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Fionas Tagebuch: Meine denkwürdige Begegnung mit Toll Schreiber

Fiona

Mein liebes Tagebuch,

heute hatte ich einen echt abgefahrenen Traum.

Es begann wie ein völlig normaler Traum. Ich stand an einem Wasserfall, irgendwo. Das Bild war schon sehr klar, die Farben krass deutlich, richtig leuchtend. Und das Wasser war ganz klar, ich konnte gut den Grund erkennen, außer dort, wo der Wasserfall auftraf. Da war also ein kleiner See mit dem Wasserfall an einer Seite, sonst fast rund, mit Felsen gesäumt. Wie eine kitschige Szene aus einem Film für Teenies. Allerdings hat kein Film so gestochen scharfe Farben. Zumindest habe ich keinen gesehen.
Da stand ich also und dachte: ‚Boah ey, da springe ich rein!‘ Ich schaute an mir hinunter und stellte fest, dass ich praktischerweise bereits nackt war. Und sprang ohne Anlauf einfach nach unten. Das waren vielleicht fünf, vielleicht auch zehn Meter. Weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls verschwand der See, während ich nach unten fiel. Ich bekam Panik, bis ich merkte, dass unter mir ein großes Bett war. So ein französisches, richtig groß.
‚Cool‘, dachte ich und landete in dem Bett.
Ich blieb erst einmal liegen, das Bett war schön weich. Um mich herum war es still. Aber irgendwann wurde es mir doch mulmig und ich setzte mich auf, um zu sehen, wo ich da überhaupt gelandet war. Also, ich war in einem großen Zimmer. Eigentlich war es kein Zimmer. Sondern eine Bibliothek. Da stand dieses französische Bett inmitten einer riesengroßen Bibliothek.
„Cool!“, dachte ich erneut. Doch dann fiel mir ein, dass ich nackt war. Das fand ich nicht mehr so cool. Allerdings schien ich ja alleine zu sein. Und dann wurde mir auch noch klar, dass ich mich in einem Traum befand. Nackt in einer Bibliothek in einem Traum. Das wiederum fand ich dann doch cool. Ich beschloss daher, mich ein wenig umzusehen.
Rund um mich herum befanden sich Bücherregale, die senkrecht zu den Wänden standen. Und die Wände selbst waren auch noch einmal mit Regalen voller Bücher bedeckt, und zwar so hoch, dass man eine Leiter brauchte, um die oberen Regale zu erreichen. Es schien also, als gäbe es wirklich sehr viele Bücher in dieser Bibliothek. Mir ging kurz der Begriff „Akasha“ durch den Sinn, aber das machte nicht so viel Sinn, also vergaß ich es wieder. Obwohl … nun ja, ich konnte die Bibliothek dann nicht so lange bewundern, denn plötzlich hörte ich eine Stimme. Eine männliche Stimme.
„Wen haben wir denn da?“
Ich fuhr erschrocken herum und starrte den Mann an, der anscheinend zwischen zwei Regalen hervorgetreten war und über die Begegnung genauso überrascht zu sein schien wie ich. Nur war er, im Gegensatz zu mir, nicht nackt. Er war alt, also, zumindest deutlich älter als ich. Vielleicht Ende 40, vielleicht Mitte 40. Jedenfalls alt. Schlank, trug ausgewaschene blaue Jeans und einen grauen Rollkragenpullover. Sein schütteres, braunes Haar wirkte unfrisiert.
„Wer bist du denn?“, fragte ich verblüfft, und dann fiel mir ein, dass ich ja nackt war. Blitzschnell bedeckte ich meine Brüste und meine Muschi. Vielmehr die Schamhaare, denn die Muschi war bestimmt nicht zu sehen. Hoffte ich jedenfalls. In einem Traum weiß man es ja nie.
„Mein Name ist Toll Schreiber.“
„Du heißt Toll Schreiber?“
Der Alte nickte. Und grinste. Na ja, jedenfalls deutete er ein Grinsen an.
„Und du?“, fragte er dann.
„Ich … ich heiße Fiona. Fiona Carter. Wieso bist du in meinem Traum?“
„Ist das ein Traum?“
„Ich glaube schon.“ Die Frage verunsicherte mich. Immerhin fühlte sich alles sehr real an. Aber ich erinnerte mich auch daran, dass ich schon öfter Klarträume gehabt hatte. Und Klarträume waren sehr klar, wie die Realität eben. Das wusste ich in dem Moment genau, ich erinnerte mich daran, wie ich in der Bibliothek alles Mögliche über Klarträume nachgelesen hatte.
Bibliothek.
