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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (8)

Fiona - Beginn 2.0

Ich starre den Zettel an. Charles Brodwich heißt der Besitzer des Geländewagens, mit dem Norman getötet wurde. Der Name sagt mir gar nichts, aber das ist kein Wunder. Skyline ist eine Millionenmetropole, ich kann nicht alle Einwohner kennen. Klar, zufällig hätte ich ihn kennen können.
Ich hebe den Blick und schaue auf das Meer hinaus. Die Bäume an der Mauer entlang, die den Parkplatz vom Ufer abgrenzt, spenden etwas Schatten. Die grantige Kante schneidet in meine Oberschenkel, wie mir plötzlich bewusst wird, also stelle ich die Füße auf die Mauer und stütze das Kinn auf die Knie. Meine Beine sind nass vor Schweiß und jetzt auch mein Top.
Und nun, du Schlaukopf? Fährst du zu dem Kerl hin und fragst ihn, ob er deinen Bruder totgefahren hat? Und wenn er Ja sagt? Schlägst ihn dann tot?
Das könnte ich, erwidere ich mir mürrisch.
Vielleicht. Du hast ja keine Ahnung, wer oder was er ist. Möglicherweise kann er auch Karate. Oder ist bewaffnet. Oder …
Halt die Klappe!
Ich blicke mich um. Nachdem ich von James den Namen bekommen habe, bin ich wieder zurück an die Küste gefahren und habe mir einen schattigen Parkplatz gesucht. Was gar nicht so einfach war, halb Skyline ist hier. Kein Wunder. Samstag, Nachmittag und heiß. Die Eisdielen sind überfüllt, die Strände auch. Auf dem mit Gras bewachsenen Küstenstreifen zu meinen Füßen liegt niemand. Zu steil und außerdem für Badende gesperrt.
Oh Mann. Gestern klang das noch so einfach. Finde ihn. Töte ihn.
Gefunden habe ich ihn ja. Fast. Er steht im Telefonbuch, also kenne ich auch seine Adresse. Er wohnt in South Village. Nicht gerade der beste Bezirk. Das ist auch so eine Sache. Will ich wirklich dorthin? Egal, wie gut ich kämpfen kann, die Jungs dort sind eine eigene Liga. Nicht selten mit Schusswaffen im Hosenbund.
Aber er hat Norman getötet. Mit Absicht. Dessen bin ich mir inzwischen ganz sicher. Er ist mehrmals über ihn hergefahren. Das war kein Unfall. Und auch das Verhalten von Savage ist zumindest eigenartig. Dass er unter Schock steht, ist das Eine. Dass er mir das Kennzeichen gibt, das Andere. Ich habe seinem Blick angesehen: Töte ihn. Da war der Befehl wieder.
Scheiße.
Okay, denk nach. Was hast du zu verlieren?
Die Freiheit? Oder das Leben?
Mal ehrlich, findest du dieses Leben wirklich so toll?
Es gibt auch schöne Momente!
Und ich unterhalte mich in Gedanken schon wieder mit mir, als wären da zwei Fionas in mir. Eine vernünftige und eine wilde. Wobei ich mir gerade nicht sicher bin, wer welche ist.
Ich lege mich mit dem Rücken in Längsrichtung auf die Mauer und zünde mir eine Zigarette an. Zwischen den Blättern hindurch erkenne ich den gleißend blauen Himmel. Und den weißen Kondensstreifen eines Flugzeugs. Er fliegt hoch, ist weder jetzt gestartet noch im Landeanflug. Aber es gibt ja auch in anderen Städten Flughäfen, nicht nur in Skyline.
Okay, jetzt mal zurück zu meinem Problem. Ich habe ein Kennzeichen, einen Namen und eine Adresse. Der Mann, dem das alles gehört, hat möglicherweise meinen Bruder getötet, und wenn, dann vermutlich mit Absicht. Ich weiß nicht, ob er das war. Er könnte sein Auto ja auch verliehen haben.
Nehmen wir einmal an, ich finde irgendwie heraus, dass er es tatsächlich war.
Was zum Teufel mache ich dann? Bin ich tatsächlich in der Lage, ihn zu töten? Gesetzt den Fall, ich kann es, so rein technisch gesehen. Er könnte schließlich ein Gangster sein. Bei seiner Wohngegend nicht ausgeschlossen. Oder irgend so ein Schlägertyp. Okay, dann werde ich mit ihm fertig. Im Nahkampf nehme ich es mit den meisten Männern auf, das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin schnell und treffe sehr genau.
Und ich weiß, wie man einen Menschen mit den bloßen Händen töten kann. Aber ich bin keine Mörderin. Ich habe noch nie einen Menschen getötet. Verletzt, okay, aber nur, um jemanden oder mich zu beschützen.
Er hat Norman getötet.
Ist zweimal über ihn drüber gefahren.
Er. Hat. Meinen. Bruder. Getötet.
„Was machen Sie da?“
Ich zucke zusammen, dann starre ich den Polizisten an, der neben der Mauer steht und mich beobachtet.
„Ich … ich rauche.“
„Was?“
„Eine Zigarette?“
„Geben Sie mal her!“
Ich reiche ihm den Rest meiner Kippe. Er riecht daran, dann gibt er sie mir zurück.
„Okay. Ich möchte Sie bitten, von der Mauer runterzukommen.“
Ich denke kurz darüber nach, ihn zu fragen, was er dagegen hat, dass ich die Mauer bewache, aber schließlich entscheide ich mich dagegen. Im Moment möchte ich bei der Polizei lieber nicht unangenehm auffallen.
Also nicke ich, setze mich auf und springe auf den Boden.
„Was haben Sie da überhaupt gemacht?“ Er klingt freundlicher als gerade eben noch.
„Keine Ahnung. Habe es zu Hause nicht ausgehalten.“
„Streit mit dem Freund?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Mit meinem Vater. Außerdem wurde mein Bruder gestern getötet.“
„Das tut mir leid“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Dieser Junge, der vom Geländewagen …?“
Ich nicke langsam.
„Eine traurige Sache. Mein herzliches Beileid.“
„Danke.“
„Sie sollten nicht hier alleine sein. Es gibt doch bestimmt jemanden, zu dem Sie gehen können.“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber jetzt bin ich lieber allein. Oder ist das verboten?“
Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht besser wäre. Aber es ist Ihre Sache, natürlich.“
„Danke. Ich fahre dann mal.“
Zum Glück fragt er nicht, wohin. Besser so, sonst müsste ich ihn anlügen. Er würde mich wohl kaum gehen lassen, wenn ich ihm sage, dass ich jemanden töten will. Unabhängig davon, dass ich mir dessen gerade gar nicht so sicher bin. Aber auch das möchte ich ihm nicht sagen. Niemandem eigentlich. Nicht einmal mir.
Ach, verdammte Scheiße.
Ich steige in mein Auto ein, drücke im Aschenbecher die kümmerlichen Reste der Zigarette aus, zünde eine neue an und fahre los, alles streng überwacht vom Polizisten. Warum eigentlich? Denkt er ernsthaft, ich wollte mich von den Klippen stürzen? Zwei Meter? Oder wie? Oder ins Wasser gehen? Oder mit einem Kopfsprung von der Mauer ins Meer springen? Ich meine, die zwei Meter schafft ja sogar ein Kleinkind problemlos.
Nur, wohin jetzt?
Erst einmal fahre ich Richtung South Village und halte auf dem Parkplatz vor einer Bar. Eigentlich ist die Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und der Asphalt ist heiß. Die Luft darüber flimmert.
In der Bar läuft die Klimaanlage, es ist fast kalt. Aber nur fast.
Ich setze mich auf einen Barhocker und mustere den Barkeeper, einen jungen, rotblonden Kerl, der interessiert zurückmustert. Mir wird bewusst, dass ich suboptimal angezogen bin für diese Gegend. Hier bin ich keine Rebellin, sondern eine Nutte in diesem Aufzug.
