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Leseprobe: Sei einfach und Du wirst

Sei einfach Und Du wirst

»Nun gut, ich werde dir meine Geschichte erzählen. Du musst mir aber ganz fest versprechen, dass du mich nie wieder mit deinen dummen Fragen stören wirst. Einverstanden?« Ich nickte und sagte: »Ich werde dich nie wieder mit meinen dummen Fragen stören. Einverstanden.« »Danke«, sagte sie und begann mir ihre Geschichte zu erzählen.
»Ich bin unter den Rennmäusen aufgewachsen. Mein Leben mit ihnen war schon immer sehr schwierig, denn ständig lachten sie über mich und mein langsames Tempo. Sie haben mich immer mit sich verglichen, immer gesagt, ich müsse so schnell sein wie sie. Lange, sehr lange glaubte auch ich, eine Rennmaus zu sein. Wie hätte ich etwas anderes glauben können? Keiner hatte mir je etwas anderes gesagt! Nur selten wunderte ich mich über die Unterschiede zwischen ihnen und mir, schnell vergaß ich sie und glaubte lieber, ich sei eine langsame Rennmaus. Tagtäglich und immer wieder musste ich sehen, wie flink die anderen im Gegensatz zu mir waren. Wie sie mit einer Leichtigkeit Dinge vollbrachten, mit denen ich trotz größter Anstrengungen nicht fertig wurde.
Sie lachten und lachen noch immer über mich. Sie nannten mich immer einen ›trägen Trottel‹. Sie sagten, ich sei eine Missgeburt, denn Rennmäuse seien schnelle Tiere. Etwas schiene mit mir nicht zu stimmen und wenn ich mich nicht endlich anstrengen würde und so würde, wie ich sein müsste, dann würden sie mich verstoßen. Ich würde draußen in der kalten Welt hungern müssen, denn kein Tier könne solch ein langsames Ding wie mich gebrauchen.
Eines Tages aber hatte ich eine eigenartige Begegnung mit einem Tier, das auch so langsam war wie ich. Ich freute mich, eine andere langsame Rennmaus kennenlernen zu dürfen. Wir unterhielten uns lange, und ich fand sie sehr sympathisch. Irgendwie schienen wir uns zu gleichen – mehr als ich mit den anderen Rennmäusen. Ich war überaus erleichtert und sagte ihr, dass ich mich freute, endlich nicht mehr die einzige langsame Rennmaus sein zu müssen. Daraufhin brach sie in lautes Gelächter aus. Sie schaute mich an und sagte: »Mädel, weißt du denn nicht, dass du keine Rennmaus sondern eine Schnecke bist?«
Natürlich bekam ich einen Schock und rannte sofort weg.
Bald sah ich sie wieder, nun aber in Begleitung mit anderen Tieren, so wie sie eines war. Alle waren sie sehr langsam und allen sah ich irgendwie sehr ähnlich. Sie kamen zu mir und sagten, sie seien Schnecken und ich gehörte zu ihnen. Sie hätten von meiner Geschichte gehört und würden sich sehr freuen, wenn ich zu ihnen ziehen und die Rennmäuse vergessen würde. Natürlich lachte ich über sie und sagte, dass sie zwar Schnecken sein mochten, ich aber nicht: Ich sei eine Rennmaus.
Als ich dann zu Hause ankam, erzählte ich den anderen mein Abenteuer mit den Schnecken. Alle lachten über mich und sagten, ich könne tatsächlich sehr leicht mit einer Schnecke verwechselt werden, denn die seien genau so langsam wie ich. Allerdings solle ich mir keine Illusionen machen. Ich könne nämlich keine Schnecke sein, weil ich unter Rennmäusen aufgewachsen sei. Seitdem gehe ich den Schnecken aus dem Weg.«
Hier hielt Augustine inne. Ich wartete ein wenig und fragte dann vorsichtig: »Aber glaubst du eine Rennmaus zu sein, nur weil du unter ihnen aufgewachsen bist? Kann es nicht sein, dass du trotzdem tatsächlich eine Schnecke bist?« Ihre Antwort auf meine Frage kam schnell. »Hast du mir nicht etwas versprochen? Keine weiteren Fragen mehr! Ich freue mich, dass wir uns kennenlernen durften. So, wenn du mich jetzt bitte gehen lassen würdest!« Damit verabschiedete sie sich, verzog ihr Gesicht und beeilte sich.
Lange stand ich noch neben ihr und überlegte, ob ich vielleicht noch etwas sagen sollte. Doch dann entschloss ich mich, mein Versprechen ihr gegenüber zu einzuhalten. Damit verließ ich sie.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.