Bibliothek!
„Ist das ein Traum?“, fragte ich leise.
„Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht“, antwortete der komische Kerl. „Ich erinnere mich nicht.“
„Woran erinnerst du dich nicht?“ Mir wurde, während ich das fragte, die Absurdität der Situation bewusst. Da stand ich noch immer neben dem Bett, nackt, bedeckte mit einem Arm meine Brüste, mit der anderen Hand meine Schamhaare und unterhielt mich mit einem Kerl, der aussah wie Bill Gates in 20 Jahren und sich nicht erinnerte. An was auch immer.
„Ich brauche was zum Anziehen“, unterbrach ich seine noch nicht begonnene Antwort.
„Warum?“
„Wie warum? Weil ich nackt bin?“
„Ich finde das nicht schlimm.“
„Du Perverser! Ich bin minderjährig!“
Er musterte mich etwas genauer. Ich spürte, wie ich errötete. Mein Gesicht fühlte sich plötzlich an, als würde es brennen. „Starr mich nicht so an!“, fuhr ich ihn an.
„Ich kann doch nichts dafür, dass du plötzlich nackt in meiner Bibliothek auftauchst“, sagte er achselzuckend.
„In deiner Bibliothek?“
„Ich lebe hier. So weit ich mich jedenfalls erinnern kann.“
„Wieso?“
„Wieso nicht? Ich habe hier alles, was ich brauche.“
„Du brauchst doch auch was zum Essen!“
„Habe ich doch.“
„Hier? In der Bibliothek?“
„Natürlich.“ Er lachte. „Ich esse Buchstaben.“
„Hä?“ Kann eine Traumfigur durchdrehen? Reif für die Irrenanstalt sein? Gibt es in Träumen die Jungs mit den verdrehten Jacken? Ich beschloss, dass ich vorsichtig sein sollte, denn das war ein Klartraum. „Buchstaben?“
„Ja, Buchstaben. Aber sie schmecken alle unterschiedlich. Sehr lecker sind zum Beispiel asiatische Rezeptbücher. Viele von denen schmecken stark nach Curry, süß oder sauer. Oder Eisrezepte, im Sommer, wenn die Klimaanlage es nicht schafft, die Temperatur hier drinnen erträglich zu machen, dann sind sie besonders köstlich.“
Okay, der Typ war definitiv irre.
„Gibt es auch Modezeitschriften hier? Ich möchte mich anziehen.“
Er starrte mich erstaunt an. „Anziehen? Willst du dich mit den Zeitschriften bedecken, oder was meinst du?“
„Hey, wenn du Buchstaben von Rezepten essen und dadurch satt werden kannst, dann müsste ich mich doch aus Modezeitschriften anziehen können, oder? Ist doch irgendwie logisch. Was gibt es daran nicht zu verstehen?“
Er machte einen Schritt zurück. „Wie fühlst du dich? Bist du krank? Brauchst du Medikamente? Soll ich jemanden anrufen?“
Hä? Er. Hielt. Mich. Für. Verrückt? Ich beschloss, dass ich aufwachen wollte.
Aber es klappte nicht. Egal, wie sehr ich mich aufs Aufwachen konzentrierte, mit geschlossenen Augen, immer wenn ich die Augen wieder öffnete, befand ich mich noch in der Bibliothek, und dieser Kerl starrte mich erschrocken an.