Scheiß drauf, ist jetzt auch egal.
„Zu heiß zum Arbeiten?“, fragt der Rotblonde grinsend.
„Sind wir irgendwie verwandt?“
„Nein, ich glaube nicht. Wieso?“ Er wirkt erstaunt.
„Warum quatscht du mich dann blöd an? Gib mir einen Scotch und lass mich in Ruhe, okay?“
Für einen Augenblick sieht er aus, als würde er gleich etwas ganz Anderes tun. Die wenigen Gäste der Bar amüsieren sich anscheinend bestens. Schließlich grinst der Rotblonde wieder, diesmal etwas gezwungen.
Und er gibt mir meinen Drink, ohne ein weiteres Wort.
Ich trinke das Glas in einem Zug leer und schiebe es ihm hin. Wortlos füllt er es nach und schiebt es vor mich. Diesmal warte ich mit dem Trinken.
Von hier aus würde ich keine fünf Minuten zu Brodwich brauchen. Und ich hasse es, wenn ich so unentschlossen bin. Obwohl, unentschlossen bin ich gar nicht. Ich habe nur Angst. Vor was eigentlich?
Davor, selber getötet zu werden? Klar, wenn er meinen Bruder ermordet hat, dürfte er kein Problem damit haben, mich auch zu beseitigen. Dass er niemand ist, der viel nachdenkt, ist offensichtlich. Würde Savage nicht so hartnäckig schweigen, hätte die Polizei ihn schon längst geholt. Natürlich nur, wenn er auf sie wartete. Was nicht sicher ist. Kann sein, dass er schon abgehauen ist. Dann mache ich mir völlig überflüssigerweise Gedanken.
Oder er ist wirklich ein Vollidiot ohne Skrupel. In dem Fall sollte ich wirklich Angst haben. Solche Leute sind gefährlich. Sie denken nicht darüber nach, welche Folgen ihr Handeln hat, weil es ihnen vollkommen egal ist. Ich muss das wissen, solche Anwandlungen habe ich auch.
Wenn er auf mich losginge, könnte ich mich dagegen wehren? Frei von jeder Skrupel? Nicht die Schläge abbremsen wie beim Training, sondern alles voll durchziehen?
Ich trinke mein Glas leer und schiebe es wieder in Richtung des Rotblonden.
„Bist du sicher?“, fragt er.
„Ich glaube das einfach nicht. Wenn wir nicht miteinander verwandt sind, kannst du nicht mein Vater sein. Oder habe ich gerade Halluzinationen?“
Einige in der Nähe grinsen, aber er findet es nicht witzig.
„Hör zu, geh lieber, bevor ich meine Geduld verliere. Hast du überhaupt Geld?“
Ich krame in meiner Hosentasche und lege einen Haufen zerknüllter Geldscheine auf die Theke.
„Reicht das?“ Es sind, grob geschätzt, dreihundert Newoper Dollar.
Er nimmt einen Zehner, legt stattdessen das Wechselgeld hin und sagt: „Jetzt hau ab.“
Die Gäste beobachten mich neugierig. Ich sollte ihm die Zähne ausschlagen, und kurz denke ich sogar ernsthaft darüber nach. Doch dann siegt die vernünftige Fiona.
Erstens hast du noch nie jemanden verprügelt, der dich nicht angegriffen hat. Bloß weil er blöd ist, kannst du ihn nicht schlagen. Dann müsstest du ja fast jeden Menschen durchprügeln.
Zweitens könntest ja mal an jemanden geraten, der besser ist als du.
Na ja, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und das weißt du auch.
Ja ja, du eingebildete Idiotin. Okay, und drittens ruft jemand die Polizei und das war es mit deinem Rachefeldzug.
Okay, das ist ein Argument.
Ich nehme mein Geld und stopfe es wieder in meine Hosentasche. Nach einem Ich-könnte-dich-töten-aber-du-hast-nochmal-Glück-gehabt-Blick auf den Jungen verlasse ich die Bar und bleibe draußen stehen.
Und jetzt?
Ich spüre, dass ich jetzt wütend bin. Irgendjemand muss leiden. Wer ist dafür besser geeignet als Brodwich? Niemand.
Ich lasse mein Auto stehen und gehe zu Fuß. Nach Möglichkeit im Schatten.
Die Adresse, die ich gefunden habe, ist ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Passt ja echt gut, hier werde ich Blumen für seinen Grab bestellen.
Die Tür ist nicht ganz zu, ich betrete den muffigen Hausflur. Einen Aufzug gibt es, aber ich nehme lieber die Treppe. Außerdem muss ich eh nur eine Etage höher.
Hier gibt es vier Wohnungen, an einer steht Brodwich. Kein Vorname. Irgendwie hingekritzelt, das spricht für meine Nicht-sehr-intelligent-Theorie.
Ich atme tief durch, dann drücke ich die Klingel und trete sicherheitshalber auch noch ein paarmal gegen die Tür.
Danach passiert – erst einmal gar nichts.
Verdammt!
Ich wiederhole die Prozedur. Nach ein paar Sekunden wird die Tür nebenan aufgerissen und eine Frau, grob geschätzt Ende 50, starrt mich aufgebracht an.
„Was soll das?!“
„Ist er da?“
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Was willst du denn von ihm? Sonst bestellt er doch seine Nutten auch nicht tagsüber her.“
Schon wieder werde ich für eine Hure gehalten. Das sollte mir zu denken geben. Es kann doch unmöglich nur an der Kleidung liegen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass Nutten in solche Stiefeletten herumlaufen. Okay, die ziemlich kurzen Jeans und das Top passen vielleicht. Trotzdem, aus der Zeit mit Greg weiß ich, dass ich keine typische Arbeitskleidung einer Prostituierten trage.
„Ich will nur mit ihm sprechen“, erwidere ich. „Bin keine Hure.“
„Ja, klar. Dann versuchs mal im ‚Derek‘, um die Zeit ist er oft da.“ Und knallt die Tür zu.
Na toll. Und jetzt?
Ich gehe nach draußen und setze mich auf die Bordsteinkante. Dann wird mir bewusst, wie das aussieht, und ich stehe wieder auf. Nach kurzem Zögern gehe ich einfach los. Da ich von links gekommen bin, gehe ich nach rechts.
Wenn ich „Derek“, vermutlich eine Kneipe, innerhalb der nächsten Viertelstunde finde, dann gehe ich hinein. Was ich dann mache, weiß ich zwar noch nicht, aber das sehe ich ja dann.
Und wenn ich es nicht finde, gehe ich zurück zum Auto, fahre nach Hause, schnappe mir meinen besten Freund Johnny und betrinke mich, egal, was mein Vater davon hält.
Und gebe der Polizei das Kennzeichen.
Vielleicht auch andersherum. Obwohl, vielleicht komme ich ins Gefängnis, für das Vorenthalten von Informationen. Ich sollte mich zuerst besaufen und dann …
„Derek“.
Ist tatsächlich eine Kneipe.
Aus den gekippten Fenstern dringt der typische Lärm. Voll scheint es nicht zu sein, aber es sind schon einige Leute drin.
Ich blicke mich um. In der Hitze niemand auf der Straße, von einer dämlichen Blondine mal abgesehen.
Es sieht nicht sehr einladend aus. Ob ich gleich da liegen werde, verprügelt oder gar totgeschlagen? Oder nackt und vergewaltigt?
Puh.
Ich atme tief durch, dann betrete ich die Höhle des Löwen.
Drinnen ist es angenehm kühl. Sieht sauber aus, aber es stinkt nach Alkohol und Tabak. Hauptsächlich nach Zigaretten, aber auch Zigarrengestank ist dabei.
