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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Arm in Arm schlenderten Anni und Gertrud die stille Nebenstraße entlang, in der Marcels Atelier lag. Sie genossen den lauen Sommerabend. Tagsüber hatte es geregnet, aber jetzt war der Himmel wieder klar. Gertrud atmete tief den würzigen Duft ein, der die Luft erfüllte. Sie betrachtete im Vorbeigehen die Fassaden der alten Patrizierhäuser. Manche waren mit Efeu oder
Weinlaub bewachsen. In den kleinen Vorgärten blühten Rosen. Wie ruhig es hier war. Da blieb Anni stehen und deutete auf eines der alten Häuser: »Wir sind da.« Die innere Spannung, die Gertrud schon den ganzen Tag über gespürt hatte, wurde stärker, als sie die drei Stufen zur Haustür hinaufgingen und dann in den kühlen, dämmrigen Flur eintraten. »Wir müssen ganz nach oben, vier Treppen rauf. Marcels Atelier ist unter dem Dach«, sagte Anni.
Mit einem Gefühl gesteigerter Erwartung, in das sich Neugier, aber gleichzeitig auch Unsicherheit und ein bisschen Angst vor dem Unbekannten mischte, folgte Gertrud der Freundin. Sie waren noch nicht ganz oben, da schallte ihnen laute Jazzmusik entgegen. Anni drehte sich zu Gertrud um: »Das Fest ist schon in vollem Gange, aber wir haben noch nichts versäumt. Komm.« Sie öffnete die Tür – und Gertrud blieb überrascht auf der Türschwelle stehen. Verwirrt starrte sie in den riesigen Raum mit vier großen Dachfenstern, durch die man geradewegs in den Himmel blicken konnte. Was für ein Chaos, was für ein Durcheinander! Welch ein Gegensatz zu der stillen Straße! Sie bemühte sich, Einzelheiten zu erfassen. Verwundert sah sie, wie einige der Gäste auf der freien Fläche in der Mitte ihre Glieder verrenkten. So kann man also auch tanzen, dachte sie. Na ja, zu der schrillen Musik passt das. Ihr Blick wanderte weiter über die Kissen und Polster, die rundherum auf dem Boden verteilt waren, über die Mädchen und die jungen Männer, die es sich darauf bequem gemacht hatten, rauchend, trinkend, miteinander schwatzend. Die Luft war dunstig von Zigarettenqualm, und die Jazzmusik hämmerte in ihren Ohren. Das ist nichts für mich, hier gehöre ich nicht hin! Sie wollte am liebsten davonlaufen. Da gab Anni ihr einen leichten Klaps auf den Rücken. »Komm,
oder willst du ewig hier stehen bleiben?«
»Hallo, da kommt ja unsere Lehrerin«, rief ein junger Mann Anni entgegen.
»Pädagogin, bitte, Raoul. Sie studiert doch Pädagogik«,
sagte eine große, schlanke Blondine mit einem vielsagenden Augenaufschlag.
»Was für einen Paradiesvogel hast du denn da mitgebracht? Komm, Kleine, lass dich mal ansehen. Süß siehst du aus.« Er legte Gertrud seine Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich hin. Gertrud fühlte, wie sie errötete, und senkte für einen Moment scheu ihren Blick. Aber dann sah sie ihr Gegenüber neugierig an und schaute in zwei übermütig blitzende blaue Augen unter einem wuscheligen blonden Haarschopf. Halb schüchtern, halb kokett lächelte sie ihm zu. Mit einem aufmunternden Blinzeln fasste der junge Mann Gertruds Arm und wollte sie mit sich fortziehen.
»Finger weg, Raoul! Die ist nichts für dich.« Anni gab ihm lachend einen Klaps auf die Hand.
»Na, na, nicht so streng, Frau Oberlehrerin. Aber nachher tanzen wir zusammen, ja, schöne Goldmarie?« Das ist wohl eine Anspielung auf mein Kleid, dachte Gertrud. Sie sah an sich herunter und stellte fest, dass ihr gelbes Kunstseidenkleid in der schummrigen Beleuchtung einen matten Goldglanz bekommen hatte.
