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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Bis nach oben in die Kemenate schallt das fröhliche Stimmengewirr der Hochzeitsgäste. Die kehlige Stimme eines Troubadours, der den „Canzon von der schönen Lilie“ angestimmt hat, untermalt die festliche Szenerie, die zuweilen schon recht ausgelassen wird. Olivier lehnt lässig mit verschränkten Armen am Türpfosten und betrachtet seine Schwester Raymonde, die geduldig die zupfenden Handgriffe der Zofen über sich ergehen lässt.
„Nun sag’ schon, Brüderchen: Wie sehe ich aus?“ Raymonde reckt stolz ihr Kinn in die Höhe und posiert in tänzerischer Haltung. Eine lange kastanienbraune Haarsträhne löst sich aus ihrer hochgesteckten Frisur und fällt in sanften Wellen über ihr Dekolletee.
„Steh’ doch still!“, rügt Ermessende ihre Tochter. Wendig schlüpft die Baronin trotz ihres vorstehenden Bauches zwischen Zofen, Stoffbahnen, spielenden Kindern und Raymonde herum, um kleine Blüten auf deren Kleid zu nähen. „Blanche, bitte geh’ mit Guillem in der Ecke spielen. Ich brauche mehr Platz, um deine Schwester für ihre Vermählung zu schmücken“, stöhnt die Burgherrin nervös und schnappt den zweijährigen Knaben, um ihn weiter weg wieder abzusetzen, während seine Mutter, Dame Alazais de Roquefort, zeternd versucht, die Frisur der Braut wieder in Ordnung zu bringen.
Olivier lacht laut auf und seine Stimme überschlägt sich, als er antwortet: „Mein angehender Schwager Guilhem-Jourdain wird alle Hände voll damit zu tun haben, dich heute Abend wieder zu entkleiden!“
„Oh mein Gott, Brüderchen! Sprich bitte kein Wort, wenn du mich zum Altar führst. Du zerstörst mir mit deiner schrillen Stimme die ganze Zeremonie“, stöhnt Raymonde. „Und bitte – sing heute nicht! Sonst laufen mir die Gäste davon!“
„Das ist aber bedauerlich“, beschwert sich der Junker gespielt. „Ich habe allein zu diesem Anlass einen Canzon für dich gedichtet und wollte die einmalige Gelegenheit nutzen, mich mit den anderen Troubadouren zu messen.“ Olivier hebt mit übertriebener Gestik zum Gesang an. Es gelingt ihm ein sonorer männlicher Basston, den er jedoch nicht halten kann, ohne dass ihm seine Jungenstimme wieder einen Streich spielt. Von hinten legt sich eine kräftige Hand auf Oliviers Mund und erstickt den schrägen Laut.
„Einen wunderschönen Morgen wünsche ich den Damen“, ertönt der Bariton des Mannes, dem die Hand gehört. Er lässt den verdutzten Junker los und geht an ihm vorbei auf Raymonde zu. Der Edelmann deutet eine Verbeugung an:
„Die Kammer ist geschmückt mit den Schönsten aller Blumen und ich kann mich nicht entscheiden, welche ich am liebsten pflücken würde, meine Gemahlin Ermessende oder ihre Tochter Raymonde!“
Die Frauen kichern. Verschmitzt lächelnd streichelt die Baronin ihre dralle Leibesmitte, wobei sie es nicht lassen kann, den freundlichen Eindringling wieder hinauszukomplimentieren:
„Bernard-Hugues de Serrallonga, du störst hier nur! Geh’ zu den Männern. Oder besser noch: Achte darauf, dass der Bräutigam deiner Stieftochter nicht verloren geht!“
„Euer Wunsch sei mir Befehl, Ihr edlen Damen! Aber gebt mir zuerst den wohlverdienten Lohn für meine Mühe“, schäkert der Baron und drückt seiner Gemahlin einen Kuss auf die Wange und einen auf den Bauch. Ermessende schimpft verlegen über seine kratzenden Barthaare.
Im Hinausgehen stupst er seinem Stiefsohn freundschaftlich mit der Faust ans Kinn: „Prächtig siehst du aus, junger Mann. Du bist heute als Brautführer ein würdiger Stellvertreter deines Vaters. Ich freue mich schon darauf, mit dir nächste Woche am Hof von Barcelona angeben zu können.“
Olivier lächelt und gibt seinem Stiefvater einen angedeuteten Fausthieb zurück an die Schulter.
„Du hast aber vergessen, das Schwert des Barons von Termes anzulegen“, bemerkt Bernard-Hugues.
„Ich werde es gleich holen, Pairin“, antwortet der Junker beifällig.
„Das Haus wird leer, Ermessende. Raymonde heiratet heute und zieht auf das Castèl ihres Ehegemahls und dein Sohn geht an den königlichen Hof, um seine Ausbildung zum Ritter zu vollenden. Es wird Zeit, dass wir für Nachwuchs sorgen. Ansonsten sind wir beide hier auf Serrallonga bald alleine“, scherzt der Baron an seine Gattin gewendet, worauf ein Nadelkissen Richtung Tür fliegt, dem Baron und Bursche gerade noch ausweichen können. Unter schallendem Gelächter machen sich die beiden davon.
Der Saal ist gefüllt von den Adligen der Umgebung. Nicht alle haben der Trauungszeremonie in der Kirche beigewohnt. So auch nicht Benoît, der trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Ehe und somit ungezügelter Geschlechtlichkeit – nach seinen Worten „legalisierter Hurerei“ – in Begleitung seines neu in die Gemeinschaft der Vollkommenen aufgenommenen Mitbruders Bertrand Marty, aus dem Razès angereist ist. Olivier begrüßt die beiden Bonshommes respektvoll mit dem Melioramentum. Strahlend schließt ihn Benoît danach in die Arme, was den Junker verdutzt, da er im Kindesalter solche Herzlichkeit nie von seinem Onkel erfahren hat.