Ich zähle schnell die Leute. Neun, einschließlich des vierschrötigen Barkeepers. Alle sehen irgendwie gefährlich aus. Nicht wie diese jugendlichen Gangmitglieder, mit denen ich herumhing, als ich mit Greg zusammen war. Schon die wären unangenehm. Aber diese Kerle hier sind es gewohnt, dass es auch mal Tote gibt.
Ich bin wahnsinnig, aber so richtig.
Alle Augen richten sich auf mich, während ich zur Bar gehe. Vermutlich passe ich hier hinein wie ein Eisbär in eine Bar auf Hawaii. Oder so ähnlich. Wie komme ich grad auf einen so bescheuerten Vergleich?
Ich rutsche auf einen Hocker, neben einem rotblonden Kerl, der mich aus braunen Augen amüsiert ansieht. Seine muskulösen Unterarme sind tätowiert.
„Hast du dich verirrt?“, erkundigt er sich.
„Wenn ich mir dich so ansehe, dann ja“, erwidert jemand, den ich nicht kenne, mit meiner Stimme. Hey, hallo? Bist du wahnsinnig? Lebensmüde?
Der Rotblonde lacht nur. „Verpiss dich besser, Baby. Noch habe ich gute Laune.“
„Erst will ich Charles Brodwich sprechen. Ist er hier?“
Jetzt wird er schlagartig ernst. Nicht nur er, alle anderen auch.
„Was willst du von ihm?“
Ein anderer ruft einem riesigen Glatzkopf zu: „Hey, hast du echt eine Nutte hierher bestellt?“
Ich starre den Kerl an, der Brodwich zu sein scheint. Heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen. Er ist groß, durchtrainiert, glatzköpfig, gepierct, trägt ein Body-Shirt und eine Armeehose. Wenn ich gegen seine Bauchmuskeln schlage, breche ich mir die Finger. Dabei kann ich dicke Bretter und Steine zertrümmern, aber das kann er wahrscheinlich auch. Mit der Stirn.
Verdammte Scheiße.
Er steht auf und kommt zu mir, bleibt neben mir stehen, fast auf Tuchfühlung. Riecht gut, nach irgendeinem sportlichen Duschzeug. Unter anderen Umständen, auf einer Party, würde er vielleicht sogar mir gehören, nach dem fünften Glas Whisky.
Nochmal Scheiße. Er hat vielleicht meinen Bruder umgebracht.
„Hast du meinen Bruder getötet?“
Seine Augenbrauen laufen nach oben. „Wen?“
„Meinen Bruder. Norman Carter.“
„Du spinnst wohl. Verpiss dich hier!“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packt er mich an den Oberarmen und hievt mich vom Hocker, dann stellt er mich auf die Füße und gibt mir einen Stoß Richtung Tür.
Ich fange mich und fahre herum. Spüre förmlich, wie irgendwo eine Sicherung durchbrennt, tief in mir. Die vernünftige Fiona will etwas sagen, aber sie wird von derjenigen, die jetzt das Sagen hat und die mir völlig fremd ist, gnadenlos in eine dunkle Ecke verbannt.
„Du bist ja immer noch da“, sagt Brodwich grinsend.
Dann vergeht ihm das Grinsen. Ich springe aus dem Stand hoch, drehe mich um die eigene Achse und treffe mit dem Absatz seine Nase. Die Wucht schleudert ihn gegen die Theke, er rudert wild mit den Armen und fällt dann um, mehrere Hocker mit sich reißend.
Meine Absicht, mich auf ihn zu stürzen, um die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, wird vom Rotblonden durchkreuzt. Er packt mich am rechten Oberarm und zieht mich zurück. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als meine linke Faust seine Nase trifft. Und um sicherzugehen, jage ich ihm noch das Knie in die Weichteile. Aufjaulend krümmt er sich nach vorne, aus seiner Nase spritzt Blut.
Damit habe ich wohl jeden in der Kneipe gegen mich aufgebracht, jedenfalls erheben sich die anderen sechs ziemlich hastig und der Wirt hält plötzlich einen Stock in der Hand. Vielleicht einen Baseballschläger, keine Ahnung, mir fehlt die Zeit, das Ding genauer anzuschauen, denn ich sehe mich sechs entschlossen dreinblickenden Jungs gegenüber, die ihre eh kaum vorhandene Hemmung, eine Frau zu schlagen, gerade ganz abgelegt haben.
Der Rotblonde ist außer Gefecht, Brodwich noch nicht wieder einsatzfähig und auch kaum in der Lage, wegzurennen.
Na dann.
Von rechts kommen zwei, von links vier Jungs. Zum Glück für mich nicht besonders koordiniert, sonst hätte ich vermutlich nicht einmal die klitzekleine Chance, die ich mir hastig ausrechne.
Ich wende mich schnell nach rechts, weil sie damit nicht rechnen. Ein etwas kleinerer Typ in Jeans und T-Shirt, extrem muskulös. Er darf mich nicht in die Finger kriegen, und mein Tritt in seine Eier verhindert es, mit voller Kraft, ungebremst, was bei meiner Technik nach über zehn Jahren Kampfsport jeden Kerl für Stunden außer Gefecht setzen würde.
Ihn auch. Er schafft es nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Er verfärbt sich unglaublich schnell, wird erst weiß, dann blau, bevor er stumm auf die Knie und dann nach vorne fällt.
Noch sechs, mit dem Wirt. Nicht einmal die Hälfte geschafft. Das wird hart.
Der andere von rechts ist drahtig, wie Dick und Doof. Und er ist doof. Aber nicht doof genug. Jedenfalls scheint er zu kapieren, dass ich nicht einfach nur Glück habe, sondern gelernt habe, zu kämpfen.
Er packt den nächstbesten Stuhl und wirft ihn nach mir. Zwar kann ich ihm ausweichen, aber das lenkt mich ab, dadurch schafft es einer von der anderen Seite, mir einen Stoß zu verpassen, der mich geradewegs in die Arme von Doof treibt.
Er dreht mich um und legt seinen Arm um meinen Hals. Sein Unterarm drückt gegen meine Kehle und schnürt mir die Luft ab.
„Das reicht jetzt aber“, keucht er.
Ich starre den Kerl an, der mich in seine Arme gestoßen hat. Er ist jung, höchstens in meinem Alter. Narben in seinem Gesicht zeugen davon, dass er schon Straßenkämpfe ausgefochten hat. Und ich vermute, seine Gegner sind nicht mehr alle am Leben, wenn er so aussieht. Das waren Kämpfe, bei denen es um mehr als nur ein Mädchen ging.
Mit einem Springmesser in der rechten Hand kommt er auf mich zu. Ich halte den Unterarm von Doof fest, ohne ihn wegziehen zu können. Der Kerl ist überraschend kräftig.
Und er ist überrascht. Als ich nämlich meinen rechten Fuß hochschnellen lasse, an meinem Kopf vorbei gegen seine Lippen. Er stöhnt auf, lässt mich los und torkelt zurück.
Der mit dem Messer ist auch überrascht. Wenigstens kurz. Sehr kurz, eigentlich. Doch mir reicht es. Ich habe gelernt, gegen Bewaffnete vorzugehen. Mit der linken Handkante blocke ich seinen Unterarm, der danach gebrochen zu sein scheint, das Knie jage ich zwischen seine Beine und mit der Stirn nehme ich seine Nase in Empfang.
Gelernt ist gelernt.
Fünf. Oder vier, je nachdem, in welchem Zustand sich Doof befindet. Um den kann ich mich jetzt aber nicht kümmern, denn nun kommt sogar der Wirt hinter der Theke hervor, mit seinem Baseballschläger oder was auch immer. Und da sind noch drei andere von vorne, die sich bisher zurückgehalten haben, um dem mit dem Messer nicht in die Quere zu kommen.