»Holen wir uns was zu trinken, hier bedient sich jeder selbst.« Anni nahm Gertrud mit sich fort zu einem langen, schmalen Tisch, der an der Wand aufgestellt war. »Das ist eigentlich ein Arbeitstisch, aber heute wird er zweckentfremdet als Bar benutzt.« Sie deutete auf die vielen Flaschen. Zwischen Wein-, Sekt- und Bierflaschen sah Gertrud auch andere, die sie nicht kannte. Neugierig griff sie nach einer solchen Flasche und wollte sich ein Glas einschütten, doch Anni hielt sie zurück: »Damit würde ich nicht gerade anfangen. Trink ein Glas Moselwein, der ist süffig. Marcel bekommt ihn von seinem Onkel, der hat ein Weingut.« Die beiden Mädchen schenkten sich Wein ein und nahmen auch von den Häppchen, die auf dem Tisch standen.
»Hallo, Anni, kommt zu uns!« Ein Mädchen mit einem
lustigen Gesicht, dem die braunen Locken keck in die Stirn fielen, winkte ihnen zu. Der blonde Junge an ihrer Seite wirkt ein bisschen schüchtern, dachte Gertrud, und fühlte Sympathie für ihn. Er scheint sich hier auch nicht ganz wohl zu fühlen. Ihr war zumute, als sei sie ohne Übergang, von einem Augenblick zum anderen, in eine fremde, schillernde Welt versetzt worden. Diese Welt faszinierte sie, aber sie fürchtete sich auch ein bisschen davor. Sie fühlte sich unsicher und sehnte sich nach ihrem geordneten Zuhause, nach dem Schutz ihrer bürgerlichen Familie. Gleichzeitig spürte sie jedoch in sich einen Hunger nach neuen Erlebnissen, nach Abenteuern und die Bereitschaft, sich auf das Ungewöhnliche einzulassen, auch wenn es mit Risiken verbunden war. Wenn sie die ausgelassenen Tänzer ansah, dann erfüllte sie eine prickelnde Lust, sich unter sie zu mischen und es ihnen gleichzutun. Doch irgendetwas in ihrem Innern hielt sie auf ihrem Sitz fest. Sie nippte an ihrem Wein und sah zu dem Paar hinüber, das sich in einer Ecke eng umschlungen hielt. Das Mädchen hatte sein Kleid halb heruntergestreift, sodass der Busen zu sehen war. Dass sie sich nicht geniert!! Empörung stieg in Gertrud auf. Sie runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel verächtlich nach unten, sodass ihr Gesicht einen abweisenden Ausdruck bekam. Doch dann glätteten sich ihre Züge wieder, und ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Das ist ein völlig anderes Leben! So frei, so ohne Zwang! Jeder gibt sich, wie er ist, keiner verstellt sich, alle sind fröhlich, genießen das Leben. Warum muss man es sich immer so schwer machen wie Vater? Es lebt sich doch viel leichter mit ein bisschen Lustigsein, ein bisschen Spaß. »Bohème-Milieu« würde Vater sagen, und der Ausdruck seiner Augen und der Tonfall seiner Stimme würden voller Verachtung sein. Wenn er gewusst hätte, wohin ich gehe, dann hätte er es mir bestimmt verboten. Aber warum? Hat man nicht auch ein Recht darauf, einmal zu lachen, zu tanzen, Wein zu trinken und fröhlich zu sein? Sie betrachtete das Mädchen, das ihr gegenüber saß. Es trug ein grellbuntes Kleid mit einem tiefen Dekolleté. Ziemlich gewagt, ich würde so etwas nicht anziehen. Aber sie hat eine gute Figur, und mit dem schwarzen Haar und dem dunklen Teint sieht sie wie eine Zigeunerin aus.
Eine neue Platte wurde aufgelegt. »Komm, kleine Mimi, jetzt tanzen wir Shimmy.« Raoul zog Gertrud am Arm mit sich fort, ehe Anni protestieren konnte. Gertrud kannte diesen Tanz nicht. Raoul erklärte ihr, dass er aus Amerika stamme. »Ein ganz neuer Tanz!« Wieder dieses Blitzen in seinen Augen, das ihr so ein merkwürdiges Kribbeln verursachte. Mit festem Griff wirbelte er sie herum, sodass sie Angst hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Anni rief ihr im Vorbeitanzen zu: »Das ist was anderes als das langweilige Gedudel beim Tanztee, findest du nicht auch?« Die letzten Worte gingen in einer rasanten Drehung unter. Gertrud fühlte sich wie berauscht.
Plötzlich ließ Raoul Gertrud los. Sie blieb erschrocken mitten auf der Tanzfläche stehen und sah ihm verwundert nach. Er stellte das Grammophon ab, stieg auf einen Stuhl und fing an
zu deklamieren:

jolifanta bambla
o falli bambla
grossige m’pfa babla horem
egiga goramen

Mit großen Gesten unterstrich er seine Worte, so, als hätte er etwas äußerst Bedeutungsvolles zu sagen. Inzwischen waren alle aufmerksam geworden. Ein paar Mädchen riefen lachend
»Aufhören, Raoul!«, andere klatschten begeistert Beifall.