„Groß bist du geworden und im Aussehen deinem Vater ähnlich. Du hast seine hellen Augen und Haare – und ich hoffe auch seinen Mut“, sagt Benoît bewundernd zu seinem Neffen, der ihm in gleicher Augenhöhe gegenüber steht.
„In ein paar Tagen werde ich mit Bernard-Hugues an den Hof von Nuno Sancho nach Barcelona gehen.“
„Ich weiß. Ich bin auch gekommen, um dich noch einmal wiederzusehen. Fast drei Jahre sind seit dem letzten Mal vergangen und wer weiß, was in den nächsten Jahren mit uns geschehen wird.“
„Werdet Ihr nach den Feierlichkeiten ins Razès zurückkehren? – Man munkelt, dass ein Heer von hunderttausend neuen Kreuzfahrern nach Ostern in Okzitanien eintreffen wird“, fragt Olivier besorgt.
„Vorläufig werde ich bei deiner Mutter bleiben und die Erziehung deines Bruders Bernard und deiner Schwester Blanche übernehmen. Schließlich wird Ermessende bald niederkommen, da kann ihr etwas Beistand nicht schaden.“
„Raymond de Toulouse flieht vor den Pilgertruppen mit seiner Familie bereits ins Exil nach England“, mischt sich ein Tischnachbar der Bonshommes in das Gespräch ein. „Er hat alle seine Besitzungen dem päpstlichen Legaten übergeben.“
„Das klingt recht hoffnungslos“, kommentiert ein anderer, „wenn Raymond, so völlig besitzlos, auf die Gastfreundschaft der Engländer vertraut.“
Benoît, der sich inzwischen an der Tafel niedergelassen hat, packt still sein Speisegeschirr aus, das er, in ein sauberes, weißes Cambriktischtuch gehüllt, immer bei sich trägt. Um jede Verunreinigung seiner Nahrung mit Tierischem zu verhindern, darf es niemand sonst berühren und er selbst wird es nach der Mahlzeit wieder neunmal unter fließendem Wasser spülen.
Mit Handzeichen bittet er Olivier, neben ihm Platz zu nehmen und fügt zu den politischen Bemerkungen der Ritter hinzu:
„Sehr wahrscheinlich wird unsere Braut bald wieder von ihrem Guilhem-Jourdain allein gelassen werden und vielleicht ist es auch nicht ratsam, wenn sie schon jetzt auf seine Burg Saint-Félix, so nahe vor Toulouse, zieht. Die Region ist nicht sicher, wenn die Kreuzfahrer kommen. Und sie werden in Scharen kommen, dessen seid Euch gewiss.“
Auf das Gespräch aufmerksam geworden, wendet sich Bernard-Hugues, der am Ende des Tisches steht, ihnen zu: „Was wisst Ihr Neues?“
„Nichts, was hier nicht schon in aller Munde ist. Ich kann es nur bestätigen. Denn seit König Phillippe Auguste von Frankreich seine Mannen nicht mehr für seine Scharmützel mit England benötigt und deshalb das Verbot, den Kreuzzug in Frankreich zu predigen, aufgehoben wurde, droht eine Flutwelle an kampfhungrigen Pilgern auf uns zuzurollen. Außerdem hat Innozenz ja jetzt seinen Willen bekommen … “
„Du musst den Grafen von Toulouse aus dem Land jagen, das er in Besitz hat, es den Sektierern entreißen und es guten Katholiken geben, die unter deiner glücklichen Herrschaft treu dem Herrn dienen können.’ So schrieb einst der Papst an den König von Frankreich“, greift ein Barde theatralisch das Thema auf, wobei er die Worte Innozenz’ ins Lächerliche zieht. Mit singender Stimme erzählt er weiter: „Da der König zögert, ruft die Kirche selbst zum Kreuzzug auf: ‚Erhebt Euch, Soldaten Christi! Erhebt Euch, christliche Fürsten: Die Tränen der Kirche suchen dringend den Weg zu Eurem Herzen. Erhebt Euch und fällt das Urteil! Gürtet Euer Schwert. Wacht über die Einheit des Königtums und der Kirche, bekräftigt von Moses und Petrus, von den Vätern beider Testamente. Kommt Ihr zu Hilfe. Vernichtet durch Gewalt und Schwert diese Häretiker, die viel gefährlicher sind als die Sarazenen!’“
Der Baron de Serrallonga reicht dem Troubadour ein Glas Wein und lässt ein weiteres für sich eingießen, während er zu den ihn umgebenden Hochzeitsgästen spricht:
„Lasst uns heute nicht allzu viel über Politik reden. Was gehen uns diese Fanatiker an, die sogar ihre Kinder in den Kreuzzug nach Jerusalem schicken und nichts dagegen unternehmen, wenn die wehrlosen Kleinen von Geschäftemachern aus den eigenen Reihen geschändet und in die Sklaverei verkauft werden. – Vergessen wollen wir alle traurigen Geschehnisse. Hebt mit mir Euer Glas und lasst meine Stieftochter und ihren Gemahl hochleben!“
Unter fröhlichem Getöse erheben sich alle im Saal von ihren Sitzen und prosten dem jungen Paar zu. Ermessende beugt sich zu Raymonde hinüber und flüstert ihr lächelnd ins Ohr:
„Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du und dein Guilhem-Jourdain genauso glücklich werdet wie ich und mein Bernard-Hugues.“ Sie streicht über die Wange ihrer ältesten Tochter und drückt ihr einen Kuss darauf. „Wann immer du Sorgen haben solltest, scheue dich nicht, mich zu rufen.“
„Danke Mama“, antwortet ihr Raymonde strahlend und wendet sich wieder ihrem Gatten zu, der gerade Olivier mit erhobenem Kelch grüßt. Mit der noch freien Hand umfasst Guilhem-Jourdain die schmalen Schultern seiner jungen Frau und küsst sie aus einer überschwänglichen Laune heraus vor aller Augen auf den Mund. Die Gäste im Saal johlen und klatschen. Raymonde treibt es die Schamröte ins Gesicht und sie senkt verlegen den Blick. Zufrieden lässt Ermessende ihren Blick auf dem Paar ruhen.
