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Leseprobe: Fiona – Beginn

Fiona – Beginn

Ich fühle mich müde. Von meinen Eltern unbemerkt habe ich mich ins Haus geschlichen und setze mich auf die Fensterbank. Der Garten wirkt verlassen. In wenigen Stunden wird die Sonne ganz untergegangen sein. Im Hintergrund spielt Musik, Supergirl …
… and supergirls don´t cry.
Wie gern wäre ich jetzt das Supergirl von jemandem. All die vielen Männer, all die vielen Affären, sie verlieren in diesem Augenblick die Bedeutung. Bedeutung, die sie sowieso nie gehabt haben. Ben? Oh nein, Ben ist ein netter Junge, aber nicht das Richtige für mich. Zu langweilig, zu spießig, zu farblos. Vielleicht wäre es sogar ganz nett mit ihm im Bett – die ersten Male. Aber bald würden wir anfangen, uns immer öfter zu streiten. Er hat gern festen Boden unter den Füßen, aber ich bin ein Supergirl, und Supergirls müssen fliegen.
Supergirls lassen sich auch nicht einfach sagen, sie sollen nach Hause gehen und das Puppenhaus hüten. Das war es sinngemäß, was Jack Siever uns mitteilte, als wir ins Präsidium zurückkamen.
„Ich habe schlechte Nachrichten“, empfing er uns, nachdem er uns ausrichten ließ, dass er uns in seinem Büro sehen wollte. „Der Polizeipräsident ist gar nicht erbaut über eure Aktivitäten und möchte, dass Fiona nach Hause geht. Meinen Hinweis auf das Gesetz schmetterte er mit dem Argument ab, dass das Gesetz für Männer gemacht wurde, die eine Waffe richtig anpacken können.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
„Das habe ich überhört“, sagt Siever trocken. „Sorry, aber ich kann seine Anordnung nicht einfach ignorieren …“
„Aber ich kann das!“, erwidere ich heftig. „Okay, ich werde ihn davon überzeugen, dass er die Dinge falsch bewertet. Komme gleich wieder!“
„Fiona! Wo willst du denn hin, verdammt?“
Ich beachte Laura nicht. Das Büro des Präsidenten befindet sich in der obersten Etage. Schon auf dem Korridor merkt man, dass hier nicht die kleinen Fische arbeiten. Meine Schuhe gleiten durch den hochwertigen Teppich, schwere Holztüren führen in das Allerheiligste. Besser gesagt, in den Vorhof davon, zu der Sekretärin.
Sie schaut mich über ihren Brillenrand hinweg fragend an. „Wo möchten Sie hin? Ich vermute, dass Sie sich verirrt haben.“
Ich deute auf eine verschlossene, dunkle Tür. „Ist dort das Büro des Polizeipräsidenten?“
Die Sekretärin nickt.
„Dann bin ich goldrichtig. Ist er da?“
„Ja, aber er hat eine Besprechung … hey, da können Sie nicht rein!“
Als sie versucht, sich mir in den Weg zu stellen, schiebe ich sie mit sanfter Gewalt zur Seite. Danach holt sie mich erst wieder ein, als ich schon die Tür aufgerissen habe.
„Es tut mir leid, aber sie wurde gewalttätig …“
Der Polizeipräsident schaut hoch. Sein Blick durchbohrt mich, dann gleitet er an mir herunter. Seufzend wendet er sich an die beiden Männer in dunkelgrauen Anzügen.
„Es tut mir leid, meine Herren, wir müssen die Fortsetzung unseres Gesprächs vertagen. Sandra, schon gut. Ich kenne die junge Dame. Sie kann sehr nachdrücklich sein. Holen Sie ihr bitte einen Kaffee.“
Sandra geht mit einem irritierten Blick auf mich aus dem Büro. Auch die beiden Herren machen einen erstaunten Gesichtsausdruck, gehorchen aber widerspruchslos. Als die Tür hinter ihnen zugeht, wende ich mich an den Mann hinter dem großen Schreibtisch.
„Hast du wirklich gesagt, das Gesetz wäre für Männer, die eine Waffe richtig anpacken können?“, erkundige ich mich mit einem süßen Lächeln.