„Was machst du da?“, erkundigte er sich. „Hast du einen epileptischen Anfall?“
„Einen epileptischen Anfall im Stehen? Ich versuche nur aufzuwachen. Ich will hier weg! Sofort!“
„Ich glaube auch, das wäre besser. Irgendwas stimmt mit dir nicht, wenn du glaubst, du könntest dich aus einem Modemagazin anziehen.“
„Du kannst ja auch aus einem Buch satt werden!“
„Das ist was Anderes.“
„Ach so!“ Ich beschloss, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen. „Also gut, wenn ich mich nicht aus Modezeitschriften anziehen kann, dann gibt es hier aber dennoch vielleicht etwas, das ich anziehen könnte? Ich fühl mich nicht wohl, wenn du mich so anstarrst!“
„Du bist schön.“
„Ja, das kann schon sein.“
„Bestimmt wollen die Jungs in deinem Alter alle mit dir schlafen.“
Was ist jetzt los? „Ja, schon … also vielleicht nicht alle, aber einige. Willst du … willst du mich vergewaltigen?“
„Dich vergewaltigen? Ich bin doch nicht lebensmüde. Mal ganz abgesehen davon, dass ich so was nie mache.“
„Was? Sex?“
„Frauen vergewaltigen! Willst du mich beleidigen?“
„Entschuldige …“
„Schon gut. Also, wollen wir uns darüber unterhalten, wieso du plötzlich in meiner Bibliothek bist? Nackt?“
„Ja. Ich glaube, mein Unterbewusstes will mir sagen, dass ich die Finger von älteren Männern lassen soll!“
„Aha. Was machst du mit älteren Männern?“
„Sex?“
„Aber freiwillig, nehme ich an?“
„Ja, sicher.“
„Wo ist dann das Problem?“
„Keine Ahnung!! Jedenfalls habe ich jetzt diesen Traum, und vielleicht hat mein Unterbewusstsein ein Problem damit!“
„Es gibt kein Unterbewusstsein.“
„Was?“
„Es gibt nur das Unbewusste. Was soll das, Unterbewusstsein? Etwas ist entweder bewusst oder es ist nicht bewusst. So ein Unsinn mit Unterbewusstsein. Bewusstsein ist doch nicht hierarchisch!“
„Um ehrlich zu sein, habe ich jetzt absolut keine Lust auf diese Diskussion. Ich will nach Hause!“
„Dreh dich doch dreimal um die eigene Achse.“
„Vollidiot!“
„Ich habe es nicht nötig, mich von dir beleidigen zu lassen! Ich bin Toll Schreiber! Merk dir das gefälligst!“
Ich starrte ihn entgeistert an. Was erlaubte er sich? Er, eine Figur in meinem Traum? Ich könnte ihn jederzeit auslöschen, seine gesamte Existenz, bis auf die schwache Erinnerung an ihn, indem ich einfach aufwache!
Wenn ich denn nur aufwachen könnte.
„Schon gut. Was machen wir denn jetzt?“
„Woher soll ich das denn wissen? Ist doch dein Traum!“
„Du hast doch all die Bücher gegessen. War da nichts dabei, wie man aus einem Traum aufwacht?“
„Hm. Lass mich mal kurz nachdenken.“ Er wandte sich ab. Endlich starrte er mich nicht mehr so an. Ich atmete durch. Doch es dauerte nicht lange, bis er sich wieder in meine Richtung drehte. „Doch, da war etwas. Ich weiß nicht mehr, in welchem Buch es stand. Vielleicht war es gar kein Buch. Aber ich erinnere mich, dass ich mal gelesen habe, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr aufwachen zu können und sich ganz sicher ist, in einem Traum zu sein, dann soll man aufhören, so zu tun, als wäre man in einem Traum. Wenn man den Traum als Realität akzeptiert, wacht man automatisch auf. Du musst nur einfach das tun, was du jetzt tun würdest, wenn du ganz sicher wärst, nicht in einem Traum zu sein.“
„Oh je.“
„Was würdest du denn tun, wenn das alles real wäre?“
„Dich küssen.“
„Mich küssen?“
„Ja. Oder bist du kein Mann?“
„Doch. Aber du küsst doch nicht jeden Mann, dem du begegnest.“
„Nein, nicht jeden. Aber wenn ich in einer Bibliothek neben einem Bett stehend, nackt, einem Mann begegnen würde, dann würde ich den ganz sicher küssen. Denn wenn es real wäre, dann hätte ich es so gewollt und dann würde ich diesen Mann ganz sicher küssen wollen.“
„Das ist nicht ganz unlogisch“, stellte er fest.
„Danke. Also werde ich dich küssen und aufwachen.“
„Warte mal!“ Er hob abwehrend die Hände, als ich entschlossen auf ihn zuging. „Wer sagt denn, dass ich dich auch küssen will?“
„Willst du etwa nicht?“ Ich breitete die Arme aus und zeigte ihm alles, was ich bis dahin so sorgsam vor ihm bedeckt hatte. Er schloss die Augen. „Hey, so hässlich bin ich bestimmt nicht!“
„Bist du ja auch nicht. Aber … es wäre nicht gut … wenn du mich küssen würdest.“
„Wieso nicht?“
Er gab keine Antwort, stand nur einfach da, mit geschlossenen Augen.
Mir kam eine Idee. „Hast du überhaupt schon mal eine Frau geküsst?“
Seine Mundwinkel zuckten.
„Also nein. Na, dann wirds aber höchste Zeit!“ Ich trat zu ihm, stellte mich auf die Zehenspitzen und nahm sein Gesicht in die Hände.
„Vielleicht will ich aber gar nicht“, flüsterte er.
„Schau mich an und sag, dass du nicht willst, dass ich dich küsse, dann tue ich es auch nicht!“
Er öffnete tatsächlich die Augen und schaute mich an. „Ich … ich will … dass du mich küsst.“
Na also. Geht doch. Ich beugte mich vor und berührte seine Lippen mit meinen Lippen.