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Leseprobe: fabian. in memoriam – eine erzählung über selbstverletzendes verhalten

Fabian in memoriam

Ohne sich umgezogen zu haben, verließ Fabian den Schutz seiner beengten vier Wände. Bereits auf der Treppe konnte Fabian Stimmen und Gelächter hören. Sie drangen aus dem familiären Wohnzimmer zu ihm und ließen ihn langsamer laufen. Wie immer, wenn er diese Geräusche hörte, ergriff ihn eine unaussprechlich intensive Lustlosigkeit, die sich im Beisein seiner Verwandten häufig in notwendige Resignation verwandelte. Wenn es nach ihm ging, konnte er gut und gerne auf diese familiären Pflichttermine verzichten. Aber es ging nicht nach ihm. Es ging nie nach ihm.
Früher einmal hatte er die Besuche seiner Verwandtschaft gemocht. Er hatte sich wohl gefühlt in ihrem Beisein, hatte sie geradezu herbeigesehnt. Und er hatte sich auch stets gefreut, wenn wieder einer der nun berüchtigten Pflichttermine näher gerückt war. Doch je älter er geworden war, desto abstoßender erschien ihm jede Festlichkeit. Das lag nicht etwa an einer adulten, festlichen Unlust, die den einen oder anderen jungen Rebellen zu ergreifen gedachte. Vielmehr lag es an der Tatsache, dass er mit der Zeit erkannt hatte, welches ekelerregende Spiel seine Verwandten trieben.
Die Geburtstagsgäste bestanden aus den noch lebenden Großeltern, die trotz ihres biblischen Alters mit einer enormen Kraft die kindlichen Wangen zu zerquetschen verstanden und dabei ein sopranes „Nein, du bist aber groß geworden!“ verlauten ließen, den Tanten und Onkel, die immer im Wettstreit mit den eigenen Eltern standen, wenn es darum ging, eine möglichst hohe Bildung der eigenen Nachkommen vorzuweisen, und den Cousinen und Cousins, die sich zu fein dafür fühlten, sich im kindlichen Spiel die Finger schmutzig zu machen und stattdessen lieber ihrer Verwandtschaft in den Arsch krochen. Eben die ganze generationenübergreifende Bagage.
Sie alle saßen adlig-sittsam um einen kunterbunt gedeckten Tisch, der inmitten eines Konfettimeeres zu treiben schien, das sich unaufhaltsam im gesamten Wohnzimmer auszubreiten gedachte. Ein mehrstöckiger, mit rosa Zuckerguss überzogener und mit allerlei essbarem rosa und rotem Firlefanz verzierter Kuchen stand direkt vor der kleinen Schwester der Wünsche, die am Kopfende des titanic-haften Tisches saß. (Passend dazu stand neben ihr der Geburtstagstisch – der Tisch der Wünsche, sozusagen.) Eine exakt abgezählte Menge an Kerzen brannte fröhlich auf dem Kuchen und spielte dem unwissenden Kind vor, dass Feuer etwas war, das man zu Dekorationszwecken verwenden konnte und durfte. Ein hübsches Bild! Hinter dieser brennenden rosa Kalorienbombe standen noch zwei Glasplatten, ebenfalls mit Kuchen bestückt: ein Blechkuchen, ein Formkuchen, Stückchen. Jeder einzelne mit einer erstickenden Schicht Puderzucker bestreut. Schade, dass es den nicht in rosa gab … Rosa Luftballons mit leicht verformten Pferdchen und bunte, glänzende Girlanden in Herzchenform dienten der augenkrebsfördernden Zierde von Wänden und Decke und ließen das Herz jedes Herzpatienten höherschlagen. Farblich dazu abgestimmt trug Fabians kleine Schwester einen berüschten Traum aus Rosa. Wie jedes Jahr. Passend dazu war sie unpassend geschminkt, trug billigen Modeschmuck der Mutter. Ganz alleine ausgesucht! Fabian fragte sich, ob ein Stylist zur Rettung zahlreicher Menschenleben nötig war, oder ob er lieber einen Innenarchitekten rufen sollte. Ob sie auch zusammenarbeiten würden?
Alle Anwesenden lachten, als hätte jemand das Wohnzimmer mit Lachgas geflutet, und strahlten wie ein einziges riesiges Atomkraftwerk. Viele vom Farbspektrum verwirrte Augenpaare waren auf die kleine Schwester gerichtet. Kaiserin und Untertanen! Ein Gerangel um Gunst! Die Hand entschied über Glück und Schmach, über Leben und Tod. Wo bleibt denn nur der Harlekin?