Jetzt lassen sie dem Wirt den Vortritt, der seine Keule in meine Richtung schwingt. Ich weiche mehrmals aus, bis ich gegen einen Tisch stoße. Jetzt erwischt mich die Keule. Zum Glück streift sie mich am Kinn nur, sonst hätte ich danach keine Zähne mehr. Aber selbst so tut es höllisch weh und treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr instinktiv als gewollt wehre ich den nächsten Schlag ab, indem ich mich nach vorne, dem Kerl entgegen, werfe. Damit rechnet er anscheinend nicht.
Mit der linken Hand halte ich seinen Schlagarm fest. Das sind nur Sekunden, er ist eigentlich viel zu kräftig für mich, aber mir reichen die Sekunden. Die rechte Hand lege ich auf seinen Nacken, dann wieder, wie bereits bewährt, mein Knie zwischen seine Beine. Als er sich vorbeugt, reiße ich das Knie erneut hoch, während ich seinen Kopf mit aller Kraft nach unten drücke. Knie, Nase, Zähne haben eine unheilvolle Begegnung.
Mein Knie tut danach zwar weh, aber im Vergleich zum Wirt geht es mir richtig gut. Er sieht beschissen aus, soweit ich es erkennen kann. Wenn ich es richtig gehört habe, sind mehrere Zähne gebrochen. Die Nase vielleicht auch.
Drei. Aber die sind jetzt richtig wütend. Auch Doof ist wieder einsatzbereit, wie ich mit einem Blick nach hinten feststelle. Sieht zwar aus wie ein Zombie, weil sein Mund und Kinn blutverschmiert sind, aber er dürfte von Adrenalin geflutet sein.
Wie ich auch.
Jetzt kann ich nur auf meine Schnelligkeit und die exakten Treffer hoffen. Mehr als einen Versuch habe ich bei keinem.
Zuerst nehme ich mir Doof vor, damit ich den Rücken frei habe. Wieder die Drehung um die eigene Achse, diesmal ohne Sprung. Absatz gegen Lippen, das tut so richtig schön weh. Sein Kopf fliegt in den Nacken, gefolgt vom Rest des Körpers, der mehrere Stühle und einen Tisch unter sich begräbt.
Allerdings warte ich es nicht ab, bis es so weit ist.
Drei. Von vorne.
Sie sind unsicher geworden, ich sehe es an ihren Augen. Ich habe etwas geschafft, womit sie nicht gerechnet haben. Ich ja auch nicht. Sechs von ihnen sind mehr oder weniger kampfunfähig.
Zwei jüngere Männer, etwa in meinem Alter. Einer stämmig, aber nicht dick, Anfang 40, schätze ich. Er ist in der Mitte.
„Okay, überlasst sie mir“, sagt er und leckt sich die Lippen. Mit der Hand greift er nach hinten. Möglich, dass er eine Pistole hat, und ich sollte nicht abwarten, bis er sie nach vorne geholt hat. Und wenn es nur ein Messer ist, sollte ich trotzdem nicht warten.
Ich setze mich in Bewegung, bevor er zu Ende gesprochen hat. Während ich auf ihn zuspringe, packe ich etwas, was ich erwischen kann. Einen Stuhl, den ich nach ihm werfe. Er rudert mit einem Arm, dadurch sehen die beiden Jungs sich gezwungen, in Deckung zu gehen. Und der Ältere kann sich nicht auf seine andere Hand konzentrieren, was er auch immer darin hat.
Ich nutze den Schwung vom Stuhlwerfen, um hochzuspringen und mich zu drehen. Ich muss genau treffen, wenn ich ihn nicht beim ersten Mal ausschalte, könnte es verdammt eng werden.
Mit der linken Ferse treffe ich seine Schläfe. Da ich mich nach links gedreht habe, steckt dahinter die Wucht einer fast vollständigen Drehung. Er hebt regelrecht ab und landet auf einem Tisch, der dieser unerwarteten Belastung nicht standhält und zusammenkracht.
Er hat tatsächlich eine Pistole.
Die beiden Jungs sehen sie auch, doch sie haben schlechtere Reflexe als ich. Ich springe gegen denjenigen, der näher dran ist, das linke Knie angezogen. Mit den Fingern kralle ich mich in seine Haare, das Knie trifft seine Nase. Wir fallen beide um, ich auf ihn.
Mein Knie tut höllisch weh.
Noch einer.
Ich erhebe mich und starre ihn an. Er starrt mich an, dann die Pistole. Um an sie zu kommen, müsste er an mir vorbei. Und davor scheint er Angst zu haben.
Ich warte nicht ab, bis er sich entscheidet. Da ich nicht weiß, ob er nicht eine Nahkampfausbildung hat, gehe ich kein Risiko ein. Ich täusche einen Seitwärtskick an, als er seinen linken Arm hebt, um zu blocken, drehe ich mich nach links und treffe mit den Handknöcheln seine ungeschützte rechte Gesichtshälfte. Ich kann das Krachen hören, dann sehe ich Blut aus seinem Mund spritzen. Wahrscheinlich hat er sich die Zunge abgebissen.
Null.
Ich wende mich Brodwich zu. Er ist gerade dabei, sich an der Theke hochzuziehen. Seine Nase sieht gebrochen aus, sein Gesicht ist voll mit Blut.
Ich nehme Anlauf. Er sieht mich kommen, ist aber in seinem Zustand zu langsam. Mit dem Ellbogen voran springe ich gegen seine Brust. Erstaunlicherweise scheinen die Rippen zu halten, obwohl er die Theke im Rücken hat. Allerdings berührt er diese schon, bevor ich ihn treffe, das verhindert wohl die Rippenbrüche.
Aber auch so setzt der Treffer ihn außer Gefecht, denn atmen kann er auf keinen Fall mehr. Er rutscht auf den Boden und schnappt verzweifelt nach Luft.
Ich hocke mich auf ihn und hole mit der rechten Faust aus. Eigentlich will ich ihm das Nasenbein zertrümmern. Und dann den Kehlkopf. Das sollte ihn töten.
Aber ich kann nicht.
Ich starre keuchend in seine aufgerissenen Augen.
Ich bin keine Mörderin.
Ich kann keinen wehrlosen Menschen töten.
Vor Wut schreiend packe ich mit beiden Händen sein linkes Handgelenk und reiße den Arm hoch, während mein rechtes Knie seinen Ellbogen unten hält. Das Krachen der Knochen geht in seinem Gebrüll unter.
Mit dem anderen Arm mache ich dasselbe, dann erhebe ich mich schwerfällig.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich aus der Nase blute. Irgendwann im Kampf muss ich mir einen Treffer eingehandelt haben, ohne es zu merken. Meine Knie und das Kinn, wo mich der Baseballschläger erwischt hat, tun höllisch weh.
Die Ersten rühren sich bereits wieder.
Ich fahre herum und renne nach draußen. Ohne nachzudenken, wende ich mich nach links und laufe durch, bis ich an meinem Auto ankomme. Immer noch ohne Zutun des Verstandes werfe ich mich hinters Steuer, starte den Motor und fahre mit quietschenden Reifen los.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, sind die Vögel, die über dem Meer kreisen.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe auf einem einsamen, kleinen Parkplatz an der Küste. Da es hier keinen Strand in der Nähe gibt, auch keinen Weg am Wasser entlang, verirren sich nur selten Leute hierher. Zumal es kaum Hinweisschilder gibt. Hier existierte mal ein kleines Café, aber das ist schon lange her.
Ich starre meine Hände an, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel sind wund.
Was habe ich getan?
Und vor allem, wie habe ich das geschafft? Neun Männer, die es gewohnt sind, echte Kämpfe auszutragen. Ich hätte zwei, drei von ihnen dank meiner Kampfsporterfahrung schaffen können, aber neun? Wie ist das möglich?
Ich lasse das Lenkrad los und suche etwas, um mich zu säubern. Im Handschuhfach finde ich Papiertücher. Als ich sie raushole, merke ich, wie meine Hände zittern.
Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, steige ich aus dem Auto und gehe ans Wasser. Die zerklüfteten Steine sind glitschig, mehrmals falle ich fast auf die Schnauze. Doch schließlich erreiche ich mein Ziel und wasche meine Hände und das Gesicht, so gut es geht. Am Auto trockne ich mich mit den Tüchern ab.
Dann starre ich auf das Meer hinaus und versuche zu kapieren, was eigentlich geschehen ist.
Ich weiß, dass ich sehr gut im Kampfsport bin. Ich trainiere ja auch seit zwölf Jahren intensiv. Einmal, wirklich nur einmal, habe ich selbst den Meister geschlagen.
Aber neun Männer? Neun solche Männer, die nicht übermäßig skrupelbehaftet sind und kein Problem damit haben, eine Frau zu schlagen, wenn sie nicht spurt? Die mit Sicherheit schon etliche Kämpfe ausgetragen haben, auf der Straße, nicht im Ring?
Wie kann das sein?
Oh Mann.
Ich versuche, mich an den Ablauf des Kampfes zu erinnern. Die Männer haben mich zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig angegriffen, aber das wäre auch nicht gegangen. Einerseits hätten sie sich gegenseitig behindert, andererseits stand einiges an Mobiliar im Weg herum. Und ich hatte verdammtes Glück, dass der Baseballschläger mich nicht richtig erwischt hat. Ich hätte sonst einige Zähne weniger.
Das alles ändert nichts daran, dass ich bescheuert bin. Und anscheinend einfach nur unglaubliches Glück hatte.
Ja, es war Glück, mehr nicht.
Ich steige wieder in mein Auto und fahre zum Abtanzen.

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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (6)

Fiona - Beginn 2.0

Ich glaube, er heißt Joe. Schwach erinnere ich mich daran, dass er das gesagt hat. Irgendwann zwischen dem letzten Schluck Sekt und dem zweiten Sex. Joe Irgendwas. Und dass er frisch geschieden ist. Komisch, dass ich mich daran erinnere.
Draußen ist es hell. Wie spät mag es wohl sein?
Ich stehe auf und wanke ins Bad. Scheißalkohol. Den Sekt hätte ich weglassen sollen. Oder den Sex. Nein, dann lieber den Sekt. Oh Mann.
Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit schaue ich mir die Blondine im Spiegel an. Sie sieht furchtbar aus. Ringe um die Augen, die Haare total wirr, mehr noch als sonst. Sie könnten eine Wäsche vertragen. Die Lippen rissig.
Im Mund habe ich immer noch den Geschmack von Joes Sperma. Ätzend. Beim Sex macht es mich an, aber ich hasse es, wenn es so lange nachschmeckt. Gibt es hier nichts zu trinken?
Ich finde eine Minibar und hole nach kurzem Nachdenken eine Flasche Bier heraus. Bier auf Sperma, nicht die ideale Kombination, aber besser als Cola. Das süße Zeug mag ich eh nicht. Seltsamerweise mochte ich es nie, schon als Kind hatte ich eine Abneigung dagegen, im Gegensatz zu Norman.
Norman.
Scheiße.
„Was ist los?“
Ich blicke zum Bett. Joe stützt sich auf seinen Händen ab, den Oberkörper halb aufgerichtet. Er sieht schon geil aus. Sein 37-jähriger Körper ist gut in Form. Ich werde mich garantiert nicht in ihn verlieben, schon allein, weil ich mich niemals wieder verlieben werde. Aber Sex ist okay.
Allerdings nicht jetzt, nachdem ich an Norman denken musste.
„Ich muss gehen.“
„So früh? Warum bleibst du nicht noch?“
Ich setze mich auf den Bettrand und starre ihn an. „Hör zu, Joe, es hat nichts mit dir zu tun.“
„Aha. Weißt du, dieser Spruch ist echt zum Kotzen. Mit wem denn dann?“
Am liebsten würde ich ihm Zähne ausschlagen. Aber er kann ja nicht wissen, warum ich so reagiere. Er kann auch nicht wissen, dass ich so gut wie nie zum Frühstück bleibe, selbst wenn nicht der plötzlich auftauchende Gedanke an den Tod meines Bruders meine Muschi trockenlegt.
„Vergiss es“, erwidere ich und suche meine Sachen zusammen. „Vergiss es einfach.“
Er beobachtet mich. Ich stelle mich insgeheim darauf ein, dass er etwas versucht, was mich zwingen würde, ihm Schmerzen zuzufügen. Aber zu unserem Glück lässt er es sein. Irgendwie erleichtert mich das. Auch wenn ich mich niemals in ihn verlieben werde, wir hatten dreimal Sex miteinander und ich bin jedes Mal gekommen. Solche Männer sind echt selten.
Trotzdem werfe ich keinen Blick zurück, als ich durch die Zimmertür gehe. Für irgendwelche Beziehungsdramen fehlt mir der Nerv. Er tut mir ja ein bisschen leid, aber er hat seinen Spaß gehabt. Wie ich auch.
Scheiße. Verdammte Scheiße!
Als ich mich ins Auto setze, fällt mir seltsamerweise sein voller Name ein: Joe Montena. Freelancer, geschieden und wohnt wegen eines Jobs im Hotel.
Armes Schwein. Wir haben uns anscheinend gefunden, ohne uns zu suchen.
Ich lasse im CD-Player „Supergirl“ laufen.
„Supergirls just fly.“
Ja, ist klar. Ihr habt ja alle keine Ahnung.
Bevor ich losfahre, zünde ich mir noch eine Zigarette an. In den Hosentaschen sind zwar keine mehr, aber ich finde noch eine ungeöffnete Packung im Handschuhfach. Meine eiserne Reserve. Muss die nachher wieder auffüllen.
Es ist kurz nach halb neun, als ich auf dem Parkplatz des Krankenhauses halte, in dem Savage liegt. Wenig erstaunt nehme ich am Empfang zur Kenntnis, dass ich zu früh bin, die Besuchszeit beginne erst um neun. Auf meine Frage hin erklärt mir die freundliche Dame aber den Weg zur Cafeteria und dass ich dort auch frühstücken kann.
Dass das Frühstück aus gekühlten Automatensandwiches besteht, vergaß sie zu erwähnen. Ist mir eigentlich egal. Hauptsache, etwas zu essen. Einen Kaffee nehme ich auch dazu, obwohl ich es wahrscheinlich bereuen werde. Aber vielleicht hilft er trotzdem. Oder ich werde gerade wegen des Geschmacks wach. Kann auch passieren.
Ich setze mich in eine Ecke, packe mein Sandwich aus und beginne zu essen. Geschmack und Qualität gehen, für ein eingepacktes Sandwich ist es sogar erstaunlich gut. Mit dem Kaffee habe ich nur insofern Glück, dass ich von dem beschissenen Geschmack tatsächlich wach werde. Mir wird sogar fast schlecht. Ob es wirklich am Kaffee liegt oder an den Nachwirkungen der Nacht, ist eine andere Frage.
Auf dem Weg nach oben zu Savage begegne ich im Aufzug dem Lieutenant. Er mustert mich nachdenklich.
„Sie sehen aus, als könnten Sie Schlaf gebrauchen“, bemerkt er dann.
„Ich habe geschlafen“, erwidere ich mürrisch. „Wollen Sie auch zu Savage?“
Er schüttelt den Kopf. „Bin privat hier.“
„Na dann.“ Ich muss vor ihm aussteigen, spüre aber seinen Blick im Rücken. Irgendwie ist er mir nicht geheuer, weiß aber nicht, was mich stört. Vielleicht sein durchdringender Blick.
Savage ist nicht allein. Carola, die Psychologin, ist auch da. Sie begrüßt mich lächelnd.
