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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

„Verzeiht die Art und Weise, wie wir euch hergeholt haben. Einer Einladung wärt ihr aber vermutlich nicht gefolgt.“
Ich starre die riesige Spinne an. Das glaube ich einfach nicht! Dann werfe ich einen Blick auf Katharina. Immerhin kann ich den Kopf schon bewegen und ich spüre meinen Körper wieder. Wir sind nicht tot, wir werden nicht verwertet und wir reden mit einer Spinne. Vielmehr redet diese mit uns.
„Mein Name ist Sor. Ich bin ein Neag. Mir ist bewusst, dass euch die Umstände eures momentanen Seins seltsam anmuten dürften.“
Die Art, wie diese Spinne redet, mutet mich auch seltsam an.
„Was ist ein Neag?“, erkundige ich mich, da mir gerade nichts Besseres einfällt.
„Nun, ihr Menschen kennt unterschiedliche Hierarchiestufen, zum Beispiel des Sicherheitsdienstes. Neag ist einer der höchsten Ränge. Ich unterstehe einer der Königinnen.“
Hm. Also ein General. Logischer wäre vielleicht ein Minister, aber er hat von Hierarchie gesprochen, dazu passt das Ministeramt nicht wirklich. Ich betrachte ihn jetzt einfach als General. Immerhin, wir werden wichtig genug eingeschätzt, um zu einem General gebracht zu werden. Ganz zu schweigen von der Art der Einladung.
„Glaubst du dem auch noch?“, fragt Katharina aufgebracht. „Eine Spinne!“
„Aber eine, die mit uns spricht“, erwidere ich. „Wir wurden nicht getötet, nur bisschen gelähmt, sonst hätten wir uns wohl ein bisschen gewehrt.“
„Das ist absolut korrekt“, bestätigt Sor.
Er steht einige Meter von uns entfernt und beobachtet uns. Seine Fühler sind ausgestreckt, bewegen sich aber nicht. Wahrscheinlich könnte er sie wie eine Lanze in uns bohren, groß genug sind sie ja. Sor dürfte etwa die Größe der Spinne haben, die den Schmetterling erledigt hat.
Um uns herum ist es schwarz. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil das Material, das uns umgibt, schwarz ist. Ich spüre das Material auch unter uns, es fühlt sich irgendwie weich an, ein bisschen wie Kaugummi. Gefaltet. So ungefähr muss es für eine Ameise aussehen, die sich in einen großen, zusammengeknüllten Haufen schwarzer Gaze verirrt.
Katharina mustert die Spinne, danach mich. Sie reibt sich die Handgelenke, dann setzt sie sich auf. Ich folge ihrem Beispiel. Etwas wackelig, aber es geht. Die Wirkung des Gifts lässt rasch nach. Es tut gut, den eigenen Körper wieder zu spüren.
„Wo sind wir hier?“, frage ich.
„Das ist die Tarx, ein Teil der Welt, in der die Spinnen leben. Im Übrigen ist es erstaunlich, dass es möglich war, euch ungeschützt herzubringen. Normalerweise müssen selbst die Leichen verpackt werden, um sie durch das Spinnenloch zu transportieren, sie würden sonst zersetzt. Euch ist nichts geschehen. Ihr seid beide keine gewöhnlichen Menschen.“
„Das stimmt. Aber was ist das Spinnenloch?“
„Das Spinnenloch ist überall. Es umgibt die Welt wie eine Hülle, es ist unsichtbar. Eigentlich befindet ihr euch auch jetzt darin, denn unsere Welt, unser Nest, ist überall, es ist so groß wie die Welt, doch das Spinnenloch trennt es von der Menschenwelt. Nur Spinnen und einige besondere Menschen sind in der Lage, darin ungeschützt zu überleben. Die Prex bewegen sich auch durch das Spinnenloch.“
„Die Züge unter den Bahnhöfen?“
„Genau. Ich bin überrascht, wie wenig überrascht du bist.“
Ich sehe Katharina an. „Da ist ja meine Verborgene Welt.“ Dann wende ich mich wieder an Sor. „Dort, wo ich herkomme, gibt es etwas Ähnliches. Auch dort können die Menschen es normalerweise nicht sehen.“
„Aber ihr schon?“
Ich nicke.
