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Leseprobe: Erwachsen wird man nur im Diesseits

Lutherstädte ehren Emel Abidin-Algan mit Preisverleihung in Speyer

Ohne Selbsterkenntnis keine Gotteserkenntnis

Speyer. Emel Abidin-Algan zeige beispielhaft, dass Integration möglich sei ohne Verleugnung des eigenen Glaubens. Das betonte Oberbürgermeister Werner Schineller bei der Verleihung des Preises der Lutherstädte „Das unerschrockene Wort“ im Rathaus der Stadt Speyer. Stellvertretend für die Stadtoberhäupter der 14 Lutherstädte überreichte Schineller der Berlinerin die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung.
Emel Abidin-Algan habe sich in besonderem Maße für den Lutherpreis qualifiziert, so Schineller, weil sie aus innerer Überzeugung handle und in der Auseinandersetzung mit der heutigen Lebensrealität ein konsequentes Religionsverständnis entwickelt habe.
In ihrer Dankesrede erläuterte die Preisträgerin ihren ganz persönlichen Weg der Selbsterkenntnis, ohne die es keine Gotteserkenntnis geben könne. Das Ablegen des Kopftuches war für sie Ergebnis ihrer theologischen Recherchen. Glaube sei für sie „eine innere Angelegenheit des geistigen Wachstums und der Reife geworden, die sich im Verhalten sich selbst und anderen gegenüber äußert und keine Frage von Äußerlichkeiten sein darf“. Sie wünscht sich ein Religionsverständnis, das selbständiges Denken als Mittel zur geistigen Reife und Mündigkeit anerkennt und fördert. Und sie fordert von den Erwachsenen eine Klärung des Gottesbildes, denn mit dem Bild eines strafenden Gottes werde bei Heranwachsenden noch immer Schaden angerichtet. Dazu wünscht sie sich von den islamischen Organisationen mit ihrem Anspruch auf Bildung verantwortungsbewusster umzugehen und auch die Kenntnis der Offenbarungsgründe in ihr Programm aufzunehmen.
Laudatorin Prof. Barbara John aus Berlin, ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, attestierte der Jury „Unerschrockenheit und Weitsicht“, zum ersten Mal einer Muslimin einen der renommiertesten Preise des Protestantismus in Deutschland zu verleihen. Sie warnte davor, von Emel Abidin-Algan, einer Frau, die mündig und autonom ihren Glauben lebe, ein Zerrbild zu entwerfen. „Bei vielen Medienberichten könnte sich der Eindruck einer Revolte aufdrängen“, so John. Doch die Preisträgerin sei keine lossagende Rebellin, nur weil sie dafür eintrete, dass islamische Frömmigkeit nicht untrennbar verbunden sein müsse mit Fixiertheit auf traditionelle Gebote wie die Korandeutung zum Kopftuchtragen. „Sie ist eine Frau, die sich den Widersprüchen ihrer Biographie, der Biographie einer in Deutschland aufgewachsenen, muslimisch erzogenen Tochter einer streng gläubigen Einwandererfamilie stellt, mit wachsender geistiger Unabhängigkeit und mit Unerschrockenheit. Genau darin besteht das bewundernswert Beispielhafte“, betonte Prof. John. Zuvor beleuchtete sie den Werdegang der studierten Anglistin, insbesondere ihr Engagement in der Gründung von Kindergärten und einer Grundschule sowie als Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins, das ihr Anerkennung unter den Berliner Muslimen brachte.
„Emel Abidin-Algan zeigte Zivilcourage und persönlichen Mut in einer Form, wie wir uns das als Deutsche in dieser Dimension vielleicht gar nicht vorstellen können“, unterstrich Joachim Mertes, der Präsident des rheinland-pfälzischen Landtages, in seinem Grußwort. Er gratuliere ihr dazu, dass sie selbstbewusst ein neues Leben beschreite.
„Das unerschrockene Wort“ wird an Frauen und Männer verliehen, „die in einer besonderen Situation oder bei einem konkreten Anlass, aber auch beispielhaft über einen größeren Zeitraum hinweg in Wort und Tat für die Gesellschaft, die Gemeinde oder den Staat bedeutende Aussagen gemacht und gegenüber Widerständen vertreten haben“, so steht es in den Statuten der Preisvergabe. Er wird im zweijährigen Rhythmus von den Lutherstädten vergeben. Neben Speyer gehören Coburg, Eisenach, Eisleben, Erfurt, Halle, Heidelberg, Magdeburg, Marburg, Schmalkalden, Torgau, Wittenberg, Worms und Zeitz dazu. In einer Sitzung am Rande der Preisverleihung wurde der Kreis der Lutherstädte um Augsburg erweitert.