„Diesen Gesichtsausdruck mag ich nicht sonderlich, Fiona. Davon abgesehen, habe ich so was angedeutet.“
„Du bist ein elender Chauvinist!“
Seufzend erhebt er sich und kommt zu mir. „Es ziemt sich nicht, so mit deinem Onkel zu reden.“
Die Tür geht auf und Sandra bringt den Kaffee. Sie zieht die Augenbrauen hoch, als sie uns so nah beieinander sieht, enthält sich aber eines Kommentars. Sie ist schon fast wieder draußen, als Steve Connor bemerkt: „Ach, übrigens, ich glaube Sie kennen Fiona Carter, meine Nichte, noch nicht. Fiona ist etwas empört darüber, dass ich sie aus dem Fall rausziehen will.“
„Oh … mir scheint, sie ist genauso ein Sturkopf wie Sie, Steve.“
Steve Connor lacht verhalten. „Oh nein, sie ist viel schlimmer. Sturköpfig und absolut respektlos sind ihre Hauptattribute. Wahrscheinlich liegt sie mir auch deswegen so am Herzen.“
„Wahrscheinlich“, erwidert Sandra und geht raus.
„Du irrst dich“, sage ich leise. „Ich bin nicht etwas empört, ich bin stinkesauer!“
„Es ist gefährlich. Du hast keine Ausbildung …“
„Stopp! Wer hat die Ermittlungen überhaupt so weit gebracht? Das war ja wohl ich!“
„Früher oder später wären wir auch ohne dich zu diesen Erkenntnissen gelangt.“
„Hach! Blödsinn!“
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Lenk nicht ab!“
„Kaffeetrinken ist so was wie eine Zeremonie, ähnlich der, wenn bei den Naturvölkern Amerikas die Friedenspfeife geraucht wurde. Also, Fiona, bitte setz dich und trink einen Kaffee mit mir. Ich würde gern mit dir wie mit einer Erwachsenen reden. Du bist doch eine Erwachsene?“
„Natürlich“, erwidere ich mürrisch.
„Also, setz dich bitte. Und erzähl mir, warum ich dich weiter im Team lassen sollte? Eine dreiundzwanzigjährige Zivilistin, die eigentlich Trainee im Unternehmen ihres Vaters ist.“
„Weil ich umgebracht werden soll. Wenn ich bei den Ermittlungen mitarbeite, habe ich automatisch auch Schutz.“
„Schutz können wir dir auch so gewähren.“
„Laut Siever nicht, weil er nicht genug Leute für eine solche Rundumbewachung hat. Und ich dabei auch nicht mitspielen würde. Wie dem auch sei, was hast du eigentlich dagegen?“
„Erstens ist es viel zu gefährlich, zweitens förderst du auch nicht gerade unseren guten Ruf, wenn du in diesem Aufzug für die Polizei deine Haut zur Schau trägst.“
„Ich bin durchaus in der Lage, auf mich aufzupassen. Das habe ich ja wohl bewiesen. Lies den Bericht von Laura und Ben. Was die Kleidung anbelangt, daran lässt sich ja etwas ändern. Onkel Steve, lass mich bitte dabei bleiben. Ich verspreche, dass ich mich nicht mehr daneben benehmen werde! Oder soll ich vor dir auf die Knie fallen?“
„Wenn du das tust, lasse ich dich verhaften. Wie ernst ist dein Versprechen?“
„Sehr ernst.“
„Also schön, ich lasse es auf einen Versuch ankommen. Aber für heute hast du genug. Ich will dich hier frühestens morgen wiedersehen, und zwar ausgeschlafen und vernünftig angezogen. Am besten nimmst du dir zum Einschlafen ein Verhaltensbuch mit. Darin sind nämlich auch einige der wichtigsten Rechtsvorschriften, die Polizisten beachten müssen, aufgeführt. Ist das klar?“
„Ja, Onkel Steve, sonnenklar. Du wirst mich nicht wiedererkennen.“
„Übertreibe nicht. Und jetzt verzieh dich, ich muss arbeiten!“
„Danke! Sagst du Siever Bescheid?“
„Ja, mache ich. Raus jetzt!“
In der Tür bleibe ich zögernd stehen und drehe mich um.
„Du bist ja immer noch da!“ Steve mustert mich nachdenklich.
„Ich fände es schön, wenn du Mama wegen Norman anrufen würdest“, sage ich leise.