Es war richtig, denkt sie bei sich, darauf zu achten, dass meine Tochter nicht ebenso früh heiratet, wie ich es musste. Und auch, dass ich bei der Wahl des Ehegatten dafür Sorge trug, einen jungen Mann zu nehmen, wenn er auch nicht so wohlhabend ist. Guilhem-Jourdain ist ein stattlicher Ritter – zwar mit einer kleinen Baronie, aber von gutem Hause mit entsprechender Bildung, katharischer Gesinnung und dennoch gleicher Lebenslust wie Raymonde.
Die Tür zur Kammer seines Onkels steht offen. Olivier tritt ein, lässt seinen Blick kurz durch den leeren Raum schweifen und will sich gerade wieder zum Gehen umwenden, als seine Augen an einem aufgeschlagenen Manuskript auf dem Pult neben der Fensternische hängen bleiben. Er streicht vorsichtig über die Seiten. „Die ‚Interrogatio Johannis’ – das Evangelienbuch der Bonshommes“, flüstert er ehrfürchtig und betrachtet die liebevoll gestalteten Seiten mit den Ornamenten und bunt bebilderten Initialbuchstaben, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert haben. Er vertieft sich in den lateinischen Text und beginnt zu lesen:
„Und er, der Satan, dachte sich aus, den Menschen zu seinen Diensten zu erschaffen, und er nahm Lehm und machte den Menschen, ihm selbst ähnlich. Und er befahl dem Engel des zweiten Himmels, in den Körper aus Lehm zu gehen; und er nahm ein Stück davon und machte einen anderen Körper in der Gestalt der Frau und befahl dem Engel des ersten Himmels, in ihn zu gehen. Die Engel weinten sehr, als sie auf sich, diese sterbliche Hülle in unterschiedlichen Formen, sahen. Und er befahl ihnen, den fleischlichen Akt in diesen Lehmkörpern zu begehen. Sie wussten aber nicht, wie man sündigt. Darauf verfuhr der Urheber der Sünde so mit seiner List: Er pflanzte ein Paradies, setzte die Menschen hinein und befahl ihnen, nichts davon zu essen. Der Teufel betrat den Garten, baute Schilfrohr inmitten des Paradieses an. Er machte aus seinem Auswurf die Schlange und befahl ihr, im Schilf zu bleiben. So verbarg der Teufel die Arglist seines Betruges, damit sie seine Täuschung nicht sahen. Und er näherte sich ihnen mit den Worten: esst alle Früchte, die sich im Paradies finden, aber esst nicht die Frucht der Verderbnis. Darauf ging der gerissene Teufel in die böse Schlange und täuschte den Engel, der in der Gestalt einer Frau war, und verbreitete über ihrem Kopf die Begierde der Sünde: und die Begierde Evas war wie eine heiße Glut.’ “ Hier hält Olivier nachdenklich inne und sagt dann laut zu sich selbst: „Wenn dem so ist, sind Ehe und Liebe zwischen Mann und Frau weder gut noch eine Freude und erst recht nicht erstrebenswert. Warum sich dann vermählen?“
„Um Nachkommen zu zeugen“, spricht sein Onkel Benoît ihn von hinten an. Der Junker zuckt überrascht zusammen. Ins Grübeln versunken, hat er nicht bemerkt, dass der Vollkommene die Kammer betreten hatte.
„Wozu? – Um neue Körper zu schaffen, in denen der Teufel Engel einsperrt, die von da an unglücklich dieses menschliche Leben fristen müssen?“, entgegnet Olivier empört.
„Es soll nicht bedeuten, dass ich Verbindungen zwischen Mann und Frau gut heiße. Als dein Onkel muss ich es befürworten, dass du irgendwann heiratest und einen Sohn zeugst, um unsere Linie fortzuführen. Als dein Bonhomme weise ich dich darauf hin, dass die Ehe nur zur Empfängnis von Kindern gestattet ist. – Es muss nicht unbedingt sein, dass ein neuer Engel in einem Körper gefangen wird. Es gibt genügend Seelen, die wiedergeboren werden müssen, um über ein Leben als Bonhomme zurück zu unserem Guten Gott in die Seligkeit zu gelangen. Dazu ist eine Ehe unter gläubigen Katharern die beste Grundlage. Aber vergiss nicht“, Benoît hebt mahnend den Zeigefinger „die Verbindung des Fleisches, die Vereinigung von Mann und Frau, ist lediglich eine geschlechtliche Gemeinschaft. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist eine größere Sünde als der außereheliche, da er in diesem Lebensbund häufiger und für gewöhnlich ohne jedes Schamgefühl vollzogen wird. Die einzige geheiligte Ehe ist die Vereinigung der Seele mit Gott.“
„Wenn die Frau sich so leicht vom Teufel verführen lässt, ist sie dann ein Übel, das man meiden muss?“, fragt Olivier jetzt nachdenklich.
„Nein, den Unterschied zwischen Mann und Frau hat der Satan geschaffen und er darf darum in der Kirche der Reinen nicht gelten“, versucht der Bonhomme klarzustellen. „Beide sind gleichwertige Engelseelen.“
Von Bonhomme und Junker unbeachtet steht seit einigen Minuten Oliviers kleiner Bruder Bernard in der Tür zur Kammer ihres Onkels und wartet auf die Erlaubnis, eintreten zu dürfen.
„Komm nur herein“, fordert Benoît ihn auf.
Selbstsicher begrüßt der Knabe seinen Onkel mit dem Melioramentum.
„Nun, Bernard, üben wir beide das Schreiben der Lettern weiter?“ Aufmunternd winkt der Bonhomme seinen Neffen zum Pult, an dem der Siebenjährige zögernd Platz nimmt. Mit großen fragenden Augen fixiert er den Katharerdiakon und bittet schließlich, eine Frage stellen zu dürfen.
