sie zwischen ihre Beine.
Ich atme tief durch.
„Ja. Hör zu, Katharina. Mach das nicht. Entweder ich darf dich küssen, und zwar überall, oder zieh dich an!“
Sie sieht mich wieder so nachdenklich an, dann holt sie sich einen Bademantel. Der ist zwar recht kurz, aber dafür kann sie ja nichts. Und er ist immer noch länger als damals meiner, an jenem denkwürdigen Tag, als ich meine Mutter, und nicht nur die, gleich mehrfach schockiert hatte.
„Dann gehe ich jetzt duschen“, verkünde ich und setze es direkt in die Tat um.
Allerdings schließe ich die Tür ab. Wenn ich nicht etwas unternehme, werde ich wahnsinnig. Wie es aussieht, bleibt mir nur die gute, alte Handarbeit. Und dabei ist es mir scheißegal, ob Katharina was hört.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

Ich hole mir einen zweiten Drink, den gleichen, und setze mich in der Nähe an einen hohen Bistrotisch. Von hier aus kann ich die beiden unauffällig beobachten.
Der Schlanke scheint recht jung zu sein, aber ranghöher. Er hat keine Damenbegleitung, und die paar Mädchen, die versuchen, daran etwas zu ändern, blitzen gnadenlos ab. Scheiße, hoffentlich ist er nicht schwul. Nach einigen Minuten bin ich mir sicher, dass er auf Frauen steht. Anscheinend ist nur nichts dabei, was sein Interesse erregt.
Einmal kreuzen sich unsere Blicke. Ich halte seinen kurz fest, dann wende ich mich ab. Er hat grüne Augen und er hat mich länger angesehen als jede andere Frau vorher.
Sehr gut.
Mein Gefühl sagt mir, dass ich dennoch abblitzen würde, wenn ich einfach auf ihn zugehe. Ich habe also ungefähr zwei Möglichkeiten:
Entweder ziehe ich mich aus, werfe mich nackt auf ihn und blase ihm einen.
Oder ich sorge dafür, dass er mich unbedingt kennenlernen will.
Letzteres gefällt mir besser. Nicht einmal hauptsächlich wegen der Nacktheit. Ihm öffentlich einen zu blasen, wäre nicht angenehm, aber auch nicht völlig neu für mich, wenn ich an manche Party denke, so vor fünfzehn Jahren, nachdem Phil gestorben war.
Mir gefällt aber vor allem die Idee, dass er mich kennenlernen will. Ich hasse es einfach, wenn nicht ich die Kontrolle habe, und wenn nicht das geschieht, was ich will. Und jetzt, wo ich nicht bloß eine Prinzessin, sondern sogar eine Königin bin, kann ich mir das ja wohl erlauben.
Ich muss bei diesem Gedanken grinsen, so bescheuert ist er eigentlich. Das ändert aber nichts daran, dass es psychologisch geschickt sein könnte, ihn neugierig zu machen.
Ich gleite von meinem Hocker, marschiere auf einen der jungen Männer mit Waffe zu und rempele ihn an. Er wendet sich kopfschüttelnd ab, doch so leicht entkommt er mir nicht.
„Hast du keine Augen im Kopf, du Arschloch?“, fahre ich ihn an.
Endlich habe ich seine Aufmerksamkeit. Er mustert mich vom Kopf bis Fuß.
„Was ist dein Problem, Kleines?“
„Du hast mich angerempelt! Oder sollte das eine dämliche Anmache sein?“
Auf seinem Gesicht erscheint ein breites Grinsen. „Sorry, du bist nicht mein Typ. Kannst also deine Titten einpacken.“
Okay, die linke hängt fast raus, aber das kommt vom Rempler, war nicht so beabsichtigt. Hat aber Vorteile.