Steve atmet tief durch. „Ja, es tut mir leid. Ich werde es tun, OK?“
Ich nicke und verlasse das Büro.
Unten angekommen, brauche ich nicht zu fragen. Laura und Ben sind beim Lieutenant im Büro, und alle drei starren mich an, als ich eintrete.
„Was hast du gemacht?“, fragt Siever ungläubig. „Ich hoffe, du hast ihm nicht einen geblasen!“
Ich registriere das vertrauliche Du nur am Rande. „Das wäre ja Inzest! Steve Connor ist mein Onkel.“
„Ups“, sagt Laura.
„Das wusste ich nicht“, so Siever.
„Es wird ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Bis jetzt hatte ich mit meinem Onkel ja auch nur privat zu tun. Übrigens hat er mich nicht im Team gelassen, weil wir verwandt sind, sondern weil ich sachliche Argumente hatte, die ihn überzeugt haben. Bringt mich jemand nach Hause?“
Ben nickt. „Ich mache das. Bin gleich zurück.“
„Hey, Fiona“, sagt Siever, als ich schon fast durch die Tür gegangen bin. „Ist das Du in Ordnung?“
„Sicher, Jack.“
„Fein. Übrigens, du hast gute Arbeit geleistet. Nicht unbedingt immer hundertprozentig konform mit der Legalität, aber gute Arbeit.“
„Danke. Das erinnert mich daran, dass mein Onkel mir aufgetragen hat, einen Verhaltensleitfaden nach Hause mitzunehmen. Habt ihr einen?“
Ich bekomme einen. Zu Hause wandert er erst einmal in die Ecke, Ich hole mir Wein und setze mich auf die Fensterbank.
Schließlich gehe ich duschen. Braves Mädchen, das ich nun mal bin, ziehe ich mich nach dem Duschen polizeigerecht an: Jeans und weißes Hemd. Gut, die Jeans sind recht eng und elastisch, aber keineswegs irgendwie frivol oder gar obszön. Niemand wird gezwungen, mir auf den Schritt oder den Hintern zu starren.

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben (Band 5)

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.

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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Mohk sieht aus wie immer. Die Haare strubbelig, die Augen wachsam. Asman steht schon bereit für mich. Vor Mohk liegen einige Bücher.
„Wie hast du geschlafen, Ringträgerin?“
„Soll ich dich in eine Kröte verwandeln? Wieso nennst du mich Ringträgerin?“
„Könntest du das denn?“, erkundigt sich Mohk amüsiert.
„Wenn ich mich anstrenge, bestimmt!“
„Nun denn. Das würde mich interessieren, ob du das schaffst. Ich fürchte nur, sich anzustrengen ist nicht genug.“
„Aha. Du wolltest mir ja erzählen, was Magie ist, vielleicht weiß ich danach, was ich tun muss, damit du quakend durch die Welt hüpfst!“
„Genau. Oder auch nicht. Ich fürchte, das Wissen aus den alten Büchern ist zwar interessant, aber keine Anleitung.“
„Warum sitze ich dann hier?“
„Um Asman zu trinken. Außerdem kann es ja sein, dass du etwas mit dem anfangen kannst, was für mich kaum Sinn ergibt.“
„Dann erzähl mal.“
„Am Anfang war Elixa …“
„Mohk!“
„Wirklich! Elixa spielt eine wichtige Rolle dabei, was nicht verwunderlich ist.“
„Wieso nicht?“
„Weil es ja immerhin darum geht, dass mit Magie Dinge möglich sind, die eigentlich nicht möglich sind. Sand kann sich eigentlich nicht zur Menschengestalt formen und kämpfen. Richtig?“
„Richtig.“
„Magie bedeutet also, Dinge geschehen zu lassen, die eigentlich den uns bekannten Naturgesetzen widersprechen. Und da die Naturgesetze von Elixa festgelegt wurden, ist es naheliegend, dass sie diese auch aufheben kann.“
„Ist gut. Verstehe ich. Und wie macht sie das?“
Mohk zuckt die Achseln. „Wie soll ein Mensch Elixa verstehen können? Ich habe aber verschiedene Legenden gefunden dazu, die zwar unterschiedlich sind, aber einen gemeinsamen Teil haben. Ich denke, der Rest ist Ausschmückung durch den jeweiligen Chronisten. Interessant könnte der gemeinsame Teil sein, denn hier kommen wieder die Zeitmacher ins Spiel.“
„Die scheinen irgendwie wichtig zu sein.“
„Das sind sie auf jeden Fall“, sagt Mohk und nickt. „Denk allein an die Helldunkelwechsel, an die Nums, an die Zeit.“
„Du glaubst daran, dass das passiert, weil die Steine hin und hertragen?“, frage ich entgeistert.