„Das überrascht mich nicht. Nun, ihr habt sicherlich sehr viele Fragen, die ich, eigentlich wir, euch gerne beantworten werden. Doch zuvor möchte ich euch bitten, mich an einen Ort zu begleiten, der den menschlichen Bedürfnissen angepasster ist. Dort könnt ihr euch frischmachen und von den Auswirkungen des Giftes erholen. Ich werde euch dann abholen und zu jemandem bringen, der alle eure Fragen beantworten wird.“
Ich erhebe mich, doch Katharina hält mein Handgelenk fest.
„Glaubst du ihm das ernsthaft?“, fragt sie, immer noch aufgebracht.
„Klar. Wie ich schon sagte, wir wurden nicht getötet, nur gelähmt, damit wir der etwas ungewöhnlichen Einladung folgen. Ganz ehrlich, eine sprechende Spinne, die offensichtlich weiß, was hier läuft, im Gegensatz zu allen Menschen, denen ich bisher begegnet bin, finde ich ausgesprochen spannend. Im Moment habe ich nicht das Gefühl, wir befänden uns in Gefahr. Komm jetzt.“ Ich ziehe sie auf die Füße, was sie widerstandslos geschehen lässt.
Sor dreht sich um, indem er Decke und Boden miteinander vertauscht. Cool. Da wir aber solche Kunststücke nicht beherrschen, folgen wir ihm auf dem bisherigen Boden, der vermutlich auch der echte Boden sein dürfte. Falls es so was hier gibt. Weiß ja schließlich immer noch nicht, wo die Gravitation eigentlich herkommt.
Katharina hält meine Hand fest. Wogegen ich absolut nichts habe. Trotzdem fühlt es sich irgendwie ungewohnt hat. Katharina ist nicht gerade ängstlich, doch die momentane Situation beeindruckt sie. Das mag auch mit ihren fehlenden Erinnerungen zu tun haben, schließlich hat sie früher sogar Drachen gesehen.
Nachdem wir eine Weile hinter der Spinne hertrotten, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wo wir sind und ohne eine Chance, den Weg zurück zu finden, erreichen wir eine Tür.
Eine. Tür.
Was zum Teufel …?
Sor drückt mit einem der Beine oder was auch immer einen Knopf, woraufhin die Tür sich öffnet und den Blick auf einen Korridor offenbart. Sieht aus wie in einem Hotel der Preisklasse, die ich als CEO zu nutzen pflegte.
Hm.
„Da drin findet ihr Appartements. Derzeit sind alle unbesetzt, ihr habt also die freie Auswahl. In etwa einer Rul lasse ich euch holen, bis dahin wünsche ich euch einen angenehmen Aufenthalt. Es sollte alles vorhanden sein, was ihr benötigt. Sollte wider Erwarten etwas fehlen, seid bitte so frei und benachrichtigt uns über das Telefon, wir sorgen dann umgehend für Abhilfe.“
Damit entfernt er sich und lässt zwei Blondinen zurück, die ihm mit offenen Mündern hinterher starren.
„Wow!“, sage ich. „Einfach nur krass!“
„Einfach nur was?“ Katharina sieht mich völlig verwirrt an. „Überhaupt, verstehst du das?“
„Nein, nicht im Geringsten. Komm, wir sehen uns das Appartement mit Telefon an. Mit Telefon!“
„Was ist das?“
Statt einer Antwort betrete ich den Korridor und öffne die nächstbeste Tür. Katharina folgt mir hastig. Hinter ihr schließt sich die Tür. Ich gehe zurück und suche einen ähnlichen Knopf wie draußen. Den gibt es auch, und als ich ihn berühre, gleitet die Tür wieder auf. Ich strecke den Kopf hinaus, doch da ist nur der leere … äh, ja, was? Korridor? Gang? Keine Ahnung. Jedenfalls das, durch das wir gekommen sind. Offenbar sind wir keine Gefangene.