»Er heißt eigentlich Otto, aber er nennt sich Raoul nach seinem großen Vorbild Raoul Hausmann«, erklärte Anni Gertrud mit einem spöttischen Lächeln.
Inzwischen hatte sich eine kleine Gruppe um Raoul versammelt, der immer noch auf seinem Stuhl stand. Alle redeten gleichzeitig auf ihn ein.
»Dada ist doch Unsinn, schon der Name bedeutet nichts,
ein Zufall!« Eine laute Stimme übertönte die anderen. Gertrud blickte in die Richtung, aus der sie kam, und entdeckte einen dicken Mann, dessen gewaltiger Bauch über der Hose hing. Sein Hemd war aus dem Hosenbund herausgerutscht. Angewidert
dachte sie: Wie nachlässig! Aber es scheint ihn nicht zu stören.
»Im Französischen heißt es immerhin ›Steckenpferd‹, Guido«, konterte Raoul und unterstrich seine Worte mit ausgestrecktem Zeigefinger, »im Rumänischen heißt es ›Jawohl, wirklich, so machen wir’s‹, im Deutschen …«
»Babysprache«, unterbrach ihn lachend ein rothaariges Mädchen in einem engen schwarzen Kleid. »Babysprache ist es im Deutschen, nichts anderes.« Sie schien sich über Raoul lustig zu machen.
»Es heißt ›Ich pfeif drauf, rutsch mir den Buckel runter‹«, rief jemand aus einer anderen Ecke herüber.
Künstlervolk, ging es Gertrud durch den Kopf, Künstlervolk würde Vater missbilligend sagen.
»Dada ist die einzig mögliche Lebensform  sich von den Dingen werfen lassen … nein sagen und lachen … lachen über den gewaltigen Hokuspokus des Daseins …«, hörte sie jetzt einen schlanken, blassen jungen Mann mit dunkler Hornbrille sagen, den sie bisher noch nicht beachtet hatte.
»Über die Wirklichkeit kann man nicht lachen …«
»Der Künstler muss politisch denken und sich engagieren …«
Wie kann jemand diesen Quatsch überhaupt ernst nehmen, dachte Gertrud, hörte aber doch interessiert weiter zu.
»Ha, sich totschießen lassen für eine fragwürdige Nation … für das Vaterland … Was ist denn das, das Vaterland? Wie können wir es lieben, wenn es unsere Arme und Beine, unser Leben verlangt in einem unsinnigen Krieg?« Das war Raoul mit seinem ungestümen Temperament. Er war inzwischen von seinem Stuhl
heruntergekommen und hatte sich unter die anderen gemischt.
»Damit das nicht wieder passiert, müssen wir uns engagieren. Wie, das haben uns Max Beckmann und George Grosz gezeigt mit ihren Bildern. Sie malten den Krieg, wie er wirklich
ist.« Gertrud horchte auf. Welch sympathische Stimme!
»Und es wird wieder so kommen, Marcel, wenn wir das Bürgertum nicht endlich aus seinem sanften Schlummer aufwecken, mit Posaunengedröhn:

Zumba, zamba
Buliamba

Ein Mädchen hielt ihm den Mund zu. »Lasst uns lieber tanzen, Raoul, verderbt uns nicht die Stimmung!« Aber ihr Einwand ging in dem allgemeinen Gerede unter.
»Nachdem die bürgerliche Ordnung ins Chaos geführt hat, wollen wir Chaos in die Ordnung bringen. Die Gesellschaft
ist krank. Ein neuer Mensch muss geschaffen werden …«
Gertrud war erstaunt. Wie kann jemand im Ernst wünschen, Chaos in die bürgerliche Ordnung zu bringen, und sich dann auch noch einbilden, so könne ein neuer Mensch entstehen? Aber sie schien nicht allein so zu denken.
»Wie wollt ihr mit Chaos einen neuen Menschen schaffen? Man lacht doch nur über euch, nimmt euch nicht ernst «, rief das rothaarige Mädchen dazwischen, das sich vorhin über Raoul lustig gemacht hatte.
»Die Menschen werden uns noch ernst nehmen, wenn sie anfangen zu denken«, sagte Raoul mit Überzeugung.