„Was brennt dir auf der Seele, mein Kleiner?“
„Mama trägt doch nun ein kleines Geschwisterchen in ihrem Bauch“, plappert Bernard sofort los. „Wie kann der Geist eines toten Menschen durch ihren Mund zum Mund dieses Kindes kommen?“
„Ein Geist kann über jeden beliebigen Teil des Körpers in eine Frau eindringen und zum Ungeborenen in ihrem Bauch gelangen“, belehrt Benoît seinen kleinen Neffen mit einem belustigten Augenzwinkern über dessen Altklugheit zu Olivier.
„Warum sprechen dann die Kinder nicht sofort nach der Geburt, wenn sie doch eine alte Seele haben?“, will Bernard jetzt noch wissen.
„Gott ist unergründlich“, gibt der Bonhomme wie selbstverständlich zur Antwort. „Womöglich wäre das Leben hier auf Erden keine Buße für unseren Abfall von Ihm, wenn es uns so leicht gemacht würde.“
„Bevor ich morgen abreise, habe auch ich noch eine Frage an Euch, mein Onkel“, bemerkt der Junker.
„Hast du mich deshalb aufgesucht – so sprich.“
„Wenn ich am königlichen Hof in Barcelona bin, muss ich jeden Sonntag die katholische Messe besuchen. Ich verachte aber wie Ihr das Kreuz – genau wie ein Mann den Baum verabscheuen würde, an dem sein Vater gehängt wurde. Was soll ich tun? – Ich muss doch ein Kreuzzeichen schlagen, um nicht als gläubiger Katharer aufzufallen? Was kann ich tun, ohne unseren Guten Gott zu betrügen?“ bittet Olivier den Katharerdiakon, nach dessen Ausführungen über das Erdendasein in Buße inzwischen ernsthaft beunruhigt, um Rat.
Benoît lächelt und sagt: „Sorge dich nicht wegen solcher Äußerlichkeiten. Wir Bonshommes tun stattdessen so, als würden wir unsere Nasen, Bärte und Ohren berühren, und sprechen dabei leise zu uns: ‚Aysi es le front et aysi es la barba et aysi la una aurelha et aysi l’autra. – Hier ist vorn und hier ist der Bart und hier das eine Ohr und hier das andere.’ “
Sichtlich erleichtert, dankt der Junker seinem Onkel und will sich gerade zum Gehen umwenden, als Benoît ihn aufhält:
„Warte noch – auch ich habe eine Frage an dich, bevor du von uns gehst und ich dich erst wiedersehe, wenn du ein Mann bist.“ Der Bonhomme geht auf seinen Neffen zu, fasst ihn mit beiden Händen bei den Schultern und sieht ihm tief in die Augen. „Bei unserem letzten Zusammensein vor drei Jahren hatte ich das Gefühl, dass du meine Gegenwart meidest.“
Ertappt senkt Olivier den Blick.
„Sag’ mir warum – und belüge mich nicht“, fordert Benoît freundlich. Als sein Neffe weiterhin zögert, drängt er:
„Nichts soll unser Verhältnis trüben. Lass uns im Frieden voneinander scheiden. Du bist der älteste Sohn meines Bruders, das Haupt unserer Familie. Darum liebe ich dich besonders und möchte nicht, dass etwas Unausgesprochenes zwischen uns steht. Warum vertraust du mir nicht mehr? Habe ich etwas getan, das dich verletzt?“
Der Junker grübelt eine Weile und sucht unsicher in seinem Herzen nach diesem schmerzlichen Gefühl, das ihn jahrelang quälte und das er fast vergessen hatte. Plötzlich sitzt der Kloß wieder in seinem Hals und er versucht sein Ungemach in Worte zu fassen. Stockend gibt er zu: „Ich konnte nicht begreifen, warum nicht Ihr statt meines Vaters, auf der Burg geblieben seid.“
Sein Onkel blickt ihn betroffen an. „Dieses Unverständnis hätte ich von dir nicht erwartet, Olivier. – Ich hoffe, die Zeit hat deinen Verstand reifen lassen, so dass du heute weißt, dass dein Vater keine andere Wahl hatte!“
Olivier nickt geflissentlich und senkt wieder den Blick, was der Bonhomme als Reue auffasst.
„So gehe denn in Frieden“, spricht er und legt ihm huldvoll die Hände auf. Demütig verabschiedet sich der junge Baron mit dem Melioramentum und beeilt sich, das Zimmer zu verlassen, darauf bedacht, sich diesen neu entfachten Schmerz nicht anmerken zu lassen. Er fühlt sich gemaßregelt und unverstanden. Der Zweifel am rechten Handeln seines Vaters bleibt, aber er versteckt ihn, begräbt ihn tief in seinem Herzen, um nicht weiter gerügt zu werden.
Es ist ein Aufbruch in ein neues Leben. Zum Abschied ist die ganze Familie am nächsten Morgen im Hof der Burg Serrallonga versammelt. Olivier umarmt seine Schwester Raymonde, die vorläufig doch noch bleibt, da sich die politische Lage im nördlichen Languedoc in den letzten Tagen weiter zugespitzt hat und überdies ihre Mutter sie bat, ihr bei der Niederkunft beizustehen. Guilhem-Jourdain de Saint-Félix lässt seine junge Ehefrau indes ungerne zurück, aber er reist heute gemeinsam mit seinem Schwager und dessen Stiefvater Bernard-Hugues zunächst an den Hof von Aragon, um sich mit anderen okzitanischen Adligen zu treffen und das weitere Verhalten gegen den erneuten Einfall der Kreuzfahrertruppen zu beratschlagen. Während Olivier seine Ausbildung zum Ritter vollenden wird und vor lauter Erwartungsfreude ein rotes, heißes Gesicht hat, weinen Ermessende und Raymonde zwischen Stolz und Wehmut schwankend, da sie den Sohn und Bruder nun lange Jahre nicht mehr sehen werden. Die vierjährige Blanche will auf der roten Stute ihres großen Bruders sitzen und der Junker hebt sie leichthändig hoch in den Sattel. Seinem Bruder Bernard, der zu ihm eilt, gibt er den Auftrag, in Zukunft gut auf seine kleine Schwester zu achten, da er jetzt an seiner Stelle das neue Oberhaupt wäre. Die Pferde scharren unruhig mit den Hufen. Die kleine, quirlige Blanche bekommt von ihrem großen Bruder einen dicken Kuss und nimmt auch von ihrem Stiefvater herzlich Abschied. Ermessende drückt das Gesicht ihres ältesten Sohnes, um dessen Mund bereits ein zarter heller Flaum sprießt, an ihre tränennasse Wange und küsst ihn auf die Stirn. Schließlich wendet sich Olivier um und besteigt sein Pferd. Sein Stiefvater und sein Schwager lenken ihre Rosse schon zum Tor, als Benoît in den Hof tritt, auf seinen Neffen zugeht und sein Streitross am Steigbügel festhält.