Das Appartement ist die nächste Überraschung. Nicht nur der Korridor entspricht der Preisklasse eines Adlons, sondern auch das Appartement. Besser gesagt, die Suite. Und zwar nicht die Junior Suite.
„Okaaay …“ Ich deute auf eine gediegene Kommode. „Da steht übrigens das Telefon.“
„Wozu ist das gut?“
Wir gehen dorthin und sehen uns das klassische Modell an. Mit Wählscheibe und Leitung. Hallo? Wo sind wir denn hier gelandet? Am Ende waren die letzten fünf Jahre nur ein bescheuerter Traum? Oder ein Drogentrip? Welche Droge verursacht denn so was?
„Damit kann man mit jemandem sprechen, der ganz woanders ist.“ Ich nehme den Hörer und reiche ihn der Staunenden. „Das hier ist die Sprechmuschel, die hältst du vor den Mund. Und das andere Ende ans Ohr.“
Katharina tut es, dann reicht sie ihn mir hastig. „Da spricht jemand!“
Ich nehme den Hörer.
„Hier ist der Zimmerservice. Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, ich wollte nur wissen, ob das Telefon funktioniert. Entschuldigung.“
„Keine Ursache, dafür sind wir ja da.“
Ich starre das Telefon an. „Okay, das ist selbst für meine Verhältnisse ungewöhnlich.“
Katharina zuckt die Achseln und schlendert zu einer Tür. Dann schreit sie auf: „Eine Dusche!“
Tatsächlich ist es ein Badezimmer, und darin gibt es auch eine Dusche. Die der Dusche im Zug sehr ähnlich sieht. Als ob derselbe Architekt sich auch hier ausgetobt hätte. Eigentlich nicht erstaunlich, denn die Worte des Spinnengenerals ließen es ja bereits vermuten, dass die Spinnen auch mit den Expresszügen zu tun haben. Prex, oder wie sie heißen.
Prex da, Tarx hier. Lustige Namen.
Katharina zieht sich aus und geht in die Dusche. Kann ich gut verstehen, die letzten Stunden waren schweißtreibend. Und der Gestank der Leichen ist auch noch zu spüren.
„Ich nehme an, du verprügelst mich, wenn ich versuche, mit dir zusammen zu duschen.“
Katharina sieht mich nachdenklich an. Schließlich nickt sie.
Hm. Da musste sie aber lange überlegen. Eigentlich ein gutes Zeichen.
Als ich mich umdrehe und rausgehen will, fragt sie plötzlich: „Zeigst du es mir?“
„Was?“
„Wie man sich da unten rasiert?“
Ich fahre herum. „Wieso willst du dich rasieren?“
„Das ist meine Sache.“
Was soll ich davon denn halten? Und überhaupt, wie soll ich ihr das denn zeigen?
„Am besten wäre ein Nassrasierer, aber ich sehe hier keinen. Nur den.“ Ich halte ein Rasiergerät hoch. Von der Form her könnte das hinkommen. Ob es in der Dusche auch funktioniert, weiß ich nicht. Versuchsweise halte ich es eingeschaltet im Waschbecken unter den Wasserstrahl. Schlimmstenfalls sterbe ich mal eben, das wäre hilfreich, damit ich nicht mehr auslaufe.
Leider ist mir nicht einmal das vergönnt.
Ich bringe Katharina das Rasiergerät. Sie nimmt es durch die geöffnete Tür an
„Einfach die Haare damit abmachen. Bisschen Geduld ist nötig, aber nicht aufgeben. Du schaffst das schon.“
Dann verlasse ich fluchtartig das Badezimmer. Die Berührung von Katharinas Hand beim Überreichen, ihre Nähe, der Duft ihrer Haut, das ist mir definitiv zu viel. Sie muss eine Sadistin sein.