Aber das tun sie doch, die Menschen machen sich Gedanken. Gertrud erinnerte sich an ihren Vater und ihren Bruder und an die Auseinandersetzungen, die es gegeben hatte. Sie machen es sich wirklich nicht leicht.
»Die Menschen werden euch als Provokateure einsperren!«, rief wieder jemand von hinten.
»Dada ist die einzig wirkliche Kunstform … getragen vom spontanen Einfall … Es lebe die Spontaneität … nicht gegängelt
und verstümmelt von Regeln, Vorschriften und Prinzipien …«
Raoul redet sich ja richtig in Begeisterung, dachte Gertrud. Ihr schwirrte der Kopf. Sie verstand nicht recht, dass alle sich derartig ereiferten. Diese Gedanken, diese Ideen … Sie waren so fremd und ungewohnt für sie. Müssen nicht Regeln und Vorschriften sein? Aber wie oft habe ich mich selbst innerlich aufgelehnt gegen Vaters strenge Prinzipien. Wie eingeengt fühlte ich mich dadurch. Es ist vielleicht etwas Wahres dran an dem, was sie sagen. Ihr geordnetes Dasein wurde ihr auf einmal fragwürdig. Fasziniert hörte sie weiter zu.
»Dada ist mehr … es ist ein Geisteszustand … der einzige, mit dem es sich leben lässt … Weg mit Begriffen wie Moral, Ehre, Freiheit, Brüderlichkeit … Wohin haben sie uns geführt? Nach der Wirklichkeit des Krieges sind sie nur noch ein Skelett von Konventionen.«

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas: Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

Es wurde schlagartig still. Nach einem Moment waren dann die Atemzüge von zwei Menschen zu hören. Thomas setzte sich auf und blickte Sarah an, die mit weit aufgerissenen Augen zurückschaute.
„Wir haben unsere Welt verlassen, Thomas!“
„Unsere Entscheidung.“
Sarah nickte und erhob sich. Sie sah sich um. Um sie herum blanker, geschliffener Stein. Steinboden, Steinwände und Steinstufen, nach unten wie nach oben. Aus einer unsichtbaren Quelle drang indirektes Licht. Die Stufen führten um eine Säule in der Mitte, so wie eine Schlange sich um einen Stab windet.
„Dargk hat gesagt, geht drei Türen weiter. Aber von welcher Tür aus gezählt?“ Thomas kratzte sich am Kopf. „Ich vermute mal, er meinte die vierte Tür von dieser aus betrachtet.“
„Und wenn nicht?“
Er zuckte die Achseln. „Du hast selbst gesagt, Söldner gibt es überall.“
„Das ist ein sehr schwacher Trost. Dargk wird uns nicht ohne Grund an diese eine Tür verwiesen haben.“
„Er tut wohl nichts ohne Grund. Nun, gehen wir!“
„Warte!“ Sarah starrte die Stelle an, wo vormals die Tür gewesen war, durch die sie gekommen waren. Stattdessen war dort jetzt das zu sehen, was Dargk den Gang zu Gott genannt hatte. Sarah trat fasziniert darauf zu.
„Was tust du da, Sarah?“
„Der Weg zu Gott“, flüsterte sie.
„Eher zum Rattenfutter“, erwiderte Thomas. Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Mach keinen Unsinn. Ich müsste dir folgen.“
Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ab und ging die Treppe hoch. Nach endlos lang scheinenden Minuten oder Stunden erreichten sie die erste Tür.
„Wie viele Jahre haben wir jetzt?“, fragte Thomas stöhnend.
„Das spielt keine Rolle, Thomas. Wichtig ist nur, dass wir die dritte echte Tür nehmen!“
Er nickte. Sie hatte natürlich recht. Die nächste Tür war unpassierbar. Sie blickten erneut in den Gang zu Gott. Wieder blieb Sarah fasziniert stehen, und bevor Thomas reagieren konnte, streckte sie ihre Hand aus. Sie fühlte mehr, als sie sah, wie etwas sich in Bewegung setzte, und riss ihre Hand zurück. Sie spürte die Berührung durch die Lamellenklingen, die für einen Augenblick die Sicht auf den Gang versperrten. Dann sah sie die Spitze ihres Mittelfingers an, wo ein roter Blutstropfen erschien.
„Das war knapp“, stellte sie ruhig fest.