Es knallte.
Es war dunkel.
Ich lag auf dem Boden.
Dann wurde mir klar, dass ich aus dem Bett gefallen war. Ich lag in meinem Zimmer auf dem Boden und war aus dem Bett gefallen. Gerade in dem Moment, als ich diesen Kerl küssen wollte. In dem Moment, als dieser verrückte Traum endlich interessant wurde, fiel ich aus dem Bett.
Klasse.
Tja, liebes Tagebuch, das war meine Begegnung mit Toll Schreiber heute Nacht. Irgendwie war der Traum so real, dass ich selbst jetzt noch seine Nähe spüre. Ich kann ihn sogar riechen.
Ich glaube, ich brauche einen Freund. Oder will mir der Traum sagen, dass ich mal wieder ein Buch lesen sollte? Wer weiß, vielleicht finde ich ja mal eins, aus dem Buchstaben fehlen. Und dann weiß ich, dass Toll Schreiber dieses Buch auch schon in den Händen gehalten hat. Wäre schon geil, irgendwie.

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Fionas Tagebuch: Das Baby, Herr Mut, Toll Schreiber und ich

Fiona

„Dem Baby geht es gut.“ Dieser Satz der Ärztin rettet mir den Tag. Dem Baby geht es gut. Gibt es Wichtigeres?
Als ich die Praxis verlasse, strahle ich vermutlich mehr als alle Kernkraftwerke der Erde zusammen. Und das sieht mir bestimmt jeder an. Hach, was bin ich glücklich!
Es ist ja nicht so, dass ich mir keine Gedanken mache. Während ich vor dem Schaufenster mit den Kinderwagen stehe, denke ich darüber nach, wie leichtsinnig es eigentlich von mir ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Gar nicht einmal wegen des Zustands der Welt, denn dieser ist, nüchtern betrachtet, weder besser noch schlechter als früher. Die Zeit, in der ich lebe, hat ihre Eigenheiten, aber die hatte jede Zeit.
Doch ich muss mir selbst die Frage zugestehen, ob es wirklich klug ist, dass ich als Kriegerin ein Kind bekomme und mich damit noch erpressbarer mache, als ich es sowieso schon bin.
Und ich weiß keine eindeutige Antwort darauf. Ja, es ist leichtsinnig und nicht so klug, aber andererseits gilt das nicht in irgendeiner Form für jede Mutter? Soll die Menschheit etwa aussterben, bloß weil wir Mütter Angst davor haben, was unserem Kind alles zustoßen kann? Oder sollen wir Mütter eine Gefahreneinstufung machen, bevor wir schwanger werden?
Nein, das kann nicht die Antwort sein.
Ich wende mich vom Schaufenster ab und gehe zielgerichtet auf das kleinen Café an der Straßenecke zu, das erst vor Kurzem eröffnet hat, aber einen sehr einladenden Eindruck macht. Es gibt Tische draußen und drinnen, draußen mit hübschen mokkafarbenen Sonnenschirmen, die Tische in einem passenden Grau und die Stühle mit ebenfalls mokkafarbenen Sitzkissen.
Liebevoll gestaltet, das mag ich.
Es ist voll. Innen wäre noch ein kleiner Ecktisch frei, aber die stickige Luft will ich mir und meinem Kind nicht antun. Ich lasse meinen Blick über die Gäste draußen schweifen, in der Hoffnung, Zeichen eines Aufbruchs zu erkennen, da sehe ich plötzlich jemanden, der mir bekannt vorkommt.
Ich stutze.
Und sehe genauer hin.
Obwohl ich ihn nur einmal in meinem ganzen Leben getroffen habe, und auch diese Begegnung ist schon ein paar Jahre her, erkenne ich ihn trotzdem sofort wieder. Er ist in Begleitung eines anderen Mannes, den ich allerdings nicht kenne.
Während ich noch darüber nachdenke, ob ich ihn ansprechen soll, entdeckt er mich auch. Sein Gesichtsausdruck dabei ist goldig und wechselt von Erschrecken zu verhaltener Freude. Aber schließlich winkt er mir zu und ich gehe zu den beiden hin.
„Guten Tag, die Herren“, begrüße ich sie. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Aber selbstverständlich!“, erwidert der mir fremde Mann und springt auf, um mir den Stuhl zurechtzurücken. Ob das am Babybauch liegt oder an der Tatsache, eine Frau zu sein, weiß ich nicht so genau.