Ich schau mir die Suite an und finde eine kleine Küche mit Mikrowelle. Der Kühlschrank ist voll, auf einem Tisch steht ein Korb mit Obst.
Mit Obst???
Okay, keine Bananen und so, aber Früchte. Hiesige Früchte. Trotzdem.
Ich kaue gerade auf etwas herum, was mich am ehesten an einen Apfel erinnert, als Katharina nass aus dem Bad kommt.
„Ist das so … okay?“
Auf meinen fragenden Blick hin deutet sie zwischen ihre Beine.
Ich atme tief durch.
„Ja. Hör zu, Katharina. Mach das nicht. Entweder ich darf dich küssen, und zwar überall, oder zieh dich an!“
Sie sieht mich wieder so nachdenklich an, dann holt sie sich einen Bademantel. Der ist zwar recht kurz, aber dafür kann sie ja nichts. Und er ist immer noch länger als damals meiner, an jenem denkwürdigen Tag, als ich meine Mutter, und nicht nur die, gleich mehrfach schockiert hatte.
„Dann gehe ich jetzt duschen“, verkünde ich und setze es direkt in die Tat um.
Allerdings schließe ich die Tür ab. Wenn ich nicht etwas unternehme, werde ich wahnsinnig. Wie es aussieht, bleibt mir nur die gute, alte Handarbeit. Und dabei ist es mir scheißegal, ob Katharina was hört.

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Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Ich kann eine Menge wegstecken. Meine Kinder wurden von Vampiren entführt, ein schwuler Vampir erzählt mir, dass ich gar nicht die bin, für die ich mich seit 35 Jahren halte, ein anderer Vampir spricht nicht nur wie ein berühmter Yedi, sondern sieht auch noch aus, als hätten der und Kermit gemendelt, wir sind gerade stundenlang durch eine Gruft gekrabbelt, um irgendwann diese dämliche, magische Tür zu finden, und jetzt stehen wir einem buckeligen Kerl mit Fackel gegenüber.
Ich kann wirklich eine Menge wegstecken. Aber irgendwann werde ich anfangen zu schreien.
Definiv.
Nun gut, vielleicht besser nicht jetzt.
Ich blicke mich um. Es sieht aus wie ein Hotel. Das vermutlich bereits bessere Zeiten gesehen hat, so vor dem Ersten Weltkrieg. Aber unsichtbare magische Türen sind vermutlich nicht so gut fürs Geschäft. Die Wände sind grau, ob geplant oder vor Dreck, vermag ich im Licht der Fackel des Buckeligen nicht zu sagen, aber die Perser, die sie an einigen Stellen bedecken, sind auf jeden Fall teuer und sauber. Dekadenz längst vergangener Tage.
Der Fackelträger dreht sich stumm um und geht. Wir anderen wechseln einen Blick, dann eilen wir ihm hinterher. Im Moment ist er unser einziger Verbindungsmann zu den Katakomben. Diese habe ich mir zwar anders vorgestellt aufgrund der Erzählungen des Professors, aber vielleicht ist das Hotel wirklich so groß wie die Stadt darüber. Und warum sollten Vampire nicht in Hotelzimmern leben?
Der buckelige fackeltragende Rezeptionist bleibt schließlich vor einer Zimmertür stehen und öffnet sie mit theatralischer Geste. Ich trete neben ihn und werfe einen Blick in den Raum.
Ein Hotelzimmer wie aus dem letzten Jahrtausend, auf jeden Fall älter als der Erste Weltkrieg. Ziemlich spartanisch ausgestattet, aber immerhin gibt es ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch.
Und eine Badewanne. Voll mit dampfendem Wasser.
„Was soll das denn?“
„Du musst baden, damit die Geschichte weitergehen kann“, erklärt der Fackelträger.
„Was?“ Ich werfe den anderen einen hilfeheischenden Blick zu.