„Sarah!“
„Es ist alles gut, Thomas. Lass uns weitergehen.“ Wie in Trance setzte sie ihren Fuß auf die erste Stufe zur nächsten Etage. „Es ist ja nichts passiert.“
Kopfschüttelnd folgte er ihr. „Nichts ist gut. Wir laufen seit Stunden eine Treppe nach oben und sind irgendwo außerhalb der Zeit. Wenn das alles überhaupt stimmt!“
Sarah blieb stehen. „Warum sollte es nicht stimmen?“
„Glaubst du ihm denn diesen ganzen Blödsinn?“
Sie hielt ihm ihren blutigen Mittelfinger hin. „Und das Blut?“
„Eine geschickt konstruierte Falle.“
Sie zuckte die Achseln. „Und wozu? Glaubst du nicht, dass sie uns problemlos töten könnten, wenn sie wollten? Wozu dieser Aufwand?“
„Ich weiß es nicht, meine Liebe. Ich weiß nur, dass ich nicht verstehe, wo wir sind. Und was wir hier tun!“
„Das geht mir doch auch nicht anders.“ Sarah setzte sich auf die Stufen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Thomas! Was von den Ereignissen der letzten Wochen ist zu verstehen? Meine Eltern sind tot! Unsere Freunde sind tot! Wir wurden gekreuzigt! Also, welchen Teil verstehst du?“
Thomas setzte sich neben sie. Er schwieg.
„Wir haben keine Wahl, auch wenn es manchmal anders aussieht“, stellte Sarah verbittert fest. „Eine logische Kette von Ereignissen hat dazu geführt, dass wir hier sitzen. Glaubst du ernsthaft, wir können diese Kette unterbrechen?“
Er schüttelte den Kopf und schwieg.
„Wir wurden gekreuzigt und haben überlebt. Es mag Zufall sein, und vielleicht war es auch der Wille meiner Großmutter und der Katharinas. Aber vielleicht war es auch der Wille Gottes, damit wir in diesem verdammten Turm in die Zukunft gehen.“
„Warum?“
„Ich habe keine Ahnung. Wenn ich Gott verstehen könnte, meinst du, ich säße dann hier?“
„Sarah, es kann keinen Gott geben!“
„Nicht? Ist es dir nicht Beweis genug, dass wir hier sitzen?“
„Was beweist diese Treppe denn?“
„Und der Gang zu Gott?“
„Gang zu Gott?“ Thomas lachte. „Der Gang zu Rattenfutter, alles andere ist nur eine Behauptung.“
„Ich wollte es testen!“
„Wie du den Ratten schmeckst?“
„Du bist zynisch.“
„Ich bin zynisch?“, wiederholte Thomas fassungslos. „Ich? Wer hat denn die Hand in diesen Gang gesteckt? Tut mir leid, Sarah, aber das ist zynisch. Nicht zynisch wäre es gewesen, da durchzugehen. Das wäre zwar sehr traurig gewesen, was mich betrifft, für dich vielleicht auch schmerzhaft, aber es wäre ehrlich gewesen. Nur die Hand auszustrecken und dann einen Blutstropfen anzustarren, das ist für mich zynisch.“
„Aha.“ Sarah sprang auf und lief die Stufen hoch. Thomas folgte ihr seufzend.
„Was ist denn jetzt schon wieder? Habe ich etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht!“, schrie Sarah zurück. „Aber darum geht es gar nicht! Es ist unwichtig, ob du recht hast oder nicht!“
„Und was ist dann wichtig?“
Thomas holte keuchend die flüchtende Sarah ein und hielt sie am Arm fest. „Was? Warum sind wir hier? Gibt es dafür wirklich einen Grund?“
Sarah blieb stehen und sah ihn an. Ihr Gesicht war nass von den Tränen. „Der Grund ist, dass wir unsere Eltern umgebracht haben. Hast du das schon vergessen?“
„Nein.“ Er ließ sie los. „Nein, das werde ich niemals vergessen.“
„Dann können wir ja jetzt weiter, oder?“
Thomas nickte. Er warf einen Blick zurück. Nichts als Stufen. Genau wie vor ihnen. Er atmete tief durch und folgte Sarah.

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der Geist von King Valley

Der Geist von King Valley

„Drol Wayne.“
Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. Ich bin so blöd! Wieso rufe ich den eigentlich an? Er wird mir nicht helfen, schon aus Prinzip nicht, das weiß ich doch.
