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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Déjà-vu.
Blauer Himmel. Weiches Gras. Stille, bis auf Vogelgezwitscher.
Das hatte ich doch schon mal. Damals bin ich vor den Schmerzen hierher geflohen.
Und jetzt auch!
Ich setze mich abrupt auf und sehe mich um. Ich liege auf einer Wiese, die übersät ist mit Wildblumen, soweit ich sie einsehen kann. Gesäumt von einem Wald, dessen Dunkel mich anzustarren scheint.
Ich atme tief durch, denn ich erinnere mich jetzt an den Anlass, warum ich hier bin. Nach Stunden des vergeblichen Kampfes, meinen Körper zu verlassen und den Schmerzen zu entkommen, habe ich es endlich geschafft.
Garoan muss sehr mächtig sein. Immer wieder wurde ich in meinen Körper zurückgerissen, bis ich vor Verzweiflung nur noch gebrüllt habe. Vor Verzweiflung und vor Schmerz. Die sieben Schergen des Zauberers verstanden ihr Handwerk sehr gut und wussten genau, wie sie mir fast unerträgliche Schmerzen zufügen konnten, ohne dass ich ohnmächtig wurde.
Als ich die Augen schließe, sehe ich ihre grinsenden Gesichter vor mir und spüre im nächsten Moment den säuregetränkten Stab, der in meinen Armstumpf geschoben wird. Aufschreiend reiße ich die Augen wieder auf. Ich bin blitzschnell schweißgebadet.
Also Wiese. Und bloß nicht einschlafen. Verdammte Scheiße, was ist das denn für ein Zauberer?
Ich erhebe mich langsam. Dabei fällt mir der Spiegel ein. Und Emily. Ich glaube nicht, dass ich verraten werde, wo sich der Zugang zu Augle befindet. Sicher, die Schmerzen, die Garoan als unvergessliches Erlebnis bezeichnet hat, sind tatsächlich noch schlimmer als die aus meiner Erinnerung an die Cuculus. Aber hier, in der Verborgenen Welt, spüre ich sie nicht. Nachdem ich es erst einmal hierhergeschafft habe, bin ich sicher.
Ich schreite langsam über die Wiese. Unter meinen nackten Sohlen spüre ich das weiche Gras und die kitzelnde Berührung von Pusteblumen. In meiner Nähe ein ganzes Feld von Kamillenblüten, deren Duft mich wohlig umhüllt. Es hat was paradiesisch Anmutendes. Zumindest solange ich den Waldrand nicht genauer betrachte. Ich spüre deutlich, dass sich dort etwas verbirgt und auf mich wartet. Mir ist allerdings ein Rätsel, wieso es nicht aus dem Wald herauskommt.
Kann mir nur recht sein.
Plötzlich erinnere ich mich an die Elfe. Daran, wie sie mir beigebracht hat, welche Macht auch ich besitze. In der Verborgenen Welt. Und da die Gefrorene Welt Teil der Verborgenen Welt ist …
Und ich bin ja hier. Bewusst. Weil ich es will. Weil ich es kann.
Ich wende mich dem Wald zu und gehe bis zum Rand der Wiese. Je näher ich komme, umso deutlicher kann ich erkennen, dass zwischen Wiese und Wald eine Grenze verläuft. Sie klingt dunkel.
Klingt? Ich stutze, dann wird mir klar, dass ich die Grenze tatsächlich hören kann. Es ist ein dumpfes, dunkles Geräusch, wie ich es noch nie gehört habe. Dennoch weiß ich, wie gefährlich die Grenze ist und dass ich sie besser nicht berühren sollte.
Ich bleibe so vor ihr stehen, dass meine Zehenspitzen nur wenige Millimeter von dem undurchdringlich dunkelgewordenen Waldrand entfernt sind.
So viel trennt mich also von der Macht des Zauberers. Inmitten seiner grässlichen, schmerzerfüllten Dunkelheit, seines abgrundtiefen Hasses, habe ich mir meine Wiese erschaffen, auf der ich sicher vor ihm bin.
„So sieht es aus, Garoan“, flüstere ich. „Auch deine Macht ist begrenzt.“
Andererseits, auf Dauer könnte es hier ziemlich langweilig werden. Besonders groß ist die Wiese außerdem auch nicht. Vielleicht ist die Absperrung durch den Wald, die sie umgibt, an einer Stelle durchlässig. Ich schlendere an der Grenze entlang und beobachte aufmerksam den Wald. Dabei höre ich ständig das dumpfe, dunkle Geräusch. Auch dann noch, als ich die Wiese einmal umrundet habe, ohne eine Fluchtmöglichkeit entdeckt zu haben. Seufzend trete ich ein paar Schritte zurück.
Was könnte ich mit meiner neugewonnenen Freizeit denn anfangen? Mir fällt wieder ein, wie viel Mühe ich damit hatte, aus meinem Körper zu entkommen. Die Tatsache aber, dass ich es überhaupt geschafft habe, beweist eindeutig, in welchem Maße ich bereits die Grenzen der Gefrorenen Welt überwunden habe. Und das bedeutet, die Illusionen blenden mich nicht mehr.
Es bedeutet aber auch, ich kann die Illusionen verändern.
So wie ich damals mir Kleider an den Leib zaubern konnte.