„Was passiert dann?“, erkundigt sich Michael sofort.
„Die Geschichte geht dann weiter.“
„Und wenn ich nicht bade?“
„Dann geht sie nicht weiter.“
„Öhm … also gut, aber ihr bleibt alle draußen!“
„Schade“, sagt Alfredo.
Ich ignoriere es. Er kann sich ja Michael an den Hals werfen, der würde sich sogar darüber freuen.
Also betrete ich das Hotelzimmer und schlage die Tür zu. Dann blicke ich mich um. Eigentlich bin ich größere Badezimmer gewohnt, aber gut, hier geht es um Wichtigeres. Die Wände sind ebenfalls grau und aus Stein. Licht kommt von einer Kerze, die auf dem Tisch steht.
Ich trete zur Wanne und prüfe das Wasser. Es ist angenehm warm und duftet nach Tannen. Wenigstens etwas.
Meine Kleidung lege ich sorgfältig auf dem Stuhl ab, dann steige ich in die Wanne und lasse mich bis zum Hals im Wasser versinken. Es tut irgendwie gut. Ich merke jetzt doch, dass ich verprügelt wurde, wie schon lange nicht mehr. Und auch wenn es eine Vampirin war, also mit übermenschlichen Kräften, es kratzt dennoch an der Ehre.
„Nicht erschrecken.“
Warum sagen die das immer, obwohl sie genau wissen, dass sie das genaue Gegenteil damit erreichen?
Ich kriege erst fast einen Herzinfarkt, dann rutsche ich aus, als ich aus der Wanne springen will und schlucke auch noch Wasser. Hustend und prustend komme ich wieder hoch und beschließe, erst einmal doch im Wasser zu bleiben.
„Ich sagte doch, nicht erschrecken.“ Eine helle, klare Stimme. Sie gehört zu einer Frau, so viel steht fest.
Ich verrenke mir fast den Hals, um sie zu sehen. Sie steht hinter der Wanne und ich wüsste zu gerne, wo sie auf einmal herkommt. Da gibt es auf keinen Fall eine Versteckmöglichkeit.
Als sie dann in mein Blickfeld kommt, wünsche ich mir, einfach nur ohnmächtig zu werden.
„Du?!“
Sie nickt, zieht den Stuhl heran und setzt sich neben der Wanne, nah genug, um eine Hand ins Wasser hängen zu lassen.
„Ich muss gestehen, ich war auch ziemlich überrascht, als ich dich das erste Mal gesehen habe.“
„Wo … wo war das? Ich meine, wer zum Teufel bist du überhaupt?“
„Mein Name ist Fiona. Das müsstest du aber eigentlich wissen.“
Sie lächelt und ich frage mich, ob ich wirklich so dämlich aussehe, wenn ich nur am Lächeln bin, um möglichst freundlich meine Zähne zu zeigen.
„Okay. Mal ganz langsam. Du siehst aus wie ich, aber wie vor etwa zehn Jahren.“
Sie schüttelt den Kopf. „Mit dem Alter hat das nichts zu tun.“
„Womit dann?“ Ich mustere sie. Die Haare trägt sie kurz und ziemlich wirr, so wie ich früher, viel früher, bevor ich Ben geheiratet habe. Davon abgesehen sieht sie aus wie ich, vielleicht etwas dünner. Ihre Stimme klingt wie meine, wenn ich sie von einer Aufzeichnung höre. Eigentlich ganz angenehm. Dieselben grauen Augen, die schmale Nase, die Lippen, die Zähne … die Zähne … nein, die Zähne sind nicht genau gleich. Ich habe nicht so lange Eckzähne.
Sie lächelt wieder, als sie merkt, dass ich es entdeckt habe.
„Das ist auch ein Unterschied zwischen uns beiden, meine Liebe.“
„Hast du … hast du etwas mit den Vampiren zu tun, die meine Kinder entführt haben??“
„Ich bin ihre Chefin. Keine Sorge, deinen Kindern geht es gut, und das bleibt auch so, wenn du vernünftig bist.“
Das fällt mir gerade ziemlich schwer, am liebsten würde ich ihr an die Gurgel springen. Aber es gibt mehrere gute Gründe, das nicht zu tun.