„Vielen Dank“, sage ich, nachdem ich mich gesetzt habe. Dann mustere ich den anderen Mann. „Herr Schreiber, wollen Sie mich nicht bekanntmachen mit Ihrem Freund?“
„Ich würde nicht so weit gehen, ihn als Freund zu bezeichnen“, murmelt Toll Schreiber. „Und im Übrigen, es mutet mich seltsam an, dass eine Frau, die mich geküsst hat, mich mit dem Nachnamen anredet. Und nochmal im Übrigen, das ist Herr Mut. Herr Mut, diese blonde Frau ist Fiona, die Frau aus der Bibliothek. Allerdings war sie damals nicht schwanger und auch deutlich jünger.“
Ich gebe Herrn Mut lächelnd die Hand. „Ich verstehe zwar kein Wort, freue mich aber trotzdem, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
„Bin ebenfalls erfreut, Fiona. Herr Schreiber deutet an, dass ich genau in dem Augenblick in der Bibliothek aufgetaucht bin, als Sie aus dem Traum aufgewacht zu sein schienen. Ich traf Herrn Schreiber noch in küssender Position an.“
„Oh!“, rufe ich. „Das ist ja ulkig. Das hieße dann ja, dass ich schon wieder träume?“
„Wenigstens sind Sie bekleidet“, stellt Toll Schreiber fest.
„Ja, manchmal kommt auch das vor.“
Herr Mut lächelt amüsiert, Toll Schreiber schüttelt den Kopf. Aber ein leichtes Lächeln versteckt sich auch in seinen Mundwinkeln.
„Und was genau machen Sie hier, Fiona?“, erkundigt sich Toll Schreiber dann.
Bevor ich antworten kann, bestelle ich bei der Kellnerin, die genau in diesem Moment an unserer Tisch tritt, Kaffee und Apfelkuchen.
„Ich war bei meiner Frauenärztin, zur Kontrolle. Ultraschall.“
„Ich verstehe. Und wie geht es dem Kleinen?“
„Der Kleinen geht es bestens“, erwidere ich.
„Ein Mädchen also, wie Sie?“
Ich starre Toll Schreiber an. „Das hört sich ja fast schon wie ein Vorwurf an!“
„Nun, mir ging gerade der Gedanke durch den Kopf, dass diese Welt ja schon Sie hat, warum muss es auch noch Ihre Tochter sein?“
„Herr Schreiber!“, ruft Herr Mut entsetzt.
„Herr Mut, Sie haben es nötig!“
„Herr Schreiber, was genau wollen Sie damit bitte zum Ausdruck bringen?“
„Hey, ihr beiden!“, rufe ich lachend. „Was soll das denn werden? Ich finde es witzig, was Toll Schreiber da gesagt hat. Schließlich weiß ich sehr wohl, was die Welt an mir hat. Ich bin ganz sicher anstrengend, chaotisch, eine Plage.“
„Fiona, das ist doch nicht Ihr Ernst?“ Herr Mut starrt jetzt mich an.
„Warum nicht? Ich mache mir da nichts vor, Herr Mut.“
„Sie scheinen es aber auch durchaus zu genießen, oder irre ich mich da?“
„Nun, ich bin nicht unglücklich mit meiner Rolle, Herr Mut. Ich meine, diese Welt ist doch grau und trist genug, ich halte es für sehr wichtig, da Farbtupfer als Akzente zu setzen. Und seien wir doch ehrlich: Die Menschen wünschen sich doch, so konsequent ehrlich zu sein wie ich, trauen sich aber nicht.“
„Ach“, sagt Herr Mut.
Ich bemerke, wie Toll Schreiber eine Augenbraue hochzieht und stelle für mich im Geheimen fest, dass er das fast so gut kann wie mein geliebter Ehemann, der Meister minimalistischer Mimik. Dann kommen mein Kaffee und der Apfelkuchen mit Sahne. Genau gesagt, sie werden gebracht, von der überaus freundlichen Kellnerin mit dem überaus tiefen Dekolleté.
Ich trenne mit der Gabel eine Ecke vom Apfelkuchen ab, führe das Stück in meinen Mund und betrachte beim Kauen die beiden Herren, die ihrerseits mich betrachten.