Ich strecke versuchsweise eine Hand aus und wünsche mir einen Apfel. Doch anscheinend ist dieser Wunsch zu verwegen, oder vielleicht sind Äpfel zensiert im Paradies. Jedenfalls passiert nichts.
Das ärgert mich und fordert mich zugleich heraus. Ich will kein Paradies, in dem Äpfel zensiert werden, bloß weil Gott seine zwei Menschlein nicht im Griff hatte! Außerdem wäre ich dann Eva, und diesen Gedanken finde ich absolut schrecklich. Eva, das Weibchen! Die brave, liebe Frau, die alles tat, was Adam ihr sagte.
Ich nicht!
Ich strecke erneut die Hand aus und will einen Apfel darin haben.
Sofort!
Und es klappt! Erst spüre ich den Apfel nur, aber dann, nach Sekundenbruchteilen, sehe ich ihn auch. Schön rund und rot, könnte glatt von Schneewittchens Stiefmutter sein.
Geht doch.
Ich beiße herzhaft in den Apfel hinein und überlege kauend, wie ich meine neuen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen könnte. Eine Hängematte wäre nicht schlecht. Und da sie nicht im Nichts herumhängen kann, brauche ich mindestens zwei Bäume. Apfelbäume am besten.
Ich starre die Stelle an, an der ich gerne den ersten Apfelbaum hätte, und schon beginnt er, sich zu materialisieren. Erst ist er noch sehr durchsichtig, so, als würde ihn Scottie grad zu mir beamen, aber allmählich verdichtet er sich und wird fest. Schließlich habe ich meinen ersten selbstgezauberten Baum vor mir stehen.
Sogar Äpfel trägt er, jede Menge sogar.
Coole Sache.
Der zweite Baum geht wesentlich schneller. Und die Hängematte bedarf nur noch eines Fingerschnippens.
Schade, dass das nur in der Verborgenen Welt so funktioniert.
Ich lege mich in die Hängematte, esse meinen Apfel und starre den blauen Himmel an. Langweilig ist es immer noch. Vielleicht sollte ich Gott spielen und Adam und Eva erschaffen. Sie dürfen nur nicht übertrieben keusch sein. Es könnte ein ganz interessantes Experiment sein zu beobachten, wie Menschen sich in so einem überschaubaren Ökosystem wie meiner kleinen Wiese entwickeln. Ich sollte das echt mal tun.
Aber wie erschafft man Menschen? Nach meinem Ebenbild?
Oh Gott, nein!
Ich betrachte meine nackten Füße. Irgendwie traue ich mich nicht, wirklich Menschen zu erschaffen. Bäume, Hängematte, okay, die können keinen Schaden anrichten. Aber alles, was ein Gehirn besitzt, kann potentiell seine eigene Welt zerstören. Und das wäre hier fatal.
Aber eine Schlange auch.
Trotzdem ist eine da.
Verdammt!
Ich starre die Schlange an, die sich zischelnd neben der Hängematte aufrichtet. Unmöglich, dass sich bloß aus meinen Gedanken eine Schlange materialisiert hat. Außerdem, ich habe an Menschen gedacht, nicht an Schlangen!
Wo kommt sie aber dann her? War es das mit dem sicheren Paradies?
Die Schlange beobachtet mich, wirkt aber sonst ganz friedlich. Sie will definitiv etwas von mir, bloß was? Ob ich ihr das Sprechen beibringen kann?
„Nicht nötig, das kann ich schon.“
Vor Schreck falle ich auf der anderen Seite aus der Hängematte und springe auf.
„Was zum Teufel …?“
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Du hast es aber geschafft! Habe ich dich erschaffen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz? Was meinst du damit?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Oh mein Gott! Schon wieder ein Déjà-vu! Eine Schlange, die in Rätseln spricht!
„Was willst du dann?“
„Ich soll dir eine Botschaft überbringen. Das habe ich hiermit getan und meine Aufgabe ist erledigt.“ Bevor ich den Mund auch nur öffnen kann, ist die Schlange schon wieder verschwunden. Ich schließe den Mund wieder, denn die öffnende Bewegung konnte ich nicht mehr stoppen.
Eine Botschaft? Von wem? Von Garoan?
Überhaupt, woher könnte der von meiner Begegnung mit der Schlange wissen? Da waren ja nur Katharina, Michael und Nilsson dabei … Wie vom Blitz werde ich von der Erkenntnis getroffen: Natürlich, nur sie waren dabei! Und weil sie nicht in der Lage sind, auf die Wiese zu gelangen, da ich diese ja gegen Eindringlinge geschützt habe, schickten sie die Schlange, eine Erinnerung, die bereits in mir ist.
Das heißt, sie wissen, dass ich in der Verborgenen Welt bin.
Und das wiederum bedeutet, dass sie meinen Körper haben.
Die Botschaft lautet, ich kann wieder in meinen Körper zurückkehren. Klar, deswegen die Schlange! Auch die hat mir damals ja gesagt, dass ich in meinen Körper zurückkehren sollte.
Voll logisch!
Ich werfe einen Blick auf die Hängematte. Ich werde später zurückkommen und weiter üben. Zaubern ist geil.