„Sag mal, hast du dir heute vorgenommen, ein Mädchen in den Selbstmord zu treiben, oder was? Kannst du dich wenigstens mal entschuldigen?“
Wieder Kopfschütteln, dann: „Verpiss dich einfach, am besten ganz aus dem Lokal, okay? Sonst lasse ich dich hinauswerfen.“
„Du willst mich hinauswerfen lassen, du Zwerg? Dass ich nicht lache.“
Ich weiß nicht, was genau ihn triggert. Es sieht aber danach aus, als möchte er nicht Zwerg genannt werden. Groß ist er ja echt nicht. Jedenfalls packt er mich an den Schultern. Dann bricht er aufstöhnend zusammen, als mein Knie sehr zielgerichtet und wohldosiert seinen Schwanz und das Drumherum für einige Zeit zu einer Schmerzquelle macht.
Spätestens jetzt habe ich die Aufmerksamkeit für mich. Und seine Kollegen am Hals. Ich merke schnell, dass sie ausgebildete Nahkämpfer sind. Allerdings haben sie definitiv keine Erfahrung mit Kriegerinnen.
Oder doch? Drei von ihnen liegen verteilt auf dem Boden, als ich von einem Stromschlag getroffen werde. Im nächsten Augenblick nehme ich die Kabel wahr, die an meiner Seite hängen.
Taser.
Scheiße.
Das bringt mich ein wenig aus dem Takt. Schließlich wurde ich bislang eher selten mit einem Taser traktiert. Die Koordinationsfähigkeit und das Gleichgewicht leiden darunter, sodass ich mich auf dem Boden wiederfinde.
Die Stromstöße hören auf. Vermutlich wäre ein normaler Mensch jetzt für länger ruhiggestellt. Aber normal bin ich ja sowieso nicht. Für einen Moment halte ich still und erwecke bewusst den Anschein, zu keiner kontrollierten Bewegung mehr fähig zu sein, nur um dann blitzschnell die Fäden von mir zu reißen und aufzuspringen.
Die Waffen, die auf mich gerichtet sind, haben aber nichts mit Tasern zu tun. Sie verschicken Kugeln.
Ich atme tief durch und hebe die Hände. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass auch die beiden Männer und die Schwarzhaarige die Szene beobachten.
„Das reicht jetzt“, sagt einer von denen, die bewaffnet sind. „Du bist ja völlig durchgeknallt. Schmeißt sie raus!“
„Halt!“
Wir sehen alle den Schlanken an, der nun eine Hand hebt und mir zuwinkt „Sie soll herkommen. Und bringt mir ihre Tasche!“
Oh, hat er mich etwa beobachtet? Ein gutes Zeichen.
Der Mann, der gerade gesprochen hat, deutet mit der Waffe eine Bewegung an, während ein anderer die Tasche holt. Ich gehe auf die kleine Gruppe zu, die im Halbkreis um einen niedrigen Bistrotisch sitzt.
Der Schlanke sieht aus der Nähe ganz sympathisch aus. Er macht den Eindruck, als wäre er das Nachdenken gewohnt. Zugleich strahlt er eine Selbstsicherheit aus, die mächtige Leute oft haben. Ich kenne das gut. Oft gesehen, als ich noch CEO war. Selbst selten durchscheinen lassen, schon allein, weil ich als Frau mich anders verhalten wollte, gerade eben kein besserer Mann sein wollte. Aber wenn es nötig war, konnte ich es auch, so wirken.
Jetzt signalisiere ich Unabhängigkeit, Furchtlosigkeit, ein ganz klein wenig auch Trotz.
Der Schlanke nimmt meine Tasche und sieht sich den Inhalt an. Klar findet er das Schwert und zieht es staunend heraus. Er betrachtet den Griff, entblößt die Klinge und lässt sie durch die Luft sirren, beobachtet von den Gästen. Dann nickt er.
„Das ist keine alltägliche Waffe und eine ausgezeichnete Arbeit. Wo hast du sie geklaut?“
„Sie gehört mir.“ Habe ich das nicht vor wenigen Tagen auch schon gesagt? Ist es wirklich erst wenige Tage her?