„Der Kuchen schmeckt vorzüglich“, stelle ich fest. „Kann ich empfehlen.“
Beide nicken und Toll Schreiber antwortet: „Wir hatten auch Apfelkuchen und sind daher in der Lage, Ihre Begeisterung nachzuvollziehen.“
„Das haben Sie schön gesagt, Herr Schreiber“, erwidere ich mit vollem Mund, denn ich kaue bereits das zweite Stück vom Apfelkuchen. „Sagen Sie, was genau machen Sie beide eigentlich hier?“
„Nun“, setzt Toll Schreiber an, „das ist eine sehr existenzielle Frage. Eigentlich könnten wir eher fragen, was Sie hier machen. Immerhin haben Sie sich aus Ihrem eigenen Traum sehr effektvoll entfernt, als er gerade interessant wurde.“
Meine Hand verharrt mitten in der Bewegung zu meinem Mund und ich betrachte Toll Schreiber nachdenklich. „Dafür, dass Sie sich so gegen den Kuss gewehrt haben, scheinen Sie ihm doch ziemlich nachzutrauern.“
„Nun ja, ich kann nicht leugnen, dass ein Kuss von Ihnen durchaus etwas Anregendes hat, selbst für einen alten Buchstabengourmet wie mich.“
„Übrigens, wieso haben Sie Apfelkuchen gegessen? Bekommen Sie davon keine Magenverstimmung?“
„Ich bin auf Freigang.“
„Wie bitte?“
„Ich befinde mich außerhalb meiner gewohnten Welt und kann ganz normal essen. Mir ist zwar ein Rätsel, wie das geschehen konnte, aber es ist so.“
„Nun, das gilt in gewisser Weise auch für mich“, ergänzt Herr Mut. „Allerdings habe ich eine Vermutung, was geschehen sein könnte.“
„Ach. Da bin ich ja mal gespannt!“
„Herr Schreiber, ich habe Ihnen doch schon mal gesagt, Sie sollen mir mein ‚Ach‘ nicht klauen!“
„Herr Mut! Herr Schreiber! Sie beide benehmen sich kindisch!“
„Fiona, Sie sind gerade die Richtige, etwas über kindisches Benehmen zu erzählen.“
„Was genau meinen Sie damit, Herr Schreiber?“, erkundige ich mich, während ich gleichzeitig das letzte Stück vom Apfelkuchen in den Mund schiebe.
„Ich meine damit, dass Sie sich ja viel kindischer benehmen als Herr Mut oder ich.“
„Ach. Das ist mir neu.“
„Es ist aber so. Denken Sie nur an Ihr Verhalten in der Bibliothek. Oder wollten Sie sich nicht aus Modemagazinen bekleiden?“
„Sie ernähren sich ja auch normalerweise von Buchstaben! Ist das etwa nicht kindisch?“
„Herr Mut, jetzt sagen Sie doch auch mal was!“ Toll Schreiber blickt seinen Freund, oder wer Herr Mut auch immer sein mag, hilfesuchend an.
Herr Mut räuspert sich. „Also, wenn meine Vermutung richtig ist, benimmt sich niemand kindisch. Ich vermute nämlich, dass wir uns wieder in einem Traum von Fiona befinden.“
„In meinem Traum?!“
„Oh, vielleicht hilft ja dann wieder ein Kuss …“ Toll Schreiber errötet dezent, als sowohl Herr Mut als auch ich ihn entgeistert anstarren. „Ich dachte nur, so als Lösung …“, murmelt er.
„Herr Schreiber, nur zu Ihrer Information: Ich bin inzwischen verheiratet. Übrigens mit einem Mann, der Minimalismus im Ausdruck, insbesondere Gefühle, ähnlich perfekt beherrscht wie Sie.“
„Sind Sie sicher, dass Sie auch in diesem Traum verheiratet sind?“
„Wenn wir davon ausgehen, dass ich nicht, ähnlich der Jungfrau Maria, ohne männliches Zutun zu meiner Schwangerschaft gekommen bin, dann ja!“
„Wir sollten keine Möglichkeit ausschließen“, erwidert Herr Mut.
„Äh … hä??“
„Herr Mut, das war unangebracht“, stellt Toll Schreiber fest. „Sie haben Fiona um ihre Fassung gebracht.“
„Hä?“
„Sie auch, Herr Schreiber.“
„Äh … jetzt mal langsam, Jungs. Ihr habt mich nicht um meine Fassung gebracht! Fassungslosigkeit sieht bei mir ganz anders aus! Jedenfalls, ich könnte mir vorstellen, dass Herr Mut recht hat mit seiner Vermutung, wir befänden uns in einem Traum von mir. Aber mal angenommen, dies trifft so zu, bedeutet es noch lange nicht, dass ich daran interessiert bin, diesen Traum zu verlassen.“
„Und wieso nicht?“, fragt Toll Schreiber entgeistert.