„Sie sind früh auf, Fiona.“
„Sie auch, Carola.“
„Haben Sie überhaupt geschlafen?“
Ich nicke. Die Details lasse ich lieber weg, außerdem stimmt es. Zwischendurch und zum Schluss. War nicht viel, okay, aber ich habe geschlafen.
Savage hat die Augen geschlossen, aber ich habe das Gefühl, er hört uns zu. Ich setze mich auf einen Stuhl in der Ecke, zwischen Wand und Fenster. Savage hat ein Einzelzimmer, dafür hat mein Vater gesorgt. Seine Mutter könnte das nicht bezahlen, Daddy ist schon vor Jahren unbekannt verzogen.
Carola steht am Kopfendes seines Bettes und schreibt etwas in ein Büchlein.
„Ich habe mal gehört, Psychologen dürfen gar keine Spritze setzen“, bemerke ich.
Sie blickt hoch und mustert mich. „Das ist unterschiedlich geregelt in den verschiedenen Ländern. In Newope dürfen das auch Psychologen, zumindest mit entsprechenden Zusatzkursen. Davon abgesehen bin ich Psychologin und Psychiaterin, und Ärzte dürfen das überall.“
„Aha. Wieder was gelernt.“
„Wie geht es Ihrer Mutter?“
„Gut, glaube ich. Ich meine, den Umständen entsprechend. Ich war letzte Nacht nicht zu Hause. Aber ich glaube schon. Mein Vater wird auf jeden Fall dafür sorgen.“
„Da ist viel Spannung zwischen Ihnen und Ihrem Vater.“
„Ja.“
Sie nickt und vertieft sich wieder in ihrem Büchlein.
Mir fällt etwas ein und ich gehe, sage ihr aber beim Rausgehen, dass ich gleich wiederkomme. Eigentlich ist das für Savage, denn ich hoffe, dass sie bis dahin fort ist. Sie hat auch so einen seltsam durchdringenden Blick wie der Lieutenant. Ich hasse das, wenn die Leute versuchen, meine Gedanken zu erraten.
Ich gehe in die Bücherei und stöbere herum. So genau weiß ich nicht, was ich suche. Irgendetwas, womit ich Savage erreichen könnte. Aber womit erreicht man einen Dreizehnjährigen, der gestern mitansehen musste, wie sein bester Freund von einem Geländewagen plattgewalzt wurde?
Ich verharre kurz bei den Märchenbüchern. Als Kind habe ich sie gerne gelesen, bis ich vier war. Als ich in die Schule kam, fand ich die Bücher für Erwachsene spannender. Als meine Mutter allerdings Nabokov bei mir fand, gab es Ärger. Damals habe ich nicht verstanden, wieso eigentlich. Ich fand es sehr interessant, wie der Erzähler seine Beziehung zu der Zwölfjährigen beschreibt. Und was ein Orgasmus ist, wusste ich als Sechsjährige nicht. Jedenfalls durfte ich danach nur noch gefiltert lesen: Jedes Buch, das ich aus dem heimischen Buchregal holte, musste ich meiner Mutter vorlegen. Hemingway war teilweise erlaubt, Nabokov aus erwähnten Gründen nicht, Raymond Chandler wieder doch. Okay, Nabokov und Chandler haben nicht viel miteinander gemeinsam. Ich fand beide sehr düster, was mich nicht unbedingt abgeschreckt hat.
Jetzt, mit 23, werde ich einen Teufel tun und Savage „Lolita“ bringen. Der depressive Privatdetektiv wäre schon eher was für ihn, aber nicht jetzt, nicht in dieser Situation.
Schließlich entscheide ich mich für ein Buch mit Bildern von Engeln. Keine Ahnung, ob das nicht zu zynisch ist. Ich glaube schon, aber im Vorwort heißt es, dass dieses Buch Trost spenden soll, wenn man einen Verlust erlitten hat. Und irgendwie mag ich Engel. Sie können fliegen, genau wie Supergirl.
Carola ist tatsächlich fort, als ich wieder ins Krankenzimmer komme. Savage sieht mich regungslos an. Immerhin, er scheint wach zu sein.
Ich halte das Buch hoch. „Habe dir was besorgt.“
„Was ist das?“
„Ein Buch. Über Engel.“
„Bist du auch ein Engel?“
„Ich? Ganz bestimmt nicht. Du weißt doch, wer ich bin?“
Er nickt.
Ich lege das Buch auf sein Nachtschränkchen und setze mich neben dem Bett auf einen Stuhl.
„Wie geht es dir, Sava?“
Sein Blick wandert durch den Raum, ohne dass der Kopf sich bewegt. Schließlich kommt er in meinem Gesicht zur Ruhe.
„Baby, join me in death“, sagt er dann.
„Wie, was?“
„Das ist aus einem Lied. Kannst du es mir besorgen?“
Ich denke fieberhaft nach. Es kommt mir bekannt vor, und als es mir endlich einfällt, dass das fast der Titel ist, bin ich mir gar nicht sicher, ob dieses Lied gerade jetzt das Richtige für ihn sein könnte.
„Es ist … ein ziemlich trauriges Lied.“
„Ich weiß. Besorgst du es mir?“
Ich atme tief durch. Am liebsten würde ich Nein sagen, aber ich will etwas von ihm. Und dazu muss ich mir sein Vertrauen erarbeiten.
„In Ordnung“, antworte ich schließlich.
„Wann?“
„Gleich. Wenn wir fertig sind, gehe ich und besorge es.“
„Wir sind fertig“, sagt er und schließt die Augen.
Ich starre ihn entgeistert an. Was war das denn? Schließlich atme ich erneut tief durch. Ich werde nicht mit einem traumatisierten Kind diskutieren.
Und was bist du?
Ich ignoriere die innere Stimme diesmal, verlasse das Krankenhaus, steige in mein Auto und fahre in die Stadt, um die scheißverdammte CD und einen CD-Player zu besorgen.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8) (4)

Omars Wohnung erinnert mich ein wenig an diese Appartements für Saisonarbeiter auf der Erde. Klein, funktional. Im Wesentlichen besteht sie aus dem Wohn- und Schlafbereich, dem Bad und einer Küche. In einem Wandschrank, der erstaunlich groß ist, finde ich Kleidung. Männerkleidung und viel zu groß, also bleibe ich erst einmal nackt, während ich mich an den E-TERM setze.
Ich muss unbedingt herausfinden, wo ich überhaupt gelandet bin. Wozu, verdammt nochmal, gibt es so viele Gleise? Auch das Spinnennetz finde ich äußerst irritierend.
Der E-TERM erinnert mich ein wenig an meine ersten Erfahrungen an einem PC. Da war ich etwa zehn. Die Grafik ist hier allerdings deutlich besser und der Bildschirm berührungsempfindlich. Tastatur oder eine Maus gibt es nicht. Und auch kein Internet oder etwas Ähnliches.
Das System dient vor allem dazu, sich mit allem zu versorgen, was nötig ist. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es zwar auch die Möglichkeit, einkaufen zu gehen, aber es scheint nicht üblich zu sein.
Der Ort, wo ich mich befinde, heißt Lomas. Im Grunde scheint er ein riesiger Bahnhof zu sein. In einem Programm, das für die Wartungstechniker zu sein scheint, erfahre ich, dass von maximal möglichen 42.000 Zügen derzeit 38.734 im Bahnhof sind.
38.734??? Hallo? Was zum Teufel ist das hier? Und wie groß ist der Bahnhof eigentlich?
Letzteres finde ich nicht heraus, aber es gibt wohl ein Programm, mit dem ich Routen zu verschiedenen Zielen in oder auf Lomas berechnen lassen kann. Manche Routen scheinen ziemlich lang zu sein, denn ich würde mit so einem Aufzug, der Bomo heißt, mehrere Ruls brauchen. Omar hat erwähnt, dass er üblicherweise zwei Ruls zwischen zwei Schichten hat. Wenn es nur halbwegs ähnlich ist wie bei uns, wird ein Rul etwa acht Stunden entsprechen.