„Ich wünsche dir, dass du ein ebenso edler und heldenmütiger Ritter wie dein Vater wirst. – Beherzige seine letzten Worte an dich, mit denen er dir sein Schwert übergab“, spricht er und kann seine Rührung dabei nicht verstecken. Olivier reicht ihm die Hand und erwidert freundlich: „Ich weiß: Paratge, Mesura und Lerguesa. Friede sei mit Euch, Onkel – und bittet Gott, dass er mich zu einem Guten Christen mache.“
Noch einmal winkt er seiner Mutter und seinen Geschwistern zu, dann trabt er den anderen nachdenklich hinterher, sein Packpferd im Schlepptau.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Nach einer Weile leichten Dämmerschlafes schreckt Olivier durch die unruhig gewordenen Pferde hoch. Er befürchtet einen Bären oder ein Rudel Wölfe und teilt dies den beiden Wachposten Aimeric de Clermont-sur-Lauquet und Raimond de Séguier am Feuer mit. Mit seiner Armbrust tritt er, gefolgt von den beiden, nach draußen und sieht tatsächlich die Gestalt näher kommen, die er schon den ganzen Tag über bemerkt hatte.
„Ein Bär!“, schreit er warnend und will gerade die gespannte Sehne schnellen lassen, als er, ob der Bewegungen der Silhouette, unsicher wird und den beiden Rittern hinter ihm Zeichen gibt, abzuwarten. Er ruft den geheimnisvollen Verfolger an: „Wer seid Ihr! – Gebt Euch zu erkennen!“
Die dunkle Gestalt verharrt einen Moment. Er vernimmt das Schnauben eines Pferdes. Dann trägt der Wind eine Antwort zu ihnen herüber: „Ich bin Chabert de Barbaira! – Darf ich mich Euch anschließen? – Ich bin hungrig und müde – und mein Ross ist erschöpft!“
Erleichtert lässt Olivier die Armbrust sinken. Aimeric geht dem einsamen Reisenden mit einem brennenden Holzscheit entgegen, hilft ihm beim Absteigen vom Pferd und geleitet ihn in ihren Schlupfwinkel. Beim Eintreten erkennt der Ritter den Baron de Termes und ruft noch außer Atem, aber lachend, aus:
„Ah – Ihr schon wieder? – Ihr seid wohl mein Schicksal, das ich nicht loswerden kann?“
„Ich laufe Euch nicht nach“, kontert Olivier.
Chabert de Barbaira blickt ihn verdutzt an. Dann lacht er herzlich auf, was die anderen schlafenden Ritter in ihrem Unterschlupf jedoch kaum stört.
„Seid Ihr nie um eine Antwort verlegen? Immer, wenn ich Euch begegne, sprecht Ihr Worte, die schärfer sind als meine Klinge!“, stellt der Baron de Barbaira schmunzelnd fest, während er das Schwert ablegt und seine Schlafdecke neben Olivier ausrollt.
„Verzeiht“, stammelt Olivier unsicher, „es war nicht meine Absicht … “
„Es ist schon in Ordnung“, unterbricht ihn Barbaira mit einem Klopfen auf die Schulter, „Ihr lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen. Das befähigt Euch, eine Truppe zu befehligen. – Ihr könnt Verantwortung tragen und Männer zum Sieg führen. Nicht jeder Adlige ist dazu geschaffen.“
Olivier schweigt. Ihm erscheint der Gedanke absurd, eines Tages eine richtige Truppe bewaffneter Männer unter sich zu haben. Er – ein Baron ohne Besitz. Gedankenvoll stochert er im Feuer herum, auf dem noch ein Rest würziger Gerstenbrei blubbert. Der Duft steigt ihm in die Nase. Er legt zwei kleine, helle maurische Brotfladen aus Barcelona auf die Glut und lässt sie von beiden Seiten anrösten. Dabei fühlt er den abschätzenden Blick des Ritters auf sich ruhen, der nun, neben ihm ausgestreckt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an seinen Sattel gelehnt, daliegt. Irgendwie irritiert ihn das Schweigen des Barons de Barbaira. Er gibt geflissentlich ein paar Löffel würzigen Gerstenbrei auf eines der Brote, wie er es bei den Bogomilen gesehen hat und reicht es ihm. Dankbar nimmt Chabert de Barbaira den dampfenden Brotfladen aus seinen Händen.
„Warum habt Ihr Euch nicht früher zu erkennen gegeben und seid uns stattdessen wie ein Raubtier gefolgt?“, will Olivier nun doch noch wissen.
Der Ritter kaut still, schließlich rechtfertigt er sich: „Ich wusste nicht, ob ich bei Euch willkommen bin. – Wir waren Gegner in Perpignan. Ihr habt mich besiegt …“
Der strahlenden Sonne entgegen reitet der kleine Trupp am Morgen über eine glitzernde Schneedecke. Nach der anstrengenden und gefährlichen Überquerung des Passes, während der sie immer wieder darauf achten mussten, dass ihre beschlagenen Rösser nicht ausgleiten, tauchen sie wieder ein in die dichten Schwarzkiefern- und Fichtenwälder der Pyrenäen, die in tieferen, wärmeren Lagen von winterkahlen Eichen und Buchen durchsetzt sind. Immer häufiger werden die baumfreien Weideflächen, auf denen im Sommer die Ziegen und Schafe der Bauern grasen. Noch ein Tag und sie erreichen Serrallonga.