„Herr Schreiber!“, sagt Herr Mut. „Sie wollen doch bloß Ihren Kuss ergaunern!“
„Herr Mut, ich weise diese Unterstellung aufs Entschiedenste zurück!“
„Herr Schreiber, das können Sie gerne tun, ändert aber nichts daran, dass Ihre Absichten ganz und gar offenkundig sind!“
„Welche Absichten denn?“, erkundige ich mich.
„Von Ihnen geküsst zu werden“, antwortet Herr Mut.
„Ist das wahr, Herr Schreiber?“
„Selbstverständlich nicht!“, erwidert der Verdächtigte.
„Heißt das, Sie wollen gar nicht von mir geküsst werden, Herr Schreiber?“
„Das habe ich so nicht gesagt!“
„Ja, aber was denn nun, Herr Schreiber?“, fragt Herr Mut sichtlich amüsiert. „Ich kann ja durchaus nachvollziehen, dass Sie von einer attraktiven Dame wie Fiona geküsst werden möchten.“
„Wie bitte?“, frage ich entgeistert.
„Halten Sie sich etwa nicht für attraktiv? Oh, oh, das deutet auf eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung hin und nennt sich Minderwertigkeitskomplex.“
„Wie bitte? Ich meine, natürlich weiß ich, dass ich attraktiv bin! Aber ich bin ganz sicher keine Dame!“
„Ach so, das meinen Sie. Ich schlage vor, wir widmen uns wieder dem wichtigsten Thema.“
„Und das wäre welches?“, fragt Toll Schreiber.
„Nun, ich denke, wir sollten herausfinden, ob wir uns in einem Traum von Fiona befinden und falls ja, wie wir weiter vorgehen.“
„Warum?“
Jetzt starren die beiden Männer mich an, im Rahmen ihrer minimalistischen Möglichkeiten durchaus entgeistert.
„Was genau meinen Sie mit dieser Frage?“, erkundigt sich schließlich Herr Mut.
„Warum sollten wir herausfinden wollen, wie wir weiter vorgehen?“
„Nun ja, ich denke, wir befänden uns sonst in einer Situation, die auf Dauer unhaltbar wäre.“
„Warum?“
„Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrem ‚Warum?‘!“, bricht Herr Mut aus. „Sie können einen ja zum Wahnsinn bringen!“
„Sagte ich doch“, sagt Toll Schreiber.
Ich sehe ihn an. „Was soll das heißen, sagten Sie doch?“
„Ich habe Herrn Mut bereits angedeutet, dass es schwierig mit Ihnen ist.“
„Ach?“
„Sehen Sie, Herr Mut, sie klaut Ihnen sogar Ihr ‚Ach?‘. Was zu beweisen war.“
„Ihr zwei seid ja spaßige Gesellen“, stelle ich fest. „Vielleicht will ich ja mit euch richtig Spaß haben.“
„Wie meinen Sie das?“, erkundigt sich Toll Schreiber misstrauisch.
Ich muss lachen, als ich sein Gesicht sehe. „Habe ich Sie etwa erschreckt, Herr Schreiber? Nun, Sie beide sind Männer und ich bin eine Frau. Was könnte ich wohl meinen?“
Toll Schreiber bleibt die Sprache weg, das sehe ich ihm deutlich an. Auch Herr Mut wirkt etwas konsterniert, aber er scheint sich schneller zu fangen.
„Nun, ich gehe zwar nicht davon aus, dass Sie gerade nicht scherzen, aber gesetzt den Fall, Sie würden es ernst meinen, wüsste ich Ihr Angebot selbstverständlich zu schätzen, Fiona, müsste aber dennoch, wenn auch mit großem Bedauern, ablehnend bescheiden.“
„Oh, Herr Mut, das war jetzt aber sehr umständlich ausgedrückt. Darf ich denn wenigstens erfahren, warum Sie keinen Spaß mit mir haben möchten?“
„Weil Sie verheiratet sind.“
„Aber in meinem Traum darf ich doch Spaß haben, wann und mit wem ich will!“
„Das, liebe Fiona, sehe ich etwas anders.“
„Ach?“
„Da!“, ruft Toll Schreiber ganz aufgeregt. „Sie hat es schon wieder getan!“
„Genau, da war es wieder, das böse, böse Ach-Wort. Nun, Herr Schreiber, Herr Mut hat meinen Vorschlag abschlägig beschieden. Wie ist es denn mit Ihnen?“
„Äh …, ja, also, ich glaube, ich bescheide auch abwegig.“
„Abwegig?“, erkundige ich mich.
„Ich meinte selbstverständlich abschlägig“, erwidert Toll Schreiber kühl.
