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Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Ich kann eine Menge wegstecken. Meine Kinder wurden von Vampiren entführt, ein schwuler Vampir erzählt mir, dass ich gar nicht die bin, für die ich mich seit 35 Jahren halte, ein anderer Vampir spricht nicht nur wie ein berühmter Yedi, sondern sieht auch noch aus, als hätten der und Kermit gemendelt, wir sind gerade stundenlang durch eine Gruft gekrabbelt, um irgendwann diese dämliche, magische Tür zu finden, und jetzt stehen wir einem buckeligen Kerl mit Fackel gegenüber.
Ich kann wirklich eine Menge wegstecken. Aber irgendwann werde ich anfangen zu schreien.
Definiv.
Nun gut, vielleicht besser nicht jetzt.
Ich blicke mich um. Es sieht aus wie ein Hotel. Das vermutlich bereits bessere Zeiten gesehen hat, so vor dem Ersten Weltkrieg. Aber unsichtbare magische Türen sind vermutlich nicht so gut fürs Geschäft. Die Wände sind grau, ob geplant oder vor Dreck, vermag ich im Licht der Fackel des Buckeligen nicht zu sagen, aber die Perser, die sie an einigen Stellen bedecken, sind auf jeden Fall teuer und sauber. Dekadenz längst vergangener Tage.
Der Fackelträger dreht sich stumm um und geht. Wir anderen wechseln einen Blick, dann eilen wir ihm hinterher. Im Moment ist er unser einziger Verbindungsmann zu den Katakomben. Diese habe ich mir zwar anders vorgestellt aufgrund der Erzählungen des Professors, aber vielleicht ist das Hotel wirklich so groß wie die Stadt darüber. Und warum sollten Vampire nicht in Hotelzimmern leben?
Der buckelige fackeltragende Rezeptionist bleibt schließlich vor einer Zimmertür stehen und öffnet sie mit theatralischer Geste. Ich trete neben ihn und werfe einen Blick in den Raum.
Ein Hotelzimmer wie aus dem letzten Jahrtausend, auf jeden Fall älter als der Erste Weltkrieg. Ziemlich spartanisch ausgestattet, aber immerhin gibt es ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch.
Und eine Badewanne. Voll mit dampfendem Wasser.
„Was soll das denn?“
„Du musst baden, damit die Geschichte weitergehen kann“, erklärt der Fackelträger.
„Was?“ Ich werfe den anderen einen hilfeheischenden Blick zu.
„Was passiert dann?“, erkundigt sich Michael sofort.
„Die Geschichte geht dann weiter.“
„Und wenn ich nicht bade?“
„Dann geht sie nicht weiter.“
„Öhm … also gut, aber ihr bleibt alle draußen!“
„Schade“, sagt Alfredo.
Ich ignoriere es. Er kann sich ja Michael an den Hals werfen, der würde sich sogar darüber freuen.
Also betrete ich das Hotelzimmer und schlage die Tür zu. Dann blicke ich mich um. Eigentlich bin ich größere Badezimmer gewohnt, aber gut, hier geht es um Wichtigeres. Die Wände sind ebenfalls grau und aus Stein. Licht kommt von einer Kerze, die auf dem Tisch steht.
Ich trete zur Wanne und prüfe das Wasser. Es ist angenehm warm und duftet nach Tannen. Wenigstens etwas.
Meine Kleidung lege ich sorgfältig auf dem Stuhl ab, dann steige ich in die Wanne und lasse mich bis zum Hals im Wasser versinken. Es tut irgendwie gut. Ich merke jetzt doch, dass ich verprügelt wurde, wie schon lange nicht mehr. Und auch wenn es eine Vampirin war, also mit übermenschlichen Kräften, es kratzt dennoch an der Ehre.
„Nicht erschrecken.“
Warum sagen die das immer, obwohl sie genau wissen, dass sie das genaue Gegenteil damit erreichen?
Ich kriege erst fast einen Herzinfarkt, dann rutsche ich aus, als ich aus der Wanne springen will und schlucke auch noch Wasser. Hustend und prustend komme ich wieder hoch und beschließe, erst einmal doch im Wasser zu bleiben.
„Ich sagte doch, nicht erschrecken.“ Eine helle, klare Stimme. Sie gehört zu einer Frau, so viel steht fest.
Ich verrenke mir fast den Hals, um sie zu sehen. Sie steht hinter der Wanne und ich wüsste zu gerne, wo sie auf einmal herkommt. Da gibt es auf keinen Fall eine Versteckmöglichkeit.
Als sie dann in mein Blickfeld kommt, wünsche ich mir, einfach nur ohnmächtig zu werden.
„Du?!“
Sie nickt, zieht den Stuhl heran und setzt sich neben der Wanne, nah genug, um eine Hand ins Wasser hängen zu lassen.
„Ich muss gestehen, ich war auch ziemlich überrascht, als ich dich das erste Mal gesehen habe.“
„Wo … wo war das? Ich meine, wer zum Teufel bist du überhaupt?“