Das Programm nutzt zur Fortbewegung allerdings nicht nur die Bomos, die sich sowohl vertikal als auch horizontal bewegen können, sondern auch Magnetbahnen. Ich gehe davon aus, dass Magnetbahnen ziemlich schnell sind, Lomas also richtig groß sein muss. Bei fast 40.000 Zügen sowieso.
Wo bin ich bloß gelandet?
Ich denke nach. Soweit ich es sehen kann, ist in dieser Welt die Technik, wenn man von einigen Eigenarten absieht, auf einem ähnlichen Stand wie in der Welt, aus der ich ursprünglich komme. Die Computertechnologie erinnert mich teilweise ans Ende der Achtziger, teilweise an das 21. Jahrhundert. Auch die Kleidung ist durchaus vergleichbar, im Kleiderschrank hängen sogar Jeans. Wo die Baumwolle dafür auch immer herkommen mag. In gewisser Weise scheint Lomas einer riesige Weltraumstation nicht unähnlich zu sein, und die Menschen hier biologisch und psychologisch den Menschen, die ich kenne, zumindest, sagen wir mal, nachempfunden. Da ich ja, wahrscheinlich im Gegensatz zu ihnen, von den Göttern und ihrem Monopoly weiß, wäre ich nicht überrascht, wenn dieses Universum als eine Art Vorläufer meines ursprünglichen Universums gedient hätte. Dafür spricht, dass die Welt, in der ich die letzten Jahre verbracht habe, wie eine sehr vereinfachte Version des irdischen Mittelalters wirkt.
Ich brauche eine Bar. Oder etwas Ähnliches. Da könnte ich Kontakte knüpfen. Das bedeutet zwar auch, dass ich schon lange nicht mehr genutzte Verhaltensweisen hervorholen muss, aber ich glaube, ich kann es mir nicht leisten, zimperlich zu sein. Dann hätte ich ja auch nicht mit Omar schlafen dürfen.
Ich habe eine nicht zu unterschätzende Waffe: meinen Körper. Ich kann ihn zum Kämpfen einsetzen oder eben zum Verführen. Und solange ich nicht genau verstehe, wie diese Welt funktioniert, sollte ich mich nach Möglichkeit auf Sex beschränken.
Ich bediene mich im Kleiderschrank Omars. Jeans, deren Beine ich hochkrempele, eine Art Holzfällerhemd, darunter die kleinste Unterhose, die ich finden kann, Sportschuhe. Auf einen BH muss ich gezwungenermaßen verzichten, auf Socken verzichte ich freiwillig, nachdem ich sehe, was für welche Omar hat. Nein, danke.
Für mein Schwert finde ich eine Sporttasche, die groß genug ist. Ich stopfe sie mit Hemden voll und hoffe, dass es keine Scanner in den Bomos gibt. Oder sonst irgendwo. Zur Not kann ich auf das Schwert durchaus verzichten, aber es erinnert mich an Askan und Marbutan, deswegen ist es mir wichtig. Vielleicht ergibt sich noch eine Gelegenheit, es irgendwo sicher aufzubewahren. Aber ganz sicher nicht in der Wohnung von Omar. Ich würde eine weitere Begegnung mit ihm gerne vermeiden. Auch wenn er mir sehr geholfen hat, mehr, als er ahnt, sind meine Gefühle für ihn, nachdem wir zweimal Sex hatten, nicht positiv, um es mal freundlich auszudrücken. Eigentlich würde ich am liebsten kotzen.
Zum Schluss suche ich noch etwas, womit ich meine Haare binden kann. Sie sind offen zu lang und zu auffällig. Abschneiden will ich sie erst, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Ich habe sie fast 20 Jahre lang kurz getragen, irgendwie gefallen sie mir so lang.
Schließlich finde ich ein Dekoband von irgendeiner Geschenkverpackung, die unauffällig genug ist, damit binde ich mir einen hohen Pferdeschwanz. Dann nehme ich die Tasche mit dem Schwert und verlasse die Wohnung.
Ein sehr langer Korridor mit sehr vielen gleichen Türen mündet in einen kleinen Raum mit einer Haltestelle für Bomos. Diese werden über einen Touchscreen gesteuert. Ich gebe das Ziel ein, dessen Schlüsselnummer ich mir gemerkt habe.
Die Tür schließt sich und die Kabine setzt sich in Bewegung.
Zum Glück bin ich allein. Ich setze mich, lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen.


So viel habe ich bereits verstanden: Sonne, Sterne, überhaupt einen Himmel, all das gibt es hier nicht. Das gab es schon in der Mittelalter-Welt nicht, nur das Spiegelbild eines Mondes, aber dort gab es wenigstens etwas Ähnliches. Die Treppe führte im Ewigen Turm nach unten, vielleicht ist dieses Universum in Ebenen aufgebaut und es geht nur noch nach unten.
Was für eine symbolische Aussage!
Als ich die Bomo verlasse, vergesse ich für einen Augenblick, dass ich mich gar nicht mehr in meinem Universum befinde und wähne mich in einer Shopping Mall. Dann ist der Augenblick auch schon vorbei. Geschäfte gibt es hier nicht, nur Bars, einige Dutzende. Die meisten sind jetzt geschlossen, die normalen Menschen arbeiten anscheinend.
Dennoch finde ich eine Bar, die offen hat. Viele Gäste sind nicht darin. Sie sieht sauber und ordentlich aus, einfach eingerichtet, am ehesten mit einem Bistro von der Erde vergleichbar.
„Soumbala“, so steht es über der Eingangstür. Erinnert mich an Tiefschlaf. Nun ja.
Ich betrete die Bar und sehe mich unauffällig um, während ich auf einen Tisch am Fenster zugehe. Der Wirt, in sauberes T-Shirt gekleidet, kräftig gebaut, älter, mit grauem, schütterem Haar. Eine Kellnerin, blond, aber gefärbt, ungeschickt geschminkt, die großen Brüste mit Mühe in einem viel zu tiefen Ausschnitt gebändigt. Ein Paar in meinem Alter und zwei Männer Anfang vierzig, eindeutig schwul. Ein Mann ohne Begleitung, Glatze, über fünfzig.
Die überblonde Kellnerin kommt sofort auf mich zugestürzt und taxiert mich. Eigentlich bin ich keine Konkurrenz für sie, abgesehen vom ähnlichen Alter dürften wir nichts gemeinsam haben. Außerdem blondiert sie ihre Haare, meine hingegen sind erkennbar von Natur aus so hell.
„Kaffee?“, fragt sie, während sie sich so neben mir aufbaut, dass der Glatzkopf mich kaum sehen kann.
„Ja. Was gibt es zu trinken?“
„Bier!“
„Gut, dann nehme ich Bier.“
Da bin ich ja mal gespannt, was für ein Bier die haben. Darüber, wo die Rohstoffe dafür herkommen, denke ich lieber gar nicht erst nach. Irgendwie habe ich plötzlich Sehnsucht nach der Landwirtschaft von Kasunga. Auch ohne Sonne war der Wein erstaunlich gut.
Ich beobachte flüchtig die Gäste. Die beiden Pärchen sind für mich uninteressant, ich kann ihnen nichts bieten, was sie haben wollen. Leider anscheinend auch dem Glatzkopf nicht, denn er sieht mich gar nicht an. Entweder ist der auch schwul oder ganz raus aus dem Spiel. Bei einem Glatzkopf eher verwunderlich. Andererseits, ein Klischee, das auf der Erde wahr war, muss nicht auch hier stimmen.
Wäre gut zu wissen, womit hier eigentlich bezahlt wird. Auf der Tafel über der Bar stehen nur die Zahlen, keine Währungsangabe.