„Tatsächlich?“
Ich nicke.
Er reicht mir das Schwert. Das ist mutig. Aber aus meinem Verhalten wird er wissen, ob ich die Wahrheit sage. Wenn ich das Schwert nur geklaut habe, kann ich wahrscheinlich nicht gut genug damit umgehen, um ihn zu verletzen. Und wenn es mir wirklich gehört, dann verwende ich es nicht gegen ihn.
Gar nicht so blöd, der Typ.
Ich umfasse den vertrauten Griff und lasse die Klinge einige Figuren in der Luft beschreiben. Wichtig ist mir vor allem, dass er sieht, wie der Griff an meine Hand angepasst ist. Dass das ganze Schwert für mich maßgeschneidert wurde. Und auch, dass ich damit umgehen kann.
„Du sagst die Wahrheit, das Schwert wurde sogar für dich geschmiedet.“
Ich nicke erneut. Er reicht mir die Scheide, ich schiebe die Klinge hinein und lege das Schwert in die Tasche.
„Was genau machst du hier eigentlich?“, fragt er. Dabei sitzt er immer noch genau so da wie zu Beginn der Prügelei. Die Beine übereinander geschlagen, die ausgebreiteten Arme liegen auf der gepolsterten Lehne der Rundbank.
„Ich suche einen Job.“
„Einen Job? Als was?“
Ich zucke die Achseln. „Bodyguard? Deine Jungs sind ja nicht besonders gut darin.“
Ich merke, dass seine Jungs das gar nicht gut finden. Auch die Miene des Mannes neben ihm verdüstert sich. Der Schlanke winkt grinsend ab.
„Okay, du kämpfst ziemlich gut. Und dass du nach dem Taser sofort wieder aufstehen konntest, das ist beeindruckend. Wie heißt du?“
„Fiona. Und du?“
„Ich bin Loiker Maruka, der finstere Kerl neben mir heißt Karui Masaka, seine Freundin Carli. Mein Großvater ist der Chef des Sicherheitsdienstes von Lomas.“
Ups. Und seine Leute habe ich gerade ein wenig … gedemütigt. Eigentlich sollte ich lernen, meine Klappe zu halten. Aber das wäre dann langweilig.
„Ich nehme an, ihr habt dann immer mal offene Stellen“, bemerke ich betont leichthin.
„Ja, haben wir. Aber keine, die zu deinen Fähigkeiten passt. Ich möchte, dass du mich begleitest.“
„Wohin?“, frage ich misstrauisch. In diesem Moment interessiert mich der Job mehr als er selbst, denn er könnte die Möglichkeit bieten, unauffällig diese Welt kennenzulernen und sogar nach Katharina zu suchen. Eine Nacht mit ihm hingegen ist eben nur eine Nacht.
„Das wirst du dann sehen. Oder hast du Angst?“
Ich überlege blitzschnell. Wenn ich ihn jetzt zurückweise, habe ich möglicherweise gar nichts, wenn ich mitgehe, im allerbesten Fall die Nacht mit ihm und den Job. Zumindest aber die Nacht mit ihm und einen wertvollen Kontakt. Im Grunde kann ich nur gewinnen, wenn ich zustimme.
„Ich habe vor niemandem Angst“, erwidere ich trotzig. Anscheinend mag er dieses Verhalten. Soll er haben.
„Gut. Karui, du kannst bezahlen. Deine Leute können hier bleiben und sich amüsieren. Im Moment brauche ich sie nicht.“
Der Dunkelblonde nickt, wirft mir einen wütenden Blick zu und geht zur Bar. Loiker erhebt sich. Er ist etwa so groß wie Askan war, nur deutlich schlanker. Seine Bewegungen verraten, dass er Sport treibt. Eigentlich sieht er ganz gut aus, auch wenn er ein wenig zu jung für mich ist. Wie alt mag er sein? Ich schätze den Altersunterschied auf zehn Jahre. Das ist nicht wirklich viel, aber zwischen dem Entwicklungsstand eines Zwanzigjährigen und einer Dreißigjährigen liegen normalerweise Welten. Von meinen ganz persönlichen Erfahrungen ganz zu schweigen.