Marc stellte seine Badesachen am Rand der nahen Wiese ab und sah sich um. Er hatte sich einen Plan zurechtgelegt: Zunächst wollte er seine Klassenkameraden von sich überzeugen. Zu diesem Zweck wollte er auf zahlreiche, stundenlange Badesessions mit seinen früheren Freunden zurückgreifen, bei denen er sich nicht nur im Schwimmen, sondern auch im Springen hatte üben können. Er war sich sehr sicher, dass er mit einer entsprechenden Showeinlage die Aufmerksamkeit der Schüler und damit ihre Zustimmung des Cliquenbeitritts erhalten konnte. Anschließend wollte er sich zu ihnen begeben, mit ihnen in direkten Kontakt treten und sich austauschen. Und dann würden sie ihn einladen, sich zu ihnen zu legen. Daher lohnte es sich seiner Meinung nach nicht, vorher einen Liegeplatz zu suchen. Sicher, sein Plan war riskant. Aber: No risk, no fun!
Trotz des Chaos, das im Freibad herrschte, brauchte Marc nicht lange, bis er auch die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse entdeckt hatte. Sie saßen zusammengedrängt am Beckenrand und unterhielten sich und scherzten dabei. Einer der Jungen spritzte die Mädchen nass, die kreischend aufsprangen und zu flüchten versuchten. Die anderen lachten. High Five. Bisher hatten sie Marc noch nicht entdeckt.
Marc fackelte nicht lange und ging in Richtung der Sprungbretter. Dabei gab er sich Mühe, möglichst cool auszusehen. Aufrecht, die vorhandenen Muskeln zeigend, lässig. Jetzt kam es darauf an, gesehen zu werden. Sie mussten ihn bemerken, mussten ihm zusehen, wie er ohne mit der Wimper zu zucken, das Sprungbrett betrat, wie er sich cool positionierte, um sich dann in das kühle Nass zu begeben.
Ein kurzer, schmunzelnder Blick in Richtung der Schüler. Er hatte Glück: Ein Mädchen hatte ihn bemerkt, stieß die eine oder andere Freundin in ihrer Nähe an und zeigte in seine Richtung. Die Blicke der anderen folgten der Geste und alle sahen nach oben. Marc spürte, wie ihn die Situation erfüllte. Übertrieben penibel spannte er alle seine Muskeln an – selbst solche, von deren Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis gehabt hatte – sah auf einen fiktiven Punkt am Horizont, so, wie es auch weltberühmte Springer zu tun pflegten, nahm Anlauf, bewegte die perfekt angespannten Arme in einer zuvor aufs schärfste einstudierten Weise, winkelte die Beine an und vollzog einen einfachen, sauber geschlossenen Salto ins Wasser. Er spürte, wie er gekonnt in das erfrischende Wasser eintauchte, beschrieb eine nahezu perfekte Parabel unterhalb der Wasseroberfläche – sein Mathelehrer wäre stolz auf ihn gewesen – und tauchte mit einem kräftigen Ruck seines Kopfes, der sein Haar nach hinten schnellen ließ und jeder Werbung Konkurrenz gemacht hätte, wieder aus dem Wasser auf. Ein Blick in die Richtung seiner Klassenkameraden reichte, um anerkennendes Nicken zu sehen, interessiertes Kichern zu bemerken und um vom coolsten Jungen der Klasse mit einem Wink zur Gruppe beordert zu werden. Marc lächelte triumphierend und hob dabei nur einen Mundwinkel und beide Brauen, so, wie er es bei den Helden im Fernsehen immer gesehen hatte, kurz bevor ihnen ein besonders guter, femininer Fang gelang. Die Vorstellung war ihm geglückt, die Zuschauer applaudierten und er genoss das Scheinwerferlicht, das ihn, und nur ihn allein, in gleißend hellem Licht erstrahlen ließ.