Erstens weiß ich nicht, was dann mit meinen Kindern geschieht.
Zweitens weiß ich nicht, was dann mit mir geschieht.
Und drittens weiß ich nicht, was dann mit ihr und dadurch mit mir geschieht.
„Wer bist du eigentlich und was genau willst du von mir?“
Sie kaut auf der Unterlippe herum. Genau wie ich, wenn ich intensiv nachdenke. Hm. Sie ist ja ich. Irgendwie. Also, fast. Oder doch ganz.
Verdammt, ist das verwirrend.
„Das ist kompliziert“, sagt sie schließlich. „Vermutlich weißt du, dass du eigentlich in einer Illusion gefangen bist.“
„Vermutlich wissen das alle außer mir“, erwidere ich.
Sie lacht. Oder ich lache. Wie auch immer. Fiona 2 lacht. Lache ich auch immer so? Muss wohl so sein. Sieht ganz nett aus. Kein Wunder, dass die Jungs früher so scharf auf mich waren … ähm …
Scheiß drauf.
Fiona beobachtet mich. „Es ist schon lustig, als würde ich mir selbst zusehen. Da ich dich kenne wie sonst niemand, kann ich mir vorstellen, worüber du gerade nachgedacht hast.“
„Kannst du nicht.“
„Kann ich doch. Du hast herausgefunden, wie süß du eigentlich aussiehst.“
Das entspricht zwar nicht hundertprozentig der Wahrheit, hat aber was mit ihr zu tun.
Fiona 2 erhebt sich und geht um die Wanne herum, bis sie hinter mir steht. Sie beugt sich über mich und lässt ihre Hände an meinem Körper entlang unter Wasser gleiten. Ihre Lippen streichen über meine Wange zum Ohr hinauf und sie flüstert: „Lass uns Spaß haben, bevor es wieder ernst wird.“
Was zum Teufel …?!
„Hallo? Du bist erstens eine Frau und zweitens ich!“
„Genau, das macht es so aufregend. Eine Art Selbstbefriedigung.“
„Du meinst das nicht ernst, oder?“
„Doch, sehr ernst“, flüstert sie und lässt eine Hand noch tiefer gleiten. Ich presse die Oberschenkel zusammen.
Sie macht einen Schmollmund. „Jetzt komm schon. Ich weiß, dass es dir gefallen würde, denn mir gefällt es auch.“
Das macht mir allerdings etwas Sorge.
„Ich habe noch nie mit einer Frau … und habe auch nicht vor …“
„Du hast keine Ahnung, was dir entgeht“, flüstert sie, dabei berühren ihre Lippen meinen Mund. „Denk daran, ich kenne dich wirklich sehr gut und weiß ganz genau, was du brauchst. Niemand sonst kann dir einen solchen Orgasmus geben wie ich. Niemand.“
Ich packe ihre Hand, die sich zwischen meine Beine drängen will, und schiebe diese und ihr Gesicht weg.
„Es gibt Erfahrungen, auf die ich lieber verzichte.“
„Bedauerlich. Sehr bedauerlich.“ Sie richtet sich auf und geht wieder zum Stuhl. „Du bist völlig verweichlicht von der Zivilisation. All die Wildheit, die Ungezähmtheit, die dich mal ausgemacht hat, die existiert nur noch in mir.“
„Aha.“
„Also schön, kommen wir zum Geschäftlichen.“ Ihre Stimme ist jetzt völlig anders. Kalt und hart. Kann ich das auch? Haben meine Kinder mich auch schon so erlebt?
Scheiß … Nein, das ist mir nicht egal. Ganz und gar nicht.
Ich blicke Fiona 2 an. „Gut, kommen wir zum Geschäftlichen.“

 

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