Mein Bier und Kaffee werden gebracht. Dabei beugt sich die falsche Blondine unnötig weit vor, so kann ich ihre Titten, den Bauchnabel und die Schamhaare bewundern. Na gut, nur die schweren Titten. Sieht man mir eigentlich an, dass ich auch Frauen mag? Oder liegt es an meiner männlichen Kleidung, dass sie mich so anmacht?
Ich schenke ihr ein Lächeln und kann mich gerade so beherrschen, sie nicht zu fragen, wann sie Feierabend hat. Eigentlich will ich nichts von ihr. Doch vielleicht werde ich nicht umhin kommen, erneut Sex als Waffe zu nutzen. Ich hoffe aber noch. Ich hoffe, dass jemand hereinkommt, der sich für mich interessiert. Der meine Rechnung bezahlt. Und den Rest sehen wir dann.
Die Kellnerin erinnert mich mit ihren großen Brüsten zu sehr an Katharina, auch wenn sie ansonsten nicht einmal ansatzweise in deren Liga spielt.
„Jeky!“, ruft der Wirt meinem neuen Schwarm zu. „Da möchte jemand was bestellen!“ Er deutet auf das Schwulenpärchen.
Jeky sieht mich bedauernd an, dann rauscht sie davon. Ich probiere den Kaffee. Schmeckt ätzend. Ich probiere das Bier. Schmeckt nicht wie der Kaffee, nur schlimmer. Ich werde mich geschmacklich wohl sehr einschränken müssen.
Ich hasse euch, ihr scheißverdammten Götter!
Ich betrachte Jeky, die an der Bar steht. Enger, schwarzer Rock, der ihren nicht schmalen, aber durchaus gut geformten Hintern deutlich nachzeichnet und außerdem verrät, dass sie einen Tanga trägt. Kräftige Waden, aber nicht dick.
Nein, Fiona, nein.
Immer noch besser als Omar!
Du würdest trotzdem nur an Katharina denken und so trocken sein wie die Wüste vor Augle!
Das stimmt natürlich.
Innerlich seufzend wende ich den Blick von der Kellnerin ab und mustere den Glatzkopf. Aber der interessiert sich nur für sein Buch. Immerhin, hier gibt es Bücher. Das ist gut. Die Leute lesen. Okay, je nachdem, was in den Büchern steht, kann das auch ein Nachteil sein. Wir werden sehen.
Ich habe kein Buch dabei. Ich habe auch sonst ziemlich wenig dabei, was ich ansehen könnte. Eigentlich nur mein Schwert, aber das sollte ich lieber dort lassen, wo es ist. Also nehme ich die Speisekarte, aber die ist nicht sehr aufregend. Dafür steht Jeky wieder neben mir.
„Möchten Sie was essen?“
„Im Moment nicht. Ich war nur neugierig.“ Ich schenke ihr wieder ein Lächeln. Vielleicht sollte ich das nicht tun, sie kommt nur auf falsche Gedanken. Keine Chance, dass sie Sex mit mir hat, obwohl sie möchte, das kann ich sehr deutlich riechen.
Verdammt! Geh und fick doch deinen Chef!
Ich mustere diesen kurz. So schlecht sieht er doch nicht aus. Okay, fast doppelt so alt wie sie, aber das ist nun wirklich kein Thema. Vertraue mir, Süße, ich habe damit Erfahrung.
Mir wird bewusst, dass ich sie gerade Süße genannt habe. Das zeigt mir, in welcher schlechten Verfassung ich mich befinde. Wenn wenigstens der Sex gut gewesen wäre …
Seufzend erhebe ich mich.
„Ich bringe die Rechnung!“, ruft Jeky.
„Nicht nötig!“
„Wieso nicht?“
„Habe sowieso kein Geld und kann nicht zahlen.“
„Dam!“, kreischt sie. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu kapieren, dass sie nicht geflucht, sondern ihren Chef gerufen hat. „Dam, sie will abhauen, ohne zu zahlen!“
Sehr weit ist es mit ihrer Liebe ja nicht her. Oder ich habe sie enttäuscht und sie ist sauer. Könnte natürlich auch sein.
Dam baut sich zwischen mir und der Tür auf und sagt mit tiefer Stimme: „Du kommst hier nicht raus, wenn du nicht bezahlst.“
„Hör zu, das schwarze Wasser und das andere Wasser sind ungenießbar. Außerdem möchte ich dich nicht verprügeln. Geh mir also aus dem Weg.“
Erst starrt er mich ungläubig an. Dann erscheint ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Jeky, ruf den Sicherheitsdienst! – Mädchen, letzte Gelegenheit, die Rechnung zu bezahlen. Wenn die Sicherheitsleute da sind, nehmen sie dich mit.“
„Das bezweifle ich. Ich werde jetzt gehen.“
„Darfst du ja. Nachdem du bezahlt hast.“
Ich mache einen Schritt auf ihn zu, als Jeky sich sozusagen auf mich wirft. Nicht sehr professionell, dafür aber mit vollem Gewicht. Es kommt überraschend für mich, ich verliere das Gleichgewicht, wir landen beide zusammen auf dem Boden. Von dort aus sehe ich zwei uniformierte Männer zur Tür hereinkommen.
Ich überrede Jeky, nicht mehr auf mir zu liegen, und da ich sauer bin, mache ich das relativ unsanft. Dabei fällt ihr etwas aus der Rocktasche. Sieht aus wie eine Ausweiskarte oder Ähnliches. Vielleicht kann ich sie noch gebrauchen, also lasse ich sie schnell verschwinden, bevor ich hochspringe und mich den Uniformierten gegenüber finde.
Sie könnten Profis sein, wehtun will ich ihnen aber nicht, jedenfalls nicht mehr, als unbedingt nötig. Ich nutze einige Dim-Mak-Punkte, um die beiden schnell und effektiv außer Gefecht zu setzen, dann packe ich meine Tasche und renne nach draußen. Dam vergisst vor lauter Verblüffung, mich aufhalten zu wollen. Oder er ist beeindruckt, wie ich die beiden Sicherheitsleute ausgeschaltet habe. Das war ja auch ein Teil meiner Absicht. Mit Dim Mak kann man schnell für großen Respekt sorgen, wenn man es richtig anzuwenden weiß.
Draußen laufe ich in die Richtung, aus der ich gekommen bin. In diesem Bereich zu bleiben, ist nicht sehr ratsam. Die Bomos scheinen eine recht kleine Reichweite zu haben. Doch ich habe vorhin einen Hinweis auf eine Magnetbahn gesehen und folge jetzt diesem. So gelange ich nach wenigen Minuten auf etwas, was fast eine Metrostation sein könnte. Nur fährt die Bahn nicht auf Schienen, zumindest nicht konventionell. Der Name deutet es ja schon an. Und ich bin froh über die Karte, die Jeky verloren hat, denn die brauche ich, um gewaltfrei auf den Bahnhof zu kommen.
Wenn jetzt auch noch eine Bahn käme, wäre das perfekt. Es wird nicht lange dauern, bis die Sicherheitsleute zu sich kommen und mehr von ihrer Sorte alarmieren. Bis dahin möchte ich weg sein.
Ich habe Glück, nach einer gefühlten Ewigkeit zwar, aber auf jeden Fall eher als irgendwelche Uniformierten, kommt die Bahn und ich steige ein. Von innen sieht der Wagen eher wie ein Fernreisezug aus, aber das kann mir nur recht sein. Weit weg von hier ist nicht schlecht. Und bisschen durchatmen, nachdenken, das hätte auch was.
Ich setze mich so hin, dass ich von draußen nicht zu erkennen bin. Lange dauert der Aufenthalt nicht, nach einem kurzen Piepston schließen sich die Türen und der Zug setzt sich in Bewegung.
Bye, bye, Jeky.