Die ganze Zeit über weicht Chabert de Barbaira Olivier, dem es leicht fällt, Freundschaften zu schließen, nicht von der Seite. Chabert hat lange nicht mehr so viel gelacht, wie mit dem um Jahre jüngeren Baron de Termes. Und umgekehrt zieht der Baron de Barbaira sowohl mit seiner Sichtweise über Gott und die Welt, seinem geheimnisvollen und rebellischen Wesen als auch seiner Wohlgestalt Olivier magisch an. Genau so stellte er sich schon als Kind den Helden Roland vor, wenn er am Kaminfeuer den Erzählungen der Troubadoure lauschte.
Chabert ist noch ihr Gast auf Serrallonga, als sie die Botschaft des Grafen von Foix erreicht, dass dieser vor Mirepoix läge.
„Constance wird vergeblich auf mich warten müssen“, eröffnet Olivier beim abendlichen Mahl seiner Mutter, die ihm daraufhin einen äußerst unzufriedenen Blick zuwirft.
„Ich wollte dir Kräuter und Salz aus Ampurias für deine Schwester Raymonde mitgeben“, sagt Ermessende nur, um ihm vor dem Gast und den anwesenden Rittern und Gesinde keine Blöße zu geben. Der Baron de Barbaira hat dennoch verstanden und lässt seine spöttisch glitzernden Augen zu Olivier hinüberschweifen.
„Dies heißt ja nicht, dass ich sie nie mehr besuchen werde“, lenkt dieser ein, „schließlich möchte ich meine Schwester auch gerne wiedersehen. – Nur im Moment gibt es Wichtigeres: Raymond-Roger de Foix braucht uns. – Gleich bei Sonnenaufgang werden wir aufbrechen. Wünscht uns den Sieg, Mutter. Letztendlich kommt es den Damen Okzitaniens zugute, wenn wir die Kreuzfahrer aus dem Land vertreiben. Kräuter von den Bergwiesen der Pyrenäen und Salz aus unserem Meer werden, bei dem unter unserer Herrschaft wieder aufblühenden Handel bis in die hintersten Winkel unseres Landes, bald für jedermann zu erstehen sein.“
Ermessende fühlt sich von ihrem Sohn geringschätzig behandelt. Er habe unter den Rebellen seine Erziehung vergessen und jegliche Achtung vor Frauen, ist ihre Befürchtung und sie will ihn nach dem Essen unter vier Augen auf seinen mangelnden Respekt, den er ihr angedeihen ließ, hinweisen. Dies ist ihr jedoch nicht möglich, da sein neuer Kampfgefährte wie sein Schatten an ihm haftet und die beiden bis in die Nacht trinkend und politisierend am Kaminfeuer beisammen sitzen.
„Dieser Chabert gefällt mir nicht“, sagt sie zu ihrem Gemahl neben ihr im Bett. „Er ist zwar mit Olivier verwandt, aber ich mag es nicht, wenn er mit ihm zusammen ist. Er hat etwas Wildes und Unbeherrschbares an sich und ich fürchte, das färbt auf meinen Sohn ab, wenn er weiter seinem Einfluss ausgesetzt ist.“
„Ihr Frauen“, gähnt Bernard-Hugues und dreht sich zur Seite, „seht immerfort Gefahr über euerer Familie schweben und wollt die Kontrolle behalten. Olivier ist erwachsen und hat einen durchaus lobenswerten und festen Charakter. Hör auf, dir Sorgen zu machen, wo keine sind, und lass ihn seinen Weg alleine finden.“
„Dennoch“, wendet Ermessende ein, „Olivier ist verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe … “
„Schlaf jetzt, meine Blume“, unterbricht sie ihr Gemahl, wie allezeit galant. „Ich bin müde.“
Kurz nachdem die Faidits unter dem Grafen Raymond-Roger de Foix die Stadt Mirepoix zurückerobert haben, stirbt der alte Graf. Sein Sohn Roger-Bernard III., der schon an der Seite Raymonds VII. anno 1217 in Toulouse einzog, tritt in seine Fußstapfen. Sie gewinnen Cabaret wieder und der Baron Peire-Roger de Cabaret, der damals nach dem Fall von Termes die Übergabe seines Castrums mit Montfort verhandelte, nimmt seine Burg wieder in Besitz.
Aufgezehrt von den ständigen Unruhen im Land, beruft der päpstliche Legat schließlich im Juli des Jahres 1223 ein Konzil nach Sens, von dem man eine endgültige Beilegung des Kampfes erwartet. Da König Philippe Auguste dem beizuwohnen wünscht, wird es nach Paris verlegt. Obschon er rasendes Fieber hat, begibt sich der Regent Frankreichs auf die Reise dorthin. Er stirbt jedoch, vor Erfüllung seiner Mission, noch unterwegs bei Meudon.
Noch am Tage seiner Krönung verspricht Louis VIII., trotz seiner schwachen Gesundheit einen Kreuzzug zu unternehmen. Schon sein verstorbener Vater war zu seinen Lebzeiten gegen dieses Ansinnen, da er befürchtete, dass sein Sohn frühzeitig sterben und das Königreich in den Händen einer Frau und eines Kindes bleiben würde. Papst Honorius drängt den neuen König jedoch heftig, und im Februar Anno 1224 nimmt Louis von Amaury de Montfort die bedingte Abtretung aller seiner Rechte im Languedoc entgegen.