STADT SPEYER; PRESSESTELLE, 24. April 2007

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Leseprobe: Erwachsen wird man nur im Diesseits

Aufstand der Locken – Gedanken zur Enthüllung

Erwachsen wird man nur im Diesseits

Ich bin in Istanbul geboren und in Deutschland aufgewachsen, ich bin sechsfache Mutter und langjährige Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins „Cemiyet – i Nisa e.V.“ (osmanisch: Die Vereinigung der Frauen). Während meiner Vereinsarbeit habe ich mich in die entbrannte Kopftuchdebatte eingemischt, nachdem die afghanische Lehrerin Ferestha Ludin bis zum höchsten Gericht in Karlsruhe geklagt hatte. Ich beobachtete das unverhältnismäßige Verhalten von Muslimen und deutschen PolitikerInnen wegen des Kopftuchs. Ein ganzes Jahr lang habe ich die entsprechenden religiösen Quellen studiert und dabei mit neuartigen Kopfbedeckungen experimentiert. Schließlich habe ich mich – nach über 30 Jahren des Lebens in der Verhüllung – davon endgültig getrennt.

Das Kopftuch als Zeichen des Gehorsams

Dass die Bekleidung der muslimischen Frau zu einem Politikum geworden ist, haben wir insbesondere den islamischen Organisationen in Europa zu verdanken, die dafür gesorgt haben, dass die in religiösen Fragen ohnehin ungebildeten Massen nicht aufgeklärt werden. So kennen viele muslimische Männer und Frauen die Offenbarungsgründe, d.h. die Anlässe der beiden, immer wieder zitierten „Verhüllungsverse“ nicht. Es sind aber gerade diese Anlässe, die auf eine in Raum und Zeit eingebundene Angelegenheit hinweisen. Wenn man heute muslimische Frauen fragt, warum sie das Kopftuch tragen, wird man ein und dieselbe Antwort erhalten: Ich mache das, weil es im Koran so steht und weil Gott das so will. Im Namen Gottes werden so eine Menge wichtige Erfahrungen sowohl für die eigene Entwicklung als auch im Zusammenleben mit anders denkenden Menschen eingebüsst. Sehr viele Kopftuchträgerinnen haben sich weder mit dem Islam, noch mit der Gegenwart wirklich auseinandergesetzt. Sie drücken mit ihrer Entscheidung zur angeblich vorgeschriebenen Verhüllung vielmehr symbolisch ihren Willen zum Gehorsam aus, in der Hoffnung auf eine Belohnung im Jenseits.

Die Frau unter den Stoffhüllen

Meine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam und mit der Gegenwart hat mich zur Religiosität geführt, zu einer Nähe zur Schöpfung, zur Nähe zu mir selbst als Frau. Haare sind ein wichtiger Ausdruck von Persönlichkeit und Natürlichkeit, die aber mit dieser Kopfverhüllung für die Mitmenschen verzerrt dargestellt wird. Diese nehmen optisch nur eine uniformierte und sich versteckende Person wahr. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn verhüllte Frauen ihre Kopfbedeckung ablegen und plötzlich als eine ganz andere Person vor einem stehen.
Die eigene Identitätsentwicklung zur Frau war für mich unter den weiten, alles außer Gesicht und Hände bedeckenden Stoffmengen verloren gegangen. Da ich nichts anderes an Erfahrungen kannte, oder besser gesagt kennen lernen durfte, hatte ich mich damit gut arrangiert und war auch, Gott sei gedankt, ohne Schwierigkeiten in der Gesellschaft dieses toleranten Landes zurecht gekommen. So habe ich meine Locken erst seit dem Ablegen meines Kopftuches kennen können. Allmählich haben sie sich aufgerichtet, unter dem Kopftuch hatten meine Locken beim besten Willen keine Chance zum Leben. Und das über 30 Jahre lang. Ich habe heute mehr soziale Bewegungsfreiheit und weiß durch meine Unauffälligkeit eine wichtige Sicherheit zu schätzen. Ich bin von der sichtbaren Muslimin zum unsichtbar beobachtenden und neutralen Menschen geworden. Mit dem Ablegen des Kopftuchs als Kennzeichen von Zugehörigkeit und dem Loskommen von den damit verbundenen Einschränkungen und Grenzen fühle ich mich religiöser und zufriedener denn je und bin meinem Schöpfer sehr nahe gekommen, weil ich meinen eigenen Lebensweg erkannt habe. Zu meinem Erstaunen und Bedauern will aber niemand aus meinem alten Kreis der Muslime meine Religiosität und Freude mit mir teilen. Die strenge Regelgläubigkeit scheint alle menschlichen Beziehungen zu dominieren.