Ich folge ihm und werfe dabei einen nachdenklichen Blick auf seine Leute. Sie wirken nicht wirklich begeistert. Wir werden eher keine Freunde.
Scheiß drauf.
Draußen warten wir auf Karui. Carli ist mit uns gekommen. Die Schwarzhaarige verrät nicht, was sie von der Sache hält. Sie bietet mir Zigaretten aus einem silberfarbenen Etui an.
Mir stockt der Atem. Während der ganzen Zeit im Mittelalter habe ich nicht geraucht, also geschätzt seit fast fünf Jahren. Mehr oder weniger. Zum ersten Mal sehe ich in diesem Universum überhaupt eine Zigarette.
„Rauchst du nicht?“, erkundigt sich Carli.
„Doch“, erwidere ich und nehme mir eine. Sie gibt mir Feuer.
Ich atme den Rauch tief ein. Loiker beobachtet mich amüsiert. Er scheint Nichtraucher zu sein, macht aber nicht den Eindruck, als würde es ihn stören, wenn in seiner Gegenwart geraucht wird.
Endlich kommt auch Karui und wir begeben uns zu den Bomos. Da bin ich ja mal gespannt, was das wird.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

„Ich sollte dich zur nächsten TESZ bringen“, sagt er.
„Zur was?“
„Körperwartungsstation. TESZ.“
Ich überlege kurz. Wahrscheinlich meint er ein Krankenhaus. Aber die Bezeichnung ist schon krass. Körperwartungsstation. Heißt das wirklich so oder nennt er es nur so, weil er einen Berufsschaden hat? Ich beschließe, dass es im Moment keine Rolle spielt und dass ich das ganz sicher nicht will.
„Nicht nötig“, antworte ich knapp.
„Wie du willst.“ Er betrachtet mich. Sein Bett ist nicht besonders breit, daher liegt er auf der Seite, den Kopf in die Hand gestützt. Auf meinem Gesicht verweilt sein Blick nur kurz, dann wechselt er ziemlich schnell zu meinen Brüsten, die er vorhin noch zerquetschen wollte, als er kam. Ich bin ja die unterschiedlichsten Männer gewohnt, von ganz früher noch, als ich fast jede Nacht, mindestens aber an den Wochenenden, unterwegs war und recht wahllos die Männer nahm, wie sie kommen wollten. Daher kenne ich die Männer, die einer Frau ganz wild die Brüste kneten, wenn sie auf ihm sitzt. Auch der eine Idiot im Bordell von Emily war ja nicht anders gewesen. Aber Omar ist eigentlich kein typischer Brustzerquetscher. Andererseits ist hier möglicherweise alles anders typisch, als ich es kenne. Ist ja schließlich ein anderes Universum.
Ich ziehe das rechte, ihm abgewandte Bein an, dann lasse ich das Knie nach außen fallen. Dadurch hängt es in der Luft, aber Omar hat einen guten Blick auf meine Schamhaare. Und er wird der Versuchung nicht widerstehen können.
So ist es auch. Seine linke Hand liegt plötzlich, sozusagen angriffsbereit, auf meinem Bauch.
„Du hast einen sehr muskulösen Bauch“, bemerkt er.
Ich sage nichts, lege nur meine rechte Hand auf meinen rechten Oberschenkel. Die andere ist irgendwo unter ihm begraben. Seine linke Hand bewegt sich nun nach unten, durch die blonden Schamhaare und noch weiter. Mit der für viele Männer typischen Zielstrebigkeit schiebt sich sein Mittelfinger zwischen meine Lippen, verharrt nur kurz, sehr kurz, bei der Klitoris und dringt dann in mich ein.