Die Lage bringt neue unerwartete Gefahren für die Adligen Okzitaniens mit sich, die schon berechtigte Hoffnung hatten, den Kampf endgültig für sich entscheiden zu können. Schließlich hatte sich Amaury de Montfort bereits im Monat zuvor infolge seiner Geldnot gezwungen gesehen, alles, was er noch an Festungen besaß, auszuliefern und mit einem Teil des Erlöses seine Besatzungen auszulöhnen. In diesem Januar unterzeichnete er in Carcassonne einen Waffenstillstand für zwei Monate mit den Grafen von Toulouse und Foix, welche die Résistance leiten. Die Durchsetzung dieser Vereinbarung für die Städte, Burgen und alle Ländereien Amaurys, außer Carcassonne, Minerve und Penne-d’Agenais, zeigt, dass der Oberbefehlshaber des Kreuzzugsheeres nicht mehr in der Lage ist, die von ihm und seinem Vater einst eroberten Gebiete zu halten. Der Sohn Simon de Montforts veräußerte nacheinander alle seine Besitztümer: Am vierzehnten Januar gab er der Abtei von Fontfroide die Weiderechte der Minerver und am darauffolgenden Tag dem Bischof von Béziers die Burg de Cazouls. Als letzten Akt entschloss er sich, das Castèl Termes abzusondern und übertrug es dem Erzbischof von Narbonne. Noch am gleichen Tag verließ Amaury für alle Zeit das Land, dessen Fluch er und sein Vater gewesen, und Vicomte Raymond de Trencavel zieht alsbald in Carcassonne ein.
Doch die Okzitanen hatten zu früh gejubelt. Denn nun, Ende Februar, sieht sich Raymond de Toulouse statt des entmutigten Amaury de Montfort einem anderen Gegner gegenüber, der über alle Machtmittel verfügt und der seine Kampfeslust kaum zügeln kann, um die Schlappe wettzumachen, die er fünf Jahre zuvor vor den Mauern von Toulouse erlitten hatte.
König Louis stellt an den Papst die üblichen Bedingungen wie Absolution und Geld. Aber er verlangt auch, dass die Besitzungen Raymonds, seiner Verbündeten und all derer, die sich dem Kreuzzuge widersetzen, ihm als Lohn zufallen sollen. Graf Raymond macht verzweifelte Anstrengungen, den drohenden Sturm zu beschwören. Selbst König Henry III. von England verwendet sich für ihn beim Papst, was Raymond Mut gibt, durch eine Gesandtschaft, deren Freigiebigkeit auf die Beamten der Kurie einen sehr günstigen Eindruck macht, seinen Gehorsam in Rom zum Ausdruck bringen zu lassen.
Der Papst gibt daraufhin König Louis die erwarteten Zusagen nicht. Gleichzeitig erhält Arnaud-Amaury, Erzbischof von Narbonne, Weisung, sich mit den andern Prälaten in Verbindung zu setzen, um Graf Raymond de Toulouse zu veranlassen, annehmbare Bedingungen zu stellen. Graf Raymond wird als guter Katholik anerkannt und die Bedingungen werden festgesetzt. Raymond, nur mit knapper Not entkommen, macht keine Schwierigkeiten. Zu Pfingsten, am zweiten Juni 1224, treffen er und seine Hauptvasallen mit Erzbischof Arnaud-Amaury und den abgesandten Bischöfen in Montpellier zusammen. Hier willigt er darin ein, in all seinen Besitzungen den katholischen Glauben zu achten und aufrecht zu erhalten; alle von der Kirche bezeichneten Ketzer zu vertreiben, ihre Güter zu konfiszieren und ihre Person zu bestrafen; Frieden zu halten und die von der Kirche als „räuberische Söldnerbanden“ bezeichneten Faidits zu entlassen; den Kirchen alle Rechte und Privilegien wieder einzuräumen und für die Verluste der Kirche und zur Entschädigung des Grafen Amaury de Montfort zwanzigtausend Sous zu zahlen.
Im Gegenzug veranlasst der Papst den Grafen Amaury, auf seine Ansprüche zu verzichten und allen dieselben bestätigenden Dokumente auszuliefern. Diese Bedingungen werden vom Grafen Raymond, Grafen von Foix und Vicomte von Béziers unterzeichnet.
Graf Amaury de Montfort richtet einen letzten verzweifelten Appell an die Bischöfe, in dem er sie beschwört, die Früchte des errungenen Sieges nicht wegzuwerfen. Selbst der König von Frankreich interveniert und lässt verlauten, er sei entschlossen, die Sache zu seiner eigenen zu machen. Sie jetzt aufzugeben sei ein Ärgernis. Trotzdem nehmen die Bischöfe die Eide Graf Raymonds de Toulouse und seiner Vasallen entgegen.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Kreuzritter

Der Kreuzritter

Frühjahr 1252

Der Kreuzzugsaufruf im Languedoc ist ein Misserfolg. Kaum ein Okzitane ist bereit, sich freiwillig einem römisch-katholischen Ideal in einem fernen Land für himmlische Ehre und zweifelhaften Lohn zu widmen. Angesichts dessen verfügen die Inquisitoren Strafmilderung für entlarvte Ketzer, die zu Gefängnis oder zum Tragen des gelben Kreuzes der Geächteten auf ihrer Kleidung verurteilt wurden. Sie können Gnade finden, wenn sie an diesem Kreuzzug teilnehmen. Viele Adelige und einfache Männer der Dörfer im Tal der Aude folgen schließlich der Aufforderung des Bischofs von Carcassonne und Alphonse de Poitiers kann die Auflage seines Erbes erfüllen und fünfzig Ritter und Armbrustschützen zu Pferd aus seiner neuen Grafschaft entsenden.
Der Baron de Termes bereitet sich auf seine erneute Pilgerfahrt als Kreuzritter vor und sucht deshalb seine Kasse zu füllen. Auch dieses Mal wird ihn die militärische Hilfe, mit der er seinen Herrn unterstützen will, teuer zu stehen kommen. Dabei sind seine Schulden aus dem letzten Kreuzzug noch nicht vollständig beglichen. Es bleibt ihm darum keine andere Möglichkeit, als einen Teil seiner gerade erst wiedererlangten Ländereien zu verkaufen. Doch welchem seiner Nachbarn soll er sein Land über-schreiben? – Es gibt nur einen, der ihm wohlgesonnen ist und auch genügend Geld dafür bieten kann: Der neue Abt Othon der Zisterzienserabtei Fontfroide.