„Fiona? Redest du nicht mehr mit mir?“
„Das weißt du doch genau“, erwidere ich. „Und du wirst mir eh nicht sagen, was ich wissen will.“
„Was willst du denn wissen?“
„Weißt du doch.“
„Und du willst es mir nicht verraten?“
„Das ist ein blödes Spiel.“
„Ich habe dich nicht angerufen.“
„Ich weiß. – Also gut, ist es möglich einen erdgebundenen Geist wieder zum Leben zu erwecken?“
„Geister sind doch nicht tot, wie willst du ihn dann zum Leben erwecken?“
Ich schließe die Augen. Ich habe es gewusst! Warum zum Teufel habe ich ihn angerufen?
„Sie wurde erschlagen, von ihrem Bruder, also ist sie tot! Mann!“
„Warum schreist du so?“, fragt Drol süffisant.
„Weil du mich mal wieder nervst, verdammte Scheiße!“
„Ich habe dich nicht angerufen.“
Raste ich aus oder raste ich nicht aus? Das Schlimme ist, das macht ihm auch noch Spaß und wenn ich ausraste, hat er sein Ziel erreicht und sein Vergnügen gehabt.
Also raste ich nicht aus.
Ich atme tief durch. Mehrmals. Immerhin kriege ich so meinen Puls wieder halbwegs normal. Irgendwo bei 120. Oder so.
„Warum willst du Esther überhaupt wieder zum Leben erwecken? Auch wenn das nicht geht?“
„Sie hat gefragt, ob es geht. Sie möchte spüren, wie es ist, wenn man sich nicht ständig verbiegen und verstecken muss. Und das kann ich sehr gut verstehen!“
„Ja, das ist schon klar, dass du das gut verstehen kannst.“
„Wie meinst du das?“, frage ich misstrauisch.
„Du hasst es doch auch, dich verbiegen und verstecken zu müssen. Oder etwa nicht?“
„Doch. Ich hasse das sehr.“
„Dann ist doch alles klar.“
„Nichts ist klar! Ich weiß immer noch nicht, ob das geht!“
„Dann finde es doch heraus“, erwidert Drol und legt auf.
Ich starre das Handy an. Ich fasse es nicht! Hat er wirklich einfach aufgelegt? Dieses dämliche Arschloch!
„Mit wem hast du denn da gerade telefoniert?“
„Was?“ Ich sehe Monica erschrocken an.
„Du hast dich zum Telefonieren eingeschlossen, aber selbst so war zu hören, dass du sehr aufgeregt warst. Mit wem hast du denn gesprochen?“
Ich starre sie immer noch an, mit dem Handy in der Hand. Schließlich schüttele ich den Kopf und werfe das Telefon auf den Tisch. „Es war privat. Jemand, den ich nicht mehr anrufen sollte, denn es tut meinem Blutdruck gar nicht gut.“
„Allerdings. Soll ich dir einen Tee machen?“
Nach kurzem Überlegen nicke ich, und als sie rausgeht, greife ich erneut nach dem Telefon. Irgendjemand muss doch eine so einfache Frage beantworten können!
Ich fange mit Michael an, der ist sowieso auch halbtot. Oder untot. Wie auch immer.
„Hallo, Fiona“, meldet er sich.
Ich erinnere mich kurz und heftig an den Kuss, dann verscheuche ich die Erinnerung daran ganz schnell wieder. Kann ich grad nicht gebrauchen.
„Hi, Michael. Kurze Frage: Wie holt man erdgebundene Geister wieder ins Leben zurück?“
„Hä? Was willst du?“
„Wie holt man erdgebundene Geister wieder ins Leben zurück?“, wiederhole ich langsam.
„Warum willst du das denn wissen?“
„Michael!“, schreie ich. „Ich habe gerade schon Drol gefragt, also weißt du, wie meine Laune gerade ist! Beantworte einfach meine Frage, verdammte Scheiße!“
„Das hast du Drol gefragt? Ich nehme an, er war nicht sehr kooperativ.“
„Fick dich!“ Ich drücke die rote Taste und werfe das Telefon erneut auf den Tisch, gerade als Monica hereinkommt.
„Du kennst erstaunlich viele Leute, die schlecht für deinen Blutdruck sind“, bemerkt sie, während sie den Tee vor mir abstellt.
„Ja“, erwidere ich düster. „Kannst du bitte bei dem Stadtarchiv und sonstigen Archiven nachfragen, was sie über die Kronachs haben? Danke.“
„Über die Kronachs?“
„Ja, über die Kronachs. Ich hoffe, du willst meinem Blutdruck nichts.“
Monica mustert mich kurz, dann nickt sie und geht aus dem Büro. Ich hole mir ein weiteres Mal mein Handy und rufe Nilsson an.