„Du nicht? Welche Erklärung hast du denn für die Gongschläge? Die überall gleich laut sind.“
„Gar keine. Aber das mit den Zeitmachern …“
„Immerhin stammen die Zauberer von den Zeitmachern ab. Vielleicht auch du. Was starrst du mich so an? Der Gedanke ist doch naheliegend, oder?“
Er hat recht, denn wenn ich auch Magie kann, und davon scheinen die Zauberer auszugehen, dann wäre auch ich eine Nachfahre der Zeitmacher, sofern die ganzen Geschichten überhaupt wahr sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es keinem Naturgesetz zu entsprechen scheint, dass Tee innerhalb von Augenblicke fertig ist, nachdem er in eine Tasse gefüllt wurde – als Pulver. Von unsichtbaren Palästen ganz zu schweigen. Oder von riesigen Muonen. Doch, der Gedanke, dass ich etwas mit den Zeitmachern zu tun haben könnte, ist sehr naheliegend.
„Also gut, und was hat nun Elixa damit zu tun? Oder wie?“
„Der Legende nach hat Elixa, als sie die Welt aus einem Samenkorn entstehen ließ, eine Handvoll Blütenstaub genommen und in die wachsende Welt hinein gepustet. Der Blütenstaub hat sich dann verteilt, allerdings ganz fein, denn eine Handvoll für eine ganze Welt ist ja nicht viel. Doch es gab einige Menschen, welche den Blütenstaub aufgenommen haben. Aus ihnen wurden die Zeitmacher. Und sie geben den Blütenstaub auch an ihre Nachkommen weiter. Dieser Blütenstaub ist es, der Zauberern ihre Kräfte verleiht.“
„Ich trage Blütenstaub in mir?“, frage ich entgeistert.
„Möglicherweise.“ Mohk nickt belustigt. „Es ist die Legende dazu. Wenn ich ehrlich bin, ist diese Erklärung genauso wahrscheinlich wie jede andere, die wir gar nicht kennen.“
„Vielleicht wissen wir einfach nur viel zu wenig über die Welt und verstehen darum vieles nicht.“
„Das mag sein. Wie dem auch sei, die Zauberer können Dinge auf eine Art und Weise verändern, wie andere Menschen es nicht können. Nimm Eisen. Eisen wird in den Minen abgebaut und in der Hitze zu Schwertern oder Scharnieren geformt. Der Schmied braucht das Feuer und seine Körperkraft dazu. Ein Zauberer nur seinen Willen.“
„Ein Zauberer kann Schwerter schmieden? Einfach so?“
„Das war nur eine Metapher. Aber im Grundsatz ist das so mit der Zauberei. Denk an die Sandmenschen. Zauberer können mit der Kraft ihrer Gedanken dem Sand befehlen, etwas zu tun, was er sonst nicht tut. Oder sie öffnen Türe, ohne sie zu berühren.“
„Sie öffnen Türen?“
Mohk nickt erneut. „Es gibt unzählige Berichte von früher darüber, dass Zauberer Gegenstände mit der Kraft ihres Geistes bewegen können. Und eine Tür zu öffnen ist doch auch nichts anderes, als sie zu bewegen.“
„Das ist wahr.“ Ich sehe die Tür zu seinem Arbeitszimmer an, die ich hinter mir geschlossen habe, als ich hereinkam. Eigentlich sollte ich sie doch auch öffnen können. Aber wie geht das? Was muss ich tun, damit Dinge sich bewegen, wenn ich das will?
„Du musst dich mehr anstrengen“, sagt Mohk, und ich höre, dass er grinst.
Ich ignoriere seine Unverschämtheit und denke nach. Den Ring muss ich doch auch nicht so anstarren. Und meine Kräfte habe ich sofort gehabt, nachdem ich den Ring über den Finger gestreift hatte. Bevor ich in der Dunkelheit sehe, muss ich nicht erst darüber nachdenken, dass ich in der Dunkelheit sehen will. Ich tue es einfach.