Diskriminierungen

Seit ich meine kennzeichnende Kopfbedeckung abgelegt habe, erlebe ich, wie die über diese Äußerlichkeit laufende Definition von richtig/falsch und gut/schlecht von Seiten vieler Muslime stark gefördert wird: Frauen, die sich verhüllen, sind gut und haben einen starken Glauben, und Frauen, die sich vom Kopftuch verabschieden, sind zu bedauern und haben einen schwachen Glauben. Damit Frauen, die ihr Kopftuch bewusst ablegen, im eigenen Kreis nicht mehr diskriminiert werden, bräuchte es für beide Lebensweisen eine gleichwertige Betrachtungsweise, die eine Verurteilung mit religiöser Rechtfertigung verhindert.
Außerdem sind muslimische Frauen dem Druck ausgesetzt, mit gesellschaftlicher Ablehnung und beruflichen Einschränkungen umzugehen, aber auch ihre Privatsphäre ständig verteidigen zu müssen. Für viele Frauen sind das psychische Dauerstrapazen. Es ist Aufgabe islamischer Organisationen und islamischer Medien, sich dieses inneren Konflikts endlich konsequent anzunehmen, denn das Tragen eines Kopftuchs hat heute für das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen mehr Nach- als Vorteile. Verhüllte Frauen sind Projektionsfläche für die Verwirklichung politischer Interessen und die Bestätigung von Vorurteilen geworden. Weil heute dieses Kleidungsstück direkt mit der Religion in Verbindung gesetzt wird, wird jeder Versuch einer Kritik und einer genaueren Auseinandersetzung damit automatisch als Angriff auf die Religion verstanden. Das Vorbild des Propheten Mohamed, der sich ausdrücklich für das Wohl der Frauen einsetzte, spiegelt sich im Umgang mit diesem Konflikt bei den männerdominierten islamischen Organisationen jedenfalls nicht wieder.

Historisches

Die Verhüllung war zur Zeit der Einführung vor 1400 Jahren eine praktische Maßnahme für die Erhaltung der Kommunikation zwischen Frauen und Männern – und eben keine Frage von Religion!
So sollten die Männer damals mit einer veränderten Bekleidung der Frauen diszipliniert werden. Gott offenbarte eine Verhüllungsempfehlung als optische Unterscheidung der gläubigen Frauen von den leicht bekleideten Sklavinnen, nachdem eine der Frauen des Propheten beim Verlassen ihres Hauses von Omar erkannt wurde. Nachdem dann auch ein geschmücktes Dekolleté einen Mann dermaßen ablenkte, dass dieser gegen eine Mauer lief und sich dabei die Nase brach, fand die Verhüllung mit einer weiteren Offenbarung ihren vollen Einsatz. Diese praktische Maßnahme ist in ihrem historischen Kontext gesehen gut nachvollziehbar. Der historische Kontext kann aber kaum das unverhältnismäßige Ausmaß des aktuellen politischen Kampfes um dieses Unterscheidungsmerkmal legitimieren.

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News: Emel Zeynelabidin im Gespräch in der VHS Papenburg

Emel Zeynelabidin

Zusammen mit zwei anderen Frauen, Necla Kelek und Dina El Omari, hat Emel Zeynelabidinin in der VHS Papenburg über den Islam gesprochen.

Emel Zeynelabidin legte vor inzwischen über zehn Jahren im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit der Kopftuchdebatte ihr eigenes Kopftuch ab. Eigentlich hätte sie Gründe für das Kopftuch gesucht, verriet sie mal. Was sie stattdessen fand, darüber schreibt sie unter anderem in ihrem Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ und vielen Gastbeiträgen bei renommierten Zeitungen. Außerdem nutzt sie die Gelegenheit, in Gesprächsrunden Rede und Antwort zu stehen, wie jetzt in Papenburg.

Hier geht es zum Bericht darüber in der NOZ.