 

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Leseprobe: Fiona – Beginn

Fiona – Beginn

Filmriss.
„Es war eine lange Nacht.“
Ich kriege fast einen Herzinfarkt. Den Mann, der auf einem Stuhl neben meinem Bett sitzt, kenne ich nicht. Im Dämmerlicht kann ich ihn nur schwer erkennen. Er trägt einen dunklen Anzug und hat eine untersetzte Gestalt.
„Wer … wer sind Sie?“
„Jemand, der dich schon lange beobachtet. Ich kenne dich besser, als irgendjemand sonst. Ich werde dich auch in Zukunft beobachten. Du wirst deinen Weg gehen, den du eingeschlagen hast. Es ist ein guter Weg.“
„Ich weiß immer noch nicht, wer Sie sind.“
„Du wirst es beizeiten erfahren. Hier ist meine Karte, nur für den Notfall. Denk aber gut nach, bevor du Kontakt mit mir aufnimmst.“
Ich ergreife die Visitenkarte, die er mir reicht, kann aber in der Dunkelheit nichts darauf erkennen.
„Können Sie mal Licht machen?“
„Das ist nicht nötig. Du hast viele Verletzungen davongetragen. Es ist wichtig, dass du dich erholst, und dafür musst du dich ausruhen. Schlaf jetzt.“
„Oh ja, schlafen … eine gute Idee. Gute Nacht …“
Die plötzliche Müdigkeit zwingt mich, die Augen zu schließen. Als ich sie wieder öffne, ist es bereits hell. Eine Krankenschwester überprüft meinen Puls.
„Guten Morgen, Miss Carter“, sagt sie freundlich. „Nach zwei Tagen sind Sie endlich wach!“
„Zwei Tage habe ich geschlafen?“, flüstere ich. „Und nichts davon habe ich mitgekriegt … bis auf einen seltsamen Traum.“
„Sie haben tief und fest geschlafen. Ihr Gehirn hat das Erlebte verarbeiten müssen, deswegen haben Sie geträumt. Aber bestimmt haben Sie mehr als einen Traum gehabt. Oft erinnert man sich gar nicht daran, geträumt zu haben.“
„Das ist wahr. Vielleicht ist es ganz gut so. Sind … sind die Kinder alle wohlauf?“
„Ja, das sind sie. Sie sind eine große Heldin, Miss Carter. Seit zwei Tagen gibt es kein anderes Thema in den Medien. Draußen könnten Sie einen Blumenladen aufmachen. Sogar der Präsident hat sich nach Ihnen erkundigt.“
„Welch eine Ehre …“ Ich lehne mich ermattet zurück. „Wie viele Schussverletzungen habe ich eigentlich abgekriegt?“
„Zwei. Aber nichts Ernstes. Sie sind nur völlig erschöpft.“
„Jetzt bin ich zumindest ausgeschlafen, glaube ich. Und hungrig bin ich auch.“
„Das ist ein gutes Zeichen“, lächelt die Schwester. „Ich werde dafür sorgen, dass Sie ein gutes Frühstück bekommen. Oh, das haben Sie wahrscheinlich verloren …“
Sie bückt sich und reicht mir etwas vom Boden. Während sie lächelnd das Zimmer verlässt, starre ich erschrocken die Visitenkarte an:

Drol Wayne
Rechtsanwalt

 

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