„Bist du immer noch erregt oder schon wieder?“, erkundigt er sich grinsend.
Eigentlich weder noch, mein Körper reagiert einfach nur. Wofür ich ihm in dieser Situation ausgesprochen dankbar bin.
„Komm, leg dich auf mich“, erwidere ich.
Er gehorcht, ist dabei erstaunlich ungeschickt. Ich greife nach seinem Schwanz und führe ihn ein. Hoffentlich sind nicht alle Männer in dieser Welt so unbeholfen. Wobei, eigentlich interessieren sie mich alle nicht.
Ich will Katharina!
Ich lenke mich mit dem Gedanken an sie ab, während Omar rammelt. Anders kann man das nicht nennen, was er vollführt. Irgendwann reicht es mir und ich packe seinen Hintern, um ihm zu zeigen, wie er sich bewegen soll. Danach wird es besser.
Trotzdem bin ich froh, als er endlich kommt und sich danach von mir abrollt. Jetzt liegt mein linker Arm unter seinem Kopf. Ich befreie ihn und gehe ins Bad. Die Tür lässt sich nicht abschließen. Egal. Tiefer kann ich sowieso nicht mehr sinken.
Nach dem Pullern wische ich mich ab und blicke hoch, als ich seine Bewegung wahrnehme.
Er steht in der Tür und sieht mich an.
„Hör zu, der Chef hat sich gemeldet. Ich muss zur Schicht. Du warst gar nicht von ihm.“
Ich nicke nur.
„Meinetwegen kannst du bleiben, während ich arbeiten bin. Aber danach musst du gehen. Wenn du willst, fahre ich dich zur TESZ, aber das war es.“
„Okay.“
„Ich bin mir nicht sicher, wer oder was du bist. Vielleicht doch eine Demonstrantin. Ist mir auch egal. Den Sex fand ich gut.“
Ich nicht, aber das sage ich ihm lieber nicht. Außerdem sind meine Ansprüche inzwischen sehr hoch. Vor allem, seitdem ich durch Katharina und Sarah weiß, wie sich ein Orgasmus anfühlen kann. Aber auch Askan, obwohl ein Mann, hat es geschafft, mich aus meinem Körper zu katapultieren.
Das alles sage ich Omar natürlich nicht. Ich frage mich nur, was eine Demonstrantin tun soll. Also, eine einzige, ganz allein. Im Wartungstunnel. So richtig viel Sinn macht das nicht, finde ich.
„Ich weiß auch nicht, wer oder was ich bin. Habt ihr nicht irgendwelche Computer oder so was? Internet? Irgendetwas, wo ich mich informieren kann, was es gibt? Vielleicht fällt mir dann wieder etwas ein.“
Oh Fiona, das ist sehr plump. Sehr, sehr plump. Andererseits glaubt er mir sowieso nichts mehr, das sehe ich ihm an. Dennoch zeigt er mir den E-TERM. Das ist tatsächlich etwas Ähnliches wie ein Computer. Im Wesentlichen ein Touchscreen mit einem Betriebssystem, mit dem verglichen Windows 3.1 ausgesprochen fortschrittlich war.
Aber wenigstens etwas.
Er zieht sich an, während ich am E-TERM sitze und mich mit der Bedienung vertraut mache. Danach kommt er zu mir, gibt mir einen Kuss, der in seiner Unbeholfenheit fast schon rührend ist, berührt dabei natürlich meine linke Brust und sagt: „Ich gehe dann. Wo es was zu essen gibt, weißt du ja.“
Das weiß ich, weil er mir den Kühlschrank, der auch warm machen kann, gezeigt hat. Ich nicke also und sehe ihm zu, wie er seine ID nimmt und dann die kleine Wohnung verlässt.
Dann atme ich tief durch. Nichts für ungut, Omar, aber mich findest du hier nicht mehr, wenn du zurückkommst.