„Das ist interessant. Sie beide wollen echt keinen Spaß mit mir haben? In meinem Traum?“
„Es geht nicht ums Wollen, Fiona“, erklärt Herr Mut ruhig. „Es geht darum, dass es falsch wäre. Sie würden Ihren Mann betrügen und das wäre auch in einem Traum falsch.“
„Und warum? Es passiert ja nicht wirklich!“
„Gerade Sie müssten doch wissen, Fiona, dass das so nicht stimmt. Was sind denn unsere Träume, wenn nicht der Ausdruck unseres Willens? Es ist nicht richtig zu sagen, die Ereignisse in unseren Träumen wären nicht real. Selbst wenn das stimmte, was es nicht tut, wäre es falsch, den Ausdruck unseres Willens nicht als Realität einzustufen. Denn es geht nicht darum, ob wir eine Handlung tatsächlich ausführen, insbesondere, wenn wir nicht einmal sicher sein können, dass es eine Realität gibt, die wirklich real ist, sondern davon ausgehen müssen, dass alles eine Illusion ist. Und gerade Sie wissen das doch sehr genau, Fiona. Nicht wahr?“
„Das stimmt.“
„Sehen Sie, und darum geht es. Wir sind für unsere Handlungen verantwortlich, egal, wo und wann sie stattfinden. Wir haben keine zuverlässige Möglichkeit, zu erkennen, ob wir träumen oder nicht, denn wir sind immer in der Illusion der Realität gefangen.“
„Das ist richtig, Herr Mut“, bestätige ich.
„Aus diesem Grund sollten Sie bestrebt sein, diesen Traum zu verlassen. Sie befinden sich in der äußerst glücklichen und seltenen Lage, stets sehr genau erkennen zu können, ob Sie träumen oder nicht, Sie sind sogar in der Lage, die Illusion zu durchschauen. Habe ich recht?“
Ich nicke. „Ja, da haben Sie recht, Herr Mut. Aber woher wissen Sie das?“
Lächelnd hebt er seine Kaffeetasse an die Lippen und sagt dabei: „Wir sind doch alle in Ihrem Traum, Fiona, vergessen Sie das nicht.“
Ich erwidere sein Lächeln. „Also gut, Herr Mut, Sie haben mich überzeugt. Sehr bedauerlich für Sie, Herr Schreiber, denn das bedeutet, dass ich auch ohne Ihren Kuss aufwachen kann. Ich muss es nur wollen.“
„In der Tat, sehr bedauerlich“, erwidert Toll Schreiber. „Es freut mich allerdings, dass Sie sich offensichtlich weiterentwickelt haben.“
„Alles andere wäre ja traurig.“ Ich erhebe mich und lege Geld auf den Tisch. „Da wir uns in meinem Traum befinden, sind Sie natürlich meine Gäste. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, vielleicht sehen wir uns ja wieder.“
Sie nicken beide und ich gehe.

„Ich hatte heute einen irren Traum“, erzähle ich James beim Frühstück.
„Was hast du denn geträumt, mein Schatz?“, erkundigt sich mein Göttergatte mit dem ihm so typischen nur ansatzweise ironischen Unterton, der mich unwillkürlich nach der nächsten Palme Ausschau halten lässt.
„Ich hatte Spaß mit zwei Männern“, antworte ich und beiße in mein Brötchen.
„Ach. Im Traum?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Was ist Traum, was ist Illusion, was ist Realität?“ Ich schenke ihm ein Lächeln. „Weißt du, ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ein Mensch seinen Werten immer treu bleibt. Oder?“
James nickt. „Da widerspreche ich nicht. Und du bist deinen Werten treu geblieben?“
„Ich denke schon.“
„Das ist doch gut. – Ich muss los, in zehn Minuten ist der erste Termin.“ Er schluckt hastig den letzten Bissen hinunter, schnappt sich seinen Blazer und geht aus der Küche.
Nur um gleich darauf wiederzukehren und zu mir zu kommen. Er legt eine Hand auf meinen Bauch und gibt mir einen Kuss.
„Ich hole dich heute Abend im Büro ab und wir essen auswärts. Einverstanden?“
„Ist gut, mein Schatz“, erwidere ich lächelnd.
Diesmal geht er wirklich. Ich blicke Danny an, der neben mir sitzt und erwartungsvoll meinen Teller ansieht.
„Du hast auch deine Werte, denen du unter allen Umständen treu bleibst, oder, Danny? Na komm, wir gehen eine Runde, danach bekommst du auch was zu essen.“
Ich erhebe mich etwas schwerfällig. Irgendwie freue ich mich doch auf meine Tochter.
Sehr sogar.