„Mein Name ist Fiona. Das müsstest du aber eigentlich wissen.“
Sie lächelt und ich frage mich, ob ich wirklich so dämlich aussehe, wenn ich nur am Lächeln bin, um möglichst freundlich meine Zähne zu zeigen.
„Okay. Mal ganz langsam. Du siehst aus wie ich, aber wie vor etwa zehn Jahren.“
Sie schüttelt den Kopf. „Mit dem Alter hat das nichts zu tun.“
„Womit dann?“ Ich mustere sie. Die Haare trägt sie kurz und ziemlich wirr, so wie ich früher, viel früher, bevor ich Ben geheiratet habe. Davon abgesehen sieht sie aus wie ich, vielleicht etwas dünner. Ihre Stimme klingt wie meine, wenn ich sie von einer Aufzeichnung höre. Eigentlich ganz angenehm. Dieselben grauen Augen, die schmale Nase, die Lippen, die Zähne … die Zähne … nein, die Zähne sind nicht genau gleich. Ich habe nicht so lange Eckzähne.
Sie lächelt wieder, als sie merkt, dass ich es entdeckt habe.
„Das ist auch ein Unterschied zwischen uns beiden, meine Liebe.“
„Hast du … hast du etwas mit den Vampiren zu tun, die meine Kinder entführt haben??“
„Ich bin ihre Chefin. Keine Sorge, deinen Kindern geht es gut, und das bleibt auch so, wenn du vernünftig bist.“
Das fällt mir gerade ziemlich schwer, am liebsten würde ich ihr an die Gurgel springen. Aber es gibt mehrere gute Gründe, das nicht zu tun.
Erstens weiß ich nicht, was dann mit meinen Kindern geschieht.
Zweitens weiß ich nicht, was dann mit mir geschieht.
Und drittens weiß ich nicht, was dann mit ihr und dadurch mit mir geschieht.
„Wer bist du eigentlich und was genau willst du von mir?“
Sie kaut auf der Unterlippe herum. Genau wie ich, wenn ich intensiv nachdenke. Hm. Sie ist ja ich. Irgendwie. Also, fast. Oder doch ganz.
Verdammt, ist das verwirrend.
„Das ist kompliziert“, sagt sie schließlich. „Vermutlich weißt du, dass du eigentlich in einer Illusion gefangen bist.“
„Vermutlich wissen das alle außer mir“, erwidere ich.
Sie lacht. Oder ich lache. Wie auch immer. Fiona 2 lacht. Lache ich auch immer so? Muss wohl so sein. Sieht ganz nett aus. Kein Wunder, dass die Jungs früher so scharf auf mich waren … ähm …
Scheiß drauf.
Fiona beobachtet mich. „Es ist schon lustig, als würde ich mir selbst zusehen. Da ich dich kenne wie sonst niemand, kann ich mir vorstellen, worüber du gerade nachgedacht hast.“
„Kannst du nicht.“
„Kann ich doch. Du hast herausgefunden, wie süß du eigentlich aussiehst.“
Das entspricht zwar nicht hundertprozentig der Wahrheit, hat aber was mit ihr zu tun.
Fiona 2 erhebt sich und geht um die Wanne herum, bis sie hinter mir steht. Sie beugt sich über mich und lässt ihre Hände an meinem Körper entlang unter Wasser gleiten. Ihre Lippen streichen über meine Wange zum Ohr hinauf und sie flüstert: „Lass uns Spaß haben, bevor es wieder ernst wird.“
Was zum Teufel …?!
„Hallo? Du bist erstens eine Frau und zweitens ich!“
„Genau, das macht es so aufregend. Eine Art Selbstbefriedigung.“
„Du meinst das nicht ernst, oder?“
„Doch, sehr ernst“, flüstert sie und lässt eine Hand noch tiefer gleiten. Ich presse die Oberschenkel zusammen.
Sie macht einen Schmollmund. „Jetzt komm schon. Ich weiß, dass es dir gefallen würde, denn mir gefällt es auch.“
Das macht mir allerdings etwas Sorge.
„Ich habe noch nie mit einer Frau … und habe auch nicht vor …“
„Du hast keine Ahnung, was dir entgeht“, flüstert sie, dabei berühren ihre Lippen meinen Mund. „Denk daran, ich kenne dich wirklich sehr gut und weiß ganz genau, was du brauchst. Niemand sonst kann dir einen solchen Orgasmus geben wie ich. Niemand.“
Ich packe ihre Hand, die sich zwischen meine Beine drängen will, und schiebe diese und ihr Gesicht weg.
„Es gibt Erfahrungen, auf die ich lieber verzichte.“
„Bedauerlich. Sehr bedauerlich.“ Sie richtet sich auf und geht wieder zum Stuhl. „Du bist völlig verweichlicht von der Zivilisation. All die Wildheit, die Ungezähmtheit, die dich mal ausgemacht hat, die existiert nur noch in mir.“
„Aha.“
„Also schön, kommen wir zum Geschäftlichen.“ Ihre Stimme ist jetzt völlig anders. Kalt und hart. Kann ich das auch? Haben meine Kinder mich auch schon so erlebt?
Scheiß … Nein, das ist mir nicht egal. Ganz und gar nicht.
Ich blicke Fiona 2 an. „Gut, kommen wir zum Geschäftlichen.“