In Begleitung seines Bayle Peire Catalan, dem er nach Aimerics Rückzug in dessen beinahe klösterliches Privatleben nun die gesamte Verwaltung des Termenès und seine persönlichen Angelegenheiten für die Zeit seiner Abwesenheit anvertraut, und eines Notars, einem jungen Absolventen der Toulouser Universität, den er für seine Belange eigens aus dem Razès geholt und ihm ein neu geschaffenes, öffentliches Büro des Termenès in Obhut gegeben hat, geht Olivier unter dem gotischen Gewölbe des Kreuzganges zu den Räumen des Abtes. Ihnen voraus läuft, die Hände in den weiten Ärmeln der weißen Kutte versteckt und den Blick zur Erde gerichtet, ein Mönch lautlos an der Wand entlang, um ihnen den Weg zu weisen. In der Mitte des Klosterhofes plätschert beruhigend ein Brunnen. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft und stimmt Olivier wehmütig. Die ersten Blumen sind unter der hellen Frühlingssonne erblüht, die mit ihren Strahlen sogar die steinernen Fußbodenplatten im kühlen Kreuzgang erwärmt. Der Mönch bleibt vor einer schweren Holztür stehen, auf welche die langen Schatten der zierlichen Säulen fallen, die das spitzbogige Gewölbe zur Hofseite hin tragen. Eine kräftige Stimme aus dem Innern bittet den Baron einzutreten und der Mönch drückt den kleinen Metallhebel, der den von innen heruntergeklappten Türriegel öffnet.

Abt Othon sitzt hinter einem Berg von beschriebenen Pergamenten und Folianten, die er offensichtlich bis zu diesem Moment eingehend studiert hat. Seine Augen sind gerötet vom stundenlangen Lesen und zuwenig Schlaf. Dennoch erhebt er sich mit unerwartetem Elan von seinem Stuhl und geht mit ausgebreiteten Armen um seinen Tisch herum, um den Baron de Termes mit Umarmung und Bruderküssen zu begrüßen.
Nach außen freundlich, doch mit seinen wachen Sinnen jede Freundschaftsbezeugung misstrauisch beobachtend, nimmt Olivier auf dem ihm angebotenen Armlehnstuhl gegenüber dem Abt Platz und gestattet auch seinem Bayle und seinem Notar, sich auf den Scherenstühlen nahe der Tür niederzulassen. Dieser Abt hat Grund genug, fröhlich zu sein, denkt Olivier bei sich. Weiß doch ein jeder, dass der Baron de Termes bis zu seinem Halse in Schulden steckt, irdischen wie auch himmlischen, die durch seine Vergehen in der Vergangenheit entstanden sind und die zu begleichen er gezwungen ist, wenn er für sich und seine Erben dauerhaft den befriedenden Segen der Kirche haben will. Denn wenn er auch durch die Teilnahme am Kreuzzug nach Damiette einen Ablass erhielt, so ist noch immer der alte Groll des Erzbischofs und der Zisterzienser wegen der in früheren Jahren entgangenen Zehnteinnahmen zu spüren.
„Ich bin gekommen, um mein Gewissen zu erleichtern und begangene Schuld wieder gut zu machen“, beginnt er darum das Gespräch nach den allgemeinen Begrüßungs-floskeln.
Nun blickt ihn Othon doch mit einem gewissen Erstaunen in seinem Gesicht an. „Soweit mir bekannt ist, sind alle Euere Sünden durch päpstlichen Ablass getilgt. Oder gibt es noch etwas, das Ihr der Heiligen Mutter Kirche verschwiegen habt?“
„Nein, keineswegs. Meine Vergehen sind Euch allesamt bekannt. Aber ich fühle trotz des Ablasses noch keine Erleichterung auf meiner Seele, denn der Euerem Konvent zugefügte Schaden durch von mir verhinderte Zehntzahlungen ist noch nicht getilgt. Ich habe erkannt, dass ich Gott durch meinen Betrug an Euch und mangelnden Eifer bei der Steuereintreibung beleidigt habe. Und um dem ein Ende zu setzen, werde ich von hier aus direkt weiter zum Erzbischof von Narbonne reiten und mit ihm für die Zukunft die Steuereintreibung dergestalt verfügen, dass meine Vasallen, auch während ich in Outre-mer weile, gehalten sind, den Dienern Gottes zu ihrem Recht zu verhelfen.“
„Das ist sehr löblich und Ihr seht mich überrascht, da ich mit soviel Umsicht von Euerer Seite nicht gerechnet habe“, betont Abt Othon freundlich.
Doch Olivier weiß, dass diese Erwartung durchaus von Seiten der Kirche seit seinem Kreuzzugsschwur vor fünf Jahren an ihn gestellt ist und er die Erfüllung dieser nur deshalb so lange hinausziehen konnte, weil der damals neu in sein Amt eingeführte Erzbischof Guillaume de Broüe noch nicht mit allen Problemen seiner Diözese vertraut war. – Nach diesem Zugeständnis ist es an der Zeit, das nächste zu machen, beschließt Olivier und setzt sachlich hinzu: „Zur Entschädigung für Euere Steuereinbußen und zur Vergebung meiner Sünden gebe ich Euerer Abtei mit heutigem Datum das Weiderecht von Jonquairolles im Termenès. Mein Notar, Méstre Carbonel hat die Urkunden bereits vorbereitet.“
Mit einer ausholenden Armbewegung fordert er den jungen Rechtsgelehrten auf, seines Amtes zu walten, der auch sogleich geflissentlich an den Tisch vor den Abt tritt und die betreffenden Pergamente entrollt. Der Zisterzienserabt liest die Dokumente gründlich, bevor er sein Zeichen unter Oliviers Siegel setzt.
Olivier ist erleichtert. Das Friedensangebot ist akzeptiert. Er rechnet fest damit, dass er die Mönche so für ihn gewogen stimmen kann und danach einen höheren Preis für sein wirkliches Anliegen erzielen wird, als die Kleriker beabsichtigt haben, ihm zu bieten. Dies wird den Verlust durch die fromme Gabe wieder wett machen.