Tür, öffne dich einfach.
Tür? Wieso öffnest du dich nicht?
Hm. Das ist natürlich Blödsinn. Ich tue es ja nicht selbst, sondern befehle der Tür, etwas zu tun. Kann ja so nicht klappen. Ich muss etwas tun, nämlich die Tür öffnen. Aber eben nicht mit den Händen, sondern mit meinem Willen.
Jetzt ist die Tür geschlossen, aber ich will, dass sie offen ist. Ich will nicht, dass sie sich öffnet. Ich will, dass sie offen ist.
Ich will, dass sie offen ist.
Ohne dass die Klinke sich bewegt, schwingt die Tür knarrend auf.
Oh!
Ich sehe Mohk an, dessen völlig entgeisterter Gesichtsausdruck verrät, dass er damit nicht gerechnet hat.
„Du solltest mich lieber nicht mehr ärgern“, stelle ich dann lächelnd fest.
„Wie … wie hast du das denn gemacht?“
„Ich trage wohl wirklich Blütenstaub in mir“, erwidere ich. „Du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Warte mal, vielleicht war es ja nur ein Zufall.“ Ich mache eine Bewegung mit der Hand, als wollte ich die Tür schließen, und sie fällt mit einem Knall zu. „Gut, dass ist dann wohl kein Zufall mehr. Ich bin begeistert. Mohk, bitte erzähle niemandem davon. Versprichst du mir das?“
Er nickt stumm.
„Gut. Ich suche dann meine Leute und wir werden aufbrechen.“
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Ich glaube, deine magischen Kräfte, die du gerade entdeckt hast, werden dir hilfreich beim Überleben sein.“
„Das glaube ich allerdings auch.“
Ich umarme Mohk kurz, dann gehe ich auf die Tür. Und weil es Spaß macht, öffne ich sie mit Willenskraft. Zum Glück stehen in diesem Teil des Schlosses nicht vor jeder Tür Wachen, nur vor dem königlichen Arbeitszimmer, wenn dort jemand drin ist. Wie beispielsweise jetzt. Aber sie sehen nicht in meine Richtung, also schließe ich die Tür wieder mit Willenskraft.
Die Tür, die mich zu Askan führt, brauche ich auch nicht zu berühren, aber das liegt daran, dass die Wachen sie mir öffnen und hinter mir auch zumachen.
Askan unterhält sich mit Bato und Gaskama.
„Du bist ja noch da“, sagt Gaskama.
„Nicht mehr lange. Ich wollte mich nur verabschieden.“
Askan sieht mich seltsam an.
„Ich habe mit Mohk gerade die Zauberei geübt.“
„Die Zauberei geübt?“, wiederholt Askan. „Ich habe dich noch nie zaubern sehen.“
„Das liegt daran, dass ich gar nicht wusste, was ich alles kann.“
„Was kannst du denn?“
Ich blicke kurz zur Tür und beschließe, sie in Ruhe zu lassen. Eine sich von selbst öffnende und schließende Tür würde die Wachen nur unnötig aufregen. Also suche ich etwas Anderes. So ein Weinkelch, vor allem, wenn noch Wein drin ist, auf den ich plötzlich Durst habe, ist sehr gut geeignet, finde ich. Ich strecke also meine Hand aus und muss mich beeilen, die Finger um den Stiel zu schließen, bevor der Kelch noch nach unten fällt, so schnell ist er da. Ich glaube, ich sollte das Zaubern wirklich üben.
Ich trinke den Wein, während die anderen mich fassungslos anstarren.
„Ich finde diese Zauberei inzwischen ganz hilfreich“, erkläre ich dann.
„Ja, du wirst nicht mehr verdursten“, stellt Gaskama fest.
„Ach, bist du lustig. So, und jetzt verabschiede ich mich wirklich. Sobald ich den Kopf von Barka habe, komme ich zu euch.“
„Köpfe ihn aus der Ferne. Jetzt kannst du es ja.“ Ich sehe Askan an, dann stelle ich mich auf die Fußspitzen, packe seinen Kopf und küsse ihn wild. Gaskama und Bato bekommen nur eine Umarmung.