 

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Leseprobe: Auf die lesbische Liebe

Auf die lesbische Liebe

Als ich Christine Neunziger einige Wochen nach dem schnittigen Rausschmiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah und ihren Namen rief, schaute sie mich entgeistert an und ging grußlos weiter.
Ich fragte mich damals, wie der Abend verlaufen wäre, wenn ich weder auf das Buch von Violette Leduc angespielt noch mich angeblich absichtlich mit dem Messer geschnitten hätte. Wäre sie bei einem oder zwei Gläsern Champagner aufgetaut? Oder hatte ich mir ihr Interesse nur eingebildet? Sie musste gespürt haben, dass ich sie anhimmelte und hatte mich trotzdem oder sogar deswegen eingeladen.
Genau zehn Jahre nach diesem Vorfall, über den ich schnell hinweggekommen war – kurz darauf machte ich meine erste erotische Erfahrung mit einer Frau, die passenderweise ganz in der Nähe von Christine wohnte –, traf ich sie in einem Optikergeschäft.

„Bonjour Madame Neunziger. Wissen Sie noch, wer ich bin?“, frage ich sie, denn ich bin mir nicht sicher, ob sie mich wiedererkennt.
„Wie könnte ich dich vergessen haben! Waren wir nicht beim Du gelandet?“, antwortet sie und zeigt sich begeistert, als ich erzähle, dass aus mir eine Romanistin und freie Übersetzerin für französische und spanische Literatur geworden sei.
„Das passt zu dir. Französisch hast du ja schon damals geliebt …“
„Nicht nur Französisch …“
Als sie darauf nicht eingeht, frage ich, ob sie immer noch in ihrer Altbauwohnung am Rathenauplatz mit der silbernen Einbauküche und dem scharfen Schnittmesser wohne.
„Zwei Mal Ja! Meine Lebensgefährtin hat sich übrigens mit dem besagten Messer ebenfalls mal in den Finger geschnitten. Allerdings nicht absichtlich.“
„Schade übrigens, dass du mich damals zum Gehen aufgefordert hast.“
„Das habe ich mir später auch gedacht. Aber ich war leider noch nicht so weit. Wenn du magst, lass mal was von dir hören. Ich gebe dir gerne meine Visitenkarte.“

Christine hatte sich optisch kaum verändert. Noch immer türmte sich ihr schwarzes Haar ohne eine einzige graue Strähne auf dem Kopf und sie schien ihre Oberbekleidung weiterhin im Louis-Vuitton-Shop am Domkloster zu kaufen, wo sie auf Nadine hätte treffen können. Auch wenn sowohl sie als auch ich in festen und – zumindest ich – in kundigen Händen waren, hätte es mich gereizt, noch ein einziges Mal die Wohnung zu betreten, die ich damals gegen meinen Willen und mit feuchten Augen verlassen hatte. Ich hätte nicht mit ihr Liebe machen wollen, aber entspannt zu Abend essen – aus Spaß hätte ich Tomaten, Gurken und eine Packung Heftpflaster mitgebracht. Vielleicht hätte sie mir „La Bâtarde“ geschenkt. Das hätte ich getan, wenn ich sie gewesen wäre. Vielleicht hätte sie sich mir nähern wollen und ich hätte gesagt: „Christine, erwarte nicht, dass ich darauf eingehe. Ich küsse dich aber trotzdem und gehe danach nach Hause.“ oder „Du hast mich vor zehn Jahren nicht gewollt. Eine zweite Chance gibt es im Moment nicht. Aber vielleicht sind wir beide in zehn Jahren zufällig gleichzeitig single.“ Und sie hätte gesagt „Worte sind das eine, Taten das andere. Mein Schlafzimmer hast du dir damals nicht angesehen. Das kannst du heute gerne nachholen.“